Suchergebnisse

Broder und ich

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 19. September 2010 23:25

Ich hatte mir ehrlich gesagt gar keine großen Gedanken gemacht. Meine Freunde hatten mich gewarnt und mir wertvolle Tipps gegeben. Man könne ja ständig im Fernsehen sehen, wie das endet. Dabei sollte ich doch nur mit Henryk M. Broder diskutieren.

Die Freischreiber, der Berufsverband freier Journalisten, hatten mich zu ihrem Kongress eingeladen und weil ich es immer lustig finde, wenn sich Journalisten ausgerechnet von mir etwas erzählen lassen wollen, und der Kongress in Hamburg stattfand, habe ich zugesagt.

Neben Henryk M. Broder und mir saßen noch der frühere Politberater und heutige Blogger Michael Spreng und die frühere „Bunte“-Chefredakteurin und heutige Bloggerin Beate Wedekind auf dem Podium, das im Wortsinne keines war, weil wir genauso hoch saßen wie die Zuhörer. In unserer Mitte saß Gabi Bauer, die die Diskussion moderieren sollte und erstes diplomatisches Talent präsentierte, als sie Broder und mir die jeweils äußeren Plätze in unserer kleinen Sitzgruppe zuteilte.

Vor Beginn der Diskussion führte ich ein bisschen Smalltalk mit den Frauen Bauer und Wedekeind und Herrn Spreng, der übrigens riesengroß ist. Henryk M. Broder gab ich nur kurz die Hand, aber er ist so klein, wie er im Fernsehen immer aussieht und trägt ein Herrenhandtäschchen bei sich. Die Raumtemperatur sinkt allerdings nicht, wenn er neben einem steht, und es wird auch nicht plötzlich dunkel.

Thema der Diskussion sollte Leserbeteiligung in allen Formen sein und wir vier sollten verschiedene Positionen einnehmen. Ich erzählte also, wie wichtig die Leserhinweise unserer Leser beim BILDblog sind und hörte, wie ich die gleichen Beispiele abspulte wie bei ähnlichen Veranstaltungen, zu denen ich gelegentlich eingeladen werde. Es ist mir schleierhaft, wie Schauspieler, Musiker und Politiker Interviewmarathons und Talkshow-Touren überstehen können, ohne vom Wahnsinn oder vom Selbsthass aufgefressen zu werden. „Wir haben bei Coffee And TV mit acht Autoren angefangen, was den Vorteil hatte, dass jeder Text schon mal mindestens sieben Leser hatte …“ Sicherer Lacher. Letztlich sind wir alle kleine Mario Barths.

Henryk M. Broder ist noch ein bisschen mehr Mario Barth, nur dass seine todsicheren Lacher nicht „Schuhe“ heißen, sondern „Konzentrationslager“ — die Reaktionen sind allerdings auch kein hysterisches Gekicher, sondern so ein dumpfes „Hohoho“. Broder aber war am Samstag nicht in Form: Sein Geätze wirkte halbherzig, seine Polemik von sich selbst gelangweilt, er brauchte ganze 25 Minuten, bis er bei Hitler angekommen war. Twitter und Facebook fände er schrecklich, erklärte Broder, ohne eines von beidem mit einem KZ zu vergleichen, und irritierte damit Beate Wedekind, die sich sicher war, bei Facebook mit ihm befreundet zu sein. „Das bin ich nicht!“, machte Broder deutlich und stiftete damit allgemeine Heiterkeit.

Es war eine angenehme Gesprächsatmosphäre, in der jeder jedem irgendwann mal beipflichten oder müde den Kopf schütteln musste. Jeder konnte ein bis zwei große Lacher landen. Gabi Bauer leitete die Runde charmant und interessiert und nahm sich Zeit für jeden. Kurzum: Als ARD-Talkshow wären wir ein völliges Desaster gewesen. Allein der Erkenntnisgewinn war vergleichbar niedrig. Wenn wir noch Zeit gehabt hätten, ein Fazit zu ziehen, hätte es vermutlich lauten müssen: Ja, Leser sind die Hölle — und das Größte, was wir haben. Das kann ja nun wirklich jeder Sportler oder Künstler über die eigenen Fans sagen, jeder Politiker über die Wähler und alle Eltern über ihre Kinder.

Entsprechend ratlos war ich, als mich ein junger Mann anschließend inständig bat, ihm doch mitzuteilen, was ich aus der Veranstaltung denn nun mitnähme. Gabi Bauer, Beate Wedekind und Michael Spreng lesen jeden Tag etwa vier Tageszeitungen, was ich erstaunlich finde, Beate Wedekind verbringt viel Zeit in Facebook, was Michael Spreng erstaunlich findet, und Gabi Bauer sieht sich unter dem Namen einer Freundin bei Facebook um, was nun wirklich alle erstaunlich fanden. Henryk M. Broder hatte schlecht zu Mittag gegessen.

Mein Blutdruck bekam an diesem Tag aber doch noch Gelegenheit, besorgniserregend zu steigen. Aber da standen wir alle um das iPhone von Jens Weinreich herum und guckten auf die Bundesliga-Ergebnisse.

Aufguss 2009: Die Auswertung

Von Coffee And TV
Veröffentlicht: 12. Januar 2010 16:55

Aufguss 2009

106 Teilnehmer haben abgestimmt bei der großen Coffee-And-TV-Leserwahl 2009.

Nachdem unsere Statistik-Äffchen alles ausgezählt und ausgewertet haben, können wir nun die Ergebnisse verkünden:

Album des Jahres
1. Muse – The Resistance (2,61%)
2. Phoenix – Wolfgang Amadeus Phoenix (2,42%)
3. The XX – XX (2,1%)
4. Kilians – They Are Calling Your Name (1,98%)
5. Mumford & Sons – Sigh No More (1,72%)
6. Element Of Crime – Immer da wo Du bist bin ich nie (1,72%)
7. Arctic Monkeys – Humbug (1,47%)
8. Editors – In This Light And On This Evening (1,47%)
9. Animal Collective – Merriweather Post Pavilion (1,34%)
10. Grizzly Bear – Veckatimest (1,34%)
11. Placebo – Battle For The Sun (1,34%)
12. Mando Diao – Give Me Fire (1,27%)
13. Franz Ferdinand – Tonight: Franz Ferdinand (1,21%)
14. We Were Promised Jetpacks – These Four Walls (1,02%)
15. Fever Ray – Fever Ray (1,02%)
16. Kings Of Convenience – Declaration Of Dependence (1,02%)
17. The Antlers – Hospice (0,96%)
18. Selig – Und endlich unendlich (0,96%)
19. Dear Reader – Replace Why With Funny (0,89%)
20. Bat For Lashes – Two Suns / Metric – Fantasies (je 0,89%)

Song des Jahres
1. Kilians – Hometown (1,93%)
2. Mando Diao – Dance With Somebody (1,66%)
3. Phoenix – Lisztomania (1,6%)
4. Gossip – Heavy Cross (1,6%)
5. La Roux – Bulletproof (1,4%)
6. Editors – Papillon (1,33%)
7. Lily Allen – The Fear (1,13%)
8. Clueso – Gewinner (1,13%)
9. Phoenix – 1901 (1,13%)
10. Mumford & Sons – Little Lion Man (1,06%)
11. Selig – Wir werden uns wiedersehen (1,06%)
12. Animal Collective – My Girls (0,93%)
13. Muse – Undisclosed Desires (0,93%)
14. Emiliana Torrini – Jungle Drum (0,86%)
15. Grizzly Bear – Two Weeks (0,86%)
16. Florence And The Machine – You’ve Got The Love (The XX Remix) / Kings Of Convenience – Boat Behind (je 0,8%)
18. Arctic Monkeys – Crying Lightning (0,73%)
19. Eels – My Timing Is Off / Jack’s Mannequin – Swim / Jamie T – Sticks ‚N‘ Stones (je 0,66%)

Band des Jahres
1. Muse (5,77%)
2. Phoenix (4,81%)
3. Kilians / Mumford & Sons / The XX (je 3,85%)
6. Editors / Grizzly Bear / Them Crooked Vultures / Muff Potter (je 2,88%)
10. Arctic Monkeys / Dear Reader / The Gaslight Anthem / Ja, Panik / Kings Of Leon / Mando Diao / Slow Club / Sportfreunde Stiller / The Very Best (je 1,92%)

Solokünstlerin des Jahres
1. Lady Gaga (10,64%)
2. Lily Allen (9,57%)
3. Fever Ray / La Roux (je 7,45%)
5. Regina Spektor / Emiliana Torrini (je 6,38%)
7. St. Vincent (3,19%)
8. Bat For Lashes / Neko Case / Feist / Florence And The Machine / Norah Jones / Marit Larsen / Amy MacDonald / Ingrid Michaelson / Soap&Skin / Cassandra Steen (je 2,13%)

Solokünstler des Jahres
1. Robbie Williams (8,33%)
2. Peter Fox / Frank Turner (je 5,21%)
4. William Fitzsimmons / Julian Plenti (je 4,17%)
6. Julian Casablancas / Clueso / Peter Doherty / Morrissey (je 3,13%)
10. Graham Coxon / Jochen Distelmeyer / Bob Dylan / Max Herre / Kid Cudi / Scott Matthew / Mika / Miles Benjamin Anthony Robinson / John K. Samson / Olli Schulz (je 2,08%)

Liveact des Jahres
1. Kettcar / Muse (je 3,88%)
3. Editors / Kilians (je 2,91%)
4. Bon Iver / Clueso / Deichkind / Fever Ray / Gisbert zu Knyphausen / Morrissey / Mumford & Sons / Pearl Jam / Placebo / Tomte (je 1,94%)

Newcomer des Jahres
1. The XX (15,15%)
2. Mumford & Sons (6,06%)
3. Fever Ray (4,04%)
4. Lady Gaga / La Roux / Marit Larsen / We Were Promised Jetpacks (je 3,03%)
8. Dear Reader / First Aid Kit / Gossip / Oh, Napoleon / Supershirt / The Very Best (je 2,02%)

Musikvideo des Jahres
1. Editors – Papillon (3,57%)
2. Cinnamon Chasers – Luv Deluxe / Kilians – Hometown / Lady Gaga – Paparazzi / La Roux – Bulletproof / Muse – Uprising / Rammstein – Pussy / Ramona Falls – I Say Fever (je 2,38%)

Film des Jahres
1. Inglourious Basterds (20,41%)
2. (500) Days Of Summer / Hangover (je 6,12%)
4. Das weiße Band (5,1%)
5. Star Trek / Wo die wilden Kerle wohnen (je 4,08%)
7. Bruno / Harry Potter und der Halbblutprinz / Oben (je 3,06%)
10. Alle Anderen / District 9 / Funny People / Looking For Eric / Der seltsame Fall des Benjamin Button / Watchmen (je 2,04%)

Fernsehserie des Jahres
1. Stromberg (11,11%)
2. How I Met Your Mother (10,1%)
3. Lost (7,07%)
4. Dexter / Dr. House / Two And A Half Men (je 4,04%)
7. 30 Rock / Boston Legal / Heroes / The Simpsons / Skins (je 3,03%)
12. 24 / Battlestar Galactica / Doctor’s Diary / Entourage / Peep Show / Scrubs / True Blood (je 2,02%)

Fernsehsendung des Jahres
1. The Daily Show (12,05%)
2. Neues aus der Anstalt / Schlag den Raab (je 4,82%)
4. Druckfrisch / Harald Schmidt / Kulturzeit / Tracks / Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs (je 3,61%)
9. Bauerfeind / Inas Nacht / Krömer – Die internationale Show / Mit offenen Karten / MTV Home / Das perfekte Dinner / Sportschau / Tagesschau / Zapp / Zimmer frei! (je 2,41%)

Blog des Jahres
1. coffeeandtv.de (26%)
2. stefan-niggemeier.de/blog (8%)
3. hermsfarm.de/blog (7%)
4. spreeblick.com (6%)
5. allesaussersport.de / bildblog.de (je 4%)
7. jensweinreich.de (3%)
8. fixmbr.de / fuckyouverymuch.dk / whitetapes.de (je 2%)

Website des Jahres
1. twitter.com (10,53%)
2. last.fm (9,47%)
3. facebook.com (7,37%)
4. 11freunde.de / google.com / musikexpress.de / serienjunkies.de / spiegel.de / titanic-magazin.de / wikipedia.org (je 2,11%)

Zeitschrift des Jahres
1. 11 Freunde (12,36%)
2. Neon (8,99%)
3. Musikexpress / Visions (je 7,87%)
5. Titanic (6,74%)
6. Spex (5,62%)
7. Der Spiegel (4,49%)
8. Brand Eins / Dummy / Intro / Rolling Stone / Wired / Zeit Campus (je 2,25%)

Buch des Jahres
1. Nick Hornby – Juliet, Naked (6,33%)
2. David Foster Wallace – Unendlicher Spaß (6,33%)
3. Frank Schätzing – Limit (3,8%)
4. Daniel Kehlmann – Ruhm / Sarah Kuttner – Mängelexemplar (je 2,53%)

Person des Jahres
1. Barack Obama (18,6%)
2. Michael Jackson (6,98%)
3. Robert Enke (5,81%)
4. Karl-Theodor zu Guttenberg / Chesley Sullenberger (je 3,49%)
6. Meine Mama / Rob Savelberg / Guido Westerwelle (je 2,33%)

Depp des Jahres
1. Guido Westerwelle (15,31%)
2. Ursula von der Leyen (10,2%)
3. Karl-Theodor zu Guttenberg (7,14%)
4. Roland Koch (6,12%)
5. Mario Barth / Franz Josef Jung / Johannes B. Kerner / Tiger Woods (je 4,08%)
9. Jens Lehmann / Frank-Walter Steinmeier (je 3,06%)
11. Dieter Bohlen / Oliver Pocher (je 2,04%)

Wort des Jahres
1. Schweinegrippe (8,14%)
2. Twitter (6,98%)
3. Yeaahh! (4,65%)
4. Abwrackprämie / Krise / Zensursula ( je 3,49%)
7. Change / Krassigkeit (je 2,33%)

Unwort des Jahres
1. Schweinegrippe (10,31%)
2. Abwrackprämie (9,28%)
3. Krise (7,22%)
4. Bildungsstreik / Umweltprämie (je 4,12%)
6. Steuersenkung (3,09%)
7. Qualitätsjournalismus / Yes We Can / Zensursula (je 2,06%)

Jahr des Jahrzehnts
1. 2006 (25%)
2. 2009 (14%)
3. 2008 (13%)
4. 2005 (10%)
5. 2002 / 2003 / 2004 / 2007 (je 8%)
9. 2001 (4%)
10. 2000 (2%)

[Aufguss 2008 / 2007]

Zur Erklärung: Der Übersichtlichkeit halber ist in jeder Kategorie nur aufgeführt, was mehr als eine Stimme bekommen hat. Ausnahme: Album und Song des Jahres, da ist es einfach die Top 20.

Bei den Alben und Songs, wo jeder bis zu fünf Favoriten benennen durfte, erfolgte die Auswertung wie folgt: Für die Nr. 1 gab es fünf Punkte, für Nr. 2 vier, usw. Bei Punktgleichheit entschied zunächst der höhere Durchschnittswert (manche Künstler können 10 Punkte mit zwei Nennungen erhalten, andere mit fünf), anschließend der höchste Einzelwert („einmal fünf Punkte und einmal einer“ schlägt „zweimal drei Punkte“). Waren auch die gleich, teilen sich zwei Alben einen Platz.

Der Preis des Internets

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 13. Mai 2009 16:14

Sie werden es vermutlich noch nicht mitbekommen haben, aber gestern wurden in Düsseldorf die Nominierungen für den Grimme Online Award 2009 bekannt gegeben.

Unter den 24 Nominierten befindet sich – das wird die Kritiker verwirren – kein einziger Vertreter einer wie auch immer gearteten Berliner Blogger-Szene (allerdings wieder jemand mit Wurzeln in Dinslaken, wie mir meine Mutter sogleich telefonisch berichtete), und ob die vier Nominierungen für öffentlich-rechtliche Projekte wirklich noch jemanden aufregen, wird sich auch zeigen.

Bekanntgabe der Nominierten für den Grimme Online Award 2009

Besonders erfreut bin ich über die Nominierung von freitag.de — an dem neuen Portal der Wochenzeitung „Der Freitag“, das die Grenzen zwischen Journalisten und Bloggern aufheben soll, war ich ja anfangs auch als „Netzwerker“ beteiligt. Ich halte die Idee nach wie vor für einzigartig in Deutschland und hoffe, dass die Nominierung (und die anstehenden Wahlen) dem Projekt weiter Auftrieb geben.

Ebenfalls spontan erfreut (ich kannte den Großteil der Nominierten nicht und möchte mich da erst mal einlesen) war ich über die Nominierung des Sportjournalisten Jens Weinreich und des Amateurfußball-Portals Hartplatzhelden. Obwohl beide Angebote sicher schon von ganz alleine die Nominierungen rechtfertigen, kann man ihre Auswahl auch als Signal in Richtung des Deutschen Fußballbunds deuten, mit dessen Vertretern sowohl Weinreich als auch die Hartplatzhelden schon so ihre Probleme hatten bzw. immer noch haben.

Um Machtfragen ging es Uwe Kammann, dem Direktor des Adolf-Grimme-Instituts, dessen kindliche Begeisterung für das Internet mich immer wieder rührt, dann auch in seinem Schlusswort: Das Internet sei ein Medium der Freiheit und der Aufklärung und die alten Machthaber, die meinten, ihre Flaschenhälse weiter bewachen zu können, würden ihre Kontrolle bald abgeben müssen. Übrigens war in diesem Jahr kein Vertreter der Politik zur Bekanntgabe der Nominierten erschienen.

Die Veranstaltung erinnerte wieder ein wenig an die Bilanzpressekonferenz des Sparkassenverbands Westmünsterland, aber der anschließende Versuch des gemütlichen Herumstehens im etwas ungastlichen Flur der Landesanstalt für Medien taugt vermutlich besser als Sinnbild des Internets, als es tausend Szenetreffen könnten: Da standen dann die bloggenden Journalisten, die Vertreter von Seiten wie dbna, einem Magazin für schwule Jugendliche, dem Brettspiele-Report oder dem digitalen Historischen Archiv Köln, aßen Suppe und tauschten sich aus. Sie sie kommen aus völlig unterschiedlichen Bereichen, haben ganz unterschiedliche Motivationen, aber sie eint, dass sie alle etwas im Internet machen. Manchmal hatte man sich auch nichts zu sagen, aber das ist dann eben so — das Internet ist ja nur ein Werkzeug und sagt noch nichts über die sonstige Gesinnung aus.

Uwe Kammann bezeichnete das Web als Erweiterung der Öffentlichkeit, von dem ein große Öffentlichkeit nur noch nichts wisse. Das zu ändern ist eine Aufgabe des Grimme Online Awards, der schon deshalb mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

Die acht Preise plus Publikumspreis werden am 24. Juni in den Kölner Vulkanhallen verliehen — die Preisträger entnehmen Sie bitte wie immer kurz vorher dem Internet.

Aufguss 2008: Die Auswertung

Von Coffee And TV
Veröffentlicht: 19. Januar 2009 15:30

Aufguss 2008 - Coffee And TV lässt wählen

102 Teilnehmer haben abgestimmt bei der großen Coffee-And-TV-Leserwahl 2008.

Nachdem unsere Statistik-Äffchen alles ausgezählt und ausgewertet haben, können wir nun die Ergebnisse verkünden:

Album des Jahres
1. Tomte – Heureka (4,98%)
2. Kettcar – Sylt (4,4%)
3. Kings Of Leon – Only By The Night (3,25%)
4. MGMT – Oracular Spectacular (2,89%)
5. Coldplay – Viva La Vida (2,74%)
6. Peter Fox – Stadtaffe (2,6%)
7. Portishead – Third (2,09%)
8. Metallica – Death Magnetic (2,09%)
9. The Gaslight Anthem – The ’59 Sound (2,02%)
10. Death Cab For Cutie – Narrow Stairs (1,81%)
11. The Killers – Day & Age (1,81%)
12. Vampire Weekend – Vampire Weekend (1,44%)
13. Farin Urlaub Racing Team – Die Wahrheit übers Lügen (1,44%)
14. Get Well Soon – Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon (1,37%)
15. Jason Mraz – We Sing. We Dance. We Steal Things (1,37%)
16. Oasis – Dig Out Your Soul (1,37%)
17. Amy MacDonald – This Is The Life (1,23%)
18. Fleet Foxes – Fleet Foxes (1,16%)
19. Fettes Brot – Strom und Drang (1,01%)
20. Clueso – So sehr dabei (1,01%)

Song des Jahres
1. Kings Of Leon – Sex On Fire (2,65%)
2. MGMT – Time To Pretend (2,13%)
3. Tomte – Der letzte große Wal (1,99%)
4. Amy MacDonald – This Is The Life (1,91%)
5. Kettcar – Am Tisch (1,84%)
6. The Killers – Human (1,84%)
7. Polarkreis 18 – Allein Allein (1,69%)
8. MGMT – Kids (1,55%)
9. Katy Perry – I Kissed A Girl (1,47%)
10. Coldplay – Viva La Vida (1,4%)
11. Peter Fox – Haus am See (1,4%)
12. Tomte – Voran, Voran (1,25%)
13. Death Cab For Cutie – I Will Possess Your Heart (1,18%)
14. Fettes Brot – Bettina, zieh Dir bitte etwas an (1,1%)
15. Gabriella Cilmi – Sweet About Me (0,96%)
16. Kettcar – Nullsummenspiel (0,96%)
17. Kid Rock – All Summer Long (0,96%)
18. Jack White & Alicia Keys – Another Way To Die (0,88%)
19. The Gaslight Anthem – The ’59 Sound (0,88%)
20. Sigur Rós – Gobbledigook (0,81%)

Band des Jahres
1. Tomte (8,42%)
2. Kings Of Leon / MGMT (je 6,32%)
4. Kettcar (4,21%)
5. Coldplay / The Gaslight Anthem / Metallica / Oasis / Portishead (je 3,16%)
10. Death Cab For Cutie / Fettes Brot / Fleet Foxes / Glasvegas / Guns N‘ Roses / Ich & Ich / The Killers / Locas In Love / Madsen / The Ting Tings / TV On The Radio / Weezer (je 2,11%)

Künstlerin des Jahres
1. Amy MacDonald (16,28%)
2. Lykke Li (6,98%)
3. Kate Nash / Katy Perry (je 5,81%)
5. Santogold (4,65%)
6. Nneka / Pink (je 3,49%)
8. A Fine Frenzy / Cat Power / Estelle / Feist / Stefanie Heinzmann / Laura Marling / M.I.A. / Ingrid Michaelson / Soko / Emiliana Torrini / Amy Winehouse (je 2,33%)

Künstler des Jahres
1. Peter Fox (17,05%)
2. Jason Mraz (7,95%)
3. Farin Urlaub (5,68%)
4. Bon Iver / Gisbert zu Knyphausen / Udo Lindenberg / Conor Oberst / PeterLicht (je 4,55%)
9. Clueso / Jose Gonzales / Lenny Kravitz (je 2,27%)

Liveact des Jahres
1. Deichkind / Radiohead / Tomte (je 4,6%)
4. Beatsteaks / Kettcar (je 3,45%)
6. Die Ärzte / Glasvegas / Foo Fighters / Madsen / My Morning Jacket / The Wombats (je 2,3%)

Newcomer des Jahres
1. MGMT (8,99%)
2. Amy MacDonald (7,87%)
3. Peter Fox (5,62%)
4. Fleet Foxes (4,49%)
5. Stefanie Heinzmann / Jason Mraz / Polarkreis 18 (je 3,37%)
8. 1000 Robota / A Fine Frenzy / Bonaparte / Duffy / Get Well Soon / Herrenmagazin / Gisbert zu Knyphausen / Los Campesinos! / Katy Perry / The Ting Tings (je 2,25%)

Musikvideo des Jahres
1. Weezer – Pork And Beans (6,1%)
2. Justice – Stress / Tomte – Der letzte große Wal (je 4,88%)
4. Bloc Party – Mercury / Coldplay – Viva La Vida / MGMT – Time To Pretend (je 3,66%)
7. Beatsteaks – Hey Du / Peter Fox – Alles neu / Margot And The Nuclear So And So’s – As Tall As Cliffs / Metallica – The Day That Never Comes (je 2,44%)

Film des Jahres
1. The Dark Knight (16,84%)
2. James Bond 007: Ein Quantum Trost (7,37%)
3. Wall-E (6,32)
4. Der Baader Meinhof Komplex / Keinohrhasen / Waltz With Bashir (je 4,21%)
7. Burn After Reading / Juno / Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe / Willkommen bei den Sch’tis (je 3,16%)
11. I’m Not There / Mamma Mia! / No Country For Old Men / Tropic Thunder / Zack And Miri Make A Porno (je 2,11%)

Beste Fernsehserie
1. Dr. House (11,58%)
2. Californication (10,53%)
3. Pushing Dasies (8,42%)
4. How I Met Your Mother / The Simpsons (je 7,37%)
6. Scrubs (6,32%)
7. Lost (5,26%)
8. True Blood / Türkisch für Anfänger (je 3,16%)
10. Boston Legal / Desperate Housewives / Grey’s Anatomy / Heroes / Kriminaldauerdienst / My Name Is Earl / The Office (US) / Prison Break (je 2,11%)

Beste Fernsehsendung
1. Switch Reloaded (17,95%)
2. The Daily Show / Schlag den Raab (je 8,97%)
4. Schmidt & Pocher / Tracks / Zapp (je 5,13%)
7. Zimmer Frei! (3,85%)
8. Dittsche / Durch die Nacht / extra3 / Mogadischu / Neues aus der Anstalt / Sportschau / Tatort (je 2,56%)

Bestes Blog
1. coffeeandtv.de (17%)
2. stefan-niggemeier.de/blog (12%)
3. bildblog.de / spreeblick.com (je 7%)
5. nerdcore.de / usaerklaert.wordpress.com (je 6%)
7. jensweinreich.de (4%)
8. achnaja.com / blog.fefe.de / weissgarnix.de (je 2%)

Beste Website
1. last.fm (11,46%)
2. twitter.com (6,25%)
3. thedailyshow.com / facebook.com / plattentests.de / youtube.com (je 3,13%)
7. 4chan.org / dwdl.de / hattrick.org / imdb.com / nichtlustig.de / spiegel.de / wikipedia.org (je 2,08%)

Beste Zeitschrift
1. 11 Freunde / Neon (je 10,59%)
3. Der Spiegel (9,41%)
4. Gee (7,06%)
5. Brand:Eins / Musikexpress / Titanic (je 4,71%)
8. Dummy / Spex (je 3,53%)
10. c’t / Galore / Missy Magazine / Ox-Fanzine / Visions (je 2,35%)

Buch des Jahres
1. Sven Regener – Der kleine Bruder (9,52%)
2. Heinz Strunk – Die Zunge Europas (7,14%)
3. Christian Kracht – Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (5,95%)
4. Michael Reufsteck & Stefan Niggemeier – Zapp! Merkwürdigkeiten aus der Fernsehwelt / Charlotte Roche – Feuchtgebiete / Oliver Uschmann – Murp! Hartmut und ich verzetteln sich (je 3,57%)
7. Uwe Tellkamp – Der Turm (2,38%)

Person des Jahres
1. Barack Obama (58,7)
2. ich / meine Freundin / Charlotte Roche (je 3,26%)
5. Marcel Reich-Ranicki (2,17)

Depp des Jahres
1. Andrea Ypsilanti (20,43%)
2. Sarah Palin (11,83%)
3. Theo Zwanziger (10,75%)
4. Wolfgang Schäuble (5,38%)
5. Kai Diekmann / Elke Heidenreich (je 3,23%)
7. Kurt Beck / Günther Beckstein / Dietmar Hopp / ich / Angela Merkel (je 2,15%)

Wort des Jahres
1. Change (11,49%)
2. Finanzkrise (10,34%)
3. Yes we can! (6,9%)
4. Bankenkrise (4,6%)
5. Popkultur / Prokrastination (je 2,3%)

Unwort des Jahres
1. Finanzkrise (13,04%)
2. Yes we can (6,52%)
3. Change (4,35%)
4. Bankenkrise / Kommunikationsherrschaft (je 3,26%)
6. Demagoge / Eklat / Feuchtgebiete / Liquiditätsfalle / Obamania / Pogromstimmung / Subprime Krise (je 2,17%)

Bestes Album, auf das man seit 1993 warten musste
1. Guns N‘ Roses – Chinese Democracy (47,17%)
2. Nicht Guns N‘ Roses – Chinese Democracy (18,87%)

[Aufguss 2007]

Zur Erklärung: Der Übersichtlichkeit halber ist in jeder Kategorie nur aufgeführt, was mehr als eine Stimme bekommen hat. Ausnahme: Album und Song des Jahres, da ist es einfach die Top 20.

Bei den Alben und Songs, wo jeder bis zu fünf Favoriten benennen durfte, erfolgte die Auswertung wie folgt: Für die Nr. 1 gab es fünf Punkte, für Nr. 2 vier, usw. Bei Punktgleichheit entschied zunächst der höhere Durchschnittswert (manche Künstler können 10 Punkte mit zwei Nennungen erhalten, andere mit fünf), anschließend der höchste Einzelwert („einmal fünf Punkte und einmal einer“ schlägt „zweimal drei Punkte“). Waren auch die gleich, teilen sich zwei Alben einen Platz.

Dear Mr. President

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 19. November 2008 13:37

Bevor heute Abend das traditionsreiche Fußballspiel zwischen Deutschland und England stattfindet (also das Aufeinandertreffen zweier einst ruhmreicher Fußballnationen), möchte ich noch einmal kurz daran erinnern, was das für ein Verein ist, dem Sie da heute vermutlich die Daumen drücken werden:

Nachdem DFB-Präsident Theo Zwanziger in zwei Instanzen mit seinem Versuch gescheitert war, dem freien Sportjournalisten Jens Weinreich untersagen zu lassen, ihn einen „unglaublichen Demagogen“ zu nennen, hat der DFB am vergangenen Freitag eine große Verleumdungskampagne gegen Weinreich losgetreten.

Dabei kehrt der DFB nicht nur die beiden Gerichtsentscheidungen zu Ungunsten Zwanzigers unter den Teppich, er verdreht in seiner Pressemitteilung auch munter Sachverhalte und Begrifflichkeiten. So scheuen sich weder DFB noch Zwanziger, das Wort „Demagoge“ mit „Volksverhetzer“ zu übersetzen und ausschließlich auf den Nationalsozialismus zu beziehen.

Wer die Vita und das konsequente Engagement von Theo Zwanziger im Kampf gegen Neo-Nazis kennt, versteht selbstverständlich seine Reaktion. Denn als Demagoge wird ein Volksverhetzer bezeichnet, der sich einer strafbaren Handlung schuldig macht.

(DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch)

Wenn man eine solche Vita hat und außerdem, wie ich, in Yad Vashem war, denkt man anders über die Dinge nach. Ich bitte um Verständnis, dass meine Empfindlichkeit, was die Nazi-Zeit angeht, größer ist, als das vielleicht bei andern Leuten oder Jüngeren der Fall ist.

(Theo Zwanziger im Interview mit „Direkter Freistoß“)

Alles weitere können Sie bei Jens Weinreich selbst und bei Stefan Niggemeier nachlesen.

Jede Wette: wenn der Vorstand eines Bundesligavereins so eine Show abziehen würde, würden die Fans anschließend im Stadion mit Sprechchören und Transparenten dessen Absetzung fordern. Theo Zwanziger, der sich heute Abend mal wieder mit der Bundeskanzlerin schmücken wird, muss so etwas kaum befürchten.

Unter Grünen: Über Menschenrechte

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. November 2008 13:31

Das mit Claudia Roth und mir ist irgendwie komisch: im Fernsehen finde ich sie (wenn sie nicht gerade bei „Zimmer frei“ zu Gast ist) unerträglich. Ich kann ihren Sätzen nicht folgen, ich weiß hinterher nicht, was sie der Welt sagen – oder besser: zurufen – wollte. Sie ist mir zu emotional, zu laut, ja, letztlich: zu engagiert.

Jetzt stand sie hier gerade und hielt eine Rede zum Thema „60 Jahre Menschenrechte“ und war wieder emotional, laut und engagiert. Aber in der Halle habe ich zumindest verstanden, warum man diese Frau die „Seele der Partei“ nennt: sie reißt ihre Parteifreunde mit, weil sie emotional und engagiert ist — und laut, zu laut. Aber mehrstündige Diskussionen, ob man jetzt dieses Wort aus einem Antrag streichen oder jenes hinzufügen sollte, brauchen als Gegenpol wohl eine Parteivorsitzende, die ein wenig mutterbeimert. Dass ich ihr beim Thema Menschenrechte und ihrer Kritik an der Vorratsdatenspeicherung zustimme, war ja vorher schon abzusehen.

Was also hat sie der Welt zugerufen? Im Dezember wird die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 60 Jahre alt. Roth warnte vor „Sonntagsreden“ und Lippenbekenntnissen zu diesem Anlass. Im Hinblick auf Guantanomo und Abu Ghraib wetterte sie: „Keine Demokratie ist wirklich stark, wenn in ihr die Menschenrechte missachtet werden.“ Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus dürfe kein „Generalschlüssel“ sein, um Menschenrechte auszuhebeln: „Sie gelten für jeden Menschen auf dieser Welt.“

Anders als bei der Atomenergie- und der Finanzmarktdebatte war ich am Thema Menschenrechte persönlich interessiert und konnte den ersten zehn, zwölf Redebeiträgen auch noch folgen. Aber dann war es wieder vorbei: alle wünschen sich mehr Menschenrechte, aber jeder muss noch einmal einen besonderen Focus auf das Thema legen. Jede einzelne Rede ist ihrem Redner inhaltlich sicher sehr wichtig, aber ich bezweifle schon, dass die Parteifreunde dem zwanzigsten Redner überhaupt noch richtig zuhören (können) – von den Außenstehenden ganz zu schweigen.

Wieder wach wurde ich dann bei dem Redner, der davor warnte, sich blind hinter Barack Obama zu stellen, und forderte, lieber mit den amerikanischen Grünen zu kooperieren. Also jener Partei, der man vorwirft, durch ihren Präsidentschaftskandidaten im Jahr 2000 George W. Bush den Weg ins Weiße Haus erst geebnet zu haben.

Weil ich gerade kaum zu anderen Themen komme – und weil es irgendwie zum Thema Presse- und Meinungsfreiheit passt – möchte ich Ihnen hier noch zwei Linktipps geben: Da ist zum einen die Kampagne, die der Deutsche Fußballbund gerade gegen den freien Sportjournalisten Jens Weinreich fährt, und zum anderen Lutz Heilmann, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, der gerichtlich gegen wikipedia.de vorgegangen ist, weil ihm der Eintrag zu seiner Person missfiel.

Beachten Sie für alle Parteitags-Beiträge bitte die Vorbemerkungen.

Heucheln wird olympisch

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. August 2008 15:08

Ich liebe es, Sport im Fernsehen zu gucken. Ich selber betreibe außer Treppensteigen gar keinen Sport, aber anderen dabei zuzusehen, macht mir Spaß. Gerade die Olympischen Spiele, bei denen man so außergewöhnliche Disziplinen wie Tontaubenschießen, Dreisprung oder (im Winter natürlich) Curling zu sehen bekommt, begeistern mich immer wieder. Außerdem werden sie meistens von Sportreportern kommentiert und nicht von Steffen Simon, Bela Réthy oder Reinhold Beckmann.

In diesem Jahr weiß ich echt nicht, ob ich mir die Olympischen Spiele im Fernsehen ansehen soll. Nicht nur, weil sie wegen der Zeitverschiebung zu etwas anstrengenden Zeiten übertragen werden, die ganze Aktion kommt mir von vorne bis hinten missglückt vor.

Da ist zunächst einmal China, von dem ich gerne glaube, dass es ein tolles, spannendes Land ist, das aber auch von einem völlig indiskutablen Regime geführt wird. Hinzu kommt das Internationale Olympische Komitee, bei dem ich mich mittlerweile frage, ob man dort eigentlich nur Mitglied werden kann, wenn man seinen letzten Rest Selbstachtung vorher an der Garderobe abgegeben hat. Allerspätestens, als die internationalen Journalisten (entgegen vorheriger Zusagen) keinen freien Zugang zum Internet erhielten, hätte es ein Donnerwetter geben müssen – doch das IOC zuckte nur mit den Schultern und die Journalisten arbeiteten unter Protest weiter.

Den Athleten sind während der Spiele nicht nur politische Äußerungen, sondern auch jegliche kommerzielle und journalistische Tätigkeit verboten – ein im Prinzip ehrenwerter Gedanke, sozusagen der letzte Rest der olympischen Idee von Pierre de Coubertin. Leider wirkt das einigermaßen verlogen vor dem Hintergrund, dass die olympischen Spiele in Peking eine einzige politische Demonstration des Gastgeberlandes waren, sind und sein werden, und die Spiele selbst ein Milliardenschweres Marketingprodukt sind.

Ja, sagt dann das IOC, aber ohne die Sponsoren wären doch die schönen Olympischen Spiele gar nicht möglich. Das stimmt natürlich auch. Es geht ja auch gar nicht um die Sponsoren, es geht darum, dass das IOC mit erschütternder Vehemenz die Sonderrolle seiner Spiele verteidigt und so tut, als handele es sich dabei um ein Event mit einem höheren ethischen Wert als jedes andere kommerzielle Großereignis.

Zugegeben: „Wir treffen uns hier alle vier Jahre, nicht immer in Ländern, in denen wir gerne selbst leben würden, wir machen Werbung für ungesundes Fast Food und totalitäre Regimes, ein paar von uns werden wieder versuchen zu bescheißen (und womöglich damit durchkommen), aber wir wollen mal sehen, das wir das Beste draus machen und ein bisschen Spaß haben“ ist ein etwas mittelprächtiger Wahlspruch, aber bei „Rock am Ring“ faselt doch auch niemand vom „musikalischen Geist“.

Von den Sportjournalisten ist leider nichts zu erwarten, wie Christian Zaschke (selbst Sportjournalist) in seinem sehr empfehlenswerten Artikel für die „Süddeutsche Zeitung“ feststellt. Wer bei den letzten beiden Fußballgroßereignissen gleichermaßen mantrahaft und orgiastisch immerzu vom „Sommermärchen“ faselte, wird jetzt wohl kaum plötzlich kritische Fragen stellen.

Aber würde sich irgendwas ändern, wenn ich, wenn Millionen nicht einschalten würden? Ich würde den Olympiasieger im Bogenschießen nicht kennenlernen, obwohl er und seine Kollegen die Aufmerksamkeit sicher wenigstens einmal in vier Jahren verdient hätten. ARD und ZDF würden wohl nicht einmal darüber nachdenken, ob man wirklich Unsummen von Gebührengeldern in eine solche Riesenveranstaltung investieren muss, oder ob das komplett Werbefinanzierte Privatfernsehen nicht eher der natürliche Lebensraum für derartiges Event-TV wäre. Olympische Spiele gehören für sie zur Grundversorgung – auch so ein hehres Wort.