Die Jugend von morgen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 22. März 2007 21:08

Morgen erscheinen zwei Alben, die – auch wenn sie auf den ersten Blick sehr verschieden sind – ein paar Gemeinsamkeiten aufweisen: beide stammen aus der Feder von jungen Männern und beide gefallen mir außerordentlich gut.

Get Cape. Wear Cape. Fly – The Chronicles Of A Bohemian Teenager
Lass uns Schubladen verbrennen mit Sam Duckworth. Der schnappt sich seine Akustikgitarre und singt Melodien, die einen zunächst einmal an so richtig emo-mäßige Songs denken lassen. Aber noch bevor man “Dashboard Confessional lässt grüßen” in seinen Unterarm ritzen kann, scheppern da verspielte Beats los und winken in Richtung The Postal Service und Electric President. Anders als die bisher genamedropten Künstler kommt Duckworth aus England und ist gerade 20 Jahre alt. Man müsste sich arg am Metaphernriemen reißen, um die Lieder nicht als Perlen zu bezeichnen und das Album zu hören klingt wie als Kind in die Sommerferien zu fahren. Und ehe meine Hilflosigkeit, das Unglaubliche in Worte zu fassen, noch weiter um sich greift, empfehle ich die Anschaffung des Werkes. Zur Not nach vorherigem Reinhören!

Mika – Life In Cartoon Motion
Die fantastische Single “Grace Kelly”, die einem auch beim hundertsten Hören noch nicht völlig auf die Ketten geht, hatte ich ja schon vor ein paar Wochen gelobt. Jetzt kommt das Album (natürlich mit abgerundeten Ecken) und da zeigt uns der 23jährige Mika, der in seinem Leben schon mehr erlebt hat als so mancher mit 75, wie Pop heute geht. Was sage ich dazu? Seit “Maybe You’ve Been Brainwashed Too” von den New Radicals, nach deren Gregg Alexander Mika immer wieder klingt, hab ich keine so charmant-bunte Pop-Platte mehr gehört. Wenn das Album nach zehn Songs vorbeige wäre, wäre es ein echtes Meisterwerk. Mit zwölf Nummern ist es nur eine großartige Scheibe für Freunde des etwas bubblegumigen Indiepops. Bitte ebenfalls kaufen und hören!

Es fährt ein Zug nach Irgendwo

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 18. März 2007 23:43

Dass es gerne mal lustig wird, wenn ich mich von A nach B bewege, ist ja schon seit einiger Zeit bekannt. So ist es auch eigentlich nicht weiter erstaunlich, was ich über meinen heutigen Ausflug mit der Deutschen Bahn zu berichten habe: Nach dem wochenendlichen Aufenthalt bei meinen Eltern machte ich mich auf den Weg nach Bochum, der in diesem Fall über den Duisburger Hauptbahnhof führt. Der nächste Zug Richtung Bochum war der NRW-Express nach Hamm, der ausnahmsweise mal die entscheidenden Minuten zu spät war, die es mir ermöglichen, ihn noch zu erwischen.

Auf Gleis 13, von dem dieser Regionalexpress abfahren sollte, erschallte die Durchsage: “Bitte beachten Sie: wegen einer Betriebsstörung (Bahndeutsch für: etwas, was wir selbst nicht näher benennen können, und das voraussichtlich zwischen fünf Minuten und sechs Monaten anhalten wird) auf der Strecke fährt dieser Zug heute nicht über Mülheim/Ruhr, Essen und Bochum. Der nächste Halt ist Gelsenkirchen.”
“Nun gut”, dachte ich, “solang die S-Bahn fährt, soll mir das ja egal sein. Ist ja sowieso komisch, dass die Fernzüge an diesem Wochenende alle wegen Bauarbeiten umgeleitet werden, aber die Regionalzüge die gleiche Strecke benutzen können sollen.”
Ich ging also zum Gleis 9 von (bei der Bahn sagt man: aus) dem die S-Bahn nach Dortmund in wenigen Minuten abfahren würde und war natürlich nicht allein. Als der NRW-Express schließlich einfuhr, stürzten auch Dutzende Menschen heraus und kamen zum S-Bahn-Gleis, um nach Mülheim/Ruhr, Essen oder Bochum zu gelangen.

Bis hierhin war die Geschichte für die einzelnen Betroffenen natürlich etwas unbequem, aber im Großen und Ganzen wohl hinnehmbar. Wer weiß, woher die Betriebsstörung kam (sicher nicht vom völlig veralteten Schienennetz). Aber die Bahn wäre nicht die Bahn, wenn sie sich nicht in diesem Moment entschlossen hätte, ihre zahlenden Kunden (vulgo: Fahrgäste) gegen sich aufzubringen. Denn als sich die Massen auf Gleis 9 sammelten, erschallte auf Gleis 13 die Ansage “Bitte beachten Sie: dieser Zug verkehrt jetzt doch planmäßig über Mülheim/Ruhr, Essen und Bochum!”
Es setzte eine erneute Völkerwanderung ein, auf Gleis 13 spielten sich tumultartige Szenen ab und der Bahnangestellte, der am Bahnsteig Wache schob, musste mehreren verzweifelten Personen teils mehrfach bestätigen, dass der Zug jetzt doch planmäßig über Mülheim/Ruhr, Essen und Bochum verkehre. Ich haderte noch, stieg dann aber doch ein, fand schnell einen freien Platz und widmete mich meiner Lektüre, der Zug fuhr alsbald los.

Nach einigen Minuten der Fahrt knackte der Lautsprecher und der Lokführer vermeldete: “Verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir außerplanmäßig Gelsenkirchen Hauptbahnhof.”
Gespenstische Szenen spielten sich im Zug ab: Menschen sahen einander an, erst fragend, dann verzweifelnd. Ohnehin leidgeprüfte Borussia-Mönchengladbach-Fans schrien verärgert auf und ich lachte, als habe der Wahnsinn soeben Besitz von mir ergriffen. Aber ich wusste ja: die Bahn wäre nicht die Bahn, wenn sie nicht konsequent ihr Ziel verfolgen würde, ihre zahlenden Kunden (vulgo: Fahrgäste) vollendes gegen sich aufzubringen.

So hielten wir am Gelsenkirchener Hauptbahnhof, den ich noch gar nicht kannte und deshalb in den folgenden Minuten interessiert durchstreifte. Ganz frisch zur Fußball-WM renoviert hatte er etwas sehr Berlinerisches, nur dass die meisten Geschäfte und Fressbuden um neun Uhr Abends schon geschlossen waren. Die Steinplatten, die seinen Boden bedeckten, sahen dreckig aus, obwohl sie es nicht waren. Das erinnerte mich an den Küchenfußboden bei meinen Eltern, den man auch so viel Schrubben kann, wie man will. Da es auf den Bahnsteigen zog wie Hechtsuppe, vertrieb ich mir die Zeit damit, abwärts fahrende Rolltreppen hinaufzugehen, das hält fit. Und noch ein Fakt für die Sammler kurioser Fakten am Rande: der Gelsenkirchener Hauptbahnhof hat sechs Gleise – 4, 5, 6, 7, 8 und 25.

Schließlich fuhr die Nokia-Bahn, die so heißt, weil sie in Bochum-Nokia am Werk eines ausländischen Mobiltelefonproduzenten hält, ein. Mir wurde warm ums Herz, denn sie wird vom privaten Bahnunternehmen Arbello betrieben und ich würde heute nicht mehr mit der Deutschen Bahn fahren müssen. Entsprechend pünktlich kam ich auch in Bochum an, gerade mal zwanzig Minuten später als ich es mit der S-Bahn von Gleis 9 gewesen wäre.

Und wer jetzt sagt: “Ganz lustige Geschichte, aber der Schluss ist ja schon ein bisschen lahm, nech?”, dem antworte ich: “Das war doch noch gar nicht der Schluss!”
Denn als die Bochumer U-Bahn, die mich nach Hause bringen sollte, aus dem Tunnel fuhr, erzitterte das Land von einem Donner und ein Schneesturm schlug gegen die Scheiben. Und so ging ich die letzen 600 Meter im Schneeregengestöber nach Hause und freute mich wie ein Kind, als sich meine Jeans mit nassem, kalten Matsch vollsogen. Denn ich wusste ja: zuhause wartet meine warme Dusche und alles würde gut werden.

Aus dem Zusammenhang

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 17. März 2007 21:19

In den späten 1960er Jahren trieb in Nordkalifornien der sog. Zodiac Killer sein Unwesen. Seine (nachweisbaren) Opfer waren in der Regel junge Pärchen, die er auf teils ziemlich brutale Weise tötete. Besonders spektakulär an dem Fall waren die komplex verschlüsselten Briefe, die der (mutmaßliche) Täter an die Öffentlichkeit schickte und in denen er die Verantwortung für eine Vielzahl weiterer Morde übernahm. Bis heute ist sich die Polizei nicht sicher, wer der Zodiac Killer ist, und welche Motive ihn antrieben. Die Polizeiakte des San Francisco Police Departments, die vor drei Jahren geschlossen worden war, wurde im Frühjahr dieses Jahres wieder geöffnet.

Vor zwei Wochen lief in den USA “Zodiac” an, der neue Film von David Fincher (“Se7en”, “Fight Club”), der sich auf teils fiktiven, teils verbrieften Wegen mit dem Fall des Zodiac Killers befasst.

Gestern wurde in San Francisco ein 17jähriges Mädchen von einem unbekannten jungen Mann auf offener Straße erschossen, ihr Begleiter wurde verletzt.

Flache Gebührenpartei

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 17. März 2007 1:03

Okay, ich seh’s ein: ich werd alt!

Mit der Frage konfrontiert, was “Flatrate-Parties” seien, hätte ich noch zu Beginn der Woche die vage Vermutung geäußert, es handele sich um Netzwerktreffen (mhd. für LAN-Parties), bei denen die Teilnehmer nicht mehr in einem Raum sitzen, sondern über das Internet verbunden sind. Warum die so heißen sollten, weiß ich auch nicht, aber so hätte meine Antwort wohl gelautet.

Ich hätte natürlich unrecht gehabt und mich mal wieder als so 2002 geoutet. Wie wir heute alle wissen, sind “Flatrate-Parties” das, was vor vielen Äonen noch “All You Can Drink” geheißen hätte, also: einmal zahlen, den ganzen Abend trinken. Und um mich mit viel Schwung ins endgültige gesellschaftliche Aus zu reiten: ich wusste weder, dass diese Parties existieren, noch könnte ich mir einen Ort vorstellen, an dem sie stattfinden könnten. Aber es muss sie geben, denn sie sind der Grund, dass einige wildgewordene Politiker mal wieder die Verschärfung von Gesetzen fordern, deren simple Einhaltung schon mehr als ein Anfang wäre. Immerhin: diesmal soll nicht mündigen Bürgern vorgeschrieben werden, welche Freizeitaktivitäten sie mit ihrem Computer verbringen dürfen, diesmal geht es nur darum, Sechzehn- und Siebzehnjährige vom Alkoholkonsum fernzuhalten.

Doch bevor ich jetzt zur ganz großen Argumentation aushole und auf die vielen Einundzwanzigjährigen verweise, die sich in den USA beim ersten legalen Kontakt mit Alkohol ins Koma saufen, komme ich lieber wieder zum Eingangsthema zurück und frage ganz höflich nach: Gibt es solche “Flatrate-Parties” eigentlich wirklich?

Getrennt, geschrieben

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 16. März 2007 10:49

Heute, liebe Kinder, erklärt Euch das Coffee-And-TV-Lehrpersonal mal, warum einige Regeln der deutschen Rechtschreibung der Zweideutigkeit Tür und Tor öffnen. Als Beispiel haben wir uns die Getrenntschreibung von zusammengesetzten Verben ausgesucht. RP Online schreibt in einem Artikel über Flavio Briatore, der möglicherweise gar nicht der Vater von Heidi Klums erstem Kind ist, folgendes:

Der Formel-Eins-Manager und das Topmodel waren 2003 zusammen gekommen und trennten sich kurz vor Lenis Geburt im Mai 2004.

Und obwohl dieser Satz laut Duden (§34) vorbildlich zusammengestellt wurde, kann ich doch nicht verhehlen, an einer Stelle herzhaft und pubertär aufgelacht zu haben. Kann aber auch am Kontext liegen …

PS: Briatore sagt, nicht er, “sondern eine prominente Persönlichkeit, die Millionen aus dem Fernsehen kennen” solle der Vater sein. Seien wir also gespannt, wie schnell Prinz Frédéric von Anhalt diesmal vor die Mikrofone der Weltöffentlichkeit hechtet, um sich als Erzeuger ins Gespräch zu bringen.

Globale Erwärmung: Sommerloch dieses Jahr schon Mitte März!

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 12. März 2007 18:25

Die Nachricht des Tages entnehmen wir der Netzeitung. Wie auch schon vor fast vier Wochen, so stammt die Meldung auch diesmal wieder aus Niedersachsen. Die dortige Landtagsfraktion der SPD hat nämlich lange darüber gegrübelt, was eigentlich noch nicht zum Thema Kinderbetreuung, Klimaschutz und Terrordrohungen gesagt worden ist. Jetzt ist sie zu einem Ergebnis gekommen, das viele überraschen dürfte: Sie fordert die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft für Adolf Hitler.

Und nur, um sicher zu gehen, dass ich selbst verstehe, was ich da gerade getippt habe: Da stellt sich an einem für Späße und Streiche gänzlich unverdächtigen Termin eine SPD-Landtagsabgeordnete hin und fordert, einem vor über sechzig Jahren verstorbenem Diktator, der kurz vor seiner Wahl zum deutschen Reichskanzler 1932 vom Land Braunschweig die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, diese nun wieder zu entziehen, was erstens gegen Artikel 16 des Grundgesetzes verstoßen würde und zweitens bei Toten sowieso nicht möglich ist? Was sagen denn die Österreicher dazu?

Glamorous Indie Rock’n'Roll

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 10. März 2007 12:48

Als The Killers, die erste Rockband, die es je aus Las Vegas lebend herausgeschafft hat, vor drei Jahren ihr Debüt “Hot Fuss” veröffentlichten, sagten alle: “Boar geil, dieser Eighties Sound und diese Texte und diese ganze Ironie.” Als The Killers im vergangenen Jahr ihr Zweitwerk “Sam’s Town” veröffentlichten, sagten alle: “Oh weh, das klingt ja, als sei Bruce Springsteen unter dem Joshua Tree geboren worden. Der Sänger trägt einen Schnauzbart und der Gitarrist sieht aus wie jemand von Europe – oder wenigstens wie Brian May. Was machen wir denn, wenn das gar keine Ironie ist?”

Wer es ernst meint, hat es noch wie vor schwer im Rockbusiness. Schwerer hat es nur derjenige, bei dem man nicht weiß, ob er es ernst meint. Da rüpelt Sänger Brandon Flowers durch die Musikpresse, verpasst The Bravery, Panic! At The Disco und Green Day ein paar verbale Abreibungen und verkündet, das eigene Album sei eines der besten der letzten zwanzig Jahre, nur um dann ein paar Wochen später wie ein beliebiger Bundespolitiker wieder zurückzurudern mit dem Hinweis, das alles nicht so gemeint zu haben. Also wieder nichts geworden mit der Hoffnung, irgendjemand könnte die Gallaghers doch noch als Großkotze des internationalen Rock’n'Roll-Circus beerben. Flowers, so war zuletzt im Musikexpress zu lesen, halte sich selbst für nicht sonderlich eloquent und sage dann manchmal Sachen, die er hinterher bereue. Am liebsten sage er aber nichts.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich die Anzahl der Zwischenmoderationen beim gestrigen Killers-Konzert im ausverkauften Kölner Palladium auf ein Minimum beschränkten. Die Band war auch mit wichtigerem beschäftigt: nach der ganz famosen britischen Vorgruppe Mumm-Ra und nach einem Multimedia-Intro, das sich gewaschen hat, standen The Killers plötzlich im Glitterregen (rot-weiß-blau, of course, und silber) auf der Bühne, spielten die ersten drei Stücke von “Sam’s Town” durch und starteten damit eine Party, bei der in knapp 80 Minuten mehr los war als im Borussiapark zu Mönchengladbach in einer ganzen Saison. Ohne Rücksicht auf Verluste und ohne den sonst so verbreiteten Drang, die ganz großen Hits alle erst in der Zugabe zu verbraten, reihten The Killers ihre Singles wie die Perlen einer etwas übertrieben glitzernden Kette aneinander: “Bones”, “Somebody Told Me”, “Jenny Was A Friend Of Mine” und “Smile Like You Mean It” als Nummern Vier bis Sieben im Set, so hintereinander weg.

Das Publikum hatte vom ersten Takt an die Hände in der Luft und machte Party, Party, Party. Ich war nach zwanzig Minuten körperlich am Ende und fragte mich, wie die ganzen Duracell-Häschen um mich herum ihr Pensum aufrechterhalten konnten. Und: Nein, nicht alle waren jünger. Ruhig wurde es eigentlich nie, einzig ein paar Intros und Zwischenspiele waren nicht so beatgetrieben wie der Rest der Show. Aber waberten gerade mal sphärische Keyboard-Teppiche durch das aufgeheizte Palladium, war das Publikum sein eigener Anheizer und klatschte, was die Hände hergaben (und wie es sich gehört, klatschte es natürlich ohne einen Hauch von Rhythmusgefühl, so dass man das Gefühl hatte, Drummer Ronnie Vannucci würde statt seiner Bassdrum lieber einigen Zuschauern den richtigen Beat einprügeln). Es war ein Hüpfen und Springen und Tanzen und man musste sich wieder fragen, warum man eigentlich nie mit den attraktiven Indiemädchen zusammenstößt – “Don’t you wanna feel my skin on your skin?” -, sondern einem immer nur die gesetzteren Damen auf die Zehen hopsen. (Preisfrage am Rande: Warum hab ich mich mit 1,85 m nur so verdammt klein gefühlt und wie viel haben die wirklich kleinen Indiemädchen eigentlich noch von dem auch nicht sonderlich großen Brandon Flowers sehen können?)

Noch vor der Zugabe erklang “Mr. Brightside”, der vielleicht größte Hit der Band bisher, im Zugabenblock verbeugten sich The Killers mit einer Coverversion von “Shadowplay” vor Joy Division (The Killers benannten sich ja nach der Fantasieband gleichen Namens im “Crystal”-Video der Joy-Division-Nachfolgeband New Order) und zum Abschluss gab es dann den “Sam’s Town”-Schlusstrack “Exitlude”. Und hintendran noch mal einen Refraindurchlauf von “When You Were Young”. Mehr Hits, mehr Stimmung ging wirklich kaum, es wäre körperlich kaum zu verkraften gewesen. Das Glaubensbekenntnis der Band und der Fans war sowieso schon mitten im Konzert erklungen: “Glamorous Indie rock’n'roll is what I want / It’s in my soul, it’s what I need”. Nicht mehr, aber nun wirklich auch nicht weniger.

Und für die Freunde von Listen, Statistiken und Namedropping gibt es hier noch die komplette Setlist:
Hier geht es weiter.

Voll auf die … Ach, lassen wir das!

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. März 2007 14:38

Den Deutschen sagt man ja (neben vielem anderen) auch ein etwas gestörtes Verhältnis zur Popkultur nach. Wenn also die Veröffentlichung eines neuen Tonträgers in jedem Medium von der F.A.Z. bis zur “Vanity Fair”, von “Wetten dass…?” bis zu MTV thematisiert wird, dann ist das schon etwas ganz besonderes. Herbert Grönemeyer ist populärer als jeder andere deutsche Musiker und so über jeden Zweifel erhaben wie andernorts Bob Dylan. Eine CD-Besprechung verbietet sich fast von selbst, denn kein noch so kritischer Musikjournalist mag an Grönemeyer herummäkeln. Er ist einfach eine Ausnahmeerscheinung, auch wenn er das selber nicht hören mag. In den letzten Wochen hat Grönemeyer so viele Interviews gegeben, dass man als aufmerksamer Medienkonsument mittlerweile an seiner statt Interviews geben könnte (was aktuell übrigens auch für Christoph Maria Herbst und den Start der dritten “Stromberg”-Staffel gilt).

Jetzt kreist “Zwölf” endlich seit ein paar Tagen in meinem CD-Laufwerk und in der Tat habe ich keine Ahnung, was ich darüber schreiben sollte. Wie schon bei “Mensch” bin ich mir sicher, dass es sich um ein wichtiges Album mit ausgefeilter Musik und klugen Texten handelt, und wieder hab ich keine Ahnung, ob mir das Album persönlich jetzt sehr viel oder gar nichts bedeutet. Dieses Gefühl habe ich wirklich nur bei Platten des Ex-Bochumers. (Wäre dies ein Zeitungsartikel, hätte der Textchef gerade “Ex-Bochumer” durchgestrichen und “Wahl-Londoner” hingeschrieben. Aber Lokalpatriotismus ist halt stärker als der Drang zum Mainstream-Synonym.) Schon beim ersten Hören kommt einem die Musik seltsam vertraut vor und selbst wenn Grönemeyer immer wieder betont, wie unwichtig ihm selbst die Texte eigentlich seien: in jedem Lied findet sich mindestens eine Zeile, die man unter “Das hat er wieder sehr schön gesagt” in sein Notizbüchlein kritzeln möchte.

Und weil mir immer noch zwei Tonnen Hermeneutik und die eigene diffuse Erwartung den Zugang dem Werk versperren, stattdessen hier ein paar Fakten und Beobachtungen:

  • Aus Gründen, die wohl nur der Plattenfirma EMI bekannt sind, erscheint die CD in einer “Super Jewel Box”. was eine normale CD-Hülle mit abgerundeten Ecken ist. Sieht im Regal total dämlich aus und man kommt schlecht ans Booklet ran. Aber weil Universal in Europa mit dieser Unsitte angefangen hat (richtige CD-Hüllen gibt es noch in den USA), musste EMI wohl nachziehen.
  • Für die epische Single “Stück vom Himmel” scheint Nick Ingham schon wieder den gleichen Streichersatz verwendet zu haben, den er auch schon bei “Whatever” von Oasis und zuletzt bei Grönemeyers eigenem “Demo (Letzter Tag)” verbraten hat.
  • “Marlene” klingt ein bisschen wie Peter Gabriel und behandelt auch ähnlich schwere Themen wie der Ex-Genesis-Sänger: Aids in Afrika.
  • “Ich versteh” erinnert wegen seines prominenten Bass-Einsatzes an Kompositionen von Sting. Also an die wirklich guten Sachen von Sting.
  • In “Zieh deinen Weg” singt Grönemeyer “Sei aus Unsicherheit nicht arrogant / Hab immer Mitgefühl als Unterpfand”. Es handelt sich damit erst um das zweite mir bekannte Lied, in dem das Wort “Unterpfand” vorkommt. Das andere ist die deutsche Nationalhymne.
  • Lied 12 (“Liebe liegt nicht”) fängt an wie irgendwas von Kaizers Orchestra. Danach spielt Fran Healy von Travis die Akustikgitarre (und ich bilde mir ein, ihn auch im Chor singen zu hören). Deren letztes Album hieß “12 Memories” und hatte auch zwölf Stücke, was eine nicht gerade unspannende Parallele zu Grönemeyers “Zwölf” ist.
  • “Zwölf” ist nicht der letzte Eintrag, wenn ich meine iTunes-Bibliothek alphabetisch nach Albumtiteln sortiere. Danach kommt noch (warum auch immer) “ZZYZX” von Zeromancer.

Doch, ich finde das Album schon sehr gut. Vielleicht ist es einfach normal, dass mich Grönemeyer-Alben nicht voll ins Herz treffen. Aber gerade der streichergetränkte Abschluss sorgt schon für Glücksgefühle. Die werden übrigens noch größer, wenn ich gerade noch eben die anderen Achtziger-Jahre-Deutschrockgrößen abhake: Westernhagen: lange nichts mehr gehört, hoffentlich bleibt das so; Maffay: schreibt Kindermusicals und stemmt bei Thomas Gottschalk Gewichte; Nena: ach, schweigen wir über Nena; Heinz Rudolf Kunze: tritt heute Abend beim Grand-Prix-Vorentscheid an. Damit wäre dann wohl alles gesagt.

Worstpiel statt Inhalt

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. März 2007 13:56

Mal davon ab, dass seit der Veröffentlichung des UN-Klimaberichts eh die Freudenfeuer in den Wissenschaftsredaktionen sämtlicher Medien brennen (bzw. hoffentlich nicht, wegen CO2), hat Umweltminister Sigmar Gabriel mit seinem Vorschlag, doch auf Flugreisen in den Urlaub zu verzichten, jetzt auch noch sämtliche Wortspielfetischisten in Verzückung versetzt.

Coffee And TV präsentiert deshalb hier die große X-statt-Y-Liste mit gesammelten Kostbarkeiten und Selbstgedachtem zur Weiterverwendung:

  • Allgäu statt Anden (20 Minuten)
  • Bayern statt Bali (Thüringer Allgemeine)
  • Berlin statt Bangkok (20 Minuten)
  • Chemnitz statt Chicago
  • Dortmund statt Dubai
  • Eifel statt Eiffelturm
  • Frankfurt statt Frankreich
  • Göttingen statt Griechenland
  • Hallig statt Hawaii (Schleswig Holstein Zeitung, online nicht verfügbar)
  • Ingolstadt statt Indien
  • Jülich statt Jersey
  • Kanal statt Kurzurlaub (WAZ)
  • Lübeck statt Libanon
  • Münster statt Madagaskar
  • Neuss statt New York
  • Oberursel statt Osttimur
  • Pirmasens statt Portugal
  • Quickborn statt Queens
  • Rügen statt Rimini (Stern)
  • Sylt statt Seychellen (u.a. sueddeutsche.de)
  • Taunus statt Tropen (taz, online nicht verfügbar)
  • Unna statt USA
  • Viersen statt Vereinigte Arabische Emirate
  • Westerland statt Washington
  • Xanten statt Xi’an
  • Y statt eines Ortsnamens, der damit anfängt (gibbet nämlich nicht)
  • Zwönitz statt Zaire

Abzüge wegen nicht verstandener Alliterations-Voraussetzungen:

Mensch braucht HipHop

Von Daniel Gerhardt
Veröffentlicht: 3. März 2007 14:41

Sah ja fast schon so aus, als fehlte dem HipHop nur noch eine (weitere) Kugel im Brustkorb zum endgültigen Tod. Der Mainstream ist mittlerweile derart zugeschissen worden mit aufgepumpten Holadris (und ihren jeweiligen Posses), die gar nichts und noch weniger zu sagen haben, dass man schon froh ist, wenn irgendjemand mal ein Video ohne Frauenfeindlichkeiten zu Ende bringt. Die “Avantgarde” bei den Vorzeigelabels von Def Jux und Stones Throw scheint mir gleichzeitig ein bisschen selbstgefällig geworden zu sein, kaum mehr auszubrechen aus den selbst gesteckten, mühsam erarbeiteten Themenbereichen und Soundwelten. Und Dangermouse? Hatte schon bei Gnarls Barkley und den Gorillaz nur noch am Rande mit HipHop zu tun, bevor er zuletzt Platten von The Rapture und The Good, The Bad & The Queen betreute. Das jüngste Rapalbum deshalb, das mich völlig aufgefressen hat: Commons “Be” aus 2005, klug betextet, kein Bullshit drumherum und glänzend produziert von Kanye West, der damals noch Dinge zu beweisen hatte.

Das Gute nun an so einer Ausgangssituation: Im Prinzip konnte es für HipHop-07 nur aufwärts gehen, wenigstens an den Rändern des Genres, wo es nie viel zu verlieren, aber umso mehr zu holen gab. Wie schnell und steil das gerade passiert, finde ich trotzdem mindestens genauso überraschend wie erfreulich. Der März fängt gerade erst an, und es gibt trotzdem schon Einiges herzuzeigen:

Clipse – Hell Hath No Fury
Wirkt am Anfang etwas trocken und spröde, lebt im Endeffekt aber vor allem von diesen Eigenschaften. Unglaubliche Produktion von den Neptunes, sehr reduziert und trotzdem offen für Akkordeons und solchen Quatsch. Die Texte der beiden MCs dazu sind sehr böse und düster, fast schon verbohrt in ihre Hauptthemen (ca. Koks und Nutten), aber letztlich atemberaubend gut und konzentriert. Perfektes Pokerface, auch.

Dälek – Abandonded Language
Sind weggekommen vom Dröhnen und Ächzen der letzten Platte, jetzt ein bisschen zugänglicher und einfacher anzuhören. Der überwältigenden Tiefe ihrer Tracks hat das erstaunlicherweise nicht geschadet, es gibt immer noch ausreichend zu bemerken und verarbeiten, immer noch genug Rätselaufgaben von Dälek, dem kleinen, dicken MC mit der Donnerstimme. My Bloody Valentine in HipHop.

Talib Kweli & Madlib – Liberation
Konnte man sich Anfang des Jahres kostenlos auf der Stones-Throw-Homepage runterladen und war eigentlich nur als Warm-Up für Kwelis neue Platte gedacht, die irgendwann später in 07 kommen soll. Gerade diese zwanglose Herangehensweise hat der Sache sehr gut getan, die Old-School-Bläser-Samples knacksen und schleifen ganz herrlich, die Raps sind prima vertändelt. Wird nun doch noch “richtig” herausgebracht, vermutlich weil es zum Verschenken einfach zu gut war.

Busdriver – Roadkill Overcoat
Der Abenteuerspielplatz des HipHop. In der zweiten Hälfte verrennt es sich leider ein bisschen, davor brennt hier aber der Busch wie lange nirgendwo sonst mehr. “Less Yes’s, More No’s” muss bitte jeder gehört haben, viel präziser kann man einen solch sturen Schlagzeugbeat gar nicht mehr mit wunderbaren Kinderreien über den Bauch pinseln.

K-Os – Atlantis: Hymns for Disco
In dieser Liste wohl der Streber. Vielseitigkeits-HipHop, der sich bis zu Marvin Gaye rüberneigt, aber irgendwie immer noch die Kurve kriegt, bevor es zu viel werden könnte. Wyclef Jean würde so klingen, wenn er, na ja, wenn er gut wäre, vielleicht.

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