Hitl, hitler, am hitlsten

Von Lukas Heinser, 23. Januar 2008 15:14

So, da hatte also DJ Tomekk, der zunächst wahnsinnig unsympathische, dann aber immer knuffiger werdende Dschungelcamp-Bewohner, vor zehn Tagen in einer australischen Hotelhalle den rechten Arm gehoben und die erste Strophe des Deutschlandlieds (die übrigens nicht „verboten“ ist, liebe Viva-Mitarbeiter) angestimmt. Gestern tauchte das Video dann urplötzlich auf und wurde von „Bild.de“ veröffentlicht. Dass man die Erstveröffentlichung des Videos mit dem Off-Kommentar „Dieses Skandalvideo schockiert Deutschland!“ versehen hatte, spricht entweder für eine Lücke im Raum-Zeit-Kontinuum oder für das Selbstverständnis von „Bild“.

Und „Bild“ sollte recht behalten: Schon im eigenen Artikel hatte man die gut geölte Empörungsmaschinerie in Gang gebracht. Gut möglich, dass Dieter Graumann, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, weder wusste, wer DJ Tomekk war, noch das Video gesehen hatte, als „Bild“ ihn anrief und um einen Kommentar bat. Aber „Wer Hitler feiert, muss geächtet werden“, kann man ja immer sagen.

Nun, es mag sicher einigermaßen geschmacklos sein, als Deutscher im Ausland den Hitler-Gruß zu zeigen, aber … Moment, „Deutscher“? Tomekk wurde als Tomasz Kuklicz in Krakau geboren, sein Mutter ist Polin, sein Vater Marokkaner – für Roland Koch und erst recht für Neonazis macht ihn das wohl zu einem „Ausländer“. Deswegen sind Überschriften wie „Nazi-Skandal im Dschungel-Camp“ gleich doppelter Unfug.

Der „Skandal“ findet nämlich außerhalb des Camps statt, in lautstark empörten Medien, deren Leser und Zuschauer bis vor zwei Wochen nicht mal wussten, dass es einen DJ namens Tomekk geben könnte. Als wären die deutschen Medienkonsumenten zu doof, Geschmacklosigkeiten selbst zu erkennen, wird ihnen von möglichst vielen Fachleuten für Entrüstung erklärt, warum dieses oder jenes „nicht geht“. Über kurz oder lang kann das allerdings dazu führen, dass die Leute irgendwann eben nicht mehr selbständig wissen, was „schlimm“ ist.

Jan Feddersen hat bei taz.de einen sehr interessanten Artikel veröffentlicht, dem ich nicht in allen Punkten zustimmen würde, der aber die Lektüre dennoch lohnt:

In Deutschland geht Nazi gar nicht. Niemals und auf ewig nicht. Ist schlimm. Politisch, ästhetisch, kulturell, unterschichtstrashig. Jeder muss wissen, dass jede semiotische Andeutung mindestens fünf Tanklaster Tränen der Empörung und der Wut und des Abscheus provoziert. Solidaritätserklärungen von Zentralräten, Gewerkschaftskreisen, Zirkeln der Opfer und Vereinen der Auchbetroffenheit in allgemeiner Hinsicht.

Klar, dass das den Lesern sauer aufstößt:

Gerade in der Taz ein Plädoyer für solche völlig unangebrachten „Scherze“ zu finden, irritiert mich gerade ziemlich.

Oder:

Ich wusste gar nicht, dass die TAZ das Bildungsfernsehen RTL und ihre trashige-debile Dschungelsenung anschaut!

Und damit wird vielleicht auch die Marschrichtung Intention der ganzen Kampagne angesprochen: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ ist ja eh „Unterschichtenfernsehen“. Wenn ein dort mitmachender HipHop-Proll (HipHop ist ja eh böse, s. Bushido) also zum Nazi taugt, kann sich das Bürgertum entspannt zurücklehnen und gleich drei Sachen auf einmal scheiße finden. Das ist einfacher, als sich mit den echten Neonazis vor der eigenen Haustür zu beschäftigen.

Die wirklich spannende Frage, die Feddersens Artikel aufwirft, ist die, warum man in Deutschland eigentlich immer noch keine Witze über Nazis machen soll:

DJ Tomekk mag uns der Beweis sein: 75 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland darf über den Führer, darf über Goebbels, Hitler, über all das Nazig’schwurbel gelacht und gelästert werden.

Ich bin mir nicht ganz sicher, welche „Witze“ man über Nazis machen sollte und welche nicht. Aber werden Verbrechen der Nationalsozialisten etwa „weniger schlimm“, wenn man sich über die Anführer von damals lustig macht? Fast scheint es, als würden diese Arschlöcher heute ernster genommen als je im „Dritten Reich“.

Weiterführende Links
DJ Tomekks Reaktion und Entschuldigung im Wortlaut
Das Hitler-Blog der taz zum Thema

Licht aus, Spott an

Von Lukas Heinser, 16. November 2007 13:04

Wie kann man heutzutage in Deutschland eigentlich noch wirklich provozieren? In Zeiten, in denen schon jeder und alles mit irgendwelchen Nazi-Sachen verglichen wurde, muss man sich was neues einfallen lassen: den Kohl-Vergleich.

Erfunden hat ihn Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse in der „Leipziger Volkszeitung“. Zumindest zitiert diese ihn wie folgt:

Müntefering geht, weil ihm Privates in einer entscheidenden Lebensphase wichtiger als alles andere ist. Ein Einschnitt?

Es ist eine unpolitische Entscheidung, dass Franz Müntefering seine Frau in der letzten Phase ihres Lebens direkt begleiten will. Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal. Ohne dass das vergleichbar wäre. Die Politik ist nicht das Allerwichtigste. Man sollte sich in solchen Phasen das Recht nehmen, auch einmal still zu halten. Es ist nicht so, dass man ein Schwächling ist, wenn man nicht immer sofort in diesen unmenschlichen Entscheidungsdruck verfällt.

Zitat: lvz-online.de

Zur Erinnerung: Hannelore Kohl, die Frau von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, litt schon während dessen Amtszeit an einer schweren Lichtallergie, die sie zuletzt dazu zwang, in einem völlig abgedunkelten Haus zu leben, und nahm sich im Juli 2001 das Leben (vgl. dazu auch dieses geschmackvolle „Spiegel“-Titelbild).

So, wie Thierse von der „Leipziger Volkszeitung“ zitiert wird, wäre das natürlich eine etwas unglückliche, vielleicht auch schlichtweg geschmacklose Äußerung. Thierse sah seine Ausführungen zunächst einmal als „falsch und verkürzt“ wiedergegeben und schrieb dem Altkanzler einen persönlichen Brief, in dem er bedauerte, dass „ein falscher Eindruck entstanden sei“. (Man beachte dabei den alten PR-Trick und bedauere nicht seine Äußerungen, sondern den Eindruck, der durch sie entstanden sein könnte.)

Unterdessen schrien Politiker aller Parteien schon Zeter und Mordio und versuchten, die Nummer zu einem Riesenskandal hochzujubeln, in dessen Windschatten die heutige Diätenerhöhung medial untergehen könnte.

Wer verstehen will, wie Politik und Medien heutzutage funktionieren, muss nur diesen Artikel bei n-tv.de lesen:

„Die Äußerungen von Herrn Thierse sind für mich menschlich zutiefst unverständlich. Sie grenzen für mich an Niedertracht“, sagte Merkel der „Bild“.

[…]

Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) sprach von einem „Tiefpunkt im Umgang“ unter Kollegen. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer sagte, ein Bedauern reiche „hinten und vorne nicht“. „Das ist des Deutschen Bundestags nicht würdig. FDP-Chef Guido Westerwelle hat recht, wenn er sagt, er kann sich durch einen solchen Vizepräsidenten nicht repräsentiert fühlen.“ Westerwelle sprach im „Kölner Stadt-Anzeiger“ von „unterirdischen“ Äußerungen.

Sie sehen schon: Die reden alle übereinander und mit der Presse, aber in keinem Fall miteinander – und das Volk sitzt daneben wie das Kind geschiedener Eltern, die nur noch über ihre Anwälte miteinander kommunizieren.

Im „Bild“-Artikel kommen noch ein paar weitere Hochkaräter zu Wort:

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) empört: „Schäbig und geschmacklos!“ Junge-Union-Chef Philipp Mißfelder: „Parteichef Kurt Beck muss Thierse sofort zur Ordnung rufen.“

Und weil die Luft langsam dünn wurde, schaltete Thierse einen Gang höher und entschuldigte sich heute morgen per Brief „in aller Form“ bei Helmut Kohl. Richtiger noch: Er bat um Entschuldigung, was ja heutzutage auch eine sprachliche Seltenheit ist.

Wie reagiert eigentlich Kohl auf den Brief seines alten Freundes und das ganze Theater drum herum? Mit der ihm üblichen staatsmännischen Größe und Gelassenheit:

„Ich nehme diese Entschuldigung an. Zum Vorgang selbst will ich sonst nichts sagen.“

Ich weiß schon, warum der Mann auf ewig „mein“ Kanzler bleiben wird.

Nachtrag 17. November: Gerade erst festgestellt, dass diese erste öffentliche Erwähnung des Namens Helmut Kohl seit Monaten zufälligerweise mit der Präsentation des dritten Bands von Kohls Autobiografie zusammenfiel …

Größter Nazi-Vergleich aller Zeiten

Von Lukas Heinser, 9. November 2007 12:57

Es ist alles hergerichtet: Es ist der 9. November, im Bundestag sprechen sie über Autobahnen, nachher wird die Regierungskoalition das Grundgesetz verraten und was macht Wolfgang Schäuble?

Was macht Wolfgang Schäuble?

Innenminister Schäuble provozierte mal wieder, diesmal mit einem Hitler-Vergleich. „Wir hatten den ‚größten Feldherrn aller Zeiten‘, den GröFaZ, und jetzt kommt die größte Verfassungsbeschwerde aller Zeiten“, assoziierte er am Mittwochabend vor Journalisten und Richtern in Karlsruhe.

[taz, via Indiskretion Ehrensache]

Was soll man da noch sagen?

Vielleicht „Schäuble, zurücktreten!“ rufen. Oder direkt auswandern.

Grün+Roth=Braun?

Von Lukas Heinser, 21. Oktober 2007 17:07

Herzlich willkommen zurück bei „Der lustige Nazi-Vergleich“.

Unsere Gäste heute: In der rechten Ecke … Bischof Walter „Reimt sich auf … Falter“ Mixa, in der anderen rechten Ecke … Grünen-Chefin Claudia Roth.

Und das kam so: Der Augsburger Bischof sprach am 2. Oktober beim Diözesankomitee in Regensburg und sagte unter anderem Folgendes:

Hinter einer familienfreundlichen Propaganda, bei der von Wahlfreiheit und Kindeswohl die Rede ist, verbirgt sich in Wirklichkeit ein staatliches Umerziehungsprogramm für Frauen und Mütter, mit dem junge Frauen in erster Priorität auf externe Erwerbstätigkeit und Berufskarriere statt auf Familienarbeit und ihre Berufung als Mutter eingestellt werden sollen.

*RINGELINGELING!*

Er hat „Umerziehung“ gesagt, er hat „Umerziehung“ gesagt! Das ist bestimmt wieder so ein Nazi-Begriff!

Oh, ist es nicht.

Aber Claudia Roth wäre nicht Claudia Roth, wenn ihr nicht spontan doch noch etwas dazu eingefallen wäre:

Wenn Mixa mit Blick auf die dringend nötige Verbesserung des Krippenangebots von einem ,Umerziehungsprogramm’ redet, dann spielt er mit der sprachlichen Nähe zu Verbrechen von Gulag bis Pol Pot. Er verhöhnt Menschen, die Opfer von schlimmen Untaten wurden und diskreditiert das Engagement für bessere Kinderbetreuung auf absolut unerträgliche Weise.

Die Russen! Kambodscha! Mal eine völlig neue Richtung.

Was kommt wohl als nächstes?

Nun, zunächst einmal kam zwei Wochen lang gar nichts. Dann sprach Claudia Roth gestern beim bayrischen Landesparteitag der Grünen und die Medien kolportieren wie folgt:

Bischof Walter Mixa sei ein „durchgeknallter, spalterischer Oberfundi aus Augsburg“, sagte die Bundesvorsitzende der Grünen.

(Quelle: sueddeutsche.de)

Sie hat tatsächlich „Spalter!“ gesagt. Höre ich ein „Jehova!“?

Foul in Augsburg:

Ein Sprecher des Bischofs erwiderte, diese Wortwahl Roths erinnere „in erschreckender Weise an die Propaganda-Hetze der Nationalsozialisten gegen die Katholische Kirche und ihre Repräsentanten“.

Und gleich noch mehr:

Der Öffentlichkeitsreferent der Diözese Augsburg, Dirk Hermann Voß, hatte zuvor gesagt, er erkenne in den persönlichen Attacken Roths gegen Vertreter der Kirche und in ihrem Versuch, sich selbst zur „Zensurbehörde“ der gesellschaftspolitischen Diskussion in Deutschland zu machen, „seit langem schon beunruhigende faschistoide Züge“. Die Grünen seien damit „auf allen Ebenen für Christen nicht wählbar“.

Oha, da wurd’s aber schnell allgemein: „für Christen nicht wählbar“. Und nu? Alle Grünen-Wähler kommen in die Hölle? Exkommunikation für Grünen-Wähler? Und was sagen die anderen christlichen Vereine dazu, dass der Öffentlichkeitsreferent der Diözese Augsburg gleich für ihre Leute mitspricht?

Leute, mal im Ernst: Geht’s nicht ’ne Nummer kleiner? Ihr seid nicht das Usenet oder die Blogosphäre, Ihr seid Politiker und Kirchenleute. Ihr müsst nicht sofort mit völliger rhetorischer Ohnmacht reagieren, wenn jemand mal anderer Meinung ist als ihr – was ziemlich genau immer der Fall sein dürfte. Ihr redet über Familienpolitik und benehmt Euch so, wie sich Dreijährige im Sandkasten benehmen würden.

Dabei kann ich nur wenig Unterschiede feststellen zwischen

Roth forderte in ihrer Rede beim bayerischen Grünen-Landesparteitag in Deggendorf, Familien bräuchten endlich eine echte Wahlfreiheit, ob sie ihre Kinder selbst beaufsichtigen wollten oder sie in Kinderkrippen zur Betreuung geben.

und

Stattdessen müsse staatliche Familienpolitik die Entscheidung von Eltern, ihre Kinder selbst zu erziehen und nicht in staatliche Betreuungseinrichtungen zu geben, in gleicher Weise fördern wie den Ausbau von Krippenplätzen, fordert der Bischof.

Die wollen doch beide das Gleiche, oder nicht?

Im Stechschritt in den Fettnapf

Von Lukas Heinser, 11. Oktober 2007 3:49

Ich wollte nichts mehr über Eva Herman schreiben, wirklich nicht. Die Frau war für mich unter DBDDHKPUAKKU1 einsortiert und ich wollte zum Tagesgeschäft übergehen. Doch dann stolperte ich bei den Osthessen News über einen Tonmitschnitt ihrer Rede beim Forum Deutscher Katholiken, die ja auch schon für etwas Wirbel gesorgt hatte.

Um nicht als böswillig, sinnentstellend und gleichgeschaltet zu gelten, habe ich mir mit den Zähnen in der Tischplatte die ganze Rede angehört. Danach wusste ich zumindest, warum sie bei Kerner nicht auf die Argumente der anderen Gesprächspartner einzugehen vermochte: Sie wollte gerade ihre Rede vom Wochenende auswendig aufsagen und war nicht auf Improvisationen eingestellt.

Aus der Rede wird eines deutlich, noch deutlicher als aus ihrem Auftritt bei Kerner: Eva Herman wird nie als große Rhetorikerin in die Geschichte eingehen. Da beschwert sie sich erst, ein Halbsatz von ihr sei falsch und sinnentstellend zitiert worden und sie würde ja eh immer schnell in die rechte Ecke gerückt, und dann sagt sie allen Ernstes Sätze wie diese:

„Wir marschieren im Stechschritt durch einen anstrengenden Alltag voller Widersprüche. Wir sehnen uns verzweifelt nach Geborgenheit, Heim und Familie, und kämpfen täglich unser einsames Gefecht in der männlich geprägten Arbeitswelt.“

„Marschieren“! „Im Stechschritt“! „Einsames Gefecht“! Wer auch immer der Frau seinen Metaphern-Duden geliehen hat: Er sollte ihn schnellstens zurückfordern.

Keine zwei Minuten später:

„Sofern jemand das Wort erhebt und sich für diese Werte einsetzt, wird er bombardiert, es wird Nazilob in ihn projeziert und gleichzeitig wird er als Sympathisant dieser Ideologie öffentlich verurteilt.“

Er wird „bombadiert“? Ja hallo, geht’s denn noch? Muss sich eine Frau, der die braune Kacke nur so am Schuh klebt, denn auch noch hinstellen und aus dem riesigen Strauß sprachlicher Bilder ausgerechnet diejenigen herauspicken, auf denen „Explosive devices, do not touch“ steht?

Alice Schwarzer bezeichnet sie als „Chef-Feministin“, die mitverantwortlich sei für eine der „beispiellosesten Abtreibungskampagnen auf dieser Erde“ und man freut sich, dass man sich an dem Superlativ der Beispiellosigkeit festbeißen kann und gar nicht erst auf die inhaltliche Ebene hinunterklettern muss.

Frau Herman fürchtet allen Ernstes, dass „wir“ aussterben und angesichts der immer schneller wachsenden Weltbevölkerung müsste sie sich eigentlich fragen lassen, wer zum Henker denn da aussterben soll. Sie kann von Glück reden, dass gerade kein böser, gleichgeschalteter Journalist vorbeikam, der ihr zynischerweise „das deutsche Volk“ unterstellen wollte.

Bald sieht sie sich und die Ihrigen gar verfolgt und spätestens in diesem Moment wäre ich wohl aufgesprungen und hätte sie losgeschickt, mal fünf Minuten mit jemandem zu reden, der wirklich verfolgt wurde oder wird. Egal ob im Dritten Reich, in der DDR oder in China.

Noch was richtig unglücklich Formuliertes? Bitteschön:

„Die Statistiken, die ernüchternd sind, die Diskussion, die Ursachen und die Folgen der heutigen Kinderlosigkeit werden mich auch weiterhin dazu bewegen, diese Diskussion zu führen – da hilft auch kein Berufsverbot.“

„Berufsverbot“?! Nee, sicher: Gab’s auch alles schon vor den Nazis und hinterher natürlich auch. Zum Beispiel für die vielgescholtenen Achtundsechziger.

In den USA würde man spätestens hier den Umstand betonen, wie toll es doch sei, in einem freien Land leben zu können, wo jeder frei sprechen könne – auch Eva Herman. Und vielleicht sollte man wirklich mal die Goldwaage wegpacken, die sprachliche Ebene auf der eh nichts mehr zu holen ist, verlassen und sich dem Inhaltlichen zuwenden.

So erzählt Eva Herman die Geschichte, wie sehr die Geburt ihres Kindes ihr Leben verändert habe, und wie unvereinbar Familie für sie plötzlich mit einem Beruf schien. Man glaubt ihr das ja, man ahnt, dass man hier ganz nah dran ist an dem Knacks, den diese Frau irgendwann mal erlitten haben muss. Nur schließt sie dabei wie so oft von ihrer persönlichen Erfahrung auf andere und selbst, wenn ihr statt 700 Katholiken 700.000 zugejubelt hätten, würden mir immer noch genug Frauen einfallen, die Beruf und Familie unter einen Hut bekommen haben – offenbar ohne daran zu zerbrechen.

Man sollte ihre Meinung und vor allem ihren Glauben respektieren, sollte sie bemitleiden für die Karriere, die sie tragischerweise gemacht hat, und sie beglückwünschen dafür, dass sie für sich die „Wahrheit“ entdeckt hat – so, wie man jedem Menschen wünscht, dass er nach seiner Fasson glücklich werde. Aber sie macht es einem so schwer, indem sie ihre Ansichten als unumstößliche Fakten darstellt, das Singledasein als unvollendeten Schöpfungswillen betrachtet und in einer Tour von einem „Wir“ spricht, ohne je zu sagen, wer das sein soll: Alle Frauen, alle konservativen Frauen, alle paranoiden Ex-Fernsehmoderatorinnen?

Eva Hermans Weltsicht ist eine derart verquastete Melange aus Kapitalismuskritik, Schöpfungslehre und Fortschrittsfeindlichkeit, dass ich mir dagegen wie ein neoliberaler Atheist vorkomme – und so will ich mich nie wieder fühlen. Fast wäre man geneigt zu sagen, sie habe einen Urknall, wenn man sich nicht sicher sein könnte, dass sie genau den nicht hat.

1 Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen und auch keine kalten Umschläge.

Nachtrag 13:14 Uhr: Irgendwie scheint der ganze Themenkomplex verunglückte Metaphern regelrecht anzuziehen. Diesmal ist es Franz Josef Wagner, der Kerner vorwirft, mit Herman überhaupt über das Thema Nationalsozialismus gesprochen zu haben.

Mit diesen Worten:

Das Monster Hitler sprengt unsere Tafelrunde.

Mädchen, warum hast Du nichts gelernt?

Von Lukas Heinser, 10. Oktober 2007 16:01

Na, das hat ja alles bestens geklappt: Der „Rauswurf“ der Eva Herman bei und durch Johannes B. Kerner ist das Tagesthema. Allüberall entwickeln sich lange und spannende Diskussionen (selbst bei uns), Kerner hat eine „Topquote“ eingefahren und Eva Hermans aktuelles Buch ist in den Bestsellerlisten von Amazon fleißig nach oben geklettert (Platz 17 um 16 Uhr). Also eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten?

Nun, Herman dürfte sich für längere Zeit ins Aus manövriert haben. Nicht, weil sie obskure Wertevorstellungen hat (die darf jeder haben), noch nicht einmal, weil sie sich vor sechs Wochen so verquastet und missverständlich geäußert hat. Aber weil sie gestern gegen die goldene Regel des Medienbetriebs verstoßen hat: gegen das Recht des Publikums auf eine großangelegte Entschuldigungszeremonie.

Christoph Daum durfte, nachdem er sich wortreich für seine Kokain-Affäre entschuldigt hatte, weiter als Fußballtrainer arbeiten; Michel Friedman, dem auch Kokain zum Verhängnis wurde, leistete öffentlich Abbitte und ist heute wieder in fast allen Medien präsent. Noch schneller verzieh das Land Erik Zabel, der aus der tränenreichen Pressekonferenz ging, als sei nie etwas gewesen, und selbst in den USA verzieh der Disney-Konzern seinem Teeniestar Vanessa Hudgens deren Nacktbilder, nachdem sie sich dafür entschuldigt hatte. Sie alle haben die Mechanismen der Medien begriffen: Einmal zerknirscht und am Besten unter Tränen vor die Presse treten, dann ist irgendwann alles wieder gut – egal, ob man das eigene Verhalten jetzt wirklich als Fehler ansieht, egal ob es überhaupt ein Fehler war.

Diejenigen, die keine Fehler einräumen und sich nicht entschuldigen wollten, werden im kollektiven Gedächtnis unter „unbelehrbar“, „verrückt“ oder gar „paranoid“ einsortiert. Ihre Namen lauten Jürgen W. Möllemann, Dieter Baumann oder Jan Ullrich. Das Gemeine an dieser Situation: Wir wissen nicht, ob Dieter Baumanns Zahnpasta mit Dopingmitteln versetzt wurde, wir wissen nicht, ob Jan Ullrich nicht vielleicht wirklich unschuldig ist. Wir wissen ja auch nicht, ob Daum und Friedman ihr Drogenkonsum wirklich leid tut, aber wir müssen es glauben, weil es durch die Medien ging.

Da stellt sich die Frage, ob Jan Ullrich nicht längst wieder Rennen fahren (oder zumindest kommentieren) dürfte, wenn er zugegeben hätte, gedopt zu haben – selbst, wenn er es nie getan hätte. Ist eine tränenreiche Entschuldigung nicht in jedem Falle hilfreicher als die Verbreitung kruder Verschwörungstheorien – etwas, womit Eva Herman gestern bei Kerner zu ihrem Unglück auch noch angefangen hat?

Sicher, das wäre schon sehr zynisch, aber zynisch ist die Welt, sind vor allem die Medien. Eva Herman sollte, nein: muss das wissen. Es sind die Regeln eines großen Spiels, das sich mitunter um Karrieren und Menschenleben dreht. Man könnte es ihr als persönliche Stärke anrechnen, sich nicht für etwas entschuldigen zu wollen, das sie nach eigener Auffassung nicht gesagt und schon gar nicht gemeint hat. Aber Johannes B. Kerner war in der Beziehung erstaunlich fair: Er wollte nicht einmal ein „Mir tut das alles so unendlich leid“ hören, ihm hätte ein „Nun ja, ich sehe ein, dass meine Sätze in der freien Rede etwas krude und missverständlich waren. Was ich sagen wollte, ist Folgendes …“ gereicht. Allein: Eva Herman war nicht einmal bereit, eigene linguistische Unzulänglichkeiten einzugestehen und bezog sich munter weiter auf die Sätze, die sie gesagt hatte, und die eben wirr formuliert as hell waren. Nicht einmal, als ihr Margarethe Schreinemakers diesen Weg vorformuliert aufzeigte.

Was dann folgte, war nur noch unprofessionell: Sie kommentierte von oben herab („Wer redet heute noch über Deine Sendung?“ zu Frau Schreinemakers, „Mit Ihnen rede ich nicht mehr!“ zum geladenen Experten) und es war plötzlich völlig egal, dass Frau Schreinemakers auch schon unrühmliche TV-Momente hatte (wobei wir wieder nicht wissen, was an der ganzen „Steueraffäre“ eigentlich dran war) und dass Prof. Wolfgang Wippermann nicht unumstritten ist und zu Beginn der Sendung ziemlichen Quark gequasselt hatte. Sie redete von einer „Gleichschaltung“ der Medien und verhinderte jegliche Diskussion über den inhaltlichen Wahrheitsgehalt (alle schreiben von den Agenturen ab, die wiederum bei der „Bild“-Zeitung abgeschrieben haben), indem sie dieses in ihrer Situation völlig unglückliche Wort verwendete. Es spielt keine Rolle mehr, dass Worte per se nicht „gut“ oder „böse“ sind, oder wer das Wort sonst noch so verwendet: Es war ein weiteres Buzzword auf der Nazi-Bingo-Karte, die das Publikum in den Händen hielt. Und auf dem letzten freien Feld stand „Autobahnen“.

Das Mediengeschäft ist ein hartes, schmutziges, durchaus auch zynisches. Viele ahnungslose Menschen können sich darin verheddern oder darin verloren gehen. Eva Herman muss sich als langjährige Journalistin und erfahrene Provokateuse aber vorwerfen lassen muss, dass sie offenbar nicht abschätzen konnte, worauf sie sich gestern Abend einließ.

Nächste Woche: Autobahnen

Von Lukas Heinser, 15. September 2007 11:42

Der Liebe Gott hat in Köln ein sehr schönes Haus, aber der aktuelle Hausmeister ist ein Problem:

Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet.

(Zitiert nach „Spiegel Online“)

Nach dem Rauswurf von Eva Herman fragt man sich jetzt natürlich, ob und wie Katholische Kirche, gleichsam die ARD unter den Glaubensgemeinschaften dieser Welt, auf Kardinal Meisners Entgleisung reagieren wird.

Das Ende der Herman-Schlacht

Von Lukas Heinser, 9. September 2007 15:17

Manchmal bin ich doch überrascht von der Schnelligkeit eines öffentlich-rechtlichen Senders.

Da schreibt das „Hamburger Abendblatt“ am Freitag als einzige anwesende Zeitung darüber, dass Eva Herman bei der Präsentation ihres neuen Buches „Das Prinzip Arche Noah“ die „Wertschätzung der Mutter“ im Nationalsozialismus als „sehr gut“ bezeichnet habe (mehr zur „relativ eingeschränkten“ Wertschätzung der Mutter bei den Nazis gibt’s bei wirres.net) und schon am Sonntag vermeldet „Welt Online“ Vollzug:

Volker Herres, NDR-Programmdirektor Fernsehen, sagte: „Frau Hermans schriftstellerische Tätigkeit ist aus unserer Sicht nicht länger vereinbar mit ihrer Rolle als Fernsehmoderatorin und Talk-Gastgeberin. Dies ist nach ihren Äußerungen anlässlich einer Buchpräsentation in der vergangenen Woche deutlich geworden.“

Im Gegensatz zu 3,7 Millionen anderen Arbeitslosen in Deutschland wird Frau Herman auch ohne ihren Posten als freie NDR-Mitarbeiterin gut verdienen, denn vermutlich wird gerade diese Geschichte den Erfolg ihres Buches noch weiter vorantreiben.1 Trotzdem finde ich es beruhigend, dass Personen, die derart unreflektiert über die Zeit des Nationalsozialismus sprechen, nicht weiter durch Fernsehgebühren finanziert werden.

[via Pottblog]

1 Auch wenn ich glaube, dass ihre Bücher mehr gekauft und weniger gelesen werden.

Mostly Harmless

Von Lukas Heinser, 25. Mai 2007 14:36

Wir alle kennen Godwin’s Law:

As an online discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches one.

Weil die immergleichen Vergleiche natürlich irgendwann langweilig werden und die deutsche Geschichte ja noch mehr dunkle Kapitel auf Lager hat, heißt die neue Königsdisziplin der Krawallrhetorik „Stasi-Vergleiche“.

So kamen derartige Vergleiche jüngst im Zusammenhang mit den eingesammelten Geruchsproben von G8-Gegnern auf (wobei die Bezeichnung „Stasi-Methoden“ da gar nicht mal so abwegig ist, immerhin hat die Stasi Geruchsproben gesammelt). Generalbundesanwältin Monika Harms sieht aber offenbar weder den Vergleich, noch die Aktion an sich besonders eng:

Nur weil eine Methode von der Stasi in ganz anderem Zusammenhang eingesetzt wurde, heißt das noch nicht, dass sie für uns schon deswegen tabu ist.

Dieser Satz wird umso beunruhigender, je öfter man ihn liest – aber so viel Zeit haben wir gar nicht, denn die neueste Stasi-Äußerung (hier ständig frisch) kommt von Silvia Schenk, der ehemaligen Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer:

Eine Chance hat der Radsport nur, wenn wie bei der Stasi rigoros alle Schuldigen aussortiert werden.

Da kann man ja schon froh sein, dass (noch) niemand „Entdopingfizierungslager“ fordert …

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