Die Zukunft hielt 12 Monate

Von Lukas Heinser, 10. Februar 2009 15:23

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: zoomer.de, das ambitionierte Zukunft-der-Nachrichten-Portal der Holtzbrinck-Gruppe, wird Ende des Monats eingestellt.

Gut: Die Bombe ging nicht hoch, sondern wirbelte allenfalls ein bisschen Staub auf. Aber so wird sie wenigstens in sechzig Jahren für Beschäftigung des Kampfmittelräumdienstes, mehrstündige Unterrichtsausfälle und große Artikel im Lokaljournalismus sorgen. Und das ist vermutlich mehr Positives, als sich über das eine Jahr zoomer.de selbst sagen ließe.

Ende Januar gab der Axel-Springer-Verlag bekannt, dass Zoomer-Chefredakteur Frank Syré, der sich immerhin die Mühe gemacht hatte, auch abwegigste Bildergalerien in Blog-Kommentaren zu rechtfertigen, am 1. März als stellvertretender Chefredakteur zu bild.de geht. Jetzt steht fest: einen Nachfolger wird er nicht brauchen.

zoomer.de ist grandios, aber weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit gescheitert. Selbst jene Blogs, die sich sonst an den kleinen und großen Fehlern deutscher Nachrichtenportale weiden, hatten schon kurz nach dem Start keine Lust mehr, und beim Erstellen unserer internen Wer-macht-noch-wie-lange-Liste („‚Vanity Fair‘: Ostern 2009“) haben wir die Seite schlicht vergessen.

In den letzten Monaten hatte man sich dort (soweit ich das bei meinen Besuchen einmal im Quartal beobachten konnte) mit zunehmender Verzweiflung um Aufmerksamkeit bemüht, indem man Radaubrüdern wie David Harnasch („Die Achse des Guten“) oder MC Winkel („Whudat“) eine Plattform bot oder den „Herausgeber“ Ulrich Wickert über Sprache dozieren ließ.

Selbst die als „Provokation“ apostrophierte Klickstrecke „Die schlimmsten Städte Deutschlands“ schaffte es auf gerade 23 Kommentare und Null Blog-Verlinkungen. Nicht einmal die größten Lokalpatrioten wollten angesichts der grauenhaft recherchierten Schmähung Bochums („ganze zwei Kinos“, „nachts ist nichts los“) auch nur einen Finger rühren. zoomer.de war zu dem Irren geworden, der in der Fußgängerzone vor sich hin brabbelt, aber von dem alle wissen, dass er harmlos ist.

Möglicherweise böte das erstaunlich schnelle Scheitern von zoomer.de die Gelegenheit, mal darüber nachzudenken, ob Mitmachportale wirklich die „Zukunft der Nachrichten“ sind. Ich kann nur für mich sprechen, aber gerade in über-medialisierten Zeiten habe ich gerne die Schlagzeilen kurz und knackig beisammen und will nicht abstimmen müssen, was die Top-Story ist. Für Meinungen und Analysen gehe ich dann zu Leuten, deren Meinung mich interessiert und die ich ernst nehmen kann.

15 Kommentare

  1. SvenR
    10. Februar 2009, 16:20

    Und jetzt erklärst Du bitte einem freundliche gesinnten Kommentator, wo der qualitative Unterschied zwischen Zoomer.de und seinen Blogs und Freitag.de und seinen Blogs liegt. Da finde ich mich – als nicht geübter Benutzer – genausowenig zurecht wie dort.

    Danke.

  2. Lukas
    10. Februar 2009, 18:39

    Zum einen wollte zoomer.de ein Nachrichtenmedium sein, freitag.de nennt sich ja selbst „Meinungsmedium“ — und während man Nachrichten schwerlich diskutieren kann, sieht das bei Kommentaren und Standpunkten schon anders aus. Und dann richtete sich zoomer.de meines Erachtens an eine Zielgruppe, die überhaupt kein Interesse daran hatte: junge Menschen, die sich für Nachrichten interessieren, kriegen diese auch woanders, und die, denen das Tagesgeschehen egal ist, ist es auch mit Klickibunti und Kommentar-Funktion egal.

    Natürlich sehe ich freitag.de nichtsdestoweniger auch als ein Experiment, allerdings als eines, das besser auf die Zielgruppe abgestimmt scheint. Und interaktive Portale sind letztlich immer von ihren Lesern (die ja dann gar nicht mehr nur Leser sein sollen) abhängig.

    Dass die Blogs bei freitag.de noch nicht wirklich übersichtlich sind, ist allerdings auch meine Meinung.

  3. AtaTigerScudetto
    10. Februar 2009, 19:45

    Schon schade mit zoomer.de. War vor knapp einem Jahr eine richtig tolle Inspiration für mich: http://tinyurl.com/brk2vp

    Nebenbei: Mann, mann. Wie die Zeit vergeht…!

  4. vfl4ever
    10. Februar 2009, 20:25

    Ach, schade, dass ich nie bei zoomer war. Da ich aus Bochum komme, weiß ich, dass es hier mind. 3 Kinos gibt.

  5. Lukas
    10. Februar 2009, 20:55

    Sogar derer sechs

  6. balu
    10. Februar 2009, 21:44

    „form follows function, function follows content“… könnte es sein, dass zoomer diese simple web-regel nicht kannte? man darf nie vergessen, wie sensibel user für ein angemessenes design sind. wenn alles blitzt und blinkt, aber nix interessantes drin steht, is´ auch nicht besser als ein werbebanner von parship.

  7. Raventhird
    10. Februar 2009, 23:31

    Wenn das die Definiton von „einschlagen wie eine Bombe“ ist, dann wäre der nächste Sack Reis in China quasi ein Atomkrieg.

  8. Ben
    11. Februar 2009, 0:37

    Sorry, aber selten so ein schiefes Bild gelesen wie in den ersten beiden Absätzen. Zeitnot?

  9. schlong
    12. Februar 2009, 4:22

    Vielleicht nimmst Du einfach mal das fehlplatzierte Komma nach dem „grandios“ weg, das ist extrem missverständlich.

  10. Chemnitzblogger
    12. Februar 2009, 15:18

    Zoomer ist in meinen Augen an drei Dingen gescheitert:
    1. Zu viel Boulevard, fehlende Seriosität
    2. Unübersichtliches, viel zu verspieltes Design,
    3. Zu starke Konkurrenz, bzw. zu wenig Abgrenzung nach unten hin durch Qualität in den Beiträgen (eigene Reportagen, Hintergrundberichte…).
    Praktisch jeder junge Mensch hat doch schon seine zwei bis drei Nachrichtenseiten, auf denen er nachschaut mit denen er gut zurecht kommt. Egal ob Spiegel, die großen Abonnement-Zeitungen oder im Boulevard die BILD oder Mail-Portale wie GMX und Freenet. Irgendwie war Zoomer da nicht klar positioniert. Und eine Provokation geht halt auch nur auf wenn genügend aktive Nutzer da sind – und das waren sie offensichtlich nicht. Auch würde ich nicht ausschließen dass vielleicht viele die News nur lesen wollen statt mitzubestimmen wo an welcher Stelle sie auf der Seite auftauchen…
    Viele Grüße vom Chemnitzblogger!

  11. Lukas
    12. Februar 2009, 18:11

    Bei der Kommasetzung bin ich wirklich sehr schlecht, aber vor einer Kunjunktion wie „aber“ steht immer ein Komma.

  12. Gero
    14. Februar 2009, 1:05

    Unsinn. „Wiki-geprüft aber trotzdem falsch“ wäre beispielsweise richtig, herrje.

  13. Lukas
    14. Februar 2009, 2:46

    @Gero: Ich hätte auch Dutzende anderer Seiten verlinken können. Was ist denn Ihre Quelle?

  14. Lukas
    14. Februar 2009, 3:18

    @Gero: Ach Verzeihung, Sie bezogen sich auf mein „immer“. Das ist in der Tat Quatsch.

    Für schlong hier die passende Kommaregel:

    §72: […] E2: Bei entgegenstellenden Konjunktionen wie aber, doch, jedoch, sondern steht nach der Grundregel (§ 71) ein Komma, wenn sie zwischen gleichrangigen Wörtern oder Wortgruppen stehen: Sie fährt nicht nur bei gutem, sondern auch bei schlechtem Wetter. Der März war sonnig, aber kalt. Er hat mir ein süßes, jedoch wohlschmeckendes Getränk eingeschenkt.

    (zitiert nach Regeln und Wörterverzeichnis. Entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung. Überarbeitete Fassung des amtlichen Regelwerks 2004)

    Ich würde für meinen Geschmack sagen, dass „grandios [gescheitert]“ und „unter Ausschluss der Öffentlichkeit gescheitert“ gleichrangige Wörter oder Wortgruppen sind.

  15. Thorstena » Runterkommen bitte
    31. März 2009, 21:37

    […] wie man sich das vorgestellt hat, ist auch keine Heldentat. Genauso wenig wie den Freitag mit dem unsäglichen Zoomer-Experiment auf eine Stufe zu stellen, und von unterschiedlichen, schwer zu vereinbarenden Kulturen zu […]

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