Am längeren Hebel der Empörungsmaschine

Von Lukas Heinser, 3. August 2011 15:05

Gestern schrieb Christoph Schwennicke einen Kommentar über die unterschiedlichen Reaktionen auf die Anschläge in Norwegen ebenda und in Deutschland. Gegen den deutschen Politiker, so Schwennicke, sei der pawlowsche Hund ein „vernunftbegabtes Wesen, das den Mut aufbringt, sich seines Verstandes zu bedienen“.

Er fragte:

Warum muss Politik in Deutschland so sein? Warum muss jeder und jede jede Gelegenheit nutzen, das zu sagen, was er oder sie immer schon gesagt hat? Warum kann nicht einfach mal Ruhe sein?

Schwennickes Kommentar hatte „Spiegel Online“ einen Vorspann vorangestellt, in dem es hieß:

Norwegen hat besonnen und ohne vorschnelle Schuldzuweisungen auf die Attentate reagiert. In Berlin lief dagegen sofort die Empörungsmaschine an: Gesetze verschärfen, Neonazis verbieten. Kann in der deutschen Politik nicht einfach mal Ruhe sein?

Elf Stunden später stellte sich heraus: Auch bei „Spiegel Online“ haben sie so eine Empörungsmaschine — und Christoph Schwennicke hat offensichtlich Zugang zu ihr.

Weil Heiner Geißler bei der Vorstellung des sogenannten Stresstests zum „Stuttgart 21“-Plan die versammelten Befürworter und Gegner des Projekts gefragt hatte, ob sie den totalen Krieg wollten, und sich hinterher partout nicht für dieses Goebbels-Zitat (das natürlich nicht als solches gekennzeichnet war) entschuldigen wollte, empört sich Schwennicke:

Er sollte jetzt, besser in den kommenden Minuten oder Stunden als erst in den nächsten Tagen, zur Räson kommen und sagen: Ich habe einen Fehler gemacht, und dann habe ich einen noch viel größeren Fehler begangen, als ich den ersten Fehler hanebüchen rechtfertigen wollte.

Das fällt schwer. Aber das muss jetzt sein. Sonst gab es einmal einen großen Politiker Heiner Geißler.

Im Vorspann ist diesmal von „grauenhaften Worten“ die Rede — als ob die verdammten Worte (oder gar ihre Buchstaben) etwas für die Irren könnten, die sich ihrer bedienen. (Aber das haben wir ja schon mal besprochen.)

Was es zur Empörungsmaschine in Sachen Geißler-Goebbels zu sagen gibt, hat Volker Strübing zusammengefasst.

[via Peter B. und Sebastian F.]

Nachtrag, 21.10 Uhr: BILDblog-Leser Juan L. weist darauf hin, dass Schwennickes Geißler-Kommentar ursprünglich den folgenden Satz enthielt:

Man hört sich die Audio-Datei wieder und wieder an und fragt sich, wie ein Mann von der politischen und der Lebenserfahrung eines Heiner Geißler derart Amok laufen kann.

Nach Kommentaren im Forum wurde der Satz dann sang- und klanglos geändert in:

Man hört sich die Audio-Datei wieder und wieder an und fragt sich, wie sich ein Mann von der politischen Erfahrung und der Lebenserfahrung eines Heiner Geißler eine derartige Entgleisung leisten kann.

Herr Schwennicke scheint sich für seine grauenhaften Worte nirgendwo entschuldigt zu haben.

27 Kommentare

  1. Muriel
    3. August 2011, 15:28

    Moment. Es gab mal einen großen Politiker Heiner Geißler?
    Ach nee. Nur, wenn er sich nicht entschuldigt. Jetzt. Dann bin ich ja jetzt mal gespannt.

  2. icke
    3. August 2011, 16:28

    Danke!

    Was hat mich dieser unselige „Entschuldigungsforderungs“-Kommentar auf SPON geärgert!

  3. SvenR
    3. August 2011, 16:42

    Ich neide Geißler, dass es ihm schnurzpiepegal ist, was „die Leute“ denken.

  4. krusty20
    3. August 2011, 17:03

    Sehr schön, es gibt also doch noch vernünftige Menschen.
    So Recht Schwennicke mit seinem Norwegen/Deutschland-Kommentar hatte, so sehr lag er mit seiner Entschuldigungs-Suade daneben. Schön, dass nicht nur ich mich heute darüber aufgeregt habe.

  5. tyko
    3. August 2011, 18:52

    Zitat Geißler: „Wenn ich in der Nähe von Goebbels bin, ist der Playboy das Mitteilungsblatt des Vatikans.“

    Geißler hat sich mit dem „totalen Krieg“ eine etwas unglückliche, weil vorbelastete Formulierung ausgesucht. Das hätte er vielleicht auch in zwischen einräumen können.

    Alles andere wird hochgekocht. Eine Entschuldigung halte ich für übertrieben. Es war klar was er damit ausdrücken wollte. Fertig.

    Sommerloch?

  6. mezzo
    3. August 2011, 19:05

    Was mach ich jetzt? Ich kann mir den Namen „Christoph Schwennicke“ nicht merken.

    Ich bräuchte ein Browser-PlugIn, bei dem ich so einen Namen eingeben kann, zusammen mit einer Bemerkung. Und wenn ich dann ein paar Wochen später wieder einen Artikel von ihm lese, schlägt das PlugIn an (nennen wir es „Karma“) und zeigt mir automatisch die Bemerkung zu dem Namen. Dann kann ich auch den Artikel sofort besser einordnen.

    Professionelle Medien-Journalisten scheinen auch ohne so ein PlugIn auszukommen. Wie machen die das? Na gut, diesmal lagen nur 11 Stunden zwischen dem ersten und dem zweiten Artikel. Dazu reicht auch ein untrainiertes Gedächtnis. Aber was, wenn statt 11 Stunden 11 Wochen zwischen den Artikeln liegen?

    Ich würde gerne dazu kommen, nicht mehr einfach „SPON“, „FAZ“, „taz“ usw. zu lesen, sondern bewußt Artikel von Journalist x und Autorin y. Aber ohne technische Unterstützung schaffe ich das nicht.

  7. Herbinger
    4. August 2011, 5:40

    Danke für diesen Blogeintrag, habe ich mich auch schwer über Schwennicke und seine Bigotterie geärgert.
    Komische und ziemlich peinliche Anti-Geißler-Kampagne, die SpOn da fährt…

  8. Links anne Ruhr (04.08.2011) » Pottblog
    4. August 2011, 7:07

    […] Am längeren Hebel der Empörungsmaschine (Coffee And TV) – Nach den Anschlägen in Oslo (Norwegen) forderte der SPIEGEL Online-Autor Christoph Schwennicke ein wenig Ruhe in der Diskussion. Doch die Empörungsmaschine gibt es auch dort. Jedenfalls in Sachen Heiner Geißler, Stuttgart 21 und die Diskussion um den "totalen Krieg". Empören tut sich: Christoph Schwennicke. […]

  9. Thomas
    4. August 2011, 9:43

    Also der Herr Geissler kann mir nicht erzählen, dass ihm dieses geflügelte Wort vom totalen Krieg unbekannt war. Aber trifft es nicht eben genau das war da vor sich geht? Der totale Gesinnungskrieg?!

  10. Marc
    4. August 2011, 10:10

    Ein Blick in Googlenews (29. Jul 2011–1. Aug 2011) zeigt ganz klar, dass das Zitat am Freitag sehr wohl berichtet worden war, aber bis Dienstag keine Überschrift oder gar einen Kommentar wert war.

    Also wurde am Dienstag von den Medien eine Sau durch Sommerloch getrieben.

  11. murry
    4. August 2011, 10:15

    Goebbels hat den Totalen Krieg gefordert. Geißler wollte den „Totalen Krieg“ um Stuttgart 21 verhindern. Goebbels hat als Antwort auf seine Frage ein „JA“ erwartet und bekommen. Geißler wollte ein „Nein“. Goebbels hat den Begriff „totalen Krieg“ im wörtlichen Sinn gebraucht. Geißler hat ihn – für jeden verständlich – als Metapher gebraucht. Der Witz bei dieser Kampagne die manche Medien da fahren: Es wird in keinem Artikel gesagt was Geißler eigentlich genau vorgeworfen wird. Daß er ein Nazi sei? Daß er den Nationalsozialismus verharmlose? Keine Ahnung – keiner spricht es aus. Stattdessen ein merkwürdiges Rumgeschwurbel. Der Grund ist klar: Sobald man irgendeinen konkreten Vorwurf mit der Äußerung verbindet wird die ganze Lächerlichkeit der Aufregung für jeden offenbar.

    Reduziert man die Artikel der letzten Tage auf eine Kernaussage dann bleibt da nur ein albernes „Er hat Jehova gesagt“ bestehen.

  12. Andi
    4. August 2011, 11:23

    Besonders amüsant ist dass ausgerechnet die TAZ (imho das beste Blatt im Lande – und ich bin nun wirklich nicht sooo links) dem Spiegel nun fundiert seinen verbalen Sondermüll um die Ohren hauen kann: http://www.taz.de/Geissler-im-.....nk/!75566/
    Früher arbeiteten mal Journalisten beim Spiegel. Ich weiß, ist lange her…

  13. FF
    4. August 2011, 11:25

    @Muriel

    In der Tat das einzige, was mich aufhorchen ließ. Geißler ein „großer Politiker“?

    Der Mann war zu seiner aktiven Zeit notorischer Scharfmacher und Brunnenvergifter.

    Der Rest fällt allenfalls unter die Rubrik Altersmilde.

  14. Malte
    4. August 2011, 11:45

    murry hat so recht, dass ich ein wenig gerührt bin, auf so viel vernunft zu treffen.

  15. „Frau Lehrerin, der Heiner hat ‘Autobahn’ gesagt“ | Verwickeltes
    4. August 2011, 11:45

    […] II (via Coffee and TV): Auch schön. Am 1.8. hieß es bei einem SpOn-Redakteur noch: Norwegen hat besonnen und ohne […]

  16. Marc
    4. August 2011, 11:48

    @FF: Ja. Aber er war auch CDU-Generalsekretär und da ist es nunmal (jedenfalls war es das früher) deren Job geschert daherzureden und den politischen Gegner zur Weißglut zu bringen.

  17. noribori
    4. August 2011, 11:59

    The mediator is the message.

  18. SusiR
    4. August 2011, 12:04

    Nach einmütiger Kritik im Forum (unglaublich, auch so etwas gibt es!) hat Spiegel nach einer Stunde das Forum geschlossen.

  19. jeeves
    4. August 2011, 12:08

    „murry“ sagt es weiter oben deutlich. Mehr braucht es nicht,auch nicht meinen Kommentar

  20. bernddasbrot
    4. August 2011, 12:17

    Brandt hatte eben doch recht.

    http://www.youtube.com/watch?v=l5QLziJftAE

  21. FF
    4. August 2011, 12:21

    @Marc: Natürlich war er das. Eine Art Dobrindt der 70/80er Jahre.

    Politiker, die ihre eigene Verklärung erleben wollen, müssen vor allem eins: alt werden.

    Wer überlebt, hat recht, war „groß“. Siehe Helmut Schmidt. Wenn der 1992 anstelle Willy Brandts gestorben wäre, würde den größten Oberleutnant der Wehrmacht a.D. aller Zeiten heute keiner für irgendwie „bedeutend“ halten.

  22. Kitsune
    4. August 2011, 12:55

    Tja, auch der Spiegel hat mal einen Interviewpartner gefragt „Wollen sie den totalen Krieg…“ Ein Bumerang nach dem anderen…

    http://www.spiegel.de/spiegel/.....84946.html

    Nachdem SPON zum vierten mal nachgelegt hatte, wollte ich einen Kommentar zu diesem Beitrag schreiben:

    http://www.spiegel.de/politik/.....37,00.html

    Aber soll man in jenem Zensur-Forum überhaupt noch schreiben? Ich habe es zweimal versucht – von der Zensur gestrichen:

    „Ich frage euch:
    Wollt ihr den totalen journalistischen Niedergang? Wollt ihr ihn, wenn möglich, totaler und radikaler, als ihr ihn euch heute überhaupt erst vorstellen könnt?

    Der Spiegel sorgt für ein laues Lüftchen im Sommerloch: Er beharrt darauf, daß Geißler sich gefälligst für eine in dem gegebenen Zusammenhang durchaus sinnfällige Formulierung aber pronto zu entschuldigen habe. „Damit entpuppt sich der Spiegel als unsensibler Rechthaber und riskiert sein politisches Vermächtnis.“

    Mit jedem Artikel, den er zu dem „Thema“ verfasst „galoppiert er weiter in die falsche Richtung.“

    Ja, ist das nicht herrlich? Man kann die ganze substanzlose, aufgeblasene Polemik einfach invertieren! :)

    Vier Artikel in Serie! Das ist eine Kampagne! Hat der Spiegel die politische „Endlösung“ für Geißler (Nazometer:
    *tröööt!*) beschlossen?

    Merkt er den nicht, daß es keinen Sinn macht den toten Gaul „Zitat“ weiterzureiten bis der Verwesungsgeruch unerträglich wird?

    Man erlebt immer häufiger, daß das Niveau der Leserkommentare über dem des Artikels liegt.
    Nicht nur bei SPON, auch bei den anderen Zeitungen.

    Ihr habt ja die „Hamburger Erklärung“ mitunterschrieben, es geht euch angeblich um „Qualitäts-Inhalte“, ha-ha-ha!

    Der sogenannte alte „Qualitätsjournalismus“ ist tot, es lebe das Web 2.0! Das der Blogger, der Whistlerblower-Portale (sofern noch nicht im Knast), der Guttiplags. Von denen ihr doch ständig abkupfert.
    Aber EUCH soll man natürlich nicht zitieren dürfen! Das wäre dann „Verwendung… ohne dafür zu bezahlen“.

    Aber eure „Leistungsrechte“ sollen geschützt werden, eure wirtschafliche Basis. Deswegen lasst ihr fleißig die Zählpixel von VG Wort mitlaufen und kassiert für jeden Klick. Und das reicht euch noch nicht.

    Wenn es dann doch Qualität wäre!

    Ja, Heiner Geißler hat das schlimmste aller Verbrechen begangen – eine Urheberrechtsverletzung! Er hat fünf Worte eines ehemaligen Journalisten raubmordkopiert! Ohne Quellenangabe, ohne Vergütung! ;)

    Kleiner Tip: H.G. wird sich nicht entschuldigen, egal wie lächerlich sich der Spiegel noch machen möchte.“

  23. Herbinger
    4. August 2011, 18:19

    Tja Kitsune,

    das war dann wohl doch schon zu starker Tobak für das Spiegel-Online-Forum. Aber mach dir nichts draus, meinen Eintrag haben sie auch zensiert, allerdings nur einen Satz.

    Wie in deinem letzten Satz ging es darin übrigens darum, dass Spiegel Online (bzw. seine Autoren) sich lächerlich macht. Das mögen sie scheinbar nicht, die Blockwarte (*TRÖÖÖÖÖÖÖÖÖT*) vom SpOn-Forum.

  24. joha
    4. August 2011, 21:03

    Die Verwendung des Wortes „Amok“ ist wirklich daneben. Aber abgesehen davon: Ich würde mal gerne wissen, was (auch und gerade in Blogs und bei Twitter) passiert wäre, wenn ein Mappus, ein Koch oder ein Geißler aus früheren Zeiten so etwas gesagt hätten. Wäre dann die Reaktion hier auch so milde gewesen? Oder spielt es in unserer Empörung über die Empörung nicht auch immer eine Rolle, WER etwas gesagt hat?

    Ich bin kein Freund des Aufregungsjournalismus und kann nicht bewerten, wie aufgebauscht Spon das Thema hat. Aber Geißler hat sich mit seiner Reaktion verrannt und das sachlich zu kritisieren, ist legitim.

  25. Bastian Brinkmann
    4. August 2011, 22:38

    @mezzo
    >> Ich würde gerne dazu kommen, nicht mehr einfach „SPON“, „FAZ“, „taz“ usw. zu lesen, sondern bewußt Artikel von Journalist x und Autorin y. Aber ohne technische Unterstützung schaffe ich das nicht.

    Da gibt’s schon ein bisschen was. Leider kein Universal-Werkzeug, aber ein paar Beispiele:
    – Einzelnen Autoren kann man bei der Huffington Post folgen: http://www.huffingtonpost.com/arianna-huffington
    – In Deutschland bietet das zum Beispiel Zeit-Online als RSS an: http://newsfeed.zeit.de/autore...../index.xml
    – In UK gibt es diese Initiative, die das als E-Mail-Service anbietet: http://journalisted.com/alert
    – In Deutschland eine kleinere, ähnliche Idee (per RSS): http://www.nrlist.org/bastian.brinkmann

  26. Walter Sobchak
    5. August 2011, 10:43

    Es war auch kein Amok in Norwegen, aber das wird der Spiegel auch nie lernen.

  27. mezzo
    5. August 2011, 11:21

    @Bastian Brinkmann: Ich hab die nrlist mal mit Google-News verglichen und jeweils „Christoph Schwennicke“ eingegeben. Durchaus brauchbar (bei Allerweltsnamen wie „Sabine Müller“ kommt man ja mit Google-News (und Feed) nicht weit). Allerdings fällt auf, dass sich die Suchergebnisse kaum decken – beide sind sehr lückenhaft.

    Was ich eigentlich wollte, wird von <a href="http://www.apture.com/"Apture angepriesen: „Augmented Reality for browsing the web“. Allerdings funktioniert das nur serverseitig, und der Seitenanbieter/Apture legen auch fest, welche zusätzlichen Infos angezeigt werden.

    Eigentlich wollte ich meine eigenen Notizen eingeblendet bekommen. Evernote bietet eine Parallelsuche an, d.h. wenn ein Begriff bei Google gesucht wird, dann werden gleichzeitig die persönlichen Notizen bei Evernote mit durchsucht. Jetzt bräuchte man noch ein zweites PlugIn,mit dem man durch einen einzigen Klick auf einen Namen eine Google-Suche auslösen kann.

    Aber selbst dann wäre das noch umständlich. Ein Zettel neben dem Rechner, auf dem man sich auffällige Autoren notiert, ist wohl derzeit noch am praktikabelsten.

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