Woanders is‘ auch scheiße

Von Lukas Heinser, 30. Januar 2012 2:00

Wenn ich Menschen aus dem Ausland erklären soll, wo ich herkomme, höre ich mich immer noch viel zu oft mit „near Cologne“ antworten. Bei den meisten Amerikanern kann man ja froh sein, wenn sie davon mal gehört haben. Briten hingegen kennen, so sie denn minimal fußballinteressiert sind, natürlich Dortmund und Schalke, manchmal sogar Bochum. Die „Ruhr Area“ allerdings ist eher was für Leute, die im Erdkundeunterricht gut aufgepasst haben, aber so würden eh nur die Wenigsten über ihre Heimat sprechen.

Bergbaumuseum Bochum

Das Verhältnis der „Ruhris“ zum Ruhrgebiet ist ein zutiefst ambivalentes: Eine unheilvolle Mischung aus Lokalpatriotismus und Selbstverachtung, aus Stolz und Skepsis, Traditionsbewusstsein und Wurzellosigkeit führt dazu, dass sich im fünftgrößten Ballungsraum Europas niemand zuhause fühlt. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht erst ganz langsam, Jahrzehnte nach der Blütezeit der Ruhrindustrie und auch recht widerwillig.

Konrad Lischka und Frank Patalong stammen auch aus dem Ruhrgebiet. Lischka ist 32 und in Essen aufgewachsen, Ptalaong 48 und aus Duisburg-Walsum. Heute arbeiten beide bei „Spiegel Online“ in Hamburg, aber sie haben ein Buch geschrieben über die „wunderbare Welt des Ruhrpotts“: „Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach“.

Der Altersunterschied der beiden und ihre unterschiedliche Herkunft (Lischka kam mit seinen Eltern aus Polen ins Ruhrgebiet, Patalong ist Kind einer Arbeiterfamilie) machen den besonderen Reiz des Buches aus, denn ihre Hintergründe sind gerade unterschiedlich genug, um fast das ganze Ruhrgebiet an sich zu charakterisieren. Lischka ist (wie ich auch) ohne nennenswerte Schwerindustrie vor Augen aufgewachsen, bei Patalong konnte man die Wäsche traditionell nicht draußen trocknen lassen, weil sie dann schwarz geworden wäre. Sie beschreiben eine Region, die binnen kürzester Zeit von Menschen aus halb Europa besiedelt wurde, die jetzt alle in ihren eilig hochgezogenen Siedlungen hocken und feststellen, dass die Goldgräberzeit lange vorbei ist. Für die meisten endet die Welt immer noch an der Stadtteilgrenze, wofür Lischka das wunderschöne Wort „Lokalstpatriotismus“ ersonnen hat. Entschuldigung, ich komm aus Eppinghoven, was soll ich da mit jemandem aus Hiesfeld?1

Das Buch ist geprägt von der so typischen Hassliebe der Ruhrgebietseinwohner zu ihrer … nun ja: Heimat, zusammengefasst im Ausspruch „Woanders is‘ auch scheiße“. Menschen, die sich gottweißwas darauf einbilden, aus einer bestimmten Stadt zu stammen oder dort wenigstens „angekommen“ zu sein, findet man vielleicht in Düsseldorf, München oder Hamburg, aber nicht im Ruhrgebiet. Wir sind nur froh, wenn man uns nicht mit Dingen wie einem „Kulturhauptstadtjahr“ behelligt, und packen alle Möchtegern-Hipster mit Röhrenjeans, asymetrischem Haarschnitt und Jutebeutel in den nächsten ICE nach Berlin. Hier bitte keine Szene, hier bitte überhaupt nichts, Danke!2

Emschermündung bei Dinslaken

Ich fürchte, dass das Buch für Menschen, die keinerlei Verbindung zum Ruhrgebiet haben, deshalb in etwa so interessant ist wie eines über das Paarungsverhalten peruanischer Waldameisen. Es muss von einer völlig fremden Welt erzählen, in der Kinder auf qualmende Abraumhalden klettern, die Leute eine Art Blutpudding essen, der Panhas heißt, und in der eine Sprache gesprochen wird, die im Rest der Republik einfach als „falsches Deutsch“ durchgeht.

Aber wer von hier „wech kommt“, der wird an vielen Stellen „ja, genau!“ rufen — oder sich wundern, dass er die Gegend, in der er aufgewachsen ist, so ganz anders wahrgenommen hat, denn auch das ist typisch Ruhrgebiet. Frank Patalong erklärt an einer Stelle, welcher Ort im Ruhrgebiet bei ihm immer ein Gefühl von Nachhausekommen auslöst, und obwohl ich da noch nie drüber nachgedacht habe, bin ich in diesem Moment voll bei ihm: Auf der Berliner Brücke, der „Nord-Süd-Achse“, auf der die A 59 die Ruhr, den Rhein-Herne-Kanal und den Duisburger Hafen überspannt. Wenn wir früher aus dem Holland-Urlaub kamen, war dies der Ort, an dem wir wussten, dass wir bald wieder zuhause sind, und auch heute ist das auf dem Weg von Bochum nach Dinslaken der Punkt, wo ich meine Erwachsenenwelt des Ruhrgebiets verlasse und in die Kindheitswelt des Niederrheins zurückkehre.

Lischka und Patalong verklären nichts, sie sind mitunter für meinen Geschmack ein bisschen zu kritisch mit ihrer alten Heimat, aber dabei sprechen sie Punkte an, die mir als immer noch hier Lebendem in der Form wohl nie aufgefallen wären. Zum Beispiel das ständige Schimpfen auf „die da oben“, das bei den hiesigen Lokalpolitikern leider zu mindestens 80% berechtigt ist, das aber auch zu einer gewissen Kultur- und Intellektuellenfeindlichkeit geführt hat. Die Zeiten, in denen man sich als Arbeiterkind in seiner alten Umgebung rechtfertigen musste, weil man zur Uni ging, dürften vorbei sein, aber ein Blick in die Kommentare unter einem beliebigen Artikel beim Lokalrumpelportal „Der Westen“ zeigt, dass Museen, Bibliotheken oder Theater zumindest für einige Einwohner des Ruhrgebiets immer noch „überflüssiger Schnickschnack“ sind.

Graffito an der S-Bahn-Station Bochum-Ehrenfeld

Und während ich darüber nachdenke, dass die Arbeiter in Liverpool, Detroit oder New Jersey irgendwie sehr viel mehr für ihren Stolz berühmt sind und dann teilweise auch noch Bruce Springsteen haben, fällt mir auf, dass ich zumindest selbst natürlich wahnsinnig stolz bin auf diese Gegend. Ja, das, was an unseren Städten mal schön war, ist seit Weltkrieg und Wiederaufbau überwiegend weg, aber wir haben wahnsinnig viel Grün in den Städten3, ein schönes Umland und das beste Bier. Genau genommen isses hier gar nicht scheiße, sondern eigentlich nur woanders.

Und selbst wenn wir Ruhris innerlich ziemlich zerrissene Charaktere sind, die in ihren hässlichen Kleinstädten unterschiedlicher Größe stehen und gucken, wie aus den Ruinen unserer goldenen Vergangenheit irgendetwas neues entsteht: Es tut gut zu sehen, dass wir dabei nicht alleine sind. Willkommen im Pott!

Konrad Lischka & Frank Patalong – Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach
Bastei Lübbe, 271 Seiten
16,99 Euro.

  1. Beides sind Stadtteile von Dinslaken, was schon in Köln keiner mehr kennt. []
  2. Verzeihung, ich bin da etwas vom Thema abgekommen. Aber ich wohne in einem sogenannten „Szeneviertel“ und werde da schnell emotional. []
  3. Im Buch verweist Lischka auf das sogenannte „Pantoffelgrün“, ein Wort, das außer ihm und dem Pressesprecher der Stadt Dinslaken glaube ich nie jemand verwendet hat. []

Chased By A Stranger

Von Lukas Heinser, 5. April 2011 16:48

Ich mag keine Krimis, nicht als Buch und nicht im Fernsehen. Dieses Whodunit interessiert mich null und ich kann mir ungefähr hunderttausend Dinge vorstellen, die ich an einem Sonntagabend lieber täte, als mich anderthalb klischee- und problemüberfrachteten Stunden deutschen Fernsehens auszusetzen, nur um zu erfahren, mit welch abenteuerlichen Konstruktionen die Drehbuchautoren bestätigen, dass ich tatsächlich von der ersten Minute an wusste, wer der Täter war.

Doch Romane von Thomas Glavinic versprechen immer die etwas andere Lektüre, wie etwa „Das bin doch ich“, das von einem Schriftsteller namens Thomas Glavinic handelte. „Lisa“ handelt jetzt von einem Mann, der sich Tom nennt und allabendliche Webcasts abhält.

Mit seinem Sohn Alex hat sich Tom in ein Ferienhaus in einer entlegenen Bergregion zurückgezogen, weil er sich verfolgt wähnt. Verfolgt von einer Frau, die er Lisa nennt und die bestialische Morde in der halben Welt verübt hat: Menschen gehäutet, Menschen gekocht, Menschen gepfählt. Tom berichtet von diesen Morden und redet noch über sehr viel mehr, während er sich jeden Abend mit Whiskey und Koks den Schädel zuknallt — wodurch seine Schilderungen nicht gerade rationaler, glaubwürdiger oder einfach auch nur zusammenhängender wirken.

Diese Grundidee ist ja gar nicht schlecht, aber vom ganzen Setting her taugt die Geschichte besser zum Hörspiel oder zum Ein-Mann-Theaterstück als zum Roman — weswegen das von Christian Brückner eingelesene Hörbuch wahrscheinlich die empfehlenswertere Dareichungsform ist. Andererseits muss man bei einem Postmodernisten wie Glavinic natürlich auch gleich wieder vermuten, dass es volle Absicht gewesen sein könnte, das ganze Konzept medial zu brechen und absichtlich an der Umwandlung zu scheitern.

Entsprechend schwierig ist es auch, sich ein ernsthaftes Urteil über das Werk zu bilden: Unter Krimi-Geischtspunkten sind die Plot Points und Auflösungen (bzw. deren Fehlen) offensichtlich haarsträubend und enttäuschend. Aber „Lisa“ ist ja kein Krimi im eigentlichen Sinne, sondern ein zugedröhnter Stream of Consciousness, der mit realen Fällen und Personen (Peter Handke und Jörg Haider kommen jeweils in einem Nebensatz schlecht weg) ebenso hantiert, wie mit der Frage, was jetzt real ist und was nicht.

Doch in diesem Spagat hat sich Glavinic verheddert, so dass „Lisa“ letztlich weder auf der einen, noch auf der anderen Seite funktioniert: Krimi-Fans werden, wenn sie aus den völlig geisteskranken Morden nicht noch irgendeinen wohligen Schauer mitnehmen, von dem Buch und vor allem von seinem Ende enttäuscht sein, und Literatur-Liebhaber werden vor einem instabilen Storygerüst stehen, das nur notdürftig mit Meta-Ebenen und stilistischen Verzierungen verkleidet ist.

Und woher kommt überhaupt diese Obsession der jüngeren deutschsprachigen Schriftsteller, moderne Kommunikation gewaltsam in Romanform abbilden zu wollen? Das hat doch auch bei Daniel Kehlmann in „Ruhm“ nur so mittel-gut geklappt und es zwingt sie ja (mutmaßlich) niemand dazu, wo andere Medien doch viel naheliegender erscheinen.

Thomas Glavinic – Lisa
Hanser Verlag
17,90 Euro
(Rezensionsexemplar)

Die, die mit den Wörtern tanzt

Von Annika Krüger, 23. Februar 2010 16:02

Mit neuen Büchern ist es ja immer ein wenig so: Man meint, man müsse ganz vorsichtig sein, um keiner Seite ein Eselsohr zu verpassen oder einen Buchstaben umzuknicken — wehe wenn! Jedoch, um einem Buch Charakter zu verleihen sollte man es auch knicken, den Buchrücken aufklappen und es lesen. Es ablesen, ablieben. Von was ich spreche?

Das allererste Buch einer jungen Frau, Lisa Rank. Aus Berlin, jetzt Hamburg.
Schreibt, atmet, komponiert, tanzt, träumt und erfindet Wortwelten. Entdeckt sie hinter Müslischachteln oder unterm Bett. Begegnet ihnen an Häuserecken, in der Nacht oder weil sie ganz genau hinhört.
Weil sie schreibt, was vorher noch nicht da war. Ihr Talent, ihre eigene Stimme und die Gabe, Gefühle so einzufangen, dass man genau spürt, was in den Charakteren vorgeht. Man kann mitfühlen, mitweinen, miterleben, man ist bei allem dabei.
Weil die Autorin es zulässt, aber – und das finde ich auch sehr wichtig – man wird beim Lesen davor beschützt, dass die Trauer einen erdrückt.
Im Gegenteil: Man wird mitgenommen und man bekommt es gezeigt und erlebt, denn im Zweifel, wenn alles keinen Sinn mehr macht, macht man solche Reisen auch immer ein Stückchen für sich selbst!

Von was ich hier erzähle?

Von Lisa Ranks ersten Roman „Und im Zweifel für dich selbst“.
Ein Buch, in dem zwei Freundinnen, Lene und Tonia, den Tod eines geliebten Menschen erleben und sich und die Welt nicht mehr verstehen. Das Leben, das sie bisher hatten, gibt es so nicht mehr. Weil jetzt jemand fehlt, der bisher immer da war. Sie machen sich auf eine Reise. Ein Roadmovie-Roman, der so viel Wahrheit zwischen den Zeilen versteckt hält und so eigensinnig auf dem Blatt steht. Oder der so viel über die Dinge erzählt, wie sie passieren und was man dann macht, dass es eigentlich nur Sinn macht zu sagen: Kaufen, lesen und selber entdecken!

Ich hab es fast zu Ende. Ein bisschen hab ich mir noch aufgehoben zum Schluss.
Wie es also ausgeht weiß ich nicht und würde es auch nicht verraten. Macht man nicht. Was man aber tun sollte: Selber entdecken!

Elisabeth Rank – Und im Zweifel für dich selbst
Suhrkamp, 200 Seiten
12,90 Euro

Lisa Rank im Internet

Einmal Star und zurück

Von Lukas Heinser, 2. Dezember 2009 23:25

Da, wo Sex und Drogen lauern: backstage

Wenn die eigene Karriere im Pop-Business so richtig brach liegt, bleiben Frauen nur noch Nacktfotos und Männern Enthüllungsbücher. Auf letzteren stehen dann griffige Ankündigungen wie „Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co.“ oder „Zwei Gewinner packen aus!“

Markus Grimm und Martin Kesici (dem Sie einen großen Gefallen täten, wenn Sie seinen Nachnamen auf der zweiten Silbe betonen) wissen, wie es wirken muss, wenn sie jetzt Jahre nach ihren Siegen bei „Popstars“ (Grimm war 2004 in der extrem kurzlebigen, nur mittelerfolgreichen Kirmesgothickapelle Nu Pagadi) und „Star Search“ (Kesici gewann 2003 in der Kategorie „Adult Singer“) mit einem Buch ankommen, auf dem „Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co.“ und „Zwei Gewinner packen aus!“ steht. Und tatsächlich finden die beiden ja plötzlich wieder in Medien statt, die jahrelang keine Notiz von ihnen genommen haben.

Aber Grimm und Kesici haben nichts mehr zu verlieren. Gemessen daran ist ihr Buch mit dem aufmerksamkeitsheischenden Titel „Sex, Drugs & Castingshows“ ziemlich moderat ausgefallen: Es gibt kaum Namensnennungen (an einigen Stellen wie etwa bei einem Schlagersänger, der von sich selbst nur in der dritten Person redet, verwenden die Autoren statt Namen Piktogramme, was sich jetzt allerdings viel spektakulärer anhört, als es sich im Kontext dann tatsächlich liest), kaum schmutzige Wäsche und die titelgebenden Sex- und Drogenanekdoten kann man auch in jedem Interview zum Buch nachlesen.

„Das Popmusikbusiness ist schlecht und die Leute, die damit zu tun haben, sind noch mal einen Grad schlechter“, schreibt Grimm an einer Stelle (nur um eine halbe Seite später zu erklären, dass Schlager und volkstümliche Musik aber noch mal viel, viel schlimmer seien), aber das Buch widmet sich dann doch eher dem Business als den Leuten. Dass die Wahrheit bei Castingshows ein flexibles Gut ist, dürfte noch kaum jemanden überraschen. Etwas irritierender ist da schon das beschriebene Gebaren von Plattenfirmen, gerade etablierte Acts einfach abzusägen, weil das Nachfolgeprodukt schon in den Startlöchern steht. Der Laie würde ja womöglich sagen, dass zwei Pferde im Rennen die Gewinnchancen erhöhen. Aber deswegen führen wir ja alle keine Plattenfirmen.

Etwas länglich und umständlich zeichnen die Autoren ihren Weg in die Finalshows ihrer jeweiligen Sendereihen nach. Auch dem dämlichsten Leser – und, seien wir ehrlich: ein Buch über Castingshows läuft Gefahr, ein paar dämliche Leser zu finden – soll klar werden, dass er es hier mit zwei bodenständigen, ehrlichen Musikern zu tun hat, die eher zufällig zu Medienstars wurden. Und deren Namen heute noch so verbrannt sind, dass kaum jemand mit ihnen zusammenarbeiten möchte. Kesici schnoddert sich durch seine Passagen und vermittelt den Eindruck, als gehe er inzwischen ganz souverän mit seiner Geschichte um. Bei Grimm hingegen hat man mitunter das Gefühl, dass ein paar klärende Gespräche mit einem Therapeuten vielleicht die bessere Idee gewesen wären, als sich den ganzen Frust von der Seele zu schreiben und das dann anschließend zu veröffentlichen.

Auch wenn die Geschichten über Manager und Plattenverträge natürlich alle Klischees bestätigen, die man als Außenstehender so vom Musikbusiness hatte (lassen Sie mich alle guten Ratschläge auf zwei Worte herunterbrechen: „NICHTS. UNTERSCHREIBEN.“), stellt man bei der Lektüre fest: Castingshows haben sehr viel mehr mit Fernsehen zu tun als mit Musik. In seinem Nachwort bemerkt Kesici sehr klug, dass Musiker „auf die Bühne, on the road“ gehören, aber nicht ins Fernsehen. Dort geht es nämlich laut Autoren nur darum, Geschichten zu erzählen und das Publikum zu unterhalten und nicht darum, Künstler aufzubauen — womöglich noch langfristig.

Für das Erzählen von Geschichten gibt es ganze Verwertungsketten (RTL und ProSieben bestreiten damit quasi ihr gesamtes Programm), zu denen natürlich auch die Boulevardpresse gehört. So berichtet Kesici beispielsweise, wie sich ein „Bild“-Mitarbeiter (oder zumindest jemand, der sich als solcher ausgab) bei ihm meldete und mit der Ankündigung, wenn Kesici das Viertelfinale gewinne, werde man über seine Vorstrafe wegen Drogenbesitzes berichten, um ein Gespräch bat. Am Tag nach der Sendung machte „Bild“ dann mit „Darf so einer Deutschlands neuer Superstar werden? Verurteilt wegen Drogen!“ auf.

Auch eine weitere „Skandal“-Geschichte rund um „Star Search“ fand in „Bild“ ihren Anfang: Kesici beschreibt, wie er und zwei weitere Kandidaten wenige Tage vor dem großen Finale mit einer Limousine abgeholt wurden, in der Reporter von „Bild“ und dem Sat.1-Boulevardmagazin „Blitz“ warteten. Gemeinsam fuhr man in eine Tabledance-Bar, wo der „Bild“-Fotograf jene Fotos machte, die am darauf folgenden Tag den Artikel „Dürfen diese Sex-Ferkel neue Superstars werden?“ bebildern sollten. Erstaunlich ist daran viel weniger, dass „Bild“ involviert war, sondern, dass Sender und Produktionsfirma derartige Geschichten anscheinend auch noch forciert haben.

Sex- und Drogenparties in Promikreisen werden zwar erwähnt (Grimm schreibt seitenlang über – Achtung! – „eine After-Show, denn sie hatten alle keine Hosen an und zeigten ihren nackten Arsch und mehr“), aber zum großen Promiklatsch taugt das Buch nicht. Kesici behauptet, „dass 70 Prozent der Leute aus dieser Glitzer- und Glamourwelt bei solchen Partys auf Drogen sind“, enttäuscht aber zwei Sätze später die Erwartungen der enthüllungsgeilen Leserschaft mit dem Hinweis, dass er keine Namen nennen werde. Es ehrt ihn als Menschen, schadet aber natürlich der Vermarktbarkeit des Buchs.

So erfährt man stattdessen, wie es abläuft, wenn eine Plattenfirma ein Bandmitglied rausschmeißt oder einen Künstler droppt. Der Leser bekommt schnell den Eindruck, dass man besser einen Bandenkrieg unter südamerikanischen Drogenkartellen anzetteln sollte, als bei einer Major-Plattenfirma zu unterschreiben. Dafür gibt es im Anhang auch 50 Seiten (teilweise geschwärzte) Originalverträge, die man ohne mehrere juristische Staatsexamen natürlich kaum durchschaut. Wenn allerdings das, was ich nicht verstehe, genau soviel Quatsch enthält wie das, was ich verstehe, dann ist das ganz schön viel Quatsch.

„Sex, Drugs & Castingshows“ ist letztlich Warnung vor den ganzen Verstrickungen, die die Teilnahme an so einem Casting mit sich bringt. Auch als Schilderung zweier Lebenswege, die von „Durchschnittstyp“ zu „Superstar“ und zurück führen, funktioniert das Buch einigermaßen gut. Es hätte allerdings geholfen, wenn das Manuskript zumindest mal kurzfristig in der Nähe von jemandem gelegen hätte, der sich mit dem Schreiben von Büchern auskennt.

Dass Teilnehmer und Zuschauer gleichermaßen verarscht werden, hatte man sich ja immer schon gedacht. Bei der Lektüre sieht man also vieles bestätigt, was man sowieso über die fehlende Wahrhaftigkeit solcher Sendungen geahnt hatte, gewürzt mir ein paar fassungslos machenden Anekdoten. Aber die versprochene Abrechnung, „die Wahrheit“, das alles fällt letztlich ein bisschen mager aus. Ja: Castingshows sind doof und gefährlich und jetzt wissen wir alle, warum. Das auf mehr als 350 Seiten ausgebreitet zu kriegen, ist vermutlich immer noch angenehmer, als die Verwertungsmaschinerie des Showgeschäfts selbst zu durchlaufen.

Markus Grimm/Martin Kesici – Sex, Drugs & Castingshows
Riva, 428 Seiten
17,90 Euro

Literaturtipps zum Welttag des Buches

Von Lukas Heinser, 23. April 2009 0:03

Bücher (Symbolfoto)

Buchbesprechungen sind hier ja eher die Sache von Annika, aber ich dachte mir, zum Welttag des Buches kann ich auch mal ein bisschen was über Literatur erzählen.

Und das hab ich dann auch getan: Eine gute halbe Stunde über die Bücher geredet, die ich seit meiner letzten Buchvorstellungsrunde gelesen habe. Es geht um große Namen und kleine Meisterwerke, um Christoph Hein, Daniel Kehlmann, Hartmut Lange, Chuck Klosterman und Goethe.

Wir nennen es Podcast:

Literaturtipps zum Welttag des Buches (Zum Herunterladen rechts klicken und „Ziel speichern unter …“ wählen.)

Sie können die Podcasts übrigens auch als eigenen Feed abonnieren. An der Einbindung in iTunes arbeiten wir gerade.

Besuch an der Ostküste

Von Annika Krüger, 16. März 2009 13:36

„Better late than never“, sagt der Nostalgiker. Oder der Bücherjunkie, der Bücher im Regal stehen hat, von deren Existenz er bis dato gar nicht mehr wusste.

So geschehen bei Ricky Moodys „Garden State“.

Sein Romandebüt, das er Anfang der 90er schrieb, spielt in New Jersey, dem typischen Heile-Welt-Vorortstaat mit all seinen Gärten, den Häusern mit den weißen Zäunen und den brach liegenden Industriegebäuden. Mit alten Lagerhallenruinen und alten Bars, die verraucht und vor allem verbraucht sind. Irgendwie zwischen New Economy und etwas anderem, was einen unterschwellig ein bisschen aufrüttelt, man aber nicht konkret benennen kann.

Es ist kein typisches „Coming of Age“-Romandebüt, die die Läuterung des tragischen Losers zum Held beschreibt. Es ist eine eigenwillige Milieustudie, die das Leben von Mitzwanzigern so erzählt, wie es ist. Alice, Dennis und Lane leben das Vorortleben, sind ständig unzufrieden und träumen davon, eine Band zu haben. Musik als Kontrast zum Leben in einem Vorort, der urbanen Warteschleife.

Der Blick hinter die Fassade von Garden State ist ungemütlich und real beschrieben. Moody beschönigt nichts und gerade deshalb lohnt sich diese kleine Buch so.

Wie lebt man zwischen dem Traum, eine Band zu gründen, und der Realität, sich im Alltag zurechtfinden? Was passiert, wenn Parties nicht so ganz laufen wie sie sollen? Was passiert, wenn keine Perspektive so richtig passt?

Direkt und unverkitscht erschafft Moody Wortlandschaften wie Polaroids, deren ganz Moody-typische Lakonie die Geschichte einer Generation erzählt, die man bisher übersehen hat, denn wer kann sich schon wirklich an die Neunziger erinnern?

Erschienen im Piper Verlag ( € 8.90), bei jedem Bücherdealer erhältlich. Mit dem Film von Zach Braff hat das Buch nur den Titel gemein.

Wenn man dann ein klein wenig aus der Vorstadt draußen ist, landet man unweigerlich auch in New York und damit am nächsten Schauplatz der „Tender Bar“ von J.R. Moehringer.

Es handelt sich hierbei nicht um die Autobiographie von Dallas oder J.R. und wer sein Mörder war (Wer eigentlich?), sondern um eine sehr sphärische, witzigen und schönen Geschichte über das Erwachsenwerden eines Jungen auf Long Island in den 60ern Amerikas.

Was bleibt einem Jungen anders übrig, wenn man eine Mutter hat, die mit Lügen die Moral aufrecht erhält, als sich in einer Bar voller liebenswürdiger Gestalten das Erwachsenwerden beibringen zu lassen?

J.R., der Protagonist, nimmt uns mit zu seinem ersten Baseballspiel, zum Strand mit den Männern aus dem „Dickens“, zeigt uns seinen ersten Job, seinen ersten Kuss und die ersten Träume. Erzählt uns von seinem Vater, der für ihn nur „die Stimme“ aus dem Radio ist.

Man geht mit ihm zum ersten Mal in den Big Apple und erlebt die große Hektik der Stadt und wie es ist, für einen großen Traum alles zu versuchen. Und vor allem, dass Tapferkeit und Träumen doch hilft.

Erschienen im Fischer Verlag (9,95 €)

Tagewerk

Von Annika Krüger, 31. Juli 2008 18:19

Klassiker oder keine Klassiker? Spiegel-Bestsellerliste oder doch lieber im Buchladen stöbern? Eigentlich ganz egal – die Hauptsache ist doch: Bücher sollen Freude machen und einen auf irgendeine Weise bereichern.

Deshalb hier mein Buchtipp für den Sommer!

„Alle Tage“ von Terézia Mora

Nun, der Titel verrät – eigentlich gar nichts, es wirft eher mehr Fragen auf. Auch das Cover ist außer taubengrau nicht wirklich hilfreich. Nein. Man muss sich schon selbst auf Entdeckungsreise begeben um herauszufinden warum „Alle Tage“ so heißt, wie es heißt.

Man braucht aber ein wenig Geduld damit, um sich an einen ganz wunderbar neuen und filmischen Schreibstil zu gewöhnen. Kurze Sätze. Bilder und Emotionen prasseln auf den Leser nieder. Verwirrend, mäandernde Passagen, seltsame Geschichten und merkwürdige Menschen kreuzen den Weg. Ein klein wenig David Lynch hier und da. Aber man wird belohnt, belohnt mit einem Gefühl von Zufriedenheit. Man hätte es schon viel früher lesen sollen. Wirklich!

Es gab in meiner bisherigen Leserkarriere kein Buch das einen schöneren und melodischeren Anfang hatte als dieses, können Bücher melodische Anfänge überhaupt haben? Well… lest hier und urteilt selbst:

„Nennen wir die Zeit jetzt, nennen wir den Ort hier. Beschreiben wir beides wie folgt…“

Der Protagonist mit dem melodischen Namen Abel Nema wird eines Tages, in einem Hinterhof in einer Stadt die im Osten des Landes steht, tot aufgefunden. Nicht nur tot, sondern kopfüber hängend von einem Geländer, ein wenig Fledermaus-like. Geübte Kriminalisten oder solche die Krimis eher im Fernsehn verfolgen oder auch lesen, fragen sich natürlich gleich. Wer wars? Und warum? Und wie?

Nun, geklärt wird alles. Es ist aber mitnichten ein Krimi im herkömmlichen Sinne. Es ist überhaupt kein Krimi. Denn es gibt keinen Ermittler oder einen Mord aus Leidenschaft oder graue Mafiosi oder Hintermänner. Nein.

Der Ermittler, nennen wir ihn Entdecker von Abels Welt, ist der Leser selbst.

Man entdeckt also diesen Abel Nema und auch das er ein Genie ist. Er stammt aus dem Osten der Welt, allerdings kann nicht mehr zurück, denn dort herrscht Krieg. Er lernt Sprachen wie andere das Laufen, am Ende sind es zehn. Er findet eine Frau mit Namen Mercedes und begibt sich mit ihr in eine Scheinehe. Sein einziger Freund ist Omar, Mercedes‘ Sohn.

Doch Abel Nema findet keine Ruhe, denn die Sehnsucht ist immer stärker als er, sie lässt ihn nicht los und bringt ihn immer weiter weg und wieder zurück. Bis es zu Ende ist. Auf seinem Weg begegnet er vielen Menschen und manche kehren immer mal wieder zurück. Doch was man immer spürt, ist die Einsamkeit die Abel Nema verspürt, ob er gerade in Begleitung ist oder in einem Zug sitzt, oder in einem Park.

Doch das soll jetzt nicht nach Depression klingen oder nach Dauermelancholie. Nein. Es ist eher eine Geschichte die dem Leser eine Welt, jenseits unserer zeigt, die es gibt und in der Geschichten wie Abels passieren können. Bücher, die einem einen Mensch beschreiben, der so ganz ander ist als die Protagonisten, die wir toll finden. Es ist eher der Anti-Protagonist, den man gern hat und man weiß nicht so genau warum.

Noch schnell was zur Autorin: Terézia Mora, ist in Ungarn geboren und studierte Hungarologie und Theaterwissenschaften in Berlin. Arbeitet heute als Schriftstellerin und Dramatikerin.

Noch schnell was zum Buch: Mit 10 Ören ist man dabei. Gibt es im Handel, seit kurzem auch auf Englisch – dort heißt es „Day in Day out“. Und natürlich als Hörbuch für ein paar mehr Öre.

Was war euer schönster Buchanfang? Kennt ihr das Buch schon?  Habt ihr Buchtipps? Immer her damit!

Auf wiederlesen, eure Nischen-Annika! Schönen Sommer =)

Nischenkultur

Von Annika Krüger, 14. Juli 2008 19:00

Nischen. Klingen so nach Ecksitzbank im Reihenhaus, oder?

In Nischen finden sich jedoch allerhand Sachen wieder, vergessene Cent Stücke, wichtige Zettel auf denen noch wichtigere Dinge notiert sind, Keks-Krümel oder die letzten Panini-einklebe-Bilder der WM. Doch Nischen können auch wahre Fundgruben sein.

Nun, genau für diese Fundgruben wurde ich gefragt, zu schreiben. Ich soll was über Kunst, Kultur und Literatur schreiben, die man so im Netz oder auf der Strasse oder beim stöbern im Regal findet.

Also sowas wie ein Fundgrubenspürhund oder so?

Nun, mit der Kunst und der Kultur ist das ja so eine Sache. Was der eine mag, findet der andere daneben, und umgekehrt. In der Kunst ist das meiste nämlich alles Interpretationssache.

Well, um es dem Leser und auch mir ein wenig einfacher zu machen, fangen wir einfach am Anfang an – und am Anfang der Kunst war der Gedanke – die Inspiration. Das ist sozusagen das wichtigste für kreative Prozesse im Allgemeinen und das entstehen von Kunst überhaupt!

Inspiration lässt sich „Künstler-sei-Dank“ in vielen Bereichen finden, eigentlich unter jedem Stein wenn man so will. Sei es das Graffiti an der Hauswand gegenüber, alte Kindheitshelden oder eben doch Künstler über die man irgendwo gestolpert ist.

Eine Künstlerin über die ich dieses Jahr gestolpert bin, hat ihre ganze eigene Art Inspiration zu wecken. In mehreren, wirklich bezaubernden Bücher, auf ihrere Website oder auch dem Bildportal Flickr hält sie ihre Kunst fest. Sie heißt – Keri Smith.

Die kanadische Künstlerin hat ihre Anfänge als Illustratorin gesammelt und arbeitet heute für viele renommierte Verlage und Agenturen. Vor allem aber arbeitet Sie als aktive Künstlerin. Sie selbst, bezeichnet sich als Guerilla Artist.

Was Keri Smith so besonders macht, ist ihr Verständnis von Kunst und die Art und Weise mit der sie nicht nur ihre Kunstwerke herstellt, sondern auch Kunst zugänglich für andere macht und anregt selbst kreativ zu sein! Do Art!

Deshalb ist ihr Buch/Journal „Wreck This Journal“ ein kleines Geschenk an jeden, der mit Büchern alles das anstellen möchte, was es möglichst kreativ kaputt macht. Es ist gar nicht so einfach die Aufgaben zu erfüllen, weil das Buch fast zu schade ist um es zu zerstören – aber genau das ist der Punkt!

So schön wie jetzt sieht es bald nicht mehr aus. Nach dem man Löcher durch die Seiten gebohrt hat, eine Seite beerdigt, die Sticker von Früchten darin gesammelt, mit Essensresten drin rumgesaut und mit dem Buch geduscht hat – wird es wohl doppelt so groß sein und nicht mehr so schön im Regal aussehen.

Ist nicht schlimm, ist ja alles für die Kunst und für die Inspiration selber noch mehr solche Sachen zu erfinden.

Wreck This Journal (Foto: Annika Krüger) Wreck This Journal (Foto: Annika Krüger)

Soviel zur ersten erkundeten Nische. Auf Wiederlesen, Ihr Fundgrubenspürhund!!!

Keri Smith – Wreck This Journal
Penguin Books
12,95 $ (ca. 7 €)

www.wreckthisjournal.com

Vogelschwatzgebiet

Von Lukas Heinser, 1. Juli 2008 14:00

Eier

In der Romanliteratur sind Ornithologen eher unterrepräsentiert. Zauberer, Agenten, ja selbst Lehrer sind häufiger Helden eines Buches als Vogelkundler. Gut also, dass Marcel Beyer dieser Ungerechtigkeit entgegentritt und in seinem neuen Roman „Kaltenburg“ gleich zwei Ornithologen in wichtigen Rollen präsentiert.

Der eine ist der titelgebende Ludwig Kaltenburg, renommierter Experte der Vogel-, ach: der ganzen Tierwelt, der andere Hermann Funk, sein langjähriger Schüler und Mitarbeiter und Erzähler des Romans. Die beiden lernen sich Anfang der 1940er Jahre kennen, als Funk noch ein Kind ist und mit seinen Eltern in Posen wohnt, wo der Professor lehrt. Ähnlich einem frisch geschlüpften Vogel wird Funk in dieser Zeit auf Kaltenburg geprägt und bleibt es sein Leben lang.

Ausgelöst durch Gespräche mit einer Dolmetscherin in der Rahmenhandlung erinnert sich Funk an Kaltenburg und dessen Institut in Loschwitz, an die gemeinsamen Freunde, den Künstler Martin Spengler und den Tierfilmer Knut Sieverding. Diese vier Leben sind untrennbar miteinander verwoben, immer wieder laufen sich die Männer über den Weg und beeinflussen sich gegenseitig. Die Angst, zentraler Gegenstand von Kaltenburgs Tierverhaltensforschung, taucht auch im Umgang der Menschen miteinander immer wieder auf, die Tierwelt fungiert als offensichtliche Projektionsfläche für das Menschliche.

Die Jahre kommen und gehen, so wie die verschiedensten Personen im Dresdner Institut ein- und ausgehen. Im Mittelpunkt steht immer Ludwig Kaltenburg, der dem Erzähler nach dem Verlust seiner Eltern bei der Bombardierung Dresdens eine Art Ersatzvater wird, ohne dass dies je ausformuliert würde. Die ganze Zeit bleibt der Erzähler seltsam eigenschaftslos: obwohl der Leser fast seine ganze Lebensgeschichte erzählt bekommt, erfährt er doch kaum etwas über ihn. Sogar sein Name erscheint eher zufällig im Text – allerdings so betont nebensächlich, dass es nur allzu bemüht wirkt.

Beyers Interesse an der Ornithologie scheint aufrichtig, seine Beschreibungen und Ausführungen fundiert. Leider haftet dafür vielen anderen Szenen, in denen der 42-jährige Autor etwa über die fünfziger Jahre in der DDR schreibt, um so mehr der Makel des Angelesenen an. Den lebendigen Schilderungen des Institutsalltags steht eine farblose, schematische Außenwelt gegenüber, was sich mit etwas gutem Willen natürlich auch als Stilmittel sehen ließe: es gibt eben kaum eine Welt außerhalb des Instituts. Dass der Erzähler verheiratet ist, erfahren wir ebenso beiläufig wie seinen Namen, Kaltenburg selbst ist der Politik gegenüber machtlos, durchschaut die Manöver seiner Feinde nicht und muss seiner eigenen Demontage zusehen, als er sich ab 1964 in fachfremde Gefilde wagt und seine NS-Vergangenheit ans Licht kommt.

Die Hauptfiguren, die sehr eng an Konrad Lorenz, Joseph Beuys und Heinz Sielmann angelehnt sind, sind ausführlich beschrieben und werden doch nicht greifbar. Sie sollen Charaktere sein und Platzhalter für eine Verhandlung deutscher Geschichte, aber sowohl für die eine, als auch für die andere Rolle fehlt ihnen der Tiefgang. Im letzten Teil des Romans wird die Ehefrau des Erzählers über ihre Vorliebe für die Werke Marcel Prousts charakterisiert und es scheint, als versuche Beyer plötzlich auch noch das Vorbild für den eigenen Erzählstil mit einzubauen. Die Dolmetscherin in der Rahmenhandlung ist dabei nicht mehr als eine Stichwortgeberin für die Erinnerungsmonologe des Erzählers, sie selbst bleibt eigenschaftsloser als so manches Tier im Roman.

Das Ärgerlichste aber: der Prolog zu „Kaltenburg“ baut eine Erwartungshaltung auf, die das Buch anschließend nicht einlösen kann. Der unglaublich packende Einstieg läuft ins Leere, die folgenden 380 Seiten haben nichts mehr mit den gewaltigen Bildern des Beginns zu tun. Beyers Roman erweist sich als nett geschriebene Nacherzählung, die sich um die Aufladung mit Bedeutung bemüht: große Themen wie Schuld, Konsequenzen des eigenen Handelns und auch persönliche Abhängigkeiten werden immer nur angedeutet und dann wieder liegengelassen. Eine ziemliche Bruchlandung.

Marcel Beyer – Kaltenburg
Suhrkamp, 394 Seiten
19,80 Euro

Ausgerechnet Alaska

Von Lukas Heinser, 6. Juni 2008 12:26

Es gibt Bücher, die lassen einen etwas ratlos zurück. Zwischen ihren zwei Buchdeckeln passiert so viel, geht es in so unterschiedliche Richtungen, dass man hinterher nicht mehr weiß, was man eigentlich gerade gelesen hat. Dietmar Daths „Waffenwetter“ ist so ein Buch.

Die 19jährige Claudia Starik macht gerade ihr Abitur, hat einen heimlichen Geliebten und schlägt sich mit ihren Eltern und ihrer besten Freundin Stefanie herum. Einen Verbündeten hat sie in ihrem Großvater Konstantin, einem überzeugtem Kommunisten, der es zu viel Geld gebracht hat. Claudias Alltag nimmt fast die gesamte erste Hälfte des Romans ein und auch wenn Dietmar Dath Wert darauf legt, dass nicht nachgeahmt werden soll, wie Claudia denkt, redet oder schreibt, sondern wie sie ist, hat man das Gefühl, das private Blog einer Abiturientin zu lesen, inklusive hereinkopierter Fragmente und plötzlich beginnender oder abbrechender Sätze.

Das ist durchaus als Kompliment gemeint, als großes, denn diese erste Hälfte ist ehrlich, aufrichtig, wirklichkeitsnah. Es erscheint fast unvorstellbar, dass diese Alltagsschilderungen über Mitschüler und Museumsbesuche mit der Mutter (bei denen der heimliche Geliebte mit seiner Frau auftaucht), diese unwiederbringliche Atmosphäre der Abi-Zeit, die ganzen Sätze und Gedankengänge nicht dem Gehirn einer Neunzehnjährigen entsprungen sein sollen, sondern dem eines doppelt so alten Mannes. Und das alles, ohne auf ihre Feuchtgebiete einzugehen.

Dann ereignen sich verschiedene Unglücke und Claudia und ihr Großvater brechen etwas überhastet zu einer lange geplanten Reise auf. Es ist eine Mission, bei der es gilt, die elektromagnetsiche Forschungsanlage HAARP in Alaska ausfindig zu machen, um die sich zahlreiche Verschwörungsgerüchte von der Wetter- bis zur Gedankenmanipulation ranken. Hier bricht das Buch brutal um: Claudia ist zwar immer noch die Selbe, aber die Geschichte um sie herum ist eine ganz andere. In immer schnellerem Tempo wechseln sich Spionagethriller, Science-Fiction-Roman und schockierende Enthüllungen über Claudias eigene Geschichte und ihre Psyche ab. Und dann taucht auch noch Gott auf – oder vielleicht auch nicht.

„Waffenwetter“ wird zur Achterbahnfahrt, bei der es mitunter scheint, als sei der Autor der Einzige, der noch den Überblick behalten hat. Man wird wütend auf Dath, weil er Claudia, die man so lieb gewonnen hat, dieser Geschichte aussetzt, die für sei ein paar Nummern zu groß ist, aber man muss ihn auch bewundern, wie er es trotz völlig subjektiver Erzählweise schafft, Bilder und Atmosphären zu erschaffen, für die andere Schriftsteller seitenlange Beschreibungen bräuchten. Er ist ein Anti-Tolkien, auch wenn ihm die Geschichte mehrfach ins Reich des Phantastischen rutscht.

Mitten in einer spannenden Szene ist dann Schluss, das letzte Kapitel ist bizarrerweise das einzige, das nicht mitten im Satz abreißt. Ratlos schaut man auf den Punkt und fragt sich, was man da gerade eigentlich gelesen hat. „Waffenwetter“ ist zugleich Bildungs- und Genreroman, und doch nichts von beidem. Die Montagetechnik ist dabei ebenso wenig Selbstzweck wie die konsequente Kleinschreibung. Beides trägt dazu bei, dass Daths Versuch glückt: man liest Claudia Starik nicht, man hört ihr nicht zu – man hat das Gefühl, sie kennengelernt zu haben.

Dietmar Dath – Waffenwetter
Suhrkamp
17,80 Euro

www.claudiastarik.de

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