Frau Doktor und das liebe Vieh
Von Lukas Heinser am Mittwoch, 25. Juni 2008 1:22
Kategorie: TV On The Radio
Kaum weist der Kalender zwei fußballfreie Tage auf, haben RTL und ProSieben ihren ganzen Mut in die Waagschale geworfen1 und etliche Serien- und Staffelstarts auf diese zwei Abende gelegt.
“24″ habe ich nie gesehen und wenn ich den Menschen, denen ich in solchen Belangen blind vertraue, vertrauen darf, sollte ich besser die erste Staffel sehen. “Moonlight” interessiert mich nicht die Bohne und “Dr. Psycho” habe ich zu Beginn ziemlich genau anderthalb Folgen ertragen, dann war für mich Schluss. Die Serie wurde hoch gelobt, mit Grimmepreisen ausgezeichnet und trotzdem fortgesetzt, aber sie ist nichts für mich – aus den gleichen Gründen, warum ich mir “Stromberg” und “Dittsche” nicht ansehen kann: dieses ganz offensichtliche Scheitern, das sich aus zweihundert Metern Entfernung mit Leuchtfeuern ankündigt, macht mich wahnsinnig. Ich habe es als Kind im Kindertheater gehasst2, wenn ein Stück nur allzu deutlich auf eine Katastrophe zusteuerte und das alle außer den Akteuren bemerkten, und ich hasse es noch heute.
Demnach müsste ich auch “Doctor’s Diary” hassen, die neue Serie, mit der RTL gerade den letzten Versuch unternimmt, eine deutsche Serie im Abendprogramm zu platzieren. Und in der Tat gab es in den ersten beiden Folgen, die am Montag liefen, einige Szenen, in denen dieser Wegschau-Reflex aus dem Kindertheater wieder aufkam: “Gleich wird dieses und jenes passieren, das sieht jeder, der nicht gerade als Schiedsrichter bei der Fußball-EM arbeitet, Ihr braucht es nicht auch noch zu zeigen.” Manchmal passierte es dann, manchmal aber auch nicht. Und es passierte noch so viel mehr, dass das Vorhersehbare sehr schnell egal war angesichts der witzigen Einfälle. Es war, als hätte jemand “Scrubs” und “Mein Leben und ich” bei hoher Temperatur zu amalgamieren versucht – und der Versuch war gelungen. Ganz nebenbei schaffte es die Serie mit Verweisen auf die “Schwarzwaldklinik” und “Dr. Stefan Frank”, meiner festen Überzeugung, es gäbe in Deutschland keine Popkultur, leichte Kratzer beizubringen.
Gescheitert wird auch bei ProSieben am Dienstag, zum Beispiel in “Gülcan und Collien ziehen aufs Land”, der möglicherweise dämlichst betitelten Serie seit … “Doctor’s Diary”. Andererseits erklärt der Titel, worum es geht, so dass man nicht einschalten muss. Ich habe auch nur ein paar Minuten gesehen, die mir wiederum gereicht haben: zwei Viva-Starlets, die beide unheimlich nerven, tun so, als wären sie Paris Hilton und Nicole Richie, was sie aber nicht sind, weswegen jede (von mir gesehene) Szene der Serie künstlich und auf Konflikt gebürstet wirkte. Doku-Soaps sind eh ein Genre, das mich – so es sich nicht um “Toto und Harry”, “Das perfekte Promi-Dinner” oder irgendwas mit kleinen Eichhörnchen und Katzen handelt – nur äußerst peripher tangiert. Mir fehlt einfach das, was Hans Hoff die “Lust am Unfall” nennt.3
Unfälle gab es hingegen bei “Elton vs. Simon – Die Show”, die ich auch ungefähr zehn Minuten ausgehalten habe. Das Amalgam besteht hier aus “Schlag den Raab” und “Jackass” und bringt mit Elton und Simon Gosejohann gleich zwei gute Abschaltargumente mit. Dass die Sendung auch noch von Johanna Klum “moderiert” wird, die laut einhelliger, von mir geteilter Medienjournalistenmeinung zwar “süüüüüß” ist, aber laut ebenso einhelliger, von mir nicht minder geteilter Medienjournalistenmeinung fast so schlecht moderiert wie Marco Schreyl, macht die Sache nicht besser. Ich mochte die pubertären “Wer kann länger/schneller/lauter $eklige_Sache machen”-Spiele nicht, als die Sendung noch keine “Show” war und ich mag sie auch nicht vor Publikum.
An den zwei Tagen fiel für mich außer “Doctor’s Diary” und der neuen Staffel von “Kalkofes Mattscheibe” also nicht all zuviel ab, aber allein der Umstand, dass mir mal wieder eine deutsche Fiction gefallen hat, ist einen kleinen Freudentanz und einen ausufernden Blog-Eintrag wert. Ich bin daher sehr gespannt, wie RTL trotz guter Quoten ein Argument für eine Absetzung finden will. Vielleicht diesmal ganz aufrichtig: “Uns ist zu Ohren gekommen, dass Herr Lukas Heinser diese Serie gut findet. Wir werden sie deshalb mit sofortiger Wirkung aus dem Programm verbannen.”
- Es handelt sich um eine sehr fein justierte Waage aus dem Betäubungsmittelzubehörfachgeschäft. [↩]
- Falls Sie sich fragen, ob ein Kind überhaupt hassen kann, hatten Sie offenbar das Glück, dass ich fern von Ihnen aufgewachsen bin. [↩]
- Es wäre für mich kein Problem, mich 24 Stunden am Tag mit dem Schlager-Grand-Prix zu beschäftigen, bei dem alles immer eine Nummer größer und oft genug zum Scheitern verdammt ist. Der Grand Prix ist camp, ist eine eigene Welt, in der allen Beteiligten klar ist, dass es sich um ein Paralleluniversum handelt. Aber “Schwiegertochter gesucht”, “Bauer sucht Frau” oder das Bügelbegleitprogramm am Vormittag erzeugen in mir eine Mischung aus Mitleid, Fremdschämen und Fluchtinstinkt, die ich außerhalb von Familienfeiern nicht erleben muss. [↩]
Mittwoch, 25. Juni 2008 7:41
Endlich sagt es mal jemand! Ich werde sonst regelmäßig angefeindet, wenn ich sage, dass Stromberg nicht lustig ist. Das gibt dann immer schockierte Blicke, besonders von Leuten, die sich ein wenig damit profilieren wollten, dass sie so eine “hippe” Serie sehen.
Mittwoch, 25. Juni 2008 9:31
Hm…
Also dieses Fremdschämen, dass du bei Stromberg und Dr. Psycho ansprichst, kann ich absolut nachvollziehen und geht mir bei vielen anderen Serien auch sehr auf den Sack, da ich es nicht ertrage wenn der Hauptdarsteller Staffel für Staffel nur scheitert (typisches Sitcom-Syndrom).
Aber bei genau den Serien find ich es garnich t so schlimm. Vorallem bei Stromberg gönnt man es halt dem Hauptdarsteller irgendwie…
Und Elton vs. Simon – Die Show fand ich sehr interessant da es nicht mehr das offentsichtliche Deutsche “Kenny vs. Spenny”, in nicht ganz so gut, ist (Konzept wurde gekauft, kein Problem aber auch teilweise auch noch das komplette Script?). Und die Akteure mag ich beide einfach zu gerne um abzuschalten.
Kalkofes Mattscheibe geht aber mal garnicht.
Mittwoch, 25. Juni 2008 9:35
Ich find das mit der Vorhersehbarkeit nicht so schlimm. Dr. House z.B. ist an Vorhersehbarkeit ja kaum zu überbieten. Auch bei Columbo konnte man mit viel kriminalistischem Gespür schon vorher erahnen, wer der Mörder ist. Aber das macht diese (und die von dir genannten Serien) ja nicht aus.
Mittwoch, 25. Juni 2008 9:39
Achja Elton vs. Simon… ganz schlimm.
Vor allem wirkte die “Show” so billig.
Wir stellen eine Rigipswand auf und ihr rennt dagegen… bringt aber wahrscheinlich ganz gut Rendite.
Mittwoch, 25. Juni 2008 11:19
@emka: Obwohl “Stromberg” unsympathisch ist, kann ich mir sein Scheitern nicht ansehen. Das ist wie wenn man zwei Menschen zuhört, die völlig aneinander vorbeireden und es nicht merken.
Habe ich eigentlich schon mal erzählt, dass ich bei der offiziellen Bühnenpremiere von Christoph Maria Herbst zugegen war?
@STU: Es gibt Vorhersehbarkeit und Vorhersehbarkeit. Bei “Dr. House” läuft alles nach geradezu mathematischen Regeln ab, aber ich würde nicht behaupten, vorher zu wissen, was passiert.
Mittwoch, 25. Juni 2008 13:55
+1 Punkt für peripheres Tangieren
Mittwoch, 25. Juni 2008 16:30
Komm schon! Dr Psycho ist wirklich lustig. Ich habe mich sehr gefreut, dass das fortgesetzt wird und musste so manches Mal herzhaft lachen.
Dagegen ist Doctor’s Diary trotz manch putziger Szenen völlig aus der Luft gegriffen. Die Neue wird gleich am ersten Tag allein auf die Patienten losgelassen, die Schwester fällt in Ohnmacht, wenn sie Blut sieht etc. Es ist schon klar, dass so eine Sitcom keinen dokumentarischen Anspruch hat (hat Dr Psycho auch nicht, schon klar), aber so’n kleines Bisschen mit der Realität dürfte es schon zu tun haben. Vielleicht bin ich auch nur kritisch, weil ich selbst im Krankenhaus arbeite.
Mittwoch, 25. Juni 2008 18:56
Und wie steht’s mit Mr. Bean. Der tat mir als kleines Kind immer so furchtbar leid, dass ich ihn anrufen und ihm helfen wollte.
Donnerstag, 26. Juni 2008 1:25
Machst sich hier vielleicht jemand insgesamt zu viel Gedanken übers Fernsehen?
Donnerstag, 26. Juni 2008 7:51
Im Gegensatz zu Stromberg hat Dr. Psycho einen etwas ausgedehnteren Handlungsbogen, in dem meisten “der Psycho” dann doch noch, nahezu versöhnlich den ‘Fall’ löst. Und an der Stelle unterscheidet sich Dr. Psycho von Stromberg, denn bei letzterem kriegt Stromberg auch letztendlich nicht wirklich viel hin — Munzl schafft es dann aber immer wieder, sich aus seiner verquerten Lage zu befreien.
Und das macht, so finde ich, dann doch wieder Spaß zu sehen…
Donnerstag, 26. Juni 2008 8:58
@noweblog: schau dir mal den titel des blogs an
Donnerstag, 26. Juni 2008 10:38
Da habe ich schon gelacht. Aber bei dem waren das ja eher so alltägliche Missgeschicke, keine strukturelle Unfähigkeit. Außerdem konnte er ja regelmäßig seinen Teddy wieder in die Arme schließen und dann war alles gut.
Das finde ich daran besonders schlimm: Dinge gehen sehr, sehr schief, man weiß es vorher, man muss es als Zuschauer mit durchleiden und weiß aber auch, dass am Ende alles gut wird.
Ich weiß, dass viele Leute ähnliches von “Dr. House” behaupten würden, aber für mich ist “Dr. House” total anders. Ich kann das schwer beschreiben, finde aber häufig auch Bands doof, von denen viele behaupten, sie klängen doch fast wie meine Lieblingsbands.
Donnerstag, 26. Juni 2008 13:10
Ok, da geht’s dann wohl wirklich um Geschmack. Und wenns um Geschmack geht, da ist ja allgemein bekannt, dass … ich den einzig wahren habe. Unstreitbar. ;)
Sonntag, 26. Oktober 2008 1:37
War dieser sprachliche Schnitzer eigentlich Absicht? Es fällt mir zunehmend schwer, das zu merken. Liegt wahrscheinlich daran, dass man bei den absichtlich fürchterlichen Titeln im deutschen Fernsehen nicht mehr glauben mag, dass diese jemand im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte verbrochen hat.
Sonntag, 26. Oktober 2008 13:20
Oh jeh …
Nee, das war natürlich falsch (und deswegen beim Schreiben auch rot unterkringelt). Jetzt ist es richtig, vielen Dank!