Shut Up And Take My Money

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 21. Dezember 2012 15:12

Vergangene Woche war ich dienstlich in Hamburg. Zwecks Zerstreuung auf dem Rückweg kaufte ich mir in der dortigen Bahnhofsbuchhandlung die aktuelle “Spex”-Ausgabe. Die kostet 5,50 Euro, ich hatte es nicht “passend” und reichte dem Verkäufer einen Zehn-Euro-Schein und einen Euro. Zurück bekam ich: 50 Cent.

“Entschuldigung, ich hatte Ihnen elf Euro gegeben”, sagte ich. Kann ja mal passieren.
“Nein, das waren sechs!”, antwortete der Mann bestimmt.
“Ja, nee. Es war ein roter Schein. Ich hatte keinen Fünfer mehr — sonst hätte ich den ja auch gegeben!”
Doch der Verkäufer beharrte darauf, ich hätte ihm einen Fünf-Euro-Schein gereicht. Ich blieb auch bei meiner Meinung.

Das sei aber alles gar kein Problem, sagte der Mann, ich solle einfach am nächsten Tag seinen Chef anrufen, der könne dann feststellen, ob zu viel Geld in der Kasse gewesen sei. Ein Abschlag sei jetzt nämlich nicht möglich (und wäre auch zeitlich kaum noch drin gewiesen). Schlecht gelaunt und grußlos verließ ich also den Laden, schimpfte leise auf Hamburg und die Menschheit als solche, und setzte mich in einen IC, dem gleich drei komplette Wagen fehlten und dessen Steckdose mein fast leeres iPhone nicht aufladen wollte. Ohne Musik und Internet trat ich also die Heimfahrt an und war dabei in einer Stimmung wie Uli Hoeneß nach einer 0:5-Heimspielniederlage gegen den VfL Osnabrück.

Am nächsten Tag hielt ich noch mal kurz Rücksprache mit meiner Würde, ob ich ernsthaft wegen fünf Euro in diesem Geschäft anrufen sollte. Doch mein Gerechtigkeitssinn und meine innere Oma (“Wer den Pfennig nicht ehrt, …”) gewannen die Überhand und so wählte ich eine Hamburger Nummer und trug mein Anliegen in den nächsten acht Minuten zwei, drei Mal vor. Auf offenbar sehr verschlungenen Wegen wurde der Apparat mit mir am Ende mehrfach durch das gesamte Geschäft getragen, zur Chefin hin und wieder zurück.

Ob es da Unregelmäßigkeiten gebe, könne sie erst am Montag sagen, erklärte mir die Chefin. Man werde mich aber auf alle Fälle zurückrufen. Ich dachte währenddessen: “No ja, wenn der Mann sich ein einziges Mal in die andere Richtung vertut, ist eh alles hinfällig.”
Eine Mitarbeiterin nahm meine Daten auf, wobei sich meine Hoffnung auf ein positives Ende vollends zerschlug:
“Wie heißen Sie?”
“Heinser. Heinrich, Emil, Ida, Nordp…”
“Heinrich, ja?”
“Nein, Heinser. Das schreibt man Heinrich, Em…”
“Ja, was denn nun? Heinrich oder Heinser?”
Ich war in einem Achtziger-Jahre-Sketch mit Dieter Hallervorden, Harald Juhnke und Eddi Arent gelandet — oder wahlweise in einer durchschnittlichen deutschen Unterhaltungssendung des Jahres 2012.

Am Montag klingelte mein Telefon nicht. Am Dienstag auch nicht, ebenso wenig am Mittwoch oder den folgenden Tagen. Eine Pointe hat die Geschichte nicht, weswegen ich sie wohl auch nicht noch mal erzählen werde.

Cinema And Beer: “Der Hobbit – Eine unerwartete Reise”

Von Coffee And TV
Veröffentlicht: 20. Dezember 2012 13:25

In der vierten Folge unserer Podcast-Reihe nähern wir uns auch formal unserem Sujet an: Wie bei “Der Hobbit — Eine unerwartete Reise” ist es auch bei uns so, dass man den Überblick verliert, weil es auch lange dauert.

Der Hobbit (Offizielles Filmplakat)

Cinema And Beer: “Der Hobbit — Eine unerwartete Reise”
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Cinema And Beer: “7 Psychos”

Von Christoph
Veröffentlicht: 12. Dezember 2012 19:38

In der dritten Folge unserer neuen Podcast-Reihe wird’s brutal: Wir haben uns “7 Psychos” angesehen.

7 Psychos (Offizielles Filmplakat)

Cinema And Beer: “7 Psychos”
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Wie schön es hier ist, seitdem es verschneit ist

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. Dezember 2012 18:22

Vorhin flogen zwei große Gruppen Zugvögel in beeindruckendem Formationsflug an meinem Wohnzimmerfenster vorbei, weswegen ich (nur zweieinhalb Jahre Biologie-Unterricht in der Schule) erst mal in der Wikipedia nachsehen musste, warum sie das überhaupt tun. Dabei fiel mir auf, dass “Schwarmverhalten” auch den leicht trotteligen Habitus bezeichnen könnte, den Menschen an den Tag legen, wenn sie sich in der Gegenwart eines anderen Menschen befinden, in den sie heimlich (bzw. zumeist unheimlich) verliebt sind, wobei meine Freunde mir schon mehrfach gesagt haben, dass niemand außer mir und der “Bravo” ein love interest als “Schwarm” bezeichnen würde. Dann fühlte ich mich mal wieder alt und leicht trottelig, wusste aber immer noch nicht, warum die blöden Vögel so fliegen, wie sie fliegen.

Ich mag den Winter. Nicht die grauen Novembertage, an denen es nie richtig hell wird, aber die klaren mit klirrender Kälte und Schnee. Wenn der erste Schnee fällt, fühle ich mich noch mehr wie ein Fünfjähriger als sowieso schon, und hole sofort meine Winterstiefel hervor. Es sind so ähnliche Schuhe, wie Jay-Z sie gerne trägt, nur dass ich sie schon seit mehr als 20 Jahren trage — natürlich nicht immer das selbe Modell, denn als Kind hätte ich in meinen aktuellen Schuhen Höhlen bauen können. Das aktuelle Paar habe ich jetzt seit zehn Jahren, was aber gar nicht so lang ist, wenn man bedenkt, wie viel Schnee wir im Ruhrgebiet so durchschnittlich haben. Ich würde tippen, in den zehn Jahren kamen die Schuhe auf etwa anderthalb kanadische Winter Einsatzzeit.

Das beste ist immer, die Schuhe zum ersten Mal anzuziehen: Sie sind im Vergleich zu meinen Füßen und sonstigen Schuhen so grotesk groß, dass ich erst mal überall gegenlaufe. Das ist eigentlich nicht schlimm, weil die Schuhe auch sehr stabil sind, aber trotzdem nicht ungefährlich: Beim Treppensteigen halte ich mich sicherheitshalber am Geländer fest, weil die Schuhe kaum auf eine Stufe passen und ich auch permanent Angst haben muss, zu stolpern. Die ersten Meter auf der Straße sind dann auch immer gewöhnungsbedürftig, weil die Schuhe so hohe Absätze haben, dass ich damit gerne an Bürgersteigen hängen bleibe. Stehen ist auch lustig, weil ich mit meinen Füßen meist leicht nach außen wippe. Wegen der hohen Absätze passiert es im Winter oft, dass ich an einer Supermarktkasse stehe und mir beide Füße gleichzeitig verknackse.

Noch schöner als Schnee ist natürlich Schnee mit Musik. Wenn ich durch die Stadt gehe und die Zufallswiedergabe meines iPhones schickt mir “So Long, Astoria” von den Ataris (erste Zeile: “It was the first snow of the season”), “The River” von Joni Mitchell oder den “Ally McBeal”-Titelsong “Searchin’ My Soul” von Vonda Shepard, lächle ich leicht debil vor mich hin. Überhaupt hat “Ally McBeal” mit den offenbar ständig verschneiten Straßen Bostons bei mir noch größere Verheerungen im Romantikzentrum angerichtet als “Dawson’s Creek” und “My So-Called Life” zusammen.

Seit ich in einer eigenen Wohnung wohne, wird diese im Dezember auch festlich geschmückt: Ich hänge Lichterketten in die Fenster (nach nur zwei Saisons war die erste schon dauerhaft kaputt und ein Fall für die Müllhalde) und stelle im Wohnzimmer einen etwa hüfthohen Tannenbaum auf. Diesen kaufe ich nun schon im dritten Jahr und damit traditionell in einem Baumarkt, drei Straßenbahnhaltestellen entfernt. Das Schlimme ist dabei nicht der Transport eines Baums in der Straßenbahn (da sind die Bochumer generell sehr hilfsbereit und kommunikativ), sondern der Weg vom Baumarkt zur Straßenbahnhaltestelle, den ich jedes Jahr aufs Neue unterschätze. Aber klar: geht alles, man wächst mit seinen Herausforderungen, ein bisschen Schwitzen in der dicken Winterjacke stärkt die Abwehrkräfte.

Wessen Leben arm an Action und Spannungsmomenten ist, dem kann ich nur empfehlen, einfach mal einen Tannenbaum zum groben Abtrocknen in der eigenen Dusche zu platzieren. Zumindest wenn man ein ähnlich gutes Kurzzeitgedächtnis hat wie ich, gibt es jedes Mal ein großes Hallo, wenn man die Toilette benutzen möchte und da plötzlich ein Baum im Bad steht. Das hilft auch gegen niedrigen Blutdruck, wobei der beim Aufstellen von Tannenbäumen eh nicht unten bleibt.

Ich kaufe meinen Baum immer eingetopft mit beschnittenen Wurzeln, weil ich mir immer noch 30 Jahre zu jung vorkomme, um einen Christbaumständer zu erwerben. Außerdem bilde ich mir ein, dass er in der Erde nicht so schnell zu nadeln beginnt. Die Anzahl der Nadeln, die er auf dem Weg von der Haustür über das Bad ins Wohnzimmer verliert, ist dennoch beachtlich. Man sollte sich anschließend nicht zu schade sein, einmal gründlich durchzusaugen — zumindest, wenn man anschließend noch barfuß durch seine Wohnung spazieren möchte. Tannennadeln sind zwar eigentlich sehr flach, haben aber einen natürlichen Überlebenswillen, der sie zwingt, sich auch in den ausweglosesten Situationen noch dergestalt senkrecht aufzurichten, dass sie im menschlichen Fuß maximalen Schaden anrichten können. In den Entwicklungslabors von Lego werden Tannennadeln deshalb ganz besonders ausgiebig studiert.

Steht der grüngekleidete Wintergast dann erst mal an seinem Platz (die Frage, ob er nicht “schief steht”, verbietet sich bei eingetopften Bäumen zum Glück — man kann eh nix ändern), kommt die elfte Plage aus dem elften Kreis der Hölle: die Lichterkette. Ganze Kleinkunstabende werden im Spätherbst und Frühwinter mit der Beschreibung dessen beschritten, was der Mensch (auch in emanzipierten Haushalten zumeist: der Mann) denkt, fühlt, oder präziser: hasst, während er versucht, 16 untereinander verbundene Leuchtelemente an einen kaktusähnlichen Baum zu klemmen, ohne sich in dem Kabel zu verheddern. Es geht nicht. Eine gerechte Verteilung der Kerzen über den ganzen Baum ist nicht möglich, am Ende sieht es immer aus wie ein Satellitenbild von Australien bei Nacht. Das Kabel ist immer da, wo es nicht sein soll, und letztlich sollte man schon dem Herrgott danken, wenn man nicht den ganzen Baum zu Boden reißt.

Es gibt in dem Weihnachtsklassiker “Schöne Bescherung” die schöne Szene, in der Clark Griswold zu seinem Vater sagt: “Alles, was ich über Weihnachtsaußenbeleuchtung weiß, habe ich von Dir gelernt, Dad!” Dieser eine Satz sagt mehr über die Psyche von Männern aus, als die Lebenswerke von Alice Schwarzer und Mario Barth zusammen. Wer Männer verstehen will, sollte hier anfangen und aufhören.

Ist die Lichterkette aber endlich in Betrieb (und der Baum hoffentlich eichhörnchenfrei), geht alles ganz schnell: Das Gebimmel (zwei Christbaumkugeln und drei sonstige Hänger) ist in einem kleinen Baum wie meinem schnell verstaut und wenn endlich auch die Krippe steht, heißt es innezuhalten und zu genießen. Der Geruch von Tannengrün ist (neben dem von frisch bearbeitetem Holz und dem von Meer) vermutlich der schönste auf der Welt, die größte Kindheitserinnerung sowieso. Er ist der Proust’sche Instant-Reminder an die Weihnachtstage der Kindheit, als ich irgendwann kurz nach Sonnenaufgang aus dem Bett hüpfte und ins Wohnzimmer rannte, um mit meinen neuen Spielsachen zu spielen. Barfuß saßen meine Geschwister und ich unter dem festlich geschmückten Baum, dessen schon verlorene Nadeln gemeinsam mit dem Hochflorteppich eine letzte, unheilige Allianz eingegangen waren (s.o.), und widmeten uns intensiv unseren Lego-Flughäfen und Playmobil-Ritterburgen, die wir natürlich direkt nach der Bescherung hatten aufbauen müssen (“Du bist doch schon so müde, willst Du das nicht lieber morgen machen?” — “NEIN!”).

Diese kindliche, unschuldige Begeisterung, die noch nichts ahnt von abbrechenden und verloren gehenden Plastikteilen, von kostspieligen Zubehörsets und viel besseren neuen Versionen, glimmt im Erwachsenenleben manchmal noch auf, wenn ein noch jungfräulicher Laptop oder ein flammneues Smartphone behutsam aus seiner Verpackung genommen wird. Doch dann gilt man schnell als komplett bescheuert — nicht ganz zu Unrecht, wenn man die Entpackungszeremonie gleichzeitig auch noch auf Video aufgenommen und ins Internet gestellt hat. Ich hoffe, dass das “Unboxing” von Weihnachtsgeschenken, dieser ganz intime Glücksmoment eines Kinderlebens, niemals online verwurstet wird.

Bis vor ein paar Jahren haben meine Geschwister in der Adventszeit auch immer noch gebacken. Dieses heimelige Gefühl völligen Größenwahns, wenn man ein Kilogramm Schokolade und 800 Gramm Butter im Wasserbad zum Schmelzen bringt! Aber erstens sah die Küche unserer Eltern danach jedes Mal aus, als habe es ein Massaker bei Willy Wonka gegeben, und zweitens ist irgendwann jemandem aufgefallen, dass irgendwer den ganzen Scheiß ja hinter auch essen muss. Ich habe bei der Renovierung meiner Wohnung vor drei Jahren die dämmende Wirkung von Schokoladen-Brownies sehr zu schätzen gelernt.

Die blöden Vögel sind lange weg. Ich liege neben meinem Tannenbaum und versuche so unauffällig an ihm zu riechen, wie man im Vorbeigehen an seinem Schwarm zu riechen versucht. Meine Füße tun fast nicht mehr weh. Es ist Advent.

Glühwein gegen den Hunger 2012

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 10. Dezember 2012 16:37

Im Sommer des vergangenen Jahres, als die Hungerkatastrophe im Osten Afrikas es gerade mal für ein paar Wochen in die deutschen Medien geschafft hatte, hatte mein Kumpel Jan eine Idee: Er wollte den gleichen Betrag, den er an einem Wochenende fürs Feiern ausgibt, für das “Bündnis Entwicklung hilft” spenden. Wir sind mit dem Blog aufgesprungen und so war die Facebook-Aktion “Saufen gegen den Hunger” geboren, die wir im Winter als “Glühwein gegen den Hunger” wiederholt haben.

Jetzt ist wieder Adventszeit und im Fernsehen finden allerlei Wohltätigkeitsveranstaltungen statt, also wollen auch wir nicht mehr warten und starten die 2012er Auflage von “Glühwein gegen den Hunger”.

Die Regeln sind wie immer idiotensicher:

Wir werde den gleichen Betrag, den wir am Wochenende (14. – 16. Dezember) verfeiern/verköstigen/versaufen/weg-eskalieren/nach der Party verfressen, für Afrika spenden.

Also, für jeden Eintritt, jedes Bier, jeden Schnaps/Sekt/Döner/sonstwas kommt der gleiche Betrag auf das Spendenkonto der ARD (s.u).

Dann wirds zwar logischerweise doppelt so teuer, aber der Kater wird durch ein gutes Gewissen ausgeglichen! (und wenn das nicht wirkt: Aspirin)

Wie bei den letzten Malen können und wollen wir nicht überprüfen, ob die Teilnehmer sich auch tatsächlich an die (recht vagen) Regeln halten, aber wir glauben weiterhin an das Gute im Menschen.

Alles Weitere zu “Glühwein gegen den Hunger” erfahren Sie bei Facebook — und wenn Sie spenden wollen, ohne etwas zu trinken, können Sie das selbstverständlich auch tun.

“Sie übergibt sich!”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Dezember 2012 16:12

Natürlich kann man es bescheuert finden, dass Onlinemedien wie “Spiegel Online” oder n-tv.de gestern die Push-Funktion ihrer Smartphone-Apps benutzten, um ihre Leser darüber zu informieren, dass der Herzog und die Herzogin vom Cambridge (auch bekannt als “Prince William und Herzogin Kate”) Nachwuchs erwarten. Aber, mein Gott: Die Eurokrise scheint nie enden zu wollen, im Nahen Osten hat sich die Lage gerade erst wieder ein bisschen beruhigt und in zweieinhalb Wochen geht die Welt unter — da kann die Nachricht von der nahenden Geburt eines Menschen, noch dazu in der Adventszeit, doch für einen Moment mal ein wärmendes Licht in die kalte Dunkelheit werfen.

Der Wahnsinn ist ohnehin woanders zuhause. Nicht bei der “Sun”, die mit “Kate Expectations” einen Überschriften-Volltreffer landete, nicht in “Bild”, wo Alexander von Schönburg über Zeugungsort und -zeitpunkt spekulierte, vermutlich nicht einmal im Sat.1-Frühstücksfernsehen, obwohl ich das aus panischer Angst vor Sibylle Weischenberg gar nicht erst eingeschaltet habe.

Es dürfte in jedem Fall schwer werden, den Artikel zu über…, unter… Es dürfte schwer werden, irgendetwas zu finden, was mit dem Artikel von Helmut-Maria Glogger auf “Focus Online” vergleichbar wäre. Und da möchte ich Trips auf synthetischen Drogen durchaus mit einrechnen.

Schon der erste Absatz ist Poesie:

“Die Welt interessiert sich nur für meinen Bauch”, lächelt Catherine, Duchesse of Cambridge, Ehefrau von Prinz William. Und verweigert bei ihrem Besuch bei der Unicef in Kopenhagen die gereichte Erdnusspaste – worauf ihr Sprecher verkündet: “Die Herzogin ist nicht allergisch auf Erdnüsse.”

Auf diesen Zwischenfall, der medial durchaus großzügig ventiliert wurde, wird der Text im Folgenden nicht mehr eingehen. Schade, hatte die Herzogin (oder “Duchess”, wenn’s schon Englisch sein soll) ihrem Mann laut Berichten doch einen “wissenden Blick” zugeworfen und hatten Ärzte und Gesundheitsexperten schwangere Frauen doch schon “lange gedrängt”, sich von Erdnüssen und ihren Nebenprodukten fern zu halten, “um Allergien zu vermeiden”. Allerdings ist die Episode inzwischen auch schon 13 Monate her, sie steht also – nach allem was wir über die menschliche Schwangerschaft wissen – in keinem direkten Zusammenhang zur gestrigen Bekanntmachung.

Einen ganzen Absatz verwendet Glogger darauf, vorgeblich kenntnisreich zu beschreiben, wo sich Herzogin Kate nicht übergibt: Nicht im Cottage auf der “kargen Insel Anglesey vor der Küste von Wales”, nicht im “Nottingham Cottage”, “dem als ‘Nott Cott’ bekannten Gartengebäude beim Kensington Palace” mit diversen Räumen, die Glogger natürlich aufzählt — nicht ohne zu erwähnen, dass Williams Mutter Diana “bis zu ihrem Tod” im Haupthaus (also, welch Zufall, auch nicht im Cottage!) leben durfte. Und zwar “in den Apartments 8 und 9″!

Dann klärt Glogger endlich auf, wo sich die Herzogin denn stattdessen übergebe — und seine Detailbesessenheit nimmt Ausmaße an, die man sonst nur aus den Landschaftsbeschreibungen von Mittelerde kennt:

Catherine liegt seit Montag mit “sehr heftiger Übelkeit” im privaten “King Edward VII’s Hospital” an der Londoner Beaumont Street. Das unter der Telefon-Nummer +44 (0) 20 7486 4411 erreichbar ist – ein Durchstellen zu den Gynäkologen Dr. Alfred Cutner, Dr. Arvind Vashist oder Dr. Jonathan Dowler ist allerdings leider nicht möglich.

Man hätte hier erwähnen können, dass es ja auch bei “Dr. House” mal einen Dr. Kutner gegeben habe, der allerdings nicht mit “C” geschrieben wurde, mit Vornamen Lawrence und nicht Alfred hieß und auch nicht Gynäkologe, sondern Diagnosespezialist war, aber Glogger entscheidet sich gegen die an dieser Stelle schon nicht mehr völlig abwegig erscheinende Abzweigung und fährt fort:

Dass das Hospital, in dem die “leicht” schwangere Catherine aufgepäppelt wird, ausgerechnet den Namen des britischen “Bordellkönigs” Edward VII. trägt? Ein gutes Omen? Gute Frage!

Sich selbst zur eigenen rhetorischen Frage zu beglückwünschen, ist doch sicher eine außergewöhnliche stilistische Spielerei, oder? Ich bin froh, dass ich das anspreche!

Glogger ist auch froh, dass er das Thema so elegant auf Edward VII. hat bringen können, denn wie die Autorenzeile erklärt, erscheint 2013 sein Buch “Der Bordellkönig: Edward VII.” und deswegen dürfen Sie einmal raten, worüber er in den nächsten Absätzen referiert (kleiner Tipp: eine “kupferrote Badewanne” und ein “‘Liebesstuhl’ für die Ménage-à-trois” kommen auch drin vor).

“Cloud Atlas”-gleich verwebt Glogger nun die verschiedenen Epochen miteinander:

Am Totenbett des Monarchen stand Alice Keppel. Genau: die Urgroßmutter von Camilla. Die der Ehefrau des heutigen Thronfolger Charles folgenden Satz vererbte: “Erst der Hofknicks – dann ab ins Bett!”

Herzogin Kate, Verzeihung: Catherine sei anders, fährt Glogger fort:

Catherine ist anders, kein Prince-Groupie, mit ihren 30 Jahren eine Frau, die selbst als allein erziehende Mutter ihren Weg gehen kann! Catherine hat einen Master of Arts, hat Aussicht auf ein Drittel der Millionen abwerfenden Scherzartikel-Firma ihrer Mutter, die von Festgeschirr, Ballonen, Deko-Schlangen bis Kleidung und Kuchen alles anbietet.

Mit “Prince-Groupie” bezieht sich Glogger natürlich nicht auf den Popstar der 1980er Jahre, mit “Scherzartikel” mutmaßlich auch nicht auf seinen eigenen Text, den er auf Seite 2 mit Begriffen wie “virgo intacta” (“Jungfrau”) und “pied-à-terre” (“800 000 Pfund”, sonst nicht näher erklärt) würzt.

Und mit weiterem Detailwissen:

Eine Schwangerschaft, die in Bucklebury von Briefträger Ryan Naylor ebenfalls wie von Dorfmetzger Martin Fidler, auf den Bänken und Stühlen in Johns Pub in Bucklebury heute, morgen und übermorgen garantiert kräftig begossen wird.

Sollte Glogger für diese Namensnennungen extra nach Bucklebury gefahren sein, so wäre dies zumindest nicht nötig gewesen. Aber vielleicht hat er dort die Glaskugel gefunden, in die er nun schaut:

Kates jüngere Schwester Pippa wird den neuen Status ihrer Schwester nutzen – um vielleicht doch noch einen reichen Erben zu freien. Catherines Bruder James wird künftig – selbst stockbesoffen – auf das Tragen von Frauenkleidern verzichten.

Gloggers Zukunftsvisionen sind erstaunlich klar, nur erklären sie an dieser Stelle auch nichts mehr.

Er ist nämlich inzwischen dazu übergegangen, zu erklären, dass mit Catherine “wieder eine ‘normale’ Schwangere ins Leben der Windsors” komme. Und das sei ja nicht immer so gewesen, denn “schwanger zu werden von einem Windsor war selbst für angetraute Damen nicht einfach”. (Die Formulierung “selbst für angetraute Damen” ergibt angesichts der Tatsache, dass Glogger vorher noch groß über die Entsorgung von “Bastards” doziert hatte, auch nicht wirklich Sinn, aber: hey!)

Glogger referiert also, dass Queen Mum und ihr Mann “auf den Rat ihres Arztes Dr. Lane Phillips” eingewilligt habe, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen, was zum “Ergebnis”, Königin Elizabeth II, geführt habe.

Dann wird es vollends speziell:

Erinnern wir uns an den Abend des 6. Februar 1981.

Oookay …

Der königliche Gynäkologe berichtet Königin Elisabeth II., dass Lady Diana Spencer zwar noch “virgo intacta” ist, aber keine Kaiserin Soraya ist – also sehr wohl fähig zu einer Schwangerschaft. Worauf Prinz Charles via Sekretär das Kindermädchen der St-Saviour-Kirche im Stadtteil Pimlico in sein Zwei-Zimmer-Quartier im dritten Stock des Buckingham-Palasts rufen lässt. Diana findet mit ihrem Mini Metro die Privateinfahrt zum Buckingham-Palast nicht. Ein Torwächter hilft ihr.

Yeah. Whatever …

Laut der Fachbibel “Burke’s Peerage and Gentry” sind William und Catherine angeblich Cousins siebzehnten Grades. Eine Inzest-Gefahr, gepaart mit dem Gen der Bluterkrankheit, ist allerdings nicht gegeben.

Will you please stop it?

Die Gefahr, dass das Kind von Catherine und William ein “typisch britischer König” wird, ist gering. Obwohl sich in der Geschichte des Königshauses viele finden: debile Säufer, schwachsinnige Stotterer, Laller, ungewaschene Prinzessinen, homosexuelle Opium-Raucher, nervös Zuckende, Sado-Masochisten, Mörder, Frauen, die eher Männer, Männer, die eher Frauen waren – Fuß-Fetischisten, Flagellanten und medizinisch erklärte Wahnsinnige.

Zombies! Aliens! Vampire! Dinosaurier!

Nachdem Glogger den Leser noch darüber informiert hat, dass Prince Charles “seiner Frau Diana gerade mal 17 gemeinsame Nächte zugestand” (ob er, Glogger, mit seinem Notizblock auf dem – sicherlich staubfreien – Boden unter dem königlichen Bett dabei war, lässt er leider offen), kommt er zum Schluss.

Also ganz zum Anfang zurück:

Eine künftige Königin ist schwanger! Sie übergibt sich! Und ein künftiger König ist dabei. Das hat es in der über 1000-jährigen Geschichte der britischen Monrachie (sic!) noch nie gegeben!

Einen solchen Artikel sicherlich auch nicht!

Luki Waits

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 3. Dezember 2012 18:15

Ich hab das Gefühl, ich hab das alles schon tausendmal erzählt:

Wie ich 1999, als ich Ben Folds Five gerade für mich entdeckt hatte, nicht zur “Rolling Stone Roadshow” gefahren bin, weil ich dachte, die Band würde schon demnächst mal wieder nach Deutschland kommen. Und wie sich die Band dann ein Jahr später aufgelöst hatte.

Wie im Jahr 2001 das erste (offizielle) Soloalbum von Ben Folds erschien und ich das Releasedate schon Monate vorher groß im Kalender markiert hatte: den 11. September.

Wie ich an einer Online-Petition teilnahm, die Ben Folds mit seinen damaligen Begleitmusikern im Jahr 2005 endlich wieder nach Deutschland brachte.

Wie Ben Folds Five im September 2008 tatsächlich ein einzelnes Reunion-Konzert spielten, das blöderweise in Chapel Hill, NC stattfand. Und wie sie dann im vergangenen Jahr doch noch ankündigten, wieder zusammen ein Album aufzunehmen und auf Tour zu gehen.

“The Sound Of The Life Of The Mind” ist tatsächlich ein sehr gutes Album geworden, nicht nur gemessen an meinen (zugegebenermaßen sehr niedrigen) Erwartungen und meinem Fandom, sondern einfach ein sehr gutes Album. Im Sommer waren die ersten Festival-Auftritte der wiedervereinten Band auf YouTube zu sehen, dann kamen die Tour-Termine raus — auf denen Deutschland fehlte. Aber nach 13 Jahren Warten haben Ländergrenzen, Kosten und abwegige Ideen völlig ihre Bedeutung verloren, so dass ich mir nur noch Begleitung suchen musste und dann Flug nach, Hostel in und Konzerttickets für Manchester gebucht habe.

Ben Folds Five im O2 Apollo Manchester

Manchester ist keine Stadt, die einen mit Schönheit überwältigt. Mit Hässlichkeit allerdings auch nicht. Je mehr ich in Deutschland und der Welt rumkomme, desto mehr verschwimmen all dieses Städte sowieso vor meinem geistigen Auge zu einer bzw. zweien — einer deutschen und einer internationalen. In der internationalen gibt es dann Läden wie HMV und Waterstone’s und in ihren Supermärkten kann man HP Sauce und Schokolade von Cadbury kaufen und was braucht der Mensch eigentlich mehr?

Außerdem waren wir ja eh primär aus einem Grunde in der Stadt. Ich war in den Tagen vor dem Konzert nicht aufgeregt, es war nicht so wie als Teenager, als ich Tage vorher nur noch die CDs der auftretenden Bands gehört habe und mit Herzklopfen in den Zug gestiegen bin, selbst wenn es zum Konzert von Slut nach Dortmund ging. Aber in der Nacht vor dem Konzert habe ich dann doch von zwei Ben-Folds-Five-Songs geträumt. So was war mir noch nie passiert.

Viel zu früh standen wir letztlich vor den noch verschlossenen Toren des O2 Apollo, das sich große Mühe gegeben hatte, die tatsächlichen Zeitpunkte für Einlass und Konzertbeginn geheim zu halten. Eine weitere Stunde fiel der Vorband und Umbaupause zum Opfer: Ich habe vor Ben Folds’ Solokonzerten bisher immer nur Acts gesehen, die bestenfalls okay waren, häufig auch sehr speziell. Aber so anstrengend wie Bitter Ruin war tatsächlich noch keiner von ihnen gewesen. Aber was sind 25 Minuten Gekreische gegen 13 Jahre?

Gut. Diese verdammten 13 Jahre bedeuteten natürlich auch, dass ich mir vorher schon sicher sein konnte, dass das Konzert meine Erwartungen nicht würde erfüllen können. Also: Meine Erwartungen von damals. Heute hatte ich ja irgendwie keine mehr. Als Ben Folds, Robert Sledge und Darren Jessee die Bühne betraten, war das dann auch kein “Endlich!”-Moment mehr. Es war einfach der Beginn eines Konzertes. Aber eines guten.

Ben Folds Five im O2 Apollo Manchester

Die Setlist war klug zusammengestellt, die Band definitiv in Spiellaune. In einzelnen Momenten drohten Songs rhythmisch aus dem Leim zu gehen, obwohl die drei eigentlich Top-Musiker sind, aber die Harmoniegesänge waren in jedem Moment grandios und zählten sicher zu Besten, was es in dem Bereich seit Ende der Sechziger gegeben hat.1 Neue Songs (gleich sieben) wechselten sich mit alten Hits ab, aus Folds’ Solophase gab es nur “Landed” zu hören, bei dem sich Bassist Robert Sledge und Schlagzeuger Darren Jessee etwas zurückhaltend zeigten.

Als ich dann “Brick” zum ersten Mal in meinem Leben live hörte, stellte sich tatsächlich ein kleiner Gänsehautmoment ein. So ein gestrichener Kontrabass wirkt quasi direkt auf die kleinen Härchen auf den Armen und im Nacken und das vermutlich schönste Lied, das je über eine Abtreibung geschrieben wurde, tut natürlich sein Übriges. Beinahe erwartbar improvisierten die Drei spontan den Song “Rock This Bitch In Manchester”, dessen Text so bescheuert war, dass sogar Folds beim Singen lachen musste. Und die Bläser-Passage aus “Army” können aufmerksame Konzertbesucher inzwischen natürlich im Schlaf mitsingen.

Nach 113.976 Stunden des Wartens und ziemlich exakt zwei Stunden Konzert war dann Schluss — für Ben-Folds-Verhältnisse etwas früh, aber – hey! – auch das ist England. Dann eben kein “Magic”, kein “Philosophy”, “Don’t Change Your Plans”, “Eddie Walker”, “Lullabye” oder “Away When You Were Here”, der beste Song des neuen Albums. Es war ein wirklich tolles Konzert, aber wirklich besonders hat es sich für mich dann leider doch nicht angefühlt. So ist das also, wenn man sich die Spielzeugeisenbahn zum 50. Geburtstag endlich selbst kauft.

Am nächsten Tag zeigte sich dann wieder einmal, wie nutzlos das Internet sein kann: Während wir in Manchester via Facebook-Timeline ausführlich darüber informiert wurden, dass die Zeitschrift “Brigitte” irgendetwas über Skateboards geschrieben hatte,2 war irgendwie völlig an uns vorbeigegangen, dass Ben Folds am Mittwoch seine einzige Fotoausstellung während der gesamten Tour eröffnet hatte. In Manchester. Mit Band. In einer Galerie, zwei Blocks vom Hostel entfernt.

Story of my life.

  1. Vergessen Sie Mumford & Sons, vergessen Sie Fleet Foxes! []
  2. Leute, jetzt mal im Ernst: Get. A. Fucking. Life. []

And there won’t be snow in Africa this Christmas time

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 26. November 2012 13:32

Totensonntag ist vorbei, das heißt, wir “dürfen” jetzt auch “offiziell” Weihnachtslieder hören.

Ich bin gleich mal mit gutem Beispiel vorangegangen und habe mir für diesen BILDblog-Artikel “Do They Know It’s Christmas?” und “We Are The World” angehört — wobei ich dann bei der Lektüre des Wikipedia-Artikels festgestellt habe, dass “We Are The World” gar keine Vorweihnachts-Single war.

Da der gute Zweck bekanntlich die cheesy Mittel heiligt, sollte man die Texte dieser Benefiz-Evergreens besser ignorieren.

In “Do They Know It’s Christmas?” heißt es etwa:

There’s a world outside your window
And it’s a world of dread and fear
Where the only water flowing is the bitter sting of tears

Okay, das ist schon hart. Aber schauen Sie mal, wie schön die Worte “the bitter sting of tears” im Musikvideo ins Bild gesetzt wurden:

Sting

Papier ist geduldig

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 14. November 2012 22:11

Gestern gab es gleich zwei schlechte Nachrichten im Mediensektor: Das Stadtmagazin “Prinz” wird im Dezember zum letzten Mal als gedruckte Ausgabe erscheinen und die “Frankfurter Rundschau” meldete Insolvenz an.

Sofort ging das Geraune wieder los, Print sei tot. Wahrscheinlich konnte man auch wieder das Idiotenwort “Totholzmedien” lesen. Gerne würde ich diesen Leuten ins Gesicht schreien, dass sie Unrecht haben. Das Problem ist: Ich würde mir selbst nicht glauben. Das Problem bin ich selbst.

Das letzte Mal, dass ich ein Printerzeugnis gekauft habe, war die September/Oktober-Ausgabe der “Spex”. Davor hatte ich in diesem Jahr vielleicht fünf, sechs andere Zeitungen und Zeitschriften gekauft. Nicht, weil ich die Produkte scheiße fände, im Gegenteil, aber: Wann soll ich die denn lesen?

Vielleicht liegt es daran, dass ich von zuhause aus arbeite — mein Weg vom Frühstücks- zum Schreibtisch beträgt sieben Meter, der Gang zur Tageszeitung im Briefkasten wäre ein Umweg. Als ich im ersten Semester meines Studiums noch täglich von Dinslaken nach Bochum gependelt bin, habe ich in dieser Zeit jeden Monat “Musikexpress”, “Rolling Stone”, “Visions” und “Galore” gelesen, dazu zahlreiche Bücher und an manchen Tagen gar Zeitungen. Tatsächlich habe ich alle Zeitschriften, die ich 2012 gekauft habe, in Bahnhofskiosken erworben. Aber auf Zugfahrten kann ich auch endlich mal in Ruhe Podcasts hören oder ein Buch lesen — oder halt die ganze Zeit auf den Bildschirm meines iPhones starren.

Es ist bescheuert, Texte auf einer Fläche lesen zu wollen, die kleiner ist als mein Handteller, und wir werden vermutlich eines Tages alle dafür bezahlen. Aber es ist auch so herrlich praktisch, in der S-Bahn, im Café oder morgens noch vor dem Aufstehen im Bett zu lesen, was gerade in der Welt passiert. Ein Buch würde ich so nie lesen wollen, aber Nachrichten? Warum nicht!

Gemessen daran ist die Tageszeitung, die ich auf dem Weg zum Bäcker kaufen könnte, natürlich alt. Dass sie deshalb überflüssig sei, ist natürlich auch so ein Quatsch-Argument der Internet-Apologeten: Schon vor 30 Jahren konnte es einem passieren, dass die “Tagesschau” um 20 Uhr berichtete, was man schon im “Morgenmagazin” auf WDR 2 gehört hatte. Es geht ja nicht nur um die reine Nachricht, sondern auch um deren Aufbereitung. Und selbst wer den ganzen Tag am Internet hängt, wird nicht alles mitbekommen haben, was sich an diesem Tag ereignet hat. Andererseits ist der Nutzwert einer Zeitung, die fast ausschließlich die gleichen Agenturmeldungen bringt, die am Vortag schon auf zweitausend Internetseiten zu lesen waren, tatsächlich gering. Das gilt leider auch für eine Lokalzeitung, die ihre schönen Enthüllungen schon vorab im eigenen Webportal veröffentlicht hat.

Natürlich liest man Zeitungen ganz anders als Webseiten: Das Auge streift Meldungen, Überschriften und Fotos, nach denen man nie gesucht hätte, die einen aber dennoch ansprechen können — nicht selten zur eigenen Überraschung. Ich liebe gut gemachte Zeitungen, trotzdem lese ich sie nicht. Ich weiß auch, was gutes Essen ist, trotzdem geht nichts in der Welt über Burger, Currywurst und Pizza. Aber warum bin ich, warum sind wir Menschen so?

Es kann mir niemand erzählen, dass die Lektüre eines Textes auf einem Bildschirm (egal ob Smartphone, Tablet oder Monitor) mit der eines Buchs vergleichbar ist. Der Text ist derselbe, aber “Lektüre” ist dann offenbar doch etwas anderes als schlichtes Lesen. Schon ein Taschenbuch fühlt sich nicht so wertig an wie eine gebundene Ausgabe mit Lesebändchen, die digitale Textanzeige ist dagegen ein Witz.1 Aber offensichtlich gibt es Menschen, denen das an dieser Stelle dann vielbeschworene sinnliche Leseerlebnis nicht so wichtig ist. Ich würde ja auch keine 20 Euro für eine Flasche Wein bezahlen.

Mein Verhältnis zu Vinyl-Schallplatten ist eher theoretischer Natur: Ich habe nur ein paar, das meiste sind Singles, die ich aus einer Mischung von Schnäppchenjagd, Witz und Sammelleidenschaft erworben habe.2 Ich besitze nicht mal eine ordentliche Stereoanlage, auf der ich die Dinger abspielen könnte, weiß aber natürlich um den legendären Ruf von Vinyl. Meine Sozialisation fand mit CDs statt und ehrlich gesagt frage ich mich manchmal schon, warum anfällige Schallplatten besser sein sollen als die dann doch recht robusten Silberscheiben. Und natürlich sind CDs für mich viel wertiger als MP3s, auch wenn ich viele CDs nur einmal aus der Hülle nehme, um sie in MP3s zu verwandeln. Aber MP3s sind für mich immer noch besser als Streaming-Dienste wie Spotify: Da “habe” ich ja wenigstens noch die Datei. Bei einem Streaming-Dienst habe ich Zugang zu fast allen Tonträgern der letzten 50 Jahre, wodurch jedes Album quasi völlig wertlos wird, auch wenn ich im Monat zehn Euro dafür bezahle, alles hören zu können. Dennoch nutze ich Spotify, wenn auch eher für Klassische Musik und zum Vorhören von Alben, die ich mir dann später kaufe. Ich gucke auch DVDs auf einem Laptop, dessen Bildschirm ungefähr Din-A-4-Größe hat und dessen Auflösung höher ist als die der DVD selbst.

Schadet es also dem Produkt, wenn das Medium als weniger wertig empfunden wird? Ich finde ja. Ich habe im Internet grandiose Texte gelesen, die ich glaub ich noch besser gefunden hätte, wenn ich sie auf Papier gelesen hätte. Nur, dass ich sie auf Papier nie gelesen hätte, weil ich sie dort nie gesucht und gefunden hätte. Und weil ich zu wenig Zeit habe, noch bedrucktes Papier zu lesen, weil ich fast den ganzen Tag vor dem Internet sitze. Es ist bekloppt!

Die meisten Menschen, die ich kenne, haben kein besonderes Verhältnis zu Pferden oder Autos, sie wollen nur möglichst schnell an irgendeinem Ziel ankommen. Das Auto ist schneller als das Pferd — basta! Das war vor hundert Jahren schlecht für die Pferdezüchter und Hufschmiede, aber so ist das. Der Automobilindustrie ginge es auch noch bedeutend schlechter, wenn wir endlich alle Raketenrucksäcke hätten oder uns beamen könnten.

Die meisten Menschen wollen auch einfach nur Musik hören. Von den Arschlöchern mal ab, denen es egal ist, ob die Musiker dafür auch entsprechend entlohnt werden, ist das völlig legitim, sie brauchen keine sieben CD-Regale in der Wohnung und Deluxe-Boxsets. Ihre Umzüge sind mutmaßlich auch weniger anstrengend.

Es gibt offensichtlich Menschen, die Bücher lesen, die keine Bücher mehr sind. Auch das ist legitim und beim Umzug von Vorteil. Ich kann das nicht verstehen, aber ich kann schon nicht verstehen, wie man sich Romane aus der Bücherei ausleihen kann: Wenn mir ein Buch gefällt, will ich Stellen unterstreichen und es anschließend, als Trophäe und zum Wiederhervorholen, im Regal stehen haben.

Die meisten Menschen brauchen aber offenbar auch keine gedruckten Zeitungen und Zeitschriften mehr — außer, sie ziehen gerade um. Ich würde das gern ebenfalls merkwürdig finden. Aber ich bin ja offenbar genauso.

  1. Anderseits kann eine Volltextsuche schon sehr, sehr praktisch sein. []
  2. Eine spanische Pressung von “September” von Earth, Wind And Fire? Klar! Die Originalauflage von Sandie Shaws “Puppet On A String”? Brauch ich als ESC-Fan natürlich dringend! []

Cinema And Beer: “Oh Boy”

Von Coffee And TV
Veröffentlicht: 14. November 2012 12:55

In der zweiten Folge unserer neuen Podcast-Reihe gehen wir ins sogenannte Opfakino und sehen uns “Oh Boy” von Jan-Ole Gerster (Sorry!) an.

Oh Boy (Offizielles Filmplakat)

Cinema And Beer: “Oh Boy”
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