Ich erinner‘ mich an alles

Von Lukas Heinser, 11. März 2010 1:15

Alles hatte mit Tom Liwa angefangen. Auf meinem ersten Festival, Haldern 2000. Zwischen all den rockenden Bands (also: soweit man in Haldern von „rocken“ sprechen kann, es war irgendwann zwischen Soulwax, Embrace, K’s Choice und Paul Weller) stand da ein Mann auf der Bühne, der zur Akustikgitarre irgendwelche deutschen Texte näselte, in denen Formulierungen wie „jetzt darfst Du mich anfassen“ und „der Mittelstreifen wird niemals für uns beide reichen“ vorkamen. Mein bester Freund und ich fanden’s doof — aus Prinzip. Aber der Mann brauchte keine vierzig Minuten, um uns durch die Emotionen „Ablehnung“, „Mitleid“, „Respekt“ und „Bewunderung“ zu schicken. Anschließend baten wir höflich um Autogramme und waren Fans.

Das erste Konzert, für das wir uns alleine mit der Bahn von Dinslaken aus auf den Weg in die große weite Welt machten, war Tom Liwa im Bahnhof Langendreer (auf der Rückfahrt ereignete sich diese Episode). Obwohl wir mit 17 noch nicht die volle Dimension der Liwa’schen Texte erfassen konnten, waren Zeilen wie „Du bist ein seltsames, seltsames Mädchen“ oder „Es gab eine Zeit, da waren wir alle verliebt in Dich — auch ich“ natürlich auch damals schon greifbar. Liwa brachte mir deutschsprachige Musik nahe, lange bevor ich kettcar oder Tomte kannte.

Innerhalb von 13 Monaten sah ich Tom Liwa fünf Mal live, davon einmal auf dem Kirchentag in Frankfurt, wo er zuvor bei einer Podiumsdiskussion irgendein Mitglied der Söhne Mannheims … nun ja: gedisst hatte. Der bisher letzte Konzertbesuch war am 13. September 2001 in Wesel: Die ganze Welt war durcheinander und Tom Liwa stand auf der Bühne des Karo und bretterte mit seiner Post-Punk-Band No Existe durch sein sonst so filigranes Werk. Alles war surreal, aber es passte. Auf dem Heimweg fühlten wir uns ein Stück weit sicherer.

Dann diffundierte Liwas Werk ins Esoterische: Er nahm Platten auf, die mir gar nichts gaben, bot irgendwelche Seminare an, über deren Inhalt und Sinn ich nicht urteilen kann, und reformierte die Flowerpornoes für ein auch eher außergewöhnlich zu nennendes Album. Im vergangenen Jahr dann „Eine Liebe ausschließlich“: Tom Liwa wieder völlig reduziert und ganz bei sich, dazu je ein Cover von Dylan und Snow Patrol.

Und jetzt: Tom Liwa, Bahnhof Langendreer. (Almost) ten years after. Die anfängliche Angst, dass man da alleine sitzen würde, verfliegt schnell. Nebenan tritt Johann König auf — auch nicht schön, aber so sind sie, unsere Kulturzentren: Ein Spiegel der Gesellschaft und ihres Geschmacks. Liwa eröffnet mit „I’ll Keep It With Mine“ auf der Ukulele und Bob Dylan ist ein gutes Stichwort: Ein Greatest-Hits-Programm werde er spielen, sagt Liwa, „was ein bisschen schwierig ist, weil ich ja nie Hits hatte“. Aber was er spielt, ist genau das, was ich hören will, und was mich tatsächlich um zehn Jahre zurückwirft.

Nach einer Dylan-mäßig dekonstruierten Fassung von „Für die linke Spur zu langsam“ (Wie jetzt, „nie Hits“?!) folgen viele Sachen von den ersten beiden Soloalben, Neil Young, Joni Mitchell und so ziemlich das Schönste aus Flowerpornoes-Zeiten („Nicht müde genug“, „Eng in meinem Leben“, „Herz aus Stein“, „Respekt“). Tom Liwa ist blendend aufgelegt, er hat privat ordentlich was durchgemacht, wie er andeutet, aber alles überwunden. Nach Elliott Smith, Vic Chesnutt und Mark Linkous tut es gut, einen Musiker zu sehen, dem es offensichtlich gut geht. Seine Ansagen lassen den nebenan auftretenden Comedian alt aussehen. Und dann zwei Stunden lang diese Songs in einer Atmosphäre, in der man Stecknadeln Handys fallen hören kann …

Man kann und will das nicht glauben, dass es schon fast eine ganze Dekade her sein soll, als man in seinem Jugendzimmer saß, „St. Amour“ ins CD-Laufwerk des PCs einlegte und sich der Melancholie von Songs hingab, die sich einem zum großen Teil erst jetzt erschließen. Wenn grad nicht Tom Liwa lief, liefen die Smashing Pumpkins, an diesen dunklen, nassen Herbstabenden, die im Rückblick ganze Jahre füllten. Billy Corgan schreibt heute Songs mit Jessica Simpson, Tom Liwa ist immer noch da. Und er ist so gut wie eh und je.

10 Kommentare

  1. Ruhrpilot - Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet « Ruhrbarone
    11. März 2010, 7:23

    […] Pop: Tom Liwa…Coffee & TV […]

  2. SvenR
    11. März 2010, 9:06

    Du erinnerst Dich wirklich an alles. Erschreckend. In völliger Unkenntnis des Protagonisten (die Nebendarsteller kenne ich komischerweise alle) muss ich mal dumm fragen, wie man denn »Flowerpornoes« richtig ausspricht? Wenn ich das lese, dann wird’s automatisch thüringisch (was für nicht sehr geschulte Ohren so ein bisschen wie sächsisch-light klingt).

    (Ich habe mir von der Tom-Liva-Website mal die drei Hörproben heruntergeladen und werde mir das gleich mal anhören).

  3. Jens Kobler
    11. März 2010, 9:16

    Danke. Schön zu lesen und nachzuempfinden, ich war halt nicht da.

  4. Mirea
    11. März 2010, 9:36

    Nix gegen Johann König, ja?

  5. Kai
    11. März 2010, 14:40

    Ich sah Tom Liwa das erste Mal 1992 live im Cookies in Frankfurt (auch auf die Gefahr hin, mich damit als alten Sack zu outen). Als Vor“gruppe“ von Blumfeld.

    Da stand dieses leicht Gesichtsbarackige Männchen in einer wirklich sehr kleinen Disco und schrammelte seltsame Lieder. Alle hassten ihn (ich auch). Ich meine Blumfeld! Ich-Maschine! Und Tom sah aus, wie die Junkies vomn Hauptbahnhof.

    Erst 2 Jahre später fand ich Gefallen an ihm. Und während Tom seinem Stil treu blieb und sicherlich einer der besten Singer/Songwriter ist, die Deutschland hat, drifteten Blumfeld auf einmal Richtung Schlager. Brrrrrr…

  6. Julian
    11. März 2010, 14:56

    Was ist denn hier plötzlich mit den Überschriften los?

  7. Faouzi
    11. März 2010, 19:33

    Ein Abend mit Tom Liwa, wenn er gut drauf ist, zählt für mich zu den erfüllendsten Erlebnissen, die man mit Musik haben kann. (Und wenn er schlecht drauf ist, finde ich es zumindest bewundernswert, dass er sich keine Mühe gibt, das mit Routine zu überspielen …)
    Danke, Lukas, dass du mich dazu gebracht hast, seine CDs mal wieder rauszukramen.

    @ Julian: Was ist denn mit der Überschrift nicht in Ordnung? Wäre „Pfefferminztee und der erste Schnee“ besser gewesen? ;-)

  8. Seb
    11. März 2010, 21:15

    Toller Text. Und vielen Dank – immer wieder denk ich: „ich muss endlich mal anfangen, mich in das Werk von Liwa reinzuhören“. Und genau das mach ich jetzt. Also, damit anfangen.

  9. Sascha
    15. Mai 2010, 0:16

    Danke für diesen Artikel. Seit einigen Jahren packt mich die Musik von Liwa immer und immer wieder.

  10. Maren
    6. Dezember 2010, 10:07

    Hallo!

    Ich war gestern abend bei Tom Liwa in Krefeld und bin jetzt auf Deinen Beitrag gestossen, weil ich den Text von „Nicht müde genug“ gegoogelt habe. Es war mein dritter Tom Liwa Abend, damals hatte mich ein Freund mit den Worten „schöne Texte, ein Mann, eine Gitarre, wird Dir gefallen“ auch in den Bahnhof Langendreer geschleppt – als ich dann wie vom Donner gerührt vor Liwas Punkprojet stand und meine Begleitung nur mit den Schultern zuckte, war ich erst nicht sonderlich angetan… Einige Zeit später rief der Freund nochmals an und sagte: Der Liwa spielt wieder, diesmal garantiert so, wie ich Dir das versprochen habe. Skeptisch war ich anfangs – und dann total begeistert. Mit diesem „er wird das schon machen“ Gefühl bin ich dann gestern auch nach Krefeld gefahren… und so war es dann auch. Obwohl ich die meisten Lieder nicht kannte und wir auch nur mit 20 Leuten vor der Bühne sassen, beschwört er mit seinen Texten, seiner Stimme und seinen Überleitungen Gedanken herauf, die ich dann dankbar mitnehme. Einfach schön.