Hype aus deutschen Landen: die Kilians klopfen an

Von Lukas Heinser, 7. April 2007 12:58

Wenn man mich in einer fernen oder auch näheren Zukunft einmal bäte, Deutschland am Osterwochenende 2007 zusammenzufassen, so wären meine Worte wohl: „Alte Männer sagten dumme Dinge, mein Lieblingsverein stand mal wieder kurz vor dem Abstieg (ich hoffe aber immer noch, den Halbsatz „der aber mal wieder in letzter Sekunde abgewendet werden konnte“ nachschieben zu können) und die wichtigste Person im ganzen Land war ein junger Eisbär. Aber ich war dennoch guter Dinge, denn ich hörte Musik, die mich sehr glücklich machte.“

Die Musik ist die „Fight The Start“-EP der Kilians, die man hier bereits jetzt (und damit zwei Wochen vor ihrer Veröffentlichung) hören kann.

Die Geschichte dazu geht so: Vor ziemlich genau anderthalb Jahren sagte mein kleiner Bruder zu mir: „Hör Dir das mal an, das sind Freunde von mir …“ Ich hörte mir ein paar MP3s an und was ich hörte, machte mich schlicht und ergreifend sprachlos. Die sechs Songs klangen, als kämen sie direkt aus einem schimmligen Proberaum in London oder New York, jedenfalls überhaupt gar nicht nach einer Schülerband aus Dinslaken. Aber genau das war es.

Ein paar Wochen später hatte sich die Band endlich auf einen Namen geeinigt: The Kilians. Bei CT das radio bekamen sie mit „Jealous Lover“ ihren ersten Airplay und wurden zur Abstimmung für die Campuscharts vorgeschlagen. 2006 begann mit Platz Vier in eben jenen Campuscharts und einem einseitigen Artikel im Dinslakener Lokalteil der „Rheinischen Post“. Eine Woche später ging der Song auf Platz 3 (hinter Franz Ferdinand und Tomte) und drei Wochen später hatte Thees Uhlmann das Demo gehört und für gut befunden. Für so gut, dass er seine Bandkollegen überzeugte, die fünf Jungs (einmal, ein einziges Mal darf man eine Band als „Jungs“ bezeichnen – zumindest, wenn der jüngste gerade erst 18 ist), die er noch nie zuvor auf der Bühne gesehen oder auch nur getroffen hatte, für sieben Abende im Vorprogramm mitzunehmen.

Die Tour wurde ein Erfolgszug sondergleichen. Publikum und Hauptband schlossen die Frischlinge, die zuvor gerade eine Handvoll Konzerte im weiteren Bekanntenkreis gespielt hatten, sofort in ihre Herzen. Die am heimischen PC gebrannten EPs gingen noch vor der Hälfte des Wegs aus und mussten im Tourbus und noch in der Konzerthalle auf zusammengeliehenen Laptops nachgebrannt werden. Am Ende einer Woche waren über 700 Stück verkauft, was bei einer Media-Control-Erfassung locker für die deutschen Singlecharts gereicht hätte. Und Thees Uhlmann ließ kaum noch eine Gelegenheit aus, seinen neuen Freunde über den grünen Klee zu loben.

Mitte Juni, noch ehe Simon, Dominic, Arne, Gordian und Micka das einjährige Bandjubiläum feiern konnten, hatten sie Konzerte in den Epizentren Hamburg und Berlin gespielt, eine Erwähnung im Musikexpress erhalten und waren mit ihrer EP „Demo des Monats“ in der Visions. Zwei Monate später waren sie in einem von Red Bull umgespritzten alten Schulbus kreuz und quer durch Deutschland unterwegs, stellten ihr Gefährt auf den Zeltplätzen der wichtigsten Musikfestivals ab und spielten auf dem Dach kleine, umfeierte Guerillakonzerte – sofern die Polizei ihnen nicht gerade den Strom abgestellt hatte.

Im Herbst ging es dann zu Swen Meyer, der zuvor schon die Grand-Hotel-van-Cleef-Klassiker von kettcar, Tomte und Marr aufgenommen hatte, ins Hamburger Studio. Die ersten Früchte dieser Arbeit sind jetzt auf der EP „Fight The Start“ zu hören, die am 20. April über Vertigo Berlin, Grand Hotel van Cleef und Universal in den Handel kommen wird – und vorab auf der (obligatorischen) MySpace-Seite der Band, die sich inzwischen vom Artikel im Bandnamen getrennt hat, durchgehört werden kann.

Die Teenies rasten aus, als hätten die Arctic Monkeys und Tokio Hotel uneheliche Kinder gezeugt, die dann auch noch sofort der Pubertät entsprungen sind, und die Indienazis in den einschlägigen Foren meckern: „unglaublich öde“, „Untalentierte, und vor allem identitätslose, Görenkombo!“, „Für eine deutsche Band, die versucht englisch zu klingen, vielleicht ganz nett. Aber mehr auch nicht.“

Der Vorwurf, dass deutsche Künstler (also solche, die zufälligerweise auf dem Stück Land geboren wurde, auf dem in Erdkundeatlanten immer „Deutschland“ steht), gefälligst auch danach zu klingen haben (wie auch immer man sich das vorzustellen hat), schaffte es bis in eine Arctic-Monkeys-Konzertkritik bei intro.de: „Ich hatte schon vorher Stoßgebete in den Himmel geschickt: ‚Bitte nicht schon wieder eine Dinslakener Band, die sich einbildet in Camden zu wohnen!'“ Andererseits auch ein ziemlich cooler Satz, der zeigt, dass die Kilians in den Köpfen der Kritiker angekommen sind – und impliziert, dass Dinslaken noch mehr zu bieten hat.

Und in der Tat: für knapp 72.000 Einwohner hat Dinslaken eine geradezu blühende Musikszene. Mit Leo Can Dive (vgl. Miles, Chewy, Jimmy Eat World) und The Rumours (vgl. Arctic Monkeys, The Libertines, Black Rebel Motorcycle Club) stehen gleich die nächsten Indiebands zum großen Sprung bereit. Die Dorfjugend engagiert sich in Vereinen zur Szeneförderung und tut sich gegenüber den Kilians dann doch vor allem mit Neid und fast aggressiver Ablehnung hervor. Es geht ja auch nicht an, dass man Bands, die seit dem letzten Jahrtausend vor sich hinmucken, plötzlich rechts überholt – und das mit einer Professionalität und Coolness, die für die Punk- und Emokiddies in Ermangelung eines größeren Wortschatzes natürlich nur eines sein kann: „Arroganz“.

Genauso verhält es sich mit der Beschreibung der Musik: Wer den Kilians vorwirft, sie machten „Sound, Auftreten und Songwriting“ der Strokes nach, der macht sich verdächtig, außer den Strokes nicht allzu viele andere Bands zu kennen. Natürlich klingen die Kilians auch nach The Strokes, aber eben auch nach mindestens zwei Dutzend anderen Bands der letzten vierzig Jahre. Das reggaeinspirierte „Inside Outside“ könnte auch von The Libertines (oder wenigstens den Dirty Pretty Things) sein, „Take A Look“ ist Blues, mit Mitteln des Ruhrgebiets nachempfunden, und wo „Fool To Fool“ eigentlich herkommt, könnten wohl höchstens The Kooks oder – *Tadaa!* – The Beatles erklären. Und dann klingt es noch nach Franz Ferdinand, Oasis, Mando Diao und diversen weiteren Bands, aber eben immer auch eindeutig nach den Kilians, was nicht zuletzt der beeindruckenden Stimme von Simon den Hartog („singt als hätte er schon alles erlebt“, Thees Uhlmann) liegen dürfte.

Ja, das ist eine Geschichte wie aus einem Märchen oder wenigstens aus dem Mutterland des Pop – und sie hat gerade erst angefangen. Wie die Kilians letztendlich einschlagen werden, wird sich ebenso zeigen wie was die Fachpresse davon hält. Aber schon jetzt steht fest: das ist keine alltägliche Geschichte aus einem Land, in dem sich die sozialdemokratische Partei einen „Popbeauftragten“ leistete und in dem die großen Stadien seit mindestens 15 Jahren von den immergleichen Künstlern gefüllt werden.

Was man den sympathischen und kreativen jungen Männern jetzt nur noch wünschen kann ist (neben dem ganz großen Durchbruch, der eigentlich nur eine Frage der Zeit sein sollte), dass die Leute lernen, den Bandnamen richtig zu schreiben: ohne „The“ und mit einem L.

Kilians - Fight The Start

Kilians-Website
Kilians bei MySpace.com
EP bestellen bei amazon.de

Tsang’s Law & Order

Von Lukas Heinser, 27. März 2007 10:35

Lange bevor es das Web 9 3/4 gab, tummelten sich die Menschen, deren Mitteilungsbedürfnis zwar vorhanden, aber noch nicht auf Leserbriefschreiber-Größe ausgewachsen war, im Usenet. Das konnte (und kann) alles, was Webforen und Blogs knapp zwanzig Jahre später auch konnten, kommt aber ohne jegliche Klickibunti-Elemente aus.

Was ich am Usenet neben den oben beschriebenen Vorteilen noch mag, sind die sogenannten Usenet-Laws, die anzeigen, wann eine Diskussion den Nullpunkt erreicht hat und sofort eingestellt gehört. Eines dieser Laws heißt Tsang’s Law und geht wie folgt:

Wer die schweigende Masse als Kriterium für Zustimmung oder Ablehnung einer Frage heranzieht, hat automatisch verloren.

Dieses Law kam mir heute Morgen in den Sinn, als ich meinen Newsreader Browser anwarf und bei sueddeutsche.de einen Blick auf die derzeit heftigste Diskussion (wir könnten langsam auch von einem Flamewar sprechen) im deutschsprachigen Real Life warf:

CSU-Generalsekretär Markus Söder sagte jetzt der Bild-Zeitung: „Die Äußerung ist ein Skandal. Solche Anwälte sind eine Schande für ihre Zunft.“ Stoiber kümmere sich mehr um die Opfer als um die Täter. Das sehe die Mehrheit der Deutschen sicherlich genauso.

Ähnlich äußerte sich der CDU-Innenexperte Clemens Binninger. Der Zeitung sagte Binninger: „Der Rechtsanwalt kann offensichtlich nicht verkraften, dass Stoiber der großen Mehrheit der Bevölkerung aus dem Herzen spricht.“

Im Usenet kann man übrigens einem unliebsame Schreiber ins sogenanntes Killfile packen und kriegt ihre Beiträge von da an nicht mehr zu Gesicht.

Zockende Globalisierungsgegner

Von Stephan Flory, 24. März 2007 12:21

Politische Videospiele produzieren die Guerilla-Flash-Programmierer von Molleindustria aus Italien. Politische Videospiele gegen die Unterhaltungsdiktatur. Und dabei ist ihnen ein ganz besonders witziges Exemplar geglückt, das nicht nur als globalisierungskritisches Pamphlet, sondern auch als clevere Wirtschaftssimulation funktioniert. Das „McDonald’s Game“ versetzt den Spieler in die Position eines Managers der Fast-Food-Kette, der vom Anbau von (genmanipuliertem) Getreide zur Fütterung der (mit Wachstumshormonen behandelten) Rinder bis hin zum Einstellen, Maßregeln und Feuern der Filialmitarbeiter die gesamte Burger-Wertschöpfungskette kontrolliert. Dabei gilt es sich mit Interessengruppen herumzuschlagen und Werbekampagnen zu lancieren und vor allem immer genug Buletten auf Lager zu haben.

 Während die anderen Veröffentlichungen der Italiener nur kurz ihren Standpunkt klarmachen und nach fünf Minuten ihren spielerischen Reiz verlieren (zum Beispiel der Orgasmus-Simulator oder Tamatipico, der flexible Arbeiter), macht das Mc-Donald’s-Game geradezu süchtig. Man entwickelt ungeahnten Ehrgeiz und greift daher auch mal zu den unethischeren Methoden, die das Gameplay bietet. Ein wenig Industrieabfall im Rinderfutter oder das Bestechen von Ernährungswissenschaftlern gehört da noch zu den harmloseren Verbrechen. Dazu kommt die witzige Flash-Grafik mit den auf die Bulette spuckenden Burgerbratern und der komplett durchgeknallten Marketing-Abteilung.  Das Spiel kann man direkt online spielen oder auch herunterladen (beides kostenlos) unter www.molleindustria.it. Natürlich kann man dort auch einen kurzen Blick auf die anderen Games werfen, die sich mit Orgasmus-Fakes und Homosexualität, meistens aber doch mit den Auswirkungen der Globalisierung auf die Arbeiterschaft auswirken. In der Community werden Strategien diskutiert und für die Einrichtung einer Speicherfunktion beim Burger-Game plädiert. Da kann man nur zustimmen. Denn die Italiener haben in meinen Augen mit ihrem kleinen Flash-Experiment die wahrscheinlich beste Wirtschaftssimulation seit Mad TV geschaffen: Überschaubare Komplexität, witziges Gameplay und das ganze mit Attitüde!

Die Jugend von morgen

Von Lukas Heinser, 22. März 2007 21:08

Morgen erscheinen zwei Alben, die – auch wenn sie auf den ersten Blick sehr verschieden sind – ein paar Gemeinsamkeiten aufweisen: beide stammen aus der Feder von jungen Männern und beide gefallen mir außerordentlich gut.

Get Cape. Wear Cape. Fly – The Chronicles Of A Bohemian Teenager
Lass uns Schubladen verbrennen mit Sam Duckworth. Der schnappt sich seine Akustikgitarre und singt Melodien, die einen zunächst einmal an so richtig emo-mäßige Songs denken lassen. Aber noch bevor man „Dashboard Confessional lässt grüßen“ in seinen Unterarm ritzen kann, scheppern da verspielte Beats los und winken in Richtung The Postal Service und Electric President. Anders als die bisher genamedropten Künstler kommt Duckworth aus England und ist gerade 20 Jahre alt. Man müsste sich arg am Metaphernriemen reißen, um die Lieder nicht als Perlen zu bezeichnen und das Album zu hören klingt wie als Kind in die Sommerferien zu fahren. Und ehe meine Hilflosigkeit, das Unglaubliche in Worte zu fassen, noch weiter um sich greift, empfehle ich die Anschaffung des Werkes. Zur Not nach vorherigem Reinhören!

Mika – Life In Cartoon Motion
Die fantastische Single „Grace Kelly“, die einem auch beim hundertsten Hören noch nicht völlig auf die Ketten geht, hatte ich ja schon vor ein paar Wochen gelobt. Jetzt kommt das Album (natürlich mit abgerundeten Ecken) und da zeigt uns der 23jährige Mika, der in seinem Leben schon mehr erlebt hat als so mancher mit 75, wie Pop heute geht. Was sage ich dazu? Seit „Maybe You’ve Been Brainwashed Too“ von den New Radicals, nach deren Gregg Alexander Mika immer wieder klingt, hab ich keine so charmant-bunte Pop-Platte mehr gehört. Wenn das Album nach zehn Songs vorbeige wäre, wäre es ein echtes Meisterwerk. Mit zwölf Nummern ist es nur eine großartige Scheibe für Freunde des etwas bubblegumigen Indiepops. Bitte ebenfalls kaufen und hören!

Es fährt ein Zug nach Irgendwo

Von Lukas Heinser, 18. März 2007 23:43

Dass es gerne mal lustig wird, wenn ich mich von A nach B bewege, ist ja schon seit einiger Zeit bekannt. So ist es auch eigentlich nicht weiter erstaunlich, was ich über meinen heutigen Ausflug mit der Deutschen Bahn zu berichten habe: Nach dem wochenendlichen Aufenthalt bei meinen Eltern machte ich mich auf den Weg nach Bochum, der in diesem Fall über den Duisburger Hauptbahnhof führt. Der nächste Zug Richtung Bochum war der NRW-Express nach Hamm, der ausnahmsweise mal die entscheidenden Minuten zu spät war, die es mir ermöglichen, ihn noch zu erwischen.

Auf Gleis 13, von dem dieser Regionalexpress abfahren sollte, erschallte die Durchsage: „Bitte beachten Sie: wegen einer Betriebsstörung (Bahndeutsch für: etwas, was wir selbst nicht näher benennen können, und das voraussichtlich zwischen fünf Minuten und sechs Monaten anhalten wird) auf der Strecke fährt dieser Zug heute nicht über Mülheim/Ruhr, Essen und Bochum. Der nächste Halt ist Gelsenkirchen.“
„Nun gut“, dachte ich, „solang die S-Bahn fährt, soll mir das ja egal sein. Ist ja sowieso komisch, dass die Fernzüge an diesem Wochenende alle wegen Bauarbeiten umgeleitet werden, aber die Regionalzüge die gleiche Strecke benutzen können sollen.“
Ich ging also zum Gleis 9 von (bei der Bahn sagt man: aus) dem die S-Bahn nach Dortmund in wenigen Minuten abfahren würde und war natürlich nicht allein. Als der NRW-Express schließlich einfuhr, stürzten auch Dutzende Menschen heraus und kamen zum S-Bahn-Gleis, um nach Mülheim/Ruhr, Essen oder Bochum zu gelangen.

Bis hierhin war die Geschichte für die einzelnen Betroffenen natürlich etwas unbequem, aber im Großen und Ganzen wohl hinnehmbar. Wer weiß, woher die Betriebsstörung kam (sicher nicht vom völlig veralteten Schienennetz). Aber die Bahn wäre nicht die Bahn, wenn sie sich nicht in diesem Moment entschlossen hätte, ihre zahlenden Kunden (vulgo: Fahrgäste) gegen sich aufzubringen. Denn als sich die Massen auf Gleis 9 sammelten, erschallte auf Gleis 13 die Ansage „Bitte beachten Sie: dieser Zug verkehrt jetzt doch planmäßig über Mülheim/Ruhr, Essen und Bochum!“
Es setzte eine erneute Völkerwanderung ein, auf Gleis 13 spielten sich tumultartige Szenen ab und der Bahnangestellte, der am Bahnsteig Wache schob, musste mehreren verzweifelten Personen teils mehrfach bestätigen, dass der Zug jetzt doch planmäßig über Mülheim/Ruhr, Essen und Bochum verkehre. Ich haderte noch, stieg dann aber doch ein, fand schnell einen freien Platz und widmete mich meiner Lektüre, der Zug fuhr alsbald los.

Nach einigen Minuten der Fahrt knackte der Lautsprecher und der Lokführer vermeldete: „Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir außerplanmäßig Gelsenkirchen Hauptbahnhof.“
Gespenstische Szenen spielten sich im Zug ab: Menschen sahen einander an, erst fragend, dann verzweifelnd. Ohnehin leidgeprüfte Borussia-Mönchengladbach-Fans schrien verärgert auf und ich lachte, als habe der Wahnsinn soeben Besitz von mir ergriffen. Aber ich wusste ja: die Bahn wäre nicht die Bahn, wenn sie nicht konsequent ihr Ziel verfolgen würde, ihre zahlenden Kunden (vulgo: Fahrgäste) vollendes gegen sich aufzubringen.

So hielten wir am Gelsenkirchener Hauptbahnhof, den ich noch gar nicht kannte und deshalb in den folgenden Minuten interessiert durchstreifte. Ganz frisch zur Fußball-WM renoviert hatte er etwas sehr Berlinerisches, nur dass die meisten Geschäfte und Fressbuden um neun Uhr Abends schon geschlossen waren. Die Steinplatten, die seinen Boden bedeckten, sahen dreckig aus, obwohl sie es nicht waren. Das erinnerte mich an den Küchenfußboden bei meinen Eltern, den man auch so viel Schrubben kann, wie man will. Da es auf den Bahnsteigen zog wie Hechtsuppe, vertrieb ich mir die Zeit damit, abwärts fahrende Rolltreppen hinaufzugehen, das hält fit. Und noch ein Fakt für die Sammler kurioser Fakten am Rande: der Gelsenkirchener Hauptbahnhof hat sechs Gleise – 4, 5, 6, 7, 8 und 25.

Schließlich fuhr die Nokia-Bahn, die so heißt, weil sie in Bochum-Nokia am Werk eines ausländischen Mobiltelefonproduzenten hält, ein. Mir wurde warm ums Herz, denn sie wird vom privaten Bahnunternehmen Arbello betrieben und ich würde heute nicht mehr mit der Deutschen Bahn fahren müssen. Entsprechend pünktlich kam ich auch in Bochum an, gerade mal zwanzig Minuten später als ich es mit der S-Bahn von Gleis 9 gewesen wäre.

Und wer jetzt sagt: „Ganz lustige Geschichte, aber der Schluss ist ja schon ein bisschen lahm, nech?“, dem antworte ich: „Das war doch noch gar nicht der Schluss!“
Denn als die Bochumer U-Bahn, die mich nach Hause bringen sollte, aus dem Tunnel fuhr, erzitterte das Land von einem Donner und ein Schneesturm schlug gegen die Scheiben. Und so ging ich die letzen 600 Meter im Schneeregengestöber nach Hause und freute mich wie ein Kind, als sich meine Jeans mit nassem, kalten Matsch vollsogen. Denn ich wusste ja: zuhause wartet meine warme Dusche und alles würde gut werden.

Aus dem Zusammenhang

Von Lukas Heinser, 17. März 2007 21:19

In den späten 1960er Jahren trieb in Nordkalifornien der sog. Zodiac Killer sein Unwesen. Seine (nachweisbaren) Opfer waren in der Regel junge Pärchen, die er auf teils ziemlich brutale Weise tötete. Besonders spektakulär an dem Fall waren die komplex verschlüsselten Briefe, die der (mutmaßliche) Täter an die Öffentlichkeit schickte und in denen er die Verantwortung für eine Vielzahl weiterer Morde übernahm. Bis heute ist sich die Polizei nicht sicher, wer der Zodiac Killer ist, und welche Motive ihn antrieben. Die Polizeiakte des San Francisco Police Departments, die vor drei Jahren geschlossen worden war, wurde im Frühjahr dieses Jahres wieder geöffnet.

Vor zwei Wochen lief in den USA „Zodiac“ an, der neue Film von David Fincher („Se7en“, „Fight Club“), der sich auf teils fiktiven, teils verbrieften Wegen mit dem Fall des Zodiac Killers befasst.

Gestern wurde in San Francisco ein 17jähriges Mädchen von einem unbekannten jungen Mann auf offener Straße erschossen, ihr Begleiter wurde verletzt.

Flache Gebührenpartei

Von Lukas Heinser, 17. März 2007 1:03

Okay, ich seh’s ein: ich werd alt!

Mit der Frage konfrontiert, was „Flatrate-Parties“ seien, hätte ich noch zu Beginn der Woche die vage Vermutung geäußert, es handele sich um Netzwerktreffen (mhd. für LAN-Parties), bei denen die Teilnehmer nicht mehr in einem Raum sitzen, sondern über das Internet verbunden sind. Warum die so heißen sollten, weiß ich auch nicht, aber so hätte meine Antwort wohl gelautet.

Ich hätte natürlich unrecht gehabt und mich mal wieder als so 2002 geoutet. Wie wir heute alle wissen, sind „Flatrate-Parties“ das, was vor vielen Äonen noch „All You Can Drink“ geheißen hätte, also: einmal zahlen, den ganzen Abend trinken. Und um mich mit viel Schwung ins endgültige gesellschaftliche Aus zu reiten: ich wusste weder, dass diese Parties existieren, noch könnte ich mir einen Ort vorstellen, an dem sie stattfinden könnten. Aber es muss sie geben, denn sie sind der Grund, dass einige wildgewordene Politiker mal wieder die Verschärfung von Gesetzen fordern, deren simple Einhaltung schon mehr als ein Anfang wäre. Immerhin: diesmal soll nicht mündigen Bürgern vorgeschrieben werden, welche Freizeitaktivitäten sie mit ihrem Computer verbringen dürfen, diesmal geht es nur darum, Sechzehn- und Siebzehnjährige vom Alkoholkonsum fernzuhalten.

Doch bevor ich jetzt zur ganz großen Argumentation aushole und auf die vielen Einundzwanzigjährigen verweise, die sich in den USA beim ersten legalen Kontakt mit Alkohol ins Koma saufen, komme ich lieber wieder zum Eingangsthema zurück und frage ganz höflich nach: Gibt es solche „Flatrate-Parties“ eigentlich wirklich?

Getrennt, geschrieben

Von Lukas Heinser, 16. März 2007 10:49

Heute, liebe Kinder, erklärt Euch das Coffee-And-TV-Lehrpersonal mal, warum einige Regeln der deutschen Rechtschreibung der Zweideutigkeit Tür und Tor öffnen. Als Beispiel haben wir uns die Getrenntschreibung von zusammengesetzten Verben ausgesucht. RP Online schreibt in einem Artikel über Flavio Briatore, der möglicherweise gar nicht der Vater von Heidi Klums erstem Kind ist, folgendes:

Der Formel-Eins-Manager und das Topmodel waren 2003 zusammen gekommen und trennten sich kurz vor Lenis Geburt im Mai 2004.

Und obwohl dieser Satz laut Duden (§34) vorbildlich zusammengestellt wurde, kann ich doch nicht verhehlen, an einer Stelle herzhaft und pubertär aufgelacht zu haben. Kann aber auch am Kontext liegen …

PS: Briatore sagt, nicht er, „sondern eine prominente Persönlichkeit, die Millionen aus dem Fernsehen kennen“ solle der Vater sein. Seien wir also gespannt, wie schnell Prinz Frédéric von Anhalt diesmal vor die Mikrofone der Weltöffentlichkeit hechtet, um sich als Erzeuger ins Gespräch zu bringen.

Globale Erwärmung: Sommerloch dieses Jahr schon Mitte März!

Von Lukas Heinser, 12. März 2007 18:25

Die Nachricht des Tages entnehmen wir der Netzeitung. Wie auch schon vor fast vier Wochen, so stammt die Meldung auch diesmal wieder aus Niedersachsen. Die dortige Landtagsfraktion der SPD hat nämlich lange darüber gegrübelt, was eigentlich noch nicht zum Thema Kinderbetreuung, Klimaschutz und Terrordrohungen gesagt worden ist. Jetzt ist sie zu einem Ergebnis gekommen, das viele überraschen dürfte: Sie fordert die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft für Adolf Hitler.

Und nur, um sicher zu gehen, dass ich selbst verstehe, was ich da gerade getippt habe: Da stellt sich an einem für Späße und Streiche gänzlich unverdächtigen Termin eine SPD-Landtagsabgeordnete hin und fordert, einem vor über sechzig Jahren verstorbenem Diktator, der kurz vor seiner Wahl zum deutschen Reichskanzler 1932 vom Land Braunschweig die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, diese nun wieder zu entziehen, was erstens gegen Artikel 16 des Grundgesetzes verstoßen würde und zweitens bei Toten sowieso nicht möglich ist? Was sagen denn die Österreicher dazu?

Glamorous Indie Rock’n’Roll

Von Lukas Heinser, 10. März 2007 12:48

Als The Killers, die erste Rockband, die es je aus Las Vegas lebend herausgeschafft hat, vor drei Jahren ihr Debüt „Hot Fuss“ veröffentlichten, sagten alle: „Boar geil, dieser Eighties Sound und diese Texte und diese ganze Ironie.“ Als The Killers im vergangenen Jahr ihr Zweitwerk „Sam’s Town“ veröffentlichten, sagten alle: „Oh weh, das klingt ja, als sei Bruce Springsteen unter dem Joshua Tree geboren worden. Der Sänger trägt einen Schnauzbart und der Gitarrist sieht aus wie jemand von Europe – oder wenigstens wie Brian May. Was machen wir denn, wenn das gar keine Ironie ist?“

Wer es ernst meint, hat es noch wie vor schwer im Rockbusiness. Schwerer hat es nur derjenige, bei dem man nicht weiß, ob er es ernst meint. Da rüpelt Sänger Brandon Flowers durch die Musikpresse, verpasst The Bravery, Panic! At The Disco und Green Day ein paar verbale Abreibungen und verkündet, das eigene Album sei eines der besten der letzten zwanzig Jahre, nur um dann ein paar Wochen später wie ein beliebiger Bundespolitiker wieder zurückzurudern mit dem Hinweis, das alles nicht so gemeint zu haben. Also wieder nichts geworden mit der Hoffnung, irgendjemand könnte die Gallaghers doch noch als Großkotze des internationalen Rock’n’Roll-Circus beerben. Flowers, so war zuletzt im Musikexpress zu lesen, halte sich selbst für nicht sonderlich eloquent und sage dann manchmal Sachen, die er hinterher bereue. Am liebsten sage er aber nichts.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich die Anzahl der Zwischenmoderationen beim gestrigen Killers-Konzert im ausverkauften Kölner Palladium auf ein Minimum beschränkten. Die Band war auch mit wichtigerem beschäftigt: nach der ganz famosen britischen Vorgruppe Mumm-Ra und nach einem Multimedia-Intro, das sich gewaschen hat, standen The Killers plötzlich im Glitterregen (rot-weiß-blau, of course, und silber) auf der Bühne, spielten die ersten drei Stücke von „Sam’s Town“ durch und starteten damit eine Party, bei der in knapp 80 Minuten mehr los war als im Borussiapark zu Mönchengladbach in einer ganzen Saison. Ohne Rücksicht auf Verluste und ohne den sonst so verbreiteten Drang, die ganz großen Hits alle erst in der Zugabe zu verbraten, reihten The Killers ihre Singles wie die Perlen einer etwas übertrieben glitzernden Kette aneinander: „Bones“, „Somebody Told Me“, „Jenny Was A Friend Of Mine“ und „Smile Like You Mean It“ als Nummern Vier bis Sieben im Set, so hintereinander weg.

Das Publikum hatte vom ersten Takt an die Hände in der Luft und machte Party, Party, Party. Ich war nach zwanzig Minuten körperlich am Ende und fragte mich, wie die ganzen Duracell-Häschen um mich herum ihr Pensum aufrechterhalten konnten. Und: Nein, nicht alle waren jünger. Ruhig wurde es eigentlich nie, einzig ein paar Intros und Zwischenspiele waren nicht so beatgetrieben wie der Rest der Show. Aber waberten gerade mal sphärische Keyboard-Teppiche durch das aufgeheizte Palladium, war das Publikum sein eigener Anheizer und klatschte, was die Hände hergaben (und wie es sich gehört, klatschte es natürlich ohne einen Hauch von Rhythmusgefühl, so dass man das Gefühl hatte, Drummer Ronnie Vannucci würde statt seiner Bassdrum lieber einigen Zuschauern den richtigen Beat einprügeln). Es war ein Hüpfen und Springen und Tanzen und man musste sich wieder fragen, warum man eigentlich nie mit den attraktiven Indiemädchen zusammenstößt – „Don’t you wanna feel my skin on your skin?“ -, sondern einem immer nur die gesetzteren Damen auf die Zehen hopsen. (Preisfrage am Rande: Warum hab ich mich mit 1,85 m nur so verdammt klein gefühlt und wie viel haben die wirklich kleinen Indiemädchen eigentlich noch von dem auch nicht sonderlich großen Brandon Flowers sehen können?)

Noch vor der Zugabe erklang „Mr. Brightside“, der vielleicht größte Hit der Band bisher, im Zugabenblock verbeugten sich The Killers mit einer Coverversion von „Shadowplay“ vor Joy Division (The Killers benannten sich ja nach der Fantasieband gleichen Namens im „Crystal“-Video der Joy-Division-Nachfolgeband New Order) und zum Abschluss gab es dann den „Sam’s Town“-Schlusstrack „Exitlude“. Und hintendran noch mal einen Refraindurchlauf von „When You Were Young“. Mehr Hits, mehr Stimmung ging wirklich kaum, es wäre körperlich kaum zu verkraften gewesen. Das Glaubensbekenntnis der Band und der Fans war sowieso schon mitten im Konzert erklungen: „Glamorous Indie rock’n’roll is what I want / It’s in my soul, it’s what I need“. Nicht mehr, aber nun wirklich auch nicht weniger.

Und für die Freunde von Listen, Statistiken und Namedropping gibt es hier noch die komplette Setlist:
Hier geht es weiter.

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