Tief im Western mit der „Aktuellen Stunde“

Von Lukas Heinser, 17. November 2010 1:01

Es gibt im deutschen Fernsehen vermutlich kaum eine Nachrichtensendung, die so perfekt ist wie die „Aktuelle Stunde“ im WDR Fernsehen. Die Doppelmoderationen, deren Nachahmung sich als Partyspiel empfiehlt, sind akurat vorbereitet und werden routiniert abgespult. Keine Hebung der Augenbraue, kein Schulterzucken ist Zufall, alles ist geplant. Selbst im Angesicht von Katastrophen wie bei der Love Parade stehen diese Moderationsroboter Seit an Seit und improvisieren scheinbar von einem internen Teleprompter ab.

Doch die Sendung, die ich als Kind mit Begeisterung schaute und die zu moderieren damals mein größter Traum war, hat – ebenso wie das andere einstige Informationsflaggschiff des Westdeutschen Rundfunks, das „Mittagsmagazin“ auf WDR 2 – die Jahrzehnte nicht unbeschadet überstanden: Die Beiträge könnten auch aus jedem x-beliebigen Boulevard-Magazin (privat wie öffentlich-rechtlich) stammen. Wenn man sich einmal klar geworden ist, wie albern es ist, einen Text im Wechsel von zwei Personen sprechen zu lassen, sind die Doppelmoderationen nicht mehr ernst zu nehmen — doch bei genauer Betrachtung reden die Moderatoren sowieso häufig groben Unfug.

Aus verschiedenen Gründen, von denen mir einige selbst schleierhaft sind, habe ich am Montag mal wieder die „Aktuelle Stunde“ gesehen. Die Sendung wird irritierenderweise seit zweieinhalb Jahren von Thomas Bug moderiert, der sich vorher viele Jahre Mühe gegeben hatte, auf keinen Fall seriös zu wirken, und nun das Gegenteil versucht.

Nachdem diverse Flüsse über diverse Ufer getreten sind und diverse Keller und Gärten überflutet haben, ist es Zeit für die große weite Welt der Formel 1 und deren neuen Weltmeister Sebastian Vettel, der „leider nicht aus Kerpen“ kommt. Und das ist natürlich ein Alptraum für so einen Sender, der sich auf Nordrhein-Westfalen konzentriert: Ein Star, der aus Hessen stammt.

„Die Deutschen freuen sich im Allgemeinen“, erklärt Susanne Wieseler, um die entscheidende Frage hinzuzufügen: „Aber was macht das mit den Kerpenern im Besonderen?“

Es passiert, was zu befürchten war: Das Team der „Aktuellen Stunde“ war vor Ort und hat es sich angeguckt:

Stacheldraht in Kerpen.

Todesstreifen! Über eine melancholische Slide Guitar schwadroniert der Off-Sprecher: „Was wurde hier gejubelt? Jetzt läuft die Feier anderswo.“ Aber statt eines Steppenläufers, der passend zur Musik durchs Bild geweht wird, folgt ein harter Schnitt auf jubelnde Heppenheimer (nicht zu Verwechseln mit Pappenheimern, die gibt’s bei Schiller), dann wieder das nicht gerade blühende Leben in Kerpen:

Das blühende Leben in Kerpen.

(Dass der Reporter ausgerechnet bei diesem zarten Pflänzlein erklärt, Kerpen sei mal „die Formel-1-Stadt“ gewesen, ist angesichts dieses wenig umweltfreundlichen Sports eine schöne Wort-Bild-Schere, aber im Kontext des Beitrags noch völlig harmlos.)

Während abermals die Slide Guitar losslidet, wechselt das Kamerateam in die Gaststätte „Altkerpen“ und befragt zwei Frauen mit pfiffigen Brillengestellen:

Keck bebrillte Kerpenerinnen sprechen in WDR-Mikrofone.

„Wie Fastelovend“ sei es gewesen, als Michael Schumacher damals gewonnen habe — und im Rheinland ist das wohl positiv besetzt. Doch jetzt ist alles anders, sollen uns die Bilder des Gläser spülenden Wirts (es ist Montagnachmittag, draußen ist es noch hell) und die schon wieder heranslidende Slide Guitar sagen.

Und der Off-Sprecher natürlich: „Und jetzt: Wieder ist ein Deutscher Weltmeister. Aber kein Kerpener. Und? Neidisch?“

„Nein!“, rufen da die Frauen, „im Gegenteil!“, und das wäre ungefähr der Punkt gewesen, an dem ich als Redaktionsleiter gesagt hätte: „Nee, tut mir leid, Jungs. Mit dem Aufhänger funktioniert die Geschichte überhaupt nicht. Könnt Ihr es nicht noch mal irgendwie anders versuchen?“

Zaun an der Kerpener Kartbahn (Ruhetag).

Sebastian Vettel, nein: „Der Sebastian Vettel“ sei ja „immerhin“ schon mal in Kerpen gewesen, erzählt der Sprecher: „Ein paar Runden“ habe er auf der Kartbahn gedreht — da sei was los gewesen. Aber heute? „Aber heute? Ist Ruhetag auf der Kartbahn“, heißt es in dieser völlig widernatürlichen Kommentarsprache aus dem Off und für einen Moment könnte man glauben, der Ruhetag habe irgendwas mit Sebastian Vettel und dem immensen Imageverlust zu tun, den Kerpen am Sonntag erlitten hat.

Jetzt aber schnell zurück in die Innenstadt und zu der verdammten Slide Guitar:

Straße in Kerpen (fast menschenleer).

„Heute war irgendwie Ruhetag in ganz Kerpen“, sagt der Mann und man begreift langsam, welche Leistung Autoren und Schauspieler bei „Switch Reloaded“ vollbringen müssen, um diesen ganzen Irrsinn, der da im deutschen Fernsehen völlig ernst gemeint wird, überhaupt noch satirisch zu überhöhen.

Allein die nächsten Sätze sind derart inkohärent, dass ein „Brat fettlos mit Salamo Ohne“ zwischendrin auch nicht mehr groß auffallen würde: „Weltmeisterstadt, das ist sechs Jahre her. Und irgendwie ist das auch völlig okay so. Zumindest für manche Kerpener.“

„Warum soll ich denn neidisch sein?“, fragt ein milde fassungsloser Kioskbesitzer, um dann mit einem unglücklich gewählten Vergleich dem Reporter neue Munition zu liefern: Ob Hamburg denn neidisch sei, wenn Bayern Meister …

„Oooooh!“, wehrt der Reporter da ab und wir wollen mal ganz vergessen, dass Vettel gerade nicht deutscher Meister geworden ist, sondern Weltmeister. Ein Passant darf sagen, dass er „Hypes um Autofahrer“ nicht so gut findet, und es erscheint inzwischen beinahe logisch, wenn der Off-Sprecher daran anschließt: „Keine Sorge: Dass der Schumi-Hype zurückkehrt ins ‚Altkerpen‘, das ist unwahrscheinlich. Obwohl: Die Damen sind sich da noch nicht so ganz einig.“

Eines bleibe den Kerpenern aber, erklärt der Mann mit der Märchenonkel-Stimme: „Sie wurden sieben Mal Weltmeister, Heppenheim durfte erst einmal jubeln.“

An dieser Stelle endet der Beitrag. Immerhin ohne einen weiteren Einsatz der verfickten Slide Guitar.

Im Mitschnitt der Sendung in der WDR-Mediathek fehlt der Beitrag.

14 Kommentare

  1. Julius
    17. November 2010, 1:39

    Hach. Schön.

  2. Nummer Neun
    17. November 2010, 7:45

    Wenn ich das als nicht NRW-ler mal fragen darf: Das ist aber kein Satire-Magazin, oder?

  3. Links anne Ruhr (17.11.2010) » Pottblog
    17. November 2010, 8:39

    […] Tief im Western mit der “Aktuellen Stunde” (Coffee And TV) – […]

  4. Tobias
    17. November 2010, 9:30

    Ich hab den Beitrag gesehen (peinlicherweise schau ich häufiger die „AKS“, wie sie das Magazin peinlicherweise gerne auch auf Sendung nennen) und in etwa das Gleiche ist mir auch durch den Kopf geschossen. Ich will gar nicht anfangen, weiter über die Aktuelle Stunde oder das Vorabendprogramm des WDR im Allgemeinen herzuziehen – das sähe nicht schön aus und hätte kein Ende. Aber es ist einfach nur schade.

  5. yeda
    17. November 2010, 9:57

    Ich könnte jedesmal ausrasten, wenn Susanne Wieseler wie ein Huhn, das auf dem Boden Körner sucht, während sie redet (eigentlich auch, wenn der Moderationspartner redet) ruckartig immer wieder die Position ihres Kopfes verändert.

    Kopf nach oben, eins zwei, leicht nach links neigen, eins zwei, nach unten, seriös gucken, eins zwei. Es wirkt so unentspannt und einprogrammiert, als habe jemand versucht, einem Roboter einen lockeren, kleinen Tick zu verpassen, damit er nicht so unentspannt und programmiert wirkt.

  6. Lutz
    17. November 2010, 10:00

    @Nummer Neun: Die „Aktuelle Stunde“ ist die Hauptnachrichtensendung im WDR (Eigenangabe WDR). De facto ist es eine Boulevardsendung mit Schwerpunkt NRW und einem Kurznachrichtenblock mit Wetterbericht. Danach läuft dann die Lokalzeit, die das Prinzip dann auf kleinere Teile des Landes herunterbricht. Dabei kommt es durchaus vor, dass man einen Bericht aus der Aktuellen Stunde noch einmal zu sehen bekommt, weil er im eigenen Sendegebiet entstanden ist bzw. Bezug dazu hat.

  7. Su
    17. November 2010, 10:46

    Leider (oder glücklichweise?) habe ich keinen aktuellen Vergleich zu den Privatsendern, da ich hier im Niemandsland zwischen NRW und Niedersachsen per DVB-T nur die Öffentlich-Rechtlichen empfangen kann. Aber die „Aktuelle Stunde“ wirkt schon seit längerem auf mich, als wolle sie krampfhaft wie ein beliebiges und somit völlig austauschbares, wenn nicht sogar durch einfachen Druck auf die Fernbedienung umschaltbares boulevardesques Nachrichtenformat werden. Zwar gelingt den Redakteuren und Moderatoren das langsam und stetig, auch durch Menschen wie Thomas Bug, aber wenigstens zeigen sie noch keine danielakatzenbergerhaften Beiträge oder sonstige Prekariatsunterhaltung.

  8. Ben
    17. November 2010, 11:10

    Die 90er sind ganz gerührt, dass du das Wort „pfiffig“ untergebracht hast. :)

  9. Knut
    17. November 2010, 12:48

    Die AKS ist ganz nett, wenn es was zu berichten gibt. Leider können sie sich nicht entschliessen die schönsten Experimente aus Quarks & Co. oder eine paar Rockpalast-Gigs zu wiederholen, wenn im Lande nichts berichtenswertes los ist.

    Wann sind eigentlich die Tigerbabies im Wuppertaler Zoo gelaufen ?

  10. Christian
    17. November 2010, 12:54

    Jetzt kann sich jeder mal für sich fragen was denn da passieren soll, wenn ein Beitrag zwischendrin sich als absolute Luftnummer entpuppt. „Tut uns Leid, wir hatten hier einen Beitrag geplant für die nächsten drei Minuten – der war aber leider doof, sie bekommen statt dessen jetzt 3 Minuten lang die Kakteen bei uns im Büro zu sehen, viel Spass“ ? Die Sendung muss ja jeden Tag irgendwie „voll“ werden mit aktuellem Zeug. Wenn dann mal ein Beitrag schief läuft bleibt einen trotzdem nicht viel über als den zu senden. Wenn das natürlich die Regel wird … hilft nur abschalten.

  11. nona
    17. November 2010, 13:04

    Jau, den Kerpen-Bericht habe ich auch mit einem halben Auge gesehen, und konnte den Unfug schier nicht fassen. Sowohl das an den Haaren herbeiziehen eines Themas war beispielhaft für den schon lange etablierten traurigen Zustand der Sendung (quasi „In Südindien ist gestern ein Fahrradreifen geplatzt. Doch auch auf NRWs Strassen fahren Fahrräder. Was sagen Bochums Autofahrer dazu?“), als auch die typische erstaunte Reaktion eines Interviewten auf eine völlig abwegige Frage (die gibt es mindestens jedesmal, wenn sie wieder Sensationsberichte darüber bauen, dass es im Winter geschneit hat, und schockierte Stimmen von Bürgern gesucht werden, ohne welche zu finden…).

    Siehe auch:
    http://www.stefan-niggemeier.d.....ent-128635

  12. Tobias
    17. November 2010, 14:51

    @10 / Christian: Klar ist sowas für die Redaktion doof und bei vielen mauen Beiträgen ist das auch vollkommen verständlich. Aber es gibt auch Themen, die von vorneherein als vollkommener Unfug zu identifizieren sind und deshalb gar nicht erst in Auftrag zu geben werden bräuchten. Und das hier ist so eins.
    (Und man muss auch mal ganz klar sagen: Das trifft jetzt gar nicht mal die Redaktion allein. Es ist noch nicht mal unwahrscheinlich, dass in der Redaktion keiner dieses Thema machen WOLLTE. Oder?)

  13. Jan
    18. November 2010, 1:34

    Ohne den Beitrag gesehen zu haben, klingt das für mich dennoch auch sehr eindeutig nach Satire. Ob man das lustig findet, steht auf einem anderen Blatt. Aber ein hochseriös-investigativer Beitrag war sicher nicht geplant….

  14. peeeee
    1. Dezember 2010, 14:18

    Ich würde sagen:“Ziel erreicht!!!!)

    Einen (guten???) (zumindest interessanten ) Fernsehbeitrag erkennt man daran, dass über ihn geredet wird. Am besten nicht nur in Foren, sondern möglichst auch noch in der Stammkneipe oder zuhause beim Abendessen.
    Also, schreibt und redet weiter, denn…..
    cogito, ergo sum!!!

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