Sonst ist der bitt’re Frost mein Tod

Von Lukas Heinser, 11. November 2016 15:58

Als ich noch kein Kind hatte, fand ich die Frage „Haben Sie selbst Kinder?“ in einer Diskussion immer etwas unverschämt — so, als ob einem das Schicksal der Welt und der Menschen weniger wichtig wäre, nur weil man sich noch nicht erfolgreich fortgepflanzt hat. Stellt sich raus: Es ändert sich tatsächlich wahnsinnig viel und plötzlich steht man am Morgen nach einer US-Präsidentschaftswahl weinend unter der Dusche, weil man langsam echt Angst bekommt, in was für einer kranken Welt das Kind und seine Freunde eigentlich aufwachsen sollen.

Die neue Sicht auf die Welt ist aber nicht ausschließlich apokalyptisch — im Gegenteil: Die Geschichte von St. Martin hat mich als Kind nie ernsthaft beschäftigt. Klar: Bettler, Mantel, Heiliger. Jedes Jahr gab es in Dinslaken einen Großen Martinszug mit Pferd und Feuer, danach gab es Stutenkerle, aber das alles war nur das Vorprogramm für die Martinikirmes, über die wir anschließend mit Omas Kirmesgeld in der Tasche ziehen durften — und deren Name uns auch erst sehr viel später irgendwie mehrdeutig und lustig erschien. Letztes Jahr aber, als wir das erste Mal mit dem Kind beim Martinszug waren und die Flüchtlingskrise gerade auf dem Höhepunkt war, da erschien mir die Geschichte des römischen Soldaten, der sich um einen Obdachlosen vor den Stadttoren kümmert, plötzlich wahnsinnig wichtig und aktuell. Da hätte der Pfarrer bei seiner Rezitation der Martinsgeschichte gar nicht mehr den Bogen in die Gegenwart schlagen müssen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass das Martinsfest der vielleicht wichtigste – sicherlich aber: greifbarste – christliche Feiertag sein könnte. Geburt oder Auferstehung eines Heilands, Heiliger Geist und WasgenaufeiertmannochmalanFronleichnam? sind von der Lebenswirklichkeit der Menschen dann doch eher weit entfernt, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe verstehen die meisten noch. Da braucht es dann auch gar nicht unbedingt noch die Schlusspointe und die fünfte Strophe des Martinslieds, wo Jesus Christus auftaucht und erklärt, dass der gute Martin jetzt für ihn, Christus, den Mantel gegeben hätte.

Nachdem Angela Merkel mit ihrem Aufruf, Liederzettel zu kopieren und Blockflötisten zu Rate zu ziehen, mal wieder für großes Hallo auf dem Gebiet gesorgt hatte, das die meisten Deutschen immer noch für Satire halten, veröffentlichte der WDR in seiner Sendung „WDR aktuell“ einen Beitrag aus dem WDR-Lehrbuch „WDR-Beiträge, die wie WDR-Beiträge aussehen“: Erst sangen normale Menschen auf der Straße Weihnachtslieder in Kamera und Mikrofon, dann gab es Schnittbilder von der Kanzlerin, schließlich kamen ein paar einordnende O-Ton-Geber zu Wort. Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im Düsseldorfer Stadtrat, Andreas Hartnigk, erklärt:

Wir sind hier in einer christlich-abendländischen Kultur groß geworden, wir leben diese Kultur auch, und da singen wir keine Sonne-Mond-und-Sterne-Lieder, sondern wir singen St.-Martins-Lieder und das Ding heißt auch St.-Martins-Umzug. Und das muss auch so bleiben und jeder, der das nicht will, kann sich einen andern Lebensraum suchen, wenn er das nicht akzeptiert, oder er hält sich vornehm zurück.

Ich habe ein paar Stunden gebraucht, bis mir dieser O-Ton richtig übel aufstieß. Mal davon ab, dass „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“ nun seit Jahrzehnten zum Repertoire eines Martinszugs gehören dürfte, klopft hier ein ganz anderes Problem an: Wäre es nicht irgendwie sinnvoller, sich dafür zu interessieren, was die Botschaft hinter dem Fest und dem Umzug ist, und nicht, wie andere Leute das Ding nennen?

Die Panik, dass unsere schönen christlichen Feste umbenannt werden, treibt Konservative und Neurechte seit Jahren um und sorgt immer wieder für besorgte Falschmeldungen. (Klar: Nichts transportiert die Weihnachtsbotschaft besser als ein sogenannter Weihnachtsmarkt, auf dem sich erwachsene Menschen nach Feierabend mit minderwertiger Plörre betrinken. Den sollte man auf keinen Fall in „Wintermarkt“ umbenennen!) In denen meisten Fällen geht es ihnen dabei gar nicht um den Anlass eines solchen Feiertags, sondern um die reine Existenz dieses Feiertags, abgekoppelt von seiner Geschichte. Der Ursprung des Zitats, Tradition sei nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers, ist einigermaßen unklar, aber man sollte diese Worte mal ein bisschen in Hirn und Herz bewegen.

Als Alexander Gauland von der AfD im Gespräch mit FAZ-Reportern seinen berüchtigten Jérôme-Boateng-Nachbarn-Satz äußerte, sagte er auch, unter den Anhängern seiner Partei gebe es die Sorge, „dass eine uns fremde Religion sehr viel prägender ist als unsere abendländische Tradition“. Die Wortwahl war auffällig, weil er nicht wie andere Konservative von einer „christlich-abendländischen“ Kultur oder Tradition sprach — die christlichen Kirchen hatten zu diesem Zeitpunkt die AfD nämlich schon mitunter deutlich kritisiert. Wenn es ernsthaft um christliche Werte ginge, hätte ja auch die CSU ein völlig anderes Parteiprogramm.

Der musikalische Leiter des Schauspielhauses Dortmund, Tommy Finke, ein guter Freund von mir, sagt dann auch den entscheidenden Satz in diesem WDR-Beitrag:

Viele unserer christlichen Werte sind ja eigentlich humanistische Werte, das heißt, sie sind nicht unbedingt der christlichen Religion allein zuzuschreiben.

Ich bin Kind einer Mischehe, evangelisch getauft, habe aber von meiner Oma die volle Palette der katholischen Schutzheiligen mitbekommen. Wenn sie in ihrem Haushalt etwas nicht wiederfindet, zündet sie eine Kerze für den Heiligen Antonius an, in der Hoffnung, dass der „Klüngeltünnes“ ihr hilft. (Meine Oma sagt aber auch immer: „Ein Haus verliert nichts“, was die Verantwortung ein bisschen von den Schultern des Heiligen nimmt.) Das ist harmlose, lebensnahe Religionsausübung, das Gegenteil von Kreuzzügen und Heiligem Krieg. Ich selbst habe mir das Gottesbild aus dem Kindergottesdienst bewahrt und sehe es pragmatisch: Da man die Nichtexistenz eines höheren Wesens nicht beweisen kann, kann man auch dran glauben, wenn es einem selbst weiterhilft und man anderen damit nicht zur Last fällt. Ich find’s aber auch total in Ordnung, wenn jemand sagt, er glaube nicht an Gott — das ist ja das Wesen von „Glauben“. (Wenn jemand behauptet, er wisse, dass Gott existiere – oder, dass der nicht existiere – wird’s schwierig: Beides. Ist. Wissenschaftlich. Nicht. Beweisbar.)

Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft finde ich gut, unabhängig davon, ob man jetzt aus religiösen oder humanistischen Gründen handelt. Aber man kann ja schlecht immer den Untergang der „christlichen Werte“ beweinen, wenn man sie selber nicht lebt. Und das meinte die Kanzlerin ja auch mit ihren Ausführungen zu Blockflöte und Weihnachtsliedern: Eine Religion geht ja nicht dadurch unter, dass plötzlich (im Sinne von: seit über fünfzig Jahren) Menschen einer anderen Religion in einem Land leben, sondern dadurch, dass sie nicht mehr bzw. nur als seelenlose Tradition praktiziert wird. Und ein sprichwörtlicher fußballspielender Senegalese wird vom Generalsekretär einer sogenannten christlichen Partei auch noch dafür gescholten, dass er ministriert, weil man ihn dann nicht mehr abschieben könne. Da hat sich die Logik ja schon auf halber Strecke selbst ans Kreuz genagelt.

Wie war ich da jetzt hingekommen und wie kriege ich diesen Text zu Ende, ohne auch noch Schlenker über Donald Trump, die Geschichte der römisch-katholischen Kirche und die Songs des gestern verstorbenen Leonard Cohen zu nehmen?

Ich wünsche Ihnen und vor allem Ihren Kindern einen schönen St.-Martins-Tag und schauen Sie heute vielleicht mal ein bisschen genauer hin, ob jemand in Ihrer Umgebung Hilfe gebrauchen könnte!

Nachtrag, 16.28 Uhr: Nach Veröffentlichung dieses Artikels habe ich gelesen, dass der St.-Martins-Umzug eines Kindergartens in Fürth abgesagt bzw. verlegt werden musste, weil zur gleichen Zeit am gleichen Ort Pegida unter dem Motto „Sankt Martin und seine heutige Bedeutung“ demonstriert.

Die Nummer Eins im Land sind die hier:

Von Lukas Heinser, 8. November 2016 20:00

Während wir uns alle bereit machen, die wichtigste US-Präsidentschaftswahl seit der letzten US-Präsidentschaftswahl live zu verfolgen und in Sozialen Medien zu kommentieren …

Egal. Ich hab gegoogelt und nichts gefunden. Deswegen jetzt hier noch eben ganz schnell eine weitere wichtige Liste für heute Nacht: Welche Songs bei welcher Wahl auf Platz 1 der Billboard-Charts waren!

2012: Maroon 5 – One More Night
2008: T.I. – Whatever You Like
2004: Usher & Alicia Keyes – My Boo
2000: Christina Aguilera – Come On Over Baby (All I Want Is You)
1996: Los del Rio – Macarena (Bayside Boys Mix)
1992: Boyz II Men – End Of The Road
1988: The Beach Boys – Kokomo
1984: Billy Ocean – Caribbean Queen (No More Love On The Run)
1980: Barbra Streisand – Woman In Love
1976: Chicago – If You Leave Me Now
1972: Johnny Nash – I Can See Clearly Now
1968: The Beatles – Hey Jude
1964: The Supremes – Baby Love
1960: The Drifters – Save The Last Dance For Me

[Quelle: billboard.com]

Welche Bedeutung diese Liste für den Wahlausgang heute hat, müssen Sie selbst entscheiden.

Das ist übrigens die aktuelles Nummer Eins:

Lucky & Fred: Episode 15

Von Coffee And TV, 23. September 2016 11:34

Brangelina sind Geschichte, Lucky & Fred sind wieder da: Zurück aus der Sommerfrische sprechen sie über Populisten wie Donald Trump und Horst Seehofer, zerlegen die Nullformel „Wir schaffen das“ inhaltlich und sprachlich und rätseln, wie es mit dem Konservativismus weitergehen könnte.

Außerdem erzählen sie alles, alles über Nationalhymnen, verraten, wer neuer Bundespräsident wird, und welches Amt Lucky demnächst übernehmen wird.

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„Lucky & Fred“ bei iTunes
„Lucky & Fred“ bei Facebook

Feedbackschleife

Von Lukas Heinser, 19. September 2016 17:34

Ich mag WhatsApp nicht — ich kann noch nicht mal genau sagen, warum. Vielleicht ist es das Design, vielleicht der Hinweiston, vielleicht auch der Umstand, dass es jahrelang keine Möglichkeit gab, die Funktionen der App auf einem richtigen Computer zu nutzen. Jedenfalls fand ich WhatsApp schon doof, bevor die App1 neue AGBs veröffentlicht hat, die fordern, dass man nicht nur die Daten aller Kontakte auf seinem Telefon mit der WhatsApp-Mutter Facebook teilt, sondern man auch noch erklären soll, dass man die Genehmigung hat, diese Daten weiterzugeben — was eine lustige, große Abmahnwelle auslösen könnte.

Mal davon ab, dass ich E-Mail immer noch für das sinnvollste Kommunikationsmedium halte (so man denn rudimentär in der Lage ist, dieses vernünftig zu nutzen), war ich aber auch immer ein großer Fan von ICQ. In den Blütezeiten von BILDblog, Oslog und co haben Stefan Niggemeier und ich vermutlich Tausende von Stunden über ICQ kommuniziert und dabei zahlreiche Sternstunden des Humors produziert.

Ich kann mich aber seit längerem nicht mehr bei ICQ einloggen, weil alle potentiellen Passwörter, die ich jemals verwendet habe, nicht funktionieren und auch die „Passwort zurücksetzen“-Funktion auf der ICQ-Website für meinen Account aus irgendwelchen Gründen nicht zur Verfügung steht.

Ich schrieb also im April dieses Jahres eine E-Mail an den ICQ-Support mit der Bitte um Hilfe:

Hallo, liebe Menschen,

ich habe seit ca. 1998 ein ICQ-Konto (Nr. XXX), das ich in den letzten Jahren nicht benutzt habe. Weil Facebook, WhatsApp und co alle schrecklich sind, wollte ich mein Konto reaktivieren, aber alle Passwörter, die ich womöglich mal verwendet habe, passen nicht mehr. Auch ein Zurücksetzen des Passworts klappt aus irgendwelchen obskuren Gründen nicht. Könnt Ihr mir vielleicht helfen?

Vielen Dank und beste Grüße,
Lukas Heinser

Die Antwort aus dem Hause mail.ru, zu dem ICQ seit 2010 gehört, kam erstaunlich schnell — und war erstaunlich umfangreich:

Hallo,
Vielen Dank, dass Du uns kontaktiert hast!
Wir benötigen so viel wie möglich Informationen, um sicherzustellen, dass das Konto auch dir gehört:
1. Geschätztes Datum der Registrierung
2. Die dem Konto verknüpfte E-Mail-Adresse
3. Die mit dem Konto verknüpfte Telefonnummer
4. Falls Du eine Sicherheitsfrage hattest, welche und wie lautet die Antwort?
5. Geschätztes Datum, an dem Du das Problem herausgefunden hast
6. Bitte geben Sie die ICQ-Nummern Kontakte in Ihrer Kontaktliste waren
7. IP-Adressen, von denen Sie Zugriff auf das Netzwerk in den letzten Jahren.
8. Handy-Modell und das Betriebssystem , auf dem Sie die Anwendung installieren.
Die kompletten Informationen erlauben uns, den Zugriff auf Dein Konto wiederherzustellen.
Mit freundlichen Grüßen,
Dein ICQ-Support-Team
Bitte zitiere bei einer Antwort die gesamte Unterhaltung.

Ich tat mein Möglichstes, um wenigstens einen Teil dieser Fragen zu beantworten. Da ich mich mit der ICQ-App, die auf meinem antiquierten iPod Touch installiert ist, sogar noch einloggen kann (Passwort herausfinden oder ändern geht leider nicht), war es mir sogar möglich, die ICQ-Nummern von Menschen herauszufinden, mit denen ich vor vielen Jahren via ICQ kommuniziert hatte.

Ich bekam eine Antwort, die mich in nicht mehr ganz so verständlichem Deutsch darum bat, Kontakt mit den Inhabern dieser ICQ-Nummern aufzunehmen, damit diese unter Angabe einer Berichtsnummer Kontakt mit ICQ/mail.ru aufnehmen, um zu bestätigen, dass ich ich bin. Mit zwei dieser Menschen war ich zum Glück immer noch befreundet und konnte sie so bitten, sich an ICQ zu wenden, was sie auch taten.

Die nächsten vier Monate hörte ich: nichts. Als dann die Nachricht von den neuen WhatsApp-AGBs kam, fiel mir wieder ein, dass ich ja meinen ICQ-Account reaktivieren wollte, und hakte noch mal nach:

Guten Tag!

Im April hatte ich versucht, meinen ICQ-Account zu reaktivieren. Ist dies inzwischen irgendwie möglich?

Beste Grüße,
Lukas Heinser

Ich bekam diese Antwort:

Hallo,

Bitte geben Sie Ihre gültige Handy-Nummer, die nicht an ICQ-Account verbunden ist.
Diese Zahl werden wir auf Ihr Konto legen.

Da ich vermutete, dass die Nachfrage meiner Handynummer galt, schickte ich diese als Antwort.

Daraufhin schrieb mir ICQ:

Hallo,

Überprüfen Sie die Richtigkeit Telefonnummer einzugeben.

Ich interpretierte das als Aufforderung, mich auf der ICQ-Website mit meiner Handynummer einzuloggen, scheiterte bei dem Versuch aber kläglich:

Hello,

I just tried to login with my phone number (+49 XXX) but I got logged into the account number XXX and not mine (XXX).

Als Antwort bekam ich:

Hallo,

Diese Telefonnummer +49 XXX ist ungültig. Es bleibt noch eine Ziffer einzugeben.

Das war … merkwürdig, denn mein Handynummer besteht seit langer, langer Zeit aus einer vierstelligen Vorwahl und einer siebenstelligen Durchwahl. Noch glaubte ich deshalb an eine lösbare Aufgabe:

Hallo,

diese Nummer ist seit 15 Jahren meine Telefonnummer, Sie können gerne anrufen.

Ich weiß nicht, ob sie die Nummer mit oder ohne 0 nach der Länderkennung (+49) brauchen, also ist es entweder

0XXX

oder +49XXX.

Vielen Dank!

Das sah der Customer Support bei ICQ aber anders:

Hallo,

Wir können diese Telefonnummer nicht anhängen, es fehlt eine Ziffer.

Mit freundlichen Grüßen,
Dein ICQ-Support-Team
Bitte zitiere bei einer Antwort die gesamte Unterhaltung.

Ich gebe zu, dass ich langsam genervt war, als ich am Freitag antwortete:

Hallo,

ich verstehe nicht, wo das Problem liegt: 0XX-XXX ist meine Telefonnummer. Mehr Ziffern gibt es nicht. Wenn Ihr System diese gültige Telefonnummer nicht anerkennt, stimmt etwas mit Ihrem System nicht.

Viele Grüße,
Lukas Heinser

Nun kam gerade eine E-Mail aus Russland, die uns überraschend vier Monate zurückwarf:

Hallo,
Leider ohne Bestätigung Ihrer Kontakte, können wir Ihnen nicht helfen.

Ich werde es aber weiter versuchen. Vielleicht schaffen die es ja, meinen Account zu reaktivieren, solange ICQ noch mindestens einen weiteren Nutzer hat!

  1. Nachdem ich jetzt vier Mal „App“ geschrieben habe, halte ich es auch für möglich, dass ich WhatsApp deshalb doof finde, weil ich den Begriff „App“ so super-doof finde. []

Schwarm, wir müssen reden!

Von Lukas Heinser, 5. September 2016 13:00

Vor ziemlich genau zehn Jahren habe ich mit dem Bloggen angefangen. Erst drüben in unserem damaligen Auslandssemester-Blog und später dann hier. Mit einer kleinen Truppe von AutorInnen wollten wir „die Zeitung machen, die wir selber gerne lesen würden“ — was bei Licht besehen auch damals schon etwas vermessen war, aber wir wollten einfach mal gucken, was so passiert.

Es wurde sehr schnell ein Blog, in dem ich mich vor allem über Medien und Journalisten ausließ — was daran lag, dass ich damals vor allem das Blog von Stefan Niggemeier und das BILDblog gelesen habe. Es wäre aber falsch, Stefan und Christoph Schultheis die Schuld an meinem altklugen, übellaunigen Geblogge zu geben — ich dachte, glaube ich, wirklich, dass sie bei „RP Online“ irgendwann mit ihren Klickstrecken aufhören würden, wenn ich mich nur oft genug darüber aufrege. Inzwischen gibt es BuzzFeed und Social Media und ich sehe ein, dass „RP Online“ allenfalls einen vorläufigen Tiefpunkt dargestellt hat.

Blogs waren damals noch etwas anderes, nämlich die mutmaßliche Zukunft. Wir lasen gegenseitig unsere Blogs, verlinkten unsere Einträge untereinander, führten Debatten weiter und machten uns gegenseitig auf nervige, aber auch auf tolle Dinge aufmerksam. Dann kamen Facebook und Twitter und inzwischen redet ungefähr niemand mehr über Blogs, wenn es um die Zukunft des Journalismus geht.1 YouTube ist der neue heiße Scheiß und die gleichen Medien, die ein Leistungsschutzrecht einführen wollten, weil Google News Teile ihrer Texte zitiert, entsorgen ihren Content heute direkt bei Facebook, in der Hoffnung, wenigstens noch ein paar Krümel abzubekommen.

Während Facebook früher noch das digitale Wohnzimmer war, wo man Freunde und Bekannte um sich sammelte und lustige Videos mit ihnen teilte, sind inzwischen alle Seitenwände abgebaut worden wie weiland im „Torn“-Video und wir können sehen, dass nebenan der Stammtisch tobt, den man früher nie wahr- oder gar ernstgenommen hätte, und ein merkwürdiger Mob jede Nachricht kommentiert, so dass man anschließend glaubt, die Welt sei voller rechtschreibschwacher Menschenhasser, die wiederum glauben, die Welt sei voller Terroristen und „linksgrün-versiffter Gutmenschen“. Menschen mit ausgedachten Berufsbezeichnungen sind derweil damit beschäftigt, jede Woche eine neue App zu finden, die angeblich „das neue Facebook“ sei.

Kurzum: Ich bekomme richtig schlechte Laune, woraufhin ich richtig übellaunige Sachen bei Facebook und Twitter poste, wo es daraufhin aussieht, als sei ich ein richtig übellauniger Mensch. Zum Bloggen komme ich nicht, weil ich die ganze Zeit mit Social Media beschäftigt bin und deshalb leider nicht mehr aufschreiben kann, was mir eigentlich gute Laune macht und was ich gerade toll finde.

Dieses Dilemma hatte ich vor zwei Jahren schon einmal zu beheben versucht, indem ich jeden Tag einen „Song des Tages“ posten wollte. Kleiner Haken: Durch die Festlegung auf dieses Format wurde die schöne Idee bald zur lästigen Aufgabe, die mir – korrekt! – schlechte Laune machte.

Sue Reindke, deren Blog ich früher sehr gerne gelesen habe und die ich heute (s.o.) eigentlich nur noch über Social Media mitbekomme, hat letzte Woche ein Experiment gestartet: Sie will ungefähr jede Woche einen Newsletter verschicken mit Dingen, die sie beschäftigen. Ich hatte früher schon öfter über das Medium Newsletter nachgedacht und finde die Idee richtig gut: Statt die Inhalte alle bei Facebook zu verballern, wo Facebook damit auch noch Geld macht und wo sie – vor allem außerhalb eines Webbrowsers – auf technisch grauenhafteste und unbrauchbarste Art irgendwo ins Nirwana diffundieren, kann man sie auch per E-Mail schicken, dem ungefähr einzig brauchbaren Kommunikationsweg, den das Internet jemals hervorgebracht hat. Die Produktion geht nicht so schnell und impulsiv vonstatten wie die eines Tweets und man kann die E-Mail in Ruhe lesen, wenn man mal Zeit hat. Das will ich direkt auch mal probieren!

Ich werde mein Privatleben weiter weitgehend aus dem Internet raushalten, aber statt weiter bunte Papierschmetterlinge in Pinkelrinnen zu werfen, will ich versuchen, positive oder zumindest interessante Dinge an einem Ort zu versammeln: Musik, Trailer, empfehlenswerte Texte, Podcasts oder Videos und ein paar eigene Gedanken. Gleichzeitig will ich versuchen, wieder mehr in diesem Blog zu machen (immerhin feiert das im Februar seinen zehnten Geburtstag), aber das alles ohne Zwang.

Post vom Einheinser — Ich will mitlesen!

* Pflichtangabe




So lange schon mal: mein aktuelles Lieblingslied!

  1. Okay: So richtig redet niemand mehr über die Zukunft des Journalismus. []

Katastrophenjournalismus-Mäander

Von Lukas Heinser, 25. Juli 2016 23:07

Ich war ein etwas merkwürdiges Kind und legte schon früh eine gewisse Obsession für Journalismus an den Tag, besonders in Katastrophensituationen: als in meinem Heimatdorf ein Gasthaus abbrannte, schnitt mein siebenjähriges Ich in den nächsten Tagen alle Artikel darüber aus der Zeitung aus und editierte sie neu zusammen, um sie in einer von mir selbst moderierten Nachrichtensendung (Zuschauer: meine Stofftiere) zu verlesen.

Mit acht sammelte ich in Zeitungen und Radio alle Informationen über einen Flugzeugabsturz in Amsterdam, derer ich habhaft werden konnte. Nach dem Absturz eines Bundeswehrhubschraubers1 bei der Jugendmesse „YOU“ in Dortmund, nach dem Unfalltod von Prinzessin Diana, nach dem ICE-Unfall von Eschede schaltete ich Fernseher und Videotext ein und wechselte jede halbe Stunde zum Radio, um aus den dortigen Nachrichten mögliche neue Entwicklungen zu entnehmen und – ich wünschte wirklich, ich dächte mir das aus – zu notieren: Soundso viele Tote, Ursache noch unklar, drückte den Hinterbliebenen an der Unfallstelle sein Mitgefühl aus. Den 11. September 2001 verbrachte ich kniend auf dem Wohnzimmerteppich meiner Eltern vor dem Fernseher, am 7. Juli 2005 verließ ich mein Wohnheimszimmer nicht.

Dann wurden im August 2006 in Großbritannien zahlreiche Verdächtige festgenommen, die Anschläge auf Passagiermaschinen geplant haben sollten, und nach etwa einer halben Stunde CNN und BBC schaltete ich den Fernseher aus, ging raus und dachte „Was’n Scheiß!“

Ziemlich exakt seit es mir technisch möglich wäre, mich in Echtzeit selbst über Ereignisse zu informieren, noch während sie passieren, wünsche ich mir, darüber im Geschichtsbuch lesen zu können. Mit allen Erkenntnissen, die im Laufe der Jahre gewachsen sind, mit historischer Einordnung und in genau dem Umfang, der ihnen angemessen ist: Doppelseite, halbe Seite, kleiner Kasten, Fußnote.

***

Als ich am vergangenen Freitag die erste Meldung bekam, dass sich in München irgendwas schlimmes ereignet habe,2 guckte ich kurz bei Facebook Live und Periscope rein, weil ich ja manchmal auch für aktuelle Informationssendungen arbeite und mir diese Technik mal aus einer professionellen Perspektive ansehen wollte. Ich sah also verwackelte Videobilder, auf denen Menschen mit erhobenen Händen in Richtung von Polizeiautos rannten, und die von einem Mann mit bayrischen Akzent mit anhaltendem „krass, krass“ kommentiert wurden. Die Wörter „München“, „Olympia“, „Schüsse“ und „Kamera“ bildeten in meinem Kopf eine Linie und ich dachte, dass man so Scheiße wie 1972, als die Geiselnehmer dank Live-Fernsehen permanent über die Aktionen der Polizei informiert waren, ja ruhig 44 Jahre später mit Mitteln für den Heimanwender noch mal wiederholen kann. Ich erbrach mich kurz bei Twitter und tat dann das Einzige, was mir an einem solchen Tag noch sinnvoll und sachdienlich erschien: ich ging in die Küche und machte Marmorkuchen und Nudelsalat für einen Kindergeburtstag.

***

Der Begriff des „Zeugen“ ist in erster Linie ein juristischer. Zeugen haben von den Strafverfolgungsbehörden (und dort von möglichst geschultem Personal) gehört zu werden und sollten nach Möglichkeit nicht vor laufende Kameras gezerrt werden. Schon bei einem harmlosen Verkehrsunfall kann man die widersprüchlichsten Informationen zusammensammeln, bei einer unübersichtlichen Gefährdungslage dürfte die Chance, tatsächlichen Mehrwert zu generieren (der sich anschließend inhaltlich auch noch als zutreffend erweist), genauso groß sein wie wenn der Moderator im Studio einfach mal rät, was passiert sein könnte.

Zu den Leuten, die nach bestem Wissen und Gewissen ausplaudern, was sie gesehen und gehört zu glauben haben, kommen natürlich noch die Idioten hinzu, die sich irgendwas ausdenken, um auf Twitter oder Facebook geteilt zu werden — oder weil es sich ja zufällig als treffend erweisen könnte.

Auf einem der Periscope-Videos aus München sah ich Dutzende Menschen, die alle ihre Handys in Richtung eines nicht näher einzuordnenden Ortes richteten, den ich jetzt einfach mal als „potentielle Gefahrenquelle“ bezeichnen würde. Die Geiselnehmer von Gladbeck müssten heute nicht mal mehr warten, dass „Hans Meiser, deutsches Fernsehen“ bei ihnen anruft oder der spätere „Bild“-Chefredakteur Udo Röbel zu ihnen ins Auto steigt.

Neben all dem findet man in den Sozialen Netzwerken natürlich auch die Besserwisser:3 das Fernsehen soll mehr berichten, das Fernsehen soll weniger berichten, die Politiker sollen sich gefälligst jetzt äußern. Fast würde man diesen Leuten ein „Macht’s besser!“, entgegen schreien wollen, wenn man nicht davon ausgehen müsste, dass sie schon im Glauben sind, auf ihren Profilen genau das zu tun.

***

Während etwas geschieht, ist man in aller Regel nicht in der Lage, die Dimension dieses Ereignisses auch einzuschätzen. Das gilt für die erste Begegnung mit der späteren großen Liebe genauso wie für Nachrichten. Es hat sich mir förmlich ins Hirn gebrannt, wie ich mit fünf Jahren versehentlich eine Ausgabe der „Aktuellen Stunde“ mitkriegte, die vom Absturz eines US-Kampfflugzeugs in einer Stadt namens Remscheid berichtete.4 Die Worte „Flugzeugabsturz“ und „Remscheid“ sind für mich seitdem untrennbar semantisch miteinander verbunden, obwohl ich bis heute nicht sagen könnte, wo Remscheid liegt.5 Die allermeisten Menschen, die diese Nachricht damals zur Kenntnis genommen haben und nicht direkt von dem Absturz betroffen waren, dürften sie komplett vergessen haben — die damaligen Moderatoren der „Aktuellen Stunde“ inklusive. Für die Stadt Remscheid dürfte der Tag eine deutlich größere Bedeutung haben als für die US Air Force. Und allein die Tatsache, dass ich die Fakten dazu jetzt ganz schnell nachschlagen konnte, gibt dem Unglück ja eine gewisse Wertung: Es ist nicht auszuschließen, dass am gleichen Tag auf den Straßen in NRW mehr Todesopfer bei Autounfällen zu beklagen waren – Anfang Dezember, vielleicht Blitzeis? – als die sieben beim Flugzeugabsturz, aber dazu gibt es halt keinen Wikipedia-Eintrag.

***

Als ich noch relativ klein war, lief ein psychisch kranker Mann mit einer Schusswaffe durch die Dinslakener Innenstadt, schoss auf Polizisten und erschoss sich am Ende in einer Garage. Jedenfalls ist es das, woran ich mich sehr dunkel – und ausschließlich auf Erzählungen meiner Mutter an jenem Tag basierend – erinnere. Ich bilde mir ein, dass es im Herbst 1991 gewesen sein müsste, aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung — um das ganze irgendwie verifizieren zu können, müsste ich nach Dinslaken fahren und in den Archiven der Lokalredaktionen von „NRZ“ und „Rheinischer Post“ meterweise Mikrofilm sichten. Angeblich war auch das Fernsehen vor Ort, vielleicht fände ich etwas im Keller von RTL West.

Nur zehn Jahre später hätte dieses Ereignis zumindest ein paar Artikel in Online-Medien nach sich gezogen, die ich jetzt ergoogeln könnte. Zwanzig Jahre später hätte es vermutlich schon so viel Social-Media-Buzz erzeugt, dass man die Entwicklungen auch in einer fernen Zukunft noch minutengenau nachvollziehen könnte — oder halt beim Nachlesen genauso ahnungslos ist, als wäre man selbst dabei. Und in dieser Woche wäre es nicht unter einem „Brennpunkt“ und einer Solidaritätsadresse mindestens eines ausländischen Spitzenpolitikers auf Twitter passiert. Der örtliche Polizeipressesprecher hätte sich auch andere Fragen anhören müssen.

***

Schon seit einigen Jahren erwähnt Barack Obama, wenn er wieder mal mit zitternder Unterlippe ein Statement zu einer Massenschießerei in den USA abgeben muss, dass er bereits zu viele Statements zu einer Massenschießerei in den USA abgegeben habe.

Nun bin ich – Gott sei Dank – nicht der US-Präsident und glaube auch nicht, dass es irgendwelche größeren Auswirkungen hat, wenn ich hier meine Meinungen zu Medienberichten nach schrecklichen Ereignissen veröffentliche, aber auch ich habe schon viel zu oft meine Meinung zu Medienberichten nach schrecklichen Ereignissen veröffentlicht:

  1. Die Typenbezeichnung Bell UH-1D könnte ich Ihnen ohne nachzudenken nennen, wenn Sie mich nachts um vier aus dem Bett klingelten — was Sie aber bitte in unser beider Interesse unterlassen! []
  2. Bizarrerweise per Push-Benachrichtigung der BBC-App. []
  3. Zu denen ich in der Blüte der Arroganz von Jugend und Internetglauben auch gehört habe. []
  4. Note to self: Niemals Nachrichten gucken, wenn das Kind in der Nähe ist. []
  5. An der A1 zwischen Wuppertal und Köln, aber was weiß ich, wo die A1 lang führt — und wo zum Henker liegt überhaupt Wuppertal, außer halt südlich des Ruhrgebiets? []

Lucky & Fred: Episode 14

Von Coffee And TV, 13. Juli 2016 20:33

Hu! Da sind sie wieder: Lucky und Fred, die Fernfahrer der Ätherwellen, blicken zurück auf die letzten Wochen, in denen soooo viel jetzt gar nicht …

Okay, seien wir ehrlich: Die Welt steht am Abgrund, Odin hat die nächste Mannschaft einberufen und bald ist vermutlich alles vorbei. Vorher schauen wir aber noch nach Großbritannien (solange es noch da ist), in die USA und natürlich auf die Populisten dieser Welt. Ein paar gute Nachrichten haben wir dann aber doch noch gefunden und außerdem kommt in diesem Podcast zweimal das Wort „Fick“ vor, weswegen wir davon abraten, ihn in der Nähe von Kindern zu hören. (Für die ist er aber eh langweilig.)

Weiterführende Links:

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„Lucky & Fred“ bei Facebook

Con un sample

Von Lukas Heinser, 4. Juli 2016 23:35

Loney Dear ist so ein Musiker, von dem man außerhalb des Haldern Pop Festivals, wo er gefühlt jedes Jahr auftritt, kaum etwas mitbekommt. Umso überraschter war ich, als ich gestern auf WDR 4, der musikalisch erträglichsten Unterhaltungswelle des Westdeutschen Rundfunks, das Intro zu seinem phantastischen, hypnotischen „Ignorant Boy, Beautiful Girl“ (das ich gerne als Thema für meine noch zu drehende Indie-Romanze lizensieren würde) hörte:

Die Überraschung stieg noch, als eine sonore Stimme auf Italienisch zu singen begann. Ich war verwirrt, aber auch angetan. Als der Mann dann noch englischsprachige Zeilen sang, klang das Lied plötzlich sogar wie ein ESC-Beitrag — normal, wenn ein Italiener auf Englisch das Lied eines Schweden singt. WDR 4 wäre natürlich nicht WDR 4, wenn der Song nicht fachmännisch-beschwingt abmoderiert worden wäre und, siehe da: es handelte sich (natürlich) um die aktuelle Single von Zucchero, dem anderen Italiener, der es vor Jahrzehnten in Deutschland zu einem gewissen Ruhm gebracht hatte (Nr. 3, wenn man Al Bano mitzählt — oder Nr. 4 mit Adriano Celentano). I was sold.

Sven

Von Lukas Heinser, 28. Juni 2016 11:05

Sven war, wie die meisten anderen in meiner Klasse, ein Jahr älter als ich und das, was man als Außenseiter bezeichnen würde: schulisch im unteren Mittelfeld, nicht unbedingt das sozial aktivste Kind. Seine Eltern waren sehr alt, das Haus in dem sie lebten (und in dem ich nur ein einziges Mal war), sehr klein und dunkel und weil die Eltern viel rauchten, roch auch Svens Kleidung immer nach Zigarettenqualm. Er hatte einen ohnehin schon zu Wortspielen einladenden Nachnamen, den wir im Bezug auf seinen Geruch noch weiter abwandelten.

Obwohl wir mindestens vier Jahre in der gleichen Klasse waren, hatte ich nie so richtig viel mit ihm zu tun — aber doch mehr als mit manch anderen Kindern. Wir waren beide in der Unterstufen-Theater-AG und es ist im Nachhinein verlockend zu sagen, dass Sven dort aufblühte, dass er aus sich hinausging und dort den Eindruck erweckte, sich endlich mal wohl zu fühlen. Da wird womöglich was dran sein, es kann aber auch totale Überinterpretation in der Rückschau sein.

Sein anderes Hobby war Eishockey und einmal zeigte er mir einen Zeitungsausschnitt von einem Spiel seiner Mannschaft. Seine natürliche Rolle wäre die des Klassenclowns gewesen, aber das ging immer schief, weil seine Witze nicht verfingen. Einmal hatte er meinen besten Freund und mich zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen, aber wir dachten uns beide irgendwelche Gründe aus, warum wir leider nicht kommen konnten.

Später hatten es zwei Mitschüler richtig auf Sven abgesehen. Ich kann mich nicht mehr an die Details erinnern, aber es gab eine Klassenkonferenz und heute würde die Schule da vermutlich ein viel größeres Fass aufmachen wegen Mobbing und so. Hoffentlich. Die beiden Mobber durften in der Klasse bleiben, mussten irgendwie den Schulhof sauber machen und einer der beiden wurde später Kreisvorsitzender der NPD. Sven blieb am Ende des Schuljahres sitzen.

Am ersten Samstag der Sommerferien 1999 rief bei uns zuhause eine Freundin meiner Eltern an. Ob ich schon gehört hätte, dass der Sven gestorben sei. Nein. Dann wüsste ich es jetzt. (So fand der Dialog wirklich statt!) Sven war bei ihrem Sohn in der Klasse gewesen, am Ende des Schuljahres wieder sitzen geblieben und dann am Tag zuvor in der Nachbarstadt auf dem Fahrrad von einem Bus erwischt worden und in den Morgenstunden gestorben. Ich glaube, er war auf dem Weg zum oder vom Eishockey-Training.

Ich rief meine Freunde an, um ihnen die Nachricht zu überbringen und ich weiß noch, dass ich mir dabei sehr wichtig und erwachsen vorkam. Die meisten hatten mit Sven noch weniger zu tun gehabt als ich und fanden ihn doof und ich sagte feierlich, so etwas dürften wir jetzt nicht mehr sagen. Einer hatte früher mit Sven Eishockey gespielt und war wirklich betroffen.

Ein paar Tage später saßen wir zusammen in der Kirche beim Trauergottesdienst, es war mein erster. Der Pfarrer erklärte, die Eltern hätten Sven damals „bei sich aufgenommen“, was irgendwie die Sache mit dem Alter erklärte. Anschließend saßen wir auf der Mauer an der Kirche in der Sonne und unterhielten uns über den gerade aufkommenden Trend von LAN-Parties und noch am gleichen Tag fuhr ich los, um mir eine Netzwerkkarte zu holen.

Svens Eltern leben nicht mehr in dem kleinen, dunklen Haus. Ich glaube, sie leben gar nicht mehr. Ich habe immer mal wieder an Sven gedacht, meistens, wenn ich in der Nachbarstadt an der Kreuzung vorbeikam, an der er verunglückt sein muss. Über ihn gesprochen haben wir glaube ich gar nicht mehr. In unserer Abizeitung ist er in der Liste der Abgänge mit Geburts- und Todesdatum markiert. Ich glaube, wir hatten beide Daten falsch.

Sven ist jetzt länger tot als er je gelebt hat, was bei jedem Menschen zwangsläufig irgendwann passiert. Aber es ist trotzdem ein verstörender Gedanke.

Cinema And Beer: „Junges Licht“

Von Coffee And TV, 25. Juni 2016 12:50

Ein Sommer im Ruhrgebiet: In den 1960er Jahren eine heiße, mehrwöchige Phase, in der Heranwachsende nicht wussten, wie sie die Zeit totschlagen sollten und was mit ihnen und um sie herum passiert; im Jahr 2016 ein einzelner schöner Abend vor einer Kneipe im Bochumer Ehrenfeld.

Letzteres reicht aber aus, um ersteres zu besprechen, und so widmen sich Tom Thelen und Lukas Heinser in ihrer beliebten Podcastreihe dem Film „Junges Licht“ von Adolf Winkelmann und auch dem Ruhrgebiet an sich. Begleitet natürlich von einem kühlen Getränk aus Bochum (und aus Liebe).

Junges Licht (Offizielles Filmplakat)

Cinema And Beer: „Junges Licht“
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