This land is your land, this land is my land

Von Lukas Heinser, 12. Februar 2007 23:26

Die Frage, was eigentlich typisch deutsch sei, ist sicherlich bedeutend älter als die Bundesrepublik und nicht selten wird als Antwort gegeben, eben so eine Frage sei typisch deutsch. Wer von einem längeren Auslandsaufenthalt zurückkehrt, wird bei seinen Landsleuten eine umfangreiche Sammlung andernorts nicht vorgefundener Marotten entdecken (ich persönlich würde „Rauchen wie ein Schlot“ und „ständiges Meckern“ nennen, sowie das schlechte Wetter, was aber nicht an den Leuten selbst liegt). Wer gar als Ausländer nach Deutschland kommt, wird einen sehr eigenen Blick auf das Land und seine Menschen haben und wenn dieser Blick gut geschärft ist und der Blicker ein Buch darüber schreibt, dann ist klar, dass ich das lesen muss.

Eric T. Hansen wuchs auf Hawaii auf, kam als Mormonenmissionar nach Deutschland und schwor als erstes seinem Missionarentum ab. Stattdessen beschäftigte er sich ausgiebig mit der deutschen Geschichte, Literatur und Gesellschaft. Sein Buch „Planet Germany“ lässt sich am Besten als Reiseführer für Einheimische beschreiben: Hansen greift darin typisch deutsche Selbsteinschätzungen auf und zerrupft sie genüsslich. Die Deutschen sind Workoholics? Nirgendwo sonst wird mehr Geld für Urlaub ausgegeben. Die Deutschen lieben die Hochkultur? Es gibt nichts erfolgreicheres als Volksmusiksendungen. Ganz nebenbei erklärt Hansen den aufmerksamen Lesern so einiges über die Geschichte Deutschlands, seine bedeutendsten Erfinder und zieht dabei immer wieder Parallelen zu seiner eigentlichen Heimat, den USA. Schnell wird deutlich: was den Deutschen fehlt, ist vor allem Selbstbewusstsein. Der Deutsche nörgelt am liebsten und redet alles schlecht – am liebsten sein eigenes Heimatland.

Dabei lernt man (gerade als Deutscher) so einiges: wenn Hansen in wenigen Sätzen klar macht, dass weite Teile der deutschen Wirtschaft heute noch Regelungen unterworfen sind, die aus dem Mittelalter stammen, möchte man sofort der FDP beitreten. Trotzdem ist das Buch gut, es ist unterhaltsam und lehrreich. Und: es wirft Fragen auf, die man sich selbst wohl noch nie gestellt hat. Ob das Buch einer differenzierten Betrachtung stand hielte, ist eigentlich zweitrangig, aber nicht mal auszuschließen: Hansen hat sehr gründlich recherchiert und arbeitet sich von dort mit einer Mischung aus gesundem Menschenverstand und Schalk im Nacken weiter. Allein das Kapitel, in dem er namhafte Politiker erklären lässt, was noch mal das Besondere an Goethe und Schiller war, sollte in jedem Deutsch-LK besprochen werden: Von sechsen geht genau einer (Lothar Bisky von der Linkspartei), wenigstens halbwegs angemessen auf das literarische Schaffen der beiden ein. Dafür schafft es jede Partei, diese „Dichter und Denker“ mit dem eigenen Programm auf Linie zu bringen.

Die ganze Zeit bleibt klar: Eric T. Hansen mag die Deutschen und ihr Land und er kann beim besten Willen nicht verstehen, warum sie es nicht selbst auch mögen. Den schmalen Grat zwischen „Schlussstrich“ und „Tätervolk“ lässt er nicht aus, aber er beschreitet ihn so leichtfüßig, wie es wohl nur ein Ausländer kann. Das, was Hansen anspricht, wäre dann möglicherweise „positiver Patriotismus“, nicht das Wedeln mit Fähnchen bei Sportgroßveranstaltungen. Ein paar Argumentationen und Ideen erinnern dann auch ein wenig an Michael Moore – nur dass der die freie Marktwirtschaft vermutlich nicht ganz so laut lobpreisen würde.

Ich würde mir wünschen, dass jeder dieses Buch liest – danach können wir weiterdiskutieren.

Der diskrete Charme der Bourgeoisie

Von Stephan Flory, 12. Februar 2007 10:02

Noch auf dem Paris-Trip (mitsamt entsprechender Tastatur – diese paar Sätze zu tippen wird wieder Stunden dauern), geht mir doch schon wieder das kulturelle Leben in Deutschland durch den Kopf. Zum Beispiel die Veröffentlichung der ersten deutschen Ausgabe von „Vanity Fair“, mit der ich mich die erste Hälfte meiner Herfahrt über im Zug beschäftigte. Einen Euro kostet das dicke Heft nur. Bis man beim Inhaltsverzeichnis angelangt ist, weiß man jedoch schon, dass dieser Preis völlig gerechtfertigt ist. Bis zum ersten Wort der Redaktion kämpft man sich durch vierzehn Seiten Werbung, bis zum Inhalt sind es noch einmal vier. Jede Woche soll das Teil erscheinen – wer hat eigentlich jede Woche Zeit, so einen Schinken zu lesen? Und vor allem: Wann soll man dann noch bei all den Designer-Shops auf der Champs Elysée vorbeischauen um die beworbenen Luxusgüter auch zu erwerben? Oder gehen die Bourgeoisie etwa zum zeitsparenden Online-Shopping über?

Im Editorial zeigt sich „Vanity Fair“ dann auch direkt stolz darauf, sich im Jahr 2002 trotz aller Kritik „patriotisch“ zur Regierung Bush bekannt zu haben. Wie recht sie doch hatten und wie unrecht der Rest der Welt! Die Regierung Bush leistet ja nach wie vor hervorragende Arbeit und ich finde, wir sollten uns alle einmal wieder patriotisch zu ihr bekennen. Einfach incredible, dieses Gespür für Trends! Und dieser schonungslose Enthüllungsjournalismus erst! Auf Seite 42 bleibt kurz mein Herz stehen, als ich erfahren muss, dass 70% aller Jugendlichen gefälschte Software besitzen. Gefälschte Software! Heißt das etwa, dass das Windows XP auf meinem PC aller Wahrscheinlichkeit nach nicht echt ist? Haben eifrige Chinesen ohne jeden Respekt für Urheberrecht etwa ein Fake-Windows nachprogrammiert und in Umlauf gebracht? In der Tat ein Skandal, vor dem das Familienministerium warnen sollte – es geht schließlich um unsere Jugend.

Ansonsten blieb mir nur noch ein prätentiöses Robert-De-Niro-Interview in Erinnerung, offensichtlich aus der US-Ausgabe übernommen. An den dortigen Stil, Artikel zu verfassen, wird man sich wohl gewöhnen müssen, so als Abonnent oder so. Ich überlege noch, einer zu werden, immerhin gefielen mir während der Zugfahrt die Sudokus in drei Schwierigkeitsgraden sowie das angenehm knifflige Rätsel doch ziemlich gut.

A la folie… pas du tout

Von Stephan Flory, 11. Februar 2007 20:30

Ja genau, Paris fehlte noch in meiner Sammlung besichtigter Metropolen. Alors, hier sitze ich nun und versuche, auf einem französischen Tastaturlayout meinen ersten Beitrag für dieses Blog mit der wundervollen Adresse zu verfassen. Das wird in etwa viermal länger dauern als normalerweise, weil die Franzosen einen Knall haben. Wer das nicht glaubt, der schaue sich bitte einmal das französische Tastaturlayout an. Ich fühle mich wieder als Fünfjähriger, an der Schreibmaschine meines Vaters sitzend und einen Buchstaben nach dem anderen suchend.

Paris ist die Stadt der Liebe, der Bohème, der kleinen Cafés und der grossen Kirchen (excusez-moi, scharfes S ist hier nicht am Start und den ASCII-Code weiss (pardon!) ich gerade nicht auswendig). Dennoch vermisse ich hier Romantik,Wild-Schillerndes und guten Kaffee (und nein, bei Starbucks werde ich es nicht versuchen!). Paris ist nett, zweifelsohne, das kulturelle Angebot (so viele Kinos!) ist unglaublich, die Seine ein hübsches Bächlein (pardon encore, ich komme vom Rhein und bin andere Wassermassen gewohnt) und das U-Bahn-Chaos einer Metropole angemessen. Aber das kann ich auch in Berlin haben, und da gibt es wenigstens normale Tastaturen!

Auf dem Eiffelturm war es zugegebenermassen (ich leide mit Euch) recht nett, und im Juni geben Daft Punk eines ihrer seltenen Konzerte – da lohnt es sich dann mal wieder, nach Paris zu fahren. Bis dahin bleib ich in Mannheim (sic!).

Geschenkideen zum Valentinstag: ein Grammatikduden

Von Lukas Heinser, 11. Februar 2007 14:29

Aus der aktuellen ICQ-Welcome-Nachricht

Fernsehbeweis #1 (12.02. – 18.02.)

Von Daniel Gerhardt, 11. Februar 2007 14:19

Ein echter Meilenstein für die C&TV-Mission, aber wirklich auch noch den letzten Scheiß mit irgendeiner irreführenden, nichts sagenden Popkultur-Referenz zu benennen: Der Fernsehbeweis, ein hiermit gestarteter, vermutlich niemals fortgeführter Wegweiser durch die brennenden Überreste, die noch da sind vom deutschen TV-Programm. Als ob dein Leben nicht so schon langweilig genug wäre, richtig.

Montag: Lost (Pro 7, 22.15 – 23.15 Uhr)
Erste Folge des zweiteiligen Season-Finales. Letztes Jahr hätte man sich bei Pro 7 vielleicht noch die Mühe gemacht, beide Folgen am Stück zu zeigen, aber jetzt läuft ja vorher der „Gameshow Marathon“ mit den beiden Olli P.s und Sonja Krauss als Gast. Ist das nicht eigentlich witzig, dass Olli Pocher so herunter gekommen ist, dass er eine Show zusammen mit Oliver Petszokat machen muss, dem gleichen Typ, dem er früher regelmäßig mental in die Eier getreten hat? Ist das jetzt Gerechtigkeit? Wie ist da die Stimmung Backstage? Nun ja, „Lost“ jedenfalls, da geht es diesmal hoch her, man darf ja nichts Genaueres sagen, weil jeder Zuschauer auf seinem eigenen Stand ist mit den ganzen DVDs und Interneträubern, die es da gibt. Der Cliffhänger wird mörderisch, so viel sei verraten.

Dienstag: Lichter (3sat, 22.45 – 00.25 Uhr)
So eine Art Episodenfilm über deutsch-polnische Grenzschicksale, ganz ohne blöde Polenwitze, aber dafür mit Matratzenverkäufern, Zigarettenschmugglern und ukrainischen Flüchtlingen. Kann man auch mit geschlossenen Augen gucken, so schön ist der Soundtrack von The Notwist.

Mittwoch: Die Truman Show (Pro 7, 20.15 – 22.10 Uhr)
Erster Teil des großen Jim-Carrey-Ernsthaftigkeitfindungs-Marathons. Ace Venturra spielt hier einen tapsigen Jedermann, der ein bisschen ungehalten wird, als ihm dämmert, dass sein Leben eine Fernsehsendung ist. Die Moral: Unser aller Leben ist eine Fernsehsendung. Wer danach noch Lust hat, mag vielleicht David Lynchs „Blue Velvet“ auf Arte gucken.

Donnerstag
Heute bleibt das Fernsehen geschlossen, Betriebsausflug.

Freitag: Der Mondmann (3sat, 22.45 – 00.40 Uhr)
Zweiter Teil des großen Jim-Carrey-Ernsthaftigkeitfindungs-Marathons. Bruce Almighty spielt hier den Komiker Andy Kaufman, dessen Leben zwar immerhin keine Fernsehsendung, aber doch auch ziemlich straff durchinszeniert ist. Unglaublicher Film, wir sind hier ja nicht zur Neutralität verpflichtet.

Samstag: In der Hitze der Nacht (ARD, 22.55 – 00.40 Uhr)
Wir widerstehen der Versuchung, mit „Batman Forever“ auf den dritten Jim-Carrey-Film der Woche hinzuweisen und empfehlen lieber diesen 40 Jahre alten Krimi, der sich an der Aufklärung eines Mordes in einer Kleinstadt in Mississippi, die noch auf die Erfindung der Rassengleichheit wartet, abarbeitet. Das Erste zeigt ihn wegen des 80. Geburtstags von Sidney Poitier am 20.2., wozu wir natürlich noch nicht gratulieren, weil das doch Unglück bringt und wir nicht schuld sein wollen, falls irgendwas mit Sidney Poitier passiert.

Sonntag: Scary Movie 3 (Pro 7, 20.15 – 20.25 Uhr) und Muxmäuschenstill (ARD, 23.30 – 01.00 Uhr)
Die ersten zehn Minuten des dritten „Scary Movie“ sollte man mitnehmen, danach vielleicht noch schnell in die Badewanne und dann aber rüber ins Öffentlich-Rechtliche, wo diese Pseudo-Dokumentation um einen fanatischen Selbstjustizler gezeigt wird, der arglosen Mitbürgern auflauert und sie für ihre kleinen Sünden bestraft. War 2004 für den deutschen Filmpreis nominiert, falls das jemandem weiterhilft.

Torschützen und Theoretiker

Von Lukas Heinser, 10. Februar 2007 23:36

Eines der Hauptprobleme für Prominente ist das Erkanntwerden, und das gleich doppelt: Geht ein Prominenter (Politiker, Sportler, Telenoveladarsteller) neben einer Person, die nicht durch diverse Presseberichte als sein aktueller Lebenspartner bekannt ist, durch die Straßen irgendeiner deutschen Stadt, ist die Chance groß, dass gleich jemand mit einem Fotohandy hinter dem nächsten Straßenschild hervorspringt, ungefragt ein verwackeltes Foto „schießt“ und dieses an ein Boulevardblatt verkauft. Das fragt dann in einer neckischen Bildunterschrift, was denn wohl die Frau des Prominenten dazu sage, aber die Antwort dieser Frau („Ich begrüße es durchaus, wenn mein Gatte mit seiner Schwester, die gerade in Trennung von ihrem dritten Mann lebt, durch die Straßen seiner Heimatstadt schlendert, während ich mit einer Wohnraumexpertin unser Wohnzimmer im Landhausstil relaunche – dann sitzt er mir nämlich beim Einrichten nicht im Weg!“) wird der Leser nie erfahren, weil sie womöglich total unspannend wäre.

Total unspannend bis deprimierend kann es für einen Prominenten aber auch sein, eben genau nicht erkannt zu werden. Wer dieser Tage über den roten Teppich der Berlinale geht und dabei nicht um Autogramme und gemeinsame Fotos gebeten wird, der kann schnell in eine mittelschwere Sinnkrise stürzen.

Mein Problem mit Prominenten ist, dass ich sie meist an so unwahrscheinlichen Orten sichte, dass ich zunächst immer an eine Verwechslung glaube. So stand ich am Montagabend nichtsahnend auf einer Kunstausstellung in Düsseldorf, als hinter meinem Rücken plötzlich Kevin Kuranyi auftauchte. Nun braucht es schon einige Überwindung der eigenen Vorurteile, sich einen Fußballnationalspieler auf einer Vernissage vorzustellen, aber es spricht einiges dafür: Kevin Kuranyi hat ja nicht gerade das, was man ein Allerweltsgesicht nennt (das wäre etwa bei Mike Hanke schon ganz anders), und die deutsche Fußballnationalmannschaft befand sich seit Sonntagabend tatsächlich zwecks Länderspielvorbereitung in Düsseldorf. Wenn es also wirklich Kevin Kuranyi war, kann ich in Zukunft berichten, dass alle Fußballnationalspieler, mit denen ich jemals im gleichen Raum war, danach innerhalb von 48 Stunden ein Tor geschossen haben.

Heute war es dann schon wieder so weit: im Bochumer Hauptbahnhof fuhr ein Mann die Rolltreppe hinab, der eine nicht geringe Ähnlichkeit mit dem Philosophen Peter Sloterdijk aufwies. Dieser sollte am gleichen Tag bei einem Symposium an der Ruhr-Uni zugegen sein, was mir auch sofort wieder einfiel, als ich den möglichen Doppelgänger erblickte. Allein: müssen weltweit geachtete Professoren, die auf dem Weg zu Tagungen über die Dialektik der Säkularisierung sind, wirklich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren? Reisen sie zu solchen Terminen wirklich ganz ohne Gepäck an? Und: kann es wirklich sein, dass der Autor von „Ich prognostiziere der Philosophie eine neue Vergangenheit“ und Gastgeber des „philosophischen Quartetts“ die U-Bahn in die falsche Richtung nimmt?

Falls also jemand persönlichen Kontakt zu den Herren Kuranyi oder Sloterdijk hat (Noch spannender wäre natürlich jemand, der Kontakt zu beiden hat – was mögen die schon groß gemeinsam haben?), wäre ich natürlich hocherfreut zu erfahren, ob ich einer Verwechslung aufgesessen bin oder mein Weg tatsächlich mit Prominenten gepflastert ist.

Lauf, Stapel, lauf!

Von Lukas Heinser, 10. Februar 2007 0:07

Schön, dass Sie alle so zahlreich erschienen sind!

Bei mir ist jetzt die Gattin des stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden der Zementwerke Niedermörmter, Heidrun Bessmer-Vollenstein. Ich will gar nicht lange quatschen, Frau Bessmer-Vollenstein, vielleicht nehmen Sie einfach mal diese Flasche Sekt hier und werfen sie mit etwas Schwung – und wir kennen Sie ja als schwungvolle Frau – dort gegen diesen alten 14-Zoll-Bildschirm aus südkoreanischer Produktion.

Herrlich, wie das gespritzt und gezischt und geknallt hat. Ganz herzlichen Dank, Frau Bessmer-Vollenstein, dieses Blog – ich hab extra mal nachgeschaut: Blog gilt wohl als Neutrum, deswegen „das“ – ist damit eröffnet. Grüßen Sie Ihren Mann und die Kinder ganz herzlich, wenn Sie wollen, können Sie noch was von den Schnittchen mitnehmen, zum Mittach oder so …

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