Die „Eichmannisierung“ der Akademiker

Von Coffee And TV, 22. April 2010 21:19

— Ein Gastbeitrag von Dr. Matthias Burchardt im Rahmen des Bildungsstreiks 2010 —

Ich schäme mich vor meinen Studierenden. Ich schäme mich, wenn ich Anwesenheitslisten herumgebe, dann fühle ich mich wie ein Blockwart. Ich schäme mich, wenn ich ihnen die vielen Leistungen des BA/MA-Studiums auferlege, die Portfolios, Protokolle, Ausarbeitungen, weil ich genau weiß, dass ich sie nur oberflächlich korrigieren kann, dass ich ihre Mühe und die kostbaren Gedanken kaum würdigen kann, im Andrang der unendlichen Dokumentationsaufgaben. Ich werde wütend, wenn ich die vielen begabten jungen Menschen sehe, die durch die Module gehetzt werden, so dass sie keine Zeit haben, eine Sache, für die sie sich leidenschaftlich interessieren, vertieft zu studieren. Die neuen Studiengänge sind ein Verbrechen an dieser Generation von Studierenden, und im Grunde weiß das jeder. Die wenigsten Abschlüsse der über 10.000 neuen Studiengänge sind tatsächlich berufsqualifizierend. Sie bieten auch keinen Raum zur persönlichen Bildung oder Perspektiven für gesellschaftliche Verantwortung. Sie überfordern in der Quantität und unterfordern in der Qualität, falls es so etwas noch geben sollte, in Zeiten, in denen Credit Points zur Maßeinheit des Studienerfolgs geworden sind. Was soll aus der „Generation Bologna“ werden? Flexible Projektnomaden, Bildungsprekariat in befristeten Beschäftigungsverhältnissen?

Ich schäme mich für mich selbst und meine Kollegen, dass wir so willfährig bereit waren, alle Fachansprüche zu verleugnen und gehorsam, diese bildungsfreien Studiengänge zu erarbeiten – immer mit einem Blick auf die Akkreditierungsagentur, die wir noch dafür bezahlen mussten, dass sie uns in unserer Zuständigkeit und Expertise entmündigt hat. Wie konnten wir Modulhandbücher schreiben, in denen der völlig unangemessene Kompetenzbegriff aus allen Zeilen wucherte? Welche jämmerlichen Sprachgebilde flossen aus unseren Federn, wo wir doch bislang immer so großen Wert, auf eine sachangemessen Diktion gelegt hatten, wo wir die „Arbeit des Begriffs“ zu unserm Lebenszweck machen wollten?

Jetzt produzierten wir verquaste Anglizismen, um durch Etikettenschwindel zu retten, was nicht mehr zu retten war. So sehr wir uns einredeten, in diesen schlimmen Zeiten, zumindest ein wenig der Fach­‐ und Bildungskultur zu retten, konnten wir doch nicht vermeiden, zu trivialen Mitläufern des Bologna-­Regimes zu werden, zu Totengräbern der Bildung. Ein Kollege sprach von der „Eichmannisierung“ der Akademiker. Ein drastischer Vergleich, dem man entschieden widersprechen muss, doch woher die Argumente nehmen? Wie konnten wir die Einführung der Hochschulräte, die Etablierung von Top-Down-Strukturen, die ökonomistische Transformation der Hochschulen zulassen? Jetzt heißt es Wettbewerb, wenn den Verlierern eine Wurst hingehalten wird, nach der sie sich alle strecken, sofort bereit, alle Solidarität fahren zu lassen, in der Hoffnung als Sieger aus der Krise des Akademischen hervorzugehen. ÜberlebenskämpferInnen, innere EmigrantenInnen, KrisengewinnlerInnen, SalonrevoluzzerInnen und natürlich diejenigen, die im neuen Ungeist ihre Bestimmung entdecken — die deutsche Intelligenz findet viele Wege, an Bologna zu scheitern …

Es ist Zeit, dass wir unsere Stimme erheben. Was wir jetzt preisgeben, haben wir auf Jahrzehnte verloren! Die „Kölner Erklärung“ ist ein Versuch, den Diskurs über das Selbstverständnis der Universität anzustoßen. Über 1300 Unterzeichner unterstützen das Anliegen einer Neubesinnung auf akademische Bildung. Als Initiator geht es mir nicht darum, meine eigenen Vorstellungen zu realisieren. Ich weiß, dass die Erklärung vor dem Hintergrund einer humanistischen Herkunft geschrieben ist, so dass Begründungsfiguren und sprachliche Wendungen möglicherweise anstößig klingen in den Ohren von VertreterInnen einer anderen Traditionslinie. Ich lade jedoch alle Mitglieder der Hochschulen ein, sich in einer gemeinsamen politischen Richtung zusammenzufinden. Damit wir überhaupt den produktiven Streit der vielfältigen Theorien um Erkenntnis und Bildung in sozialer Verantwortung führen können, brauchen wir einen Ort, der dies ermöglicht. Diesen Ort müssen wir zurückerobern, indem wir Bologna grundsätzlich als Irrweg zurückweisen!

Gegen Bologna stimmen! http://www.bildungsstreik-­koeln.de/koelner‐erklaerung

Dr. Matthias Burchardt ist Akademischer Rat am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Lebensspanne der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

29 Kommentare

  1. Carsten
    22. April 2010, 21:44

    Ich ärgere mich, wenn jemand daher kommt und mir die Bildung abspricht. Ich bin beleidigt, wenn jemand mich „Bildungsprekariat“ nennt, weil sein Job jetzt mit Arbeit verbunden ist.

    Ich habe einen BA-Studiengang belegt und mittlerweile fast zu Ende gebracht (schreibe gerade an meiner BA-Arbeit) und werde mir meine Bildung nicht nehmen lassen von Ewiggestrigen an den Lehrstühlen, die Angst vor ihrer eigenen Schöpfung haben.

    Hat mein Studium mir die Erleuchtung gebracht? Nein, natürlich nicht. Aber ich habe gelernt, habe mir Fähigkeiten angeeignet, die ich vorher nicht hatte, habe Verständnis und Perspektive gewonnen. Als Bachelor der ersten Generation, als Versuchskaninchen. Und ich werd mich von niemandem per Bande als Idiot abstempeln lassen.

  2. SvenR
    22. April 2010, 22:16

    Es ist zumindest unglücklich, wenn in einem Artikel, der ich über schlechte Bildung mokiert, so viele falsche und überflüssige Zeilenschaltungen vorkommen, dass man ihn kaum lesen kann.

    Zum Inhalt: Ich habe intelligente und fantastisch ausgebildete Kollegen, die teilweise einen Magister, ein Diplom, einen ausländischen oder deutschen Bachelor oder Master haben oder auch gar nicht studiert haben. Elfenbeinturmesk.

  3. Dennis D.
    23. April 2010, 0:19

    Niemand spricht jemandem, der Bachlor/Master studiert, pauschal die Bildung ab – weil es nicht um die einzelne Person, sondern um das Vertsändnis von Bildung allgemein geht. Es wird immer die Klugen geben, die aus jedem System das Beste machen, ohne sich dabei zu sehr verbiegen zu lassen oder zu müssen.

    Nur vergesst ihr dabei, dass es nicht immer nur um euer konretes Beispiel geht: Alternative Wege durch das Studium (prekäre Herkunft = Lebensunterhalt selbst (mit-)verdienen, Studium mit Kind, Studium neben Vollzeitarbeit etc.) lassen sich in dem auf Leistung getrimmten neuen System schlechter umsetzen. Dass auch BA/MA für euch funktionert, bleibt euch unbenommen und spricht für eure Intelligenz oder Anpassungsfähigkeit. Aber denkt auch an die, für die es so nicht geht (und zwar nicht, weil sie zu faul sind, sondern nur, weil sie ein anderes Leben führen als ihr). Das alte System hat niemanden daran gehindert, schnell und hocheffizient sein Studium zu beenden. Das neue System bietet dahingehend keine Wahl.

    (Nebenbei nützt es wenig, einem idealistischen Text Worte wie „ewiggestrig“ oder „Elfenbeinturm“ entgegen zu setzen. Dann steht drei Kommentare später nur wieder etwas von „neoliberal“ – solche Polemik bringt niemanden weiter.)

  4. Carsten
    23. April 2010, 0:38

    Lieber Dennis,
    idealistische Texte bieten nicht unbedingt den besten Einstieg in sachliche Diskussionen. Wer auf einen sachlichen Diskurs Wert legt, sollte diesen ebenso beginnen.
    Und ob du es glaubst oder nicht – ich habe während meines gesamten Studiums gearbeitet. Freunde von mir ziehen neben ihrem BA-Studium ihre Kinder groß. All das ist keine Frage des Abschlusses, sondern der Organisation. Ganz besonders der letzte Punkt, da Kinderbetreuungsangebote nichts mit dem anvisierten Studienabschluss zu tun haben.
    Darüber hinaus hast du Unrecht, wenn du behauptest, Herr Burchardt spräche niemandem pauschal die Bildung ab. Schauen wir doch mal, welche Ergebnisse er im BA/MA-System für möglich hält: „Was soll aus der ›Generation Bologna‹ werden? Flexible
    Projektnomaden, Bildungsprekariat in befristeten Beschäftigungsverhältnissen?“
    Das ist es, wogegen ich mich wehre. Und gegen die Unterstellung, im BA/MA-System ließen sich keine Inhalte vermitteln. Herr Burchardt sollte sich nicht dafür schämen, dass er Modulpläne geschrieben hat, sondern dass „jämmerliche Sprachgebilde“ zu Papier gebracht hat. Nicht das Bologna-System per se ist schlecht. Es ist die Umsetzung, an der es hapert.
    Nebenbei hindert auch das BA/MA-System niemanden daran, langsamer zu studieren. Es sind die Studiengebühren, die vielen Menschen das unmöglich machen. Das ist eine andere Baustelle. Wirf diese Dinge bitte nicht durcheinander.

  5. Lukas
    23. April 2010, 0:59

    Die kaputte Formatierung war mein Fehler beim Rüberkopieren. Verzeihung!

    @Carsten: Ich hab auch ein B.A.-Studium hinter mir und würde mich als „nicht doof“ bezeichnen, aber Bildung im klassischen, Humboldt’schen Sinne habe ich dort im Großen und Ganzen nicht erfahren. Natürlich hängt es auch immer von den Dozenten, den Veranstaltungen und hundert anderen Faktoren ab, aber ein Studium, das die Studenten ernst nimmt und zu denkenden Individuen erzieht, sieht meines Erachtens anders aus.

    Ich habe nicht das Gefühl, dass Herr Burchardt hier Bachelor-Studenten angreifen oder ihnen die Bildung absprechen will. Im Gegenteil: Er will sie gegen das System verteidigen, das aus ihnen arbeitsmarktoptimiertes Humankapital macht. Oder präziser: Machen will.

  6. Dennis D.
    23. April 2010, 1:19

    Lieber Carsten,

    Noch einmal: Wenn du während des Studiums arbeiten konntest und deine Freunde parallel Kinder groß ziehen – heißt das, das alle die, denen das nicht gelingt, lethargisch und unorganisiert sind, am Ende sogar einfach „falsch“ leben bzw. studieren? Es mag provokant sein, aber: Was für ein Selbstverständnis und Vertrauen in deine Bildung hast du, dass du dich direkt emotional angegriffen fühlst, weil jemand ein anderes Konzept von Bildung vertritt, als jenes, das du selbst erlebt hast? Was du weißt und kannst, kann dir niemand nehmen. Den Satz von Burchardt kann ich in der Tendenz und auf die Masse der Studenten gesehen unterschreiben, er deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen mit BA-Studenten, denen die Creditpoint-Hetzjagd keine Luft zum Lernen und Denken lässt – auf dich muss er deshalb noch längst nicht zutreffen. Vielleicht hast du dir auch Fußballverein, Klavierunterricht, Zeichenkurs, Tierpflege, Altenbetreuung, Trinkgelage oder was auch immer gespart, was anderen ihre Zeit ausfüllt und auch einen Wert hat (nur eben keinen wirtschaftlich direkt zu messenden)? Und wenn dem nicht so ist: Kalkuliere ein, dass du eine Ausnahme sein könntest.

    Es sind auch nicht nur die Studiengebühren, die flexibleres Studieren schwierig bis unmöglich machen: flächendeckende Anwesenheitspflicht bei vollen Studenplänen, viele verpflichtende Prüfungsleistungen in Klausurform zu festgelegten Terminen, gerne auch ausschließlich jährlich angeboten und mit nur einem Wiederholungsversuch – in der Konsequenz ist mancher damit zu einer so absurd langen Studiendauer gezwungen, dass es für ihn von vorn herein keinen Sinn macht. Ich kann da schon differenzieren.

    Ich denke nicht, dass es bei Bologna nur an der Umsetzung hapert. Es hapert bereits an der Einstellung zu Bildung. Lernen ist von Natur aus nicht ökonomisch, sondern eher chaotisch. Eine Gesellschaft, die sich mit Kant, Gauss, Goethe, mit Planck, Einstein und natürlich Humboldt schmückt, sollte Raum dafür lassen, dass sich Geist entfalten kann.

  7. Fritz Goergen
    23. April 2010, 7:54

    Vor einer solchen Fehlentwicklung warnten die ersten schon in den Debatten der 1960er Jahre … die Bürokratisierung des Akademischen begann mit dem Numerus Clausus. Der Rest war „folgerichtig“.

  8. Der Ruhrpilot | Ruhrbarone
    23. April 2010, 9:48

    […] Unis: Die “Eichmannisierung” der Akademiker…Coffee & TV […]

  9. Alberto Green
    23. April 2010, 11:31

    Es tut der Kölner Erklärung wirklich nicht gut, wenn dieser Artikel ein Zitat enthält, das im Text später (zurecht!) zurückgewiesen wird. Das Wort Blockwart hilft auch nicht.
    Sie haben ja Recht, Herr Burchardt. Gestern sprach auf dem Albertus-Magnus-Platz von ein junger Student über Bildung. Er brüllte so laut ins Mikrophon, dass ich ihn nicht verstehen konnte, sein Tonfall aber ungute Assoziationen wach werden ließ. Als er seine Rede beendete, indem er dreimal „Bildung“ brüllte, wusste ich nicht, was seine Kommilitonen antworten sollten. – Bestenfalls „Alaaf“.
    Dass Bologna massiv korrigiert werden muss, steht außer Frage (wahrscheinlich muss man neu anfangen), aber dafür muss gemeinsam (Studierende und Lehrende) mit der Politik gestritten werden. Die obigen Phrasen verhindern aber – so denke ich – eine echte vertrauensvolle Zusammenarbeit, die über gnädiges Überlassen von Hörsaal XIII seitens des Rektorats hinausgeht.

  10. SvenR
    23. April 2010, 12:03

    Ich, der ich in grauer Vorzeit verschiedene Hochschulen im in und Ausland besuchte, als Master und Bachelor noch als minderwertige ausländische Billigabschlüsse angesehen wurden, habe meinen Studienabschluss damals nicht geschafft. Es hätte ursprünglich ein Wirtschaftingenieur für Elektrotechnik werden sollen. Mit nebenher Arbeiten.

    Einiges in meinem Leben wäre sicherlich einfacher gewesen, wenn ich „wenigstens“ einen BA hätte. Man muss sich immer erklären. Trotzdem habe ich meinen Weg gemacht und bin heute grundsätzlich zufrieden.

    Und das es in früheren Zeiten noch nicht darum ging „arbeitsmarktoptimiertes Humankapital“ zu erzeugen halte ich für Geschichtsklitterung Verklärung. Das ist sicherlich Studiengang- und Hochschul-abhängig aber m. E. nach schon immer eine wesentliche Facette des Hochschulstudiums in Deutschland.

  11. Lukas
    23. April 2010, 12:25

    Sven, dass man seinen Weg machen kann, mit und ohne Abschluss, ja sogar mit und ohne Abitur, wird niemand bestreiten. Aber es geht ja auch ums selbständige Denken — und das wird kaum noch gefördert: Selbst in Vorlesungen müssen „Leistungen“ erbracht werden, also werden Testate o.ä. durchgeführt, die zwei Ergebnisse haben: Der Student lernt nur im Hinblick auf das Testat und hat hinterher Trivial-Pursuit-Wissen und der Dozent muss zusehen, wie er Hunderte von Seiten korrigiert kriegt, die weder für ihn noch für die Studenten einen Erkenntnisgewinn liefern.

    Vor einiger Zeit hätte habe ich das Bachelor/Master-System auch noch verteidigt, aber mir ist klar geworden, dass ich mich da erstens ziemlich geschmeidig durchgewunden habe und andere viel mehr arbeiten mussten, und ich zweitens in den Prüfungen häufig damit beschäftigt war, meinen Dozenten ihre eigenen Thesen zurück zu erzählen. Das sorgt erfahrungsgemäß für gute Noten, aber nicht für eigenes Denken.

    Ich halte „Bildungsstreik“ noch immer für ein unfassbar dummes Wort und die meisten Studentenvertreter sind in der Tat rhetorische Zumutungen, aber dass Bologna der direkte Weg in die intellektuelle Kargheit ist, davon bin ich inzwischen überzeugt. (Wobei viele Ersties natürlich durch die Schule schon so denkfaul geworden sind, dass man sie vermutlich erst mal mit frühkindlichen Reizen fördern müsste.)

  12. SvenR
    23. April 2010, 13:30

    You got me wrong, Lukas.

    Ich verteidige mitnichten das derzeitige System. Das Bildungssystem ist schon immer™/schon lange schlecht. Vielleicht ist es tatsächlich noch schlimmer geworden, als ich es schon immer empfunden habe. Ich bin in meiner überschaubaren Studienzeit mit Formalismen und Formalismenänderungen gequält worden, dass es für die nächsten zwei Generationen meiner Familie reicht…aber das führt jetzt zu weit.

    Ich habe gelernt zu lernen, eigene Schlüsse zu ziehen, Meinungen zu haben und zu vertreten, aber auch von ihnen lassen zu können. Das war aber damals schon nicht gefragt.

    P.S.: „Bildungsstreik“ ist ein unfassbar dummes Wort!

  13. Internetausdrucker
    23. April 2010, 14:46

    „Eichmannisierung“

    Hm…

    Lukas, diesen Artikel kannst Du dann gleich in Deiner Sammlung von Nazivergleichen aufnehmen ;-)

  14. Internetausdrucker
    23. April 2010, 14:59

    @ Lukas

    „aber dass Bologna der direkte Weg in die intellektuelle Kargheit ist, davon bin ich inzwischen überzeugt.“

    Das ist richtig. Allerdings sollte man sich vor einem „Früher war alles besser“ hüten. Ich habe in den 90ern studiert. Diese Zeit halten meine Studierenden heute für die Goldenen Jahre des selbstbestimmten Studiums. Das ist aber falsch. Auch damals gab es schon intellektuelle Verödung, die schlicht aus Faulheit resultierte. Es gab auch in den 90ern – nach meinem Erleben – keinen breit verteilten Bildungshunger. Wenn man sich für sein Fach interessierte, galt man unter den Kommilitonen schon fast ein Exot.

    Wenn ich von Faulheit rede, meine ich jetzt nicht ein konservatives Menschenbild. Ich denke eher an die Mängel der Organisation: wenig Führung, wenig Verbindlichkeit, wenig Orientierung. Das Niveau war daher auch nicht sonderlich hoch. Die damalige Universität hat sich einfach nicht um die Leute gekümmert, sie hat sie einfach laufen lassen. In vielen Fällen war das ein Fehler.

    Die intellektuelle Verödung, die ich jetzt in meinem Seminaren sehe, ist auch nicht nur Bologna-Ergebnis. Ich erlebe wenig Leute, die von sich aus gerne schwierige Texte lesen.

    Allerdings kann ich sie auch nicht recht dazu zwingen. Äußerlich habe ich mit Bologna einige Machtmittel. Aber unter dem Strich führt der vermehrte Zwang erst recht zur Verflachung. Wenn alle Kollegen ihren Studierenden ein hohes Pensum abzwingen, können die dieses nicht mehr wirklich intensiv ableisten. Heißt: die Hausarbeiten werden schlechter, die Texte werden nur oberflächlich gelesen usw. Also kann man den Druck endlos erhöhen. Und man muss das Pensum senken.

    Bemerkenswert ist dabei dann der Druck aus dem Kollegium, nicht allzu streng zu benoten. Schließlich wird man von außen ja nach seinen Absolventenzahlen taxiert. Da machen sich schlechte Noten nicht so gut.

  15. Katharina
    23. April 2010, 15:29

    @Internetausdrucker: „Wenig Führung, wenig Verbindlichkeit, wenig Orientierung. Das Niveau war daher auch nicht sonderlich hoch.“ Ob da jetzt der unterstellte Zusammenhang besteht, wage ich zu bezweifeln. Dass früher alles besser war, ist allein deswegen Quatsch, weil die alte Universität es nicht geschafft hat, Bologna zu verhindern. Wenn man sich aber in der Analyse einig ist, dass Bologna intellektuelle Kargheit befördert, muss man sich doch fragen, welche Elemente der Vor-Bologna-Universität ein Bildungsklima befördert haben, und da würde ich wenig Führung und wenig Verbindlichkeit doch mit aufnehmen. Das Problem ist dann doch vielmehr eine schlechte Betreuung durch Personalmangel gewesen, zum Beispiel.

    Ich sehe eine große Gefahr im Abbau der Universitäten, in ihrer Umgestaltung zu schlechten Fachhochschulen – denn wohin sollen diejenigen noch gehen, die den Bildungshunger haben?

  16. Katharina
    23. April 2010, 15:35

    @SvenR, Lukas: „Bildungsstreik“ ist ein Kategorienfehler. (/Bildung)

  17. Carsten
    23. April 2010, 15:41

    Lieber Lukas,
    dieses Bildungsideal ist nicht erst mit dem Bologna-System gestorben. Wie einige andere hier bereits festgestellt haben, war das Studium nicht unbedingt besser und auch ein Diplom-Ingenieur hat nicht unbedingt etwas mit dem Humboldt’schen Bildungsideal zu tun.
    Dass Herr Burchardt hier andere verteidigen will, macht es nicht unbedingt besser – eher im Gegenteil. Die Menschen, die er zu verteidigen versucht, sind mündige, (halbwegs) erwachsene Bürger, die ihre Wünsche und Nöte durchaus selbst artikulieren können – man denke etwa an die (zugegeben idiotisch betitelten) Bildungsstreiks. Er nimmt uns mit seiner Verteidigung die Akteurseigenschaft und drängt uns in eine Opferrolle, passiviert uns. Über seine Werturteile meiner (Studien-)Generation gegenüber habe ich ja schon geschrieben – das ist herablassend. Statt anderer Leute Kämpfe fechten zu wollen, statt mich und meine Kommilitonen zu tumben Karrieristen zu erklären und zu entscheiden, was gut für uns ist, sollte er seine Arbeit richtig machen. Denn wenn seine Lehr und Modulpläne tatsächlich so aussehen, wie es oben steht, dann hat Herr Burchardt versagt. Er ist damit nicht allein und ich habe auch beinahe das Gefühl, ihm gegenüber zu hart zu sein, aber er hat sich nun einmal vorgewagt. Was bleibt ist, dass schlechte Lehrpläne, mies koordinierte Prüfungen und Leistungsnachweise und Inhaltsleere keine Frage des Abschlusses sind. Das gab es im Diplom, das gibt es im Bachelor und im Master. Der Versuch der Verantwortlichen, die Schuld hieran auf die äußeren Umstände zu schieben, ist feige.

    Lieber Dennis,
    selbstverständlich gibt es Menschen, die allein aufgrund ihrer Lebensumstände nicht bewältigen können. Das ist tragisch und dafür muss man nach Lösungen suchen. Doch auch das ist nichts neues und kein Charakteristikum des Bologna-Systems. Du darfst außerdem nicht vergessen, dass es mit seiner strafferen Organisation den Bedürfnissen anderer Studierender entgegen kommt. Die eine Lösung, die für alle passt, gibt es nicht. Vielleicht solltest du auch mal bedenken, dass deine persönlichen Erfahrungen nicht unbedingt zu verallgemeinern sind. Was du mir vorhältst, gilt nämlich auch im Umkehrschluss: Was für dich nicht funktioniert, kann für den nächsten genau das Richtige sein. Was deine Einstellung zur Bildung ist, muss meine nicht sein – und meine muss nicht die meines Banknachbarn im Hörsaal sein.
    Zur Kritik an der Ökonomisierung des Studiums: Es gibt den schönen Satz, dass man nicht für die Universität/Schule/was-auch-immer lernt, sondern für das Leben. Das würde ich sofort unterschreiben – und ich nehme an, auch die meisten anderen würden das so sehen. Jedoch ist dabei zu bedenken, dass ein großer, wichtiger Teil des Lebens der Job -besser: der Beruf- ist. Was hier also als Vermarktbarkeit diffamiert wird, lässt sich ebenso richtig auch anders bezeichnen: Als Rüstzeug zur Selbstverwirklichung. Denn auch für die arbeitet man – nicht nur für’s Geld. Also, ich zumindest, ich will das ja nicht verallgemeinern.

  18. Internetausdrucker
    23. April 2010, 15:46

    @Katharina

    „Wenn man sich aber in der Analyse einig ist, dass Bologna intellektuelle Kargheit befördert, muss man sich doch fragen, welche Elemente der Vor-Bologna-Universität ein Bildungsklima befördert haben, und da würde ich wenig Führung und wenig Verbindlichkeit doch mit aufnehmen. Das Problem ist dann doch vielmehr eine schlechte Betreuung durch Personalmangel gewesen, zum Beispiel.“

    Da halte ich dagegen. Personalmangel besteht, gewiss. Aber der ist nicht die alleinige Ursache gewesen. Es wurde oft einfach keine Leistung von den Studierenden eingefordert. Das haben viele entsprechend auch ausgenutzt. Kann man ihnen nicht verdenken, schließlich war ihnen diese Option ja auch eröffnet worden.

    Ich erlebe es heute so, dass die Wette auf die intrinsische Motivation der Studierenden oft verloren geht. Didaktische Angebote, die auf die Motivation der Seminarteilnehmer setzen, scheitern oft. Sie scheitern, weil darauf verzichtet wird, Arbeitsleistungen auch verbindlich einzufordern. Also arbeiten die meisten Studierenden auch nicht (so erlebe ich es). Man muss aber Pflichten schaffen, damit die (vom Dozenten erhoffte oder irgendwie für sinnvoll erachtete Arbeitsleistung) auch erbracht wird. Ohne Druck geht es nicht. Oder aber das Seminar darf kein solches mehr sein: ein Ort, an dem sich Studierenden aktiv mit dem Stoff auseinandersetzen.

    Seminare, die etwas didaktischer sind, kann ich auch unter den Bedingungen von Bologna anbieten. Ich plane sie so, dass im Seminar selbst viel Raum ist, um zu reden, zu denken und ohne Zeitdruck an Problemen zu arbeiten. Aber dieser Ausstieg aus der Verschulung wird auch nicht wirklich angenommen. Wie auch, wenn darin immer das Angebot steckt, es sei die freie Entscheidung des Studierenden, zu arbeiten oder auch nicht.

    Vor Bologna gab es immerhin auch Möglichkeiten, durch eigene Leistung zum Studienerfolg zu kommen. Man konnte sich seine Veranstaltungen aussuchen und lesen, was einen interessierte. Das wurde aber nach meinem Erleben nicht wirklich gründlich genutzt. Viele wählten freiwillig ihre Seminare, um dann doch nicht zu lesen. Dieses Problem kann man nicht allein mit mehr Personal lösen. Da muss ein Betreuer auch gewisse Sanktionsmittel besitzen (Sanktionsmittel alleine machen aber auch keinen Lernerfolg).

    Dennoch: mehr Personal braucht es auf jeden Fall.

  19. Ben
    23. April 2010, 17:49

    Was haben eigentlich neuerdings alle immer mit der Anwesenheitspflicht? Wenn ich ein Seminar belege und dort einen Schein machen will, dann muss ich auch physisch anwesend sein. Dass das kontrolliert werden muss, weil viele ansonsten einfach gar nicht mehr zur Uni gehen würden, aber dennoch ihre Scheine haben wollen, ist zwar traurig, aber im Sinne der Fairness und Gleichbehandlung aller Studierenden richtig.

  20. Carsten
    23. April 2010, 18:17

    @Ben:
    Danke, dass du’s erwähnst – wollte in meinem viel zu langen Kommentar vorhin eigentlich auch anbringen, dass studieren mehr als eingeschrieben sein bedeutet.

  21. Katharina
    23. April 2010, 18:39

    @Internetausdrucker: Keine Leistung? Was ist mit den Abschlussprüfungen? Wer die besteht, ohne zur Uni zu gehen, Glückwunsch. Das absolvierte Schmalspurstudium ist dann nur zu dessen Schaden. Wer will da sanktionieren und warum?

    Die physische Anwesenheit der Studierenden in Seminaren ist doch Quatsch. Wer keine Resonanz für das Seminarthema hat, der soll das tun, was ihn interessiert. Und wenn ihn nichts interessiert, dann sollte er nicht an die Uni gehen oder das Studienfach wechseln, stattdessen sitzen leere Gesichter in den Bänken, die Betrugsrate bei Unterschriftenfälschungen nimmt Rekorde an und der Unikiosk führt Sudoku-Hefte. Wer glaubt, dass das etwas mit Fairness zu tun hat, sollte aufpassen, ob man hier nicht auf einmal die Bestimmung im neuen Ungeist gefunden hat…
    Kann man sich wirklich keine Welt vorstellen, in der sich die Menschen für die Seminarthemen interessieren? Wie fantasielos!

  22. Ben
    23. April 2010, 18:59

    @Katharina:

    Wenn mich ein Seminar nicht interessiert, dann gehe ich da auch nicht hin. Ich melde mich aber nicht dafür an, gehe da nicht hin und will dann hinterher einen Schein dafür haben. Niemand wird durch die Anwesenheitspflicht innerhalb der Seminare dazu gezwungen irgendwelche uninteressanten Seminare zu belegen. Insofern läuft dein „Argument“ völlig ins Leere. Es hat übrigens auch niemand davon gesprochen, dass sich die Studenten heute nicht mehr für Seminarthemen interessieren. Die Mehrheit der Studierenden ist immer noch mit Herz und Seele bei der Sache. Gerade deshalb ist an unserem Lehrstuhl die Anwesenheitspflicht sehr frei geregelt und extrem studierendenfreundlich (Burchardts Auslassungen klingen ja fast so, als müsste er jetzt Stasi spielen, was aber nun wirklich nicht der Wahrheit entspricht). Das wir – und hier spreche ich als Fachschaftsrat – uns trotzdem für den Beibehalt der Anwesenheitspflicht ausgesprochen haben, liegt vor allem darin begründet, dass wir immer einen gewissen Prozentsatz von Studierenden haben, die sich für Kurse einschreiben, dann aber nie kommen und trotzdem Scheine haben wollen. Das finden wir nicht fair und deshalb sind wir weiterhin für eine Kontrolle der Anwesenheit, deren Konsequenz den jeweiligen Dozenten überlassen bleibt.

  23. Ben
    23. April 2010, 19:05

    Im Übrigen finde ich es mehr als fragwürdig, den Ruf nach der Abschaffung der Anwesenheitspflicht mit der hohen Zahl an Unterschriftenfälschungen zu rechtfertigen, ist doch genau diese hohe Rate ein perfekter Beweis dafür, dass sich viele einfach anmelden, auch gerne den Schein erhalten wollen, aber de facto selten anwesend sind.

  24. Katharina
    23. April 2010, 19:27

    @Ben: „Niemand wird durch die Anwesenheitspflicht innerhalb der Seminare dazu gezwungen irgendwelche uninteressanten Seminare zu belegen.“
    Offenbar studierst du nicht an der Universität zu Köln, Glückwunsch dazu. Hier haben wir eine sehr rigide Seminarplatzlotterie, die Seminarplätze qua Zufall zuweist. Freie Wahl ist fast nicht möglich, nur unverbindliche Interessensbekundung. Dazu kommen sehr rigide Studienordnungen, die sehr genau festlegen, was zu studieren ist.

  25. Ben
    23. April 2010, 19:38

    So ein ähnliches System haben wir auch in Bochum, allerdings hat man natürlich immer noch die Möglichkeit mit den Dozenten persönlich zu sprechen. Zudem haben wir auch noch eine Schiedsstelle, an die man sich wenden kann, wenn das System versagt. Dass es in vielen Fällen nicht zu 100% zufrieden stellt, ist logisch. Aber de facto ist es so, dass sich durch die Einführung dieser Zulosung die Fairness verbessert hat. Als ich angefangen habe, da gab es das System noch nicht und ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich in viele Kurse nicht reingekommen bin, weil ich es einfach nicht geschafft habe um 5:30 Uhr vor der Uni zu stehen, um mich auf Listen einzutragen. Und auch die Lösung „Drin ist, wer im Raum ist“ hatte ihre Nachteile. Die Zulosung ist oftmals problematisch, ja – aber sie ist sinnvoll und entzerrend, auch wenn man sie bei euch wohl noch einmal verbessern müsste.

  26. Vuffi Raa
    23. April 2010, 21:38

    Also ich weiß auch nicht. Immer wenn ich Diskussionen zu diesem Thema lese, frag ich mich, ob ich in einem anderen Land studiere. Ich bin jetzt im 4. Semester (Bachelor) und kann irgendwie diese ganzen Kritikpunkte nur bedingt nachvollziehen.

    Stichwort Anwesenheitspflicht: Gibt es bei uns nicht. Ich finde auch allein die Idee völlig bekloppt. Von einem volljährigen Studenten kann man doch wohl erwarten, dass er selbst einschätzen kann wie er am besten lernt. Und den Schein gibt es doch wohl für eine bestandene Prüfung, völlig unabhängig davon wie viel Arbeit man da rein gesteckt hat und ob einen das Thema interessiert.

    Stichwort Wahlfreiheit: Prinzipiell kann ich doch jeden Kurs meiner Uni belegen, der mich interessiert. Wer hindert mich denn auch daran? Klar verlängert sich dadurch dann evtl. das Studium und klar kann es sein, dass ich in einem Seminar keinen Platz mehr bekomme. Aber das hat doch dann eher mit Personalmangel zu tun, der im Diplom sicher ähnlich war.

    Stichwort Arbeitsüberlastung: Kann ich so nicht bestätigen. Ich hab pro Semester so drei bis vier Fächer. Heißt pro Woche drei Übungsblätter und am Ende des Semesters eben so viele Prüfungen. Das ist durchaus machbar, sofern man nicht nebenher arbeiten muss. Anders sieht es natürlich aus, wenn man Kinder hat oder nebenher arbeiten muss. Dann kann man natürlich entsprechend weniger Kurse belegen und das Studium verlängert sich. ABER: Dann liegt das Problem nicht bei den Kursen und Inhalten, sondern doch eher bei zu kurzen und zu unflexiblen Regelstudienzeiten. Da sollte man dann ansetzen insbesondere in Hinblick auf BAföG.

    Stichwort Bildungsarmut: Naja, ihr könnt jetzt gerne auf mir rumhacken und mich als Musterbeispiel-Schmalspur-Studenten beschimpfen, aber ich vermisse da ehrlich gesagt nix. Wenn ich mich für Philosophie, Politikwissenschaft oder Germanistik interessieren würde, hätte ich ein geisteswissenschaftliches Studienfach gewählt. Natürlich sollte ein gewisses Grundwissen da sein, aber da reicht mir eigentlich das was ich im Abitur gelernt hab.

    Stichwort Master: Ich kann mir natürlich kein Urteil erlauben über den Nutzen des Bachelors im Berufsleben oder über die Chancen auf einen Masterplatz. Uns wurde gesagt, dass für uns auf jeden Fall genügend Masterplätze vorhanden sind und ich glaube das einfach mal ganz naiv. Alles andere wird die Zeit zeigen.

    Das sind so meine ganz persönlichen Eindrücke und ich erhebe keineswegs den Anspruch, dass sie allgemein gültig sind. Aber es gibt eben durchaus Leute wie mich, die mit ihrem Studium im neuen System keineswegs unglücklich sind.

  27. Manfred
    28. April 2010, 14:39

    …läuft doch prima!

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=5294

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=5228

  28. Bildungsstreik 2010 « Grundkurs B / Literaturtheorie II
    30. April 2010, 6:32

    […] Die “Eichmannisierung” der Akademiker […]

  29. Coffee And TV: » Der Ölprinz
    4. März 2011, 13:39

    […] nie eine Universität von innen gesehen haben oder – viel schlimmer! – ein hektisches Bachelor/Master-Studium zum Zwecke der schnellen Berufsqualifikation durchlaufen haben, wie erklärt man denen, was […]

Diesen Beitrag kommentieren: