Nicht intelligent genug

Von Lukas Heinser, 13. Dezember 2009 23:29

Im Januar 2006 schrieb der „Musikexpress“ im Jahresrückblick auf 2005:

Jetzt haben sogar die Rolling Stones ein Lied über Ulf Poschardt geschrieben: „Sweet Neocon“. […] Die deutschen Neokonservativen verbergen sich hinter der „Initiative Neue Marktwirtschaft“, eine Agentur, die erfolgreich ihre Themen setzte. Zuletzt versuchten sie uns einzureden → „Du bist Deutschland“. Der Höhe- bzw. Tiefpunkt der neoliberalen Debatte war erreicht, als der Kulturwissenschaftler und angebliche ex-Linke Ulf Poschardt („DJ Culture“) vor den Wahlen allen Ernstes forderte: Westerwelle wählen gut, denn: FDP = mutig, radikal, wichtig und irgendwie auch: Pop. Ja, alles klar, gute Nacht.

Ein Jahr später war Poschardt Chefredakteur beim Launch der deutschen Ausgabe der „Vanity Fair“, die er nach nicht mal einem Jahr wieder verließ. Seitdem hatte ich erfrischend wenig von ihm gehört, aber er fungiert jetzt offenbar als Herausgeber von „Rolling Stone“, „Metal Hammer“ und – verdammte Ironie – „Musikexpress“.

Außerdem ist Poschardt stellvertretender Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, in der er heute umständlich über zwei Bücher schreibt, die vor zehn Jahren erschienen sind: „Tristesse Royale“ und „Generation Golf“.

Nach allerlei gesellschafts- und kulturgeschichtlicher Einordnung, an der einiges stimmen mag und einiges gewollt erscheint, schwingt sich Poschardt zu seiner Kernaussage auf:

Im neuen Kabinett sind Figuren wie Rösler, Röttgen, Guttenberg und Westerwelle Aktualisierung jenes kokett Adretten, das mit Stallgeruch so wenig anfangen kann wie mit Herrenwitzen. Die postheroische Eleganz ist bei den jüngeren Politikern mit einem Hauch Populismus versetzt, um das Zeitgenössische wählbar werden zu lassen.

Es macht keinen Spaß, sich durch Poschardts Text zu quälen, aber eigentlich muss man das ja auch nicht. Denn wie fragte Benjamin von Stuckrad-Barre in dem Buch, über das Poschardt schreibt?

Warum sind wir nicht intelligent genug, nicht so oft über Ulf Poschardt zu sprechen?

Law And Order

Von Lukas Heinser, 2. September 2008 20:00

Gestern sah ich auf meinem Schreibtisch aus einem Stapel Papier einen Kontoauszug herausragen. „Das ist ja auch nicht gut, wenn der hier so einzeln rumliegt“, dachte ich, stellte fest, dass die Papiere darüber und darunter (Laptop-Rechnung, Steuernummer) auch besser mal abgeheftet werden sollten, und stiefelte mit einem Stapel Zettel und einem Locher zum Regal mit den Aktenordnern.

Diese befanden sich unerreichbar hinter einer Wand aus davor gestapelten Zeitschriften. Als ich mich hinkniete, um die Zeitschriften beiseite zu schieben, sah ich, dass das knallrote Metallschränkchen, auf dem meine Kompaktanlage steht, mit einer Zentimeter dicken Staubschicht bedeckt war. In diesem Moment wusste ich, dass ich für den Rest des Tages gut beschäftigt sein würde.

Ich räumte das Metallschränkchen komplett leer, entstaubte es auch von innen und trennte mich von mehreren freundlichen Süßigkeitengeschenken vergangener Weihnachtsfeste. Ich entsorgte alten Hustensaft, nicht mehr klebende Briefumschläge und schichtete den kompletten Schrank um. Auch darunter sortierte ich alles neu, ehe ich mich meinem Bücher- und Zeitschriftenregal zuwandte.

Zwei Sammelboxen mit wahllosen Einzelausgaben von Deutschlands unnötigstem Musikmagazin wurden in den Papierkorb, der in diesem Fall eine übergroße Papiertüte war, geleert. Dann überlegte ich , ob ich eigentlich noch die ersten zehn Ausgaben der deutschen „Vanity Fair“, die ersten 30 Ausgaben „Galore“, sowie je mehrere Jahrgänge „Visions“, „Musikexpress“ und „Rolling Stone“ (deutsch) brauchte. Ich entschied mich für den Moment für „Ja“, weil ich zu faul war, noch öfter zum Papiercontainer zu gehen. Außerdem hatten die ja alle Geld gekostet.

Mehrere Keksdosen (ca. Weihnachten 2004 bis 2007) wurden zuerst vollständig entleert (in den Mülleimer) und dann in die Abstellkammer gebracht – für den Fall, dass ich in diesem Dezember Plätzchen backen will. Dann kam die Fensterbank dran, auf der seit gut zwei Jahren Andenken an meinen dreimonatigen USA-Aufenthalt lagerten. Für sie war gerade ein Platz im Metallschrank freigeworden. Anschließend verschwanden im Müll: mehrere Kataloge des Kölner „Music Stores“, mehrere Zeitungen deutschsprachiger Minderheiten in verschiedenen Ländern, über die ich meine B.A.-Arbeit vor anderthalb Jahren dann doch nicht geschrieben hatte, sowie etliche Zeitungsartikel, die ich mir mal ausgerissen, aber doch nie gelesen hatte. Palmwedel darf man ja nicht wegwerfen, soweit ich weiß.

Nach etwa drei Stunden war ich dabei, die vier Jahre alte Standleuchte erstmalig auseinanderzubauen und von Insektenkadavern zu reinigen. Dann wischte ich meinen Schreibtisch, meinen Nachttisch und die Oberseite meiner CD-Regale – nicht, ohne das Staubtuch jeweils zwischendurch gründlich auszuwaschen. Normalerweise putze ich so gründlich nur kurz vor meinem Geburtstag, wenn sich Gäste angekündigt haben.

Und das war ja auch das Bizarre an meiner Reinigungsaktion: es gab keinen Grund dafür. Ich hatte nicht einmal irgendetwas wichtiges zu tun, was eine Prokrastination gerechtfertigt hätte. Es war eben nur dringend nötig gewesen.

Nach viereinhalb Stunden war der Teppichboden, jede Ecke und die Wand hinter dem Heizkörper gründlich abgesaugt. Ich betrachtete stolz mein Werk und war mit mir und der Welt zufrieden. Da fiel mein Blick auf den Kontoauszug, der einsam auf einem ordentlichen Schreibtisch lag.

Improve Your Importance!

Von Lukas Heinser, 29. August 2008 16:31

Das People-Magazin „Vanity Fair“ (also dessen tragischer deutscher Ableger) unternimmt zur Zeit mal wieder einen Versuch, Relevanz zu generieren. Diesmal nicht mit der beliebten Serie „Friedman und die Nazis“, sondern mit einer großen Abstimmung:

Die 100 wichtigsten Deutschen: Stimmen Sie ab!  Sie geben unserem Land Profil, ziehen an den Strippen, sorgen für Kultur, Fortschritt und kontroverse Debatten: 100 Persönlichkeiten, die unsere Gegenwart prägen. Wählen Sie mit uns die wichtigsten Deutschen des Jahres! Unterschätzt oder überschätzt? Starten Sie die Top 100 und klicken Sie auf den entsprechenden Button. Jede Stimme zählt. Ihr Favorit ist nicht dabei? In unserem Forum können Sie ihn gerne nachnommieren. Klicken Sie hier, um sich für das Forum anzumelden.

Man wundert sich ein bisschen, wer es so alles in die (aktuelle) Liste geschafft hat – über manche Personen ärgert man sich, bei anderen hält man es für verdient und muss zugeben, dass man sie selbst vergessen hätte.

Besonders angetan hat es den Machern und Nachreichern der Liste offenbar die Führungsetage von „Spiegel Online“ bzw. „Spielgel Online“:

65: Wolfgang Büchner - Geschäftsführer Spielgel Online

66: Rüdiger Ditz - Geschäftsführer Spiegel Online

91: Rüdiger Dietz

(Der Mann, der sich zwei Mal mit unterschiedlicher Schreibweise, aber gleichem Foto in der Liste findet, heißt korrekt übrigens Rüdiger Ditz.)

Vorne werden die Plätze natürlich vor allem von mobilisierten Fanclubs vergeben (es gibt keine IP-Sperre, jeder kann so oft abstimmen, wie er mag): Hape Kerkeling, Tokio Hotel, Angela Merkel, Bushido, Benedikt XVI., Helmut Schmidt, Sido, …

Da stefan-niggemeier-fans.de.vu vermutlich noch einige Zeit auf sich warten lassen wird, dachte ich mir, ich könnte ja ersatzweise mal hier im Blog Stimmung für meinen Chef machen – gerade, wo sich die Verantwortlichen von vanityfair.de die Mühe gemacht haben, mal ein anderes Foto von ihm zu finden.

Also: Klicket zuhauf!

PS: Sie tun vanityfair.de damit auch noch was Gutes, denn jeder Klick gilt als page impression und treibt damit deren Anzeigenpreise in die Höhe.

Nachtrag, 30. August, 02:04 Uhr: Zum Thema Ditz/Dietz schickte David M. diesen schönen Screenshot:

Außerdem:

1: Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Blogger

Nachtrag, 2. September: vanityfair.de hat auf die denkbar unsouveränste Weise reagiert und den Counter für Stefan Niggemeier (und offensichtlich nur für ihn) einfach zurückgesetzt.

Unabhängig davon bin ich der Meinung, dass diese peinliche Abstimmung inzwischen genug Aufmerksamkeit abbekommen hat, und möchte Sie deshalb bitten, mit vanityfair.de das zu tun, was man mit vanityfair.de am Besten tut, und den Quatsch fürdahin einfach zu ignorieren.

Ein schöner Rücken kann auch ein Skandal sein

Von Lukas Heinser, 29. April 2008 16:58

„Sag mir, wer Miley Cyrus ist!“, gehörte bis vorgestern nicht zu den Fragen, die ich sofort hätte beantworten können, wenn man mich um halb sechs morgens wachgeschüttelt hätte. Ich bin einfach zu alt, um „Hannah Montana“, die überaus erfolgreiche TV-Serie vom Disney Channel, je gesehen zu haben. Heute weiß ich natürlich, wer Miley Cyrus ist, und Sie alle werden es auch wissen: sie ist die Hauptperson des neuesten „Nacktskandals“ in den USA.

Was war diesmal geschehen? Annie Leibovitz, die vermutlich bekannteste und renommierteste lebende Fotografin der Welt, hatte die 15jährige Ms. Cyrus für „Vanity Fair“ fotografiert – „oben ohne“, wie die Agenturen vermelden, oder anatomisch korrekt: mit entblößtem Rücken. Das Foto dürfte maximal ausreichen, bei Männern Beschützerinstinkte zu wecken und dem Kind die eigene Jacke umzulegen, aber es entfachte einen „Skandal“, der zumindest in diesem Monat seinesgleichen sucht.

Denn kaum war das Foto im Werbespot für die Juni-Ausgabe von „Vanity Fair“ über die amerikanischen Bildschirme geflimmert, empörten sich die ersten Eltern in Internetforen und Blogs:

It’s time that parents really start thinking seriously about the Sexualization of Children, and how marketers are targeting very young children, causing young girls and boys to grow up way too fast. The only way marketers are going to be forced to stop sexualizing children is when parents finally stand up and say, “We’re not going to take it anymore!”, and boycott stores that market this sort of smut to kids.

Für Disney, wo man mit Miley Cyrus/Hannah Montana unfassbar viel Geld verdient, war schnell klar, dass man reagieren musste. Man entschied sich deshalb zum Angriff auf „Vanity Fair“ und Annie Leibovitz:

A Disney spokeswoman, Patti McTeague, faulted Vanity Fair for the photo. “Unfortunately, as the article suggests, a situation was created to deliberately manipulate a 15-year-old in order to sell magazines,” she said.

[New York Times]

Und Miley Cyrus, deren Eltern1 beim Fotoshoot anwesend waren, fühlte sich plötzlich verraten und bereute alles:

“I took part in a photo shoot that was supposed to be ‘artistic’ and now, seeing the photographs and reading the story, I feel so embarrassed. I never intended for any of this to happen and I apologize to my fans who I care so deeply about.”

[ebenda]

Man hätte ahnen können, dass zumindest ein Teil der amerikanischen Elternschaft den Weltuntergang heraufziehen sieht, wenn ein Vorbild2 ihrer Kinder plötzlich mit rotbemaltem Mund und bloßem Rücken zu sehen ist. Insofern hat Jac Chebatoris nicht Unrecht, wenn er im Internetauftritt von „Newsweek“ schreibt:

But her parents attended and monitored the shoot. And Miley herself is by now well steeped in the maneuverings of celebrity. Witting or unwitting, she should have known better. And she plainly did not see the backlash coming until too late.

Schon letzte Woche hatte es einen mittelschweren „Skandal“ gegeben, als im Internet private Fotos auftauchten, auf denen Miley Cyrus ihren BH und ihren nackten Bauch zeigt. (Hinweis, 6. August 2008: Diese Behauptung ist offenbar völliger Unfug: In der „Huffington Post“ war von einem „Cyrus look-alike“ die Rede. Vielen Dank an Jen für den Hinweis.) Wie schon im vergangenen Jahr bei Vanessa Hudgens (Star des anderen großen Disney franchise „High School Musical“) taten sich alsbald zwei Lager auf: der Pietcong, der Image und Karriere sofort ruiniert sah, und das Blogger- und Kommentatorenpack, das angesichts von Teenagern, die auf privaten Fotos ihre Unterwäsche zeigen, sofort von Pornokarrieren zu sabbern beginnt.

Beide Seiten verkennen: In Zeiten von Digitalkameras sind Teenager, die sich und ihren Körper fotografieren, ungefähr so alltäglich wie Katzenbilder. Sind diese Teenager dann auch noch prominent, ist die Chance, dass die Bilder binnen Wochenfrist im Internet landen, immens hoch. Vermutlich wird man zukünftig keinen einzigen Teenie-Star finden, von dem es keine solchen Bilder gibt. Dieser Tatsache müssen Eltern genauso ins Auge blicken wie der Tatsache, dass ihre eigenen Kinder dem vermutlich in nichts nachstehen werden.3

Natürlich ist die ganze Geschichte von so immensem Nachrichtenwert, dass sie auch im deutschen Onlinejournalismus ausführlich gewürdigt werden muss. Und zwar in der Netzeitung, bei bild.de, stern.de, welt.de, n-tv.de, „Spiegel Online“ und im News-Ticker von sueddeutsche.de.

Und bevor Sie sich jetzt wieder über die „prüden Amis“ auslassen: der nächste „Naziskandal“ kommt bestimmt!

  1. Ihr Vater Billy Ray Cyrus ist als Countryrocker durchaus Showbiz-erfahren. []
  2. Und genau das dürfte dieses komische Miley/Hannah-Konstrukt für viele sein. []
  3. Gucken Sie jetzt bitte nicht auf dem Computer Ihres Kindes nach. []

Generation Blog

Von Lukas Heinser, 26. Januar 2008 15:51

Ich werde eher selten zur Teilnahme an Podiumsdiskussionen geladen, weswegen ich diese ermüdenden Anti-Blog-Diskussionen, von denen man bei renommierteren Bloggern immer wieder liest, noch nie aus der Nähe erlebt habe. Das änderte sich aber am Donnerstag, als wir in einem Literaturseminar auf das „Vanity Fair“-Blog von Rainald Goetz zu sprechen kamen.

Die meisten der etwa zehn Seminarteilnehmer kannten den Namen Rainald Goetz nicht1 und hatten noch nie ein Blog gelesen. Beides ist sicherlich verzeihlich, bei Germanistikstudenten Anfang Zwanzig aber vielleicht auch etwas unerwartet.

Da wir mit der Interpretation des Goetz’schen Werkes nicht so recht aus dem Quark kamen, driftete die Diskussion in grundsätzlichere Gefilde. Einem Kommilitonen2 missfiel diese ganze „Selbstdarstellung“ in Form von StudiVZ, Blogs und Videos, und eine Kommilitonin, die zuvor geäußert hatte, außer Auslandstagebüchern von Freunden noch nie ein Blog gesehen zu haben, echauffierte3 sich in harschem Ton über die mindere Qualität und die allerorten anzutreffende Selbstdarstellung, die sie „peinlich“ finde.

Nun gehöre ich nicht zu den Vertretern jener Zunft, die im Internet die Heilsbringung für alles und jeden sehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch in fünfzig Jahren noch Menschen geben wird, die das Internet überhaupt nicht nutzen. Es gibt ja auch heutzutage Leute, die weder Telefon noch Fernseher besitzen, und von Eugen Drewermann liest man immer wieder, dass er noch nicht einmal einen Kühlschrank in seiner Wohnung habe. Etwas erstaunt bin ich aber, wenn Menschen in meinem Alter, die mitten im Leben stehen4, moderne Medien und Phänomene rundherum ablehnen, und halbwegs sauer werde ich, wenn sie dies ohne vorherige Inaugenscheinnahme tun.

Ich kippelte mit meinem Stuhl nach hinten, breitete die Arme aus und lächelte. „Natürlich gibt es viel Schrott im Internet, aber den hat man in der traditionellen Literatur oder wo auch immer ja auch. Ich finde es gerade spannend, dass man sich selbst ein bisschen umsehen muss, um gute Sachen zu finden. Aber es gibt eben jede Menge gute und spannende Sachen im Netz.“

So ganz wusste die junge Frau wohl nicht, was in Blogs überhaupt so drinstehen kann. Oder Goetz hatte sie auf die falsche Fährte gelockt: Sie erzählte jedenfalls, in ihrem Bekanntenkreis gebe es Dutzende Leute, die immer schon erzählt hätten, sie würden gerne mal ein Buch schreiben. Getan habe das zum Glück noch keiner. Aber jetzt könnten alle mit ihrer minderen Qualität das Internet vollschreiben.

Mit der gleichen Begründung, so entgegnete ich, könne sie ja auch Konzerte von Nachwuchsbands in Jugendzentren verdammen, weil die oft auch nicht so doll seien. „Das ist doch das spannende, dass heute endlich die Versprechungen der Pop Art und fast aller wichtigen Medientheorien des 20. Jahrhunderts eingelöst werden“, geriet ich etwas zu heftig in Fahrt. „Warhols 15 Minuten Ruhm, ‚Jeder ist ein Künstler‘, ‚the medium is the message‘: jeder kann sich einbringen!“ Ich dachte: „Jetzt hassen sie mich alle. Namedropping, Angeberei und Pathos. Das kann in einer Universität nicht gut gehen.“ Dann fügte ich hinzu: „Ich finde, dass jede Form von Kunst, die irgendjemandem was bedeutet – und sei es nur dem Künstler selbst – ihre Berechtigung hat.“5

Meine Gegenüberin äußerte nun die Vermutung, wir hätten offensichtlich recht unterschiedliche Kunstbegriffe. Leider befanden wir uns zeitlich schon in der Verlängerung, so dass wir uns nicht mehr wirklich hochschaukeln konnten. Aber ich fühlte mich schon etwas knüwer als sonst.

  1. Sie hörten sogar von der berühmten Stirn-aufschlitz-Geschichte zum ersten Mal, fanden sie aber gleich doof. []
  2. „Kommilitone“ gehört zu den Begriffen, die ich nur schreiben kann, wenn ich an einem Computer mit automatischer Rechtschreibüberprüfung sitze. Weitere Beispiele: Atmosphäre, Feuilleton, Kommissar, aufpfropfen. []
  3. Ha, noch so ein Wort! []
  4. Gut: Einige von ihnen wollen vielleicht Lehrer werden … []
  5. Das ist übrigens eine Einstellung, die ich regelmäßig verwerfen will, wenn ich das Radio einschalte und mit Maroon 5 oder Revolverheld gequält werde. []

Spasam

Von Lukas Heinser, 20. Januar 2008 14:48

Was läuft da eigentlich im Online-Angebot der deutschen „Vanity Fair“ schief? Also, von den üblichen Problemen mal ab.

Spaveranstaltung
(Die Startseite von vanityfair.de im Firefox)

vf02.gif
(Die gleiche Seite im Internet Explorer)

Posh The Button

Von Lukas Heinser, 12. Januar 2008 2:30

Die ersten zehn Tage des Januars waren die großen Macher und Entscheider wohl noch im Weihnachtsurlaub, am elften kehrten sie an ihre Schreibtische zurück und machten und entschieden: Jürgen Klinsmann wird Trainer beim FC Bayern München, Jens Lehmann nicht Torwart bei Borussia Dortmund, Burda stellt seine Zeitschrift „Max“ ein und Ulf Poschardt verlässt „Vanity Fair“. Die erste Ausgabe in der preiswerteren Rückendrahtheftung war damit wohl die letzte, die „Posh“ mit einem seiner einzigartigen Editoriale („prägnant, unverhohlen, unangepasst“, so ein Leserbriefschreiber) eröffnen durfte. Und so musste ich mir trotz anders lautender Vorsätze doch noch mal ein Heft kaufen.1

Ulf Poschardt: Ein verschenktes JahrAls die deutsche Ausgabe des renommierten People-Magazins im letzten Februar mit großem Tamtam anlief, wurde die Startauflage von angeblich 500.000 Exemplaren fast ausschließlich von Medienjournalisten aufgekauft. Wie es danach mit den Verkaufszahlen aussah, wusste man längere Zeit nicht. Als es dann überraschend doch noch Zahlen gab, lagen die mit 172.000 verkauften Exemplaren im 3. Quartal 2007 (s. die IVW-Auflagenliste, S. 170) deutlich höher, als die meisten Beobachter erwartet hätten. So ganz ernst genommen wurden die Zeitschrift und ihr Chefredakteur nie, dafür hatte man sich im Vorfeld („das Magazin für Mover und Shaker“, die komplett weiße Inneneinrichtung der Redaktion) zu peinlich verhalten. Und auch Aktionen wie das Interview von Michel Friedman (der für „Vanity Fair“ einige interessante Reportagen geschrieben hat) mit Horst Mahler unter der Überschrift „So spricht man mit Nazis“ brachte dem Blatt eher Spott und Kritik als journalistisches Renommee ein und die ständige Kampfpreis-Verramschung für einen Euro gab dem Leser auch nicht gerade das Gefühl, ein hochwertiges Produkt in der Hand zu haben. Egal, ob gerade Lindsay Lohan, George Clooney, der Papst, Angela Merkel oder Knut auf dem Titelbild waren: „Vanity Fair“ hat es nicht mal ins Wartezimmer meines Friseurs geschafft.

Auf Zugfahrten habe ich „Vanity Fair“ trotzdem hin und wieder gerne gelesen durchgeblättert – auch weil man, wie Daniel Fiene richtig bemerkt, kaum sonst so viel Heft für so wenig Geld bekam. Aber irgendwann nervte mich die permanente Nichtigkeit des Blattes und ich konnte das wirtschaftsliberale, neokonservative Geschwurbel in den Editorials von Ulf „die FDP wählen ist Punk“ Poschardt nicht mehr sehen:

In Deutschland war es ein verschenktes Jahr. Politisch eines der Idiotie. Sein Triumphator hieß Oskar Lafontaine. Mit der Gründung der Linken und ihrem schnellen politischen Erfolg auch in Westdeutschland hat er die Agenda des Jahres bestimmt. Anstatt über die Zukunft zu sprechen, über die Chancen der Globalisierung und die Herausforderungen der Wissensgesellschaft, diskutierte das Land abwechselnd über Fragen des 19. Jahrhunderts oder der 70er-Jahre. Das Land führte selbstbetrunken einen inneren Monolog über Gerechtigkeit und Gleichheit. Und das so, als wäre der angelsächsische „Raubtierkapitalismus“ über die Deutschen wie eine Seuche hereingebrochen.

Nun ist Poschardt nicht mal ein Jahr nach dem Start freiwillig gegangen (oder er wurde es gar). Ironischerweise findet sich in seiner letzten Ausgabe ein Interview mit Matthias Matussek, ebenfalls frisch geschasster Kulturchef des „Spiegels“. Die beiden reden über die Vorteile des Katholizismus. Es ist ein Witz. Und Poschardt reicht damit seine Bewerbung für die Nachfolge Stefan Austs ein.

  1. Dass auf dem Cover „Exklusiv: Natalie Portman über ihre ersten Nacktszenen“ stand, hat mit meiner Kaufentscheidung nichts zu tun. []

Si tacuisses …

Von Lukas Heinser, 6. November 2007 22:39

The Pete ist seit Wochen und Monaten drogenfrei. Wenn der mal heute nicht rückfällig wird …

Das schrieb ich am Donnerstag in den Kommentaren meines EMA-Liveblogs.

Heute schreiben die diversen Internetseiten unter Berufung auf das britische Schundblatt „The Sun“, Pete sei am Freitag rückfällig geworden und habe sich Heroin gespritzt. Jetzt fühle ich mich irgendwie schlecht …

Bedeutend schlechter sollten sich allerdings die Heuchler der „Sun“ fühlen. Die druckten in ihrer heutigen Ausgabe Bilder aus einem Video, das angeblich Doherty beim Heroinschießen am Freitag zeigen soll, und begründeten das wie folgt:

The Sun is well aware of the sickening nature of the images — and prints them only to show Doherty is not cured and is a terrible role model.

Noch ein Anstreicher

Von Oliver Ding, 5. November 2007 21:54

Es ist ja keine neue Erkenntnis, dass der klägliche Versuch, der deutschen Ausgabe von „Vanity Fair, eine Existenzberechtigung jenseits der Rätselseite zu verpassen, mindestens mittelfristig zum Scheitern verurteilt ist. Diesen Nullstellen-Journalismus im Hinterkopf war die Meldung, dass mit Horst Mahler der einzige Mensch, der krude genug im Hirn ist, sowohl in der RAF als auch in der NPD gewesen zu sein, seinen Denkmist ausgerechnet dort in einem Interview ausbreiten durfte, für einiges Entsetzen gut.

Nun hat man sich mit Michel Friedmann einen externen Mitarbeiter für dieses Gespräch geangelt, der das von vorneherein zum Scheitern verurteilte Unterfangen (man denke an das hilflose Desaster, als Ralph Giordano und Michael Glos in der n-tv-Sendung Talk in Berlin Jörg Haider demaskieren wollten) recht bravourös nach Hause bringt. Dieses eine Mal nämlich darf, nein, muss Friedmann so angenehm überheblich agieren. Denn die Zweifel daran, daß Mahler ziemlich schattig im Schädel ist, schwinden dank Friedmanns gespielter Naivität, die Mahler zu immer neuem Dünnsinn provoziert, immer weiter. Aber die Anmaßung, einzig Vanity Fair wisse, wie man mit Nazis zu sprechen habe, ist dann doch etwas zu viel mit dem Feuer gespielt. Es ist ja gar nicht lange her, daß eine in die Ecke gedrängte Zukurzdenkerin die Mitleidskarte ausspielen durfte.

Weniger Schaulaufen dürfte der Film „Roots Germania“ von Mo Asumang sein, die als Reaktion auf den Song einer Naziband, in dem ihr eine Kugel verpasst werden sollte, spontan das Gespräch mit den Flachbirnen suchte und ihnen beim Sichselbstentlarven half. Diese Nacht um 0:20 Uhr im ZDF. Angucken.

Thank God it’s fake!

Von Lukas Heinser, 17. Oktober 2007 14:24

Was passiert, wenn Grafiker die richtigen Drogen nehmen, zeigt das US-Magazin „Radar“ mit seinem aktuellen Titelbild:

“Radar”-Titelbild November 2007

Wie bei jeder Parodie gilt natürlich auch hier: Es hilft, das Original zu kennen …

[via The Filter]

Seite: 1 2 >>