Alles endet (Aber nie die Musik)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. November 2013 18:46

Früher, als ich in Internet und Radio über Musik berichtete, mehrere Musikzeitschriften las und mich quasi Vollzeit mit Popkultur beschäftigte, habe ich gelächelt über die Leute, die die jeweils neuesten Alben von Status Quo oder Chris Rea aus den Elektronikmärkten schleppten und sonst auf das zurück griffen, was sie an “junger Musik” aus dem Radio kannten: Norah Jones, Adele, Coldplay. Ich war ernsthaft empört über Menschen, die auf die Frage, was sie denn so für Musik hörten, mit “Charts” oder “was halt so im Radio läuft” antworteten.

Inzwischen weiß ich, dass es im Erwachsenenleben schwierig ist, ernsthaft mit der musikalischen Entwicklung Schritt zu halten. Das fängt schon damit an, dass man weniger Zeit und Gelegenheit hat, um Musik zu hören. Im Berufsleben ist es häufig nicht mehr möglich, während der Arbeit die neuesten Veröffentlichung oder – inzwischen eh ausgestorben – das Musikfernsehen laufen zu lassen. Am Abendbrottisch mit der Familie ist auch nicht immer der rechte Ort, um neue (oder auch alte) Rockmusik abzuspielen. Und dann haben Streamingdienste und Musikblogs die Geschwindigkeit, mit der das next big thing durchs Dorf und wieder herausgetrieben wird, auch noch erheblich gesteigert.

Und somit sind da plötzlich meine Status Quo und Chris Reas: Die Liste meiner diesjährigen Musikerwerbungen umfasst in einem nicht unerheblichen Maße Künstler und Bands, die auch schon vor zehn Jahren auf solchen Listen standen. Natürlich muss ich die neuen Alben von Travis und den Manic Street Preachers haben — sie zu bewerten ist allerdings gar nicht so einfach, denn natürlich waren “The Man Who” und “This Is My Truth Tell Me Yours” jeweils besser. Andererseits sind da auch immer Stimmen in meinem Kopf, die mir vorwerfen, die neuen Songs besser zu finden als ich die gleichen Songs bei Nachwuchsbands finden würde. All das muss man ausblenden und dann sehen: beides sind ziemlich gute Alben geworden.

Travis haben mich ja eh nie wirklich enttäuscht und auf “Where You Stand” und dem dazugehörigen Titeltrack sind sie tatsächlich so gut wie ungefähr seit “The Invisible Band” nicht mehr. Eine Revolution wollten die Schotten ja eh nur kurz auf “12 Memories” starten, jetzt können wir, die von Travis durch ihre Jugend begleitet wurden, mit der Band alt werden. Da sind die Manics schon angekommen: Nach “Postcards From A Young Man” blicken sie auch auf “Rewind The Film” ganz viel zurück — und es sind wieder ganz tolle Geschichten geworden, die James Dean Bradfield und seine zahlreichen Gastsänger da erzählen.

CDs (Symbolbild)

Von Moby habe ich zwar nicht jedes Album im Regal, aber die Vorabsingle “The Perfect Life” mit Wayne Coyne von den Flaming Lips war so grandios, dass ich die ganze Platte haben musste — und auch die ist tatsächlich sehr gut geworden. Auch Slut begleiten mich schon seit zwölf Jahren, ihr “Alienation” ist sicherlich wieder ein hervorragendes Album geworden, ich finde nur (noch) nicht so recht den Zugang dazu. Bei Radiohead bin ich ja auch irgendwann ausgestiegen.

Die Pet Shop Boys wären nach “Elysium” im vergangen Jahr eigentlich frühestens 2015 wieder mit einem neuen Album dran gewesen, haben mit “Electric” aber direkt einen Nachfolger aus dem Ärmel geschüttelt, der erstaunlich knallt. Gut: Das ist wahrscheinlich eher das, was sich Männer Mitte/Ende Fünfzig unter zeitgenössischer Elektonikmusik vorstellen (“Wie wäre es, wenn wir mal was von diesem Dubstep mit reinnehmen?”, “Wie wäre es, wenn wir diesen Example bei uns mitrappen lassen?”), aber mir gefällt’s besser als so Pappnasen wie Skrillex oder das besagte “Elysium”.

Die Kombination Elvis Costello & The Roots erscheint eigentlich nicht mal auf den ersten Blick abwegig: Costello macht seit mehr als 40 Jahren im Großen und Ganzen, was er will (Punk, Country, Klassik), insofern war es eigentlich überfällig, mal ein Album mit einer Hip-Hop-Band aufzunehmen. “Wise Up Ghost” ist erwartungsgemäß auf den Punkt und hat einige grandiose Songs, ist aber gar nicht so außergewöhnlich, wie man vielleicht hätte erwarten können.

Wirklich ärgerlich ist “Loud Like Love” von Placebo geworden: musikalisch weitgehend belanglos, textlich nah dran an der Unverschämtheit. Wo Brian Molko früher von Sex, Drogen und inneren Dämonen sang, vertont er heute offenbar Kolumnen von Harald Martenstein und singt in “Too Many Friends” darüber, dass Facebook-Freunde ja gar keine echten Freunde seien. Puh! Die neuen Alben von Jimmy Eat World und den Stereophonics, von Jupiter Jones und Thees Uhlmann habe ich nach den Vorabsingles lieber gar nicht mehr erst gehört. Man muss ja auch mal loslassen können, wenn alte Helden dorthin gehen, wo man selbst nicht mal fehlen möchte.

Aber das sind ja nur die Künstler und Bands, die mich jetzt schon seit mehr als zehn Jahren begleiten. Dazu kommen die “mittelalten” wie Cold War Kids, Josh Ritter, Erdmöbel, The National und Volcano Choir. Und natürlich die ganzen Neuentdeckungen, die ich durch “All Songs Cosidered”, Radioeins oder andere Empfehlungen gemacht habe und die dann letztlich doch gar nicht so vereinzelt sind, wie ich erst gedacht hatte. Aber dazu kommen wir ein andermal.

Cinema And Beer: “Finsterworld”

Von Coffee And TV
Veröffentlicht: 28. Oktober 2013 17:09

Nach knapp vier Monaten Pause ist endlich mal wieder Podcastzeit: Tom Thelen und Lukas Heinser haben sich “Finsterworld” von Frauke Finsterwalder (Drehbuch: Christian Kracht) angesehen und meditieren ein wenig über diese Meditation.

Ihr Fazit: “Da können sich viele Leute anschließend die Birnen heiß reden, wenn sie wollen.”

Finsterworld (Offizielles Filmplakat)

Cinema And Beer: “Finsterworld”
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“Sein” oder nicht “sein”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 17. Oktober 2013 21:01

Am 21. August wurde die ehemalige Soldatin Chelsea Manning, die der Whistleblower-Plattform Wikileaks geheime Dokumente zugespielt hatte, von einem US-Militärgericht zu 35 Jahren Haft verurteilt.

Wobei: Das stimmt so nicht. Damals hieß Chelsea in der Öffentlichkeit noch Bradley Manning und galt als Mann. Erst einen Tag später ließ sie ein Statement veröffentlichen, in dem es hieß:

As I transition into this next phase of my life, I want everyone to know the real me. I am Chelsea Manning. I am a female. Given the way that I feel, and have felt since childhood, I want to begin hormone therapy as soon as possible. I hope that you will support me in this transition. I also request that, starting today, you refer to me by my new name and use the feminine pronoun (except in official mail to the confinement facility).

Wer gleichermaßen aufgeklärt wie naiv ist, hätte annehmen können, dass das Thema damit schnell beendet war: Chelsea Manning ist eine Frau, die in einem männlichen Körper geboren wurde und einen männlichen Vornamen getragen hat, jetzt aber explizit darum bittet, mit ihrem weiblichen Vornamen bezeichnet zu werden.

Die “New York Times” erklärte dann auch in einem Blogeintrag, möglichst schnell den Namen Chelsea Manning und die weiblichen Pronomina verwenden und zum besseren Verständnis für die Leser auf die Umstände dieser Namensänderung zu verweisen. Der “Guardian” legte den Schalter von “Bradley” auf “Chelsea” um und schrieb fürderhin nur noch von “ihr”.

Aber so einfach war das alles natürlich nicht.

Die “Berliner Zeitung” fasste das vermeintliche Dilemma am 24. August eindrucksvoll zusammen:

Bradley Manning möchte fortan als Frau leben und Chelsea genannt werden. [...] Der 25 Jahre alte Soldat ließ erklären, er habe sich seit seiner Kindheit so gefühlt. Von nun an wolle er nur noch mit seinem neuen Namen angesprochen werden. Auch solle künftig ausschließlich das weibliche Pronomen “sie” verwendet werden, wenn über Manning gesprochen werde. Eine operative Geschlechtsumwandlung strebt Manning zunächst wohl nicht an.

Mit diesem Wunsch hat Manning, der gut 700000 Geheimdokumente an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergab, Journalisten in den USA verwirrt und vor große Herausforderungen gestellt. In den Meldungen über Mannings Erklärung war einmal von “ihm” die Rede, dann wieder von Bradley Manning, “die” nun eine Frau sein wolle. Die einen vermieden es peinlich, Personalpronomen zu verwenden. Die anderen erklärten, sie würden solange von “ihm” sprechen, wie Manning aussehe wie ein Mann.

Wie es die “Berliner Zeitung” selbst hält, wurde in den folgenden Wochen deutlich:

5. September:

Die von Matthew H. 2009 besuchte Veranstaltung des Chaos Computer Clubs war immerhin öffentlich. Sein Anteil an der Verurteilung des Whistleblowers Bradley Manning ist unklar. Und auch wenn der Umgang mit Manning nicht unseren Vorstellungen entspricht: Er hat militärische Geheimnisse verraten. Das ist auch deutschen Soldaten verboten.

6. September:

Wie in letzter Zeit in Berlin häufiger der Fall, stehen mal wieder leere Stühle auf der Bühne, diesmal nicht für den mit Ausreiseverbot belegten Filmemacher Jafar Panahi, sondern für Edward Snowden und Bradley Manning, die Ulrich Schreiber gern dabeigehabt hätte. Leider sind sie aus bekannten Gründen verhindert.

Bei der “Süddeutschen Zeitung” gibt es offenbar auch keine Empfehlungen und Richtlinien wie bei der “New York Times” — und noch nicht mal eine klare Linie. Am 2. September schrieb die “SZ”:

Auf Transparenten fordern die Teilnehmer, dass US-Präsident Barack Obama seinen Friedensnobelpreis an die Geheimdaten-Enthüller Chelsea Manning und Edward Snowden abtreten solle.

Und eine Woche später:

Anders gefragt: Hätten amerikanische Dienste eine solche Anfrage zugelassen, wenn ein deutscher Dienst sich um Hintergründe zum Treiben eines bekannten amerikanischen Journalisten interessiert hätte? Da können, trotz aller Narreteien und Verhärtungen der amerikanischen Politik im Kampf gegen Whistleblower wie Bradley Manning oder Edward Snowden amerikanische Behörden empfindsam reagieren.

Am 7. Oktober nun wieder:

Schließlich, so schreiben einige, sei er ein Visionär, gleichzusetzen mit der Wikileaks-Informantin Chelsea Manning oder dem NSA-Whistleblower Edward Snowden .

“Bild” hatte in ganz wenigen Zeilen klargemacht, wie wenig sich die Redaktion um die Bitte von Chelsea Manning schert: In ihren “Fragen der Woche” am 24. August fragte die Boulevardzeitung “Kommt Manning in den Frauenknast?” und antwortete:

Nein! Obwohl der zu 35 Jahren Gefängnis verurteilte Wikileaks-Informant Bradley Manning (25) ab sofort als Frau namens Chelsea leben und sich einer Hormonbehandlung unterziehen will (BILD berichtete), kam er in das Männergefängnis Fort Leavenworth (US-Staat Kansas). Ein Armeesprecher sagte, dass dort weder Hormontherapien noch chirurgische Eingriffe zur Geschlechtsumwandlung bezahlt werden.

Der Unterschied zum “Spiegel” ist da allerdings marginal:

Manning fühlt sich schon länger als Frau, nach seiner Verurteilung will er auch so leben. [...] Am Mittwoch verurteilte ihn ein Militärgericht dafür zu 35 Jahren Gefängnis, abzusitzen in Fort Leavenworth, Kansas. Zwar kann Manning auf vorzeitige Entlassung hoffen – doch bis dahin steht ihm eine harte Zeit bevor: Seine Mitinsassen sind ausnahmslos Männer, eine Verlegung in ein Frauengefängnis ist nicht geplant.

Die Deutsche Presse-Agentur tat sich anfangs noch schwer mit dem Geschlecht. Am 4. September schrieb die dpa:

Die Mission des angeblichen US-Agenten soll dem Bericht zufolge öffentlich geworden sein, nachdem er im Juni dieses Jahres als Zeuge im Prozess gegen den Whistleblower Bradley Manning vor einem amerikanischen Militärgericht in Maryland aufgetreten sei. Manning wurde später zu 35 Jahren Haft verurteilt, weil er WikiLeaks rund 800.000 Geheimdokumente übergeben hatte. Der Ex-Soldat war eine Art Zeuge der Anklage der Militärstaatsanwälte.

Im Rahmen ihrer Berichterstattung zum Friedensnobelpreis letzte Woche schrieb die dpa dann:

Unter den bekannten Kandidaten in diesem Jahr ist auch Chelsea Manning (früher Bradley Manning). Dem einstigen US-Whistleblower räumt der Prio-Direktor aber wenig Chancen ein. “Es gibt keinen Zweifel, dass die Enthüllungen sehr zur internationalen Debatte über Überwachung beigetragen haben”, sagt Harpviken. Ethisch und moralisch reflektiere Manning aber zu wenig, was sie getan habe.

Tatsächlich hatte die Agentur in der Zwischenzeit die Entscheidung getroffen, zukünftig immer von “Wikileaks-Informantin Chelsea Manning” zu schreiben und im weiteren Textverlauf möglichst schnell zu erklären, dass Chelsea als Bradley Manning vor Gericht gestanden habe. Wie mir ihr Sprecher Christian Röwekamp auf Anfrage erklärte, hat die dpa nach Abstimmung mit anderen Agenturen am 6. September eine entsprechende Protokollnotiz in ihr Regelwerk “dpa-Kompass” aufgenommen, in dem sonst etwa die Schreibweisen bestimmter Wörter geregelt werden.

Der Evangelische Pressdienst epd war da offenbar nicht dabei. Er schrieb am 11. Oktober:

Gute Chancen auf den Friedensnobelpreis wurden auch dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton, dem WikiLeaks-Informanten Bradley Manning und der afghanischen Menschenrechtlerin Sima Samar eingeräumt.

Wie einfach es eigentlich geht, hatte die “FAZ” am 9. September bewiesen:

Der Umgang mit Chelsea (vormals Bradley) Manning, die Causa Snowden mit transatlantischer Sippenhaft gegen ihn unterstützende Journalisten und der Umgang mit den Geheimdienst- und Militär-Whistleblowern insgesamt zeigt überdeutlich, welch unkontrollierte Macht der “deep state” der Dienste mittlerweile hat und wie unberührt von öffentlichem Protest er agiert.

Am 5. Oktober schrieb die “FAZ” dann allerdings wieder:

Ohne die von Bradley Manning an die Enthüllungsplattform Wikileaks gelieferten geheimen Regierungsdokumente hätte Mazzetti manche Zusammenhänge nicht rekonstruieren können.

Nun zählen die Themenfelder Transgender und Transsexualität im Jahr 2013 immer noch zu den etwas außergewöhnlicheren, sind aber zumindest immer mal wieder in Sichtweite des Mainstreams. Balian Buschbaum etwa, der als Yvonne Buschbaum eine erfolgreiche Stabhochspringerin war, ist häufiger in Talkshows zu Gast und wird dort mehr oder weniger augenzwinkernd angelanzt, wie das denn jetzt so sei mit einem … hihi: Penis. Der Amerikaner Thomas Beatie durfte als “schwangerer Mann” die Kuriositätenkabinette der Boulevardmedien füllen. Mina Caputo wurde mal Keith genannt und war als Sänger von Life Of Agony bekannt und Laura Jane Grace von der Band Against Me! begann ihre Karriere als Tom Gabel — was die Komiker von “Spiegel Online” seinerzeit zu der pietätvollen Überschrift “Gabel unterm Messer” inspiriert hatte.

Viele haben in ihrem Bekanntenkreis keine Transmenschen (oder wissen nichts davon) und wissen nicht, wie sie mit einem umgehen sollten. Für Journalisten, die aus der Ferne über sie schreiben, ist es aber meines Erachtens erst einmal naheliegend, die Namen und Personalpronomina zu verwenden, die sich die betreffenden Personen erbeten haben. Und Chelsea Manning hat dies explizit getan.

In vergleichsweise alltäglichen Situationen scheinen Journalisten übrigens weniger überfordert: Muhammad Ali und Kareem Abdul-Jabbar waren schon bekannte Sportler, als sie zum Islam konvertierten und ihre neuen Namen annahmen. Durch Eheschließungen und -scheidungen wechselten Schauspielerinnen wie Robin Wright, Politikerinnen wie Kristina Schröder und Schmuckdesignerinnen wie Alessandra Pocher ihre Namen und die Presse zog mit. Und der Fernsehmoderator Max Moor hieß bis zum Frühjahr dieses Jahres Dieter, was – nach einem kurzen Moment des Naserümpfens und Drüberlustigmachens – inzwischen auch keinen mehr interessiert.

Hoffentlich braucht es weniger als 35 Jahre, bis Chelsea Mannings Bitte von den deutschen Medien erhört wird.

Schwarz-grün ist die Haselnuss

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 16. Oktober 2013 15:20

Ja, es war die Halbzeitpause des Fußballländerspiels Schweden – Deutschland, in die das “Heute Journal” gestern Abend hineinsenden musste. 9,3 Millionen saßen vor dem Fernseher (oder, realistischer: ließen den Fernseher an, als sie gerade erst zum Klo und dann zum Kühlschrank gingen) und sollten sich jetzt, nach einer aus deutscher Sicht eher enttäuschenden ersten Halbzeit, auf so knackige Themen und Fremdwörter wie “Sondierungsgespräche” einlassen.

Marietta Slomka tat also lieber mal so, als würde sie mit einem Erstklässler sprechen, dessen Entwicklung noch etwas hinter der seiner Altersgenosse hinterherhinkt. Bei den Gesprächen zwischen Union und SPD am Montag wurde, so Frau Slomka, “nicht mehr mit Wattebäuschchen geworfen — es soll sogar richtig laut geworden sein”. Das mache die heutigen Sondierungsgespräche mit den Grünen “natürlich noch interessanter”.

Es sei auf jeden Fall “eine spannende Partie”, augenzwinkerte Marietta Slomka noch. Dann ging’s los:

Hinter den zugezogenen Vorhängen sitzen sie noch immer: Schwarze und Grüne. Ein Spiel dauert 90 Minuten, heißt es, Koalitionssondierungen aber viel, viel länger.

Es sah ein bisschen so aus, als würden zwei Mannschaften den Platz betreten. Vor über vier Stunden, vor dem, ja: Entscheidungsspiel über eine mögliche schwarz-grüne Koalition.

Als würden zwei Mannschaften den Platz betreten (Screenshots: ZDF).

Wahrscheinlich muss man froh sein, dass das “Heute Journal” gestern nicht in der Ringpause eines Boxkampfs oder zwischen zwei Folgen irgendeiner skandinavischen Krimiserie lief. Aber das macht es ja nicht besser.

Ob Absicht oder nicht: Das Fußball-Feeling wurde noch verstärkt durch einen leider nicht untertitelten O-Ton des bayerischen Grünen-Politikers Anton Hofreiter, von dem man als Nicht-Bayer entsprechend wenig verstand.

Also weiter im Off-Text:

Die Chancen, dass die Grünenspitze sich für eine schwarz-grüne Koalition ausspricht, sind indes gering. Zu groß die Unterschiede zur Union, etwa bei der Klimapolitik, beim Umgang mit Flüchtlingen. Auf beiden Seiten aber will sich niemand dem Vorwurf aussetzen, die neue Machtpaarung nicht wirklich geprüft zu haben.

Klingt soweit metaphern-unverdächtig, wenn ZDF-Reporter Thomas Reichart beim Wort “Machtpaarung” nicht die Anführungszeichen, die Kursivsetzung und Fettung aus dem Skript mitgesprochen hätte.

Dann schwang er sich wieder auf sein von vorne herein ziemlich angeschlagenes Metaphern-Pferd:

Bei den Grünen gehen sie trotzdem davon aus, dass es am Ende wohl zur Großen Koalition kommt, auch wenn Scharz und Rot gestern miteinander ein eher ruppiges Spiel hatten.

Das Werk schließt mit den Worten:

Solange die Vorhänge zugezogen sind, ist schwarz-grün noch im Spiel. Es hat aber: nur noch Außenseiterchancen.

Das “Heute Journal” in der ZDF-Mediathek.

Bochum, ein bisschen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 30. September 2013 17:43

Die Veranstalter des Bochumer Volksfests “Bochum Total” haben heute in einer Pressemitteilung bekannt gegeben, ab dem nächsten Jahr nicht mehr mit der örtlichen Brauerei Moritz Fiege (indirekt bekannt aus unseren “Cinema And Beer”-Podcasts) zusammenzuarbeiten, sondern die Getränke für ihre Großveranstaltung von der Duisburger König-Brauerei zu beziehen. Das war theoretisch schon bekannt, seit vor einigen Wochen ein (inzwischen wieder gelöschtes) Plakat mit “Köpi”-Schriftzug auf der Facebook-Seite von “Bochum Total” aufgetaucht war, aber vielleicht darf man von Lokaljournalisten auch nicht zu viel erwarten.

Jetzt ist die Nachricht jedenfalls offiziell in der Welt und es bahnt sich das an, was sie im Internet einen “Shitstorm” nennen, weswegen ich die Gelegenheit nicht ungenützt verstreichen lassen möchte, für diesen Zweck den/die/das Hashtag “Saufschrei” vorzuschlagen.

Die Empörung ist nachvollziehbar und zielt zugleich weitgehend ins Leere: Die Annahme, ein Volksfest dieser Größenordnung hätte irgendwas mit dem Volk zu tun, wäre naiv. Natürlich geht es bei “Bochum Total”, dem Münchener “Oktoberfest”, dem Hamburger “Hafengeburtstag” und womöglich selbst beim Karneval heutzutage vor allem ums Geld. Zwar würden sie beim Oktoberfest vermutlich eher nicht auf die Idee kommen, das Bier aus dem Umland zu beziehen, aber so viel Tradition hat “Bochum Total” dann auch noch nicht anhäufen können. Selbst wenn alle Lokalpatrioten, die die ausrichtende Agentur “Cooltour” gerade auf Facebook beschimpfen, im kommenden Jahr tatsächlich zuhause blieben, dürfte das bei den vielen hunderttausend Besuchern, die sich alljährlich durch die Bochumer Innenstadt schieben, kaum ins Gewicht fallen. Vielleicht kommen sogar wieder ein paar mehr, um sich das banale Musikprogramm, das oft wie direkt von Plattenfirmen und Medienpartnern zusammengestellt aussieht, die Bratwurstbuden und – dann neuen – Bierstände anzuschauen.

Die Veranstalter beeilten sich, sogleich noch ein Statement der mutmaßlich geschassten Fiege-Brauerei zu veröffentlichen, in dem der Inhaber Hugo Fiege den – für meinen Geschmack etwas zu sehr an gefeuerte Fußballtrainer erinnernden – Satz sagt, es sei “es an der Zeit, neue Perspektiven zu suchen und zu finden”. Das klingt ehrlich gesagt nicht sehr überzeugend, kann aber auch völlig ernst gemeint sein.

Partnerschaften auf diesem Gebiet gehen oft genug mit dem Adjektiv “strategisch” einher. Das darf man nicht mit Tradition verwechseln: Auch beim Haldern Pop Festival wird seit 2012 König Pilsener ausgeschenkt und damit die mehr als 15 Jahre währende “niederrheinische Freundschaft” zwischen dem Festival und der Diebels-Brauerei beendet. Diebels kommt theoretisch aus Issum, gehört aber zum global player Anheuser-Busch InBev und wer weiß, was dessen Controller von “niederrheinischer Freundschaft” verstehen.

Auch die Veranstalter des Haldern Pop zeigten sich ein Stück weit flexibel und erklärten:

Bier ist Heimat. Und so musste es ‘das König der Biere’ aus dem nahen Duisburg-Beek sein.

Eine Kernzielgruppe von “Bochum Total” sind – überspitzt gesagt – Jugendliche, die mit etwas Glück schon legal Bier trinken dürfen und dies vermutlich eher nicht an Bierständen tun — die sind eher für eine andere Kernzielgruppe: die Familien und Vereine, für die die überfüllte Innenstadt ein beliebtes Ausflugsziel ist. Wenn beide jetzt bei Facebook ihrem Ärger Luft machen, zeigen sie damit ein Verständnis für Traditionen, das es andernorts schon nicht mehr gibt. So kann man das sehen.

Man könnte aber auch sagen: Die Leute sind so unflexibel wie jene Leserbriefschreiber, die mit Abo-Kündigung drohen, wenn ihre Tageszeitung nach zehn Jahren mal wieder ein neues Layout bekommen hat. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, heißt es dann, aber er gewöhnt sich auch erstaunlich schnell um.

Fiege schmeckt mir trotzdem bedeutend besser als “Köpi”.

Olympiasieger im Hindernissaufen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. September 2013 15:33

In diesem Blog ist in den letzten Monaten noch weniger los als in den Monaten davor. Das liegt daran, dass ich seit Anfang Juni für die WDR-Sendung “Tagesschaum” arbeite, die ich auch dann sensationell finden würde, wenn ich nicht als “Social-Media-Beauftragter” Teil des Teams wäre.

Das bedeutet zum Glück nicht, dass ich vorlesen muss, was die Zuschauer bei Twitter geschrieben haben, oder unentwegt das Wort “Hashtag” sagen muss, sondern, dass ich Videos wie diese aus der Sendung rausflexen und hochladen darf:

Falls Sie “Tagesschaum” noch nie gesehen haben, wird es langsam knapp, denn die Sendung läuft nur noch bis zum 20. September — montags, dienstags, donnerstags und freitags um 23.15 Uhr im WDR Fernsehen. Alle bisherigen Folgen können Sie sich allerdings auch auf YouTube ansehen.

Geliefert, (fast) wie bestellt

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 3. September 2013 20:34

Vor rund zwei Monaten hatte ich mir hier im Blog gewünscht, Amazon würde – analog zum neuen “Auto Rip”-Angebot, bei dem man die Musik frisch bestellter CDs direkt als MP3s herunterladen kann – auch die Texte gedruckter Bücher zusätzlich noch als Datei ausliefern.

Heute hat Amazon reagiert und “Kindle Matchbook” vorgestellt, mit dem man die digitale Fassung von Büchern herunterladen kann, die man seit 1995 bei Amazon gekauft hat.

Zunächst in den USA.
Für einen Preis zwischen 0 und 2,99 Dollar.
Falls der jeweilige Verlag mitmacht.

Aber ich finde, das ist schon mal ein ganz guter Anfang.

[via @Atmos_CH bei Twitter]

No Meat Today

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 29. August 2013 16:55

Ich weiß, das Thema ist alt und eigentlich längst … gegessen, aber gerade poppte in meinem Gehirn dann doch noch eine Frage zum sogenannten “Veggie Day” auf:

Warum wäre es eigentlich empörend, wenn der Staat uns vorschriebe, was wir (oder: Menschen, die in einer Kantine essen müssen) an einem Wochentag nicht essen sollen, aber es ist überhaupt nicht empörend, wenn eine Firma, die bei der Ausschreibung des Kantinenbetriebs am billigsten war, uns vorschreibt, was wir an allen Tagen essen sollen?

Was macht ein Klischee zum Klischee?

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 26. August 2013 17:57

Ich bekomm ja irgendwie gar nichts mehr mit.

Im April, zum Record Store Day, hatte das Hamburger Traditionslabel Grand Hotel van Cleef bekanntgegeben, dass Labelgründer und kettcar-Chef Marcus Wiebusch eine Solo-EP veröffentlichen werde. (Aufmerksame Beobachter von Wiebuschs Leben ‘n’ Werk wissen natürlich, dass es sich dabei nicht um seine “erste” Solo-Veröffentlichung handelt.) Ich hab die Vinyl-Scheibe am Record Store Day nicht bekommen und das ganze dann völlig aus den Augen verloren.

Letzte Woche fiel mir dann wieder ein, dass ich die EP ja auch digital kaufen könnte — seitdem läuft “Nur einmal rächen” bei mir auf Dauerrotation:

Mal davon ab, dass das neben “Safe And Sound” die eingängigste Bläser-Hookline des Jahres sein dürfte, ist das auch textlich ein großer Wurf: Die Geschichte vom ewigen Nerd (“Nur Einmal Rächen, Digger”), der es geschafft hat und jetzt auf die – schon bei R.E.M. zitierte – George-Herbert-Sentenz setzt, wonach ein gutes Leben die beste Rache sei. Das klingt schon beim zweiten Hören nicht mehr ganz so überzeugend und genau dieses Kippeln auf dem schmalen Grat macht den Reiz dieses Liedes aus.

Das dazugehörige Album soll, wie Marcus Wiebusch im April mitteilte, “bald” erscheinen.

Schon das zweite Soloalbum veröffentlicht Thees Uhlmann, inzwischen dann wohl tatsächlich Ex-Sänger von Tomte und ein weiterer GHvC-Labelgründer. Mit dem Erstwerk “Thees Uhlmann” bin ich ja nie so recht warm geworden und es spricht vieles dafür, dass mich der Nachfolger “#2″ noch kälter lassen wird.

Oder auch: noch ratloser.

Schönes Video, war sicher nicht billig, aber … puh.

Die Aussage, jemand könne “auch das Telefonbuch von Wuppertal vorsingen” ist ja eher selten wörtlich zu nehmen und auf den Wikipedia-Eintrag zum 7. März zu übertragen.

Und sie war 16

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 22. August 2013 19:27

Die Springer-Boulevardzeitung “B.Z.” veröffentlicht heute den ersten Teil ihrer Bücher-Edition “Klassiker der Weltliteratur, mit Fleischwurst nachempfunden”:

Die Hertha-Lolita

Wenn Sie sich jetzt fragen: “Worum geht’s?”, hilft Ihnen die “B.Z.” gerne mit einem rhetorischen Fragenkatalog weiter:

Worum geht es? Um Sex? Ja. Sex mit einer 16-Jährigen? Ja. Sex, auch mit einem verheirateten Mann? Ja. Sex im Kinderzimmer, während unten die kleinen Geschwister spielten? Ja.

Sex im Himmelbett und Satzbau aus der Hölle? Aber hallo!

Nichts davon ist so verboten, wie es sich anhört. Deutsches Recht.

Und nichts davon soll sich so sabbernd anhören, wie es ist. Deutscher Journalismus.

Im siebten Absatz sind die “B.Z.”-Autoren immer noch damit beschäftigt, ihr Thema weiträumig zu umfahren:

Es geht um eine Clique von Fußballprofis, die das Herz und den Körper einer 16-Jährigen untereinander tauschten wie Schulhof-Jungen ihre Panini-Bilder.

Die ersten Leser dürften an dieser Stelle bereits ausgestiegen sein, denn die “B.Z.” hat da bereits erklärt, dass sie keine Namen nennen wird:

Wir müssen und wollen das Mädchen schützen. Wir dürfen die Hertha-Spieler nicht nennen – aus juristischen Gründen.

Die Fußballer heißen deshalb “Hertha-Spieler 1″, “Hertha-Spieler 2″ und “Hertha-Spieler 3″. “Einer ist verheiratet, einer hat eine Freundin.”

Die “B.Z.” schreibt von einem “bizarren Reigen”, den sie mit genug schmutzigen Eckdaten anreichert, um den Leser bei der Stange zu halten, von dem sie sich aber auch immer wieder mit Wertungen (“Macho-Stolz”) zu distanzieren versucht.

Und auch wenn die “B.Z.” viele vermeintliche Details nennt (“über Facebook zum Sex aufgefordert”, “1000 Euro für Oralsex”, “Es gibt einen Schreibtisch, eine Couch, ein Bett, einen großen Flachbildfernseher in der Ecke”), bleibt eine Frage übrig: Was ist das eigentlich für eine junge Frau, die mit drei Fußballprofis in die Kiste steigt — und dann mit dieser Geschichte zur “B.Z.” rennt und den sympathischen Reportern “über 20 Seiten Text und neun Fotos” zusteckt?

Diese Frage wird auch durch diese Kurzcharakterisierung nicht beantwortet, mit der die “B.Z.” neben den skandalgeilen und den fußballgeilen Lesern offensichtlich auch noch ganz andere ansprechen will:

Zum Treffen mit der B.Z. kommt das Mädchen in Hotpants und Trägershirt. Es ist sich, keine Frage, seiner sexuellen Ausstrahlung voll bewusst – und wirkt dennoch wie ein Kind. Die verschiedenfarbig lackierten Finger- und Zehennägel, ihre Mädchenstimme.

“Mein Gott, ich höre mich an wie eine Schlampe”, sagt das Mädchen mitten im Interview und schlägt die Hände vor sein Gesicht. “Ich schäme mich dafür.”

Ich wäre versucht zu behaupten, das Rennen um den ekligsten Text des Jahres sei damit entschieden, aber:

Lesen Sie im nächsten Teil: Die Sache mit dem Mädchen spricht sich in Hertha-Kreisen herum. Immer mehr Spieler melden sich – mit eindeutigen Angeboten.

Nachtrag, 29. August: Die Fortsetzung der – offenbar komplett erfundenen – Geschichte gibt’s im BILDblog.

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