Leser fragen, Horst Seidenfaden belehrt

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 26. Januar 2013 12:47

Vor zwei Monaten berichteten wir im BILDblog über ungekennzeichnete Nivea-Werbung im Internetauftritt der “Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen” (HNA). Der Kollege Mats Schönauer hatte dafür auch einen Fragenkatalog an den Chefredakteur der Zeitung, Horst Seidenfaden, geschickt.

Seidenfadens Antwort fiel etwas unterkühlt aus:

Sehr geehrter Herr Schönauer,

ich kenne Sie nicht, erkenne auch keinen Hinweis auf eine seriöse Tätigkeit, finde das Vorgehen bemerkenswert unprofessionell und wüsste nicht, warum ich meine Zeit für Ihre Anfrage spenden sollte.

Gruß
Horst Seidenfaden

Ich weiß nicht, ob es Mats tröstet, aber das war offensichtlich kein Einzelfall.

Die HNA hat auf ihrer Internetseite ein neues Projekt gestartet, das sie als “Fragen zum Redaktionsalltag der HNA” bezeichnet:

Anregungen, Kritik, Fragen – was immer Sie auf dem Herzen haben, schreiben Sie uns eine E-Mail an online@hna.de – wir leiten diese an Horst Seidenfaden weiter. Er steht Ihnen Rede und Antwort.

Wer schon einmal in einer Redaktion gearbeitet hat, weiß, dass dort mitunter sehr, sehr merkwürdige Post von Lesern ankommt. In der Regel setzen sich Leute ja nicht hin, um die wieder mal gelungene oder wenigstens okaye Berichterstattung zu lobpreisen, sondern um zu kritisieren und Einblicke in tiefe Abgründe zu gewähren. Man tut gut daran, auf solche Zuschriften nicht zu reagieren — besonders, wenn die Alternative eine Antwort von Horst Seidenfaden ist.

Kloogschieter (Nickname des Verfassers, die E-Mail-Adresse ist der Redaktion bekannt) wollte Folgendes wissen:

“Mich würde sehr ernsthaft interessieren, warum sich die deutsche Journalie so schwer damit tut, vermeintliche Tabuthemen aufzugreifen, gleich ob dies eine unkontrollierte Zuwanderung, Sonderrechte für Juden und Muslime, Ausländerkriminalität o.ä. betrifft. Ständig auf die 12jährige deutsche Geschichte hinzuweisen kann da ja wohl nicht zielführend sein, zumal dies heute keinen mündigen Bürger mehr hinter dem Ofen hervorlockt.”

Horst Seidenfaden: Journaille bezeichnet in des Wortes Bedeutung eine hinterhältig-gemeine Art von Journalisten und Zeitungen. Da ich weder die HNA noch ihre Mitarbeiter dazu zählen kann, kann ich zu der Anmerkung auch nichts sagen.

Okay, das ist vielleicht nicht der glücklichste Auftakt für eine dreiteilige Frage-Antwort-Reihe.

Nächste Frage:

Kai Boeddinghaus stellte diese Frage:

Was ist da dran? http://www.bildblog.de/43907/niveau-ist-keine-hautcreme-5/. Mich kennen Sie ja, deswegen dürfte angesichts Ihrer Transparenzoffensive eine Beantwortung kein Problem sein. Die Fragen der BILDblog-Betreiber in diesem Kontext sind tatsächlich genau auch die meinen. Ich freue mich sehr auf Ihre Antwort und bedanke mich schon jetzt für Ihre Bemühungen.

Horst Seidenfaden: Hallo, Herr Boeddinghaus, zunächst eine kleine, aber für mich nicht unwichtige Korrektur: ich kenne Sie nicht – ich weiß lediglich, wer Sie sind.

*seufz*

Aber Horst Seidenfaden, der überraschenderweise nie als Studienrat gearbeitet hat, kommt ja dann doch noch zur … äh: Sache.

Die Fragen aus dem Bildblog sind ja einige Tage alt, schön, dass auch Sie mittlerweile drauf gestoßen sind. In der Tat haben wir in diesem Bereich unserer Website einen Fehler gemacht, den wir – aufmerksam geworden durch diesen Hinwies – mittlerweile korrigiert haben. das ist meines Wissens auch den Bildblog-Machern durch unsere Online-Redaktion mitgeteilt worden, wir achten künftig verstärkt auf die Trennung von kommerziellen und redaktionellen Inhalten. Da wir den Fehler ja zugegeben haben und unsere Lehren daraus ziehen erübrigt sich auch die Beantwortung der Fragen. Ziel eines solchen Blogs sollte es ja sein, Dinge zu verbessern – das ist erfolgt.

Mit zunehmender Lektüre drängt sich der Eindruck auf, dass die Redakteure von hna.de ihren Chefredakteur nicht sonderlich mögen. Sonst hätten sie ihm seine altklugen Einleitungssätze einfach vor Veröffentlichung aus den Antworten getilgt.

So muss sich der Leser, der eine Frage zur Urhebernennung bei abgedruckten Fotos gestellt hatte, von Seidenfahren “zunächst einmal” belehren lassen, dass es kein “Deutsches Pressegesetz” gebe — das sei Ländersache. Dem Leser, der fragte, wie die HNA-Redaktion Fehler vermeide bzw. korrigiere, erklärt der Chefredakteur, “zunächst einmal” sei “jeder Redakteur für seinen Text oder den eines freien Mitarbeiters, den er bearbeitet, verantwortlich”.

Andererseits musste er sich von seinen Lesern auch ganz schön was anhören:

Jürgen Töllner merkte Folgendes an:

Schade, dass die HNA nicht überparteilich ist, siehe auch 1,5 Seiten “Lobeshymne Merkel” vor der Niedersachsenwahl und teilweise auf Bildzeitungsniveau agiert. Aber solange Sie Herr Seidenfaden die Fäden in der Hand halten, wird sich daran nichts ändern. Wegen fehlender Alternative bin ich noch HNA-Leser, aber nicht mehr lange.

Ich kenne die HNA zu wenig, um die Kritik des Lesers beurteilen zu können, aber in diesem Fall ist Horst Seidenfaden mal so freundlich, mir und allen anderen sein Blatt genauer vorzustellen:

Horst Seidenfaden: Die HNA war im vergangenen Jahr von der Abo-Entwicklung her die erfolgreichste Zeitung in Hessen. Unser Online-Auftritt hat bei den Besuchen noch einmal 15 Prozent zugelegt. Der Spitzenwert war 177.000 Visits am Tag. Mit anderen Worten: So falsch kann das Konzept nicht sein – dass dies nicht jedem passt, liegt in der Natur der Sache.

Auch Zeitungen sind Konsumprodukte und wenn sie so polarisieren, wie wir es vor allem in unseren Lokalteilen versuchen, gibt es auch manchen, dem die Suppe nicht schmeckt. Das ist übrigens Bestandteil des Konzepts. Ich kenne nur ein Print-Produkt, dass mit dem Konzept, everybody’s darling zu sein, Erfolg hat: Die Asterix-Hefte. Wie auch immer – das Merke-Interview als Lobeshymne zu bezeichnen halte ich schon für eine sehr grob gepixelte Betrachtung. Wenn eine Regionalzeitung wie die HNA zum ersten Mal in ihrer Geschichte die Chance hat, ein Exklusiv-Interview mit der Regierungschefin zu machen, dann muss man daraus keinen 60-Zeilen-Artikel machen.

Und was die grundsätzliche Beurteilung des Blattes betrifft: Die HNA gilt in der Branche in Deutschland als eine der führenden Zeitungen was Innovation, Leserorientierung, Interaktivität und Multimedialität betrifft. Aber bei manchen gilt der Prophet im eigenen Lande eben nichts. Natürlich können wir Ihre Kritikpunkte auch gern näher besprechen – wenn Sie wollen, rufen Sie mich einfach an.

Ich nehme an, Horst Seidenfaden fährt ein Auto mit Hybris-Antrieb.

13 Kommentare

  1. PS
    26. Januar 2013, 14:21

    Habe über der Artikel in meinem RSS-Reader gut gelacht, was sich dann etwas verringerte als ich feststellte, dass ich gerade nicht, wie vermutet, den Postillion lese.
    Was mE – bei allem berechtigten gebashe – doch recht positiv ist, dass Herr Seidenfaden persönlich antwortet und – schön zuspitzend – scheinbar erklärt, was er grade erklären mag. Das macht das Ganze menschlich und interessant, weil unvorhersehbar.

  2. sv
    26. Januar 2013, 14:44

    So oder so: “grob gepixelte Betrachtung” ist ein schöner Ausdruck, den ich in meinen alltäglichen Sprachgebrauch übernehmen werde.

  3. Links anne Ruhr (28.01.2013) und neue Artikel zur de facto Einstellung der Westfälischen Rundschau (WR) » Pottblog
    28. Januar 2013, 5:24

    [...] Leser fragen, Horst Seidenfaden belehrt – Coffee And TV – Horst Seidenfaden, von der "Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen" (HNA) hat eine ganz eigene Art um Leseranfragen zu reagieren. [...]

  4. jj preston
    28. Januar 2013, 10:47

    Da meint Herr Seidenfaden also, Gefälligkeitsartikel zu schreiben, sei eine seriösere Tätigkeit als die Arbeit für den BILDBLOG?

    Ich frage mich, über wen das mehr verrät: Den Seidenfaden, die HNA oder gleich ganz Hessen?

  5. mh
    28. Januar 2013, 12:31

    Einerseits ist Herr Seidenfaden für den direkten “Kundenverkehr” bemerkenswert ungeeignet und rotzig (wobei ich speziell seine Antwort auf Kloogschieter gerade deswegen sehr mag.)
    Andererseits sehe ich es so wie hier PS. Freut mich, wenn Redaktionen 2.nullige Projekte starten, man sollte sie dahingehend bei aller Kritik auch mal etwas loben. Für den Ansatz zumindest.

  6. teekay
    28. Januar 2013, 12:35

    Respekt an Horst S., dass er so offen seine Belehrungen austeilt. Es ist genau dieser Ton, der mich um jede gedruckte Tageszeitung einen grossen Bogen machen laesst. Horst S. ist Journalist und weiss alles, der Leser ist ein Wuermchen und darf von der HNA lernen. Naja, das Modell entfremdet jetzt schon jeden unter 30jaehrigen (oder aelter) und hat sich in ein paar Jahren dann erledigt…

  7. Wolfgang
    28. Januar 2013, 12:48

    @teekay: Die Entfremdung zwischen abgehobenen Informations-Kuratoren (die sich offenbar noch als “Schriftleiter” im vorgestrigen Sinn verstehen) und Teilen ihrer Kundschaft ist keine Frage des Alters.

    Auf beiden Seiten gibt es in jeder Altersgruppe Lernfähige/Aufgeschlossene und das Gegenteil davon. Die dynamische Entwicklung des jeweiligen Anteils wird in den nächsten Jahren über die Zukunft der gedruckten Tageszeitung entscheiden.

  8. Ralf
    28. Januar 2013, 15:19

    Übrigens wurde gerade die zweite Breitseite gegen die Leser abgefeuert, wieder mit bemerkenswerter Tonalität… Ich kenne die HNA seit meiner Kindheit, und mittlerweile hat sie ja Politik ganz nach hinten verbannt. Die Lokalseiten sind in der Regel sehr gelungen, der Rest ist bedrucktes Papier, dass das Lesen leider nicht wert ist. Ob das alles auf Herrn Seidenfaden zurückzuführen ist oder an der Verlagsleitung ist, kann ich nicht beurteilen. Sicher bin ich mir jedoch darin, dass er seine rotzige Art nicht nur gegenüber den Lesern rauslässt…

  9. DF
    28. Januar 2013, 20:39

    Wer mag schon seinen Chefredakteur? :D Aber jeder Chefredakteur vertritt eine gewisse politische Meinung, die vom Chef des Blattes (in der Regel) kommt. Dementsprechend sucht man sich seine Leute ja aus. Was seine Art natürlich nicht in Schutz nimmt…

  10. houdi
    28. Januar 2013, 22:24

    hm,

    mal abseits des Herrn S.: In meinen augen ist sowas wie “der überraschenderweise nie als Studienrat gearbeitet hat”… echt a) billig, b) überflüssig, c) gegenüber vielen von denen, die täglich mit 33 15-jährigen arbeiten, ungerecht.
    Grüße in die vorurteilswelt…

  11. Robert
    31. Januar 2013, 22:00

    Als Bewohner des HNA-Gebiets finde ich es interessant, welche Wellen der Herr Chefredakteur mit seiner unnachahmlichen Art mittlerweile auch außerhalb “seines Reichs” schlägt. Im Vergleich zu dem Stil, den er noch vor zwei Jahren im “Watchblog” ihrer eigenen Zeitung gepflegt haben, sind die interessierten Leser von oben noch recht höflich bedient worden. Ich kenne die HNA ein bisschen vom watchbloggen und durch persönliche Kontakte, daher wundert mich diese Form der “Leserkommunikation” auch nicht mehr. Ich frage mich bloß, was für eine Haltung dahinter steckt — ist es das Alter, die mangelnde Konkurrenz, …, ich weiß es nicht.

  12. Martin Gixxer
    5. Februar 2013, 7:53

    Man kann vielleicht den Seidenfaden aus der Provinz rausholen, aber nicht die Provinz aus ihm.

    Nach Gutsherrenart moderne Medien “hopp oder topp” zu beherrschen. – Da ist Hotte wohl eher auf dem absteigenden Ast…

  13. Check
    6. Februar 2013, 23:04

    Ist euch aufgefallen, dass die erste Antwort sogar total okay ist?

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