Skandale abblasen mit der „WAZ“

Von Lukas Heinser, 24. Juni 2008 11:02

Wir müssen nochmal auf die Ankündigung des Ryanair-Chefs Michael O’Leary zurückkommen, seine Airline werde bald Transatlantikflüge mit „beds and blowjobs“ anbieten. Das hatte ja zumindest die „WAZ“ am vergangenen Mittwoch berichtet.

Zum einen habe ich inzwischen den Hinweis erhalten, der Ausdruck sei zumindest im Irischen einigermaßen umgangssprachlich für „vollendeten Service“, was bedeuten würde, dass es sich bei der Ankündigung streng genommen noch nicht mal um einen „Witz“, sondern schlicht um ein kulturelles Missverständnis gehandelt hätte. Da man aber von deutschsprachigen Journalisten keine Tiefenkenntnisse in speziellerer irischer Umgangssprache erwarten kann, soll uns dieses Detail mal egal sein.

Zum anderen aber bleibt die „WAZ“ auch in ihrem Internetportal derwesten.de weiterhin bei ihrer Darstellung. Katharina Borchert, Chefredakteurin bei derwesten.de, hatte mir am vergangenen Donnerstag auf Anfrage mitgeteilt, es werde nach Rücksprache mit dem Autor einen Beitrag im Korrekturblog und einen entsprechenden Hinweis darauf unter dem eigentlichen Artikel geben, von beidem fehlt aber bisher jeder Spur.

Wolfgang Pott, der Autor des besagten Artikels, hat auf meine E-Mail vom Donnerstag bisher gar nicht nicht reagiert. Das muss er natürlich nicht, aber es wäre ja schon interessant gewesen zu erfahren, ob während der Pressekonferenz davon auszugehen war, dass Michael O’Leary seine Ankündigung ernst gemeint haben könnte; ob die „WAZ“ sich noch einmal bei Michael O’Leary oder anderen Ryanair-Verantwortlichen nach der Ernsthaftigkeit der Ankündigung erkundigt hatte, und ob die „WAZ“ den Scherz als solchen aufklären werde. (Letzteres lässt sich mithilfe des Onlineauftritts und der Zeitungen der letzten Tage natürlich auch ganz leicht selber mit „vermutlich nicht“ beantworten.)

Sogar bei Bild.de, wo die Geschichte am Donnerstag aufgegriffen hatte, hat man herausfinden können, dass O’Learys Ankündigung nicht ganz ernst gemeint war. Mehr noch: das Video, das Bild.de von der Pressekonferenz veröffentlicht, verweist einen weiteren Satz des „WAZ“-Artikels ins Reich der künstlerischen Freiheit.

Sogar die Pressesprecherin zu seiner Linken verschluckt sich beinahe, wollte sie doch gerade am Wasserglas nippen.

Von der lauen Anspielung mal ab: die Pressesprecherin neben Michael O’Leary will im Video weder „gerade am Wasserglas nippen“, noch „verschluckt“ sie sich „beinahe“ – sie lächelt vielmehr höflich, während ihr Chef seine Sprüche reißt.

Überhaupt, das Korrekturblog des Westens: Nähme man es ernst, hätte „Der Westen“ seit seinem Start im vergangenen Oktober ganze sechs Fehler gemacht – davon drei, die aufs Konto der Technik gehen.

2 Kommentare

  1. Coffee And TV: » Schönheit liegt in der Summe
    29. Juni 2008, 15:08

    […] Juni: Ich denke, jetzt können wir sicher sein: die lesen hier mit und reagieren – im Gegensatz zu derwesten.de – auch auf die […]

  2. Coffee And TV: » Der Westen hält an Sex-Angeboten fest
    1. August 2008, 12:02

    […] fragt man sich natürlich (zumindest tue ich das): Warum tut der Westen nicht, was seine Chefin angekündigt hat? Immerhin musste man ja damit rechnen, dass ich den Artikel im Auge behalte und hier wieder und […]