If Only

Von Lukas Heinser, 24. Juni 2010 14:10

Das ist natürlich ein wahnsinnig egoistischer Gedanke, aber ich hatte mir das anders vorgestellt. Ich hatte gedacht, dass ich mich mit etwa 50 Jahren darauf einstellen müsste, von den Helden meiner Kindheit und Jugend Abschied zu nehmen (von denen aus dem Plattenschrank meiner Eltern übernommenen Helden vielleicht etwas früher).

Douglas Adams starb im Jahr 2001, mit unfassbaren 49 Jahren. Elliott Smith (34) und Johnny Cash (71) starben, bevor ich mich richtig mit ihrem Werk beschäftigt hatte. Als Heath Ledger (28), Michael Jackson (50) und Stephen Gately (33) starben, verschwanden plötzlich Leute, die ich beim Aufwachsen irgendwie in meinem Sichtfeld gehabt hatte.

Jay Reatard war 29, als ich wusste (wieder so ein egoistischer Gedanke), dass ich nie eines seiner Konzerte würde besuchen können. Stuart Cable war auch gerade mal 40 — und die Stereophonics hatten mit 16, 17 schon eine große Rolle in meinem Leben gespielt.

Jetzt also Frank Giering, der Mann mit den traurigsten Augen. „Absolute Giganten“, der wohl größte Film, der einem 16-Jährigen vor die Füße fallen kann, und dessen Mischung aus Sehnsucht, Party und Melancholie natürlich all das vorwegnahm, was da im eigenen Leben noch so kommen sollte. Oder habe ich versucht, mein eigenes Erwachsenwerden durch die Kameralinse von „Absolute Giganten“ zu sehen? Wie kann man denn nicht bei Sonnenaufgang auf der Rückbank eines Autos sitzen, ohne „Wie spät ist es eigentlich?“ zu fragen und dabei an Frank Giering zu denken.

Es war ja nur eine Meldung, auf einer nicht gerade vertrauenswürdigen Newsticker-Seite im Internet. Keine Quellenangabe. Aber warum sollte man Falschmeldungen über Schauspieler verbreiten, die nicht gerade auf den Klatschseiten der Trashmedien zuhause sind? Also: Warten und googeln und dabei Interviews finden, die man vor der Ahnung eines viel zu frühen Todes natürlich sofort ganz anders liest. Aber was muss das für ein zerbrechlicher Mann gewesen sein, wenn man das jetzt so liest. Scheiße, wieso denn „gewesen sein“? Und dann die Bestätigungen.

Es gab in meinem Leben keine Berührungspunkte mit Frank Giering. Sebastian Schipper, den Regisseur von „Absolute Giganten“, habe ich vor acht Jahren auf der Berlinale getroffen, wobei „überfallen“ vielleicht das richtigere Wort ist: Ich sah ihn von weitem, rief seinen Namen, rannte ihm aufgeregt hinterher und muss wie ein Wasserfall gewirkt haben, als ich ihm sagte, wie viel mir sein Film bedeute. (Dass Schippers weitere Filme eher so „geht so“ waren, lässt das Debüt natürlich noch ein bisschen heller strahlen.) Mit Florian Lukas und Antoine Monot Jr., den anderen „Giganten“, habe ich E-Mail- und Telefoninterviews geführt, in denen ich gar nicht an „Absolute Giganten“ vorbeikam. Von Frank Giering kannte ich nur diesen einen beeindruckenden Film, der ausgereicht hat, um ihn unsterblich zu machen — ein Adjektiv, das plötzlich gleichermaßen unpassend wie tröstend wirken kann.

Weißt du, was ich manchmal denke? Es müßte immer Musik da sein. Bei allem, was du machst. Und wenn’s so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo sie am allerschönsten ist, da müßte die Platte springen, und du hörst immer nur diesen einen Moment.

(Sebastian Schipper: „Absolute Giganten“, Europa Verlag Hamburg/Wien 1999)

Musik!

27 Kommentare

  1. steph
    24. Juni 2010, 14:15

    Diese maximal 30 Sekunden da oben haben Leben geformt. Überhaupt keine Frage. Viel zu früh, viel zu jung. Das Spiegel-Interview liest sich heute wie eine düstere Vorahnung

  2. Mischa
    24. Juni 2010, 14:15

    Ich möchte mich dem anschließen.

  3. TF
    24. Juni 2010, 14:28

    Wahre Worte.

  4. Katti
    24. Juni 2010, 14:30

    Als ich die Nachricht heute morgen mehr oder weniger im Vorgehen las… ach scheiße. Und dazu dann die Musik. Und die Erinnerung an den Film, der mich immer wieder vor Ehrfurcht erstarren lässt.

  5. Thomas K
    24. Juni 2010, 14:51

    Ich musste kräftig schlucken und durchatmen als ich das las. So ein verdammt guter Schauspieler, der da von uns geht. Heute Abend zünde ich eine Wunderkerze an…

  6. Frank Giering (1971-2010) /// Fresh! Fresher! Läscher!
    24. Juni 2010, 16:48

    […] mehr unter uns weilt. Zu seiner Bedeutung für meine Generation hat Lukas Heinser bereits alles gesagt, und so bleibt mir nur, die Schlüsselszene aus „Absolute Giganten“ zu verlinken, […]

  7. archeophyt
    24. Juni 2010, 16:54

    Absolute Giganten ist für mich nach wie vor einer der wichtigsten, schönsten und prägendsten deutschen Filme. Und Frank Giering war und ist für mich einer der wenigen herausragenden deutschen Schauspieler. Leider bekam er zu wenige Gelegenheiten, sein großes Talent in großen Filmen zu verwirklichen. Er war allerdings der beste Beleg für den Satz, dass es keine kleinen Rollen, nur kleine Schauspieler gibt. Sehr schade, dass er gegangen ist.

  8. Zum Tode Frank Gierings: If only… | netzfeuilleton.de
    24. Juni 2010, 17:14

    […] Artikel stammt von Lukas Heinser, der auf coffeandtv.de sehr persönlich von Franck Giering Abschied genommen hat und mir freundlicherweise erlaubt […]

  9. frank giering. - popkulturjunkie.de
    24. Juni 2010, 19:37

    […] Lukas Heinser geht es ähnilch wie mir, er konnte es aber besser in Worte fassen als ich. […]

  10. wajakla
    24. Juni 2010, 19:53

    Das ist ein feiner Nachruf, Lukas. Respekt.

  11. Jan
    24. Juni 2010, 20:56

    Für mich kam Absolute Giganten am Ende meiner 20er, und auch bei mir passte er mit dieser von dir beschriebenen Gefühlsmischung wie die Faust aufs Auge (Ende der Studienzeit etc.).

    Ein schöner, angemessener Nachruf.

    Eine Wunderkerze für Frank.

  12. CarolinN
    24. Juni 2010, 21:51

    Gott, was eine großartige Szene. Danke für die schönen Worte, Lukas!

  13. rike
    24. Juni 2010, 22:27

    „Eigentlich geht es darum, dass das Leben groß, wunderbar, wütend, verzweifelt, gigantisch, aggressiv, verblödet, melancholisch und albern ist. Alles, aber nicht klein und scheiße.“ (Sebastian Schipper über Absolute Giganten)

    Danke für den schönen Nachruf, Lukas.

  14. Sebastian
    24. Juni 2010, 23:30

    Das tut immer gut, einen Seelenverwandten zu treffen. Das tut immer weh, wenn der Anlass so ein trauriger ist. Es ist erst kurze Zeit her, daß ich meine Giganten Premiere vor Augen hielt. Vor, während und nach dem Konzert von Robin Proper Sheppard im Soicietätstheater (Dresden), der sein Herz wieder auf sehr offener Zunge trug und dadurch einmal mehr die unübertroffene Symbiose von Film und Musik (und wie sich zeigte auch Schauspielern) in Absolute Gigaten aufzeigte.

    Als ich den Film das erste Mal sah, habe ich noch in Kassel gelebt zusammen mit einem sehr guten Freund, der mit Sophia gearbeitet hat später die Tourneen für Julia Hummer organisierte. Die Welt ist klein!

    An Tagen wie diesen aber scheint sie unendlich groß und leer.

    Ist es zynisch, wenn einem der Gedanke kommt, daß man als junger Melancholiker nie in einem Film spielen sollte, der „Giganten“ im Titel trägt und in dem Autoszenen eine Rolle spielen?

    Danke für den schönen Nachruf!

  15. Links anne Ruhr (25.06.2010) » Pottblog
    25. Juni 2010, 5:24

    […] If Only (Coffee And TV) – Zum Tode von Frank Giering. (und jetzt weiß ich, dass ich mir den Film “Absolute Giganten” unbedingt mal anschauen muss!) […]

  16. pottkieker
    25. Juni 2010, 12:18

    Großartiger Schauspieler. Auch wenn ich den hier so hochgelobten Film viel zu bemüht tiefgründig (in einem Wort: viel zu deutsch) fand.

    Und ein Interview mit jemandem, der auch mal etwas gesagt hat, der nicht nur geplappert hat. Der Entscheidungen getroffen hat und nicht nur das Leben aller mitgelebt hat.

    Möge er Frieden finden.

  17. Ronney
    25. Juni 2010, 12:36

    Lukas du so Recht!!!

  18. zoey
    25. Juni 2010, 12:59

    laufe auch seit gestern total angeschlagen rum und weiß nicht, wohin mit meiner trauer. danke für den artikel. er war einfach ein großartiger schauspieler.

  19. Zahnwart
    25. Juni 2010, 14:14

    Schöner Nachruf. Und, ja, viele seiner Filme gehören in die Kategorie „geht so“, aber kaum einer war wirklich schlecht. Wirklich schlechte Filme kann auch ein großartiger Schauspieler nicht mehr retten, in „Geht so“-Filmen aber kann ein guter Schauspieler immer noch glänzen. Wie Frank Giering.

  20. Frank Giering. Jederzeit der unmögliche Fall. « 3Toastbrot
    25. Juni 2010, 16:51

    […] ist es eine Rolle. „Absolute Giganten“ konnte daran nichts ändern, Baader ebensowenig und auch Auftritte im Tatort nicht. Denn es […]

  21. Unstet
    26. Juni 2010, 1:15

    Für Cineasten nur kurz hier der Hinweis: Frank Giering ist wohl zuerst größer bekannt geworden durch seine Rolle im Film „Funny Games“ von Michael Haneke. Dort spricht übrigens sein Compagnon den Satz “Wie spät ist es eigentlich?”.

    Da ich „Absolute Giganten“ nicht kenne, möchte ich aber zumindest „Funny Games“ empfehlen. Ein Film, der (kurz gesagt) lt. Haneke zeigen soll, dass Gewalt nicht konsumierbar ist und der sich im Verlauf selbst analysiert.

    Das lasse ich mal so stehen und bitte meine wohl eher nüchternen Worte zu entschuldigen.

  22. Kunar
    27. Juni 2010, 15:34

    Beruhigend, dass dieser Schauspieler nicht nur mir im Gedächtnis geblieben ist. Anscheinend gehört „ständig auf Seite 1 der Klatsch- und Tratschmagazine“ doch nicht zu den Voraussetzungen für Bekanntheit. Ich habe ihn immer mit Giovanni Ribis verglichen; das runde Gesicht und der traurige Blick kamen mir ähnlich vor.

  23. panousac
    27. Juni 2010, 16:56

    Großartiger Moment in der oben eingebetteten Szene aus „Absolute Gigangten“: Julia Hummer, die sich schüchtern und still und verliebt an die leere Stelle legt, die Floyd hinterlassen hat. Irgendwie passt das zu dem oben verlinkten Interview mit Frank Giering, in dem er sagt, dass er nicht nur im Spiel sondern auch im Privaten den König lieber geworfen hat, als das Verlieren zu riskieren.

  24. finzent
    28. Juni 2010, 16:13

    „Großartiger Moment in der oben eingebetteten Szene aus “Absolute Gigangten”: Julia Hummer, die sich schüchtern und still und verliebt an die leere Stelle legt, die Floyd hinterlassen hat.“

    Ich hätte es eher als „total breit und fertig“ bezeichnet, aber es stimmt, die Szene (wie der ganze Film) ist toll.

  25. Frank
    29. Juni 2010, 14:48

    *sign*

  26. Martina
    9. Juli 2010, 23:21

    Ich kann nur sagen: Ich empfinde unendliche Trauer über diesen viel zu frühen Abgang. Möge Frank nun in einer besseren Welt sein. R.iP.

  27. ringoletto
    24. August 2010, 13:32

    Ich möchte Hrn. Schipper, den Schauspielern und dem gesamten Filmteam für „Absolute Giganten“ danken. Mit diesem Film wurde etwas ganz Großes geschaffen. Ich habe selten etwas derart stimmiges und inneinander passendes erlebt. Ganz, ganz grosser kleiner Film!!!
    Ciao Frank!

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