Here we are now, entertain us!

Von Lukas Heinser, 17. Mai 2007 19:46

„TV Total“ ist nicht mehr so gut, wie es früher einmal war. Das wissen wir spätestens seit Peer Schaders Artikel für die FAS (und, äh: die WAZ). In der Tat taucht fast nichts mehr von dem, was die Sendung früher ausmachte (und ihr ihren Namen gab) in den heutigen Shows auf.

Auf der anderen Seite gilt: Stefan Raab ist besser denn je. Beinahe unbemerkt hat er bei Pro 7 all die Posten besetzt, für die andere Sender eine halbe Fußballmannschaft, wenigstens aber Thomas Gottschalk, Harald Schmidt, Dieter Bohlen, Günther Jauch, Ralph Siegel und, äh: Axel Schulz brauchen. Er hatte als Musiker bisher acht Top-Ten-Hits, schickte drei Acts (darunter sich selbst) zum Schlager-Grand-Prix, erfand hernach aus Trotz über die erfolglosen Teilnahmen den Bundesvision Song Contest, ist Wok-Weltmeister und Grimme-Preis-Träger, sowie mehrfach wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte verurteilt worden. Zuletzt sorgte er für eine Renaissance der Samstagabendshow und wenn er demnächst seine Casting-Show „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“ startet, kann man sicher sein, dass auch dies ein Erfolg und eine wichtige Unterstützung des Musiknachwuchs sein wird.

In der letzten Zeit legt Raab bei „TV Total“ das Verhalten an den Tag, das bei Harald Schmidt zu beobachten war, als der noch von allen (und vor allem: zu Recht) gut gefunden wurde: Er wirkt immer mehr, als interessiere ihn die Sendung gar nicht mehr, und setzt dadurch neue Akzente. So verbrachte er vor einigen Monaten die Hälfte der Sendung auf einem Segway stehend und wie wild durchs Studio rollend – eine Aktion, für die Schmidt gleich drei Grimmepreise bekommen hätte.

Gestern zeigte Stefan Raab mal wieder eine neue Seite: Bei „TV Total“ war der Pianist Martin Stadtfeld zu Gast, mit dem sich Raab ein zunächst etwas zickig wirkendes, dann aber höchst unterhaltsames Gespräch lieferte. Je länger sich die Beiden unterhielten, desto offenkundiger wurde Raabs Faszination auch für die klassische Musik. Er warf mit Mozart und Bach um sich, schaffte es aber anfangs noch gekonnt, den Gast als Feingeist und sich selbst als albernen Halb-Intellektuellen zu inszenieren. Als er sein Publikum im Saal und vor den Fernsehgeräten dann vollends verloren hatte, war er aber mit so viel Freude dabei, dass ein weiterer angekündigter Gast schlichtweg auf seinen Auftritt verzichten musste. Stattdessen gab es – wohl erstmalig in der Geschichte von Pro 7 – Bach (Johann Sebastian, nicht Dirk oder Bodo) auf dem Konzertflügel.

Seit diesem Auftritt (der Stadtfelds aktuelle CD in den Amazon-Verkaufsrängen nach oben schießen ließ), frage ich mich, wie Raab wohl ohne sein Publikum wäre. Ohne den ewigen „Showpraktikanten“ Elton und ohne die pubertären Scherze, die die Zuschauer erwarten. Was zum Beispiel passierte, wenn man ihm eine Sendung bei 3Sat gäbe (Absurde Idee? Oliver Pocher wechselt zur ARD!).

Man kann von Stefan Raab halten, was man will, aber er ist wahrscheinlich einer der fünf wichtigsten Medienmenschen in Deutschland. Was er macht, zieht er mit einem mitunter beunruhigenden Ehrgeiz und Ernst durch. Und er schafft es heutzutage noch, medienwirksame „Skandale“ auszulösen, die nur indirekt etwas mit TalentshowJurys zu tun haben. Eigentlich könnte er „TV Total“ doch einfach ganz Elton überlassen …

3 Kommentare

  1. Tim
    18. Mai 2007, 2:42

    Hi Lukas,
    ich interpretiere deine Raab Beachtung ein bisschen apologetisch.
    Raab ist zwar kein Idiot, sondern originell und innovativ. Trotzdem lässt er Schleichwerbung in seinen Shows zu, er beleidigt völlig unwitzig Unschuldige, er versucht alles zu Geld zu machen.
    Er ist ein so perfektes Original.
    Hm. Benutze dieses Wort eigentlich nie, doch hier schon: ich verdächtige ihn des Hedonismus‘.
    Mein Englisch ist schlecht, aber ich glaub, ich hätte lieber einen Jon Stewart.

  2. Lukas
    18. Mai 2007, 3:02

    Der Weg von Raab zu Stewart ist ein weiter, der Unterschied zwischen beiden auch. :-)

    Es ging mir nur darum, mal ein etwas anderes Bild von Raab zu zeichnen, als dass des ewigen Viva-Clowns. Ich halte ihn (ohne ihn persönlich zu kennen) für einen ziemlich cleveren Geschäftsmann und einen Idealisten – eine Kombination, die eher selten ist.

  3. Sebastian
    18. Mai 2007, 20:13

    Vivaclown ist nicht schlimm. Tatsächlich hatte er ja da seine Zeit ohne Publikum und ohne Elton, und es war seine beste Zeit. Naja, aus Sicht eines 16-jährigen, würde aber haute gern mal wieder Vivasion sehen.