Wie das Brötchen vor der Schlange

Von Lukas Heinser, 22. Juni 2013 15:01

Vergangene Woche feierte die Gurkenverordnung der EU ihren 25. Geburtstag. Es war ein trauriges Fest, denn die Verordnung weilt inzwischen nicht mehr unter uns. Dennoch ist sie zum Symbol geworden für den Regulierungswahn der Europäischen Union — und schuld daran, dass Journalisten und Bürger der EU wirklich jeden Unfug zutrauen.

Gesetzlich gänzlich ungeregelt ist allerdings eine der größten Alltagsgeißeln der Zivilisation: die Warteschlange. Man kennt sie in der Supermarkt-Variante aus dem Kleinkunst-Dauerbrenner „Die andere Schlange ist immer schneller“, als Nummernrevue aus dem Bürgerbüro und – in ihrer wildesten und unübersichtlichsten Form – aus der Bäckerei.

Der deutsche Durchschnittsbürger hat panische Angst davor, übergangen zu werden. Deshalb bildet er am Bahnsteig eine im Prinzip menschliche, aber meist eher an Zombies gemahnende Wand vor sich öffnenden Zugtüren — die Bahn könnte ja sonst ohne ihn losfahren. Deshalb bleibt er in der U-Bahn stehen, sobald er eingestiegen ist — wenn er weiter durchginge und den ganzen Waggon ausnutzen würde, könnte er ja an seiner Zielhaltestelle unter Umständen nicht rechtzeitig aussteigen. Jeder ist sich selbst der Nächste, nur die Stärksten überleben.

Während das Klischee besagt, dass Briten sogar an jeder Bushaltestelle in Reih und Glied warten, lassen sich Deutsche, wiewohl stets zur Polonaise bereit, meist nur unter Einsatz von Waffen, mindestens aber von Gurtpfosten, zum korrekten Schlangestehen zwingen.

Als die Deutsche Post vor einigen Jahren das einzig sinnvolle Wartesystem, die zentrale Warteschlange, einführte, verglich die „Süddeutsche Zeitung“ diese mit dem „Prinzip Wursttheke“. Das mag zutreffen, solange es genau eine Bedienung hinter dieser Wursttheke gibt. Sind es aber zwei oder mehr, ist das Chaos vorprogrammiert — womit wir wieder in der Bäckerei wären.

Hinter der Theke stehen drei, vier, an Sonntagmorgen vielleicht sogar fünf Verkäuferinnen. Theoretisch nebeneinander, praktisch wuseln sie zwischen Mohnbrötchen, Croissants und Mehrkornbroten umher wie Ameisen in ihrem Bau — wie Ameisen wissen sie aber auch genau, was sie tun und wo sie hinmüssen. Womit sie sich grundlegend von ihren Kunden unterscheiden.

Die stehen auf der anderen Seite der Theke und versuchen, sich an den Positionen der aufgestellten Kassen oder den Verkäuferinnen zu orientieren, und bilden dabei drei, vier, fünf (die Anzahl kann auch schon mal die der Verkäuferinnen übersteigen) Mikroschlangen, die sich aber nicht im rechten Winkel zur Theke positionieren (das ist zumeist schon architektonisch ausgeschlossen), sondern parallel dazu. Dadurch bleibt für alle Beteiligten – wartende Kunden, Verkäuferinnen, neu eintretende Kunden, evtl. zu Hilfe eilende UN-Blauhelme – völlig unklar, wie viele Schlangen es gibt, und wer in welcher steht. Das Ergebnis: Neid, Missgunst, Zwietracht.

Wie oft habe ich es als Kind erlebt, dass ich beim samstäglichen Brötchenkauf schlicht übergangen wurde. Ich konnte ja noch nicht mal über die Theke schauen und dann waren da auch noch all diese alten Menschen, die sich einfach vorgedrängelt haben! Und wie froh ich war, als die Bäckerei in unserem niederländischen Urlaubsort eine Nummernausgabe einführte! Da konnte man abschätzen, wie lange man noch warten muss, bis man auch wirklich bedient wird — und in der Zwischenzeit schon mal einen halben Tag an den Strand gehen oder eine mittlere Fahrradtour unternehmen.

Auch heute sind es häufig noch Rentner, die glauben, schon „dran“ zu sein. Man kann ihnen da allerdings nur schwerlich Vorwürfe machen: Die Lage ist ja meistens fast so unübersichtlich wie in Syrien und nach einigen Jahren, in denen man dauernd übergangen wurde, gewöhnt man sich an, auf die leicht panische Frage der Verkäuferinnen, wer der Nächste sei, mit „Ich!“ zu antworten. Sind wir nicht alle ein bisschen FDP?

Es ist daher erstaunlich, dass die Grünen, die doch sonst alles regulieren wollen, in ihrem Wahlprogramm dem Konfliktherd in jeder Nachbarschaft keine einzige Zeile widmen. Eine Partei, die sich für eine sinnvolle Organisation von Bäckerei-Warteschlangen stark macht, hätte durchaus meine Sympathien.

10 Kommentare

  1. Hannah
    22. Juni 2013, 15:43

    Such dir ne Bäckerei mit kürzerer Theke und maximal 2 Verkäufer_innen. Das Problem löst sich wie von selbst. (Mein Haus- und Hofbäcker hat kurzerhand den Laden komplett umgebaut – von grob geschätzt 100m Theke auf übersichtliche 1,50 – ein Traum!)

  2. Caro
    22. Juni 2013, 16:29

    Bilder im Kopf! Oh Gott, nie wieder werde ich aus einem Zug aussteigen können, ohne bei den wartenden Menschen an Zombies zu denken. Und ich dabei habe ich so eine Scheißangst vor denen.

  3. rantanplan
    22. Juni 2013, 17:20

    Lese ich da ein U35 Trauma zwischen den Zeilen?

  4. jj preston
    22. Juni 2013, 19:34

    Wenn Du über die Deutschen an der Bäckereitheke schon meckerst, wie soll das erst bei Italienern sein?

    Eine derartige Aggressivität hab ich allerdings auch schon mal beim Vorverkauf für ein Sailor-Konzert im Tibarg-Center erlebt. Hätten wir den Typen, der mich da angemotzt hat, nach Afghanistan geschickt, wären die Taliban längst Geschichte…

  5. Nummer Neun
    23. Juni 2013, 13:28

    Ich musste das zweimal lesen, um zu begreifen, dass hier die deutsche Post tatsächlich mal positiv erwähnt wird. Eine Seltenheit im deutschen Mitmach-Netz! :)

  6. SvenR
    23. Juni 2013, 23:26

    Seitdem ich den i.d.R. älteren Vordränglern immer sage »Jaja, machen Sie ruhig, Sie haben ja keine Zeit, Sie sterben ja eh bald« finde ih es gar nicht mehr so schlimm…

  7. Ali Schwarzer
    24. Juni 2013, 9:36

    Wohl noch nie in Südafrika gewesen, hä? ;) Ich hatte vor kurzem afrikanische Studenten betreut und u.a. das deutsche, vergleichsweise höchst effektive Warteschlangensystem vorgestellt. Sie waren begeistert.

  8. viewer
    25. Juni 2013, 1:17

    Komisch. In unserer Bäckerei, auch 4-5 Verkäuferinnen, gibt es immer nur eine durchgehende Schlange und auf die Frage „wer kommt als nächstes“ weiß jeder, wer dran ist…

  9. Lukas Heinser über Frühstücksbrötchen und andere Kleinigkeiten … | Rund um den Kabinettstisch
    21. Juli 2013, 8:57

    […] Wie das Brötchen vor der Schlange – Coffee And TV […]

  10. Woche woanders #7: Überwachung, Introvertiertheit, Brüste, Entrümpelungen, Eichen, Dichter, das CERN und Paris | Dies ist keine Übung.
    30. Juli 2013, 19:39

    […] Ich war gerade erst in Großbritannien, wo selbst bei volksfestähnlichen Zuständen ordentlich Schlange gestanden wird. Lukas schreibt über das Brötchen vor der Schlange. […]

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