Sort Of Revolution

Von Annika Krüger, 18. Juni 2009 12:14

Bildungsstreik in Weingarten

Erwartet haben die Veranstalter an meiner Uni nicht viel, zu gering war die Resonanz der Studenten an den Aktionstagen. Zu gering das Engagement, mit den immergleichen Aussagen wird man als naiver Tölpel abgestempelt. Man sei ein Träumer oder zu links, die Forderungen zu groß und überzogen. Die Skeptiker haben an jeder Ecke gelauert. „Wenn wir 200 Leute bekommen, haben wir schon viel erreicht“, so eine Organisatorin.

Ich weiß nicht wie es Skeptikern ging, aber als ich gestern an meiner Uni stand und als anstatt der erwarteten 200 sich ganz plötzlich unerwartete 1.300 Menschen auftauchten, konnte man die Anspannung in den Gesichtern weichen sehen. Das mag jetzt pathetisch klingen, aber man hatte wirklich das Gefühl, dass man heute ein Zeichen setzt.

Auch Deutschlandweit wurde die Zahl der tatsächlich Mitwirkenden unterschätzt, über 240.000 StudentInnen, SchülerInnen waren auf der Straße in mehr als 80 Großstädten. Die Bilanz kann sich sehen lassen.

Vom Campus aus zogen alle Demonstranten durch die Weingärtner Innenstadt zum Löwenplatz, dem hiesigen Marktplatz. Dort wurden die Zwischenkundgebungen abgehalten, nicht nur die AstA und UstA hielten Ansprachen, sondern auch einer der Hochschulprofessoren der PH hielt eine sehr eindringliche Rede, in der er den Demonstranten die Sicht der Professoren schilderte, dass es auch für die Hochschule nicht einfach ist mit den Beschlüssen der Politik und dem Bologna Prozess auszukommen, als letztes sprach auch eine Kandidatin der Grünen.

Es war eine sehr friedliche und dennoch eindringliche Stimmung. Nach den Zwischenkundgebungen lief die Demonstration weiter, auf der Hauptstraße entlang zurück zum Unigelände. Dort hielten der Schülersprecher der zwölften Klasse sowie ein Abgeordneter der SPD die beiden letzten Ansprachen des Tages.

Nach den Kundgebungen spielten die unieigenen Bands für die Demonstranten. Bis in den frühen Abend wurden nicht nur gefeiert, sondern auch diskutiert. Ausschreitungen oder Krawalle gab es keine. Von Seiten der Polizei und Hochschule gab es großes Lob, die Demonstration in Weingarten war ein Erfolg, vor allem auch die Besonnenheit der Demonstranten wurde gelobt.

Bildungsstreik in Weingarten

Hier noch einige Stimmen:

„Ich hätte nie im Leben damit gerechnet, dass 20 Menschen über 1.000 andere motivieren können!“, Steffen H.

„Die Art und Weise der Demonstration hat hoffentlich allen Skeptikern gezeigt, dass man doch noch etwas Bewegen kann. Man muss jetzt nur am Ball bleiben!“, Lena E.

„Ich glaube wirklich, das es ein Zeichen gesetzt hat, zumindest weiß die Hochschule sowie die Politik jetzt, dass wir uns nicht alles gefallen lassen. Und wird in Zukunft bei ihren Beschlüssen anders entscheiden“, Julia A.

„Ich bin total stolz auf alle, die mitgelaufen sind. Ich hätte damit nie gerechnet. Meine ganzen Zweifel sind ein Stückchen geschrumpft. Ich hoffe das es so weiter geht und die Politik sowie die Hochschule sich bewusst wird, welche Verantwortung sie haben“, Sandra P.

10 Kommentare

  1. erz
    18. Juni 2009, 13:30

    Optimal wäre es natürlich, wenn man es endlich schaffen würde, sich mit der Professorenschaft zu solidarisieren und an einem gemeinsamen Strang zu ziehen. Leider ist aus bitterer Erfahrung in den UniInternen Gremien das Verhältnis von Studierenden zur Hochschulverwaltung und der Professorenschaft ein sehr gespanntes. Das ist insofern doppelt ärgerlich, als es gerade die Arroganz ist, die weite Teile der Alteingesessenen ihren Studierenden gegenüber an den Tag legen, der die Wissenschaft als solche gesellschaftlich isoliert. Arroganz kommt einfach nicht gut an. Da wird es schwer, Forderungen zu begründen.

    Um so wichtiger ist es für die Studierenden, sich wenigstens beim Rest der Gesellschaft Gehör zu verschaffen und nicht in ein Schema von „wir“ und „ihr“ zu verfallen. Es wäre toll, wenn man den Schwung mitnehmen könnte, dass die Studierenden selbst sich endlich solidarisieren und eine große Gruppe mobilisieren. Diesen Schwung nicht nur in Demonstrationen zu kanalisieren, sondern in ein aktives Angebot an Nichtakademiker, das wäre in meinen Augen der nächste Schritt.

    Es sieht nämlich für weite Teile der Bevölkerung leider immer so aus, als würden die Wohlstandsblagen ihre Luxusprobleme beklagen. Deshalb würde ich mich freuen, wenn die Studierenden es endlich schafften, die Bevölkerung über den Nutzen und die Notwendigkeit von hochspezialisierter Ausbildung aufzuklären. Wie wäre es denn mit mehr öffentlichen Seminaren und kreativen Vorträgen in der Fußgängerzone? Mit medienwirksamen Besuchen in Altersheimen und Armenküchen, wenn man schon streikt. Demonstrieren, dass man der Gesellschaft etwas zurückgeben will und nicht nur Forderungen stellt.

    Dann wird hoffentlich auch nach und nach die Debatte um Bildungspolitik von den Betroffenen geführt, die sich so eine Lobby erarbeiten, statt dass über Bildung ständig nur von Arbeitgebervertretern, Gewerkschaftlern und Politikern geredet wird.

  2. JMK
    18. Juni 2009, 14:08

    „medienwirksamen Besuchen in Altersheimen und Armenküchen“
    stimmt die Menschen die kaum was zu futtern haben, die haben bestimmt Verständnis für die Probleme der Studenten. Ach so, es geht nur darum medienwirksam solche Leute vor den Karren zu spannen. Na dann.
    Sorry, das ist mir zu zynisch.

  3. noir.desir.
    18. Juni 2009, 14:14

    Von bezaubernder Naivität, diese Stimmen der „Studierenden“. Ich denke auch: Die Politiker werden beeindruckt sein.

    Wer neben dem Studium auch noch ein wenig Bezug zum Rest der Welt behält, der wird schnell sehen, dass den meisten die Belange der Universitäten am ***** vorbeigehen: Dort wittert man die Privilegierten, die Kinder der verhassten Chefs. Da findet einfach keine Solidarisierung statt.

    Betrachtet man die Selbstgerechtigkeit, mit der viele die eigenen Probleme dort über wesentlich existenziellere Probleme anderer stellen, zu möchte ich fast sagen: zurecht.

  4. Lukas
    18. Juni 2009, 14:35

    @noir.desir.: Mir ist Naivität sehr viel sympathischer als Hass oder Trotz.

  5. Jörn
    18. Juni 2009, 14:40

    Wer bzw. was sind denn unieigene Bands?

  6. Alberto Green
    18. Juni 2009, 16:20

    “Ich bin total stolz auf alle, die mitgelaufen sind.“ Aua. Schon klar, was sie meint, aber: Aua.

  7. erz
    18. Juni 2009, 16:49

    Die Besuche in Altersheimen sollten gerade nicht zynisch geprägt, sondern ganz im Gegenteil von echtem Bemühen um Austausch getragen sein. So kann man dann die Vorurteile von den privilegierten Chefkindern nach und nach entkräften. Raus aus der Uni, ran an die Menschen. Das braucht „geben“ und nicht nur Teilnahme heucheln und um Unterstützung betteln.

    Die Wissenschaft muss Zugang zur Gesellschaft finden und das kann sie nur, indem sie ohne Arroganz auf die Nichtakademiker zugeht. Dann kann sie vielleicht auch Solidarität wecken, wenn sie als Teil der Gesellschaft, als Teil von „uns“ statt als „die anderen“ auftritt. Die Studenten könnten ihren Professoren da doch mit gutem Beispiel voran gehen.

    Und Medienwirksamkeit nehme ich als Zubrot immer gerne mit. Da bin ich zynisch genug für.

  8. NETZSPERREN | DMN LGSH
    19. Juni 2009, 13:15

    […] lügen, argumentieren nachweislich falsch, ignorieren Tausende von Demonstranten und rekordbrechende Onlinepetitionen und kommen dann am nächsten Tag schon mit der nächsten […]

  9. noir.desir.
    25. Juni 2009, 11:07

    Julia A. wird die Realität noch früh genug kennenlernen, wenn’s ohne Blowjob nur zu einem „Ausreichend“ in der Zwischenprüfung reicht und wenn auch das „Gut“ in der Abschlussprüfung nur für einen Job im Call-Center reicht.

    Lassen wir ihr ihre Träume noch für ein paar Jahre.

  10. Lukas
    25. Juni 2009, 13:01

    @noir.desir.: Wo auch immer Sie gelernt haben, derart zynisch zu werden: Würden es Ihnen etwas ausmachen, dorthin zurückzugehen?