Listenpanik 08/08

Von Lukas Heinser, 7. September 2008 11:38

Nein, wirklich: Es ist reiner Zufall, dass diese Liste so aussieht, wie sie aussieht. Dass hier ein Folk-Album hinter dem nächsten kommt (bei den Songs kommt dann noch etwas Britpop). Dass ich mich in ziemlicher Hilflosigkeit zu nichtssagenden Fan-Aussagen wie „großartig“ und „toll“ hinreißen lasse. Aber was soll ich tun? Das sind einfach verdammt tolle Platten gewesen im August!

Alben
1. Fleet Foxes – Fleet Foxes
Akustikgitarren, Orgeln, Satzgesänge. Musik, die auch direkt aus den Siebzigern stammen könnte: Crosby, Stills & Nash klopfen an, Simon & Garfunkel und die Beach Boys. Diese Band aus Seattle, WA macht sakralen „Chamber Pop“, der live noch unglaublicher und Gänsehaut-verursachender ist, als man sich das beim Hören ihres Debütalbums vorstellen kann. Mehr als „großartig“ fällt mir nicht ein, lesen Sie lieber, was Robin Hilton dazu schreibt (und hören Sie sich das dort verlinkte Livekonzert an).

2. Hotel Lights – Firecracker People
Folkig und poppig, aber irgendwie doch ziemlich anders geht es weiter. Lesen Sie hier, wie ich zu der Band kam und warum ich sie so toll finde. Den Herbst, der in Bochum schon seit einigen Tagen einen Fuß in der Tür hat, übersteht man am Besten mit dem passenden Soundtrack. Hier ist er.

3. The Dodos – Visiter
Offenbar scheint es irgendein mir nicht bekanntes Gesetz zu geben, das einen bei dieser Band zwingt darauf hinzuweisen, dass Dodos dicke Laufvögel waren, die ausgestorben sind. (Was hiermit erledigt wäre.) Dabei handelt es sich beim Zweitwerk dieses Duos aus San Francisco, CA um weitgehend Vogel-freien (haha), quicklebendigen, sehr rhythmischen … äh: Indie Folk.

4. Kathleen Edwards – Asking For Flowers
Anzeichen, dass man alt wird (Folge 981): In der Bahnhofsbuchhandlung vor „Musikexpress“ („Die 500 besten Gitarrenmomente der Rockgeschichte“) und „Rolling Stone“ (Barack Obama) stehen und dann aufgrund der sonst noch erwähnten Künstler (und der beigelegten CD) den „Rolling Stone“ kaufen. Kathleen Edwards ist eine 30-jährige Kanadierin, die aber weniger an Joni Mitchell erinnert und mehr an k.d. lang, Aimee Mann und Bruce Springsteen (vorausgesetzt, Bruce Springsteen wäre nicht der Inbegriff von Männlichkeit, natürlich). Einer der besten Songs ihres Debüt-Albums („Asking For Flowers“ ist ihr drittes Album) hieß „One More Song The Radio Won’t Like“ – ein Umstand, der bei diesen Liedern eigentlich kaum vorstellbar, aber vermutlich leider trotzdem wahr ist.

5. Conor Oberst – Conor Oberst
Mit dem letzten Bright-Eyes-Album „Cassadaga“ bin ich irgendwie nie so richtig warm geworden. Das macht aber nichts, denn Bright-Eyes-Mastermind Conor Oberst (ich muss die Schreibweise des Vornamens immer noch jedes Mal nachgucken) hat schon wieder ein neues Album fertig, das ein bisschen gefälliger klingt (die Stimme muss man freilich immer noch mögen) und auch mehr rockt. Und mit „Souled Out!!!“ wird er plötzlich sogar bei WDR 2 gespielt.

Songs
1. Fleet Foxes – White Winter Hymnal
Vergessen Sie kleine Spiegel unter der Nase und Puls am Handgelenk: wenn Sie jemandem die ersten dreißig Sekunden von „White Winter Hymnal“ vorspielen und er bekommt keine Gänsehaut, ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit tot. Sie sollten trotzdem noch einen Arzt zu Rate ziehen. Und dem können Sie dann das ganze Album (s.o.) vorspielen.

2. Hotel Lights – Amelia Bright
Es ist schon etwas seltsam, wenn man ein Lied schon seit sieben Jahren liebt und es dann zum ersten Mal offiziell hört. „Amelia Bright“ hat mich von Anfang an beeindruckt: die erhabene Melodie und der melancholische Text strahlen gemeinsam eine außerordentliche Schönheit aus. Einfach toll.

3. The Verve – Love Is Noise
Ich muss mal grad meinen imaginary friend fragen, ob ich eigentlich je großer The-Verve-Hörer war. „Na ja, ‚Urban Hymns‘ halt“, sagt der. Und: „eher so die Solosachen von Richard Ashcroft“. Ach so. Darf ich mich trotzdem freuen, dass die Band zurück ist und mit „Love Is Noise“ gleich mal einen absoluten Dampfhammersong rausgehauen hat? Gut. Das Album kickt mich leider (bisher) noch nicht so ganz, weswegen es auch an der obigen Top-5-Liste vorbeigeschrammt ist. Und jetzt verrate mir mal bitte einer, was das da für „Oh oh“-Geräusche im Hintergrund sind!

4. Primal Scream – Can’t Go Back
Primal-Scream-Fan war ich definitiv nie (zu jung), aber dieser Song ist schon ein ziemlicher Tanzboden-Stampfer. Hier wüsste ich gerne, was das für „Whoohohohohoo“-Geräusche sind.

5. Travis – Something Anything
Der Weezer-Song des Jahres kommt von … Travis! Was in die Schotten gefahren ist, die einst als „Schmuserocker“ verspottet wurden, weiß ich auch nicht. Rock’n’Roll vermutlich, denn es scheppert ganz ordentlich – und klingt trotzdem toll. Warum die neue deutsche Plattenfirma lieber einen anderen Song als Single veröffentlicht, ist allerdings noch sehr viel merkwürdiger als die neue (alte) musikalische Richtung der Band.

[Listenpanik – Die Serie]

10 Kommentare

  1. Jan
    7. September 2008, 11:57

    Den Moment, in dem Richard Ashcroft mit dem Ausruf „Ich mach die besseren Popsongs!“ Chris Martin würgt und dadurch dessen Stimme in die Kopfstimme umschlägt, haben Verve gesampelt und gleich in ihren Kampf-Ohrwurm eingebaut. :)

  2. Johannes
    7. September 2008, 16:29

    Erwirbst du dir denn diesen September das neue (großartige!) neue PeterLicht-Album „Melancholie und Gesellschaft“? Du scheinst nicht sonderlich viel deutsche Musik zu hören, aber jemand mit einem so großen Interesse an Musik wird Peters Musik sicher zu schätzen wissen. Auf jeden Fall mein Geheintipp im September.

    Übrigens, danke für deine Listen. Ich freue mich jeden Monat aufs Neue auf die Listen und höre mir meistens auch was von den Musikern an, die du da so auflistest. Das Jakob Dylan-Album hätte ich beispielsweise verpasst, wenn ich nicht hier davon gelesen hätte. ;-)

  3. Christian
    7. September 2008, 17:45

    die geräusche bei Love Is Noise sind wahrscheinlich Nick McCabe, der verzweifelt den Kopf gegen die Wand schlägt und sich fragt, was er hier eigentlich macht, wenn Ashcroft doch wieder nur genauso scheisse klingen will wie auf seinen Soloalben.

    ist mir ein sehr sehr großes Rätsel, wie man dieses Album, diese Songs gut finden kann.

  4. jaya
    7. September 2008, 18:09

    Das neue Primal Scream Album hat mich sehr enttäuscht. Das Traurige ist, dass es nicht an dem Sound liegt, sondern an der Tatsache, dass in JEDEM Song 20mal der Chorus vorkommt und keine Strophen. Das ist für mich wie Pizzaessen ohne Teig und Käse.

    – „Hey, ich habe eine Songidee.“
    – „Klingt gut.“
    – „Komm, lass uns die 16mal hintereinander spielen, dann sind die 3 Minuten voll.“
    – „Ja, und das verkaufen wir dann als Statement gegen normal strukturierte Popsongs. Genial!“
    – „Wie wärs wenn wir ein ganzes Album mit solchen Songs machen würden? Da wären wir ruckizucki fertig mit der Aufnahme und könnten uns endlich wieder unserer Lieblingsbeschäftigung, dem Topflappenhäkeln widmen.“
    – „Ja los, lass schnell machen. *seufz* Wie ich mein Wollgarn vermisse…“

    Man munkelt, dass es so oder so ähnlich damals bei Entstehung des Albums abgelaufen sein muss.

  5. Nummer 9
    8. September 2008, 11:13

    Was ich grade äußerst unheimlich finde… ich wechsle von hier zu Amazon und was empfiehlt mir der CD-Händler umde Ecke? Fleet Foxes…

    Naja, Hotel Lights gefällt aber ein Tick besser.

    Was sind eigentlich die Kriterien für die Liste? Erscheinungsdatum? Kaufdatum? Hördatum? Hätte eigentlich auch etwas mit Shock of the lightning gerechnet, was es schon zu hören, aber nicht zu kaufen gibt. Aber absolut großartig klingt.

  6. Lukas
    8. September 2008, 11:33

    Du scheinst nicht sonderlich viel deutsche Musik zu hören

    Och, es geht. Die neue Tomte werde ich sicher rauf und runter hören. Bei PeterLicht werde ich auch mal reinhören, auch wenn der September mit spannenden Veröffentlichungen voll wird.

    Was sind eigentlich die Kriterien für die Liste? Erscheinungsdatum? Kaufdatum? Hördatum?

    Bei den Alben gilt das Erscheinungsdatum (in der Regel das deutsche, bei Hotel Lights, die kein deutsches Label haben, das amerikanische). Bei den Songs eine Mischung aus allem.

    (Ich weiß, dass das mit den Monaten weitgehend willkürlich ist, weil es Monate gibt, in denen schwächere Alben in die Top 5 kommen, und solche, in denen selbst für gute dort kein Platz mehr ist, weil so viele Platten erschienen sind. Aber so zwingt mich wenigstens der Kalender jedes Mal dazu, eine neue Liste zu machen.)

  7. Corny
    8. September 2008, 12:37

    Wie immer eine Liste voll mit guter Musik, aber jetzt hätte ich doch mal eine Frage: Was hört Lukas wenn er mal richtig wütend ist? Um sich abzureagieren? Zum Beispiel wenn er mal wieder eine RP-Online Klickstrecke durchwalzt? Oder sorgt diese Hippie-Musik dafür, dass er sich wieder beruhigt und noch nicht vollkommen wahnsinnig geworden ist von all dem Schlechten in der Welt? Versteh mich nicht falsch, alles sehr schöne Alben/Songs, but they all sound almost the saaaame.

  8. Kunar
    26. Oktober 2008, 19:57

    Ich weiß, dass das mit den Monaten weitgehend willkürlich ist, weil es Monate gibt, in denen schwächere Alben in die Top 5 kommen, und solche, in denen selbst für gute dort kein Platz mehr ist, weil so viele Platten erschienen sind. Aber so zwingt mich wenigstens der Kalender jedes Mal dazu, eine neue Liste zu machen.

    Anders ist das auch kaum zu meistern. Wenn man sich nicht regelmäßig Termine setzt, macht man solche Listen nie fertig. Schon allein deswegen nicht, weil man – wie in dieser Serie oft genug erwähnt – seine Meinung einen Tag später wieder ändert und sich anders entscheidet. Wenn man gleichzeitig Statistikfanatiker ist und solche hornbyesken 5er-Listen liebt, muss man einen Tod eben sterben.

    Der beste Tipp, den ich in dieser Reihe bisher bekommen habe (und nicht kannte und nie drauf gekommen wäre), war „The Last Shadow Puppets – The Age Of The Understatement„: Zwei Pseudo-Beatles fahren auf Russenpanzern durch den Schnee. Ansonsten hat man die scheinbar exotische Kombination „Rock + russischer Chor“ schon konsequenter bei den Leningrad Cowboys gehört. Ich kenne sogar einen Künstler persönlich, der mit Punkrock und slawischer Folklore durch die Weltgeschichte (naja, Europa) tourt.

  9. Coffee And TV: » Frittierte Rock-Nostalgie
    26. November 2008, 1:16

    […] Rockerposen. Dann stimmten sie wieder ihren vierstimmigen Gesang an und zupften ihre großartigen Folksongs. Weder Musik noch Aussehen der Band deuteten auf das Jahr 2008 […]

  10. Coffee And TV: » Listenpanik: Songs 2008
    31. Dezember 2008, 18:29

    […] Fleet Foxes – White Winter Hymnal Ich wiederhole mich gerne, aber die ersten 30 Sekunden dieses Liedes zählen mit zum Besten, was es dieses Jahr […]