Out of „View“

Von Lukas Heinser, 2. Mai 2008 16:58

Für schlecht arbeitende Journalisten müssen Blogs die Hölle sein. Hätte früher niemand die Meldung, dass ein Sex-Video der Popsängerin Shakira aufgetaucht sein soll, in Zweifel gezogen, wenn sie erst mal überall gestanden hat, machen sich Blogger heute einen Spaß daraus, die Meldung als Aprilscherz zu enttarnen und Onlineportale und Agenturen damit heimzusuchen.

Hauptsache Sex-Skandal.

Eigentlich war das Thema für mich dann auch gegessen, aber Nummer 9 wies in den Kommentaren darauf hin, dass es die Meldung auch in die Mai-Ausgabe des Foto-Magazins „View“ geschafft hatte:

Bei “View” glaubt man noch immer an das Shakira-Sex-Video.

Da es ja schon lange nicht mehr um das angebliche Homevideo und den zugrundeliegenden Aprilscherz geht, sondern um die generelle Einstellung von Journalisten zum Thema Recherche, schrieb ich eine E-Mail an die Redaktion von „View“, die in einer – wie ich fand – einfachen Frage mündete:

Lag der Redaktionsschluss für das Mai-Heft so früh, dass Sie von der Auflösung des Aprilscherzes (am 2. bzw. 4. April) nichts mitbekommen konnten, oder recherchieren Sie in Fällen, die das Privatleben von Stars betreffen, generell nicht weiter nach?

Offenbar hatte ich mich damit böse im Ton vergriffen, denn in der Antwort-E-Mail, die mir Hans-Peter Junker, stellvertretender Chefredakteur von „View“, eine Stunde später schrieb, fand er zwar lobende Worte für dieses Blog, fuhr aber fort:

Sie werden aber verstehen, dass ich eine Frage, wie „Lag der Redaktionsschluss für das Mai-Heft so früh, dass Sie von der Auflösung des Aprilscherzes (am 2. bzw. 4. April) nichts mitbekommen konnten, oder recherchieren Sie in Fällen, die das Privatleben von Stars betreffen, generell nicht weiter nach?“ nicht beantworten kann.

Ich denke, wenn Sie mein Statement im Wortlaut so abdrucken, werden das auch Ihre Leser verstehen.

Nun kann ich über Ihr Verständnis natürlich schwerlich urteilen und bemühte mich deshalb, mit einer Umformulierung meiner Frage in der Geschmacksrichtung „journalistisch“ weiter um eine Antwort:

Wie war es, trotz der hohen journalistischen Standards, die im Hause „View“/“Stern“ vorherrschen, möglich, dass Ihre Redaktion auf diesen (aufgeklärten) Aprilscherz hereingefallen ist?

Doch der Zug war abgefahren:

Sie kennen sicher den Satz:
„You never have the second chance to make a first impression.“

Sie haben leider die niedrigen Standards, die ich an einen höflichen und kollegialen Umgang stelle, unterlaufen.

Ich sehe daher keinen Sinn, diesen Mailwechsel fortzusetzen.

Jetzt werden Sie wegen meiner unverschämten Formulierung nie erfahren, wie es der Shakira-Falschmeldung gelungen ist, die hohen journalistischen Ansprüche in der Redaktion von „View“ auszutricksen. Das tut mir aufrichtig leid.

Mit Dank an Markus fürs Abfotografieren der Zeitschrift.

8 Kommentare

  1. Basti
    2. Mai 2008, 20:02

    Oh man da fühlt sich aber jemand heftig auf den Schlips getreten. War es nich sonst immer anders herum, dass die Journalisten so dreist waren und die Interviewpartner darunter leiden mussten? Es ändert sich wohl so vieles durch das Web 2.0 ;)
    P.S. super Formulierung (nicht die letzte, ofc)

  2. ix
    2. Mai 2008, 22:09

    ich bin ja leser hier und ich glaube ich verstehe was herr junker meint. er meint, du seist ein viel zu kleines licht, als dass er sich mit dir ernsthaft auseinandersetzen müsse.

    was mich jedoch irritiert ist, dass er höflichkeit und den ersten eindruck den man macht zu einer journalistischen tugend erhebt.

    immerhin hast du es schriftlich, dass herr junker eher niedrige standards hat. das deckt sich übrigens mit meinem eindruck von den druckerzeugnissen mit dem stern drauf.

  3. ben.gt
    3. Mai 2008, 10:41

    Nun ja, für eine erste Kontaktaufnahme ist die Frage auch recht frech gestellt. Auf so einen „Seid ihr immer so scheiße, oder nur heute“-Vorwurf würde ich auch nicht eingehen wollen.

  4. dak
    3. Mai 2008, 10:52

    also ich hab das statement nicht verstanden. ich erfülle die hohen, äh niederen, intellektuellen ansprüche des herrn junker wohl leider nicht.

  5. Kiki
    5. Mai 2008, 11:18

    Ich bin auch etwas erstaunt: Da hatte ich Dummerchen doch gedacht, der Stern nähme es nur mit der Recherche zu kleineren Themen nicht so genau (Stichtwort: Führers Tagebücher), aber hätte wenigstens bei ihren Brot- und Butter-Themen aus der Unterhaltungsbranche ihre Fakten auf der Kette. Kernkompetenzschmelze?

  6. SvenR
    5. Mai 2008, 17:39

    Ich verstehe das nicht: Die machen haarsträubende Fehler und sind nicht in der Lage dazu zu stehen. Ist das wirklich so schwer zu sagen: „Oh, da haben wir Mist gebaut, das korrigieren wir jetzt, und einen neuen Qualitätssicherungsprozess … laber lüg … haben wir jetzt auch.“?

  7. Omori
    7. Mai 2008, 8:58

    Tja, Herr Junker, auf eine Falschmeldung hereinfallen ist ja noch nicht so schlimm, das ist schon ganz anderen passiert, aber Ihre Reaktion auf die sachliche, wenn auch etwas provokative Anfrage ist doch mehr als dürftig …

  8. Manniac
    7. Mai 2008, 14:23

    Wie kannst Du es auch wagen, einen Chefredaktuer auf Fehler in seiner Zeitung aufmerksam zu machen? Der Mann ist doch schon damit geschlagen, dass er nur stellvertretend chefredigiert, und jetzt kommst Du und machst ihm das auch noch madig :)