Wo Seen zum Schwimmen hingehen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 20. August 2012 13:40

Es gibt sicher einen Fachbegriff dafür, aber die große Hitze hat dafür gesorgt, dass auch drei Germanisten sich nicht daran erinnern können.

Deshalb nennen wir das, was “Spiegel Online” hier in der Bildunterschrift passiert ist, einfach einen Semantik-Unfall und gehen zurück ins kühle Nass:

See Genezareth: "Leider sprang ich ohne Badehose ins Wasser"

Eingesandt von Benjamin.

Das Ende des Onlinejournalismus

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 14. August 2012 20:22

Ich weiß nicht, was Sie heute so den lieben, langen Tag getrieben haben, aber ich habe mich heute mal ausgiebig mit dem Privatleben verschiedener Prominenter beschäftigt.

Die “B.Z.” hatte berichtet, dass Lena Meyer-Landrut jemanden in Köln liebe und ein zusätzliches Tattoo habe. Beides waren keine Neuigkeiten, aber die Boulevard-Medien griffen es doch gerne auf (nachzulesen im BILDblog). Besonders hervorgetan hatte sich bei diesem Thema die Feld-, Wald- und Wiesenagentur dapd, die es sogar fertigbrachte, Dinge als neu zu berichten, die sie selbst zuvor schon mal als neu berichtet hatte.

Das “People”-Magazin hatte über den ersten öffentlichen Auftritt von Schauspieler Robert Pattinson nach dem Fremdgeh-Geständnis seiner Freundin Kristen Stewart geschrieben und dabei Vorkommnisse beobachtet, die im Fernsehen beim besten Willen nicht zu beobachten waren, von deutschen Boulevard-Medien aber begeistert aufgegriffen wurden (auch nachzulesen im BILDblog).

Womit wir bei der Antwort auf die Frage wären, was eigentlich schlimmer ist als Boulevardjournalisten, die sich für das Privatleben von Prominenten interessieren: Boulevardjournalisten, die sich nicht für das Privatleben von Prominenten interessieren, aber darüber berichten.

Die oft unter Boulevardmeldungen aufkommende Frage, wen das denn bitteschön interessiere und wer der dort beschriebene “Prominente” denn überhaupt sei, ist häufig Ausdruck von Überheblichkeit: Natürlich muss man Robert Pattinson, Kristen Stewart, Justin Bieber, Selena Gomez, Vanessa Hudgens, Zac Efron, Miley Cyrus und wiesealleheißen nicht kennen (es gibt ja nicht mal ein Gesetz, das vorschreibt, Barack Obama, Angela Merkel oder Joseph Ratzinger zu kennen), aber man muss ja nicht gleich die Fans runtermachen, denen diese Leute etwas bedeuten.

Meinetwegen können wir also darüber diskutieren, ob es irgendeinen Nachrichtenwert hat, mit wem eine prominente Person Tisch und Bett teilt, wo sie wohnt und was sie studiert oder nicht studiert (meine Antwort wäre ein entschiedenes “Nein!”), aber wenn so etwas einen Nachrichtenwert hat, dann sollte das doch bitte genauso ernsthaft behandelt werden, wie die Nachrichten zur Euro-Krise und zum Berliner Großflughafen. (Oh Gott, was schreibe ich denn da?!)

Ich glaube eher nicht daran, dass man verantwortungsvollen Boulevardjournalismus betreiben kann, ohne immer wieder Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Aber Boulevardjournalismus wird nicht besser, wenn den diensthabenden Redakteuren so offensichtlich egal ist, worüber sie gerade schreiben. Schreiben müssen, damit es geklickt wird. Die Leser klicken es natürlich, aber es ist, als ob sie nicht nur Fast Food bekämen, sondern Fast Food aus verdorbenen Zutaten.

Könnte man sich also vielleicht darauf einigen, das Wühlen im Dreck wenigstens den Leuten zu überlassen, die dabei ja offenbar wenigstens Talent und Interesse an den Tag legen? Also jenen amerikanischen Klatschblogs, die eh hinterher von allen anderen zitiert werden, und die ungefähr jede “wichtige” Geschichte der letzten Jahre als Erste hatten? Wer sich ein bisschen für Prominente interessiert, wird sich eh dort rumtreiben — und es hat absolut für niemanden Mehrwert, wenn meine Oma auf den Startseiten von “Spiegel Online”, “RP Online” und “Der Westen” von irgendwelchen Prominenten lesen muss, von denen sie noch nie gehört hat.

Eine solche Wertstofftrennung wäre der Anfang. Anschließend könnte man das sinn-, witz- und würdelose Nacherzählen von Internetdiskussionen über angeblich wechselwillige Fußballspieler einfach bleiben lassen, weil die Leute, die es interessiert, das eh schon gelesen haben. (Sofort verzichten sollten wir allerdings auf die bescheuerte Unsitte, Fernsehzuschauern vorzulesen, was Menschen bei Twitter über die aktuelle Sendung zu sagen haben, denn dafür gibt es ja Twitter, Herrgottnochmal!) Irgendwann könnten sich Onlinemedien dann darauf konzentrieren, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und nicht das aufzubereiten, was Nachrichtenagenturen aus dem Internet herausdestilliert haben.

Vielleicht müssten diese, dann schön recherchierten Geschichten auch nicht mehr im Netz erscheinen, sondern könnten etwas wertiger auf Papier reproduziert werden — die Leser würden vermutlich sogar dafür bezahlen. Es wäre das Ende des Onlinejournalismus. Bitte!

You all get the best

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 9. August 2012 23:24

Diesen Kommentar las ich gerade bei YouTube:

Ich bin jetzt 21 Jahre alt und bin so verdammt froh wenigstens noch ein bisschen von solch einer geilen Musik abbekommen zu haben. Die armen Gaga Bieber Fans wissen ja gar nicht was Musik ist..

So weit, so gut.

Kommen wir nun zu dem Song, unter dem dieser Kommentar stand:

Und fragen Sie mich bitte nicht, warum ich dieses Lied gerade bei YouTube gesucht habe …

Scoiattolo e olio

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. August 2012 15:16

Okay, für den ersten Platz reicht es nicht, aber als zweitbizarrstes Product Placement der Journalismusgeschichte könnte es schon durchgehen.

In Isernhagen bei Hannover ist gestern ein Eichhörnchen in einem Gullydeckel steckengeblieben und musste von der Polizei befreit werden.

“Bild” schreibt dazu:

[Die Polizeibeamten] stemmen den schweren Gullydeckel mit einem Brecheisen heraus. Erst als sie den sensiblen Nager mit Olivenöl der Anwohnerin (Marke: “Gut+Günstig”) einreiben und das Tier die Ohren anlegt, flutscht es heraus.

Das Eichhörnchen, “Gullyver” getauft,ist übrigens zwei Stunden später verstorben.

Hit me with your Spritzbesteck

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. August 2012 19:12

Die Ludwig-Maximilians-Universität zu München (LMU) hat an ihren Toilettentüren einen “Nutzungshinweis” aufgehängt:

“Der Aufenthalt in den Toilettenanlagen ist nur zum Zwecke der Verrichtung der Notdurft gestattet”, heißt es da. Und weiter: “Bei darüber hinaus gehendem unbefugten Verweilen wird ab sofort, ohne Ausnahme, Strafantrag wegen Hausfriedensbruch gestellt!”

Der Grund, so sueddeutsche.de:

Das Schreiben habe einen ernsten Hintergrund. “Bei der Verwaltung sind Beschwerden von Mitarbeitern und Studenten eingegangen, die sich bedroht fühlten, weil es auf den Toiletten Drogenmissbrauch gab.” Benutzte Spritzen und Blutspuren seien entdeckt worden.

Bebildert ist dieser Artikel mit einem Foto, das mutmaßlich nicht die Toilette der LMU zeigt:

Mit in den Toiletten ausgehängten "Nutzungshinweisen" will die LMU Drogensüchtige abschrecken.

Die Bildunterschrift sah nicht immer so aus. Als der Artikel online ging stand dort:

Sollen sich gerne in den Toiletten der LMU treiben: Drogensüchtige mit ihrem Spritzbesteck.

[Eingesandt von Julius.]

Diese Überschrift führt in die Irre

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 30. Juli 2012 15:08

Herr der Quiz-Fragen starb mit 49! Günther Jauch: Sein Tod hat uns alle schockiert
Geben Sie’s zu: Für einen Augenblick dachten Sie auch, Sie hätten die Nachricht des Wochenendes verpasst.

Doch anders als dieser Bild.de-Screenshot vom Freitag suggeriert, ist Günther Jauch nicht tot. Gestorben ist Günter Schröder, Gründer und Geschäftsführer der Firma Mind The Company, die sich die Fragen für “Wer wird Millionär?” und andere Quizshows ausdenkt. Und schockiert ist diesmal nicht die “Bild”-Redaktion oder “ganz Deutschland”, das “uns” ist Teil eines Zitats von Günther Jauch.

Wer den Artikel liest, erfährt das auch alles. Nach dem ersten Schreck.

Kürzen und Würgen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 25. Juli 2012 23:02

Zugegeben: Ich halte Wirtschaftswissenschaftler und Artverwandte sowieso für moderne Schamanen. Ich wäre nicht im Mindesten überrascht, wenn man im Keller des ifo-Instituts (bekannt durch seinen monatlich ermittelten “Geschäftsklimaindex”, einer Art Gefühlsbarometer der Wirtschaft) großflächige Kreidekreise und Hühnerknochen fände oder bei den sogenannten Ratingagenturen Glaskolben mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten. Ich habe also auch nicht näher verfolgt, was es mit dem aktuell stattfindenden Ökonomenstreit auf sich hat — mutmaßlich eine Art Historikerstreit ohne Nazis, also für Außenstehende sehr, sehr langweilig.

Gestern berichtete “Handelsblatt Online” unter der angemessen unaufgeregt Überschrift “Der Krieg der Ökonomen eskaliert” über den Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer:

Nichts zeigt die Zerstrittenheit deutscher Ökonomen so dramatisch, wie ein Interview mit dem Ökonomieprofessor Walter Krämer in der Dortmunder Studentenzeitung “Pflichtlektüre”. “Was von unseren Gegnern an Gehässigkeit in die Tinte geflossen ist, das ist ja kaum zu glauben, Leute wie Herr Bofinger der übrigens eine akademische Nullnummer ist.” Keiner nehme Herrn Bofinger ernst, wettert Krämer. Dieser sei nur in den Rat der Wirtschaftsweisen gekommen, weil die Gewerkschaften ihn dort rein kooptiert hätten. Handelsblatt Online konfrontierte Bofinger mit der harten Kritik, eine Reaktion gab es auf die Email-Anfrage aber bisher nicht.

Mit mangelndem Expertentum muss sich Krämer auskennen wie kaum ein Zweiter, ist der Ökonomieprofessor doch Vorsitzender des “Vereins Deutsche Sprache”, der mit ernstzunehmender Germanistik ungefähr so viel gemein hat wie Kreationisten mit der Evolution.

Vor ein paar Wochen hat Krämer einen Appell veröffentlicht. Bei der Berichterstattung darüber fühlte er sich missverstanden, wie “Handelsblatt Online” weiter schreibt:

Im Interview mit der Dortmunder Studentenzeitung versucht Krämer nun, aufzuklären. [Hans-Werner] Sinn sei an dem Aufruf nicht beteiligt gewesen, sagt er. Der “Spiegel” stelle ihn aber als mediengeilen Dummschwätzer da. “Diesen Redakteur könnte ich erwürgen und an die Wand klatschen”, so Krämer.

Der Wirtschaftswissenschaftler Gustav Horn verlinkte den “Handelsblatt”-Text bei Facebook und kommentierte, Krämer habe sich “für weitere wirtschaftspolitische Debatten als ungeeignet erwiesen”. Dann bekam Horn offenbar Post von Krämer, die er “der Korektheit wegen” ebenfalls auf Facebook veröffentlichte:

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich falle gerade aus allen Wolken, im Handelsblatt einen nicht autorisierten Mitschnitt einer flapsigen Nebenbemerkung während eines Interviews zu finden.
Den von Ihnen zitierten Text hatte ich bis heute Mittag nicht gesehen.
Sie dürfen gerne in der Redaktion der Pflichtlektüre nachfragen.
Die autorisierte Fassung des Interviews finden Sie hier:

http://www.pflichtlektuere.com/

Wie Sie darin sehen, bemühe ich mich nach Kräften um das Gegenteil dessen, was Sie mir vorwerfen.
Nämlich die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Ansätze herauszustellen.
Und bei dem Kollegen Bofinger werde ich mich für diesen faux pas entschuldigen.
Was treibt eigentlich das Handelsblatt, mit aller Gewalt eine allenfalls auf persönlicher, aber kaum auf wissenschaftlicher Ebene existierende Frontenbildung zwischen deutschen Ökonomen zu erfinden?

Mit irritierten Grüßen Walter Krämer

PS: Bitte leiten Sie diese Nachricht auch an den zuständigen Redakteur weiter, ich habe die elektronische Anschrift leider nicht

(“Faux pas” ist offenbar okay für den “Verein Deutsche Sprache”.)

Wenn man nun das Interview auf pflichtlektuere.com liest, findet man dort tatsächlich keine Erwähnung Bofingers und keine Gewaltphantasien gegenüber “Spiegel”-Redakteuren.

Man findet sie nicht mehr.

Rund eine Woche stand das Interview offenbar in seiner ursprünglichen Form online, gestern wurde es überarbeitet und die entsprechenden Passagen wurden ohne einen Hinweis entfernt.

Bei scribd.com oder im Google-Cache kann man aber noch einmal nachlesen, wie Krämer anderen vorwarf, sich im Ton zu vergreifen:

Neben der Kanzlerin gab es aber auch noch deutlichere Worte, beispielsweise von Wolfgang Schäuble. Manche Kritiker werfen Ihnen unter anderem Pathos und inhaltliche Armut vor…

Krämer: Also, wenn sich hier jemand im Ton vergreift, dann sind das die anderen. Was von unseren Gegnern an Gehässigkeit in die Tinte geflossen ist, das ist ja kaum zu glauben. Leute wie Herr Bofinger (Anmerk. Der Red.: Peter Bofinger, VWL-Professor an der Uni Würzburg und einer der fünf Wirtschaftsweisen) der übrigens eine akademische Nullnummer ist. Keiner nimmt ihn ernst, er ist nur in den Rat gekommen, weil von den Gewerkschaften rein kooptiert worden ist. Wenn hier jemand auf Stammtischniveau argumentiert, dann die Gegenseite.

An fast 20 Stellen unterscheiden sich die Versionen mal mehr, mal weniger stark voneinander. Die Leser von “Pflichtlektüre” erfuhren davon bis zum heutigen Nachmittag nichts, nur der Hinweis “[Update 24.7.2012]” im Vorspann deutete vage eine Überarbeitung an.

Ich habe mich an die Redaktion gewandt und unter anderem gefragt, ob die Überarbeitung des Interviews, gerade wenn es beim “Handelsblatt” zitiert und verlinkt wird, nicht kenntlich gemacht werden müsste. Der Redaktionsleiter erklärte mir dann, dass es mehrere Nachfragen gegeben habe und man darauf nun reagieren werde.

Seit dem späten Nachmittag steht nun unter dem Artikel:

Hinweis der Redaktion:

Das verschriftliche Interview mit Walter Krämer vom 17. Juli 2012 lag dem Befragten vor der Veröffentlichung nicht vor. Die aktualisierte Fassung enthält die Änderungen, die Herr Walter Krämer am 24. Juli 2012 ergänzt hat.

Tobias Schweigmann
Leiter der Lehrredaktion Online

“Ergänzt”, soso. Wenn der “Verein Deutsche Sprache” von dieser Bedeutungsverschiebung erfährt …

“Haha”, said the clown

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 24. Juli 2012 1:04

Wenn sich der Mann, der in der Nacht zum Freitag in einem Kino in Colorado 12 Menschen erschossen und 58 weitere verletzt hat, für eine andere Vorstellung entschieden hätte, wäre alles anders: “Ice Age 4″, der Katy-Perry-Konzertfilm, schon “The Amazing Spider-Man” hätte alles geändert, aber der Mann ging in die Mitternachtsvorstellung von “The Dark Knight Rises” — ob gezielt, ist noch nicht klar.

dapd schreibt:

Der Polizeichef von New York, Raymond Kelly, sagte, der Verdächtige habe seine Haare rot gefärbt und gesagt, er sei der “Joker”, ein Bösewicht aus den “Batman”-Filmen und -Comicbüchern. “Das ist meines Wissens nach nicht wahr”, sagte hingegen der örtliche Polizeichef Dan Oates, erklärte aber mit Kelly gesprochen zu haben.

Der Polizeichef einer 2.800 Kilometer entfernten Stadt sagt etwas, was der örtliche Polizeichef nicht bestätigen kann oder will — das kann man aufschreiben, wenn man die ohnehin ins Kraut schießenden Spekulationen weiter anheizen will, muss es aber sicher nicht.

Das heißt: Als Nachrichtenagentur im Jahr 2012 muss man es wahrscheinlich schon, weil die Kunden, allen voran die Onlinedienste, ja sonst selbst anfangen müssten, irgendwelche mutmaßlichen Details aus dem Internet zusammenzutragen. Dabei gibt es kaum welche!

“Spiegel Online” kommentiert den Umstand, dass der Mann offenbar nicht bei “Facebook, Twitter, irgendein Social Network herkömmlicher Strickart” angemeldet war, dann auch entsprechend so:

Bei den Fahndern wirft das Fragen auf, während es bei jüngeren Internetnutzern für Fassungslosigkeit sorgt. Ihnen erscheint Holmes wie ein Geist. Wie kann das sein, dass ein 24 Jahre junger amerikanischer Akademiker nicht vernetzt ist? Mit niemandem kommuniziert, Bilder tauscht, Status-Aktualisierungen veröffentlicht, sich selbst öffentlich macht?

Man hätte es also wieder einmal kommen sehen müssen:

Dass Holmes im Web nicht präsent ist, macht ihn heute genauso verdächtig, wie er es als exzessiver Nutzer wäre. Im Januar 2011 veröffentlichte ein Team um den Jugendpsychologen Richard E. Bélanger eine Studie, die exzessive Internetnutzung genau wie Internet- und Vernetzungs-Abstinenz bei jungen Leuten zu einem Warnsignal für mentale Erkrankungen erklärte.

Erst an dieser Stelle, in den letzten Absätzen, wendet sich Autor Frank Patalong gegen die von ihm bisher referierten Thesen:

Man muss sich einmal vorstellen, was es für uns alle bedeuten würde, wenn das Konsens würde: Dann wäre nur noch der unverdächtig, der ein “normales” Online-Verhalten zeigt, Selbstveröffentlichung per Social Network inklusive.

Doch vielleicht braucht man aus [...] fehlender Online-Präsenz kein Mysterium zu machen. Vielleicht ist [...] einfach nur ein ehemaliger Überflieger, der mit seinem eigenen Scheitern nicht zurechtkam. Ein Niemand, der jemand werden wollte, und sei es mit Gewalt auf Kosten unschuldiger Menschen.

Es gibt allerdings berechtigte Hoffnung darauf, dass die Talsohle bereits erreicht wurde — womöglich gar bis zum Ende des Jahres oder dem der Welt.

Beim Versuch, mögliche Zusammenhänge zwischen den “Batman”-Filmen und dem Massenmord im Kino als haltlose Spekulation zurückzuweisen, lehnt sich Hanns-Georg Rodek bei “Welt Online” nämlich derart weit aus dem Fenster, dass er fast schon wieder im Nachbarhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite (vierspurige Straße mit Parkbuchten am Rand und Grünstreifen in der Mitte) ankommt.

Aber leider nur fast:

[Der Täter] flüchtete durch den Notausgang und wurde, ohne Widerstand zu leisten, bei seinem Auto gefasst. Dabei soll er “Ich bin der Joker, der Feind von Batman” gesagt haben.

Daraus lässt sich eine erste wichtige Folgerung ziehen: Der Attentäter hat den Film nicht gesehen, auch nicht im Netz, weil dort keine Raubkopien kursierten, und er kann sich den Inhalt nur bruchstückhaft zusammengereimt haben, wobei allerdings Allgemeinwissen war, dass der Joker gar nicht auftritt.

Laut Rodek war der Joker also da, wo sich die Leser seines Artikels wähnen: im falschen Film. Er hätte nicht die erste Vorstellung von “The Dark Knight Rises” stürmen müssen, sondern eine der (zum Start des Films zahlreich angebotenen) Wiederaufführungen des zweiten “Batman”-Films von Christopher Nolan, “The Dark Knight”. Denn da hätte ja der Joker mitgespielt.

Aber das ist eh alles egal, so Rodek:

Auf jeden Fall hätte Holmes, wäre seine Stilisierung ernst gemeint gewesen, sich die Haare nicht rot färben müssen, sondern grün. Der Joker trägt grünes Haar, weil er einmal in ein Fass mit Chemikalien fiel, das weiß in Amerika jedes Kind.

Die Leute von dpa wussten es nicht, aber die sind ja auch keine amerikanischen Kinder. Und das, wo Rodek den Jugend- und Teenager-Begriff schon ausgesprochen weit fasst:

US-Teenager – [der Täter] ist 24 – wissen ziemlich gut über diese Figur Bescheid.

Rodek hingegen weiß über Massenmorde ziemlich gut Bescheid:

Das Century-Kino war die perfekte Bühne – Hunderte Menschen, zusammengepfercht, ihm in Dunkel und Gasnebel ausgeliefert. Ein Ort, besser noch für sein Vorhaben als eine Schule, ein Einkaufszentrum oder eine bewaldete Insel.

Ein Kino ist beim Amoklauf-Quartett also unschlagbar, quasi der … äh: Joker.

Viel kann man zum jetzigen Zeitpunkt aber eh noch nicht sagen:

Genaue Gründe für seine Mordlust werden die Psychologen erforschen, sie dürften irgendwo zwischen persönlicher Vereinsamung und der Unfähigkeit der Gesellschaft liegen, ihm trotz seiner anscheinenden Intelligenz mehr als einen McDonald’s-Job zu bieten.

Das steckt natürlich ein weites Spektrum ab. Der Satz “Alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation” ist an dieser Stelle mutmaßlich dem Lektorat zum Opfer gefallen.

Tatsächlich geht es aber um etwas ganz anderes:

Sich mit allen Mitteln in Szene zu setzen, ist heute erste Bürgerpflicht, in der Schule, in der Clique, bei der Superstar-Vorauswahl, bei der Bewerbung um eine Arbeitsstelle. [Der Täter] hat diese Lektion hervorragend gelernt.

Er hat also nicht nur die “perfekte Bühne” gewählt, sondern auch die Selbstdarstellungslektion “hervorragend gelernt”. Da ist es doch tatsächlich fraglich, warum so ein offenkundig brillanter Mann wie dieser Massenmörder bei McDonald’s arbeiten musste.

Gerade, wo er auch bei der Wahl des richtigen Kinofilms die richtige Entscheidung (gegen “Ice Age 4″, wir erinnern uns) getroffen hat:

Er hat den Abend der ersten Vorführung des meisterwarteten Films des Jahres gewählt (zwei Wochen später hätte er genauso viele umbringen können, nur der Aufmerksamkeitseffekt wäre geringer gewesen), und er hat sich das Label “Joker” selbst verpasst, das die Medien von nun an verwenden werden.

Ja, manche menschliche Gehirne wären an dieser Stelle auf Notaus gegangen. Der Versuch zu erklären, warum der Täter nichts mit dem Joker zu tun hat (er hat ja offenbar nicht mal die Filme gesehen!) ist an dieser Stelle jedenfalls endgültig gescheitert. Selbst beim Anschreiben gegen den medialen Wahnsinn ist Rodek in eine der klassischen Fallen getappt, die solche Massenmörder gerne auslegen um darin schlagzeilengeile Journalisten im Rudel zu fangen: Die Medien begehen die finale Beihilfe zur Selbstinszenierung. Es ist also so wie immer.

“Spiegel Online” hat das auch beeindruckend unglücklich hinbekommen: Der Artikel darüber, dass der Gouverneur von Colorado sich weigert, den Namen des Täters auszusprechen, und dass US-Präsident Obama sagte, später werde man sich nur an die Opfer, nicht aber an den Täter erinnern, beginnt mit dem Namen des Täters, der im weiteren Artikel noch ganze 21 Male vorkommt.

Doch zurück zu “Welt Online”, zum “Joker”, der nicht der Joker ist:

Wäre er wirklich auf merkwürdige Art vom Joker besessen, hätte er sich ihm auch nachkostümiert. Aber nein, er war “professionell” eingekleidet, mit schusssicherer schwarzer Weste und Atemmaske, wie die gruseligen Gestalten der Sondereinsatzteams von Polizei und Armee. Vielleicht sollte man eher dort nach verhängnisvollen Vorbildern suchen.

Na, viel Spaß dabei!

Gefahr für den Euro — Hoffnung für die Mark

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 3. Juli 2012 22:00

Seien wir ehrlich: Inzwischen versteht vermutlich kein Mensch auf diesem Planeten mehr, worum es bei den immer neuen Krisengipfeln, Rettungspaketen- und Schirmen geht, die zum Erhalt des Euro abgehalten, geschnürt und aufgespannt werden.

Dabei ist es nicht so, als ob die Frage, ob Europa auf der Kippe steht, eine neue sei.

Es ist genau genommen eine fast 16 Jahre alte:

Die Kinder des Rock ‘n’ Roll

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. Juli 2012 17:02

Schwarmintelligenz, ich brauche Eure Hilfe!

Gestern postete einer meiner Facebookfreunde dieses Video:

So weit, so … äh: gut.

Beim Hören fiel mir aber wieder ein, dass meine Schwester früher (hier im Sinne von: ca. 1991/92) eine Kassette hatte, auf der aktuelle englischsprachige Songs von Kindern in einer mutmaßlich sinnentstellenden deutschen Sprachfassung vorgetragen wurden. Die Refrainzeile “Tell it like it is” lautete jedenfalls “Schneller als der Wind”.

Ebenfalls auf dieser Kassette enthalten war eine Version von Phil Collins’ “Another Day In Paradise” und ich meine auch eine vom “Shoop Shoop Song”, der damals durch Cher wieder populär geworden war.

Doch das Internet, Hort allen Wissens, weiß nichts von alledem!

Nun ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass ich bei einer Expedition des elterlichen Kellers auf eine Kiste stoßen könnte, in der die gesuchte Kassette noch vor sich hin schlummert. Ich wäre nur vermutlich mehrere Wochen mit der Suche beschäftigt und habe große Angst, dabei noch auf irgendwelche zerfledderten Teddybären, halbgelutschte Bonbons und meinen Chemiebaukasten zu stoßen.

In jedem Fall würde ich die Suche ungern beginnen, ohne dass mir vorher nicht irgendjemand wenigstens bestätigen konnte, dass es diese Kassette, die mutmaßlich Teil einer ganzen Reihe war, tatsächlich gegeben hat!

Ich danke Ihnen!

Und damit zu einem anderen Lied, das mir neulich halb-versehentlich wieder untergekommen ist:


(Das Original ist bei YouTube natürlich gesperrt.)

Seite: << 1 2 3 ... 5 6 7 ... 152 >>