Endlich einmal etwas, das länger als vier Jahre hält

Von Lukas Heinser, 19. September 2019 14:16

In „Almost Famous“ warnt der Musikjournalist Lester Bangs seinen jungen Kollegen William Miller davor, sich mit Musikern anzufreunden. Die wollten eh nur, dass man gut über sie schreibe, und wenn die Distanz weg sei, könne man auch gleich aufhören.

So gesehen habe ich meine Musikjournalisten-Karriere im Frühjahr 2006 in den Wind geschossen, als ich Thees Uhlmann nicht nur das Demo einer jungen Nachwuchsband aus meiner niederrheinischen Heimat in die Hand gedrückt habe, sondern acht Wochen später auch noch als Teil des Tomte/Kilians-Trosses durch den Süden der Republik getourt bin.

Das erste Album, das ich Anfang des Jahres bei CT das radio aus dem Berg von Bemusterungspost gefischt hatte, war die „Buchstaben über der Stadt“ gewesen, deren Songs ich dann vier Abende hintereinander live gehört habe, und als ich Anfang November im Central Park am Reservoir (ja, das aus „New York“) stand, dachte ich: Von so einem Jahr kann man sich nur erholen, wenn man beim ESC live vor Ort ist, wenn Deutschland gewinnt.

Jahrelang trafen wir uns immer wieder in den Backstageräumen nordrhein-westfälischer Indierock-Veranstaltungsorte, auf Festivals und im legendären, inzwischen natürlich geschlossenen, Dinslakener Jägerhof, wo Thees mich bei der Kilians-Releaseparty auf die Stirn küsste. (Die genaueren Details sind mir entfleucht und ich möchte diesbezüglich nur Falco paraphrasieren.)

Thees Uhlmann und Lukas Heinser, 2009

Wie es sich für eine ordentliche Freundschaft gehört, wurde unsere aber auch auf eine harte Probe gestellt: Tomte liefen nach jede Menge Line-Up-Wechseln aus und Thees veröffentlichte 2011 ein selbstbetiteltes Soloalbum, mit dem ich auch nach gründlichem Hören irgendwie nicht warm wurde. Auf „Walter & Gail“ hatte er 2006 noch gegen das Mittelmaß angesungen, jetzt feierte er „Das Mädchen von Kasse 2“ und das Leben auf dem Dorf, obwohl doch alle Songs, die wir jemals gut gefunden hatten, davon handelten, das Scheiß-Leben auf dem Land endlich hinter sich zu lassen. Ich fühlte mich betrogen.

Thees war damals weiter als ich: Vater geworden, Beziehung zerbrochen, dabei, das Glück im Kleinen zu suchen. Nun wäre es bescheuert, zum besseren Verständnis von Pop-Platten die eigenen Pläne vom Familienleben zu sabotieren, aber ein paar Jahre stand ich da in seinen Schuhen und als Thees und seine Band vor zwei Jahren in Hamburg auf dem 15. Geburtstag seines Labels Grand Hotel van Cleef spielten, stellte ich fest, dass ich die Songs des ersten Soloalbums mit großer Hingabe und Gänsehaut mitsang („Meine Wahrheit in 17 Worten: Ich hab ein Kind zu erziehen, Dir einen Brief zu schreiben und ein Fußball Team zu supporten“). Dann kam diese Millisekunde, als inmitten dieses Sets mit Solo-Songs das Schlagzeug-Intro zu einem Tomte-Song erklang und noch ehe mein Gehirn exakt erfasst hatte, welcher das eigentlich war, war ich in der Luft und in meiner Erinnerung habe ich für die nächsten 4 Minuten und 20 Sekunden den Boden nicht mehr berührt — ich flog, während ich mir gemeinsam mit dem Text zu „Schreit den Namen meiner Mutter“ die Seele aus dem Leib brüllte, und alles war aus Gold. Fünf Tage zuvor war meine Oma gestorben und das hier war genau das, was ich in diesem Moment brauchte, die letzten drei Jahre gebraucht hätte.

Anfang August kam nun endlich das erste musikalische Lebenszeichen seit sechs Jahren: die Single „Fünf Jahre nicht gesungen“. Mein Sohn und ich waren gerade zu Besuch in Berlin, er schlief neben mir im Bett, als ich um Mitternacht Spotify öffnete und auf „Play“ drückte:

Ich würde nicht behaupten, dass ich komplett verstehe, wovon Thees da singt, aber die Stellen, die ich verstehe, fühle ich sehr hart. Drei Wochen später war ich beim Konzert in Essen, was auf den Tag zehn Jahre nach einem der letzten Tomte-Konzerte war, das ich gemeinsam mit den Kilians besucht hatte. Thees und ich sahen uns nach der Show zum ersten Mal seit Jahren wieder, ich bestellte brav Grüße von meiner Mutter („Der Thees hat mir damals beim Kilians-Konzert den Tipp gegeben, einfach Taschentücher ins Ohr zu stopfen, wenn es zu laut ist. Das ist gut!“ — wenn das nicht Rock’n’Roll ist, weiß ich es auch nicht!) und wir sabbelten über The Clash, „Paw Patrol“ und Berlin, als hätten wir uns vor ein paar Wochen zuletzt gesehen.

Thees Uhlmann und Lukas Heinser, 2019

Eine Woche später bekam ich vom Grand Hotel das zugeschickt, was im Jahr 2019 einer gebrannten Bemusterungs-CD entspricht: Einen personalisierten Streaming-Link, unter dem ich Thees‘ neues Album „Junkies und Scientologen“ hören konnte. Ich klickte drauf, legte den Sound meines MacBooks auf meine Anlage und drückte etwas unsicher auf „Play“. Fünfzig Minuten später saß ich erschöpft (ich hatte ein paar Mal headbangend durch die Wohnung hüpfen müssen) und aufgewühlt (ich hatte ein paar Mal Tränen in den Augen gehabt) auf meiner Couch und verfluchte mich dafür, dass ich an dem Abend verabredet war und das Album jetzt nicht direkt zehn Mal hintereinander hören konnte.

Olli Schulz sagt, „Junkies und Scientologen“ sei das Beste, was Thees seit „Hinter all diesen Fenstern“ gemacht hat, was ich nur deswegen nicht unterschreiben kann, weil deren Nachfolger „Buchstaben über der Stadt“ bei mir eben so eine unglaubliche Sonderstellung einnimmt. Genauso wie kettcar die lange Pause vor „Ich vs. Wir“ so gut getan hat, dass sie mal eben ihr vielleicht bestes Album aufgenommen haben, ist auch Thees nach so langem Warten auf dem Höhepunkt seines Schaffens: Auf „Junkies und Scientologen“ sind er und seine Band musikalisch so tight wie selten, textlich ist er noch besser geworden.

Thees hat ja schon immer versucht, Denkmäler zu errichten, hier beschriftet er die Messingtafeln teilweise ganz schlicht: „Avicii“ ist tatsächlich ein völlig unironisches Loblied auf den verstorbenen DJ, den er gerne gerettet hätte; „Katy Grayson Perry“ schon ein Stück komplexer, weil er sowohl die amerikanische Sängerin als auch den britischen Künstler gemeinsam zu seinem Label holen will. In „Was wird aus Hannover“ feiert er die Stadt, die vor allem für ihre völlige Egalheit bekannt ist, und singt über deren bekannteste Band: „Du hast über die Scorpions gelacht, aber die sind in ‚Stranger Things'“ — da muss man die Serie nicht mal geguckt haben, um zu verstehen, wie er das meint.

Dieses Abkulten von Menschen, berühmten wie unbekannten, erreicht im Titeltrack seinen Höhepunkt: Die Strophen sind eine einzige Aneinanderreihung von Widmungen („Für das Mädchen im Ramones Shirt“, „Für jeden, der in seiner Straße Stolpersteine poliert“, „Für die Vierfaltigkeit der Bobs: Bob Marley, Bob Dylan, Bob Andrews und Bob Ross“), der Refrain ein leuchtender Bengalo im Morgengrauen:

Aber die Zukunft ist ungeschrieben
Die Zukunft ist so schön vakant
Und ich komme dich besuchen
Egal ob Stammheim oder Bundeskanzleramt

Da haben wir in vier Zeilen: Ein Joe-Strummer-Zitat, ein Fremdwort, das sonst kaum in Liedtexten auftaucht, und das Name-Checking von zwei zentralen Orten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nenn mir einen dieser jungen Deutschpop-Clowns, der etwas Ähnliches hinbekommen würde!

Natürlich konnte man Thees dieses Pathos seiner Texte auch schon immer vorwerfen. Aber es ist ein anderes Pathos als das von „Auf uns“ oder „Tage wie dieser“, denn Thees‘ Lieder taugen nicht zur Untermalung von Fußballturnier-Supercuts. Vielleicht gibt es für Außenstehende auf dem Papier auch gar keinen Unterschied, aber für mich ist es auch eine hermeneutische Kategorie, wer da spricht oder singt. Ich weiß noch, wie ich damals erst die Texte von Tomte und dann Thees selbst kennenlernte und dachte: Da ist jemand, der packt das in Worte, was ich irgendwo in mir drin gefühlt habe und niemals hätte ausdrücken können. Thees gab mir das Vokabular für Liebesbekundungen, Therapiesitzungen und Blog-Einträge.

Morgen erscheint „Junkies und Scientologen“ dann offiziell. Für mich endet damit diese Phase, in der man sich wie ein Mitverschwörer fühlen kann, weil man Songs kennt, die erst wenige Menschen gehört haben. Aber ich bin mir sicher, dass es da draußen Tausende gibt, die diese Lieder genauso lieben werden wie ich und denen sie genauso viel (und gleichzeitig etwas völlig anderes) bedeuten werden.

Im letzten Lied der Platte singt Thees:

Ich bin der Letzte mit einem Bierglas in einer Welt voller Champagner
Die Welt ist von sich selbst besoffen, aber ich bleib beim Bier

Du Astra, ich Fiege! Auf „Junkies und Scientologen“!


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