Caught in a bad romance

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. September 2012 15:45

Geht weiter: Nach dem DJV NRW beschwert sich jetzt die “Deutsche Journalistinnen und Journalisten Union” (dju) über die Art, wie das Management von Leonard Cohen mit Journalisten umgeht.

Und Einslive beklagt sich völlig zu Recht über die Repressionen, denen die Berichterstatter bei den gestrigen Konzerten von Coldplay und Lady Gaga in Köln ausgesetzt waren:

Am Dienstagabend (04. September) haben in Köln gleich zwei Konzert-Highlights stattgefunden. Lady Gaga und Coldplay – präsentiert von 1LIVE. Normalerweise würdet ihr an dieser Stelle eine Bildergalerie mit Fotos von den Konzerten finden. Doch durch Fotoverträge wird die Berichterstattung über Konzerte zunehmend erschwert.

Tja. Da präsentiert Einslive die Konzerte und kann dann nicht mal eine Bildergalerie anbieten. Aus unterschiedlichen Gründen: Coldplay wollten alle Rechte an den geschossenen Fotos haben (was, um das noch mal zu betonen, eine größenwahnsinnige und mit dem deutschen Urheberrecht schwer zu vereinbarende Forderung ist), und Lady Gaga ließ gar keine Pressefotografen rein.

Es dürfen nur die Bilder veröffentlicht werden, die ihr eigens engagierter Tourfotograf geschossen hat. Für Bildjournalist Peter Wafzig geht das zu weit: “Sie produziert ein Bild von sich selbst, das sie gerne in der Öffentlichkeit sehen möchte und sorgt dafür, dass die Presse ganz massiv beeinflusst wird.”

Dass Lady Gaga ein Bild von sich selbst produziert, dürfte niemanden ernsthaft überraschen. Ich frage mich aber, was sich an dieser Inszenierung geändert hätte, wenn neben dem offiziellen auch andere Fotografen Bilder hätten machen können. Wenn Frau Gaga nicht gerade auf der Bühne stolpert und einem Pressefotografen ein besonders unvorteilhaftes Bild gelingt, werden sich die Bilder im Großen und Ganzen ähneln. In den allermeisten Fällen kann die Presse eh nur die Inszenierung weiter transportieren, die sie vorgesetzt bekommt. Ein Konzert ist ja in der Regel kein Fußballspiel, wo sich in den Fanblöcken immer wieder Szenen abspielen, die der Verband lieber nicht in der Zeitung sehen würde — und selbst da müsste man ja noch mal länger überlegen, ob es die Idioten nicht eher anspornt, wenn ihre menschenverachtenden Banner hinterher im Fernsehen zu sehen sind, egal, wie erhoben der Zeigefinger der Reporter dabei ist.

Aber zurück zu Lady Gaga: Die bräuchte die Medien womöglich gar nicht mehr. Auf Twitter kann sie zu 29 Millionen (überwiegend wahnsinnig loyalen) Followern direkt sprechen — nicht mal ein Auftritt bei “Wetten dass..?” oder eine Titelseite in der “Bild”-Zeitung kann da mithalten. Der Hebel, an dem die klassischen Medien (zu denen auch die Website eines Radiosenders gehört), ist nicht nur kürzer geworden, er ist komplett verschwunden.

Wenn es Einslive drauf anlegen würde, könnten sie einfach keine Songs von Coldplay und Lady Gaga mehr spielen. Das wäre mal ein Statement, könnte aber auch nach hinten losgehen (Stichwort: 29 Millionen Follower). Und dann würde vollends offensichtlich, dass sich die Medien nach Belieben von der Unterhaltungsindustrie, die doch eigentlich schon tot war, am Nasenring durch die Manege ziehen lassen. Die Musikmanagementfirmen sind kein Mineralölkonzern, der Imageschäden und Umsatzeinbußen befürchten muss, wenn er eine Ölplattform in der Nordsee versenken will. Bleibt also nur noch: Protestieren.

Frehn Hawel arbeitet bei einer Veranstaltungsagentur und kennt das Problem. Er versucht, zwischen Management und Fotografen zu vermitteln: “Es ist eigentlich nicht im Sinne des Künstlers. Es ist für die Promotion oder die Pressearbeit für eine Tournee eher hinderlich, wenn man diese Verträge aufsetzt, weil dadurch einfach Berichte wegfallen, die man vielleicht auch braucht, um den Vorverkauf anzukurbeln.”

Das mit dem Vorverkauf scheint ganz gut geklappt zu haben: Coldplay haben das Kölner Stadion ausverkauft, Lady Gaga für heute die Kölnarena (das gestrige Zusatzkonzert war nicht ganz ausverkauft) — mit freundlicher Unterstützung von Einslive, wo bis zuletzt Karten verlost wurden. Künstler und Sender waren Geschäftspartner und einer von beiden hat den anderen über den Tisch gezogen. Konsequent wäre, auf die Präsentation solch “schwieriger” Künstler künftig zu verzichten.

Ich kann die Empörung über diese Fotografenverträge völlig nachvollziehen: Sie sind moralisch und juristisch hochgradig fragwürdig. Aber es fällt mir schon schwer, diese Art von Empörung ernst zu nehmen:

Es ist ein Spannungsfeld zwischen Management, Veranstaltern und Fotografen. Über Facebook und andere soziale Netzwerke bildet sich zunehmend Widerstand gegen die Fotoverträge. Auch Journalistenverbände warnen vor Eingriffen in die Pressefreiheit. Es ist auf der einen Seite durchaus verständlich, dass Bands wissen wollen, wo ihre Bilder veröffentlicht werden. Es muss aber die Frage geklärt werden: Wo hört ein gewisses Maß an Kontrolle auf und wo geht Zensur los?

“Pressefreiheit”! “Zensur”! Natürlich!

Das geht nicht mehr als “Wehret den Anfängen” durch, das ist eine völlige Fehleinschätzung der Situation: Die Managements machen Angebote und ich fürchte, die Medien können nicht mehr tun, als sich nicht darauf einzulassen. Die Selbstinszenierungsmaschinerie wird das natürlich nicht stoppen. Die hat gewonnen.

8 Kommentare

  1. Horst Motor
    5. September 2012, 15:58

    Wie Du sagst: Die Empörung über die Aussperrung ist nachzuvollziehen, aber mit einer Aussage wie “Über Facebook und andere soziale Netzwerke bildet sich zunehmend Widerstand gegen die Fotoverträge” zieht man das Ganze so ins Lächerliche, dass der Schuss nicht nur nach hinten sondern direkt ins eigene Knie geht.

    Was passiert denn da? Gibt es schon eine Gruppe “LADY GAGA MUSS, FOTOS ZULASSEN !!!!!!” mit 103 Mitgliedern?

  2. Dirk
    5. September 2012, 16:10

    EinsLive hat auch heute noch massiv über das gestrige Coldplay-Konzert berichtet, von den begeisterten Fans, natürlich auch von den Fans, die sie für ein Meet and Greet dorthin geschleppt hatten. Müssen sie wohl auch, denn sonst wäre das nicht “präsentiert von 1Live”. Aber sie haben sogar im Radioprogramm auf die Fotoproblematik hingewiesen (zumindest ein “Warum es keine Fotos gibt, steht auf einslive.de”).

  3. katja wolf
    5. September 2012, 16:17

    es ist doch auch bezeichnend, wenn 1live moderatoren auf facebook mit ihren freikarten für lady gaga prahlen (die es bei solchen radiosendern) für die mitarbeiter gerne mal im dutzend gibt:

    http://www.facebook.com/photo......1010836367

  4. Jan
    5. September 2012, 18:43

    Der Mann ist weder Moderator, noch prahlt er, noch sagt dein Eintrag irgendetwas zum eigentlichen Thema, das bedenklicher ist als etwaige Ehrenkarten unter – wie von Lukas ja auch richtig gesagten – Geschäftspartnern.

  5. Sigmund
    6. September 2012, 17:00

    Ich frage mich schelmisch:
    Müsste ein Medium, das Bilder vom Konzert abdruckt/sonstwie zeigt, nicht im Sinne des Leistungsschutzrechtes nicht Knete an Lady Gaga/Coldplay rüberwachsen lassen? :-)
    (Oder an den Konzertveranstalter, Stadionbetreiber, Frittenbudenbesitzer …)

  6. Peter Wafzig
    7. September 2012, 8:15

    “Die Selbstinszenierungsmaschinerie wird das natürlich nicht stoppen.”

    Nunja, die Selbstinszenierungsmaschinerie ist ja nicht wirklich eine, sonst würde sie konsequenterweise ganz auf die Presse verzichten und nur noch Anzeigen mit PR-Texten und -Fotos schalten. Aber das ist ihr ja dann doch zu teuer. So lange sich aber in den Redaktionen bei der Vorberichterstattung immer wieder willige Handlanger finden, die ihre weissen Seiten mit irgendwelchem Inhalt -und bitteschön: billigem Inhalt- füllen müssen, wird sich nichts ändern.

  7. Marcel
    7. September 2012, 16:05

    Bezeichnend fand ich ja auch, dass 1LIVE zwar protestierte und keine Fotos zeigte – die Kollegen vom WDR Fernsehen aber am gleichen Tag in den Nachrichtensendungen Bewegtbild gezeigt haben. Ja, Bewegtbilder sind keine Fotos – aber letztlich ja sogar noch viel attraktiver. Wenn schon Protest, dann auch bitte umfassend.

  8. Drawn This Way – Coffee And TV
    25. September 2012, 0:53

    [...] Gaga lässt auf ihrer aktuellen Deutschlandtour keine Pressefotografen zu. Aber das wissen Sie ja [...]

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