“Sie übergibt sich!”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Dezember 2012 16:12

Natürlich kann man es bescheuert finden, dass Onlinemedien wie “Spiegel Online” oder n-tv.de gestern die Push-Funktion ihrer Smartphone-Apps benutzten, um ihre Leser darüber zu informieren, dass der Herzog und die Herzogin vom Cambridge (auch bekannt als “Prince William und Herzogin Kate”) Nachwuchs erwarten. Aber, mein Gott: Die Eurokrise scheint nie enden zu wollen, im Nahen Osten hat sich die Lage gerade erst wieder ein bisschen beruhigt und in zweieinhalb Wochen geht die Welt unter — da kann die Nachricht von der nahenden Geburt eines Menschen, noch dazu in der Adventszeit, doch für einen Moment mal ein wärmendes Licht in die kalte Dunkelheit werfen.

Der Wahnsinn ist ohnehin woanders zuhause. Nicht bei der “Sun”, die mit “Kate Expectations” einen Überschriften-Volltreffer landete, nicht in “Bild”, wo Alexander von Schönburg über Zeugungsort und -zeitpunkt spekulierte, vermutlich nicht einmal im Sat.1-Frühstücksfernsehen, obwohl ich das aus panischer Angst vor Sibylle Weischenberg gar nicht erst eingeschaltet habe.

Es dürfte in jedem Fall schwer werden, den Artikel zu über…, unter… Es dürfte schwer werden, irgendetwas zu finden, was mit dem Artikel von Helmut-Maria Glogger auf “Focus Online” vergleichbar wäre. Und da möchte ich Trips auf synthetischen Drogen durchaus mit einrechnen.

Schon der erste Absatz ist Poesie:

“Die Welt interessiert sich nur für meinen Bauch”, lächelt Catherine, Duchesse of Cambridge, Ehefrau von Prinz William. Und verweigert bei ihrem Besuch bei der Unicef in Kopenhagen die gereichte Erdnusspaste – worauf ihr Sprecher verkündet: “Die Herzogin ist nicht allergisch auf Erdnüsse.”

Auf diesen Zwischenfall, der medial durchaus großzügig ventiliert wurde, wird der Text im Folgenden nicht mehr eingehen. Schade, hatte die Herzogin (oder “Duchess”, wenn’s schon Englisch sein soll) ihrem Mann laut Berichten doch einen “wissenden Blick” zugeworfen und hatten Ärzte und Gesundheitsexperten schwangere Frauen doch schon “lange gedrängt”, sich von Erdnüssen und ihren Nebenprodukten fern zu halten, “um Allergien zu vermeiden”. Allerdings ist die Episode inzwischen auch schon 13 Monate her, sie steht also – nach allem was wir über die menschliche Schwangerschaft wissen – in keinem direkten Zusammenhang zur gestrigen Bekanntmachung.

Einen ganzen Absatz verwendet Glogger darauf, vorgeblich kenntnisreich zu beschreiben, wo sich Herzogin Kate nicht übergibt: Nicht im Cottage auf der “kargen Insel Anglesey vor der Küste von Wales”, nicht im “Nottingham Cottage”, “dem als ‘Nott Cott’ bekannten Gartengebäude beim Kensington Palace” mit diversen Räumen, die Glogger natürlich aufzählt — nicht ohne zu erwähnen, dass Williams Mutter Diana “bis zu ihrem Tod” im Haupthaus (also, welch Zufall, auch nicht im Cottage!) leben durfte. Und zwar “in den Apartments 8 und 9″!

Dann klärt Glogger endlich auf, wo sich die Herzogin denn stattdessen übergebe — und seine Detailbesessenheit nimmt Ausmaße an, die man sonst nur aus den Landschaftsbeschreibungen von Mittelerde kennt:

Catherine liegt seit Montag mit “sehr heftiger Übelkeit” im privaten “King Edward VII’s Hospital” an der Londoner Beaumont Street. Das unter der Telefon-Nummer +44 (0) 20 7486 4411 erreichbar ist – ein Durchstellen zu den Gynäkologen Dr. Alfred Cutner, Dr. Arvind Vashist oder Dr. Jonathan Dowler ist allerdings leider nicht möglich.

Man hätte hier erwähnen können, dass es ja auch bei “Dr. House” mal einen Dr. Kutner gegeben habe, der allerdings nicht mit “C” geschrieben wurde, mit Vornamen Lawrence und nicht Alfred hieß und auch nicht Gynäkologe, sondern Diagnosespezialist war, aber Glogger entscheidet sich gegen die an dieser Stelle schon nicht mehr völlig abwegig erscheinende Abzweigung und fährt fort:

Dass das Hospital, in dem die “leicht” schwangere Catherine aufgepäppelt wird, ausgerechnet den Namen des britischen “Bordellkönigs” Edward VII. trägt? Ein gutes Omen? Gute Frage!

Sich selbst zur eigenen rhetorischen Frage zu beglückwünschen, ist doch sicher eine außergewöhnliche stilistische Spielerei, oder? Ich bin froh, dass ich das anspreche!

Glogger ist auch froh, dass er das Thema so elegant auf Edward VII. hat bringen können, denn wie die Autorenzeile erklärt, erscheint 2013 sein Buch “Der Bordellkönig: Edward VII.” und deswegen dürfen Sie einmal raten, worüber er in den nächsten Absätzen referiert (kleiner Tipp: eine “kupferrote Badewanne” und ein “‘Liebesstuhl’ für die Ménage-à-trois” kommen auch drin vor).

“Cloud Atlas”-gleich verwebt Glogger nun die verschiedenen Epochen miteinander:

Am Totenbett des Monarchen stand Alice Keppel. Genau: die Urgroßmutter von Camilla. Die der Ehefrau des heutigen Thronfolger Charles folgenden Satz vererbte: “Erst der Hofknicks – dann ab ins Bett!”

Herzogin Kate, Verzeihung: Catherine sei anders, fährt Glogger fort:

Catherine ist anders, kein Prince-Groupie, mit ihren 30 Jahren eine Frau, die selbst als allein erziehende Mutter ihren Weg gehen kann! Catherine hat einen Master of Arts, hat Aussicht auf ein Drittel der Millionen abwerfenden Scherzartikel-Firma ihrer Mutter, die von Festgeschirr, Ballonen, Deko-Schlangen bis Kleidung und Kuchen alles anbietet.

Mit “Prince-Groupie” bezieht sich Glogger natürlich nicht auf den Popstar der 1980er Jahre, mit “Scherzartikel” mutmaßlich auch nicht auf seinen eigenen Text, den er auf Seite 2 mit Begriffen wie “virgo intacta” (“Jungfrau”) und “pied-à-terre” (“800 000 Pfund”, sonst nicht näher erklärt) würzt.

Und mit weiterem Detailwissen:

Eine Schwangerschaft, die in Bucklebury von Briefträger Ryan Naylor ebenfalls wie von Dorfmetzger Martin Fidler, auf den Bänken und Stühlen in Johns Pub in Bucklebury heute, morgen und übermorgen garantiert kräftig begossen wird.

Sollte Glogger für diese Namensnennungen extra nach Bucklebury gefahren sein, so wäre dies zumindest nicht nötig gewesen. Aber vielleicht hat er dort die Glaskugel gefunden, in die er nun schaut:

Kates jüngere Schwester Pippa wird den neuen Status ihrer Schwester nutzen – um vielleicht doch noch einen reichen Erben zu freien. Catherines Bruder James wird künftig – selbst stockbesoffen – auf das Tragen von Frauenkleidern verzichten.

Gloggers Zukunftsvisionen sind erstaunlich klar, nur erklären sie an dieser Stelle auch nichts mehr.

Er ist nämlich inzwischen dazu übergegangen, zu erklären, dass mit Catherine “wieder eine ‘normale’ Schwangere ins Leben der Windsors” komme. Und das sei ja nicht immer so gewesen, denn “schwanger zu werden von einem Windsor war selbst für angetraute Damen nicht einfach”. (Die Formulierung “selbst für angetraute Damen” ergibt angesichts der Tatsache, dass Glogger vorher noch groß über die Entsorgung von “Bastards” doziert hatte, auch nicht wirklich Sinn, aber: hey!)

Glogger referiert also, dass Queen Mum und ihr Mann “auf den Rat ihres Arztes Dr. Lane Phillips” eingewilligt habe, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen, was zum “Ergebnis”, Königin Elizabeth II, geführt habe.

Dann wird es vollends speziell:

Erinnern wir uns an den Abend des 6. Februar 1981.

Oookay …

Der königliche Gynäkologe berichtet Königin Elisabeth II., dass Lady Diana Spencer zwar noch “virgo intacta” ist, aber keine Kaiserin Soraya ist – also sehr wohl fähig zu einer Schwangerschaft. Worauf Prinz Charles via Sekretär das Kindermädchen der St-Saviour-Kirche im Stadtteil Pimlico in sein Zwei-Zimmer-Quartier im dritten Stock des Buckingham-Palasts rufen lässt. Diana findet mit ihrem Mini Metro die Privateinfahrt zum Buckingham-Palast nicht. Ein Torwächter hilft ihr.

Yeah. Whatever …

Laut der Fachbibel “Burke’s Peerage and Gentry” sind William und Catherine angeblich Cousins siebzehnten Grades. Eine Inzest-Gefahr, gepaart mit dem Gen der Bluterkrankheit, ist allerdings nicht gegeben.

Will you please stop it?

Die Gefahr, dass das Kind von Catherine und William ein “typisch britischer König” wird, ist gering. Obwohl sich in der Geschichte des Königshauses viele finden: debile Säufer, schwachsinnige Stotterer, Laller, ungewaschene Prinzessinen, homosexuelle Opium-Raucher, nervös Zuckende, Sado-Masochisten, Mörder, Frauen, die eher Männer, Männer, die eher Frauen waren – Fuß-Fetischisten, Flagellanten und medizinisch erklärte Wahnsinnige.

Zombies! Aliens! Vampire! Dinosaurier!

Nachdem Glogger den Leser noch darüber informiert hat, dass Prince Charles “seiner Frau Diana gerade mal 17 gemeinsame Nächte zugestand” (ob er, Glogger, mit seinem Notizblock auf dem – sicherlich staubfreien – Boden unter dem königlichen Bett dabei war, lässt er leider offen), kommt er zum Schluss.

Also ganz zum Anfang zurück:

Eine künftige Königin ist schwanger! Sie übergibt sich! Und ein künftiger König ist dabei. Das hat es in der über 1000-jährigen Geschichte der britischen Monrachie (sic!) noch nie gegeben!

Einen solchen Artikel sicherlich auch nicht!

27 Kommentare

  1. Hannah
    4. Dezember 2012, 16:26

    Ich habe keinerlei Erfahrungen mit synthetischen Drogen, aber ungefähr so stelle ich’s mir vor.

  2. Steffi
    4. Dezember 2012, 16:29

    Danke dafür!
    “Zombies! Aliens! Vampire! Dinosaurier!”

  3. Eipa
    4. Dezember 2012, 16:51

    Ich hoffte immer ein bisschen die Type sei weniger durchgeknallt als Wagner. Weit gefehlt…

  4. Matze
    4. Dezember 2012, 16:58

    Also ich habe jetzt die hier nicht zitierten Passagen nicht gelesen, aber das hört sich doch wahnsinnig gut an! Wie sonst als mit so einem Text soll man denn auf so eine Nachricht reagieren? Nur so kann man doch zeigen, wie außer sich vor Freude man ist!

  5. Lukas Heinser
    4. Dezember 2012, 17:16

    @Steffi: Die Aufzählung stammt allerdings natürlich von Hellogoodbye.

  6. Imre
    5. Dezember 2012, 2:03

    Aah, feiner Text! So ähnlich wie bei Focus Online muss es ’45 im Führerbunker gewesen sein: scheißegalscheißegalscheißegaaaal… (Spitzenkommentar, finde ich).

  7. Links anne Ruhr (05.12.2012) » Pottblog
    5. Dezember 2012, 7:44

    [...] “Sie übergibt sich!” (Coffee And TV) – Zu einer eher merkwürdigen Berichterstattung über die angekündigte Schwangerschaft der Herzogin von Cambridge. [...]

  8. JJPreston
    5. Dezember 2012, 10:07

    Allein dass der zur gleichen Spezies gehört wie ich, empfinde ich als grobe Beleidigung!

  9. Link(s) vom 5. Dezember 2012 — e13.de
    5. Dezember 2012, 11:09

    [...] “Sie übergibt sich!” „Es dürfte in jedem Fall schwer werden, den Artikel zu über…, unter… Es dürfte schwer werden, irgendetwas zu finden, was mit dem Artikel von Helmut-Maria Glogger auf “Focus Online” vergleichbar wäre. Und da möchte ich Trips auf synthetischen Drogen durchaus mit einrechnen.“ [...]

  10. Alberto Green
    5. Dezember 2012, 11:21

    Ich habs auch auf dem Klo erfahren!

  11. creezy
    5. Dezember 2012, 11:55

    Danke. Hat sich das Aufstehen heute doch gelohnt.

    Und bitte Vorsicht morgen beim Einschalten des Frühstücksfernsehen, Sibylle„erscheint” immer Donnerstags. ;)

  12. Danny Faak
    5. Dezember 2012, 12:15

    Fantastisch geschrieben! :)

  13. teekay
    5. Dezember 2012, 13:48

    Das ist doch wieder typisch: Irgend so ein Blogger ist neidisch, weil sich Qualitaetsmedien wie der Focus noch echte Journalisten leisten koennen die zeitaufwendige Recherche betreiben um die Leser hintergruendig zu informieren ;))))))

  14. egghat (@egghat)
    5. Dezember 2012, 16:56

    Prust!

    Klick.

  15. sukof
    5. Dezember 2012, 17:19

    fakten, fakten, fakten ..

  16. Viv
    5. Dezember 2012, 18:25

    Herrlich, ich musste laut lachen :D

  17. federfee
    6. Dezember 2012, 10:37

    Ihr ist also “schwer übel”, wo sie nur “leicht schwanger” ist… muss sich ja irgendwie kompensieren ;)

  18. Micha
    6. Dezember 2012, 18:07

    Das darf ja wohl alles nicht wahr sein, hab mich beim Lesen sehr amüsiert!

    Stutzig gemacht hat mich (also, neben all dem anderen) der Satz “eine Frau, die selbst als allein erziehende Mutter ihren Weg gehen kann”. Ist hier schon die Scheidung als sicher eingeplant? Oder soll “allein erziehend” heißen, dass der Vater wohl wenig Zeit haben wird?
    Aber gut, das fällt ja kaum noch auf…

  19. Brianna
    7. Dezember 2012, 8:50

    Grandios! You made my day;)

  20. Links | sixumbrellas
    8. Dezember 2012, 22:00

    [...] “Sie übergibt sich!” Es geht um eine Kate, die schwanger ist. Genauer, um einen schlechten Artikel über besagte schwangere Kate. Und es ist ein Lehrstück, wie aus einem schlechten Artikel (den man nicht lesen muss) ein großartiger entstehen kann. [...]

  21. Les Sonntagslinks — KALIBAN (You are likely to be eaten by a grue)
    9. Dezember 2012, 14:01

    [...] Lukas Heinser nimmt einen Artikel von Focus Online auseinander. Kritik an Focus Online ist nun leider ein bisschen wie das Treten toter Tiere, aber nun, [...]

  22. Aluser
    9. Dezember 2012, 16:52

    “Sich selbst zur eigenen rhetorischen Frage zu beglückwünschen, ist doch sicher eine außergewöhnliche stilistische Spielerei, oder? Ich bin froh, dass ich das anspreche!”

    Passiert mir selten bei Texten, aber hier musste ich lachen :D

  23. Woanders – diesmal mit Bastelarbeiten, Baguette, Babybauch und Bratäpfeln | Herzdamengeschichten
    10. Dezember 2012, 6:12

    [...] Heinser zerlegt einen Focus-Text über die schwangere Dings da in England. Das ist ein großer, ein wirklich ganz [...]

  24. kiezneurotiker
    10. Dezember 2012, 8:31

    Das Verrückte ist nicht, dass es Menschen gibt, die solche Nachrichten produzieren, sondern tatsächlich welche, die diesen Sermon konsumieren! Der Lokus bedient nur einen Markt, den es gibt und der mir immer große Angst macht, wenn ich von ihm höre.

  25. Seldon
    18. Dezember 2012, 18:41

    Wenn es ein Hörbuch dieses Blogs gäbe, müsste dieser Text auf jeden Fall mit drauf. Hat so was narratives.

  26. Lukas Heinser
    18. Dezember 2012, 18:53

    @Seldon: Aber nur, wenn Klaus Kinski liest.

  27. Monatsabrechnung: Monatslinks Dezember 2012 | Journelle
    30. Dezember 2012, 14:18

    [...] “Sie übergibt sich!” ein Dank an Lukas Heinser für einen Text über die Einfältigkeit der Berichterstattung von königlichen Schwangerschaften. [...]

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