Null-Blog-Generation (3)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 10. Mai 2007 13:00

Maik Söhler bespricht in der Netzeitung das Buch “Pop seit 1964″ von Kerstin Gleba und Eckhard Schumacher und versteigt sich dabei in die Behauptung, Blogs seien doch heutzutage Popliteratur im eigentlichen Sinne:

«Lieber geil angreifen, kühn totalitär roh kämpferisch und lustig, so muss geschrieben werden», meint Rainald Goetz in seinem Text «Subito». Ja! Genauso schreibt doch Don Alphonso in seinen besten Einträgen in der Blogbar. Und nochmal Goetz: «Gehe weg, du blöder Sausinn, ich will von dir Dummem Langweiligen nie nichts wissen.» Das trifft auf viele Blogs zu – ob sie wie «Melancholie Modeste» oder «Vigilien» nun explizit literarisch sind oder wie Bov Bjergs oder Felix Schwenzels Blog einfach nur hübsch verstrahlt.

Kennzeichnet Diedrich Diederichsens aus den achtziger Jahren stammender Satz, Pop sei die «letzte Instanz der Wahrheit» nicht exakt das Bildblog? Trifft Andreas Neumeisters Bestimmung der «Gegenwart als Alles» nicht das Grundverständnis tausender Newsblogs? Spiegelt Benjamin von Stuckrad-Barres Äußerung, «man ist schon woanders, wenn die noch die Messer wetzen», nicht genau das Verhältnis von Bloggern zu den etablierten Medien, wenn diese sich mal wieder verständnislos das Phänomen des Bloggens vornehmen?

Supergedanke, eigentlich. Steht nicht auch der Umstand, dass sich die Blogosphäre eher über technische denn über inhaltliche Gemeinsamkeiten definiert, in der Tradition eines Marshall McLuhan mit seiner These “The medium is the message”? Okay, so ganz neu ist der Gedanke nicht, aber schon in gewisser Weise nachvollziehbar.

Allein: Wenn man im Internet (noch dazu in Deutschlands einziger Internettageszeitung) in einem Artikel über Blogs und Blogger schreibt, von denen man auch noch sechs namentlich erwähnt, warum in Dreiteufelsnamen ist dann auch hier KEIN EINZIGES Blog verlinkt? Und warum führt der einzige Link im Fließtext ausgerechnet zu den “etablierten Medien”, nämlich zu diesem Artikel in der FAS?

In Erinnerung vergangener Tage

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 9. Mai 2007 16:38

Ich habe mich auf Einladung von Stefan Niggemeier intensiv mit den Beiträgen für den diesjährigen Grand Prix beschäftigt. Besonders fasziniert hat mich an diesem Wettbewerb immer schon die unendlich lange, körperlich anstrengende und mit bleischwerer Diplomatie belastete Punktevergabe, was sich wohl mit meiner Faszination für Listen und Statistiken in der Popmusik bestens erklären lässt. Mir fiel aber auch wieder ein, wann ich den Grand Prix das erste Mal bewusst verfolgt habe: 1993, als meine damalige Lieblingsband für Deutschland antrat.

Yes, indeed: Ich war zu Beginn meiner Musikkonsumentenlaufbahn Fan der Münchener Freiheit. Das ist aber, spätestens seit Jochen Distelmeyer sich zu der Band bekannt hat, auch gar keine sonderlich kredibilitätsschädigende Äußerung mehr. Und da ich die mir zum zehnten Geburtstag geschenkte (und damit vermutlich tatsächlich erste) CD “Ihre größten Erfolge” immer noch bei mir rumfliegen habe (den Mut, sie zwischen Morcheeba und K.D. Lang ins Regal zu stellen, hatte ich dann doch nicht), hab ich gerade noch mal reingehört.

Die gruseligste Nachricht gleich vorab: Ich kann noch immer weiter Teile der Texte mitsingen, bei manchen verstehe ich allerdings erst heute, wovon sie handeln. “So lang’ man Träume noch Leben kann” ist einfach immer noch ein gutes Lied, “Verlieben Verlieren” der vielleicht einzig geglückte Versuch, die Beach Boys in deutscher Sprache nachzuempfinden, die Musik von “Bis wir uns wiederseh’n” oder “Tausend Augen” könnte auch in einem schwächeren Moment von den Pet Shop Boys ersonnen worden sein, und bei manchen Liedern nimmt Stefan Zauner sogar den Gesangsstil von Bill Kaulitz vorweg – lange, bevor der überhaupt gezeugt wurde.

Einige Lieder wirken reichlich antiquiert, andere sind aber von einer zeitlosen, nun ja: Zeitlosigkeit: Musikalisch durchdacht (ich hab gerade erst erfahren, dass Stefan Zauner mal bei Amon Düül II mitgewirkt hat) und textlich dem altbekannten Schicksal ausgeliefert, dass deutschsprachige Texte eben tausendmal kritischer beäugt werden als englische. Entsprechend dämlich wirken manche Texte deshalb heutzutage und taten es wohl schon bei ihrem Erscheinen. Verglichen mit manchen heutigen Texten so mancher Indiebands und vor dem Hintergrund, dass zumindest einige der Songs noch als Spätausläufer der Neuen Deutschen Welle entstanden, relativiert sich so ein Urteil aber recht schnell wieder. Ob man sowas, bekäme man es heute neu vorgesetzt, noch ansatzweise gut fände, darf sicherlich ernstlich bezweifelt werden, aber als Erbe des eigenen Geschmacks kann man sich wohl ein- bis zweimal jährlich mit dieser Musik auseinandersetzen. So klangen halt die Achtziger, und es ist ein Wunder, dass wir, die in dieser Zeit aufgewachsen sind, nicht ernstere Schäden davongetragen haben – z.B. irgendeine Art von Bewunderung für Marius Müller-Westernhagen oder Heinz Rudolf Kunze.

An den Grand-Prix-Song der Münchener Freiheit kann ich mich übrigens gar nicht mehr erinnern. Dass er “Viel zu weit” hieß, musste ich gerade nachschlagen, und den Gedanken, auch die akustische Erinnerung aufzufrischen, habe ich schnell verworfen. Was ich aber noch weiß: Da es damals noch keinen Grand-Prix-Vorentscheid gab, wurde das Lied einfach von einem geheimen Gremium ausgewählt und dem Publikum in einer ARD-Fernsehshow vorgestellt. Diese Sendung lief an einem Donnerstagabend in den Osterferien (sonst hätte ich sie kaum sehen dürfen), wurde von Dagmar Frederic moderiert, und ich weiß auch noch, dass es ein idiotisches Gewinnspiel gab, bei dem man anhand verschiedener Tipps erraten musste, in welcher Stadt eine Bildtelefonzelle aufgestellt worden war, die man dann aufsuchen musste, um mit Frau Frederic live zu bildtelefonieren.

Ich möchte diesen Artikel deshalb mit einem Zitat von Max Goldt schließen, dessen Verwendung ich noch nicht für möglich gehalten hätte, als ich die ersten Zeilen schrieb:

Die Menschheit sollte sich übrigens mal auf ihren gut 13 Milliarden Knien bei der Zivilisation dafür bedanken, dass ihr das Bildtelefon erspart geblieben ist.

PS: Wo wir gerade von Westernhagen sprachen: Es scheint unter Musikkonsumenten wie Musikern eine kanonische Einigkeit darüber vorzuherrschen, dass der widerlichste, anbiederndste Moment bundesrepublikanischer Deutschrockgeschichte auf Westernhagens Livealbum zu finden ist. Wenn er zwischen “alle, die von Freiheit träumen” und “sollen Freiheit nicht versäumen” sein “So wie wir heute Abend hier!!!!1″ in die Dortmunder Westfalenhalle blökt, möchte man auch 17 Jahre danach noch in die nächstgelegene Ecke kotzen.

Unsichtbar und namenlos: Die neue Travis im Detail

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. Mai 2007 19:11

Am vergangenen Freitag erschien “The Boy With No Name”, das mittlerweile fünfte Album von Travis. Mit dem zeitgleich erschienen neuen Album der Manic Street Preachers und den bereits angekündigten neuen Alben von R.E.M., den Stereophonics, Ash und Slut können wir also in diesem Jahr die Wiederkehr des Musikjahres 2001 feiern – nur, dass zumindest Travis, Manics, Phonics und Ash damals noch irgendwie mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben.

Auch für Travis gibt es die Track-by-track-Analyse – wie immer total subjektiv und voller Querverweise:

3 Times And You Lose
So ruhig hat noch kein Travis-Album begonnen: Erst nach 43 Sekunden setzen Bass und Schlagzeug ein, um Fran Healy, seine Akustikgitarre und den Chorgesang zu begleiten. Von da an ist es ein sommerlich-fluffiger Popsong, der auch gut auf “The Invisible Band” gepasst hätte – und damit die Marschrichtung vorgibt.

Selfish Jean
“Lust For Life”? “Lifestyles Of The Rich And Famous”? Das dürfte die … nun ja: schnellste Travis-Nummer aller Zeiten sein, man ist fast versucht, etwas wie “nach vorne gehen” zu schreiben. Darauf sollte man sogar einen gepflegten Rock’n’Roll tanzen dürfen – wenn man’s denn kann. Eine der Überraschungen des Albums – und deshalb auch einer der besten Songs. Dass hier Teile der Uralt-B-Seite “Standing On My Own” recycelt werden, fällt weder auf, noch wäre es schlimm.

Closer
Die bereits andernorts gelobte erste Single. Sie braucht ihre zwei, drei Durchläufe, dann ist es sofort einer der Lieblingssongs. Der Echo-Gesang der zweiten Strophe ist ein Travis-typischer Gänsehautmoment, der aufzeigt, warum man diese Band noch mal so gerne hat.

Big Chair
Was ist das denn, eine Funk-Ballade oder doch eher der Versuch, Drum’n’Bass auf echten Instrumenten zu spielen? Was auch immer Travis sich dabei gedacht haben: Es ist ein wunderschönes Lied daraus geworden, schon wieder beinahe tanzbar, aber dafür viel zu laid back. Mit dem schönsten Klaviergeklimper seit Robbie Williams’ “Feel”. Und dass das Lied auch von Keane stammen könnte, ist für keine der beiden Bands beleidigend gemeint. Textlich vermutlich die Antwort auf Herbert Grönemeyers “Stuhl im Orbit”.

Battleships
“Be My Baby” haben Travis schon mal als B-Seite aufgenommen, diesmal borgen sie sich deshalb nur das Intro. “When will you carry me home / Like the wounded star in the movie” beginnt das Lied, das im Refrain eine zwar etwas abgegriffene, aber nicht minder anrührende Kriegsmetapher für das Scheitern einer Beziehung durchdekliniert: “We’re battleships, driftin’ in an alley river / Takin’ hits, sinking it’s now or never / Overboard, drownin’ in a sea of love and hate but it’s too late / Battleship down”. Herzzerreißend, großartig, “The Man Who”-Niveau!

Eyes Wide Open
Huch: Eine rotzige (aber leise) E-Gitarre und eine Four-To-The-Floor-Bassdrum in der Strophe, ein schwungvoller Beat im Refrain. Das hätte (auch in textlicher Hinsicht) auch bestens aufs letzte Oasis-Album gepasst. Außergewöhnlich, aber nicht unbedingt der Übersong.

My Eyes
Musikalisch und thematisch die Fortsetzung von “Flowers In The Window”. Damals ging’s ums Kinderkriegen, jetzt ist der Nachwuchs da: “You’ve got my eyes / We can see, what you’ll be, you can’t disguise / And either way, I will pray, you will be wise / Pretty soon you will see the tears in my eyes”. Das ist dann wohl das Lied für Clay, Fran Healys Sohn, dessen Wochen der Namenlosigkeit dem Album seinen Titel gaben. Die schönste Vater-Sohn-Nummer seit Ben Folds’ “Still Fighting It” – und auch fast so gut.

One Night
Jedes Travis-Album braucht offenbar ein “Luv” oder “Afterglow”, an das man sich schon beim nächsten Track kaum noch erinnert. Und mit Zeilen wie “One night can change everything in your life / One night can make everything alright” gewinnt man auch keinen Blumentopf. Wie die vorgenannten Songs aber auch, so fügt sich dieser Titel gut in den Albumkontext ein und eignet sich so gut als Füller.

Under The Moonlight
Travis, die ungekrönten Könige der fantastischen B-Seiten-Coverversionen, packen ein fremdes Lied auf eines ihrer Alben! Wobei, was heißt hier “fremd”? Geschrieben wurde “Under The Moonlight” von Susie Hug, einer engen Freundin der Band, deren letztes Album nicht nur von Fran Healy produziert wurde, sondern bei dem auch noch drei Viertel der Band (Bassist Dougie Payne musste grad umziehen) als Backing Band zu hören sind. Seltsam (aber kein bisschen schlimm) ist nur, dass es sich bei der Dame, die im Hintergrund singt, nicht um Susie Hug, sondern um KT Tunstall handelt.

Out In Space
Das obligatorische Lied ohne Schlagzeug. Klingt wie ein Überbleibsel der “Invisible Band”-Sessions und hat die gleiche atmosphärische Dichte. Seit der Regen vor meinem Fenster die Hitze abgelöst hat, passt dieser Song auch.

Colder
Das Schlagzeug rumpelt, Andy Dunlops Gitarren sirren und Fran Healy singt “I’m in love with everything” – klingt nach guter Laune? Quark: “The sky is falling down / And there’s an angel on the ground / It’s getting colder”. Fünf Pfund, dass es hier um einen verflucht kalten Winter geht. Im Refrain kommt erstmalig ein Vocoder zum (sparsamen, aber prägnanten) Einsatz, in der Middle 8 erwarten und Harfen und Mundharmonika. Der beste Travis-Song seit vielen Jahren, eine Kopfnick- und Armeausbreite-Hymne für die pathetischen Momente im Leben.

New Amsterdam
Oh, ein Lied über New York, hatten wir ja noch nie. Der lyrisch schwächste Travis-Song seit “She’s So Strange”. Dass New York einen sprachlos macht, ist klar. Dass dabei aber trotzdem noch gute Songtexte entstehen können, haben zuletzt Tomte bewiesen. Musikalisch trotzdem schön.

Sailing Away
Drei von jetzt fünf Travis-Alben haben Hidden Tracks, diese Quote schlägt nur noch Robbie Williams. Hier ist der aktuelle: Ein beschwingter Schunkler, der vor allem mit dem (doch wohl hoffentlich beabsichtigten) The-Clash-Zitat “I live by the river” punkten kann. Ein hübscher Abschluss der Platte und tausend- ach: milliardenfach besser als der letzte Schotte, der übers Segeln sang. Wie, das ist ja auch überhaupt nicht schwer? Na gut: stimmt.

Fazit
Okay, ich bin ehrlich: Ich bin überzeugter Travis-Fan. Gerade deshalb war ich aber irgendwie immer unzufrieden mit “12 Memories”, weil es mir irgendwie ein bisschen verkrampft, unrund und überambitioniert erschien. “The Boy With No Name” schaltet da zwei Gänge zurück und ist deshalb eher als direkter Nachfolger von “The Invisible Band” anzusehen – was sich übrigens auch in den sonnendurchfluteten Amerika-Fotos der jeweiligen Booklets wiederspiegelt. Trotzdem gibt es auch ein paar große “The Man Who”-Momente.
Es ist das erste Travis-Album, dass nicht nur Fran-Healy-Songs beinhaltet: Neben der externen Zulieferung “Under The Moonlight” stammen “3 Times And You Lose” und “Big Chair” (Andy Dunlop) und “Colder” (Dougie Payne) zumindest teilweise aus der Feder anderer Bandmitglieder, die ihre Songwriterqualitäten schon auf diversen B-Seiten beweisen durften. (Ich glaube, ich sollte mal dringend eine Liste mit den besten Travis-B-Seiten zusammenstellen – das dürfte deren zweitbestes Album werden.)
Die Band tat vermutlich sehr gut daran, den Breitwand-Tüftler Brian Eno nach ein paar Tagen in die Wüste zu schicken und das Album stattdessen mit Steve Orchard und ihrem langjährigen Begleiter Nigel Godrich zu produzieren.
Zu der von Jan Wigger aufgestellten Behauptung, Travis-Fans seien “auffallend genügsam” und erwarten eh immer nur das Gleiche, kann man stehen, wie man will, dieses Album liefert innerhalb des Travis-Kosmos doch die ein oder andere Neuerung und kann vielleicht im Kreis der Keane-, Snow-Patrol- und Coldplay-Anhänger sogar noch den einen oder anderen neuen Fan abgreifen.
Die letzte Frage, die sich jetzt noch stellt: Ist der im Booklet überschwänglich mit Dank bedachte “Wolfgang Doebling” wirklich Wolfgang Doebeling vom Rolling Stone?

Travis - The Boy With No Name
Travis – The Boy With No Name

VÖ: 04.05.2007
Label: Independiente
Vertrieb: SonyBMG

Ronald Reagan Revisited

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. Mai 2007 15:52

Der Bundespräsident hat entschieden, von einem Gnadenerweis für Herrn Christian Klar abzusehen.

Mit einer so unspektakulären Verlautbarung hat Bundespräsident Horst Köhler heute eine monatelange, hitzige Debatte beendet und damit irgendwie mal wieder genau die richtigen Worte gefunden. Die klügeren Politiker haben diese Entscheidung des höchsten Mannes im Staate entsprechend auch als “souveräne Entscheidung des Bundespräsidenten” angenommen und darauf verzichtet, noch einmal nachzutreten.

Aber jetzt sitzen wir hier, haben plötzlich kein Thema mehr für Talkshows und Nachrichten, Beiträge über das heiße Wetter kann man auch keine mehr senden und Knut ist vermutlich so gut wie ausgewachsen. Das lädt zu Gedankenspielen ein: Wie viel spektakulärer wäre es z.B. gewesen, wenn Horst Köhler sich vor die Kameras gestellt und Clint Eastwood zitiert hätte?

Gnade ist heute aus!

Von Blumen und Hunden, Euros und Quoten

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. Mai 2007 15:27

“Fünf Jahre nach mir und drei Jahre nach Blumfeld / Kaufen sie alles ein, was deutsch singt” sang Tom Liwa, der in dieser Beziehung erschreckend visionäre Sänger der Flowerpornoes, 1993 in “Titelstory gegen ganzseitige Anzeige”. Jetzt, zwei Jahre nach Madsen und im Windschatten von Bands wie Silbermond, Juli und Revolverheld, scheint die Musikindustrie – ihrer seit Jahren anhaltenden schweren Krise zum Trotz – wirklich alles signen zu müssen, was jung ist, eine Gitarre halten kann und deutsch spricht bzw. singt. Was ja für sich betrachtet erst mal weder gut noch schlecht ist – die Nachwuchsförderung ist sogar aufs heftigste zu begrüßen.

Die neueste Sau, die derart durchs Dorf gejagt wird, heißt Karpatenhund. Ihre Single “Gegen den Rest” (die man bei MySpace hören kann), konnte in den Indie-orientierten CampusCharts genauso punkten (Platz 1 am 16. April wie in den deutschen Singlecharts (Neueinstieg auf Platz 43). Der Popkulturjunkie las im aktuellen Spiegel (Artikel online nicht verfügbar) unter anderem:

Für über 30 000 Euro wird Karpatenhund Präsenz auf MTV gesichert, dazu zählt, dass „Gegen den Rest“ im April 16-mal die Woche gespielt wird.

und

Bericht im ‘WOM-Magazin’ und Sonderplazierung bei WOM und Karstadt? Rund 15 000 Euro. Bei der süddeutschen Ladenkette Müller prominent auftauchen? 3000 Euro. Plazierung bei Amazon als Neuheit? 2500 Euro.

Mal davon ab, ob diese Zahlen so stimmen (die uns übrigens wieder zur Liwa’schen Titelstory bringen) und dass diese Praxis so neu und exotisch auch nicht ist, klingt die Musik auch noch. Und zwar so, wie deutschsprachige Indiebands, die auf ein studentisches Publikum zielen, eben so klingen. Die Braut Haut Ins Auge, die Lassie Singers oder die Moulinettes (mit deren Best Of die Karpatenhund-Single übrigens verblüffende Cover-Ähnlichkeiten hat) klangen so schon vor längerem.

“Gegen den Rest” ist ein netter Schubidu-Popsong, zu dem man in der Indiedisco tanzt und ihn auf dem Heimweg schon wieder vergessen hat – Hund Am Strand 2007 halt. Ich finde es nur immer ein bisschen schade, dass die kleineren, eigentlich spannenderen Acts wie Jona, Janka oder Zuhause, die nicht so eine große Promomaschine im Rücken haben wie Karpatenhund, Fotos oder Madsen, mal wieder irgendwie untergehen. Und dann blockiert auch noch die (übrigens fantastische) neue Single von Wir Sind Helden die Radiosender.

Es ist übrigens noch keine drei Jahre her, da forderten ein paar überwiegend ältere, hauptsächlich unspannende und auch sonst eher nervige Musiker (z.B. Heinz Rudolf Kunze) unter Mithilfe der damaligen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer eine sog. Deutschquote. Die damals vereinzelt angeregten Alternativen würde ich heutzutage nur zu gerne mal dem Petitionsausschuss vorstellen …

Guten Rusch

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. Mai 2007 14:38

Ich bin (wie vermutlich sechs Milliarden andere Bundesbürger) seit einigen Jahren Besitzer der Wanduhr “Rusch” aus dem Hause IKEA. Stets hing sie über meiner Tür und zeigte mir die aktuelle Uhrzeit an. Zweimal im Jahr musste ich sie abnehmen um die Zeit umzustellen, in unregelmäßigen Abständen blieb sie stehen und bekam dann eine Batterie eingesetzt, die mein Discman nicht mehr haben wollte.

Letzte Woche blieb sie wieder einmal stehen, ich tauschte die Batterie aus, stellte die richtige Zeit ein und hängte die Uhr wieder an ihren Platz. Allein: Schon nach wenigen Sekunden blieb sie wieder stehen, der Sekundenzeiger zuckte gleichmäßig, bewegte sich aber kein Stück weiter. Nach längerer Beobachtung und mehrmaligem Ab- und Wiederaufhängen fand ich heraus: Dem Sekundenzeiger fehlt die Kraft, um zwischen der halben und der vollen Minute die Schwerkraft zu überwinden. Und weil das Vorankommen des Sekundenzeigers für die weiteren Zeiger von immenser Wichtigkeit ist, bewegte sich kein Zeiger mehr, obwohl das Uhrwerk weiter schlug.

Seit gestern liegt “Rusch” jetzt neben mir auf dem Schreibtisch – und zeigt die korrekte Uhrzeit an. Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind: “Ist eine Wanduhr, die nicht mehr an der Wand hängt, noch eine Wanduhr?”, “Was nützt mir eine Uhr, die mit dem Zifferblatt zur Decke auf meinem Schreibtisch liegt, zwischen meinem Computermonitor und dem Telefon, die jeweils die aktuelle Uhrzeit anzeigen?”, “Ist es moralisch in Ordnung, eine eigentlich noch voll funktionstüchtige, aber leider körperlich etwas beeinträchtigte Uhr einfach auszusortieren wie einen Briefträger, dem der Nachbarshund beide Beine abgenagt hat?”, “Wer oder was füllt das optische Loch oberhalb meiner Tür und zeigt mir im Idealfall auch noch die Uhrzeit an?” sowie “Was nützt mir diese Erfahrung, wo ich doch gar nicht Gagschreiber einer Comedyshow im Privatfernsehen bin, wo man jetzt was von wegen ‘keinen mehr hochkriegen’ und ‘auf dem Rücken liegen’ erzählen könnte?”

Großkatzen in kleinen Stücken

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. Mai 2007 20:11

Send Away The Tigers - Coverentwurf (Abgelehnt)

Gestern erschien “Send Away The Tigers”, das achte Album der Manic Street Preachers. Vorgestern gab’s das Interview mit deren Sänger James Dean Bradfield, hier gibt’s die (wie immer total subjektive) Track-by-track-Analyse:

Send Away The Tigers
Der erste Titeltrack seit “Everything Must Go” – und danach klingt das Lied mit seinem Gitarren-Feedback-gestütztem Hymnen-Refrain auch ein wenig. “There’s no hope in the colonies” ist natürlich eine Auftaktzeile nach Maß und wenn die Manics auch noch ein “slow boat to China” nehmen wollen, ist mal wieder Politdisko angesagt.

Underdogs
Der Song braucht genau 42 Sekunden, bis Sean Moore ein Trommelfeuer entzündet und die Nummer in bester Leise-Strophe-lauter-Refrain-Manier in höhere Sphären prügelt. “Like the underdogs we are / Shining bright but now disappeared” kann man natürlich mal wieder auf den verschwundenen Gitarristen Richey Edwards beziehen – oder einfach ebenso laut mitgrölen wie die Zeile “People like you need to fuck / Need to fuck people like me”.

Your Love Alone Is Not Enough
James Dean Bradfield und Nina Persson schmachten sich gegenseitig an! Muss man mehr dazu schreiben? Na gut: “unübertroffen schlecht” ist höchstens Dein Geschmack, Jan Kühnemund.

Indian Summer
Da ist sie wieder: die Stadionhymne im Dreivierteltakt. Mit etwas Anstrengung kann man sogar den Text “A Design For Life” darauf singen. Atmosphärisch ganz dicht, Musikgewordene Jahreszeit.

The Second Great Depression
Ein Song, der klingt, als sei er bei den Aufnahmesessions zu Bradfields Soloalbum übriggeblieben – musikalisch wie textlich. Aber das macht zumindest mir nichts, den ich mochte “The Great Western” ja auch. Der Refrain kommt mit einem paar opulenter Streicher daher und schreit schon wieder nach Stadionrund und Feuerzeugen. “This Is My Truth Reloaded”, sozusagen.

Rendition
Diesmal geht’s gleich ganz weit zurück: “You Love Us” klopft an und mit “I wish we still had Jack Lemmon”, “Oh good God I sound like a liberal” und “I never knew the sky was a prison” gibt’s wieder jede Menge Sprüche für die Schultische und Unterarme kleiner Jungrevolutionäre.

Autumnsong
Hurrah, die Manics covern die Pumpkins!
Oh nee, doch nicht, klang nur so: nicht “Today is the greatest day I’ve ever known”, sondern “Remember that the best times are yet to come”. Die Streicher kommen diesmal schon in der Strophe, die Bridge klingt wie bei Queen. Und trotzdem – oder gerade deshalb? – eine der besten Manics-Nummern seit Jahren.

I’m Just A Patsy
Das ist der Beweis: die Manics stehen wieder voll im Saft. Selbst die nicht ganz so guten Songs rocken und bleiben besser im Ohr als zwei Drittel “Lifeblood”. Aber vielleicht hätte irgendjemand noch einen neuen Text schreiben sollen, bevor man Bradfield “I’m just a patsy for your love / I need an angel from above” singen lässt.

Imperial Body Bags
White Trash as its best. Ein Rundumschlag in Sachen Krieg, Schönheitswahn, Oberflächlichkeit und was uns sonst noch am Westen nervt. Klingt ein bisschen wie Guns N’ Roses …

Winterlovers
Die dritte Jahreszeit im zehnten Song, dazu ein “Nanana”-Refrain, der die Kaiser Chiefs beinahe neidisch machen könnte. Irgendwie nicht so ganz der große Wurf, aber eigentlich ein ganz passender Schlusstrack …

Working Class Hero
… wäre da nicht noch die heimtückische Attacke auf John Lennon. Selten waren sich Rezensenten derart einig: diese Coverversion geht gar nicht. Aber die Idee, ein ziemlich gutes Album mit dem vermutlich schlechtesten Song der Bandkarriere zu beenden, erfordert ja auch irgendwie Mut. Oder eine eindeutige “Leckt mich!”-Einstellung.

Fazit
Eigentlich darf ich sowas gar nicht schreiben, denn ich fand eh jedes Manics-Album mindestens okay: Trotzdem ist “Send Away The Tigers” das in sich stimmigste und emotional aufpeitschendste, daher vielleicht beste Album seit “Everything Must Go”. Alle Experimente sind vorbei, die Band besinnt sich auf das, was sie am besten kann, und liegt damit goldrichtig.

Send Away The Tigers - Cover (Original)
Manic Street Preachers – Send Away The Tigers

VÖ: 04.05.2007
Label: RedInk/SonyBMG
Vertrieb: Rough Trade

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. Mai 2007 19:02

CSU-Generalsekretär Markus Söder hat Bundespräsident Horst Köhler angedroht, im Falle einer Begnadigung Christian Klars eine zweite Amtszeit zu verweigern.

Mag irgendjemand wetten, wie Söders Gegenvorschlag lauten könnte?

Dies ist nicht Amerika

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Mai 2007 23:25

Ich habe gerade etwa 20 Minuten von der Verleihung des deutschen Filmpreises gesehen. Genug, um zu wissen, warum Babelsberg nie (mehr) Hollywood sein wird:

  • Das ZDF übertrug mal wieder zeitversetzt. Schon vor der Auszeichnung des besten Films konnte man im Internet (und vermutlich auch im ZDF-Videotext) lesen, dass “4 Minuten” gewinnen würde.
  • Die Oscar-erprobte Idee, die Dankesreden musikalisch abzuwürgen, wurde mit deutscher Gründlichkeit auf die Spitze getrieben: auch die Preisträger für den besten Film (also die letzte Auszeichnung des Abends) wurden lautstark und barsch von der Bühne gefegt.
  • Michael “Bully” Herbig ist nicht Billy Crystal. Er ist noch nicht einmal Ellen DeGeneres. Aber er ist alles, was wir haben, wenn nicht wieder Jörg Pilawa, Johannes B. Kerner oder Günther Jauch moderieren sollen.
  • Bernd Eichinger hat in der neu zu schaffenden Kategorie “angepisste Dankesrede eines vermeintlichen Favoriten” eine Sonderauszeichnung verdient. “Na ja, ich danke der Akademie”, dürfte als Bonmont in die an Anekdoten eher arme Geschichte des deutschen Filmpreises eingehen.

Aus dem langweiligen Küsschen-rechts-Küsschen-links-Rahmen fiel einzig Monika Bleibtreu, die ihren Preis als beste Hauptdarstellerin ihrem Sohn Moritz widmete. Dass dieser seine Rührung und seinen Stolz gar nicht mehr verhehlen wollte, war dann auch schon das Höchstmaß an Emotionen.

Teacher leave them kids alone

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Mai 2007 12:36

In Bremen tagt heute der Rechtsausschuss der Bürgerschaft. Die CDU will Aufklärung darüber, wie die ehemalige RAF-Terroristin Susanne Albrecht unter neuem Namen Deutschlehrerin für Migrantenkinder an einer Bremer Grundschule werden konnte.
Die denkbar einfache Antwort eines Außenstehenden würde vermutlich lauten: “Sie hat bereits in der DDR als Lehrerin gearbeitet, als sie dort untergetaucht war, sie hatte eine positive Prognose und irgendjemand hat sie wohl eingestellt.” Und für diejenigen, die so klug sind, nicht auf dahergelaufene Außenstehende zu hören, erklärt Bremens früherer Bürgermeister Henning Scherf das alles noch mal etwas ausführlicher.

Nun ist im Zuge der Debatten der letzten Wochen klargeworden (no pun intended), dass manche Politiker, Bürger und Journalisten ein wenig Nachhilfe in Sachen rechtsstaatlicher Prinzipien benötigen (Hans Filbinger kann glücklicherweise nicht mehr zum Nachhilfelehrer umgeschult werden). Wer aber hätte gedacht, dass sich die zögerliche Aufarbeitung bundesrepublikanischer Vergangenheit dazu eignet, ein ganzes Berufsbild neu zu definieren?

CDU-Vorzeigeplappermaul Wolfgang Bosbach empörte sich in “Bild”:

Bei Lehrern darf an der charakterlichen Eignung keinerlei Zweifel bestehen. Es kann nicht sein, dass eine Ex-RAF-Terroristin ausgerechnet durch die Arbeit mit Kindern resozialisiert werden soll.

Und Hartmut Perschau, CDU-Fraktionschef in der Bremer Bürgerschaft (die zufälligerweise in neun Tagen neu gewählt wird), sekundiert:

Wer unsere Kinder unterrichtet, hat eine Vorbildfunktion zu erfüllen – dafür kommen Terroristen nicht in Frage!

Dank “Bild” weiß man ja immer, wie alt jemand (ungefähr) ist. Im aktuellen Artikel sind Bosbach 54 und Perschau 65 – ihre eigene Schulzeit liegt also noch länger zurück als Frau Albrechts RAF-Unterstützung. Da meine Schullaufbahn deutlich später endete, sehe ich mich in der Position, die Herren Bosbach und Perschau über charakterliche Eignung und Vorbildfunktion diverser Lehrer aufzuklären, die mir währenddessen untergekommen sind: da hatten wir ein paar Alkoholiker; cholerische Kunst- und Musiklehrer; neokonservative Kleinaktionäre; Deutschlehrer, die die Sprache gerade erst gelernt oder einen Sprachfehler hatten; Sportlehrer, die die 500 Meter zur Turnhalle im Mercedes zurücklegten; Verschwörungstheoretiker; Naturwissenschaftler, die keinerlei pädagogische Ausbildung durchlaufen hatten; Kettenraucher, die kaum eine Schulstunde ohne Nikotinzufuhr aushielten; Althippies, die es den Fünftklässlern überließen, ob sie Vokabeln lernen wollen oder nicht, und Deutschlehrer, die Sechstklässler Klassenarbeiten mit dem Thema “Mein erstes Mal” schreiben ließen – trotzdem sind mir keine Schädigungen bei irgendwelchen Schülern bekannt, die über das normale Maß hinausgehen.
Natürlich hatten wir auch jede Menge großartige Pädagogen, die ihre Begeisterung für Geschichte, Politik, Literatur oder Mathematik auf uns übertragen konnten – Lehrer bilden halt einen überraschend passenden Gesellschaftsschnitt ab und sind sowieso dankbare, weiche Ziele.

Was ich aber keinem noch so schlechten Lehrer wünsche, sind die skeptischen Seitenblicke und die Hexenjagd, die im Großraum Bremen eingesetzt haben dürfte. Ich würde da dieser Tage noch weniger Deutschlehrerin an einer Grundschule sein wollen als sonst schon …

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