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Entsetzen in Dinslaken: Der Wendler dreht durch!

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 12. Oktober 2020 0:10

Für Dinslaken, die sympathische Stadt im Grünen, ist es der schwerste Schicksalsschlag seit dem Ende des Steinkohlebergbaus: Der größte Sohn der Stadt ist plötzlich Corona-Leugner! Ein Beitrag über das bisherige Lebenswerk Michael Wendlers und darüber, was sein Meltdown für seine alte Heimat bedeutet.

Putting Dinslaken on the map (once more)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. Mai 2010 20:17

Stop the press!

Obwohl das Thema „Wetter“ im Moment nicht gerade zu den erfreulichsten zählt, gibt es sensationelle Nachrichten von der Waterkant Wetterkarte:

Niemandsland verschwunden

Dinslaken. Viele größere Städte, schimpften Bürger in Zuschriften an die Stadt, seien auf der Wetterkarte des WDR in der „Lokalzeit Duisburg“ abgebildet, nur Dinslaken nicht. Ein kritischer Bewohner erklärte, ein Kontakt in dieser Sache mit dem WDR sei erfolglos geblieben. Das ließ die städtische Pressestelle nicht ruhen. Eine Mail und ein Telefongespräch, vielleicht auch die kollegialen Kontakte zu Studioleiter Klaus Beck, führten zum Ziel. Auf der regionalen Wetterkarte des Lokalzeit ist Dinslaken jetzt gut leserlich vertreten.

Soweit die Pressestelle der Stadt.

Wetterkarte der Lokalzeit "Duisburg"

Die Pressestelle des Westdeutschen Rundfunks wollte dieses Großereignis indes nicht mit einer eigenen Verlautbarung würdigen.

You say party! We say Dinslaken!

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 20. März 2009 12:41

Downtown Dinslaken

Während Dinslakens größter Sohn gerade auf Sylt weilt, um sich dort zu vermählen (alles unter Vorbehalt, es stand in „Bild“), wurden die Kilians – wie ich erst jetzt feststellte – schon vor mehr als einem Jahr wieder aus dem Wikipedia-Artikel zur Stadt entfernt.

Es wird ihnen egal sein, denn in zwei Wochen werden die Kilians das (mutmaßlich) größte Konzert spielen, das die Stadt ohne Dinge mit dem Etikett „Das muss man unbedingt gesehen haben“ je erlebt hat.

Oder wie es der GHvC-Newsletter noch eine Spur kryptischer ausdrückt:

Am 03.04. spielen die Kilians (das ist klingonisch für: „die coolen Typen, die in der Schule rauchen und sich dabei über Cunt, äh Kant unterhalten!“) umsonst und draußen auf dem Red Bull Bus!

Man kann nur auf Regen hoffen, denn sonst könnte das ein Ereignis von
epochaler Größe werden für eine Kultur und Ästhetik liebende Stadt wie
Dinslaken:

19:30 Uhr Dinslaken, Hans-Böckler-Platz! Und danach gehen wir alle zusammen in die KuKa zur Aftershow, wo uns das Kilians DJ Team zeigt, dass ihm auch die Plattenteller nicht fremd sind.

Am gleichen Tag erscheint die Single „Said & Done“. Zufälle gibts, Wahnsinn…

Wer immer schon mal nach Dinslaken wollte, dazu aber bisher (berechtigterweise) keinen Grund hatte, sollte die Gelegenheit nutzen. Eine Coffee-And-TV-Delegation wird ebenfalls vor Ort sein und Bericht erstatten.

Die Dichterschlacht von Dinslaken

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. März 2008 12:32

Weil’s in den Kommentaren ja doch wieder untergehen könnte:

Am morgigen Montag, 3. März findet im Bistro „Mittelpunkt“ in der Stadthalle der Dinslakener Poetry Slam statt.

Alles Wissenswerte dazu findet man unter slam-dinslaken.de.vu, darunter auch die Regeln, von denen mir folgende besonders gut gefällt:

Mobiltelefone müssen während der Veranstaltung lautlos bzw. ausgeschaltet werden. Beim Klingeln während einer Lesung muss der Besitzer des Handys ein Lied aus der „Mundorgel“ vor gesamtem Publikum vortragen.

Ich selbst bin am Montag leider nicht in der Stadt, werde mir das Spektakel aber bestimmt bei einem der nächsten Termine (7. April, 5. Mai) mal ansehen.

Coffee And TV empfiehlt: School’s Out in Dinslaken

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 30. Mai 2007 13:58

School’s Out 2007 (Plakat)Schon mehrfach waren sie Thema bei uns, jetzt spielen sie endlich mal wieder ein Konzert in ihrer Heimatstadt: Die Kilians sind Headliner des School’s Out, das am 20. Juni 2007 (das ist – Wer hätte es gedacht? – der letzte Schultag) im Burgtheater in Dinslaken stattfindet.

Mit dabei sind rearview, Massendefekt und eine noch zu ermittelnde lokale Nachwuchsband.

Um 17:00 Uhr geht’s los, der Eintritt kostet faire 5 Euro.

… oder auch nicht, denn der Veranstalter des Fantastival hat uns 3×2 Jackpot: 5×2 Gästelistenplätze zur Verfügung gestellt, die Ihr bei einem kleinen Gewinnspiel gewinnen könnt konntet.

Das Gewinnspiel ist leider vorbei, die Gewinner werden in Kürze benachrichtigt.

Dinslaken, Rock City: Kukalaka

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 24. Mai 2007 18:44

Nachdem die VISIONS in ihrer Juni-Ausgabe (S. 28) Dinslaken als „tiefste Provinz“ verunglimpft hat (na ja, machen wir uns nichts vor: natürlich ist Dinslaken tiefste Provinz – aber das führt eben dazu, dass man Bands gründet und gute Musik macht), ist es mal wieder an der Zeit, das Bild geradezurücken:

Dinslaken, Rock City
Heute mit: Kukalaka

Kukalaka

Wer ist das?
Vier junge Männer Anfang Zwanzig, die (mit kleinen Änderungen) seit sechs Jahren gemeinsam musizieren. Der Bandname dürfte zumindest treuen Star-Trek-Fans bekannt vorkommen.

Was machen die?
Britpop jeglicher Ausprägung. Also das Beatgedengel der Sechziger, das Rockbrett der Siebziger, den spaßigen Punksong, die Oasis’sche Hymne und die ein oder andere Anleihe an den Manchester-Rave. Das alles recht virtuos gespielt und mit unwiderstehlichen Chorgesängen versehen.

Die klingen ja wie …
Blur, Supergrass, Ash, XTC, Stone Roses, The Charlatans, Kaiser Chiefs, Teenage Fanclub, Suede, …

Warum die?
Weil Kukalaka eine musikalische Vielfalt an den Tag legen, wie man sie bei den wenigsten Nachwuchsbands findet. Ihre Songs sind voller Querverweise auf 50 Jahre Popmusik, trotzdem bleibt ein eigener Stil erkennbar. Der Drang zum perfekten Popsong bringt Kukalaka das ein oder andere Mal („Tance“, „Come On Sun“) in dessen Nähe- außerdem kenne ich nicht viele deutsche Sänger, die so ein schönes British English hinkriegen wie Lars Gerland. Die Band passt eigentlich gar nicht richtig in eine von Indie- und Punkrock geprägte Kleinstadt, denn ihr Sound ist (im besten Sinne) „studentisch“. Dazu passt, dass die meisten Bandmitglieder auch gar nicht mehr in Dinslaken wohnen.

Erfolgspotential
Auch die Zielgruppe dürfte eher im Studentenmilieu zu finden sein – wobei auch die Heimspiele dieser sehr guten Liveband immer ein großes Fest für alle Konzertbesucher sind. Der gegenwärtige Trend zum hingerotzten Jungalkoholikerrock kommt der Band – auch wenn sie ordentlich rocken kann – nicht unbedingt entgegen, andererseits findet zeitlose Popmusik immer ihr Publikum.

Jetzt will ich mir aber selbst ein Bild machen!
Here you go: bei MySpace kann man – wie es sich gehört – reinhören, auf der Website der Band kann man auch ihre aktuelle CD „Arcade Mode“ bestellen.

[Mehr von Dinslaken, Rock City.]

Dinslaken, Rock City: The Rumours

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. Mai 2007 15:17

Ich hatte vor ein paar Wochen angedroht, die umfangreiche Musikszene meiner „Heimatstadt“ Dinslaken vorstellen zu wollen. Inzwischen weiß wohl die halbe Welt, dass die neuen Indielieblinge Kilians von dort wegkommen, und nachdem der ebenfalls ortsansässige König des Popschlagers Michael Wendler auf Platz 27 der deutschen Singlecharts eingestiegen ist, ist es an der Zeit, die nächste Angriffswelle zu sichten.

Deswegen jetzt und hier herzlich Willkommen zu

Dinslaken, Rock City
Heute mit: The Rumours

The Rumours

Wer ist das?
Vier junge Männer zwischen 19 und 21 Jahren, die das machen, was junge Männer in dem Alter so machen: noch zur Schule gehen, Zivildienst leisten, studieren und in ihrer Freizeit rocken, rocken, rocken.

Was machen die?
Was Bands in dem Alter halt so machen: Indierock britischer Bauart mit Einflüssen aus den letzten dreißig Jahren Musikgeschichte. Wobei die Band Wert darauf legt, dass auch The Doors und die Beatles zu ihren Vorbildern zählen.

Die klingen ja wie …
The Libertines, Arctic Monkeys, Dirty Pretty Things, Babyshambles, Kilians, Madrugada, The Vines, …

Warum die?
Weil The Rumours – ganz ähnlich wie die Kilians – den Rock’n’Roll nicht nur spielen, sondern auch leben. Also eben nicht vier Lehrerkinder, die sich erst mal für teures Geld Equipment zusammenkaufen und dann unbewegt ihre Durchschnittrocknummern runterleiern, sondern eine Band, die mit Blut, Schweiß und Tränen bei der Sache ist.
Bei einem ihrer letzten Auftritte coverten sie „What Katie Did“ und ich konnte meiner Begleitung hernach nur noch ein überdrehtes „Who needs Peter fucking Doherty?“ ins Ohr krächzen.

Erfolgspotential
Falls mal wieder ein Labelchef darüber stolpert: hoch.
Die Kids werden es lieben, schon wieder eine Dinslakener Band zu sehen, die sich einbildet in Camden zu wohnen. Die engstirnigeren Vertreter des Indietums werden natürlich wieder jammern, dass das ja alles klinge wie irgendeine andere Band (die ihrerseits natürlich Rad, Rock’n’Roll und Rhabarberkuchen erfunden hat) und überhaupt so gar nicht deutsch sei.

Jetzt will ich mir aber selbst ein Bild machen!
Bitteschön: Wie heute allgemein üblich geht das sehr schön bei MySpace, wobei die dort abhörbaren Songs schon etwas älter sind. Die neuen sind noch besser, im Moment aber nur live zu erleben (Livetermine gibt’s da aber auch). Und für den Fall, dass der Webmaster in die Puschen kommt, gäbe es unter therumours.de dann auch eine eigene Website.

Zwischen Indie, R’n’B und Pop-Schlager: Dinslaken, Rock City

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 30. April 2007 15:32

Dinslaken hat rund 72.000 Einwohner, von denen schätzungsweise knapp die Hälfte Musik machen. Ich hatte mich hier bereits mehrfach und überschwänglich zu den Kilians geäußert und drohe hier schon mal für die Zukunft eine lose Serie an, in der ich sämtliche lokalen Bands, denen ich Potential unterstelle, vorstellen werde.

Zuvor erfordert es aber die Ausgewogenheit, noch auf ein paar andere … äh: Acts einzugehen, die ebenfalls aus der Stadt kommen, in der ich die weitesten Teile meiner Kindheit und Jugend verbrachte:

Urbanize
Deutschsprachiges R’n’B-Projekt, dessen eine Hälfte für mehrere Jahre in meiner Jahrgangsstufe war. Schon damals hat er im elterlichen Keller eigene Tracks zusammengebaut und hat dafür von seinen punksozialisierten Mitschülern (also uns) Hohn und Spott geerntet. Als er an der RTL-2-Castingshow „Teenstar“ (die so sehr in Vergessenheit geraten ist, dass es noch nicht mal einen Wikipedia-Eintrag zu ihr gibt) teilnahm, war er für 15 Sekunden der Star auf dem Schulhof – dann schaffte er es nicht in die nächste Runde. Aber weder solche Rückschläge, noch die Bosheiten seiner Kritiker konnten ihn aufhalten. Mit der Ausdauer, mit der er über viele Jahre hinweg seinen Träumen nicht nur nachhing, sondern auch aktiv an ihnen arbeitete, erkämpfte er sich den Respekt der früheren Spötter.
Mitte April erschien „Warten auf dich“ von Urbanize, eine … nun ja: zeitgemäße, eingedeutschte Bearbeitung von „Right Here Waiting“ von Richard Marx. Wer Oli P.s Version von „Flugzeuge im Bauch“ gut fand, und auf hochgepitchte Stimmen nicht mit körperlicher Abneigung reagiert, wird auch hieran Gefallen finden – und dass das nicht eben wenige sind, zeigt ein Blick auf die aktuellen deutschen Singlecharts:

Urbanize in den deutschen Singlecharts
(Screenshot: mtv.de)

Michael Wendler
Seit vielen Jahren hängen einmal jährlich Plakate in Dinslaken, die verkünden, dass Wendler komme. Weil auch meine Begeisterung für Pop- und Massenkultur Grenzen und blinde Flecken kennt, interessierte mich weder, wer „Wendler“ war, noch was er wo tue. Aus den Lokalzeitungen erfuhr ich später, dass es sich um den „König des Pop-Schlagers“ handele und dieser bei seinen Konzert erst die Stadthalle in Duisburg-Walsum und dann die Arena Oberhausen mit begeisterten Faninnen füllte.
Seit letzter Woche hängt im Dinslakener Bahnhof ein Plakat, das die Veröffentlichung von Wendlers Single „Sie liebt den DJ“ bei SonyBMG ankündigt (mit Urbanize und Kilians kommen wir somit auf drei deutschlandweite Single-VÖs Dinslakener Künstler innerhalb von zehn Tagen – dodge this, Omaha, Nebraska!).
Meine journalistische Gründlichkeit erfordert es jetzt von mir, dass ich auch in diesen Song mal reinhöre. Geht ja alles ganz einfach mit iTunes. Aaaalso, hier und jetzt das 30-Sekunde-Live-Hörerlebnis in einem Nicht-Live-Medium: öh, ja – „Pop-Schlager“ trifft es wohl ganz gut. Ich persönlich griffe für meine Partybeschallung zu The Smiths, bei denen der DJ nicht geliebt, sondern gehängt wird, aber die Zeiten, in denen ich kategorisch ein Verbot von allem forderte, was mir nicht gefiel, sind (wie allgemein üblich) mit dem Ende meiner Pubertät vergangen, so dass ich heute in aller Gelassenheit sagen kann: „Bitte, wem’s gefällt und wem es beim Erwerb guter Laune auf Großveranstaltungen hilft, der soll bitte auch solche Musik mit der gleichen Hingabe hören, wie ich gerade Get Cape. Wear Cape. Fly. Aber bitte in einer Lautstärke, die keine Nachbarschaftsprozesse vor tatsächlichen und TV-Gerichten nach sich zieht!“

Und nachdem wir Dinslaken – vermutlich zur großen Überraschung seiner Einwohner – derart als Kulturstadt gefeiert haben, müssen wir nur noch rauskriegen, welche genaue Bedeutung eigentlich das Prominentenrennen auf der dortigen Trabrennbahn für die ZDF-Sendung „Nase vorn“ hatte …

Das anderste Weihnachten aller Zeiten

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 23. Dezember 2020 8:55

Vor uns liegt ein Weihnachtsfest, das so anders ist, als wir es gewohnt sind — so zumindest der Tenor in Medien, Politiker*innen-Statements und persönlichen Gesprächen. Dabei ist „anders sein“ bei aller Tradition etwas, was Weihnachten ebenso ausmacht wie unverheiratete Großonkel. Klar: Alle glücklichen Weihnachtsfeste gleichen einander, aber wie viel Prozent Übereinstimmung braucht es analog zur DNA-Analyse in der Forensik, damit es ein Weihnachten „wie immer“ ist?

Da war das Jahr, wo ich mich an Heiligmorgen erbrach, nicht mit in die Kirche konnte und Familienessen und Bescherung auf der Couch verbrachte; das letzte Weihnachten in der alten Wohnung und das erste im neuen Haus. Das Jahr, in dem mein Großvater erklärte, dass es ihm zu anstrengend geworden sei, der Verteilung und Entpackung der Geschenke Dritter beiwohnen zu müssen, weswegen es ab da nur noch sorgsam beschriftete Kuverts mit Geldscheinen gab. Oder das letzte „richtige“ Weihnachten, so wie wir es gewohnt waren: drei Kinder, Mama und Papa und die drei Großeltern. Das war im Jahr 2011 und meinem Tagebuch entnehme ich, dass es schon damals „nicht mehr dasselbe“ war, weil der Gemeindepfarrer, der uns alle getauft und konfirmiert hatte, zwischenzeitlich in den Ruhestand gegangen war. Als mein Großvater im Jahr 2017 bei seiner alljährlichen Weihnachtsansprache auf die sonst übliche Schlussformel „… und hoffen wir, dass der Liebe Gott uns nächstes Jahr noch einmal an dieser Stelle hier zusammenführt“ verzichtete, wussten wir alle, dass es das letzte Weihnachtsfest mit ihm sein würde. Was niemand ahnen konnte (außer er selbst, womöglich): 96 Stunden später war er tot.

Für mich ist erst Weihnachten, wenn ich am Nachmittag des Heiligen Abends „Patience“ von Take That gehört habe — ein Song, der nun wirklich unter keinen Umständen ein Weihnachtslied ist. Der Grund dafür ist gleichermaßen banal wie magisch (also wie das Leben selbst): Ende 2006 lief die große Comeback-Single der einstigen Boyband im Radio rauf und runter — so auch auf der Rückfahrt vom Weihnachtsgottesdienst zu unserem Elternhaus im Radio. Ein Jahr später saßen wir Kinder gemeinsam in Mamas altem Ford Fiesta, fuhren wieder von der Kirche zu den Eltern und im Radio lief wieder dieser Song, was – angesichts einer fünfminütigen Autofahrt und einer selbst bei WDR 2 mehr als einstelligen Zahl von Liedern in den Rotationslisten – dann doch mindestens ein erstaunlicher Zufall war. In den Folgejahren ging ich auf Nummer Sicher, brachte den Song auf meinem iPhone mit nach Dinslaken und spielte ihn auf dem Weg von der Innenstadt nach Eppinghoven ab. Das ist vielleicht drei, vier Mal passiert und ich war über 20, als es begann, aber es ist mehr Weihnachtstradition als der Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, von dem ich noch nie in meinem Leben auch nur eine Minute gesehen habe.

Was ich meine ist: Weihnachten ist immer anders und im Grunde genommen dann auch immer ähnlich, weswegen Komödien über Familienweihnachten auch so gut funktionieren: Weil sie die freiwilligen und unfreiwilligen Rituale; die Freude und das Elend; die Wiederholungen, die alle so lange mit den Augen rollen lassen, bis sie nicht mehr stattfinden und die Augen fürderhin nicht mehr gerollt, sondern feucht werden; und den Versuch, Weihnachten „wie immer“ begehen zu wollen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner runterbrechen und in der tragischen Pointe gipfeln, dass Weihnachten eben leider genauso wird wie immer.

Douglas Adams hatte in den 1980er Jahren die Idee, ein Computerprogramm zu entwickeln, das die stets deckungsgleichen Aussagen des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan von alleine reproduziert, mit dem Fernziel, irgendwann sämtliche wichtigen Politiker*innen durch Künstliche Intelligenzen zu ersetzen, die sich dann miteinander unterhalten. Adams konnte Donald Trump nicht vorhersehen, aber er hat im Grunde genommen Facebook und Twitter vorweggenommen, wo sich jede Menge Bots und einzelne verwirrte, einsame Seelen in einem fortwährenden Nicht-Dialog befinden. Aber wenn die Menschheit ausstürbe (ein Gedanke, der, bei Licht besehen, selten so naheliegend war wie im Jahr 2020), könnten Spotify-Playlisten, Streamingdienste und die zentralen Logistik-Programme der Backwaren-Industrie jährlich ein Weihnachtsfest emulieren. Roboter an verwaisten Produktionsstraßen würden sich mit Tassen voller Glühwein, auf denen „Weihnachtsmarkt Münster 1993“ steht und deren Henkel schon etwas beschädigt sind, zuprosten und sich – wo technisch möglich – gegenseitig unangemessen berühren, während Smart-Home-Geräte die Wohnungen in allen Farben des Regenbogens blinken lassen.

Und irgendwo würde eine Kaffeemaschine beseelt denken: „Alles wie immer!“

Ich wünsche Euch und Euren Lieben trotz allem frohe und besinnliche Weihnachten im kleinen Kreis, Gesundheit und uns allen ein besseres Jahr 2021!

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter „Post vom Einheinser“, für den man sich hier anmelden kann.

Another Decade Under The Influence: 2019

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 31. Dezember 2019 10:48

Dieser Eintrag ist Teil 10 von bisher 10 in der Serie Another Decade Under The Influence

2019. Ich fahre endlich mal zum Eurosonic und schaue mir ca. 500 neue Acts an. Wir treten tatsächlich im verdammten Berlin auf! Schneemann bauen im Garten. Zum ersten Mal mit Kind ins Stadion, der VfL Bochum verliert, wir kommen trotzdem wieder. Im JWD erscheint mein bisher wichtigster Text. When I see your face / The future that awaits / Another city rising from the dust / Neon lights the way. Ich quatsche dem Grand Hotel van Cleef den nächsten Deal an die Backe. Osterferien mit Koos Konijn und Einkaufszentrum. ESC in Tel Aviv: Ich schwimme zum ersten Mal im Mittelmeer, wir fahren E-Scooter am Strand und dürfen den letzten Live-Auftritt von Madonna miterleben. Die ersten Videoabende. Ich finde immer noch zuverlässig die falschen Leute toll. Just the sight of you is getting the best out of me. In Bochum sind die Dinos los, in Dinslaken der Tiger. So viele Ausflüge und Bahnen! Ich schreibe zum ersten Mal seit Jahren neue Songs. muff potter. sind zurück, Thees Uhlmann auch! Mit dem Kind auf die Fridays-for-future-Demo. Burn, Palo Alto, burn! Ich hab zum ersten Mal seit 25 Jahren ein aktuelles Gladbach-Trikot und nur eine Woche später startet die Borussia die längste Tabellenführung seit 42 Jahren. Familientreffen am Niederrhein. Endlich wieder Nordsee, zum ersten Mal seit acht Jahren wieder eine Woche Urlaub am Stück! Should meditate, should work out more / Should read until my brain gets sore / Meet someone, go far away / Try being socially less strange. „Star Wars“ um 10 Uhr morgens im Multiplex. Ein total entspanntes Weihnachtsfest. Lass uns noch einmal zusammen schrein: / Menschen wie ich bleiben besser allein.

Ein Jahr mit Neueinspielungen der größten Hits der 90er, 00er, 10er und von heute. Das war schon ganz schön gut! Hallo, ich bin Lukas, 36, ich komme aus Bochum und meine Hobbys sind Musik und Fußball! There’s a few things I need / But I’ve money for paying / And if you’ve enough room / I’ll consider staying.

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