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Alben des Jahres 2020

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 29. Januar 2021 19:20

Okay, ich bin spät dran — andererseits hat 2021 ja nicht am 1. Januar begonnen, sondern fast drei Wochen später. Und: Ja, ich hatte letztes Jahr schon gesagt, dass ich vielleicht nie wieder eine Liste mit den „Alben des Jahres“ machen würde, weil das Format Album zunehmend an Bedeutung verliert; weil manche Acts zum Beispiel gar keine Alben mehr machen — oder Leute wie Taylor Swift halt gleich zwei, von denen man dann auch irgendwie nicht so recht weiß, wie man diese behandeln soll. Aber es war so ein seltsames Jahr, dass ein wenig Rückbesinnung auf Altbewährtes psychologisch sinnvoll sein kann.

Wald voller Bäume

Also dann: Zum wirklich allerletzten Mal — meine liebsten Alben eines Kalenderjahres!

10. Sevdaliza – Shabrang (Spotify, Apple Music)
Der Musik von Sevdaliza bin ich zum ersten Mal im Februar 2020 bei „All Songs Considered“ begegnet und erstmal abgetaucht in diese etwas ungewohnten Klangwelten. Als dann im August das zweite Album der iranisch-niederländischen Musikerin erschien, war „ungewohnt“ keine Kategorie mehr, in der irgendjemand gedacht hat. Das Internet bezeichnet die Musik als „Electronic, alternative R&B, trip hop, experimental pop, avant-pop“, aber manchmal hilft es ja, sich Sachen einfach anzuhören und darauf einzulassen.

9. Vistas – Everything Changes In The End (Spotify, Apple Music)
Wenn Stephen Thompson von NPR, ein Mann, dem ich in Sachen Musik blind vertraue, sagt, dass er seit langem kein Album mehr gehört habe, das so viele potentielle Hits enthalte; das klinge wie eine Mischung aus den Proclaimers, Andrew W.K. und Fountains Of Wayne und das eines seiner absoluten Lieblingsalben des Jahres sein werde, dann höre ich mir das natürlich an: „Everything Changes In The End“ von Vistas war dann tatsächlich eine einzige Sammlung großer, vor Freude fast platzender Power-Pop-Hymnen — in Sachen Spannungsbogen und Abwechslung war das ein bisschen öde, aber nachdem der Sommer 2020 fast ausschließlich in unserem eigenen Garten stattfand, denke ich bei diesen Songs eben nicht an Nachmittage im Stadtpark, Festival-Besuche (gut: ich bin eh zu alt für diesen Quatsch!) und abendliche Heimwege in kurzen Hosen, sondern an den Teil des Gartens hinter der Garage, den Teil des Gartens neben der Kellertreppe und – total crazy – den Ausflug zu Fuß zum Edeka.

8. Bruce Springsteen – Letter To You (Spotify, Apple Music)
Wenn man ein Album von Bruce Springsteen in seine Jahres-Top-10 packt, kann man eigentlich als nächstes an der Lesercharts-Wahl des deutschen „Rolling Stone“ teilnehmen, sich mit Lederjacke auf ein Motorrad setzen und schon mal den Termin für die nächste Vorsorge-Untersuchung beim Hausarzt machen! Aber wenn uns 2020 eines gelehrt hat, dann: Weniger Zynismus, bitte! (Und mehr Vorsorge-Untersuchungen!) Was können ich und motorradfahrende Rockmagazin-Leser über 60 denn dafür, dass der Boss auch nach all den Jahren so gute Alben aus dem Ärmel seiner Lederjacke schüttelt? Fast das ganze „Letter To You“ ist eine Feier von Musik, Optimismus und Durchhaltevermögen und es ist etwas überraschend, dass die Songs schon vor dem ganzen Scheiß geschrieben (drei sogar vor fast 50 Jahren) und mit der E Street Band aufgenommen wurden.

7. Touché Amoré – Lament (Spotify, Apple Music)
Wer wollte 2020 nicht am Liebsten einfach nur Schreien? Jeremy Bolm macht genau das — und er ist sehr gut darin. Irgendwie waren die ersten vier Alben von Touché Amoré an mir vorbeigegangen, obwohl sie eigentlich genau mein Ding hätten sein müssen. Jetzt aber: „Lament“. Musik, die klingt, als würde ich sie schon seit 20 Jahren im Herzen tragen, als hätte ich dazu schon in abgeranzten Clubs auf der Tanzfläche gestanden, meine Fäuste geballt, die Unterarme angewinkelt und dann sehr laut und emotional mitgebrüllt. Ich verspreche, ich werde es nachholen, sobald es möglich ist!

6. Circa Waves – Sad Happy (Spotify, Apple Music)
Wo wir gerade vom Format Album sprachen: „Sad Happy“ kam in zwei Teilen heraus — „Happy“ im Januar 2020, als die Welt, wie wir sie kannten, noch existierte, und man angesichts von sieben großartigen Songs schon mal nach Tourdaten Ausschau gehalten hat; „Sad“ an jenem 13. März, in dessen Verlauf Schulen und Kindergärten geschlossen, die Bundesliga ausgesetzt und generell die vorherige Normalität völlig abgeschaltet wurde. Nach der euphorischen, energiegeladenen ersten Hälfte passte der 2. Teil zur neuen Wirklichkeit (so, wie natürlich alles plötzlich irgendeine Bedeutung hatte): Ein bisschen mehr Melancholie, ein bisschen mehr Synthesizer, ein bisschen mehr Akustikgitarren. Die ersten sieben Songs waren plötzlich eine Erinnerung an eine andere Welt, das ganze Album blieb toll.

5. Darren Jessee – Remover (Spotify, Apple Music)
Darren Jessee begleitet mich mehr als mein halbes Leben: Erst als Schlagzeuger, Background-Sänger und Gelegenheits-Songwriter bei meiner ewigen Lieblingsband Ben Folds Five, dann als Sänger und Haupt-Bandmitglied von Hotel Lights, wo ich ein paar Mal mit ihm im E-Mail-Austausch stand, um die Musik der Band bei CT das radio zu spielen und sonstwie in Europa populär zu machen. „Remover“ ist Darren Jessees zweites Soloalbum und zählt mit zum Besten, was er je herausgebracht hat: Ein einfaches, reduziertes Folk-Pop-Album zwischen Elliott Smith und Monta, Neil Young und Wilco. Songs wie „Along The Outskirts“ und „Never Gonna Get It“ fühlen sich an wie die kraftvolle Umarmung eines alten Freundes (wenigstens glaube ich das, was weiß ich, wie sich Umarmungen anfühlen?!).

4. Kathleen Edwards – Total Freedom (Spotify, Apple Music)
2014 hatte sich Kathleen Edwards nach vier großartigen Alben und auszehrenden Touren durch die halbe Welt aus dem Musikgeschäft zurückgezogen und in ihrer Heimat einen Coffee Shop namens „Quitters“ aufgemacht. Nach Jahren der Stille und des Milchaufschäumens kehrte sie im vergangenen Jahr zurück und sang auf „Total Freedom“ zum Glück wieder wunderschöne, etwas melancholische Alternative-Folk-Songs über zwischenmenschliche Beziehungen, das Leben und den Ausstieg aus dem Business. Ich bin 2020 wirklich nicht viel Auto gefahren, aber wenn ich mich an unbeschwerte Stunden auf der Autobahn erinnere, dann mit diesem Album.

3. HAIM – Women In Music Pt. III (Spotify, Apple Music)
Natürlich hießen die ersten beiden Alben von HAIM nicht „Women In Music“, aber es war schon ein kluger, kleiner Gag der Schwestern-Band, das dritte Werk so zu benennen, ist es doch im besten Sinne eine konsequente Fortsetzung: Es groovt, die Drums scheppern ein bisschen und die Stimmen von Este, Danielle und Alana Haim harmonieren. Man hat das Gefühl, das eigene Leben würde ein bisschen glamouröser und kredibiler, wenn man diese Musik hört — Roséwave eben! Für mich war „Women In Music Pt. III“ der Soundtrack zu einem Samstagvormittag im Juni, den ich beruflich bedingt in Hamburg verbrachte und an dem ich zwei Stunden bei Sonnenschein (Hamburg!) durchs Schanzenviertel spazierte, was sich trotz Maskenpflicht in den Geschäften so sehr wie Urlaub anfühlte wie wenig anderes in 2020.

2. Gordi – Our Two Skins (Spotify, Apple Music)
Alle, wirklich alle Songs, die Sophie Payten alias Gordi vorab veröffentlicht hatte, hatten es auf meine Vorauswahl-Liste für die Songs des Jahres geschafft und ließen Großes erwarten. „Our Two Skins“ enttäuschte nicht: Vom zaghaften, ganz zerbrechlichen „Aeroplane Bathroom“ über das tänzelnde „Sandwiches“ bis zu den schwelgerischen „Volcanic“ (bei dem man am Deutlichsten hört, dass es mit dem Produzenten Chris Messina und dem Label Jagjaguwar einige Gemeinsamkeiten mit Bon Iver gibt) und “Extraordinary Life“ folgt hier wirklich ein unwahrscheinlicher Hit auf den nächsten. „Our Two Skins“ klingt, wie sich tiefes Durchatmen (was wir ja jetzt Dank der 2020 entdeckten Yoga-Videos und Meditations-Apps alle regelmäßig machen) anfühlt!

1. Taylor Swift – Folklore (Spotify, Apple Music)
Schon als ich „Folklore“ zum ersten Mal gehört habe, wusste ich, dass es eine besondere Beziehung sein würde zwischen mir und diesem Album. Taylor Swift hatte es im 1. Lockdown geschrieben und aufgenommen, keine 24 Stunden vor Veröffentlichung angekündigt — und schon beim ersten Hören war klar, dass sie gemeinsam mit ihren Co-Songwritern und Produzenten Aaron Dessner (The National, Big Red Machine) und Jack Antonoff damit schlichtweg ein Meisterwerk geschaffen hatte. Waren Taylor Swift mit modernster, aufwendigster Produktion schon zahlreiche instant classics gelungen, so katapultierte sie der eher reduzierte Sound von „Folklore“ in noch höhere Höhen. Endlich handelten die Texte mal nicht mehr nur davon, wie es ist, Taylor Swift zu sein, sondern sie erzählten kleine Geschichten — wobei, was heißt da „klein“?! „The Last Great American Dynasty“ ist eine great American novel in 3:51 Minuten; „Betty“ der beste Song, der je darüber geschrieben wurde, wie es ist, ein 17-jähriger Junge zu sein (Sorry, Travis!); „August“ klingt so sorglos, wie sich der gleichnamige Monat im Nachhinein fast anfühlte; „Epiphany“ bringt mich immer noch zum Heulen (oder zumindest dazu, tief durchzuatmen) und das Trennungs-Duett „Exile“ mit Justin Vernon von Bon Iver ist sowieso ein Lied, das einem einfach jedes Mal den Stecker zieht.
Seit Juli wache ich jeden Morgen mit einem neuen Ohrwurm auf — und es sind wirklich alle 16 Songs von „Folklore“ dabei (wahlweise gemeinsam oder anstelle des täglichen „Hamilton“-Ohwurms). Dieses Album hat mich durch die zweite Jahreshälfte begleitet wie sonst nur mein Kind und meine engsten Freund*innen. Etwa ab September war klar, dass „Folklore“ mein Album des Jahres werden würde — und dann haute Taylor Swift im Dezember, wieder mit minimaler Vorwarnung, einfach noch ein Album raus! „Evermore“ hätte mit seinen Kollaborationen mit HAIM, The National und abermals Bon Iver beste Chancen gehabt, ebenfalls in meinen Top 10 zu landen, aber ich hatte ja schon „Folklore“. I think, I’ve seen this film before. And I loved all of it.

Einfach mal machen!

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 21. März 2018 21:50

Ich bin verliebt. In diesen Song, das dazugehörige Album und ein bisschen auch in diese Frau:

Die Frau ist Rae Morris und ihr Song „Don’t Go“, der im Serienfinale von „Skins“ lief (also, „Serienfinale“ in dem Sinne, wie „The Book Of Love“ von Peter Gabriel das „Serienfinale“ von „Scrubs“ untermalte: danach kamen noch Folgen, aber wen interessieren die, denn das hier war der große Moment mit einem phantastischen Song, den ich vorher noch nicht kannte und anschließend hundert Mal auf Repeat hören musste und … ich schweife ab), war mein Lied des Jahres 2012.

2015 erschien ihr Debütalbum „Unguarded“, was … okay war, und am 2. Februar dann ihr Zweitwerk „Someone Out There“, was sehr, sehr gut geworden ist und musikalisch irgendwo zwischen Imogen Heap, Björk, Lily Allen und Emmy The Great changiert.

„Do It“ ist bereits vor einem halben Jahr als 2. Vorabsingle erschienen, aber ich habe es erst jetzt mitbekommen. Auch ohne das Video hätte ich den Song synästhetisch so beschrieben: warmer Sommernachmittag, der in den Abend übergeht, Bier im Stadtpark (und ein Hauch von Beck’s-Reklame), Leute treffen, zu zweit sein und sich mit zunehmender Dunkelheit und Alkoholisierung immer weniger verstohlene Blicke zuwerfen, sich irgendwann angrinsen und vermutlich irgendwann knutschen.

Ein Lied, das klingt, wie der Moment, wenn man sich verliebt (welcher natürlich auf allerallerbeste Weise literarisch verewigt wurde von John Green in „The Fault In Our Stars“ mit: „I fell in love the way you fall asleep: slowly, then all at once.“, aber das wusstet Ihr ja alle schon), und das eine ebenso simple wie oft unmöglich umzusetzende Botschaft enthält: einfach mal machen!

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter „Post vom Einheinser“, für den man sich hier anmelden kann.

Songs des Jahres 2012

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 22. Januar 2013 16:00

Ich bin natürlich viel zu spät dran. Ich habe inzwischen mehrere Songs im Radio oder in Gaststätten gehört, die selbstverständlich noch auf die Liste gehört hätten, die ich aber schlichtweg vergessen habe. Und vermutlich habe ich die besten Sachen eh wieder nicht mitbekommen.

Egal.

Hier sind meine Songs des Jahres 2012:

25.The Killers – Runaways
„Battle Born“, das vierte reguläre Album der Killers, hat nicht die Übersongs wie „Hot Fuss“, es ist kein geschlossenes Meisterwerk wie „Sam’s Town“, aber auch nicht so unsortiert wie „Day & Age“. Kurzum: Es ist ein völlig okayes Album — und es hat „Runaways“, die neueste Springsteen-Hommage (Frau kennengelernt, schwanger geworden, geheiratet, Stimmung im Arsch — man kennt das) aus dem Hause Flowers. „We can’t wait till tomorrow“!

24. Calvin Harris feat. Example – We’ll Be Coming Back
Das Konzert von Example in der Kölner Essigfabrik war eines der besten und energiegeladensten, die ich 2012 besucht habe. Leider werde ich mit dem neuen Album „The Evolution Of Man“ nicht richtig warm, aber diese Kollaboration mit Calvin Harris, die auf den Alben beider Künstler enthalten ist, ist schon sehr ordentlich geworden.

23. Frittenbude – Zeitmaschinen aus Müll
Ein Plädoyer für den Spaß, die Party, die Selbstzerstörung, ohne gleichzeitig gegen Spießertum und Bausparverträge zu hetzen. Die Kernaussage „Jeder Tag ist der beste Tag eines Lebens“ ist vielleicht nicht sonderlich neu, aber sie rundet diesen melancholischen Carpe-Diem-Popsong wunderbar ab.

22. Santigold – Disparate Youth
Unseren jährlichen Mobilfunk-Werbesong gib uns auch heute wieder. Natürlich haben die sonnendurchfluteten Erlebnis-Bilder aus den Vodafone-Spots diesen ohnehin großen Song noch ein bisschen weiter mit Bedeutung aufgeladen, aber auch nach der Dauerbeschallung im Fernsehen (und mehr noch: im Internet) hat das Lied nichts von seiner Schönheit verloren.

21. Benjamin Gibbard feat. Aimee Mann – Bigger Than Love
Da veröffentlicht der Sänger von Death Cab For Cutie und The Postal Service das erste richtige Soloalbum unter eigenem Namen („Former Lives“) und der beste Song ist wieder mal eine Kollaboration. Nach „Bigger Than Love“ wünscht man sich, Gibbard und Mann hätten zusammen ein komplettes Album aufgenommen, so großartig harmonieren ihre beiden Stimmen und so schön ist das Ergebnis geworden.

20. The Gaslight Anthem – „45“
Ich würde sie ja gerne ignorieren, diese schrecklichen Kreationisten aus New Jersey, aber dafür machen sie leider immer noch viel zu gute Musik. „45“ ist eben leider ein großartiger Opener zu einem ziemlich guten Album. Die Frage, ob man guten Künstlern nachsehen sollte, dass sie offensichtlich Idioten sind, klären wir dann eben später.

19. Kid Kopphausen – Das Leichteste der Welt
Seit dem 10. Oktober kann man Kid Kopphausen nicht mehr hören, ohne mitzudenken, dass Nils Koppruch, einer der zwei Köpfe dieser Band, starb, bevor es mit der Band richtig losgehen konnte. Hier singt nun die meiste Zeit Gisbert zu Knyphausen, der andere Kopf, und er singt so grandios Zeilen wie „Denn jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt“. Das ist so meilenweit weg von den Acts, die jedes Jahr den „Bundesvision Song Contest“ unsicher machen, so sagenhaft gut, dass es wirklich keines Todesfalls bedurft hätte, um dieses Album noch besonderer zu machen. Aber so ist das Leben manchmal.

18. Kendrick Lamar – Swimming Pools (Drank)
Es sind so viele Lobeshymnen über Kendrick Lamar und sein Debütalbum „good kid, m.A.A.d city“ erschienen, dass ich keinerlei Ambitionen habe, dem noch etwas hinzuzufügen. Es ist ein wahnsinnig kluges Album, das vielleicht nicht im eigentlichen Sinne catchy ist, an dem wir aber vermutlich auch in 20, 30 Jahren noch unsere Freude haben werden. Und „Swimming Pools (Drank)“ ist der beste Song darauf. Vielleicht.

17. Leslie Clio – Told You So
Während Thees Uhlmann solo Karriere macht, hat der Rest der letzten Tomte-Besetzung umgesattelt und ist jetzt Backing Band (bzw. im Falle von Niko Potthoff auch noch Produzent) von Leslie Clio, der – großer Gott, Musikjournalisten! – „deutschen Antwort auf Adele“. „Told You So“ ist clever, knackig und entspannt und gemeinsam mit der Nachfolgesingle „I Couldn’t Care Less“ lässt das Großes für das im Februar erscheinende Debütalbum „Gladys“ erwarten.

16. Frank Ocean – Lost
Und noch so ein Album, das völlig zu Recht auf allen Bestenlisten weit vorne gelandet ist. Ich habe länger gebraucht, um mit „Channel Orange“ warm zu werden, aber es wird tatsächlich bei jedem Hören noch besser. „Lost“ ist der … nun ja: eingängigste Song des Albums, der ein bisschen schüchtern vor sich hin groovt.

15. Cro – Easy
Ja, der Song hätte auch schon 2011 auf der Liste stehen können. Ja, man kann das mit der Panda-Maske albern finden. Ja, die ständige Medienpräsenz (außer in der „WAZ“) nervt ein bisschen. Aber bitte: „Easy“ ist immer noch ein großartiger Song. Die Zeilen mit „AC/Deasy“ und „Washington, Deasy“ zählen zum Cleversten, was im deutschsprachigen Hiphop je passiert ist — wobei die Konkurrenz da jetzt auch überschaubar ist.

14. Alex Clare – Up All Night
Keine Ahnung, warum die großen Hits von Alex Clare jetzt „Too Close“ und „Treading Water“ sind: „Up All Night“ hat doch viel mehr Energie und ist viel abwechslungsreicher. Andererseits dürften die Auswirkungen auf den Straßenverkehr auch verheerend sein, wenn so ein Lied plötzlich im Formatradio läuft. Verglichen mit dem Rest des Albums, der zwischen Soul und Dubstep schwankt, ist der Refrain von „Up All Night“ nämlich ein regelrechtes Brett. Andrew W.K., mit dem Drumcomputer nachempfunden.

13. Burial – Loner
Von der Radiovariante zum Untergrundhelden: Kaum ein Künstlername passt so gut zur Musik wie der von Burial. Die Doppel-EP „Street Halo / Kindred“ ist das, was Massive Attack seit Jahren nicht mehr richtig hinbekommen, und „Loner“ ist mit knackigen siebeneinhalb Minuten noch das zugänglichste Stück in diesem düsteren Gewaber. Unbedingt mit Kopfhörern und geschlossenen Augen genießen!

12. The Wallflowers feat. Mick Jones – Reboot The Mission
Nach sieben Jahren Pause und zwei sehr guten Soloalben von Jakob Dylan sind die Wallflowers zurück — und klingen plötzlich nach The Clash! Und, klar, wenn sie im Text Joe Strummer erwähnen, können sie für die Gitarre und den Gesang im Refrain gleich auch noch Mick Jones verpflichten. Und ich bin so einfach gestrickt, dass ich es grandios finde!

11. Kathleen Edwards – Change The Sheets
Ich glaube, wenn ich alles zusammenzähle, ist Kathleen Edwards meine Lieblingssängerin: Diese wunderschöne Stimme, diese Stimmungsvollen Songs und die Bilder, die ihre Musik entstehen lässt! Und dann ist „Voyageur“, ihr viertes Album, auch noch von Justin Vernon von Bon Iver produziert und enthält Songs wie „Change The Sheets“! Toll!

10. Bob Mould – The Descent
Gut, Bob-Mould-Alben klingen immer gleich und viel Abwechslung gibt es auch auf „Silver Age“ nicht. Aber als einzelner Song kann so etwas wunderbar funktionieren und was der Ex-Sänger von Hüsker Dü und Sugar da mit 52 aus dem Ärmel schüttelt, kriegen manche Musiker unter 30 nicht auf die Kette. Die Formel „Gitarrengeschrammel plus hymnische Chöre“ ist natürlich denkbar einfach, kriegt mich aber fast immer.

09. Cloud Nothings – Stay Useless
Dieser Song ist erst ganz spät auf meiner Liste gelandet, als Stephen Thompson ihn in der Jahresbestenlistenshow von „All Songs Considered“ gespielt hat und ich festgestellt habe, dass ich ihn schon das halbe Jahr über im Freibeuter gehört hatte. Natürlich auch denkbar einfach in seiner Wirkmächtigkeit, aber ich find’s gut, wenn ich weiß, was ich will, und das auch bekomme.

08. Carly Rae Jepsen – Call Me Maybe
Ich saß in Baku im Hotelzimmer, guckte russisches Musikfernsehen und sah dieses Video. Als der Song zu Ende war, zappte ich weiter und sah das Video auf dem nächsten Kanal direkt noch mal von vorn. „Komische Russen“, dachte ich, wollte den Song bei Facebook posten und stellte dann fest, dass ich bisher einen internationalen Hit verpasst hatte. „Call Me Maybe“ mag mittlerweile ein ganz kleines bisschen nerven, aber es ist einer der besten Popsongs, der in diesem Jahrtausend geschrieben wurde (über die Produktion können wir uns streiten) und „Before you came into my life I missed you so bad“ eine ganz rührende Zeile Teenager-Poesie. Popkulturtheoretisch spannend ist natürlich auch die Erkenntnis, dass die ganz großen Megahits („Somebody That I Used To Know“, „Gangnam Style“ und eben „Call Me Maybe“) inzwischen immer auch mit Webphänomenen einhergehen oder sogar aus ihnen entstehen.

07. Kraftklub – Songs für Liam
Noch so ein Song, den nicht mal Einslive totspielen konnte. So clever wurde Popkultur in deutschsprachigen Songtexten selten verhandelt, so wirkungsvoll wurden die Black Eyed Peas und Til Schweiger selten gedisst, so gut wurde der Wunsch, geküsst zu werden, selten begründet. Außerdem freut man sich ja über jede junge Band, die sich mal nicht von der Folkplattensammlung ihrer Eltern hat beeinflussen lassen.

06. First Aid Kit – Emmylou
… womit wir bei zwei schwedischen Teenagern wären, die maßgeblich von der Folkplattensammlung ihrer Eltern beeinflusst wurden. Ich verehre First Aid Kit, seit ich sie vor vier Jahren auf dem By:Larm in Oslo gesehen habe, und war etwas enttäuscht, dass ihr Debütalbum 2010 dann vergleichsweise egal ausfiel. Das haben sie jetzt mit „The Lion’s Roar“ ausgeglichen, dem wundervollen Nachfolger. „Emmylou“ wirft mit textlichen und musikalischen Referenzen nur so um sich und macht klar, dass sich Johanna und Klara Söderberg so intensiv mit der Materie beschäftigt haben, dass sie statt dieses Songs auch eine Habilitationsschrift hätten anfertigen können. Die wäre allerdings kaum so schön geworden.

05. kettcar – Rettung
Damit wäre jetzt auch nicht mehr zwingend zu rechnen gewesen, dass kettcar zehn Jahre nach ihrem grandiosen Debütalbum noch mal das beste Liebeslied veröffentlichen würden, das je geschrieben wurde. Doch, wirklich: Das muss man auch erst mal bringen, die besoffen kotzende Freundin zu besingen und mit „Guten Morgen, Liebe meines Lebens“ zu schließen. „Liebe ist das was man tut“, lehrt uns Marcus Wiebusch hier ganz praktisch. Und musikalisch ist das auch eine der besten kettcar-Nummern.

04. Macklemore & Ryan Lewis – Thrift Shop
Wenn 2012 nicht ausgerechnet das erste Ben-Folds-Five-Album seit 13 Jahren erschienen und auch noch wahnsinnig gut ausgefallen wäre, wäre „The Heist“ von Macklemore & Ryan Lewis mein Album des Jahres geworden. Auf der einen Seite gibt es dort unglaublich anrührende Songs wie „Same Love“ und „Wing$“, auf der anderen so einen funkelnden Wahnsinn wie „Thrift Shop“, der eigentlich niemanden kalt lassen kann. Unbedingt auch das Video ansehen!

03. Japandroids – Fire’s Highway
Wie Sie gleich sehen werden, gab es 2012 für mich drei große Strömungen: Melancholische Klavierballaden, Hiphop und Garagenrockbretter. Hier der bestplatzierte Vertreter der letztgenannten Kategorie. „Celebration Rock“ ist, wie Stephen Thompson bei „All Songs Considered“ richtig bemerkt hat, das vielleicht am passendsten betitelte Album der Musikgeschichte: Acht Songs in 35 Minuten, ein durchgetretenes Gaspedal und Freude am eigenen Lärm. In allen anderen Bestenlisten taucht „The House That Heaven Built“ auf, bei mir eben „Fire’s Highway“. Gitarrengeschrammel plus hymnische Chöre, Sie kennen das Prinzip.

02. Ben Folds Five – Away When You Were Here
Ich will ganz ehrlich sein: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass „The Sound Of The Life Of The Mind“ überhaupt ein gutes Album werden würde. 13 Jahre Warten waren einfach zu viel. Dass es letztlich ein sehr gutes Album geworden ist, liegt an Songs wie „Away When You Were Here“: Die Melodie klingt schon beim ersten Hören, als kenne man das Lied seit seiner Kindheit, und dass Ben Folds ein Lied an einen verstorbenen Vater singt, während sein eigener Vater noch lebendig und bei bester Gesundheit ist, untermauert seine Songwriter-Qualitäten. Jeder Depp kann besingen, was er fühlt oder sieht, aber mit fiktiven Geschichten derart zu Herzen zu rühren, das können nur wenige. Ben Folds kann es, natürlich.

01. Rae Morris – Don’t Go
Ich habe nicht viele TV-Serien komplett gesehen. Wenn ich es dann doch ausnahmsweise mal tue, sind die Abschlusslieder gleich mit besonderer Bedeutung aufgeladen. Das war mit Peter Gabriels „The Book Of Love“ am Ende von „Scrubs“ so (die Unzumutbarkeiten der neuen Folgen verschweigen wir einfach) und so war es auch mit „Don’t Go“ am Ende von „Skins“. Dass auch diese Serie jetzt noch einen Appendix bekommt (der hoffentlich/mutmaßlich nicht so schlimm wird wie der von „Scrubs“), können wir an dieser Stelle getrost unterschlagen, so berührend und emotional verdichtet ist die Montage zu diesem Lied, das ich seitdem rauf und runter gehört habe — obwohl das zunächst gar nicht so einfach war. Ein schlichtes Lied einer jungen Singer/Songwriterin aus England, aber auch ein sehr schönes.

Jetzt nachhören: Meine Top 25 bei Spotify.

Und weil ich hier eh schon so viel über die Alben geschrieben habe, gibt’s deren Bestenliste diesmal unkommentiert.

Not for sale

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. Mai 2012 11:24

Am Sonntagabend schaute ich mir das auf DVD an, von dem ich annahm, dass es die letzte Folge „Skins“ sein würde: Die zehnte Folge der sechsten Staffel, die dritte Generation der Hauptcharaktere ist durch. Es war, nach einer schwer enttäuschenden fünften, eine erstaunlich gute Staffel, die Zeitanzeige näherte sich der 45-Minuten-Marke und dann lief zur großen Abschlussmontage ein Lied, das ich auf Anhieb liebte.

Ich habe noch nicht viele Serien komplett durchgeguckt, aber ich erinnere mich noch gut an das Finale von „Scrubs“1 und wie ich danach tagelang nur „The Book Of Love“ von Peter Gabriel hören konnte.

Wie auch bei „Scrubs“ wird es bei „Skins“ noch weitergehen: Eine finale Staffel, in der die Charaktere aus allen drei Generationen auftauchen werden, wird im kommenden Jahr laufen, was ich aber erst hinterher gelesen habe. Und wie auch bei „Scrubs“ hatte ich anschließend das Problem, dass ich diesen großen, bedeutenden, magischen Song nicht kaufen konnte.

„Don’t Go“ der erst 19-jährigen Singer/Songwriterin Rae Morris ist bei Warner Music UK erschienen und bisher nur im britischen iTunes-Store und bei amazon.co.uk zu kaufen — das macht es mir als deutschem Hörer quasi unmöglich,2 diesen Song legal zu erwerben.

Dabei wäre ich durchaus bereit, mehr als die 99 bzw. 89 Pence dafür zu bezahlen, ich würde glatt zehn Pfund dafür hinblättern, dieses Lied endlich auf meiner Festplatte zu haben. Aber es geht nicht. Und so bekommt die junge Frau, die dieses für mich so bedeutende Lied geschrieben hat, jetzt eben kein Geld von mir — oder nur die paar Centbruchstücke, die es abwirft, dass ich den Song seit zwei Tagen gefühlte hundert Male auf ihrer Soundcloud-Seite gehört habe.

Dieser Eintrag ist womöglich ein Beitrag zur Urheberrechtsdebatte.

  1. Also das eigentliche Finale von „Scrubs“, nicht die Unzumutbarkeiten der neuen Folgen. []
  2. Ja, ich weiß: Es gibt Tricks und natürlich hätte ich mir bei meinem letzten Besuch im Vereinigten Königreich einfach mal einen britischen iTunes-Gutschein kaufen können … []

Songs des Jahres 2011

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. Januar 2012 17:00

Bevor 2012 richtig Fahrt aufnimmt oder ich meine Liste komplett verworfen habe, hier noch schnell meine Songs des Jahres 2011 (die Alben gibt’s hier):

25. Andreas Bourani – Nur in meinem Kopf
Na, da überrasch ich mich doch mal selbst und fang mit einem deutschsprachigen Singer/Songwriter an! „Nur in meinem Kopf“ hab ich geliebt, als ich es das erste Mal im Radio gehört habe, und auch massive Rotationen konnten dem Lied nicht viel anhaben. Es wirkt aber zugegebenermaßen auch wie für mich am Reißbrett entworfen: Pianointro, Four-To-The-Floor-Beat, galoppierende Beats, gerade so viel U2-Anleihen, wie ich ertrage, und dann noch die großartige Zeile von wegen „alles kaputthauen“. Schöne Stimme übrigens und sehr schönes Video, auch!

24. Death Cab For Cutie – You Are A Tourist
„Codes And Keys“, das letztjährige Album von Death Cab For Cutie, hat mich nie so richtig packen können. Kein schlechtes Album, gewiss, aber die Band hatte schon bessere und mein Indie-Müdigkeit macht sich einmal mehr bemerkbar. Die spektakulärste Meldung im Bezug auf die Band im vergangenen Jahr war die Nachricht, dass sich Sänger Ben Gibbard und Zooey Deschanel scheiden lassen (und ich mich nicht entscheiden kann, wen von beiden ich lieber heiraten würde). ANYWAY: „You Are A Tourist“ ist ein schöner Song mit einem sehr spannenden Groove, der auf der Tanzfläche noch bedeutend mitreißender ist, als vor dem heimischen Plattenspieler.

23. Lady GaGa – The Edge Of Glory
Wenn man in ein-, zweihundert Jahren ein Buch über die Geschichte des Pop schreiben wird, wird man an Lady Gaga nicht vorbeikommen. Die Frau schafft es meisterhaft, sowohl den intellektuellen Hintergrund des Begriffs „Pop“ auszufüllen, als auch Songs am Fließband rauszuhauen, die genau das sind: Pop. Wenn „Spex“-Leser und Schützenfestbesucher zur gleichen Musik tanzen können, ist das eine Leistung, die zumindest die Nominierung für den Friedensnobelpreis nach sich ziehen sollte. Weiteres Argument für „The Edge Of Glory“: Es ist die letzte veröffentlichte Aufnahme von E-Street-Band-Saxophonist Clarence Clemons vor dessen Tod. Gerade noch rechtzeitig, damit eine ganz neue Generation von Musikfans den „Big Man“ ins Herz schließen konnte.

22. James Blake – The Wilhelm Scream
„Songs“ sind die wenigsten Tracks auf James Blakes phantastischem Debütalbum, Radio-Singles gibt es eigentlich keine. Aber wenn überhaupt, dann ist „The Wilhelm Scream“ das poppigste und zugänglichste Stück. Am ausschließlich in musikjournalistischen Texten verwendeten Verb „pluckern“ führt kaum ein Weg vorbei, aber es dröhnt, rauscht, zirpt und echot auch ganz gewaltig unter und über Blakes Falsettgesang. Musik wie ein verstörender, aber doch sehr erholsamer Traum.

21. Jupiter Jones – Still
Das Einmal-zu-oft-gehört-Phänomen im neuen Gewand: Wenn „Still“ im Radio anfängt, bin ich ein bisschen genervt. Wenn ich den Song selber auflege ist es aber immer noch wie im ersten Moment: Wow! Allein diese Bassline, die gleichermaßen Schlag in die Magengrube wie Schulterklopfen ist! Jupiter Jones hatten vielleicht schon bessere, wütendere oder verzweifeltere Trennungslieder, aber „Still“ ist auf seine Art schon sehr besonders — und besonders wahr. Die schönste Version ist natürlich die mit Ina Müller.

20. Rihanna feat. Calvin Harris – We Found Love
Für Rihanna gilt ähnliches wie das, was ich gerade über Lady GaGa geschrieben habe. Sie arbeitet zwar nicht so aktiv selbst an ihrem Gesamtkunstwerk mit, aber sie ist einer der bestimmenden Superstars unserer Zeit. Allein die Liste ihrer Kollaborationen deckt die gegenwärtige Popmusik sehr gut ab: Jay-Z, Kanye West, David Guetta, Eminem, will.i.am, Justin Timberlake, Ne-Yo und Coldplay stehen da zum Beispiel drauf. Diesmal also mit Calvin Harris, der ein House-Feuerwerk abbrennt, während Rihanna einen Song von erhabener Schönheit singt. Ja: „We Found Love“ ist nicht nur cool/geil/whatever, sondern auch schön und sollte jedem einsamen Menschen „in a hopeless place“ zwischen Dinslaken und Bitterfeld Hoffnung machen.

19. Noah And The Whale – Tonight’s The Kind Of Night
„Last Night On Earth“, das aktuelle Album von Noah And The Whale, hatte ich schon bei den Alben gelobt. „Tonight’s The Kind Of Night“ ist ein perfektes Beispiel für diesen Technicolor-Pop mit seinen treibenden Rhythmen und euphorisierenden Chören. Und sagt man sich nicht jeden Abend „Tonight’s the kind of night where everything could change“? Eben! Muss ja nicht, aber könnte!

18. Foster The People – Pumped Up Kicks
Einmal Indiepop-Sommerhit zum Mitnehmen, bitte! „Pumped Up Kicks“ hat einen schlichten Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Der Song lief merkwürdigerweise nie in der Werbung eines Mobilfunkanbieters (was eigentlich sein natürlicher Lebensraum gewesen wäre), hat eine Saison länger zum Hit gebraucht als angenommen und hat darüber hinaus noch einen milde gewaltverherrlichenden Text, der dem amerikanischen MTV zu viel war — aber davon ab ist es auch einfach ein sehr schöner Song.

17. Jack’s Mannequin – My Racing Thoughts
Hatte ich schon mal erwähnt, dass keine Band in den letzten fünf Jahren eine so große Bedeutung für mich hatte wie Jack’s Mannequin? Gut. So richtig genau kann ich nämlich auch nicht erklären, warum mir „My Racing Thoughts“ so gut gefällt, beim ersten Hören fand ich es nämlich regelrecht cheesy. Jetzt aber mag ich es, weil es ein harmloser, erbaulicher Popsong ist. Und dieser „she can read my, she can read my“-Part ist toll!

16. Rival Schools – Wring It Out
Nein, ein zweites „Used For Glue“ ist auf dem zweiten Rival-Schools-Album nicht enthalten. Aber fast. „I wanna wring it out / Every ounce / I wanna do the right thing, when the right thing counts“ sind doch genau die Zeilen, die man zum Beginn eines Jahres hören möchte. Und dann einfach rein ins Leben, die richtigen Dinge tun, die falschen Dinge tun, aber in jedem Fall jede Unze rausquetschen. Was für eine Hymne!

15. Maritime – Paraphernalia
Das vierte Maritime-Album „Human Hearts“ ist irgendwie komplett an mir vorbeigegangen, aber die Vorab-Single, die hat mich das ganze Jahr über begleitet. Indierock, der nicht nervt, weil er nicht ach so cool sein will, sondern beschwingt unterhält. So einfach ist das manchmal.

14. Adele – Rolling In The Deep
Die Geschichte mit der Echo-Verleihung hab ich ja blöderweise schon bei den Alben erzählt. Muss ich mir jetzt was neues ausdenken? Ach was! Großer Song, bleibt groß! Punkt.

13. Example – Stay Awake
Auf „Playing In The Shadows“ sind fünf, sechs Songs, die alle in dieser Liste hätten auftauchen können. „Stay Awake“ ist es letztlich geworden, weil die stampfenden House-Elemente (manche würden auch sagen: „die Kirmes-Elemente“) sonst ein wenig unterrepräsentiert gewesen wären. Und dann dieser Refrain: „If we don’t kill ourselves we’ll be the leaders of a messed-up generation / If we don’t kid ourselves will they believe us if we tell them the reasons why“ und der Kontrast zwischen dem Four-To-The-Floor-Refrain und den zitternden Dubstep-Strophen! Hach, jetzt ’n Autoscooter …

12. The Naked And Famous – Young Blood
Vielleicht hab ich mich vertan und es war gar nicht „Pumped Up Kicks“ der Indiepop-Sommerhit, sondern „Young Blood“. Immerhin war der Song Jingle-Musik bei Viva und WDR 2 (!) und lief in gefühlt jeder TV-Sendung. Egal, sie können’s ja auch beide gewesen sein, wobei „Young Blood“ ganz klar überdrehter und charmanter und … äh: lauter ist. Wegen maximaler Penetration kurz vor nervig, aber eben nur vor.

11. Twin Atlantic – Make A Beast Of Myself
Dieser Break nach zwei Sekunden! Dieses Brett von Gitarrengeschrammel! Diese entspannt vor sich hin groovenden Strophen, die sich in diesen Orkan von Refrain entladen! Und, vor allem: Dieser niedliche schottische Akzent, vor allem beim Wort „universe“! Mein Punkrock-Song des Jahres!

10. Patrick Wolf – The City
Dieser Song hätte unter Umständen der britische Beitrag zum Eurovision Song Contest sein können — und wäre damit einer der besten in der Geschichte des Wettbewerbs gewesen. Nun ist es „nur“ ein dezent überdrehter Indiepop-Song mit Handclaps, Saxophon, verzerrten Stimmen und hypnotischen Beats.

9. Coldplay – Every Teardrop Is A Waterfall
Sie haben’s schon bemerkt: Wir sind in dem Teil der Liste angekommen, wo ich die vorgeblich rationalen Argumente weggepackt habe und mehr mit hilflosen Emotionalitäten und „Hach“s um mich werfe. Hier toll: Das absurde Sample, die Rhythmusgitarre, die Leadgitarre, die grandiose Schlagzeugarbeit von Will Champion, der Text und der Moment nach drei Minuten, wenn sich alles aufeinander türmt. Hüpfen! Tanzen! Hach!

8. Jonathan Jeremiah – Happiness
Mein Jahr 2011 lässt sich in zwei Teile teilen: den vor Jonathan Jeremiah und den danach. Mit „Happiness“ fühlt sich mein Leben an wie eine britische Komödie mit Hugh Grant. I’m going home where my people live.

7. Imaginary Cities – Hummingbird
Der Weakerthans-Livegitarrist Rusty Matyas hat mit Sängerin Marti Sarbit die Band Imaginary Cities gegründet, deren Debütalbum „Temporary Resident“ im letzten Jahr auf Grand Hotel van Cleef erschienen ist. So viel zur Theorie. Die Praxis … ach, hören Sie einfach selbst! Was für ein Song!

6. Cold War Kids – Finally Begin
Früher, als ich noch mit dem Fahrrad durch die Stadt meiner Jugend gefahren bin, hab ich manchmal auf dem Heimweg die Arme ausgebreitet, die Augen zugemacht und bin zur Musik aus meinem Walkman quasi durch die Nacht geflogen. Glücklicherweise nie auf die Fresse, aber das ist schon recht gefährlich, Kinder. Jedenfalls: „Finally Begin“ wäre ein Song für genau solche Flugmanöver. Diese Gitarren! Diese Harmonien, die offenbar direkt die Endorphinausschüttung im Hirn anwerfen können! Und dieser Text über überwundene Bindungsangst! Für eine Nacht noch mal 16 sein in Dinslaken, bitte!

5. The Mountain Goats – Never Quite Free
Wie gesagt: „Never Quite Free“ wurde Anfang Dezember innerhalb von 48 Stunden zu einem der meist gehörten Songs des Jahres. Wer braucht schon das Strophe/Refrain-Schema? Wenn ich Ihre Aufmerksamkeit auf diese Stelle nach ziemlich exakt zwei Minuten lenken darf, wo das Schlagzeug richtig losscheppert und der Schellenkranz einsetzt: für solche Momente wird Musik gemacht und für solche Momente höre ich Musik.

4. The Pains Of Being Pure At Heart – Heart In Your Heartbreak
Gerade beim Tippen festgestellt: Wenn man für jedes „heart“ in Bandnamen und Songtitel einen Schnaps trinken würde, wäre das ein schöner Start in den Abend. Schöner würde der natürlich, wenn der Song auch liefe, denn es ist ein herrlicher Song, der übrigens auch in der (ansonsten etwas freudlosen) fünften Staffel von „Skins“ zu hören war. (Radio-)DJs hassen die beunruhigend lange Pause nach 2:42 Minuten, aber ansonsten kann man diesen Song natürlich nur lieben.

3. Ed Sheeran – The A Team
„+“, das großartige Debüt-Album von Ed Sheeran, das Sie bald auch in Deutschland kaufen können (und sollten!), habe ich mir im September im Schottland-Urlaub gekauft, weil Plattenfirma und HMV mich mit ihrer Platzierungspolitik geradezu gewaltsam dazu gedrängt haben. Auf dem Weg zum Flughafen habe ich es zum ersten Mal gehört und ich war nicht direkt verzaubert, was aber auch an dem schottischen Landregen gelegen haben mag, mit dem ich auf meinem Fußmarsch noch zu kämpfen hatte. Beim zweiten Mal jedoch: Was für ein Album! Und was für ein Opener! Zärtlich, ohne weinerlich zu sein! Schmusig, ohne zu langweilen. Vergleiche mit deutschen Singer/Songwritern verbieten sich, aber vielleicht kommt ja auch mal ein Ed-Sheeran-Äquivalent daher.

2. Bon Iver – Calgary
Zugegeben: Das war beim ersten Hören schon etwas verwirrend mit diesen ganzen Keyboardflächen. Aber nur kurz! Justin Vernon könnte auch das Telefonbuch von Milwaukee singen (und manchmal habe ich ehrlich gesagt den Verdacht, er würde es zwischendurch zumindest mal versuchen) und ich würde immer noch eine Gänsehaut bekommen.

1. Bright Eyes – Shell Games
Anfang April schrieb ich, dass der Popsong des Jahres, wenn in den verbleibenden neun Monaten nicht noch ein Wunder geschehe, „Shell Games“ sein würde, und ich sollte Recht behalten. Es wirkt ein bisschen, als habe sich Conor Oberst die Pop-Blaupause eines Gregg Alexander vorgenommen und nur noch ein paar persönliche Sonderheiten reingeworfen. Zur Bilder-des-Jahres-Montage in meinem Kopf läuft dieser Song, der auch das Liedzitat 2011 bereit hält: „My private life is an inside joke / No one will explain it to me“.

Hinweis: Bitte beachten Sie auch diesmal beim Kommentieren wieder die Regeln.

Aufguss 2009: Die Auswertung

Von Coffee And TV
Veröffentlicht: 12. Januar 2010 16:55

Aufguss 2009

106 Teilnehmer haben abgestimmt bei der großen Coffee-And-TV-Leserwahl 2009.

Nachdem unsere Statistik-Äffchen alles ausgezählt und ausgewertet haben, können wir nun die Ergebnisse verkünden:

Album des Jahres
1. Muse – The Resistance (2,61%)
2. Phoenix – Wolfgang Amadeus Phoenix (2,42%)
3. The XX – XX (2,1%)
4. Kilians – They Are Calling Your Name (1,98%)
5. Mumford & Sons – Sigh No More (1,72%)
6. Element Of Crime – Immer da wo Du bist bin ich nie (1,72%)
7. Arctic Monkeys – Humbug (1,47%)
8. Editors – In This Light And On This Evening (1,47%)
9. Animal Collective – Merriweather Post Pavilion (1,34%)
10. Grizzly Bear – Veckatimest (1,34%)
11. Placebo – Battle For The Sun (1,34%)
12. Mando Diao – Give Me Fire (1,27%)
13. Franz Ferdinand – Tonight: Franz Ferdinand (1,21%)
14. We Were Promised Jetpacks – These Four Walls (1,02%)
15. Fever Ray – Fever Ray (1,02%)
16. Kings Of Convenience – Declaration Of Dependence (1,02%)
17. The Antlers – Hospice (0,96%)
18. Selig – Und endlich unendlich (0,96%)
19. Dear Reader – Replace Why With Funny (0,89%)
20. Bat For Lashes – Two Suns / Metric – Fantasies (je 0,89%)

Song des Jahres
1. Kilians – Hometown (1,93%)
2. Mando Diao – Dance With Somebody (1,66%)
3. Phoenix – Lisztomania (1,6%)
4. Gossip – Heavy Cross (1,6%)
5. La Roux – Bulletproof (1,4%)
6. Editors – Papillon (1,33%)
7. Lily Allen – The Fear (1,13%)
8. Clueso – Gewinner (1,13%)
9. Phoenix – 1901 (1,13%)
10. Mumford & Sons – Little Lion Man (1,06%)
11. Selig – Wir werden uns wiedersehen (1,06%)
12. Animal Collective – My Girls (0,93%)
13. Muse – Undisclosed Desires (0,93%)
14. Emiliana Torrini – Jungle Drum (0,86%)
15. Grizzly Bear – Two Weeks (0,86%)
16. Florence And The Machine – You’ve Got The Love (The XX Remix) / Kings Of Convenience – Boat Behind (je 0,8%)
18. Arctic Monkeys – Crying Lightning (0,73%)
19. Eels – My Timing Is Off / Jack’s Mannequin – Swim / Jamie T – Sticks ‚N‘ Stones (je 0,66%)

Band des Jahres
1. Muse (5,77%)
2. Phoenix (4,81%)
3. Kilians / Mumford & Sons / The XX (je 3,85%)
6. Editors / Grizzly Bear / Them Crooked Vultures / Muff Potter (je 2,88%)
10. Arctic Monkeys / Dear Reader / The Gaslight Anthem / Ja, Panik / Kings Of Leon / Mando Diao / Slow Club / Sportfreunde Stiller / The Very Best (je 1,92%)

Solokünstlerin des Jahres
1. Lady Gaga (10,64%)
2. Lily Allen (9,57%)
3. Fever Ray / La Roux (je 7,45%)
5. Regina Spektor / Emiliana Torrini (je 6,38%)
7. St. Vincent (3,19%)
8. Bat For Lashes / Neko Case / Feist / Florence And The Machine / Norah Jones / Marit Larsen / Amy MacDonald / Ingrid Michaelson / Soap&Skin / Cassandra Steen (je 2,13%)

Solokünstler des Jahres
1. Robbie Williams (8,33%)
2. Peter Fox / Frank Turner (je 5,21%)
4. William Fitzsimmons / Julian Plenti (je 4,17%)
6. Julian Casablancas / Clueso / Peter Doherty / Morrissey (je 3,13%)
10. Graham Coxon / Jochen Distelmeyer / Bob Dylan / Max Herre / Kid Cudi / Scott Matthew / Mika / Miles Benjamin Anthony Robinson / John K. Samson / Olli Schulz (je 2,08%)

Liveact des Jahres
1. Kettcar / Muse (je 3,88%)
3. Editors / Kilians (je 2,91%)
4. Bon Iver / Clueso / Deichkind / Fever Ray / Gisbert zu Knyphausen / Morrissey / Mumford & Sons / Pearl Jam / Placebo / Tomte (je 1,94%)

Newcomer des Jahres
1. The XX (15,15%)
2. Mumford & Sons (6,06%)
3. Fever Ray (4,04%)
4. Lady Gaga / La Roux / Marit Larsen / We Were Promised Jetpacks (je 3,03%)
8. Dear Reader / First Aid Kit / Gossip / Oh, Napoleon / Supershirt / The Very Best (je 2,02%)

Musikvideo des Jahres
1. Editors – Papillon (3,57%)
2. Cinnamon Chasers – Luv Deluxe / Kilians – Hometown / Lady Gaga – Paparazzi / La Roux – Bulletproof / Muse – Uprising / Rammstein – Pussy / Ramona Falls – I Say Fever (je 2,38%)

Film des Jahres
1. Inglourious Basterds (20,41%)
2. (500) Days Of Summer / Hangover (je 6,12%)
4. Das weiße Band (5,1%)
5. Star Trek / Wo die wilden Kerle wohnen (je 4,08%)
7. Bruno / Harry Potter und der Halbblutprinz / Oben (je 3,06%)
10. Alle Anderen / District 9 / Funny People / Looking For Eric / Der seltsame Fall des Benjamin Button / Watchmen (je 2,04%)

Fernsehserie des Jahres
1. Stromberg (11,11%)
2. How I Met Your Mother (10,1%)
3. Lost (7,07%)
4. Dexter / Dr. House / Two And A Half Men (je 4,04%)
7. 30 Rock / Boston Legal / Heroes / The Simpsons / Skins (je 3,03%)
12. 24 / Battlestar Galactica / Doctor’s Diary / Entourage / Peep Show / Scrubs / True Blood (je 2,02%)

Fernsehsendung des Jahres
1. The Daily Show (12,05%)
2. Neues aus der Anstalt / Schlag den Raab (je 4,82%)
4. Druckfrisch / Harald Schmidt / Kulturzeit / Tracks / Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (je 3,61%)
9. Bauerfeind / Inas Nacht / Krömer – Die internationale Show / Mit offenen Karten / MTV Home / Das perfekte Dinner / Sportschau / Tagesschau / Zapp / Zimmer frei! (je 2,41%)

Blog des Jahres
1. coffeeandtv.de (26%)
2. stefan-niggemeier.de/blog (8%)
3. hermsfarm.de/blog (7%)
4. spreeblick.com (6%)
5. allesaussersport.de / bildblog.de (je 4%)
7. jensweinreich.de (3%)
8. fixmbr.de / fuckyouverymuch.dk / whitetapes.de (je 2%)

Website des Jahres
1. twitter.com (10,53%)
2. last.fm (9,47%)
3. facebook.com (7,37%)
4. 11freunde.de / google.com / musikexpress.de / serienjunkies.de / spiegel.de / titanic-magazin.de / wikipedia.org (je 2,11%)

Zeitschrift des Jahres
1. 11 Freunde (12,36%)
2. Neon (8,99%)
3. Musikexpress / Visions (je 7,87%)
5. Titanic (6,74%)
6. Spex (5,62%)
7. Der Spiegel (4,49%)
8. Brand Eins / Dummy / Intro / Rolling Stone / Wired / Zeit Campus (je 2,25%)

Buch des Jahres
1. Nick Hornby – Juliet, Naked (6,33%)
2. David Foster Wallace – Unendlicher Spaß (6,33%)
3. Frank Schätzing – Limit (3,8%)
4. Daniel Kehlmann – Ruhm / Sarah Kuttner – Mängelexemplar (je 2,53%)

Person des Jahres
1. Barack Obama (18,6%)
2. Michael Jackson (6,98%)
3. Robert Enke (5,81%)
4. Karl-Theodor zu Guttenberg / Chesley Sullenberger (je 3,49%)
6. Meine Mama / Rob Savelberg / Guido Westerwelle (je 2,33%)

Depp des Jahres
1. Guido Westerwelle (15,31%)
2. Ursula von der Leyen (10,2%)
3. Karl-Theodor zu Guttenberg (7,14%)
4. Roland Koch (6,12%)
5. Mario Barth / Franz Josef Jung / Johannes B. Kerner / Tiger Woods (je 4,08%)
9. Jens Lehmann / Frank-Walter Steinmeier (je 3,06%)
11. Dieter Bohlen / Oliver Pocher (je 2,04%)

Wort des Jahres
1. Schweinegrippe (8,14%)
2. Twitter (6,98%)
3. Yeaahh! (4,65%)
4. Abwrackprämie / Krise / Zensursula ( je 3,49%)
7. Change / Krassigkeit (je 2,33%)

Unwort des Jahres
1. Schweinegrippe (10,31%)
2. Abwrackprämie (9,28%)
3. Krise (7,22%)
4. Bildungsstreik / Umweltprämie (je 4,12%)
6. Steuersenkung (3,09%)
7. Qualitätsjournalismus / Yes We Can / Zensursula (je 2,06%)

Jahr des Jahrzehnts
1. 2006 (25%)
2. 2009 (14%)
3. 2008 (13%)
4. 2005 (10%)
5. 2002 / 2003 / 2004 / 2007 (je 8%)
9. 2001 (4%)
10. 2000 (2%)

[Aufguss 2008 / 2007]

Zur Erklärung: Der Übersichtlichkeit halber ist in jeder Kategorie nur aufgeführt, was mehr als eine Stimme bekommen hat. Ausnahme: Album und Song des Jahres, da ist es einfach die Top 20.

Bei den Alben und Songs, wo jeder bis zu fünf Favoriten benennen durfte, erfolgte die Auswertung wie folgt: Für die Nr. 1 gab es fünf Punkte, für Nr. 2 vier, usw. Bei Punktgleichheit entschied zunächst der höhere Durchschnittswert (manche Künstler können 10 Punkte mit zwei Nennungen erhalten, andere mit fünf), anschließend der höchste Einzelwert („einmal fünf Punkte und einmal einer“ schlägt „zweimal drei Punkte“). Waren auch die gleich, teilen sich zwei Alben einen Platz.

Vom Fernsehen und der Wirklichkeit

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. April 2009 16:39

Gestern Abend habe ich die dritte Staffel meiner neuen Lieblingsserie „Skins“ auf DVD zu Ende geguckt (die übrigens wieder sehr gut ist). Anschließend hing ich der nicht gerade neuen Frage nach, was eigentlich eine Fernsehserie – und sei sie noch so realistisch – von der Wirklichkeit unterscheidet.

Ein Schlüssel liegt in den Staffeln, in denen Serien ausgestrahlt werden, und vor allem an deren Finalen: Lose Enden werden zusammengefügt, lange aufgestaute Konflikte endlich gelöst und am Ende schippern die Hauptfiguren in den Sonnenuntergang.1 Pünktlich zum Beginn der neuen Staffel gibt es dann neue Konflikte.

Die Wirklichkeit kennt natürlich so etwas ähnliches: Jedes Jahr endet mit einem Weihnachtsfest, auf das ab dem beginnenden Herbst alles hinsteuert, und das immer wieder dafür herhalten muss, einem ansonsten hin- und herschlingernden Jahr einen würdigen Abschluss zu geben.2 Schuljahre enden auch mit großen Ereignissen und gehen danach in eine Auszeit, die wir Ferien nennen.3 An die letzten Jahre an meinem Gymnasium kann ich mich wegen der klaren zeitlichen Struktur bestens erinnern, während ich bei manchen Ereignissen in meiner Studienzeit nicht mal weiß, in welchem Jahr sie eigentlich stattgefunden haben.

Und dennoch: Wir können uns die Wirklichkeit durch Zeitzyklen zu strukturieren versuchen, aber sie findet doch unabhängig von derartigen Dramaturgien statt. Die Welt dreht sich weiter, egal ob jemand stirbt und jemand anders nicht über diesen Verlust hinweg kommt, egal ob jemand um sich schießt oder ein Haus einstürzt,4 egal ob man sich trennt oder zusammenkommt.5

Es ist dieses Immer-weiter-Gehen, das das Leben von seinen medialen Abbildungen unterscheidet. Daily Soaps sind – formal betrachtet – daher sehr viel realistischer als abgeschlossene Filme, weil immer wieder neue Menschen hinzukommen, die vom Schicksal dahingerafft werden können.6

Überhaupt, der Realismus: Da belächelt man die Familie Beimer, weil sich die Eltern scheiden lassen, der eine Sohn zwischendurch Nazi wird und dann eine komische Frau heiratet, während der andere auf dem Weg zur neuen Hochzeit seiner Mutter ums Leben kommt (und das alles innert 20 Jahren und mehr) — aber es bedarf nur eines Telefonats mit der eigenen Mutter, um Geschichten aus seiner Heimatstadt zu hören, die so absurd und unrealistisch erscheinen, dass man einen Autoren geschlagen hätte, wenn er damit angekommen wäre.

Wirklichkeitsnähe ist ja sowieso kein Wert an sich, sonst bräuchte man ja gar nichts anderes mehr als ein paar doofe Realityshows und die Schilderungen der Nachbarin aus dem ersten Stock. „Skins“ ist ja beispielsweise so gut, weil das, was Millionen Jugendliche jeden Tag erleben, sortiert, künstlerisch überhöht und dann von und mit kompetenten Leuten gut umgesetzt wurde. Die Geschichte eines alten Mannes, der unbedingt einen Fisch fangen will, wird ja auch erst spannend, wenn man sie ordentlich erzählen kann.

  1. Ich sag nur: dritte Staffel „Dawson’s Creek“! []
  2. Und bestehe der nur aus Geschenken und Verwandtenbesuchen. []
  3. Deshalb haben Jugendserien eine dankbarere und fast immer bessere Dramaturgie als Serien mit Erwachsenen als Hauptpersonen. „Emergency Room“ hat sogar mal das Kunststück vollbracht, zum Beginn einer neuen Staffel direkt an den Cliffhanger der vorhergehenden Folge anzuschließen, während in der Rahmenhandlung mehrere Monate vergangen sind. []
  4. Wenn ich mich recht entsinne wiederum „Emergency Room“, nicht Deutschland im März 2009. []
  5. Eine Beziehung ist übrigens das, was anfängt, wenn im Kino der Abspann läuft oder man das Buch zuschlägt, nachdem sich die beiden Liebenden endlich gefunden haben. []
  6. Der Regisseur Niko von Glasow hat mir mal erzählt, Daily Soaps seien „gute Geschichten, nur scheiße gemacht.“ []

Leute Häute

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 17. Februar 2009 16:04

Vor vielen, vielen Jahren war „Dawson’s Creek“ meine liebste Fernsehserie. Nicht nur, weil sie gut gemacht und sehr stimmungsvoll war, und nicht nur, weil sie damals auf dem idealen Sendeplatz (Sonntagnachmittag) lief — die Serie hatte auch viel mit meinem Leben gemein: Ich war eindeutig Dawson Leery (ich wollte ja selber lang genug Regisseur werden), mein bester Freund war eindeutig Pacey Whitter und für einen halben Sommer hatten wir sogar eine Joey Potter. Dann wechselte „Dawson’s Creek“ in Deutschland den Sendeplatz, die Serie wurde immer dramatischer und merkwürdiger und die letzten drei Staffeln habe ich (bis auf das große Finale) nie gesehen.

Während Katie „Joey Potter“ Holmes eine Beziehung mit Tom Cruise begann und uns lehrte, dass die tollsten Mädchen immer bei den größten Freaks enden, lief eine neue Jugendserie an: „O.C., California“. Die hatte mit meinem Leben schon weniger zu tun (mal von Seth Cohens, also meinem Musikgeschmack abgesehen), war aber immerhin eine Staffel lang gut und unterhaltsam. Dann wurde sie erst schal, dann sehr, sehr schlimm, dann eingestellt.

Ich war zu alt geworden für Jugendserien. Meine neuen Lieblingsserien hießen „Scrubs“, „Dr. House“ und „Weeds“ und hatten vordergründig nichts mehr mit meinem Leben als Nicht-Mediziner und Nicht-Kiffer am Hut.

Und dann kam – Gottseidank, wir haben soeben die Einleitung hinter uns gebracht! – „Skins“. Bei Julia hatte ich etwas über die Serie gelesen und da ich das unbestimmte Gefühl hatte, vorher schon mal lobende Worte vernommen zu haben, guckte ich mir die erste Folge im Internet an.

Ich war so begeistert, dass ich – so viel zum Thema „Copy kills irgendwas“ – Minuten später die DVDs der ersten beiden Staffeln bestellte. Natürlich bei amazon.co.uk, wo ja im Moment alles so herrlich günstig ist, und sich Serien-Fans deshalb reihenweise ins Unglück stürzen. Ich hatte vorher noch nie das Bedürfnis gehabt, Fernsehserien auf DVD zu gucken (meine erste Staffel „Dawson’s Creek“ habe ich bis zur vierten oder fünften Folge geschafft), aber „Skins“ wollte ich unbedingt sehen. Sonntag Abend hatte ich bestellt, Mittwoch früh war das Paket da.

Die Serie hat dabei den (für soziale Restkontakte sehr nützlichen) Vorteil, dass die ersten beiden Staffeln zusammen aus nur 19 Folgen á 45 Minuten besteht, was man theoretisch locker an einem Wochenende weggucken könnte.

Aber worum geht’s eigentlich? Um eine Gruppe von Teenagern in Bristol und ihre Probleme mit Schule, Eltern, Liebe, Sex und sich selbst. Nun bin ich selbst nicht mehr 17 (ich war selbst mit 17 kein großer Partygänger) und kenne mich besonders mit britischen Jugendkulturen nicht hundertprozentig aus, aber ich habe das Gefühl, die Serie könnte zum Realistischsten zählen, was man je auf dem Gebiet der Jugendserie gesehen hat. (Was wiederum am 23-jährigen Jamie Brittain liegen könnte, der die Serie gemeinsam mit seinem Vater Bryan Elsley entwickelt hat.)

Da „Skins“ keine amerikanische Serie ist, dürfen die jungen Hauptpersonen hemmungslos fluchen, Drogen konsumieren, in Unterwäsche rumlaufen und Sex haben. Und trotzdem ist „Skins“ nicht nur eine Jugendserie, sie funktioniert auf vielen Ebenen: Die Dialoge sind oftmals brillant, Kameraarbeit und Tonschnitt fügen eine eigene Erzählebene hinzu und überhaupt ist die ganze Serie so voll von literarischen Anspielungen (und ein paar auf „Dawson’s Creek“ und „The O.C.“), dass man selbst mit einem Magister in griechischer Mythologie noch seinen Spaß daran haben kann.

Große Konflikte um Loyalität, Religion, Sexualität und Entscheidungen werden holzschnittartig, aber gar nicht mal so plump verhandelt. Die Darsteller sind durch die Bank gut, im gleichen Alter wie ihre Rollen und nicht übertrieben hübsch (man sieht regelmäßig deutlich ihr notdürftig überpuderten Pickel). Nicholas Hoult, der den coolen Tony spielt, kennt man noch aus „About A Boy“, alle anderen wird man sicherlich noch in irgendwelchen großen Filmprojekten wiedersehen. Sogar ich habe mit dem nerdigen Sid wieder eine Identifikationsfigur.

Das einzige, was ich an „Skins“ kritisieren könnte, ist der klassische Serien-Fluch: In der zweiten Staffel sind ein paar Konflikte zu viel in die Drehbücher gerutscht. Zwar bewegt sich alles noch im realistischen Rahmen (Schicksalsschläge treten ja bekanntlich immer in Gruppen auf), aber ein kleines bisschen weniger wäre auch okay gewesen. Und dann ist am Ende von Staffel 2 plötzlich Schluss mit den altbekannten Gesichtern der ersten beiden Staffeln und in der dritten (die im Moment im UK im Fernsehen läuft) geht es um ganz andere Personen. Das ist ein guter Kunstgriff, den die Autoren da gemacht haben, um ihre Charaktere nicht totzuerzählen, aber nach allem, was man gemeinsam „durchgemacht“ hat, schmerzt der Abschied schon.

Sie entnehmen meinen ungewohnt euphorischen Schilderungen, dass „Skins“ eine Serie ist, die jeder, wirklich jeder, von Ihnen gesehen haben sollte (einzige Ausnahme: Eltern von Kindern, die gerade zwischen 15 und 18 Jahre alt sind). Ich habe in meinem Leben keine Fernsehserie gesehen, die so witzig, aufrichtig, realistisch, traurig, sexy, wahr und großartig ist, wie „Skins“ — und dann haben die Macher auch handwerklich noch alles richtig gemacht.

Bei aller Verehrung für die amerikanische Popkultur: Das haben die Briten wirklich verdammt gut hingekriegt.