Listenpanik (4): Knietief im Pop

Von Lukas Heinser, 6. Juli 2007 14:23

Dank der zu Anfang etwas kruden Abrechnungszeiträume war Teil 3 unserer Serie für den Mai gedacht, dieser (vierte) befasst sich also mit den Alben und Singles des Monats Juni. Wie immer streng subjektiv und ohne den Hauch eines Anspruchs auf Vollständigkeit – und diesmal besonders poppig:

Alben (inkl. Amazon.de-Links)
1. Crowded House – Time On Earth
Crowded House war trotz der großen Hits („Weather With You“, „Don’t Dream It’s Over“, „Four Seasons In One Day“, …) die Band, die kaum jemand kannte. Das änderte sich auch nicht groß, als sich die Band 1996 auflöste und ihr Kopf Neil Finn alleine und mit seinem Bruder Tim schöne bis großartige Pop-Alben veröffentlichte. Jetzt hat sich die Band in Beinahe-Originalbesetzung (Schlagzeuger Paul Hester beging 2005 Selbstmord) wieder zusammengetan und ihr fünftes reguläres Album veröffentlicht. Und man muss sagen: Wenn es je eine Band verdient hat, das musikalische Erbe der Beatles anzutreten, dann Crowded House. Die wunderschönen, oft melancholischen Melodien purzeln nur so aus den Boxen und Songs wie die Single „Don’t Stop Now“ hätten es verdient, mindestens so berühmt zu werden wie „Weather With You“.

2. Jupiter Jones – Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich
Zweieinhalb Jahre nach ihrem Debüt sind Jupiter Jones zurück und machen beinahe da weiter, wo sie aufgehört haben. Zu den grandiosen Texten über Liebe und Einsamkeit, Aufbruch und Aufgeben hat sich die Band musikalisch weiterentwickelt und beeindruckt jetzt mit Bläsern, Streichern und natürlich auch weiterhin mit jede Menge Feuer unterm Arsch. Nenn‘ es Punkrock, nenn‘ es Deutschrock oder Emo – das ist eigentlich egal, denn es ist und bleibt gut: Musik mit kathartischer Wirkung.

3. Mark Ronson – Version
Mark Ronson ist DJ und Produzent (Lily Allen, Robbie Williams, …) und das, was er auf seinem zweiten Soloalbum betreibt, ist das, was ein DJ und Produzent eben so macht: Songs ineinander übergehen lassen und überraschende Klänge hervorzaubern. Neun Coverversionen gibt es, zwei Remixe und drei Instrumentaltracks und die Gaststars geben sich die Klinke in die Hand: Die charmante Lily Allen gewinnt „Oh My God“ von den Kaiser Chiefs ein weibliche Londoner Komponente ab, Daniel Merriweather schmachtet sich durch „Stop Me“ von The Smiths, Phantom-Planet-Sänger Alex Greenwald bezwingt (wie schon auf diesem Tribute-Sampler) Radioheads „Just“ und Robbie Williams darf bei „The Only One I Know“ von den Charlatans zeigen, dass er immer noch singen kann. Dazu gibt’s fette Beats und satte Bläser und schon hat man etwas ganz seltenes: ein Album, dass man auf einer Party durchlaufen lassen kann.

4. Ryan Adams – Easy Tiger
Fast anderthalb Jahre lagen zwischen der Veröffentlichung von „29“ und „Easy Tiger“ – Ryan Adams hatte doch nicht etwa eine Schreibblockade? Iwo: Der leicht verpeilte Alt.-Country-Rocker hat nur Anlauf genommen und will dieses Jahr noch ein Boxset mit Outtakes und Raritäten veröffentlichen. Vorher gibt es aber „Easy Tiger“, das so ziemlich alle Qualitäten des früheren Whiskeytown-Sängers vereint: Rock’n’Roll-, Folk-, Country- und Popsongs stehen nebeneinander wie Geschwister, die sich nicht so hundertprozentig ähnlich sehen, aber doch den gleichen Papa haben. Es ist Adams‘ abwechslungsreichstes Album seit dem phantastischen „Gold“ und vielleicht auch sein bestes seitdem. Das merkt man u.a. daran, dass bei „Two“ noch nicht mal Sheryl Crow stört.

5. Ghosts – The World Is Outside
Jedes Jahr kommen junge britische Bands zu uns, die die Nachfolge von a-ha oder wenigstens der New Radicals antreten wollen. Bei manchen (Keane) klappt das, andere laufen zwar im Radio, schaffen den Durchbruch dann aber doch nicht (Orson, The Feeling, Thirteen Senses. …). Wozu Ghosts gehören werden, ist noch nicht abzusehen. Man kann aber schon sagen, dass sie schicke Popmusik machen, die uns durch den Sommer begleiten soll – egal, wie das Wetter noch wird. Das klappt vielleicht nich über die volle Albumdistanz und ist auch alles andere als neu, aber eben doch sehr nett gemacht. Wer jetzt sagt: „Na, das ist aber kein besonders überzeugendes Plädoyer“, dem sage ich: „Kann schon sein. Aber hören Sie sich das einfach mal an, es könnte Ihnen gefallen.“

Singles (inkl. iTunes-Links)
1. Beatsteaks – Cut Off The Top
Das dazugehörige Album hatte ich hier schon sträflich vernachlässigt, die Single muss aber rein. Die Beatsteaks machen mal wieder alles richtig und hauen einen schwer zu kategorisierenden Song (und ein tolles Video) raus. „Damage! Damage!“

2. Smashing Pumpkins – Tarantula
Dafür bringt man als 16-Jähriger all sein Taschengeld zum Tickethändler und geht auf ein Konzert der „Abschiedstournee“, damit sich die Band sieben Jahre später reformiert. Oder: Damit sich Billy Corgan ein paar neue Banddarsteller auf die Bühne stellt und Paris Hilton aufs Single-Cover klatscht. Der Song ist aber schon recht beachtlich, der einzige andere Ur-Pumpkin Jimmy Chamberlin knüppelt sich durch mindestens vier verschiedene Rhythmen und ich muss gleich dringend los und mir das Album kaufen. Bleibt nur die Frage: Was ist mit dem „The“ im Bandnamen passiert?

3. Mika – Relax (Take It Easy)
Mika habe ich ja schon einige Male gefeiert (z.B. hier sein Album), „Relax“ kann man ruhig aber noch mal extra erwähnen. Für alle, die keine Cutting-Crew-Samples und keine Kopfstimmen mögen, ist der Song natürlich eine Zumutung, für mich eine charmant durchgeknallte Disco-Nummer, die auch durch die Verwendung im Werbefernsehen keinen großen Schaden nimmt.

4. Ghosts – Stay The Night
Schon wieder Ghosts. Ja, das ist halt eingängiger Radiopop und „Stay The Night“ das, was man wohl als „Gute-Laune-Musik“ bezeichnen würde, wenn das nicht ein absolut widerlicher, bescheuerter Begriff wäre. Mal darüber nachgedacht, dass diese Singles-Liste immer so poplastig sein könnte, weil so wenig Mathcore- oder Experimental-Bands Singles veröffentlichen? Ist mir auch gerade erst aufgefallen.

5. Take That – Reach Out
Jawoll, ich bin endgültig wahnsinnig geworden und packe Take That auf meine Liste. Aber wieso eigentlich wahnsinnig? Das ist doch wohl einfach ein schöner Popsong, sauber geschrieben und gut gesungen. Und um mich gleich richtig lächerlich zu machen: Bin ich der einzige, den die Strophen an „Die Tiere sind unruhig“ von Kante erinnern?

Listenpanik (3): Endlich ein Grund zur Panik

Von Lukas Heinser, 31. Mai 2007 13:11

Der Monat ist um, es ist wieder mal Zeit, zurückzublicken. Hier die übliche subjektive Liste, in der hinterher wieder mindestens die Hälfte fehlt:

Alben (inkl. Amazon.de-Links)
1. Wir Sind Helden – Soundso
Veröffentlichungsdaten sind was tolles: Bis vor zehn Minuten dachte ich, das Album erscheine erst morgen. Die Track-by-track-Analyse kommt also erst heute Nachmittag liegt jetzt vor. Dass „Soundso“ ein großartiges Album ist, das den etwas unentschlossenen Vorgänger „Von hier an blind“ fast vergessen macht, kann ich aber auch jetzt schon mal mitteilen.

2. Travis – The Boy With No Name
Auch Travis machen ihr letztes Album wieder wett. Auch nach zigfachem Hören bin ich das Album noch nicht leid und entdecke immer wieder ein paar Details, die ich noch nicht gehört hatte. „The Boy With No Name“ könnte das Sommeralbum werden/bleiben – fehlt nur noch das entsprechende Wetter.

3. Muff Potter – Steady Fremdkörper
Muff Potter zählten eigentlich immer schon zu den besten Bands des Landes – sie wurden nur irgendwie immer ignoriert. Das gab sich aber mit den letzten beiden Alben und während die Band immer noch besser wurde, stieg auch ihre Popularität. Jetzt veröffentlichen die Wahl-Münsteraner ihr neues Album, das wie üblich all ihre Qualitäten vereint. Man könnte es „Deutschpunk“ nennen, wenn man dabei nicht an die Toten Hosen denken müsste, und das nicht sowieso so ein spießiges Etikett wäre. Dann halt: Tolle Texte, umarmende Melodien und immer noch genug Wumms. Muss man (mehrfach) gehört haben.

4. Manic Street Preachers – Send Away The Tigers
Noch eine Band für die Liste „Schwache Vorgänger, die man jetzt getrost vergessen kann“. Was bin ich froh. Detailliert habe ich mich hier ausgelassen, deshalb nur noch: Die Manics sind wieder da, gehen wieder auf die Zwölf und werden trotzdem nicht den Soundtrack zu den G8-Protesten liefern.

5. Mumm-Ra – These Things Move In Threes
Schöner Indiepop, den man hierzulande bereits im Vorprogramm der Killers bewundern konnte. Hier wird das Rad nicht neu erfunden und es versucht auch niemand, mit diesen zur Zeit so beliebten, aber unendlich nervigen absichtlichen Übersteuerungen den Hörer zu misshandeln. Natürlich ist das irgendwie „Mädchenmusik“, aber irgendjemand muss ja die Nachfolge der Kooks antreten. Und irgendwas muss man ja auch auf Kassettenmädchenkassetten aufnehmen können – Mumm-Ra sind dafür perfekt geeignet.

Singles (inkl. iTunes-Links)
1. Shout Out Louds – Tonight I Have To Leave It
Der Preis für die beste The-Cure-Single des Jahres geht jetzt schon an die Shout Out Louds – sogar für den Fall, dass Robert Smith und Band selbst noch was veröffentlichen sollten. Bei manchen Bands wäre man vielleicht ein bisschen ungehalten, wenn sie so sehr nach einer anderen klänge. Nach The Cure zu klingen hat aber schon Blink 182 geholfen und die Shout Out Louds sind sowieso eine tolle Band, die man dieses Jahr unter anderem auf dem noch tolleren Haldern-Pop-Festival bewundern kann.

2. Tocotronic – Sag alles ab
Eigentlich muss man zu Tocotronic ja fast nichts mehr sagen, so sehr über alle Zweifel erhaben ist diese Band schon lange. Doch dann schicken sie ihrem Album „Kapitulation“, das erst im Juli erscheinen wird, eine Single voraus, die rumpelt wie Anno 1997 und einer Epigonentruppe wie Madsen mal eben zeigt, wo Hammer, Harke und Froschlocken sind. Und dann muss man doch wieder was sagen, nämlich: „Wahnsinn!“

3. Wir Sind Helden – Endlich ein Grund zur Panik
Wir Sind Helden haben schon mit „Gekommen um zu bleiben“ gezeigt, dass sie gerne ein wenig untypische und sperrige Vorabsingles veröffentlichen. Das macht die Band noch ein bisschen sympathischer, denn „Endlich ein Grund zur Panik“ dürfte für viele Hörer und selbst für zahlreiche Helden-Fans eine Tortur sein: Treibender Rhythmus, wildes Gekreische, dazu Wortspiele, die so schnell aneinandergereiht werden, dass man die Hälfte erst beim Mitlesen im Booklet versteht. Sollte Wolfgang Schäuble einmal dem Beispiel von George W. Bush folgen und seine iPod-Playlist öffentlich machen, ich bin mir sicher, dieser Song wäre dabei. Nur die Ironie dahinter, die müsste jemand anders liefern.

4. The Killers – Move Away
Keine Single im eigentlichen Sinne, aber ein Soundtrack-Beitrag, der auch gelegentlich im Radio läuft. Die Killers trauen sich noch ein bisschen mehr als auf ihrem letzten Album und liefern einen Song ab, der fast nur aus Schlagzeug und Bass besteht und gefährlich durch die Nacht rumpelt. So kommen sie ihren großen Helden Joy Division mal wieder ein Stückchen näher.

5. Björk – Earth Intruders
Björk ist ja immer so ein Kapitel für sich: Sie hat großartige Sachen gemacht und welche, die sicher auch großartig waren, die aber außer ihr niemand verstehen wollte. Jetzt hat sie eine Single mit Timbaland (dessen Soloalbum beinahe noch in der obereren Hitliste gelandet wäre) aufgenommen und dabei mal wieder alles richtig gemacht: Der zuckende Beat und ihr sphärischer Gesang passen erstaunlich gut zusammen und so entsteht ein Song, den man mal wieder großartig finden kann.

Listenpanik (2): Hier kommt Rock’n’Roll

Von Lukas Heinser, 17. April 2007 15:58

Die letzte Bestandsaufnahme ist schon wieder fast zwei Monate her und so richtig sinnvoll will mir dieses unstrukturierte Vorgehen nicht erscheinen. Deswegen gibt es hier ab demnächst immer am Monatsende eine Liste der wichtigsten Platten und Singles. Jetzt aber erst mal die für Ende Februar bis Mitte April – natürlich wie immer streng subjektiv und garantiert unter versehentlichem Vergessen von hundert anderen Sachen, die auch toll sind.

Alben
1. Get Cape. Wear Cape. Fly – The Chronicles Of A Bohemian Teenager
Passender kann ein Albumtitel kaum sein: Ganz großes Gefühlskino mitten aus dem Leben, das von verspieltem Geplucker vor dem Sturz in den Emo-Strudel bewahrt wird. Sam Duckworth ist gerade mal 20 und damit ein mehr als würdiger Erbe für Connor Oberst, dessen Bright Eyes das Tal der Tränen langsam zu verlassen wollen scheinen.

2. Mika – Life In Cartoon Motion
Passender kann ein Albumtitel kaum sein: Höchst vergnüglicher Bubblegum-Pop, der immer kurz davor steht, ins Alberne abzuschweifen, sich aber immer wieder rettet. Dass der 23jährige Sänger (als Kind mit seiner Mutter aus dem Libanon geflohen, der Vater sieben Monate im Irak verschwunden, hat früher Telefonwarteschleifen besungen) bisher schon ein für heutige Verhältnisse erschreckend bewegtes Leben geführt hat, macht ihn auch als Interviewpartner interessant.

3. Flowerpornoes – Wie oft musst du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?
Passender … Nee, anders: Es mag Zufall sein, dass Tom Liwa seine Band in dem Jahr reaktivierte, in dem mit Blumfeld eine andere große deutschsprachige Indieband der ersten Stunde die Bühne verlässt. Strapazierte Liwa auf seinen letzten Soloplatten die Nerven seiner bodenständigeren Fans mitunter erheblich mit esoterischen Themen, steht er plötzlich wieder mitten im Leben. Die E-Gitarren bollern und er singt Geschichten von Zahnarzttöchtern, Apfelkernen und Rock’n’Roll. Und der ist bekanntlich größer als wir alle.

4. Maxïmo Park – Our Earthly Pleasures
Die neben Bloc Party vermutlich spannendste Band der British Class of 2005 legt ebenfalls nach. Wie es sich für einen guten Zweitling gehört, wirkt die Band gefestigter und scheint ihren Weg gefunden zu haben. Musikalisch großer Indiepop mit vollem Instrumentarium, textlich oft genug ganz tief drin in den menschlichen Abgründen.

5. Just Jack – Overtones
Hip Hop? Funk? Pop? Na ja, in irgendeine Schublade wird man das Album schon stopfen können. Besser aufgehoben ist es aber im Discman, während man auf der Wiese in der Sonne liegt. So laid back und sommerlich kann Musik klingen, ohne gleich süßlich duften zu müssen.

Singles
1. Manic Street Preachers – Your Love Alone Is Not Enough
Okay, okay: noch ist die Single nicht erschienen. Aber wenn die Manic Street Preachers durch die Soloausflüge von James Dean Bradfield und Nicky Wire zu alter Stärke zurückfinden und dann noch ein Duett mit Nina Persson von den Cardigans, der Frau in die jeder ordentliche Indiehörer und -musiker mindestens einmal verliebt war, veröffentlichen, ist das Releasedate ja wohl egal. Wenn Bradfield und Persson durch diese nach Petticoat und Tanztee klingende Nummer schunkeln und nebenbei noch ein paar Selbstzitate verbraten („You stole the sun“ – „Straight from my heart, from my heart, from my heart“), ist das eben ganz und gar großartig.

2. Travis – Closer
Auch noch nicht erschienen, aber ebenfalls bereits zu hören ist die Comeback-Single von Travis. „Closer“ ist ein echter grower, der beim ersten Hören langweilig erscheint, und den man nach fünf Durchgängen schon ewig zu kennen glaubt. „Gänsehaut-Zeitlupen-Stadion-Pophymne“ nennt das die Presseinfo und hat damit sogar irgendwie recht. Die Band tänzelt durchs Video und man würde es ihr gerne gleichtun. Das macht – zusammen mit den anderen Hörproben, die es bereits gab – ganz große Lust auf das neue Album.

3. Just Jack – Starz In Their Eyes
Night fever, night fever! In der sog. gerechten Welt wäre das der Tanzbodenfüller der Saison. So ist es eben nur der Funksong, mit dem man sich bis zum Erscheinen des nächsten Phoenix-Albums die Beine vertreten kann. Oder was man sonst mit Beinen so macht, wenn Musik läuft.

4. Kilians – Fight The Start
Ja ja, die klingen total wie die Strokes. Nur, dass ich mich nicht erinnern könnte, dass die Strokes je A Tribe Called Quest zitiert hätten. Außerdem können Menschen, die sich für besonders schöne Bassläufe interessieren, hier noch richtig was lernen. Und alle anderen auch. Gerechte Welt: Riesenhit. Kann man sogar nachhelfen.

5. The View – Wasted Little DJ’s
Bevor alle Welt New Rave feiert – was auch immer das genau sein soll – gibt es hier noch mal Indierock. Der Song dengelt zwischen Libertines und Beach Boys dahin und sollte dieses Jahr auf keinem Mixtape fehlen.

Der musikalische Aschermittwoch: Who Invented These Lists?

Von Lukas Heinser, 21. Februar 2007 20:21

Nicht nur die Politiker machen heute allerorten Bestandsaufnahmen, auch ich werfe einen Blick ins Plattenregal und versuche festzuhalten, was da so bisher unter dem Erscheinungsjahr 2007 einsortiert wurde.

Alben
1. Bloc Party – A Weekend In The City
„Silent Alarm“ hat (fast) alle kalt erwischt: vor zwei Jahren, auf dem ersten Höhepunkt der Newest Wave, waren Bloc Party plötzlich da und klangen so anders als der ganze Rest. Die Erwartungshaltungen für den Nachfolger waren riesig und was tut die Band? Schlägt so viele Haken, dass man erst gar nicht merkt, dass das Zweitwerk noch größer ist als das Debüt.
Eine Art Konzeptalbum über London und England allgemein, geprägt von der dortigen Paranoia und Gewalt, von Exszessen und der immer gleichen Suche nach Liebe. Die ganz großen Themen, gehauen in nicht minder große Songs, die auf dem Grat zwischen verstörend und überwältigend tanzen.
Ausgewählte Highlights zu bestimmen, erscheint schon fast unmöglich. Mein persönlicher Favorit aber von Anfang an: „Sunday“, nicht zuletzt wegen des Refrains „I love you in the morning / When you’re still hung over / I love you in the morning / When you’re still strung out“. Das dürfte dieses Jahr schwer zu toppen sein.

2. The Blood Arm – Lie Lover Lie
Schreibt der Musikexpress, die klängen wie eine Mischung aus Ben Folds Five und Franz Ferdinand. Denk ich: „Das wollen wir doch erst mal sehen“. Da dröhnt es aus den Boxen der Indiediscos: „I like all the girls and all the girls like me“, immer und immer wieder. Das Rennen um die Textzeilen des Jahres ist also ganz sicher noch nicht entschieden und der dazugehörige Song „Suspcicious Character“ hat alle Chancen, meine Single des Jahres zu werden.
Das zweite Album des Quartetts aus L.A. hat aber mehr zu bieten als textarme Mitgrölhymnen: „Going To Arizona“ ist eine herrliche Folknummer zum, nun ja: Mitgrölen, und „Dolores Delivers A Glorious Death“ ein fast schon tödlicher Schunkler. Es gibt eine weitere Band, die das Klavier zum Rocken nutzt und im Gitarrenverliebten Indierock abstellt, was will man mehr?

3. Little Man Tate – About What You Know
Sheffield, Partnerstadt Bochums und Heimat von Pulp und der Arctic Monkeys. Letztere sind dafür verantwortlich, dass wohl bald jeder verpickelte Schuljunge in der Stadt, der eine Gitarre halten kann, einen Plattenvertrag unterschreiben muss. Bevor es aber so weit ist (und der große Rock’n’Roll-Circus womöglich nach Darlington weiterzieht), dürfen wir uns am Debütalbum von Little Man Tate erfreuen.
Die machen das, was man als junge Band halt so macht: leicht rotzigen Gitarrenpop mit mehr oder weniger bissigen Texten und eingängigen Melodien. Der Opener „Man I Hate Your Band“, das schon mehrfach als Single ausgekoppelt worden war, spielt dann auch gleich mit den ganzen Klischees, die Schülerbands auf Musikmagazintitelbildern so mit sich bringen, aber auch „European Lover“ und „Court Report“ springen direkt aus dem Alltag in die Radios dieser Welt. Bochum hat immer noch nur Grönemeyer. Noch.

4. Cold War Kids – Robbers And Cowards
Da kommt jahrelang nichts Neues aus Kalifornien und jetzt haben wir hier schon die zweite Band, die am Pazifik zu Hause ist: auch Indierock im weitesten Sinne, auch ab und zu mal mit Klavier, aber insgesamt ein weniger kantiger als The Blood Arm. Man erahnt ein wenig Tom-Waits-Einflüsse (California, you know?), auch Vergleiche mit Clap Your Hands Say Yeah klopfen höflich an, aber so unhörbar sind Cold War Kids dann auch nicht.
„Hang Me Up To Dry“ heißt die aktuelle Single, die nur deshalb nicht so häufig in Indiediscos laufen wird, weil man auf den Takt kaum tanzen kann.

5. Tele – Wir brauchen nichts
Und noch schnell was für die Deutschquote tun: Tele werden beim Durchzählen der aktuellen deutschsprachigen Bands gerne übersehen. Ihre Singles laufen vielleicht im Radio, aber viele ihrer Songs sind ein bisschen zu vetrackt, um noch Massenkompatibler Pop zu sein. Beim „Bundesvision Song Contest“ landeten sie im Mittelfeld, dabei war „Mario“ wohl der mit Abstand am besten ausgearbeitete Song im Wettbewerb: die Lied gewordene Geschichte eines Jungen aus gutem Hause, der immer auf der Suche ist, vorgetragen zu leicht lateinamerikanisierter Musik und unwiderstehlichen „Oh oh“-Chören.
Mit nicht ganz so naheliegenden Musikstilen haben es Tele eh, auch wenn „Rio de Janeiro“ eher nach US-amerikanischer Revuemusik als nach Samba klingt. Und dann noch diese Texte: „Als Du noch hier warst, war ich sicher, ich bin nicht mehr in dich verliebt, aber das war falsch wie der erste und der zweite Golfkrieg“. Der Titeltrack ist dann (nach Muff Potters „Wenn dann das hier“ und „Nichts geht verloren“ von Kante) der endgültige Beweis dafür, dass man über Sex sehr wohl auch auf Deutsch singen kann. Ein Lied, so vereinnehmend, dass man dazu auch gerne mal seine Reisetasche im Zug stehen lässt.

Singles
1. Kaiser Chiefs – Ruby
Meinen Hang zu klug ersonnenen Mitgrölhymnen hatte ich ja schon weiter oben zugegeben. „Rubyrubyrubyruby (ahaaahaa), doyadoyadoyadoya“ ist also ein Zwei-Promill-Refrain ganz nach meinem Geschmack. Das ist für den Moment mehr als genug, das ist sogar spitzenmäßig, und wie das Album wird, sehen wir dann am Freitag.

2. Bloc Party – I Still Remember
Gerüchten zufolge die zweite Single, deswegen hier in der Liste: ein The-Cure-Gitarrenriff, danach erst mal nur noch Bass, Schlagzeug und die unglaubliche Stimme von Kele Okereke. Eine Hymne über unerfüllte Liebe, wahrscheinlich bald zu Kerzenlicht und billigem Rotwein in jedem zweiten Teenager-Zimmer zu hören (falls man sowas heute noch macht).

3. The Blood Arm – Suspcious Character
Ich schreib doch jetzt nicht das dritte Alkohol-Loblied in Folge! Stattdessen nur „I like all the girls and all the girls like me“, der Rest steht eh oben.

4. Mika – Grace Kelly
Seit Wochen Nummer 1 in UK, muss ich mehr sagen? Okay: Wenn es Queen mit ihrer Reunion halbwegs ernst gemeint hätten, hätten sie sich Mika als Sänger geholt. Der jongliert nicht nur mit seiner Stimme wie dereinst Freddie Mercury, der schreibt auch noch gleich solche Songs.

5. Lady Sovereign – Love Me Or Hate Me
Weiße Engländerinnen, die anfangen zu rappen: Au weia. Glücklicherweise erreicht Louise Harman einen recht beachtlichen Wert auf der Mike-Skinner-Skala und bastelt sich noch reichlich Grime-Elemente in die Musik. Wie Lily Allens böse Stiefschwester. Klar, dass sowas polarisiert, aber das sagt ja auch schon der Titel.

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