And there won’t be snow in Africa this Christmas time

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 26. November 2012 13:32

Totensonntag ist vorbei, das heißt, wir “dürfen” jetzt auch “offiziell” Weihnachtslieder hören.

Ich bin gleich mal mit gutem Beispiel vorangegangen und habe mir für diesen BILDblog-Artikel “Do They Know It’s Christmas?” und “We Are The World” angehört — wobei ich dann bei der Lektüre des Wikipedia-Artikels festgestellt habe, dass “We Are The World” gar keine Vorweihnachts-Single war.

Da der gute Zweck bekanntlich die cheesy Mittel heiligt, sollte man die Texte dieser Benefiz-Evergreens besser ignorieren.

In “Do They Know It’s Christmas?” heißt es etwa:

There’s a world outside your window
And it’s a world of dread and fear
Where the only water flowing is the bitter sting of tears

Okay, das ist schon hart. Aber schauen Sie mal, wie schön die Worte “the bitter sting of tears” im Musikvideo ins Bild gesetzt wurden:

Sting

Papier ist geduldig

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 14. November 2012 22:11

Gestern gab es gleich zwei schlechte Nachrichten im Mediensektor: Das Stadtmagazin “Prinz” wird im Dezember zum letzten Mal als gedruckte Ausgabe erscheinen und die “Frankfurter Rundschau” meldete Insolvenz an.

Sofort ging das Geraune wieder los, Print sei tot. Wahrscheinlich konnte man auch wieder das Idiotenwort “Totholzmedien” lesen. Gerne würde ich diesen Leuten ins Gesicht schreien, dass sie Unrecht haben. Das Problem ist: Ich würde mir selbst nicht glauben. Das Problem bin ich selbst.

Das letzte Mal, dass ich ein Printerzeugnis gekauft habe, war die September/Oktober-Ausgabe der “Spex”. Davor hatte ich in diesem Jahr vielleicht fünf, sechs andere Zeitungen und Zeitschriften gekauft. Nicht, weil ich die Produkte scheiße fände, im Gegenteil, aber: Wann soll ich die denn lesen?

Vielleicht liegt es daran, dass ich von zuhause aus arbeite — mein Weg vom Frühstücks- zum Schreibtisch beträgt sieben Meter, der Gang zur Tageszeitung im Briefkasten wäre ein Umweg. Als ich im ersten Semester meines Studiums noch täglich von Dinslaken nach Bochum gependelt bin, habe ich in dieser Zeit jeden Monat “Musikexpress”, “Rolling Stone”, “Visions” und “Galore” gelesen, dazu zahlreiche Bücher und an manchen Tagen gar Zeitungen. Tatsächlich habe ich alle Zeitschriften, die ich 2012 gekauft habe, in Bahnhofskiosken erworben. Aber auf Zugfahrten kann ich auch endlich mal in Ruhe Podcasts hören oder ein Buch lesen — oder halt die ganze Zeit auf den Bildschirm meines iPhones starren.

Es ist bescheuert, Texte auf einer Fläche lesen zu wollen, die kleiner ist als mein Handteller, und wir werden vermutlich eines Tages alle dafür bezahlen. Aber es ist auch so herrlich praktisch, in der S-Bahn, im Café oder morgens noch vor dem Aufstehen im Bett zu lesen, was gerade in der Welt passiert. Ein Buch würde ich so nie lesen wollen, aber Nachrichten? Warum nicht!

Gemessen daran ist die Tageszeitung, die ich auf dem Weg zum Bäcker kaufen könnte, natürlich alt. Dass sie deshalb überflüssig sei, ist natürlich auch so ein Quatsch-Argument der Internet-Apologeten: Schon vor 30 Jahren konnte es einem passieren, dass die “Tagesschau” um 20 Uhr berichtete, was man schon im “Morgenmagazin” auf WDR 2 gehört hatte. Es geht ja nicht nur um die reine Nachricht, sondern auch um deren Aufbereitung. Und selbst wer den ganzen Tag am Internet hängt, wird nicht alles mitbekommen haben, was sich an diesem Tag ereignet hat. Andererseits ist der Nutzwert einer Zeitung, die fast ausschließlich die gleichen Agenturmeldungen bringt, die am Vortag schon auf zweitausend Internetseiten zu lesen waren, tatsächlich gering. Das gilt leider auch für eine Lokalzeitung, die ihre schönen Enthüllungen schon vorab im eigenen Webportal veröffentlicht hat.

Natürlich liest man Zeitungen ganz anders als Webseiten: Das Auge streift Meldungen, Überschriften und Fotos, nach denen man nie gesucht hätte, die einen aber dennoch ansprechen können — nicht selten zur eigenen Überraschung. Ich liebe gut gemachte Zeitungen, trotzdem lese ich sie nicht. Ich weiß auch, was gutes Essen ist, trotzdem geht nichts in der Welt über Burger, Currywurst und Pizza. Aber warum bin ich, warum sind wir Menschen so?

Es kann mir niemand erzählen, dass die Lektüre eines Textes auf einem Bildschirm (egal ob Smartphone, Tablet oder Monitor) mit der eines Buchs vergleichbar ist. Der Text ist derselbe, aber “Lektüre” ist dann offenbar doch etwas anderes als schlichtes Lesen. Schon ein Taschenbuch fühlt sich nicht so wertig an wie eine gebundene Ausgabe mit Lesebändchen, die digitale Textanzeige ist dagegen ein Witz.1 Aber offensichtlich gibt es Menschen, denen das an dieser Stelle dann vielbeschworene sinnliche Leseerlebnis nicht so wichtig ist. Ich würde ja auch keine 20 Euro für eine Flasche Wein bezahlen.

Mein Verhältnis zu Vinyl-Schallplatten ist eher theoretischer Natur: Ich habe nur ein paar, das meiste sind Singles, die ich aus einer Mischung von Schnäppchenjagd, Witz und Sammelleidenschaft erworben habe.2 Ich besitze nicht mal eine ordentliche Stereoanlage, auf der ich die Dinger abspielen könnte, weiß aber natürlich um den legendären Ruf von Vinyl. Meine Sozialisation fand mit CDs statt und ehrlich gesagt frage ich mich manchmal schon, warum anfällige Schallplatten besser sein sollen als die dann doch recht robusten Silberscheiben. Und natürlich sind CDs für mich viel wertiger als MP3s, auch wenn ich viele CDs nur einmal aus der Hülle nehme, um sie in MP3s zu verwandeln. Aber MP3s sind für mich immer noch besser als Streaming-Dienste wie Spotify: Da “habe” ich ja wenigstens noch die Datei. Bei einem Streaming-Dienst habe ich Zugang zu fast allen Tonträgern der letzten 50 Jahre, wodurch jedes Album quasi völlig wertlos wird, auch wenn ich im Monat zehn Euro dafür bezahle, alles hören zu können. Dennoch nutze ich Spotify, wenn auch eher für Klassische Musik und zum Vorhören von Alben, die ich mir dann später kaufe. Ich gucke auch DVDs auf einem Laptop, dessen Bildschirm ungefähr Din-A-4-Größe hat und dessen Auflösung höher ist als die der DVD selbst.

Schadet es also dem Produkt, wenn das Medium als weniger wertig empfunden wird? Ich finde ja. Ich habe im Internet grandiose Texte gelesen, die ich glaub ich noch besser gefunden hätte, wenn ich sie auf Papier gelesen hätte. Nur, dass ich sie auf Papier nie gelesen hätte, weil ich sie dort nie gesucht und gefunden hätte. Und weil ich zu wenig Zeit habe, noch bedrucktes Papier zu lesen, weil ich fast den ganzen Tag vor dem Internet sitze. Es ist bekloppt!

Die meisten Menschen, die ich kenne, haben kein besonderes Verhältnis zu Pferden oder Autos, sie wollen nur möglichst schnell an irgendeinem Ziel ankommen. Das Auto ist schneller als das Pferd — basta! Das war vor hundert Jahren schlecht für die Pferdezüchter und Hufschmiede, aber so ist das. Der Automobilindustrie ginge es auch noch bedeutend schlechter, wenn wir endlich alle Raketenrucksäcke hätten oder uns beamen könnten.

Die meisten Menschen wollen auch einfach nur Musik hören. Von den Arschlöchern mal ab, denen es egal ist, ob die Musiker dafür auch entsprechend entlohnt werden, ist das völlig legitim, sie brauchen keine sieben CD-Regale in der Wohnung und Deluxe-Boxsets. Ihre Umzüge sind mutmaßlich auch weniger anstrengend.

Es gibt offensichtlich Menschen, die Bücher lesen, die keine Bücher mehr sind. Auch das ist legitim und beim Umzug von Vorteil. Ich kann das nicht verstehen, aber ich kann schon nicht verstehen, wie man sich Romane aus der Bücherei ausleihen kann: Wenn mir ein Buch gefällt, will ich Stellen unterstreichen und es anschließend, als Trophäe und zum Wiederhervorholen, im Regal stehen haben.

Die meisten Menschen brauchen aber offenbar auch keine gedruckten Zeitungen und Zeitschriften mehr — außer, sie ziehen gerade um. Ich würde das gern ebenfalls merkwürdig finden. Aber ich bin ja offenbar genauso.

  1. Anderseits kann eine Volltextsuche schon sehr, sehr praktisch sein. []
  2. Eine spanische Pressung von “September” von Earth, Wind And Fire? Klar! Die Originalauflage von Sandie Shaws “Puppet On A String”? Brauch ich als ESC-Fan natürlich dringend! []

Cinema And Beer: “Oh Boy”

Von Coffee And TV
Veröffentlicht: 14. November 2012 12:55

In der zweiten Folge unserer neuen Podcast-Reihe gehen wir ins sogenannte Opfakino und sehen uns “Oh Boy” von Jan-Ole Gerster (Sorry!) an.

Oh Boy (Offizielles Filmplakat)

Cinema And Beer: “Oh Boy”
(Zum Herunterladen rechts klicken und “Ziel speichern unter …” wählen.)
Podcast bei iTunes abonnieren.

Tränen lügen nicht

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. November 2012 11:56

In Bochum beginnen sie nun nach langem Hin und Her endlich mit dem Bau des Musikzentrums. Nachdem ein (wie üblich viel zu spätes) Bürgerbegehren dagegen vergangene Woche spektakulär gescheitert war, wurden am Montag die ersten Bäume am Bauplatz in der Innenstadt gefällt.

Wenn man dem “Westen” glauben darf, war es eine extrem feucht-traurige Veranstaltung:

Bochum. Tränen flossen, als zu Wochenbeginn die Platanen an der Marienkirche fielen. Für die Urbanatix-Familie markiert die umstrittene Fällung den Abschied von ihrer Trainingsstätte. Und neue Probenräume sind derzeit nicht in Sicht. Tränen flossen, als zu Wochenbeginn die Platanen an der Marienkirche fielen. Tränen flossen, als zu Wochenbeginn die Platanen an der Marienkirche fielen. Für die Urbanatix-Familie markiert die umstrittene Fällung den Abschied von ihrer Trainingsstätte. Und neue Probenräume sind derzeit nicht in Sicht.

Haut es mit Edding an die Wände

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. November 2012 17:53

Irgendwann im Herbst 2002 sagte ein Kumpel zu mir: “Ey, ich war grad auf der Visions-Party. kettcar haben gespielt, die könnten Dir auch gefallen!” Also machte ich das, was man damals so machte, ging in die Tauschbörsen und schaute, was es dort so gab.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, welches Lied ich dann als erstes gehört habe, aber es müsste “Im Taxi weinen” oder “Genauer betrachtet” gewesen sein. Letzteres ist bis heute meine Lieblingslied von kettcar, ersteres berührte mich damals auf Anhieb, ohne dass ich gleich verstanden hätte, worum es eigentlich ging. Überhaupt hatten die Songs über frisch gescheiterte Beziehungen, Partynächte mit den besten Freunden und das Scheitern von Lebensentwürfen vergleichsweise wenig mit meiner Lebenswirklichkeit als Zivildienstleistender in einer niederrheinischen Kleinstadt zu tun — aber ich liebte sie von Anfang an.

Nach ein paar Wochen kaufte ich mir in der CD-Abteilung der Drogerie Müller in Essen dann endlich “Du und wieviel von Deinen Freunden”, das mich seitdem geprägt hat wie kaum ein anderes Album. Über Jahre waren die Texte, die ich in mein privates Blog hämmerte, und die Musik-Rezensionen, die ich im Internet veröffentlichte, voll von direkten Zitaten aus und Verweisen auf kettcar-Songs.

Na dann herzlichen Glückwunsch.
Das Geld kommt aus der Wand.
Entschuldigung, sind Sie? Wir müssen Ihnen mitteilen.
Und wer bei zehn noch steht hat recht.
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.
Komm schon, Großhirn, wünsch mir Glück.
Die Summe unseres Alltags in zwei gepackten Koffern.
Dieses Bild verdient Applaus.
Der Tag an dem wir uns “We’re gonna live forever” auf die Oberschenkel tätowierten.
Solang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.
Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt, den Rest kriegt mein Friseur.
Ist man jetzt, wo man nicht mehr high ist, froh dass es vorbei ist?
Ich danke der Academy.
Aufstehen, atmen, anziehen und hingehen, zurückkommen, essen und einsehen zum Schluss, dass man weitermachen muss.

Von …But Alive und Rantanplan, den Vorgängerbands von kettcar, hatte ich damals natürlich schon gehört, hatte sie aber nicht genug auf dem Schirm gehabt, um von Anfang an mitzukriegen, wie Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff erst kettcar und dann, weil keine Plattenfirma der Republik das Album rausbringen wollte, gemeinsam mit Thees Uhlmann das Grand Hotel van Cleef gründeten. Aber ab Dezember 2002 war ich dabei.

Ich erinnere mich an mein erstes kettcar-Konzert im Zakk in Düsseldorf im Januar 2003, an den Tourabschluss im Index in Voerde (of all places!) und an die vielen, vielen Konzerte in kleinen Clubs, größeren Hallen und auf Festivals, die danach kamen. An die langen Monate, in denen ich gefühlt nur ein Album im Discman hatte.

Ich erinnere mich an meine erste Reise nach Hamburg und daran, wie ich am Hauptbahnhof “Du und wieviel von Deinen Freunden” einlegte und es auf der S-Bahn-Fahrt nach St. Pauli beinahe schaffte, dass “Landungsbrücken raus” an genau der richtigen Stelle lief. Dass ich damals nach Hamburg ziehen wollte, wegen “Absolute Giganten” und dieser Band.

Ich erinnere mich daran, wie ich wegen einer Verkettung von Zufällen als einer der Ersten die Promo zum zweiten Album “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen” zugeschickt bekam, weil ich eine Presseinfo dazu schreiben sollte. Der Text wurde glücklicherweise nie veröffentlicht, weil Thees Uhlmann auch einen geschrieben hatte, der natürlich besser und näher dran war. Und ich erinnere mich daran, wie ich dann am Veröffentlichungstag bei ElPi in Bochum stand und die Special Edition des Albums nach hause schleppte.

Ich erinnere mich an die Beiträge in den “Tagesthemen”, bei “Polylux” und an die fast ganzseitige Geschichte in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”, an die vielen Konzerte, die ich zum zweiten Album besucht habe, und an das Plakat zum Album, das meine gute Freundin Martina Drignat gestaltet hatte, und das jahrelang an meiner Zimmertür im Studentenwohnheim hing (abwechselnd innen und außen).

Ich erinnere mich an “Sylt”, das dritte Album, zu dem ich erst keinen rechten Zugang fand, und das, als ich dann in die Erwachsenenwelt von Ökonomie, Abschieden und Älterwerden hineinstolperte, schon da war und auf mich wartete. Ich erinnere mich an das Konzert in Dortmund im Oktober 2009, bei dem Marcus Wiebusch Texte und Akkorde vergaß und die Band vor den Augen der Zuschauer auseinander zu fallen drohte. Sie standen auf und machten weiter.

Ich erinnere mich ans Bochum Total 2011, als kettcar ihren neuen Song “Nach Süden” spielten, über einen Mann der nach anderthalb Jahren die Krebsstation im Krankenhaus lebend verlässt. Es war auf den Tag genau der fünfte Jahrestag der Beerdigung eines sehr lieben Verwandten, der das nicht geschafft hatte, und ich stand da mit Gänsehaut und feuchten Augen und wollte die Band wie so oft umarmen.

Im Frühjahr erschien dann “Zwischen den Runden”, das vierte Album der Band. Es war, wie schon “Sylt”, anders, nicht so leicht zugänglich und weit von den Hymnen der ersten beiden Alben entfernt. Aber es beginnt mit “Rettung”, dem schönsten Liebeslied, das je geschrieben wurde:

Ende August feierte das Grand Hotel seinen zehnten Geburtstag auf der Trabrennbahn in Hamburg. kettcar spielten als letztes und ihr Auftritt war von Anfang an wie ein Klassentreffen — nur im positiven Sinne. Um mich herum standen lauter Menschen, die mit kettcar erwachsen geworden waren, und es tat gut zu sehen, dass die Band immer noch da war. Bei “Landungsbrücken raus”, an der wichtigen Stelle “2002 the year Schwachsinn broke”, ging plötzlich Pyrotechnik los und es regnete Gold. Eigentlich ein bisschen too much für diese bescheidene Band, die es nie drauf angelegt hat, im Radio gespielt zu werden, aber in diesem Moment verdammt angemessen.

kettcar waren schon kurz vor der Neuesten Deutschen Welle da gewesen, und sie sind jetzt immer noch da, wo man kaum noch das Radio einschalten kann, ohne von einem dieser neuen Schlagerheinis angenuschelt zu werden, auf die das Adjektiv zutrifft, dass kettcar damals vielleicht sogar erfunden haben: “befindlichkeitsfixiert”. Von meinen Helden von damals sind sie die letzten Verbliebenen: Tomte sind einfach nicht mehr da und Thees Uhlmann besingt tote Fische, muff potter. haben sich selbst den Stecker gezogen und Jupiter Jones, denen ich ihren späten Durchbruch ja eigentlich wirklich von Herzen gönne, spielen jetzt gemeinsam mit Anastacia und fucking Mick Hucknall (“The Voice Of Simply Red”) bei der “AIDA Night of the Proms”.

Am Freitag erschien “Du und wieviel von Deinen Freunden” in der “10 Jahre Deluxe Edition”, die man vielleicht nicht ganz zwingend braucht, wenn man eh schon alles von kettcar hat, aber die mit diesem wunderschönen Trailer daherkommt:

Am Sonntag habe ich kettcar beim Visions Westend in Dortmund wieder live gesehen, zum insgesamt 15. Mal, wenn ich richtig gezählt habe. Es war einer ihren besten Auftritte. Die Menschen, an die ich beim Hören denke, sind im Laufe der Jahre andere geworden, aber die Songs sind immer noch so gigantisch groß wie damals, als ich sie zum ersten Mal gehört habe.

I’d like to thank the academy (academy, academy).

Cinema And Beer: “Skyfall”

Von Coffee And TV
Veröffentlicht: 2. November 2012 12:24

Heute beginnt unsere neue Podcast-Reihe Cinema And Beer. Das Konzept ist denkbar einfach: Tom Thelen und Lukas Heinser gehen zusammen ins Kino und unterhalten sich anschließend bei einem Bier etwa eine Viertelstunde lang über den Film.

Thema der ersten Folge ist – wenig überraschend – “Skyfall”, der neueste James-Bond-Film, der am 1. November in den deutschen Kinos angelaufen ist.

Skyfall (Offizielles Filmplakat)

Cinema And Beer: “Skyfall”
(Zum Herunterladen rechts klicken und “Ziel speichern unter …” wählen.)

Der Untergang des Abendbrotlandes

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 31. Oktober 2012 16:17

Schon immer kam alles Schlechte aus den USA: Die Meinungsfreiheit, das Frauenwahlrecht, der Rock’n'Roll und das Fast Food. Der neueste (na ja: “neueste”) Angriff auf die deutsche Kultur ist ein Fest, das von denen, die es begehen wollen, heute begangen wird: Halloween.

Eines vorab: Ich hasse es, mich zu verkleiden. Ich habe das als Kind mit großer Begeisterung getan und meinen Vorrat dabei offenbar aufgebraucht. Wer sichergehen will, dass ich nicht zu seiner Geburtstagsfeier komme, richtet einfach eine Bad-Taste- oder Mottoparty aus. Es kostet mich schon Überwindung, einen Anzug zu tragen oder Hosen, die keine Jeans sind. Als ich vor sechs Jahren den Herbst in Nordkalifornien verbrachte, fand ich mich allerdings plötzlich in einem eilig aus grünen Filzbahnen zusammengetackerten Ampelmännchen-Kostüm wieder — und hatte großen Spaß. Niemand kannte mich, alle waren sehr aufwendig kostümiert und es herrschte diese feierliche amerikanische Ernsthaftigkeit vor.

Wenn ich mir allerdings einen amerikanischen Feiertag für den Import aussuchen dürfte, wäre es – neben einem Nationalfeiertag im Sommer – Thanksgiving: Die Festlichkeit und Geselligkeit von Weihnachten ohne diesen ganzen Geschenkestress — die Amerikaner verstehen es zu feiern. Halloween ist ja doch eher was für Menschen, die sich vom Kalender vorschreiben lassen, wann sie mal ausgelassen feiern gehen können, und denen Karneval zu spießig ist.1

Aber gut, muss jeder selbst wissen, wie er seine Freizeit verbringt. Fähnchenschwenkend durch das Pressezentrum bei Eurovision Song Contest zu rennen, fällt bei den meisten Leuten sicher auch eher unter “Special Interest”. Wir sind ein freies Land. Wenn ich mir aber so anschaue, wie heute in meiner Facebook-Timeline westliche Kultur auf westliche Kultur trifft, finde ich, dass die Kontakte mit der islamischen Welt im Großen und Ganzen doch beinahe harmonisch zu nennen sind.

Auf der einen Seite stehen die Leute, die Halloween mit quasi religiösem Eifer begehen. Auf der anderen jene, die sagen, heute sei doch Reformationstag und morgen Allerheiligen.2 Ja, stimmt. Heute ist auch Weltspartag (außer in Deutschland, das für einen Welt-Irgendwas-Tag natürlich wieder eine Ausnahme brauchte — übrigens wegen des Reformationstags) und morgen – für die, denen die Katholische Kirche nicht ideologisch genug ist – Weltvegantag. Die verrücktesten Geister könnten sich nicht ausdenken, welche Gedenk-, Feier- und Aktionstage es im Laufe des Jahres so gibt, aber sie werden offenbar alle begangen — manche nur von denen, die sie ausgerufen haben, manche von weiten Teilen der Menschheit, wobei durchaus Schnittmengen von Personen möglich sind, die am 15. Oktober sowohl den “Tag des weißen Stockes” als auch den “Internationalen Tag der Frau in ländlichen Gebieten” begehen. Solange niemand einen Reformationstagsgottesdienst stürmt, um “Süßes oder Saures” zu rufen, klappt das auch ganz gut.

Der durchschnittliche Deutsche, die Volksseele, der Michel, Otto Normalverbraucher oder – wie ich ihn heute aus reiner Boshaftigkeit nennen möchte – Jürgen Sixpack hat eine panische Angst davor, dass ihm seine kulturelle Identität verloren geht. Die Angst vor der “Überfremdung” ist nicht auf den Islam oder Flüchtlinge aus Nordafrika beschränkt, sie gilt auch – und ganz besonders – im Bezug auf die USA: Junggesellenabschiede (bei denen ich mir tatsächlich staatliche Intervention wünschte) statt Polterabende, “Handy” statt “Mobiltelefon”, der Weihnachtsmann statt des Christkinds — Amerikanisierung lauert überall. Oder genauer: eine lokale Interpretation davon.

Mit der kulturellen Identität ist das so: Man braucht etwas, woran man sich halten kann, weswegen der Fußball – eine Sportart, die ich liebe, die amerikanische Sportfans aber als stillos und banal betrachten – hier so schön identitätsstiftend Raum greifen kann. Ansonsten sieht’s nämlich so aus: Unsere Städte sehen fast alle gleich trübe und grau aus, so wie Städte eben aussehen, wenn sie sehr schnell und billig wieder aufgebaut werden müssen, weil sie in Schutt und Asche lagen, nachdem es Deutschland mit der kulturellen Identität wirklich auf die Spitze getrieben hatte. Unsere Einkaufsstraßen sehen gleich aus, weil sie mit den immergleichen Filialen deutscher Großbäcker, Drogerie- und Supermarktketten, britischer Körperpflegemittelhersteller, amerikanischer Fastfoodverfütterer und schwedischer Bekleidungshändler vollgestopft sind.

Wohnungen weltweit sind von der Schwedenmafia uniformiert worden und müssten theoretisch alle gleich aussehen, was sie dann aber überraschenderweise doch nicht tun, weil da eben immer noch Persönliches, Individuelles mit reinkommt. Die kulturelle Identität des Einzelnen, der gleichzeitig Stifter und Rezipient der kulturellen Identität einer Gruppe ist.

Wer die Eröffnungs- und Abschlussfeier der Olympischen Spiele in London gesehen hat, erlebte dort einen bunten Reigen britischer Geschichte und – vor allem – Popkultur. Schier unendlich der Fundus an aus England stammenden Welthits, Evergreens und Meisterwerken. Bei uns, so wurde dann schnell geunkt, stünden da Pur, Nena und Xavier Naidoo.3 Das deutsche Fernsehprogramm besteht ja auch überwiegend aus Krimiserien und Quizshows (beides keine genuin deutschen Produkte)

Die kulturelle Identität Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg hat gleich zwei amputierte Beine: Das mit dem Traum vom großen deutschen Volk war gründlich schief gegangen, fand seine Fortsetzung aber in einer Art Light-Version in Heimatfilmen und Volkstümelndem Schlager, und die Leute, die Berlin in den 1920er Jahren zum kulturellen Hotspot gemacht hatten, waren alle vertrieben oder gleich getötet worden. Billy Wilder prägte im Kino fleißig das Amerikabild der Nachkriegszeit, in Deutschland feierte “Grün ist die Heide” unglaubliche Erfolge. Die Jugendbewegungen schwappten in der Folgezeit fast alle aus den USA oder Großbritannien nach Deutschland und mit ihnen der seither andauernde Untergang des Abendlandes — oder präziser vielleicht: des Abendbrotlandes.

Zuvor waren die einst heidnischen Gebiete des heutigen Deutschlands christianisiert worden. Die Gotik war aus Frankreich gekommen, die Renaissance und der Barock aus Italien. Ohne diese äußeren Einflüsse hätten die Bomben der Alliierten allenfalls spätmittelalterliche Fachwerkhäuser, vermutlich eher irgendwelche Steinzeithöhlen treffen können. Eine Zeitlang galt es im Bürgertum als ausgesprochen chic, Maskenbälle venezianischer Prägung abzuhalten. Gehwege nannte man “Trottoir”,4 Aborte “Toilette”.

Überspitzt gesagt ist der Inbegriff von Kultur in Deutschland immer noch Bayreuth, dabei sind die Wagner-Festspiele auch nur eine Art gehobener Karneval: Menschen, die allenfalls den Schlusssatz von Beethovens Neunter von Mozarts “Kleiner Nachtmusik” auseinanderhalten können, verkleiden sich einen Abend als kulturinteressierte Bildungsbürger.

85 Prozent meiner eigenen kulturellen Identität sind von angelsächsischer Popkultur geprägt, der Rest von von angelsächsischer Popkultur Geprägten. Ja, ich mag keine französischen Filme und ein gut sortierter und gut gefüllter HMV löst in mir mehr Glücksgefühle aus als die Sixtinische Kapelle. Ich würde einen Urlaub im verregneten Schottland (und das dortige Pub Food) jederzeit einem Ausflug ans Mittelmeer vorziehen.

Aber ich steige nicht empört auf die Barrikaden (französische Spezialität), wenn Menschen Italienischkurse in der Volkshochschule besuchen, bei Aldi den etwas teureren Rotwein kaufen und ihren Urlaub in der Toscana verbringen wollen.

  1. Mein in Rheinlandnähe aufgewachsenes Herz hätte beinahe geschrieben: die für Karneval zu feige sind. []
  2. Kleiner Ausfallschritt zu Allerheiligen: Es kann meines Erachtens nicht sein, dass in einem Land, in dem die Trennung von Staat und Kirche im Grundgesetz garantiert wird, sogenannte Tanzverbote an kirchlichen Feiertagen ausgesprochen werden. Und auch nicht, dass ein Land an zwei aufeinanderfolgenden Tagen volkswirtschaftlich gelähmt wird, weil am einen Tag in fünf Bundesländern, am nächsten in fünf anderen kirchlicher Feiertag ist. Die Katholiken haben schon Fronleichnam (wenn auch nicht überall), also wären hier mal die Protestanten dran! []
  3. Na ja, oder halt Kraftwerk, die Erfinder der modernen Popmusik, aber nun gut. []
  4. Kein Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde in einem deutschen Satz das Wort “sidewalk” benutzen. []

Die besten James-Bond-Songs aller Zeiten

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 29. Oktober 2012 21:46

Am Donnerstag läuft “Skyfall”, der 23. und neueste James-Bond-Film, in den deutschen Kinos an. Da es die Reihe dieses Jahr seit 50 Jahren gibt, ich seit 17 Jahren Fan bin und mich vergangene Woche auf ein Musikquiz zum Thema vorbereitet habe, halte ich es für einen guten Zeitpunkt, Ihnen meine ganz persönliche Rangliste der besten James-Bond-Songs aller Zeiten zu präsentieren.

Das ist nicht ganz einfach: Geschmäcker ändern sich über die Jahre, wir vergleichen hier Songs aus der Zeit, als die Beatles ihre Karriere begannen, mit welchen aus dem Zeitalter von Lady Gaga und Justin Bieber. Aber letztendlich geht es ja darum, was mir im Jahr 2012 gefällt und was nicht.

Bei der Auswahl habe ich mich auf die Songs der 23 offiziellen Filme von Eon Productions der Familie Broccoli konzentriert und die mindestens zwei inoffiziellen Bond-Filme (“Casino Royale” von 1967 und “Sag niemals nie” von 1983) außen vor gelassen. Dass die Liste trotzdem 25 Songs umfasst, liegt daran, dass es einige Filme mit je zwei Songs gab.

Aber das werden Sie ja jetzt sehen und hören:

25. Sheena Easton – For Your Eyes Only (“In geheimer Mission”, 1981)
Los geht’s mit einem Song, der nicht “für einen James-Bond-Song schlecht”, sondern auch allgemeingültig schlecht ist. Ein Schmachtfetzen, der seinen natürlichen Lebensraum erst 1989 erreichte, als er auf “Kuschelrock 3″ verewigt wurde (als bisher einziger Bond-Song überhaupt), und der auch dann noch sterbenslangweilig gewesen wäre, wenn die Interpretin eine Stimme gehabt hätte. Schnell weiter!

24. Rita Coolidge – All Time High (“Octopussy”, 1983)
Es war, wie wir noch sehen werden, nicht alles schlecht unter Roger Moore, aber gut waren die Songs in der mittleren Phase jetzt auch nicht. Wobei “All Time High” wenigstens Potential hatte, wie die Version beweist, die David Arnold mit Pulp (die übrigens erfolglos am Ideenwettbewerb für “Tomorrow Never Dies” teilgenommen hatten) aufgenommen hat.

23. Gladys Knight – Licence To Kill (“Lizenz zum Töten”, 1989)
Und noch ein Schmalzschlager vom Fließband, der – gemeinsam mit Patti LaBelles “If You Asked Me To” – den Film zu einem musikalischen Totalausfall werden lässt und fast alles vereint, was in den Achtziger Jahren musikalisch falsch gelaufen ist. Der Song beweist gleichzeitig, dass sich nicht jeder Titel eines James-Bond-Films auch ohne weiteres in den Text eines Popsongs einflechten lässt (“I Got a licence to kill / And you know I’m going straight for your heart / Got a licence to kill / Anyone who tries to tear us apart”?!?). Und dann ist es mit 5:15 Minuten auch noch der längste von allen …

22. Carly Simon – Nobody Does It Better (“Der Spion, der mich liebte”, 1977)
Ach Gott, ja. Nicht wirklich schlimm wie “For Your Eyes Only”, aber doch ein arg belangloser Song einer ansonsten verdienten Sängerin. Man merkt, dass Abba damals die Welt beherrschten. Wenn die Streicher und Bläser nicht so arg cheesy wären, hätte das “Baby, you’re the best”-Finale durchaus ein schöner Moment werden können.

21. Madonna – Die Another Day (“Stirb an einem anderen Tag”, 2002)
Zum 40. Geburtstag der Reihe und zum 20. Film wollten sich die Produzenten mal richtig was gönnen: Oscar-Preisträgerin Halle Berry als Bond-Girl, ganz viele Querverweise auf die Vorgänger und ein Titelsong von Madonna sollten es sein. Das Positivste, was man über den Titelsong sagen kann, ist, dass er “definitiv mal was anderes” war — und auf eine Art “Toxic” von Britney Spears vorwegnahm. Der Film ist eine an seinen eigenen Digitaleffekten erstickende Katastrophe, nach der sich Eon völlig zurecht zu einem kompletten Reboot der Serie entschloss. Die beste Stelle ist, wenn Pierce Brosnan zu den Klängen von “London Calling” von The Clash nach England fliegt.

20. Lulu – The Man With The Golden Gun (“Der Mann mit dem goldenen Colt”, 1974)
Eine auch 1974 schon rührend altmodische Idee, die Geschichte des Films quasi im Songtext zu erzählen. Aber die Bläser sind durchaus Bond-würdig. Fun fact: Lulu ist die einzige Interpretin, die sowohl einen Bond-Titelsong gesungen als auch den Eurovision Song Contest gewonnen hat.

19. Chris Cornell – You Know My Name (“Casino Royale”, 2006)
Wussten Sie, dass Alice Cooper (“The Man With The Golden Gun”) und Blondie (“For Your Eyes Only”) eigene Bond-Songs geschrieben hatten, die dann nicht verwendet wurden? Ich schreibe das, weil ich gerne was über verdiente Rockmusiker erzählen möchte, ohne mich diesem Lied stellen zu müssen. Chris Cornell, der peinlichste Überlebende des Seattle-Grunge von vor 20 Jahren, mit einem wahnsinnig banalen Song, den einzig das Riff mit einem James-Bond-Song verbindet. Ja, es ist “anders” und “irgendwie modern”, ohne gleich das Madonna-Desaster zu wiederholen, aber der Song (und der irgendwie unrund wirkende Vorspann) ist der Tiefpunkt des ansonsten wahnsinnig guten ersten Daniel-Craig-Films.

18. Sheryl Crow – Tomorrow Never Dies (“Der Morgen stirbt nie”, 1997)
Als David Arnold Hauskomponist der Serie wurde, gab es eine Art Ausschreibung für den Titelsong zu Pierce Brosnans zweitem Bond-Film, an der sich unter anderem Pulp, Saint Etienne, Marc Almond, die Cardigans und Space beteiligten. Dass es ausgerechnet Sheryl Crow wurde, ist vermutlich einzig und allein ihrem Welt-Hit “All I Wanna Do” von 1994 geschuldet. Im Grunde vereint der Song alles, was man für einen ordentlichen Bond-Titelsong braucht, aber er bleibt doch seltsam blutleer, fällt aber immerhin nicht negativ auf.

17. Louis Armstrong – We Have All The Time In The World (“Im Geheimdienst Ihrer Majestät”, 1969)
Ja, Louis Armstrong, der erste fahrradfahrende Trompeter auf dem Mond. Eine Legende. Und ein völlig okayer Song, der streng genommen nur die Nummer 2 im Film ist. Und doch: Was soll denn das?

16. Shirley Bassey – Moonraker (“Moonraker”, 1979)
Da ist sie endlich: Shirley Bassey, die große (inzwischen) alte Dame des Bond-Titelsongs. Auf den Eurovision Song Contest umgerechnet wäre sie so etwas wie Lys Assia, Vicky Leandros, Carola, Frida & Agnetha und Lena zusammen. Wer drei Bond-Songs gesungen hat (und bei mindestens zwei weiteren Filmen zumindest auf dem Zettel stand), muss allerdings auch damit leben können, wenn einer davon auf Platz 16 landet, auch wenn es an ihm eigentlich gar nichts auszusetzen gibt.

15. Adele – Skyfall (“Skyfall”, 2012)
Das ist jetzt ein bisschen unfair: Der Song ist neu, ich habe den Film noch nicht gesehen und weiß nicht, wie das Lied im Vorspann wirkt. Adele macht das durchaus gut, obwohl ich mir ein bisschen mehr von dem knalligen “Rolling In The Deep”-Sound gewünscht hätte, und der Song ist nach den beiden rockigen Vorgängern wieder klassischer Bond. Tatsächlich gibt es vor allem einen Grund dafür, dass er so weit hinten in dieser Liste auftaucht: die anderen Songs sind einfach besser.

14. Matt Monro – From Russia With Love (“Liebesgrüße aus Moskau”, 1963)
Der erste Bond-Song im eigentlichen Sinne, weil “Dr. No” ja keinen gesungenen Titelsong hatte. Mit 49 Jahren Abstand ist es schwer zu sagen, ob der Song damals cool und modern oder doch eher bieder war. Der kalte Krieg war damals auf seinem Höhepunkt und Istanbul, wo Teile des Films spielen, war für die meisten Kinogänger ein völlig exotischer Ort und kein Ziel für einen Wochenendtrip. All das klingt durch bei Matt Monro, der übrigens ein Jahr später beim Eurovision Song Contest teilnahm und Zweiter wurde.

13. Garbage – The World Is Not Enough (“Die Welt ist nicht genug”, 1999)
Nach Sheryl Crow wagten die Produzenten Ende der Neunziger Jahre ein bisschen mehr und verpflichteten Garbage für den Titelsong, der dann letztlich doch erstaunlich wenig Garbage enthielt: Sängerin Shirley Manson beklagte sich Jahre später, die Filmleute hätten ihnen ständig reingequatscht und am Ende sei quasi nichts mehr von der Band im Song übrig geblieben. Das muss für die Musiker frustrierend gewesen sein, tut dem Song aber keinen Abbruch.

12. Shirley Bassey – Diamonds Are Forever (“Diamantenfieber”, 1971)
Shirley Bassey, die zweite. Nachdem schon Sean Connery sein Comeback als James Bond feierte und es abermals um wertvolle Bodenschätze ging, lag es wohl nahe, wie bei “Goldfinger” auf die Waliserin zurückzugreifen. Sie machte das (wie üblich) perfekt und der letzte Refrain, wenn die Rhythmusgruppe richtig losgroovt, ist auch nach über vierzig Jahren noch das, was man damals womöglich als “schmissig” bezeichnet hätte.

11. a-ha – The Living Daylights (“Der Hauch des Todes”, 1987)
Der erste Auftritt von Timothy Dalton als James Bond wird bis heute häufig unterschätzt, dürfte aber der beste Bond-Film der 1980er sein — und der mit dem zweitbesten Titelsong dieser Dekade. Die Norweger von a-ha sind bis heute die einzigen Nicht-Muttersprachler, die einen James-Bond-Titelsong singen durften. Auch wenn sie mit der Zusammenarbeit mit Komponistenlegende John Barry alles andere als zufrieden waren, ist der Song eine wunderbare Kombination aus zeitgenössischer Popmusik und klassischem Bond-Sound.

10. Jack White & Alicia Keys – Another Way To Die (“Ein Quantum Trost”, 2008)
Weil das mit dem Rocksänger ja bei “Casino Royale” so gut funktioniert hatte (*hust*), durfte 2008 Jack White dran, dessen Karriere als Stadion- und Kirmesbeschaller damals noch in den Kinderschuhen steckte. Ihm zur Seite stand im ersten Duett der Bond-Geschichte Alicia Keys, die es zwischen 2006 und 2009 geschafft hat, von Bob Dylan namentlich in einem Lied erwähnt zu werden, einen James-Bond-Song zu singen und mit Jay-Z noch einen internationalen Megahit zu haben. Die Kombination der beiden ist ein bisschen gewollt außergewöhnlich und man kann sich besser zusammenpassende Stimmen vorstellen, aber so eindrucksvoll wurde seit den Sechzigern keine Gitarre mehr bei Bond eingesetzt. Der Vorspann schafft das Kunststück, in einem Retro-Stil gehalten zu sein, der in sich selbst schon veraltet aussieht und mit vier Jahren Abstand wirkt, als käme er nicht aus dem Jahrzehnt, nach dem er aussehen soll (mutmaßlich 1960er), sondern aus einem Achtziger-Jahre-Computerspiel. Egal.

9. John Barry Orchestra – On Her Majesty’s Secret Service (“Im Geheimdienst Ihrer Majestät”, 1969)
Für den ersten (und einzigen) Bond-Film mit George Lazenby verzichteten die Macher mal wieder auf einen gesungenen Titelsong im Vorspann und knallten den Zuschauern stattdessen dieses orchestrale Brett vor den Latz, das auch nach 42 Jahren noch klingt, als sei es soeben von einigen findigen Retro-Produzenten erdacht worden. Tatsächlich hatten sich die Propellerheads das Werk 1997 für David Arnolds Bond-Song-Cover-Projekt “Shaken And Stirred” vorgenommen, wo es zwar mit geilen Big Beats aufwartet, in Sachen Wirkmächtigkeit aber nicht ganz an John Barrys Original herankommt.

8. Nancy Sinatra – You Only Live Twice (“Man lebt nur zweimal”, 1967)
Okay, in Sachen cheesy and contemporary stehen die Streicherarrangements dem Elend aus den Achtzigern vermutlich in nichts nach, aber es gibt ja noch die galoppierenden Western-Elemente und die alles zusammenhaltende Stimme von Nancy Sinatra. Die Streicher feierten 31 Jahre später ihre Wiederauferstehung in Robbie Williams’ “Millennium” und tragen seitdem noch ein bisschen weiter zu John Barrys Einnahmen bei.

7. k.d. lang – Surrender (“Der Morgen stirbt nie”, 1997)
Noch ein Song, der beim Song Contest für “Tomorrow Never Dies” durchgefallen war, es aber immerhin auf den Soundtrack und in den Abspann schaffte. “Surrender” ist ganz klassischer Bond und gegen ihn kann eigentlich nur gesprochen haben, dass k.d. lang eben nicht Sheryl Crow war. Zum Glück. Komponist ist David Arnold, der auch den Score für “Der Morgen stirbt nie” (und vier weitere Bonds) schrieb, weswegen das Motiv aus “Surrender” im Film ständig zu hören ist, das des nominellen Titelsongs hingegen nie.

6. Monty Norman Orchestra – James Bond Theme (“James Bond jagt Dr. No”, 1962)
Das vermutlich bekannteste Motiv der Filmgeschichte, das langlebigste sowieso. Diese unglaubliche Coolness der Surf-Gitarre, die auch nach 50 Jahren oft kopiert, aber nie erreicht wurde. Worte sind nicht in der Lage, diese 108 Sekunden zu beschreiben. Weltkulturerbe!

5. Tom Jones – Thunderball (“Thunderball”, 1965)
Man könnte es sich nicht ausdenken: Um den Posten als Sänger bei “Thunderball” konkurrierten die beiden coolsten Männer des Universums — Tom Jones und Johnny Cash. Cashs Song hätte zwar einen ordentlichen Western-Soundtrack abgegeben, passte aber überhaupt nicht zu Bond. Aber dafür gab es ja den walisischen Tiger, der – begleitet von den Bläsern, die damals schon die Mauern von Jericho zum Einsturz gebracht hatten – einfach alles richtig machte. Inklusive des (mutmaßlich) längsten jemals gehaltenen Tons der Bond-Geschichte.

4. Shirley Bassey – Goldfinger (“Goldfinger”, 1964)
“Goldfinger” gilt als womöglich bester Bond-Film der Geschichte, sein Titelsong ist definitiv der beste der ersten Dekade. Es ist schwer vorstellbar, dass auch nur irgendein Popsong aus dem Jahr 2012 in 48 Jahren noch so dynamisch, packend und zeitlos wirken wird. Hier passt einfach alles! Fun fact: Jimmy Page, späterer Gitarrist von Led Zeppelin, ist als Session-Musiker zu hören.

3. Duran Duran – A View To A Kill (“Im Angesicht des Todes”, 1985)
Es war, wie gesagt, nicht alles schlecht unter Roger Moore: Zum Ende seiner Bond-Karriere im Alter von gefühlt 182 Jahren bekam er noch einmal einen ordentlichen Titelsong in dem fast alles vereint ist, was in den Achtziger Jahren musikalisch richtig gelaufen ist. Ein echter Stampfer, zu dem man auf den damals so genannten Feten sicher gut schwofen konnte, wie man damals sagte.

2. Paul McCartney & The Wings – Live And Let Die (“Leben und sterben lassen”, 1973)
Was ist noch besser, als einen James-Bond-Song gesungen und den Eurovision Song Contest gewonnen zu haben? Klar: Einen James-Bond-Song gesungen und vorher bei den Beatles gespielt zu haben. Dann kann man in 3:15 Minuten auch problemlos mindestens drei verschiedene Songs anstimmen. “Live And Let Die” ist immer noch fester und sehr beeindruckender Programmpunkt in Paul McCartneys Solokonzerten, bei dem Pyrotechnik im Gegenwert eines Kleinwagens zum Einsatz kommt. (Er ist damit neben “The Living Daylights” und “Thunderball” auch einer von drei Bond-Songs, die ich schon live gehört habe.)

1. Tina Turner – GoldenEye (“GoldenEye”, 1995)
“GoldenEye” war der erste James-Bond-Film, den ich im Kino gesehen habe (dann direkt zweimal) und vielleicht sogar mein erster überhaupt. Insofern bin ich vielleicht ein wenig voreingenommen, aber es ist doch ein verdammt brillanter Song. Geschrieben von Bono und The Edge von U2, die danach auch nicht mehr viel hingekriegt hätten, was besser gewesen wäre, und virtuos vorgetragen von Tina Turner, die damals im dritten oder vierten Frühling ihrer Karriere stand. In Kombination mit dem Vorspann und dem Film insgesamt ist “GoldenEye” eindeutig der beste Bond-Song ever.

Die ganze Liste (oder so was in der Art) können Sie auch bei Spotify hören.

The best of whom?

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 26. Oktober 2012 16:01

Ich hatte ja schon mal von der Idee berichtet, einen Internationalen Strafgerichtshof für Coverversionen (Sitz: Tötensen) ins Leben zu rufen. Dieser Gedanke wurde gerade wieder akut, als ich auf Bild.de über diese Schlagzeile stolperte:

Videopremiere von "Best Of You": Anastacia covert "Foo-Fighters"-Hit

Ja, fürwahr: Anastacia, die Anfang des Jahrhunderts einige Hits hatte, die mir auch nach dem Nachschlagen in der Wikipedia nicht mehr ins Ohr zurückgekommen sind, hat sich einen der besten Foo-Fighters-Songs vorgenommen.

Bild.de erklärt:

Für “It’s A Man’s World” hat die US-Sängerin klassische Rocksongs von männlichen Mega-Stars neu interpretiert, darunter den “Foo-Fighters-Hit “Best Of You”.

Anastacia wird mit den Worten zitiert:

“Ich würde ein Coveralbum mit klassischen Männer-Rocksongs machen. Wie ich selbst!! Das ‘Chick’, das einige eine B**ch mit Eiern nennen!”

Und so klingt es, wenn das Hühnchen, das auch eine Hündin mit Eiern ist, los … äh: rockt:


Anastacia — Best of you – MyVideo

Lassen Sie mich an dieser Stelle kurz Sean Connery in der Rolle des John Patrick Mason in “The Rock” zitieren:

Your “best”?! Losers always whine about their best. Winners go home and fuck the prom queen.

Ich habe wirklich nichts gegen Coverversionen, solange ich das Gefühl habe, dass da irgendetwas Eigenes vom Interpreten in die neue Version mit einfließt. Das hier ist vielleicht noch schlimmer als das “Ring Of Fire”-Massaker von den H-Blockx, weil dahinter keine einzige eigene Idee zu erkennen ist, nur ein halbwegs bekanntes Original, das mit zu viel Weichspüler zu heiß gewaschen wurde.

Zu den anderen Songs auf Anastacias Coveralbum zählen unter anderem “Sweet Child O’ Mine” von Guns N’ Roses, “Back In Black” von AC/DC, “Use Somebody” von den Kings Of Leon, “You Give Love A Bad Name” von Bon Jovi, “Wonderwall” von Oasis und “Black Hole Sun” von Soundgarden.

Anders gesagt: Ein ganz normaler Abend in der Karaokebar.

Nach Düsseldorf gefahren

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 25. Oktober 2012 11:43

Das Schreiben von Presseinfos zählt zu den schlimmsten Aufgaben im Steinbruch der Unterhaltungsindustrie. Oft genug müssen un(ter)bezahlte Praktikanten, die keinerlei Verhältnis zum zu bewerbenden Künstler, Produkt oder Ereignis haben, sie unter Zeitdruck zusammenzimmern. Ich habe in meinem Leben ca. 2.000 Promotexte für Musikveröffentlichungen gelesen und zwei geschrieben und keiner davon wäre mir irgendwie in positiver Erinnerung geblieben.

Insofern ist die Auszeichnung für den espritigsten Promotext des Jahres, die wir in wenigen Zeilen verleihen werden, mutmaßlich die einzige ihrer Art und mithin gleich ein Preis fürs Lebenswerk.

Ausgezeichnet wird der oder die unbekannte Verfasser(in) des offiziellen Promotextes zur “No One Can Catch Us”-Tour von Lena Meyer-Landrut.

Hier die ersten Zeilen:

Bei Raab gewonnen. Plattenvertrag unterschrieben. “Satellite” veröffentlicht. Bei Wetten, Dass ..? aufgetreten. Erstes Album gemacht. Nach Oslo geflogen. Zwölf Punkte von Lettland gekriegt. Ein Schildkrötenmädchen synchronisiert. Werbewirksam in einem Kleinwagen gesessen. In der Sesamstrasse ergreifendes Duett mit Ernie gesungen. “Taken By A Stranger” veröffentlicht. Zweites Album gemacht. Sechs Songs gleichzeitig in den Top 100 gehabt. Kai Pflaume und Gary Barlow beim Echo kennengelernt. Deutschlandtour absolviert. Nach Düsseldorf gefahren. Dort von Frank Elstner interviewt worden. Acht Punkte von Lettland gekriegt. Für Matthias Schweighöfer gesungen. Ein Bett gekauft. Reingelegt. Ausgeschlafen.

Die Jury lobt vor allem die klare Satzstruktur, das Understatement, das auch ein Pars pro toto sein könnte (“Zwölf Punkte von Lettland gekriegt”), die Gleichsetzung von Kai Pflaume und Gary Barlow und die Erwähnung von Frank Elstner.

Ich male nachher noch eine Urkunde, die ich dann persönlich bei Contra Promotion abgeben werde.

Seite: << 1 2 3 ... 5 6 7 ... 155 >>