Der Untergang des Abendbrotlandes

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 31. Oktober 2012 16:17

Schon immer kam alles Schlechte aus den USA: Die Meinungsfreiheit, das Frauenwahlrecht, der Rock’n’Roll und das Fast Food. Der neueste (na ja: “neueste”) Angriff auf die deutsche Kultur ist ein Fest, das von denen, die es begehen wollen, heute begangen wird: Halloween.

Eines vorab: Ich hasse es, mich zu verkleiden. Ich habe das als Kind mit großer Begeisterung getan und meinen Vorrat dabei offenbar aufgebraucht. Wer sichergehen will, dass ich nicht zu seiner Geburtstagsfeier komme, richtet einfach eine Bad-Taste- oder Mottoparty aus. Es kostet mich schon Überwindung, einen Anzug zu tragen oder Hosen, die keine Jeans sind. Als ich vor sechs Jahren den Herbst in Nordkalifornien verbrachte, fand ich mich allerdings plötzlich in einem eilig aus grünen Filzbahnen zusammengetackerten Ampelmännchen-Kostüm wieder — und hatte großen Spaß. Niemand kannte mich, alle waren sehr aufwendig kostümiert und es herrschte diese feierliche amerikanische Ernsthaftigkeit vor.

Wenn ich mir allerdings einen amerikanischen Feiertag für den Import aussuchen dürfte, wäre es – neben einem Nationalfeiertag im Sommer – Thanksgiving: Die Festlichkeit und Geselligkeit von Weihnachten ohne diesen ganzen Geschenkestress — die Amerikaner verstehen es zu feiern. Halloween ist ja doch eher was für Menschen, die sich vom Kalender vorschreiben lassen, wann sie mal ausgelassen feiern gehen können, und denen Karneval zu spießig ist.1

Aber gut, muss jeder selbst wissen, wie er seine Freizeit verbringt. Fähnchenschwenkend durch das Pressezentrum bei Eurovision Song Contest zu rennen, fällt bei den meisten Leuten sicher auch eher unter “Special Interest”. Wir sind ein freies Land. Wenn ich mir aber so anschaue, wie heute in meiner Facebook-Timeline westliche Kultur auf westliche Kultur trifft, finde ich, dass die Kontakte mit der islamischen Welt im Großen und Ganzen doch beinahe harmonisch zu nennen sind.

Auf der einen Seite stehen die Leute, die Halloween mit quasi religiösem Eifer begehen. Auf der anderen jene, die sagen, heute sei doch Reformationstag und morgen Allerheiligen.2 Ja, stimmt. Heute ist auch Weltspartag (außer in Deutschland, das für einen Welt-Irgendwas-Tag natürlich wieder eine Ausnahme brauchte — übrigens wegen des Reformationstags) und morgen – für die, denen die Katholische Kirche nicht ideologisch genug ist – Weltvegantag. Die verrücktesten Geister könnten sich nicht ausdenken, welche Gedenk-, Feier- und Aktionstage es im Laufe des Jahres so gibt, aber sie werden offenbar alle begangen — manche nur von denen, die sie ausgerufen haben, manche von weiten Teilen der Menschheit, wobei durchaus Schnittmengen von Personen möglich sind, die am 15. Oktober sowohl den “Tag des weißen Stockes” als auch den “Internationalen Tag der Frau in ländlichen Gebieten” begehen. Solange niemand einen Reformationstagsgottesdienst stürmt, um “Süßes oder Saures” zu rufen, klappt das auch ganz gut.

Der durchschnittliche Deutsche, die Volksseele, der Michel, Otto Normalverbraucher oder – wie ich ihn heute aus reiner Boshaftigkeit nennen möchte – Jürgen Sixpack hat eine panische Angst davor, dass ihm seine kulturelle Identität verloren geht. Die Angst vor der “Überfremdung” ist nicht auf den Islam oder Flüchtlinge aus Nordafrika beschränkt, sie gilt auch – und ganz besonders – im Bezug auf die USA: Junggesellenabschiede (bei denen ich mir tatsächlich staatliche Intervention wünschte) statt Polterabende, “Handy” statt “Mobiltelefon”, der Weihnachtsmann statt des Christkinds — Amerikanisierung lauert überall. Oder genauer: eine lokale Interpretation davon.

Mit der kulturellen Identität ist das so: Man braucht etwas, woran man sich halten kann, weswegen der Fußball – eine Sportart, die ich liebe, die amerikanische Sportfans aber als stillos und banal betrachten – hier so schön identitätsstiftend Raum greifen kann. Ansonsten sieht’s nämlich so aus: Unsere Städte sehen fast alle gleich trübe und grau aus, so wie Städte eben aussehen, wenn sie sehr schnell und billig wieder aufgebaut werden müssen, weil sie in Schutt und Asche lagen, nachdem es Deutschland mit der kulturellen Identität wirklich auf die Spitze getrieben hatte. Unsere Einkaufsstraßen sehen gleich aus, weil sie mit den immergleichen Filialen deutscher Großbäcker, Drogerie- und Supermarktketten, britischer Körperpflegemittelhersteller, amerikanischer Fastfoodverfütterer und schwedischer Bekleidungshändler vollgestopft sind.

Wohnungen weltweit sind von der Schwedenmafia uniformiert worden und müssten theoretisch alle gleich aussehen, was sie dann aber überraschenderweise doch nicht tun, weil da eben immer noch Persönliches, Individuelles mit reinkommt. Die kulturelle Identität des Einzelnen, der gleichzeitig Stifter und Rezipient der kulturellen Identität einer Gruppe ist.

Wer die Eröffnungs- und Abschlussfeier der Olympischen Spiele in London gesehen hat, erlebte dort einen bunten Reigen britischer Geschichte und – vor allem – Popkultur. Schier unendlich der Fundus an aus England stammenden Welthits, Evergreens und Meisterwerken. Bei uns, so wurde dann schnell geunkt, stünden da Pur, Nena und Xavier Naidoo.3 Das deutsche Fernsehprogramm besteht ja auch überwiegend aus Krimiserien und Quizshows (beides keine genuin deutschen Produkte)

Die kulturelle Identität Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg hat gleich zwei amputierte Beine: Das mit dem Traum vom großen deutschen Volk war gründlich schief gegangen, fand seine Fortsetzung aber in einer Art Light-Version in Heimatfilmen und Volkstümelndem Schlager, und die Leute, die Berlin in den 1920er Jahren zum kulturellen Hotspot gemacht hatten, waren alle vertrieben oder gleich getötet worden. Billy Wilder prägte im Kino fleißig das Amerikabild der Nachkriegszeit, in Deutschland feierte “Grün ist die Heide” unglaubliche Erfolge. Die Jugendbewegungen schwappten in der Folgezeit fast alle aus den USA oder Großbritannien nach Deutschland und mit ihnen der seither andauernde Untergang des Abendlandes — oder präziser vielleicht: des Abendbrotlandes.

Zuvor waren die einst heidnischen Gebiete des heutigen Deutschlands christianisiert worden. Die Gotik war aus Frankreich gekommen, die Renaissance und der Barock aus Italien. Ohne diese äußeren Einflüsse hätten die Bomben der Alliierten allenfalls spätmittelalterliche Fachwerkhäuser, vermutlich eher irgendwelche Steinzeithöhlen treffen können. Eine Zeitlang galt es im Bürgertum als ausgesprochen chic, Maskenbälle venezianischer Prägung abzuhalten. Gehwege nannte man “Trottoir”,4 Aborte “Toilette”.

Überspitzt gesagt ist der Inbegriff von Kultur in Deutschland immer noch Bayreuth, dabei sind die Wagner-Festspiele auch nur eine Art gehobener Karneval: Menschen, die allenfalls den Schlusssatz von Beethovens Neunter von Mozarts “Kleiner Nachtmusik” auseinanderhalten können, verkleiden sich einen Abend als kulturinteressierte Bildungsbürger.

85 Prozent meiner eigenen kulturellen Identität sind von angelsächsischer Popkultur geprägt, der Rest von von angelsächsischer Popkultur Geprägten. Ja, ich mag keine französischen Filme und ein gut sortierter und gut gefüllter HMV löst in mir mehr Glücksgefühle aus als die Sixtinische Kapelle. Ich würde einen Urlaub im verregneten Schottland (und das dortige Pub Food) jederzeit einem Ausflug ans Mittelmeer vorziehen.

Aber ich steige nicht empört auf die Barrikaden (französische Spezialität), wenn Menschen Italienischkurse in der Volkshochschule besuchen, bei Aldi den etwas teureren Rotwein kaufen und ihren Urlaub in der Toscana verbringen wollen.

  1. Mein in Rheinlandnähe aufgewachsenes Herz hätte beinahe geschrieben: die für Karneval zu feige sind. []
  2. Kleiner Ausfallschritt zu Allerheiligen: Es kann meines Erachtens nicht sein, dass in einem Land, in dem die Trennung von Staat und Kirche im Grundgesetz garantiert wird, sogenannte Tanzverbote an kirchlichen Feiertagen ausgesprochen werden. Und auch nicht, dass ein Land an zwei aufeinanderfolgenden Tagen volkswirtschaftlich gelähmt wird, weil am einen Tag in fünf Bundesländern, am nächsten in fünf anderen kirchlicher Feiertag ist. Die Katholiken haben schon Fronleichnam (wenn auch nicht überall), also wären hier mal die Protestanten dran! []
  3. Na ja, oder halt Kraftwerk, die Erfinder der modernen Popmusik, aber nun gut. []
  4. Kein Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde in einem deutschen Satz das Wort “sidewalk” benutzen. []

13 Kommentare

  1. Frank
    31. Oktober 2012, 16:35

    Kommt da noch was? Endet so abrupt…

  2. Jan
    31. Oktober 2012, 16:39

    Auch mal die Indierock-Brille abnehmen und nach Berlin gucken: Da stehen sie dann mit offenem Mund, die Londoner und Los Angelesser und sind ganz neidisch auf German Technokultur.

  3. Maik
    31. Oktober 2012, 17:13

    Unsere Verfassung enthält gerade *keine* strikte Trennung von Staat und Kirche, sondern nur die wesentlich schwächere Auflage, andere Religionen zu dulden.

    Viele halten das zurecht für ein Problem. Ist aber so.

  4. tux.
    31. Oktober 2012, 20:48

    Was hat’n Handy mit den USA zu tun?

  5. gerrit
    1. November 2012, 3:30

    Wahrscheinlich meint Lukas die Tatsache, dass du im Rest der Welt nicht verstanden wirst. “Handy” ist ein englisches Adjektiv für “geschickt”. Würdest du im Supermarkt jemanden warnen wollen, “Vorsicht, Ihr Handy wird gerade geklaut!”, wäre der Dieb über alle Berge.
    Und das nur, weil irgendwelche Deppen ein Fremdwort für passender hielten als ein anderes…

  6. Link(s) vom 1. November 2012 — e13.de
    1. November 2012, 7:06

    [...] Der Untergang des Abendbrotlandes „Unsere Städte sehen fast alle gleich trübe und grau aus, so wie Städte eben aussehen, wenn sie sehr schnell und billig wieder aufgebaut werden müssen, weil sie in Schutt und Asche lagen, nachdem es Deutschland mit der kulturellen Identität wirklich auf die Spitze getrieben hatte. Unsere Einkaufsstraßen sehen gleich aus, weil sie mit den immergleichen Filialen deutscher Großbäcker, Drogerie- und Supermarktketten, britischer Körperpflegemittelhersteller, amerikanischer Fastfoodverfütterer und schwedischer Bekleidungshändler vollgestopft sind.“ [...]

  7. SvenR
    1. November 2012, 11:22

    Lukas, ich bin der alte, graue Kulturpesimist, nicht Du!

  8. Pottblog
    1. November 2012, 11:52

    Links anne Ruhr (01.11.2012)…

    Bochum: GM plant die Zukunft ohne das Opelwerk Bochum (Westfalenpost.de) – Hamm: Kein Thorium in Hamm (Ruhrbarone) – Lünen: Bürger pfeifen Ministerin aus – Kaum Antworten zu Forensik in Lünen (WAZ.de) – Bochum, Do…

  9. teekay
    1. November 2012, 14:15

    Ich lebe seit ein paar Jahren in Kanada und bin da eher zurueckhaltend, was den Kulturpessimus angeht, weil sich nun auch in EU-Laendern Leute verkleiden. In Nordamerika gibt es eine genau getacktete, Milliarden-Konsum-Industrie, die in einer Weise den oeffentlichen Raum ueberzieht, die mit ‘bei Aldi haben sie jetzt schon Printen’ kaum vergleichbar ist. Und das eben alle paar Monate (Weihnachten, Valentinstag, Mutter- und Vatertag, 4. Juli, Halloween, Thanksgiving, Weihnachten). In urbanen Raeumen hat diese Industrie fast ueberall gut Fuss gefasst und in Berlin wird dann auch ‘ueberall’ Halloween gefeiert. Im Sauerland, Erzgebirge oder Bayerischen Wald eher nicht. Kurzum: Im Vergleich zu Nordamerika ist Deutschland in vielen Bereichen noch ‘Abendbrotland’-das erscheint manchmal vielleicht etwas miefig, aber es zeigt auch, dass Kulturpessimismus eben auch oft von den urbanen Eliten kommt. USA ist nicht New York, UK nicht London und Deutschland nicht Berlin-Hamburg-Muenchen

  10. Walter
    1. November 2012, 20:21

    Die Alternative zu stillen Feiertagen wäre eben nicht normale Feiertage, sondern gar kein Feiertag. Und da bin ich – obwohl Befürworter einer laizistischen Bundesrepublik – pragmatisch (egoistisch, inkonsequnet, nennt es wie ihr wollt) genug, um den Status Quo gutzuheißen

  11. Links vom 31. Oktober 2012 bis 5. November 2012 | sixumbrellas
    5. November 2012, 11:00

    [...] Der Untergang des Abendbrotlandes Schönes Plädoyer für mehr Toleranz gegenüber Halloween. Oder überhaupt gegenüber außerdeutschen kulturellen Einflüssen. [...]

  12. Christian
    5. November 2012, 19:45

    Was auch gerne vergessen wird: Viele Amerikanische Traditionen sind ja reimporte. Kürbisfratzen an Allerheiligen kann man mit einem alten Deutschen Brauch gleichsetzten (Rübengeister). Und der Weihnachtsmann an sich ist keine so Amerikanische Erfindung, wie uns Beispielsweise das Bistum Trier weismachen will.
    Dass das ganze einemal durch den Amerikanisierer/Kommerzialisierer gejagt wurde ist natürlich eine andere Geschichte.

  13. Kristina
    6. Februar 2014, 10:18

    Ein guter Artikel den hoffentlich noch viele Internetnutzer lesen werden. Viele machen sich heutzutage kaum noch ein Kopf darüber, woher irgendwelche Feiertage beziehungsweise Festivitäten kommen. Die große Masse möchte einfach auch nicht mehr nachdenken. Schnell und teilweise viel zu schnell werden irgendwelche Phrasen nachgeplappert und nachgeahmt weil es eben jeder macht. Fragt sich ob dies dann tatsächlich Freiheit oder eher doch nur Gruppenzwang ist.Letztendlich sollte doch jeder, solange es nicht die Allgemeinheit nicht in irgendeiner Form „belästigt“, die Feste begehen die ihm wichtig sind.

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