Spotlight

Von Dominik Bruns, 1. März 2016 22:36

In einer Zeit des Presse-Sterbens und der „Lügenpresse“-Schreihälse singt „Spotlight“ ein kleines Loblied auf den investigativen Journalismus. Anfang der 2000er, als das Modell Tageszeitung noch nicht völlig im Sterben liegt, deckt ein Recherche-Team des „Boston Globe“ die systematische Vertuschung von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche auf.

Die Journalisten, die uns „Spotlight“ zeigt, werden aber nicht zu übergroßen Helden stilisiert, sondern sind halt einfach Leute, die ihre Arbeit machen. Ihr Rechercheprozess wird nicht glorifiziert, sondern in kleine, teilweise wirklich extrem unspektakuläre aber eben notwendige Schritte zerlegt, zum Beispiel wenn meterweise Jahrbücher durchkämmt und in Excel-Tabellen übertragen werden, um die Muster der Vertuschung nachweisen zu können. Auch die Verfehlungen der Journalisten werden angesprochen, wenn Opfer beklagen, dass sie schon vor Jahren Hinweise auf die Größe der Geschichte geliefert hätten, aber im Alltagsgeschäft untergegangen sind.

Das Script umschifft dabei erfreulicherweise diverse typische Hollywood-Fallen. Viele Drehbuchschreiber wären sicherlich der Versuchung erlegen, das Team auf weniger Leute runter zu brechen — und denen idealerweise noch eine Lovestory anzudichten. Stattdessen wird „Spotlight“ schon fast eher zu einem Ensemble-Film, der sehr viele Charaktere unter einen Hut bekommt. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum niemand aus dem Cast eine Oscar-Nominierung für eine Hauptrolle erhalten hat, weil diese eher schwierig auszumachen ist.

Das Drehbuch bleibt über die guten zwei Stunden Laufzeit strikt fokussiert, kaum wird auf Nebenkriegsschauplätze wie die Finanzierungssituation des Investivativ-Teams eingegangen.*
Regisseur Tom McCarthy inszeniert im Dienste des faktenlastigen Script ohne großen Pomp. Eine der intensivsten Momente des Films zeigt schlicht drei Leute, die um ein Telefon versammelt sitzen. Optisch alles andere als bombastisch, hat dieser Moment doch gewaltige Schlagkraft, weil sich hier die schiere Größe des Skandals entfaltet.

Normalerweise bin ich kein großer Fan von den typischen „Was danach geschah“-Texttafeln, die quasi obligatorisch am Ende jedes „Based on real events“-Film stehen. Hier zeigt dieses Stilmittel aber seine volle Wucht, wenn zum Schluss nicht das Schicksal der Filmcharaktere thematisiert wird, sondern schlicht eine nicht enden wollende Liste der Städte durchläuft, in denen Missbrauchsfälle in der Kirche aufgedeckt wurden.

*) Auch wenn die Frage, wo in Zukunft investigativer Journalismus stattfinden soll, ein interessanter Nebenaspekt des Films ist. Nicht umsonst trommelt das sehr unterstützenswerte Recherche-Netzwerk correctiv.org gerade intensiv für diesen Film.

2 Kommentare

  1. Anke
    5. März 2016, 10:00

    Rachel McAdams und Mark Ruffalo waren beide als beste Nebendarsteller*innen für diesen Film nominiert. Soweit ich weiß, ist das eine recht übliche Vorgehensweise für Ensemblefilme, weil es eben keine klare Hauptrolle gibt. Bei den Emmys haben sich die „Friends“-Darsteller*innen auch immer in der Nebenkategorie aufstellen lassen.

    (Ich weiß gerade selber nicht, ob ich deine diesbezügliche Bermerkung im Text nur bräsig unterfüttere oder was Neues sage. Sorry, wenn es ersteres ist.)

  2. Dominik Bruns
    5. März 2016, 10:39

    Ich hab mich da vielleicht etwas undeutlich ausgedrückt, wollte Ruffalo und McAdams nicht übergehen. Eher ging es mir um Keaton, für den wäre durchaus eine Hauptdarsteller-Nominierung drin gewesen. Dass die Academy bei Ensemble-Filmen durchaus auch Hauptdarsteller-Nominierungen vergibt, auch wenn die Unterschiede in der Screentime eher gering sind, hat man ja zuletzt an American Hustle gesehen.

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