Mraz ab!

Von Kathrin Grannemann, 24. Juni 2008 13:43

Jedes Jahr stellt sich die Musikindustrie kurz vor der Sommersaison hin und knobelt aus, welche Band das Zeug dazu hat, den Sommerhit des Jahres abzuliefern. Und jedes Jahr wieder schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen, dass es unbedingt wieder eine Band wie Marquess sein muss, mit der man in den Sommermonaten berieselt wird. Wo es doch so viele andere wunderbare Künstler gäbe, die das sommerliche Radioprogramm besser machen könnten.

Auch dieses Jahr gibt es mal wieder so einen Künstler, der mit dem, was er macht, verdient hätte, die Sommersaison zu beschallen. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an „The Remedy“, mit dem Jason Mraz vor rund 4 Jahren einen veritablen Radioerfolg hatte. Danach wurde es aber vergleichsweise still um ihn, sein zweites Album erschien gar nicht in Deutschland (wurde allerdings dieses Frühjahr, 3 Jahre nach Erscheinungsdatum, doch noch auf den deutschen Markt geworfen).

Mit „We Sing. We Dance. We Steal Things.“ könnte alles anders werden. Es ist tanzbar, funky, und zaubert gute Laune überall dort, wo es gehört wird. Stiltechnisch schwankt das Album irgendwo zwischen Mainstream-Jack-Johnson-Sound, Funk und opulenten, aufwändig arrangierten Popsongs. Und Mraz singt in so verschiedenen Stimmen, dass man sich manchmal fragt, ob das wirklich alles er singt. Stellenweise fühle ich mich an Größen wie Michael Bublé, James Dean Bradfield oder auch den bereits genannten Jack Johnson erinnert. Was auf den Leser wie ein krudes Wirrwarr aus nicht zusammenpassenden Musikstilen wirkt, klingt für die Ohren überraschenderweise wie aus einem Guss. Es klingt so, als könne dieses Album nur so und nicht anders funktionieren. Und es ist die Mischung, die dieses Album so wunderbar und einzigartig macht.

Auch wenn es bei so einem Gesamtwerk an sich unsinnig ist, lasse ich es mir natürlich nicht nehmen, einzelne Songs zu empfehlen. Der eine oder andere kennt schon die Single „I’m Yours“, die mich im Geiste direkt an den Strand versetzt. Sehr hübsch auch „Butterfly“, das trotz zum Einsatz kommenden Orchester an keiner Stelle übertrieben wirkt. Von Anfang an einer meiner Lieblinge des Albums war übrigens „The Dynamo Of Volition“, vielleicht gerade aus dem Grund, weil mit seinen Raps so heraussticht aus dem Gesamtbild. Zwei prominente Gäste hat Mraz auch an Land ziehen können: So singen James Morrison und Colbie Caillat bei jeweils einem Song mit.

Ich habe lange kein Album mehr gehabt, das von Anfang bis Ende so gut ist. Das von Anfang an begeistert, und auch nach zahlreichen Durchläufen immer noch nichts von seinem Charme und seiner Wirkung verliert. Was jetzt schon bei mir einen Platz in den Toplisten diesen Jahres sicher hat. Was den flächendeckenderen Erfolg angeht, wird „We Sing. We Dance. We Steal Things.“ vermutlich keine Marquess-eske Verbreitung zuteil. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass möglichst viele von der Qualität dieses Machwerks erfahren. Jason Mraz hätte es verdient.

Jason Mraz - We Sing. We Dance. We Steal Things. (Albumcover)
Jason Mraz – We Sing. We Dance. We Steal Things.

VÖ: 20.06.2008
Label: Atlantic
Vertrieb: Warner

11 Kommentare

  1. Stitch
    24. Juni 2008, 14:05

    Schöne Hymne an ein, in meinen Ohren, ganz nettes Album. Aber natürlich wissen wir alle, dass der diesjährige Sommer gefälligst „Stay Positive“ von Hold Steady gehören sollte ;o)

  2. Andi
    24. Juni 2008, 15:22

    Ich ärgere mich immer noch. Am Wochenende spielte der Herr auf dem Southside Festival (ich war da) und ich hab den Namen gelesen und … nichts.
    Dann hab ich den Namen mal laut vorgelesen – und siehe da, das ist doch der Typ, der auf Einslive läuft.
    Aber da war es schon zu spät und ich hatte Jason Mraz verpasst.

  3. juliaL49
    24. Juni 2008, 15:46

    The Remedy!! Jedesmal wenn ich den Namen gehört habe, dachte ich mir, den kennst du doch. Aber bis zum Erreichen eines PCs (und einer Suchmaschine) habe ich das dann nicht behalten können. Besten Dank für die Info und den Tipp – werd mal reinhören.

  4. yeda
    24. Juni 2008, 16:40

    Full Ack. Und „Coyotes“ finde ich auch noch so ein Hammerstück. Mit leichten Computerbeats zu Beginn und einem kreischenden Kinderchor am Schluß. Wie Mraz das schafft, immer stilsicher auf der Klippe der Stakkato-Bläsereinsätze herumzuntazen, ohne die Phil-Collins-Schlucht hinunterzufallen ist bewundernswert.
    Und: Tipp! Es gibt auch noch drei EPs namens „We Sing“, „We Dance“ und „We Steal Things“. Auf denen sind die Songs vom Album alle drauf, allerdings in stark abgewandelten, eher akustischen Versionen. Der Reggae von „I’m Yours“ wird dort zum Beispiel zur an „Somewhere Over the Rainbow“-esken Folknummer. Wunderbar.

  5. Thomas
    24. Juni 2008, 17:46

    Großartiges Album, das mit „Make it yours“ bereits fulminant beginnt (ich mag in etwa das, was bei http://www.plattentests.de bemängelt wird am meisten). „Details in the fabric“ ist ein schöner Song zum Mitsingen (und zum Auf-der-Gitarre-Mitspielen). Das Album macht ne Menge Spaß!

  6. Kathrin
    24. Juni 2008, 18:00

    @yeda und @Thomas Habe nicht alle Songs erwähnen können/wollen, die ich gut fand, sondern habe mich auf Songs gestürzt, die möglichst unterschiedlich sind.

  7. Nummer 9
    24. Juni 2008, 20:43

    Ich muss ja zugeben, das Cover schreckt mich doch sehr ab. Ist das noch ein richtiger Grund im Zeitalter von iTunes und mp3?

  8. christian
    24. Juni 2008, 22:48

    Da stimme ich doch sehr zu. Es ist das alte Problem: Die guten Künstler drohen irgendwann die falschen Fans zu bekommen und im Mainstream totgedudelt zu werden.

    Andererseits war Mraz ja bereits mit seinem letzten Album Top 5 in den USA. Das ist in manchen Teilen ohnehin noch eine Spur besser, meiner Meinung nach. „Life is Wonderful“ ist einfach ein Jahrhundertsong.

    Und noch zu den EPs: sehr empfehlenswert! Ohnehin scheint Mraz ohne das viele Gefrickel und nur spärlich instrumentiert noch eine Spur näher bei sich zu sein. Da entwickeln die Stücke dann wirklich manchmal die Qualität, beim Hörer kurz einen Herzschlag aussetzen zu lassen…

    Ach ja: live ist der Mann auch ein Gedicht.

  9. Michi
    25. Juni 2008, 17:16

    Da waren wir uns aber mal sehr einig:

    http://www.infiniteabyss.de/in.....al-things/

    Großartige Platte!

  10. Lisa
    27. Juni 2008, 10:05

    Ja „I´m Yours“ gefällt mir auch sehr gut und hat durchaus auch sehr hohes Sommerhit Potential.
    Aber das hier ist auch nicht ohne. Ne Mischung aus
    Marquess und Juanes
    http://de.youtube.com/watch?v=HkK74Zls7Mw

  11. Markus
    29. Juni 2008, 17:33

    Ok, jetzt habe ich es mir doch bestellt. Amazon schickt es mir zu.