Jenseits von Taliban

Von Oliver Ding
Veröffentlicht: 18. Juni 2007 21:04

Das Fenster ist zu. Jedenfalls brauche ich mich kein Stück weit hinauslehnen, wenn ich behaupte, daß The Afghan Whigs die einzigebeste Soulgrungeband aller Zeiten waren. Und sind. Denn wie vielleicht der eine oder die andere mitbekommen hat, haben sich die Herrschaften um Greg Dulli wieder zusammengerauft.

Nachgeborene werden Dulli zwar eher nur als The Twilight Singers kennen (und sich vielleicht sogar in den Auftritt beim letztjährigen Haldern-Pop verliebt haben). Aber das ist mittlerweile nur eine von Dullis Aktivitäten. Außerdem arbeitet er nämlich mit seinem Kumpel Mark Lanegan an einem Album als The Gutter Twins. Aber das muß weiter warten.

Jedenfalls erscheint am 6.7.2007 mit “Unbreakable – Best of 1990-2006″ bei Rhino / Warner eine leckere Zusammenfassung ihrer Sternstunden, bei der zwar der Übersong “Miles iz dead” scheinbar nicht dabei – was eine Sünde wäre! -, aber der versteckte sich ja schon auf “Congregation” als Hidden Track. “Unbreakable – Best of 1990-2006″ jedenfalls ist mit den zwei obligatorischen neuen Songs ausgestattet, die schon einmal zeigen sollen, wo es für die Band weitergeht. Und die haben es in sich!

Soviel zur Theorie, hier die Praxis:

Dieses “Magazine” ist verteufelt noch mal das schlüpfrigste Rockding, was mir dieses Jahr in die Ohren, ins Herz und in die Hose gerutscht ist. Hören und verlieben! Das ist ein Befehl.Weiterführende Links:

Lektionen in Unmut

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 17. Juni 2007 20:35

Wenn man sich selber zwei Mitbewohner aussuchen darf, deren einzige Voraussetzung man mit “Nichtraucher” festlegt, sollte man sich nicht wundern, wenn man nach wenigen Wochen feststellt, dass man vor lauter Fokussierung auf das Nichtrauchen so Ausschlusskriterien wie “Einzelkinder” (“räumen nie auf und können nicht putzen”) übersehen hatte.

Wenn diese Mitbewohner aber zwei Jahre später ständig rauchend auf dem Balkon vor dem eigenen Zimmer stehen und einen so auch bei sommerlichem Wetter zum Geschlossenhalten der Fenster zwingen, dann hat entweder die Zigarettenindustrie erhebliche Erfolge bei der Akquirierung neuer Kundenschichten erzielt (“Was für eine brillante Idee: unsere neue Zielgruppe sind die Nichtraucher!”) oder man muss sich vorwerfen lassen, in Sachen Menschenkenntnis irgendwie noch Nachholbedarf zu haben …

“Hoffentlich sieht das keiner!” [Teil 2]

Von Daniel Gerhardt
Veröffentlicht: 16. Juni 2007 16:25

Wo wir schon gerade dabei sind, über die Programmplanung des ZDFs zu motzen: Ein Schicksal, das dem von Charlotte Roche und Gert Scobel nicht unähnlich ist, widerfährt der ausgezeichneten Fernsehserie “Veronica Mars” im Zweiten nun schon seit über einem Jahr. Ursprünglich am Samstag Nachmittag um 14 Uhr gestartet, werden die Geschichten der Highschool-Schülerin und Hilfsdetektivin mittlerweile in der Nacht von Freitag auf Samstag versendet – dann also, wenn das Zielpublikum bestimmt keine Zeit für öffentlich-rechtliches Fernsehen hat, weil es den Wochenendporno auf Kabel 1 gucken muss.

Warum es schade ist um “Veronica Mars”? Weil die Serie – man kann sie wahlweise als “O.C. California Deluxe” oder “Twin Peaks Light” verfolgen – neben einer großartig konstruierten Haupthandlung, in der Veronica versucht, den Mord an ihrer besten Freundin aufzuklären und nach ihrer verschwundenen Mutter sucht (ist viel spannender, als es klingt), immer wieder mit kleinen Nebenschauplätzen verblüfft, die ebenso komplex und clever aufgebaut werden wie die eigentliche Geschichte. Weil die aufwendig entworfenen und durchgängig hervorragend besetzten Charaktere über die häufig üblichen drei Eigenschaften pro Person hinausgehen, sehr realistisch gezeichnet werden und ein glaubhaftes Bild von amerikanischen (Nobel-)Highschools vermitteln. Weil gerade der spielerische Umgang zwischen Veronica (Kristen Bell) und ihrem Vater Keith (Enrico Colantoni) durch trockenen, schlagfertigen Humor besticht. Und weil die Serie nicht zuletzt in ihren Film-Noir-informierten Rückblenden immer wieder mit visueller Brillanz überrascht.

Im ZDF steckt die Serie derzeit in der Mitte der zweiten Staffel, was Quereinsteigern den Zugang zusätzlich erschweren dürfte. Eigentlich ist “Veronica Mars” aber ohnehin eine klassische DVD-Serie, weshalb eher dazu geraten sei, die zwei bisher (nur als Region-1-DVDs) erschienen Staffeln über amazon.co.uk zu importieren. Das dann aber dringend.

[Zur Verteidigung des ZDFs sei fairerweise gesagt, dass die Serie auch in den USA trotz sehr guter Kritiken (bei Popmatters wurde sie bspw. zur TV-Show des Jahres 2006 gewähtl) nur wenig Anklang fand und vor wenigen Wochen nach drei Staffeln beendet wurde. "Veronica Mars"-Erfinder Rob Thomas denkt nun darüber nach, die Geschichte als Kinofilm und/oder Comic weiter zu erzählen.]

Redaktionsscrabble

Von Kathrin Grannemann
Veröffentlicht: 16. Juni 2007 14:31

Entweder hatte man bei der Schweriner Volkszeitung keine Muße, sich eine treffende Bildunterzeile auszudenken, oder die Redaktionskatze hatte mal wieder Auslauf:

kerhtuerghiutaghiuwer

“Hoffentlich sieht das keiner!”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. Juni 2007 11:16

Liebes ZDF,

da macht Ihr schon mal eine neue Talkshow mit zwei Moderatoren, die ich nicht nur ertrage, sondern wirklich gut finde, und dann erfahre ich erst am Morgen nach der Ausstrahlung bei Spiegel Online davon, dass es diese Sendung überhaupt gegeben hat.

Wenn Ihr “Roche & Scobel” jetzt wegen schlechter Quote einstellt, komme ich persönlich in Mainz vorbei und erklär Euch das mit der Werbung noch mal. So lange könntet Ihr mal überlegen, ob Ihr eine Talkshow, die live im Internet übertragen und erst danach im Fernsehen gezeigt wurde, nicht vielleicht auch anschließend in Eurer “ZDF-Mediathek” zur Verfügung stellen solltet …

Ich beglückwünsche Euch zu diesem offensichtlich interessanten Sendekonzept und bitte um Benachrichtigung vor der zweiten Ausgabe.

Viele Grüße,
Lukas

Nachtrag 18. Juni, 13:05 Uhr: Wie uns das ZDF höchstselbst in den Kommentaren mitgeteilt hat, kann man die Sendung nun online schauen. Und zwar hier.

The Geek (Must Be Destroyed)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. Juni 2007 1:41

Uni-Seminare über Massenkultur haben den Vorteil, dass man sich “im Auftrag der Wissenschaft” Fernsehserien anschauen kann, deren Kenntnis man ansonsten vehement abstreiten würde. Ich habe also die erste Folge von “Das Model und der Freak” gesehen und geriet darüber in eine schwere Grübelei.

Das Konzept der Serie lautet: Zwei mir völlig unbekannte Models (Gottseidank, es ist ProSieben, da können es keine “Topmodels” sein, denn das sind die Sieger von Heidi Klums Casting Show) sollen zwei “Freaks” in “Topmänner” verwandeln. “Freaks”, das sind in der Welt von ProSieben Leute, die Tennissocken, alte Sweatshirts und unmodische Frisuren tragen, an Computern herumschrauben und vielleicht auch noch bei ihrer Mutti wohnen. Vor wenigen Jahren, vor dem Siegeszug der Metrosexualität, hätte man sie schlicht “Männer” genannt.

Diese Männer, die der Off-Sprecher mit ekelerregender Penetranz als “Freaks” bezeichnet, werden zunächst ein bisschen öffentlich vorgeführt, dann machen die Models mit ihnen ein “Selbstbewusstseinstraining”, das jeder Heizungsmonteur glaubwürdiger hinbekommen hätte, und schließlich werden sie “umgestylt”.

Zugegeben: Nach ihren Friseurbesuchen sahen die beiden Kandidaten wirklich deutlich ansprechender aus und wirkten auch gleich ganz anders – eine Szene, die mich doch darüber nachdenken ließ, mein Gestrubbel auch mal wieder von denen richten zu lassen, die das können, was nur Friseure können. Möglicherweise war das, was man bei Tobias (21) und Thomas (27) sah, sogar echte Selbstsicherheit, die da plötzlich aufkeimte. Ich würde es ihnen wünschen, denn die beiden wirkten sehr sympathisch (und auch am Ende noch recht natürlich).

Zuvor hatten die beiden aber mehrfach meinen Beschützerinstinkt geweckt und in mir das Bedürfnis aufkommen lassen, den Zynismus dieser bunten Fernsehwelt zu geißeln. Was für eine “Moral” soll das denn bitteschön sein, wenn junge Fernsehzuschauer, die gesellschaftlich aus was für Gründen auch immer außen stehen und die wir “Nerds”, “Geeks” oder “Informatiker” nennen wollen (ProSieben nennt sie bekanntlich “Freaks”), vermittelt bekommen, man müsse sich nur auf Kosten eines Fernsehsenders ein bisschen herausputzen lassen und schon lernt man die Frau fürs Leben kennen oder kann endlich von Mutti wegziehen?

Da mache ich gerne mal einen auf Evangelische Landeskirche, oder wie hauptberufliche Bedenkenträger sonst heißen, und stelle ein paar Vokabeln zur Selbstmontage einer lautstarken Empörung zur Verfügung: “zynisch”, “menschenverachtend”, “oberflächlich”, “innere Werte”, “materialistische Gesellschaft”, “geschmacklos”, “Gleichschaltung”, “öffentliche Zurschaustellung”, …

Im Ernst: Ich weiß nicht, was ich von dieser Sendung halten soll. Wenn sich die Kandidaten am Ende wirklich wohl in ihrer Haut und den fremden Klamotten fühlen, war es für sie vielleicht ein Erfolg. Andererseits besteht die Gefahr, dass man auch auf die optisch gerelaunchten Männer zeigen wird, wenn man sie in der Stadt erblickt, und sagen wird: “Mutti, sieh mal: Da ist der Freak aus dem Fernsehen!” Die Aufmachung der Sendung ist mit “grenzwertig” ganz gut charakterisiert und das (nicht mal neue) Konzept dahinter viel zu schwarz/weiß.

Ich bin jetzt Wir-Sind-Helden-Hören: “The geek shall inherit the earth”.

Nicht mehr jung und noch nicht alt

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 14. Juni 2007 19:40

Das Misstrauen, das ich gegen jegliche Form von Generationenbezeichnung hege, wird nur noch von dem Misstrauen überboten, das ich Leuten entgegenbringe, die von der “Jugend von heute” reden. Personen, die mir launig erzählen wollen, alle Menschen meiner Altersstufe seien beispielsweise gemeinschaftlich unhöflich, kann man natürlich nur schwer mit Argumenten kommen. Man kann aber (trotz heftigen Widerwillens) freundlich zu ihnen sein, was sie im Idealfall ihren verallgemeinernden Kulturpessimismus überdenken lässt.

Ich neige dazu, nicht anwesende Kinder und Jugendliche gegenüber älteren Menschen zu verteidigen – weil sie es gerade selbst nicht können und weil ich Jugendlichen durchaus noch eine gewisse Unreife zugestehe, die sich in unser beider Interesse am Tage ihres achtzehnten Geburtstags in Wohlgefallen auflösen möge. Und auch wenn ich es natürlich in keiner Weise gutheißen möchte, dass sich Minderjährige in der Öffentlichkeit bis zur Bewusstlosigkeit betrinken und die Flaschen, aus denen sie ihren billigen Rausch gesogen haben, danach auf Radwegen und Wiesen zertrümmern, bin ich doch zumindest milde überrascht über Kommunen, die Pressemeldungen wie diese veröffentlichen:

Radfahren ja, Alkohol nein

Nicht nur, dass das Wort “Alkohohl” so ziemlich zum peinlichsten gehören dürfte, was einer Pressestelle passieren kann: Der ganze Beschluss wird natürlich auch nur dafür sorgen, dass die Jugendlichen ihrem Hobby nun nicht mehr im Stadtpark, sondern an anderen Orten frönen. Und im angetrunkenen Zustand von der Innenstadt-Kneipe nach hause zu kommen, ohne die zentrale Parkanlage zu betreten, dürfte viele auch vor logistische Schwierigkeiten stellen. Ich möchte darüberhinaus zu einem Ideenwettbewerb “Die schönsten Unarten, die Rücksicht auf Mitbürger vermissen lassen” aufrufen.

Aber bei allem (möglicherweise reichlich naivem) Vertrauen in die Jugend und bei aller Ablehnung gegenüber den apokalyptischen Phantasien von Menschen, die Jugendkultur nur vom Wegdrücken im Fernsehen kennen: Die letzten Tage haben mich nachdenklich zurückgelassen.

  • Am Freitag fuhr ich in einem Regionalexpress, in dem auch zwei junge Damen von vielleicht fünfzehn Lenzen abwechselnd gemeinsam für MySpace-Profilfotos posierten – der einen fiel zwischendurch ihre (bekleidete) Oberweite aus dem Hemd – und billigen Toffee-Likör und Schnäpse in sich hineinschütteten. Kurz vor dem Duisburger Hauptbahnhof war das eine Gör nach eigenen Angaben so weit, dass sie “gleich kotzen” müsse und ich war froh, als die beiden ausstiegen.
  • Heute saß ich in der Bochumer U-Bahn und in der Sitzgruppe neben mir saß ein Mädchen, das gerade mit einem Feuerzeug dabei war, die Innenverkleidung des Zugs abzuflämmen. Ich glotzte, sah mich hilfesuchend nach Erwachsenen um und begriff dann, dass ich endlich alt genug war, die Rolle des sonderlichen alten Mannes zu einzunehmen: “Was soll das werden, wenn’s fertig ist?”, fragte ich denkbar unautoritär. Das Kind setzte kurz ab und schmorte dann weiter munter vor sich hin. “Kannst Du das bitte lassen?”, setzte ich nach und guckte unsicher, ob die Leute schon über mich tuschelten. “Mit wem reden Sie?”, murmelte das verzogene Blag, ohne mich auch nur anzusehen. “Mit Dir”, blaffte ich zurück, ehe wir beide ausstiegen. Immerhin: Genug Autorität für ein “Sie” gestand mir der Satansbraten zu.
  • Als ich dann von der Uni nach Hause ging, standen an den Müllcontainern des Nachbarhauses zwei etwa zwölfjährige Jungen und ein bedeutend jüngerer. Die älteren hielten Zigaretten in ihren Händen und pafften diese so denkbar uncool, wie es nur Schüler können, die endlich mal was verbotenes ausprobieren wollen. Ich guckte kurz, ob sie dem kleinen Jungen (“Ja, Kevin, Du darfst raus, aber nimm bitte den Patrick mit!”) auch eine Zigarette gegeben hatten. Sie hatten nicht und ich schritt fort.

Und jetzt fragt der aufmerksame Leser: “Wieso haben Sie denn das unschuldige Mädchen, das nur eine Verschönerung der hässlichen U-Bahn vornehmen wollte, so denkbar schroff behandelt, nicht aber die beiden Gruppen zukünftiger Rauschgiftabhängiger?”

“Tja”, werde ich antworten, “Sachbeschädigung gehört für mich nicht zu den Dingen, die man als Jugendlicher mal ausprobiert haben sollte, um seinen Körper besser kennen zu lernen. Und was mit den Lebern und Lungen der anderen ist, kann uns in dem Moment doch reichlich egal sein.”

“Na, das ist aber eine ziemlich egoistische Einstellung.”

Stimmt.

Jenseits von Eden

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 13. Juni 2007 13:51

Gestern war also die zweite pl0gbar in Bochum und wenn ich eines gelernt habe, dann dass man hinterher darüber bloggen sollte. Zum Beispiel, um sich selbst und den anderen noch mal zu versichern, was für ein netter Abend es war (war es wirklich), und um niederzuschreiben, wie die Themen lauteten, über die man gesprochen hatte: Die goldene Fleischwurst der Fiege-Brauerei, diverse Auftritte Anwesender in den sog. “alten Medien” (ich hab mal lieber nicht erzählt, dass ich mal bei einer Aufzeichnung der Vox-Sendung “Kochduell” zugegen und auch groß im Bild war), die schönsten Lieder bei “Singstar”, sowie die Viva-Moderatorin Gülcan Karahanci, die man lieber nicht in der Nähe einer Fledermauskolonie sprechen lassen sollte, die aber bald einen Fernseher heiratet (oder irgendwie sowas).

Neben diesem Themen-Potpourri wurde auch immer wieder kurz über die mögliche Organisation eines sog. “Barcamps” in Bochum gesprochen, aber was das genau ist, hab ich auch nach längeren Erklärungsversuchen noch nicht ganz verstanden. Klang aber ein bisschen wie eine Mischung aus Informatikunterricht und Kirchentag. Gesungen wurde gestern schon – aber nur am Nebentisch.

Und hier noch die Nachklapps bei die ständige Reise, Pottblog, Tales from the Mac Hell und Ich denke nicht….

Totes Pferd gefunden

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 13. Juni 2007 2:58

Millionen von Menschen lesen jeden Tag die “Bild”-Zeitung, darunter viele Medienschaffende und Journalisten. Manche lachen sich danach ins Fäustchen und werfen die Zeitung weg – und andere setzen sich danach hin und schreiben los.

Ich hab mich daran gewöhnt, dass die “Rheinische Post” bzw. “RP Online” seit einiger Zeit wie schwarz-gelbe (die Zeitungsfarben, nicht die Politik) Ausgaben von “Bild” und “bild.de” wirken – es könnte damit zusammenhängen, dass Chefredakteur Sven Gösmann und Online-Chef Oliver Eckert von der Elbe an den Rhein gewechselt waren. Zuletzt sah man am Samstag, wie das geht: “ARD-Wetterfee rastet im TV aus!” vs. “Vor laufender Kamera: Wetterfee Claudia Kleinert rastet aus”.

Dass aber ausgerechnet die von mir hochgeschätzte (und abonnierte) “Süddeutsche Zeitung” auf ihrer Internetseite auch “Bild”-Inhalte recycelt, ist für mich – milde ausgedrückt – ein Schock.

Zur Erinnerung: Letzte Woche hatte “Bild” eine angebliche Ex-Freundin des TV-Komikers Oliver Pocher samt Fotos ausgegraben und kurz darauf Pochers aktuelle Freundin samt Fotos vorgestellt. Das ist ja schon uninteressant genug, aber sueddeutsche.de nutzt diese Geschichte als Aufhänger für etwas, was wir “Desaster” “Offenbarungseid” “Bilderstrecke” nennen wollen.

Auf elf Einzelseiten hangelt sich die Autorin Michaela Förster von Pocher und den Damen über Stefan Raab, Harald Schmidt und Herbert Feuerstein wieder zu Pocher zurück und dann noch einmal zu Schmidt. Der Text ist banal und dient nur der Betextung von Fotos, die hauptsächlich Oliver Pocher zeigen. Dabei schreckt sie auch vor der neuesten Unsitte des Onlinejournalismus nicht zurück und lässt den Text gerne auch mal mitten im …

… Satz umbrechen. Das ist in sprachlicher und ästhetischer Hinsicht mindestens unschön und führt nebenbei auch noch schnell zu misslungenen Bildunterzeilen:

… und diese Riege handhabt die Trennung von Beruf und Privatleben anders.

(Screenshot: sueddeutsche.de)

Wenn das die “hochwertigen Portale und Nachrichten im Internet” seien sollen, gegen die Blogs angeblich keine Chance haben, dann möchte ich unter keinen Umständen minderwertige Portale zu Gesicht bekommen.

Pferd 2.0

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. Juni 2007 16:31

Bei Indiskretion Ehrensache und beim Handelsblatt selbst kann man seit einigen Wochen das schöne Essay “Web 0.0″ lesen, in dem Thomas Knüwer anhand einiger Beispiele aufzählt, warum Wirtschaft und Politik auf der einen und Internet auf der anderen Seite immer noch nicht unter einen Hut zu kriegen sind.

Die Kernaussage lautet:

Nun ist klar: Die digitale Spaltung ist da – doch sie verläuft quer durch die Gesellschaften der industrialisierten Nationen.

Und ob man sich in Sachen Computerdurchsuchung nun keine oder gleich riesige Sorgen machen sollte, kann jeder nach diesem Zitat für sich selbst entscheiden:

Oder Jörg Zierke. Dem Chef des Bundeskriminalamtes wurde bei einem Fachgespräch der Grünen zum Thema Bürgerrechte vom Dresdner Datenschutzprofessor Andreas Pfitzmann vorgeworfen: “Mit dieser Unbefangenheit über Informatik reden kann nur jemand, der nicht mit Informatik arbeitet.” Zierkes entwaffnend naive Antwort: “Ich sage auch nur, was mein Mitarbeiter aufschreibt.”

Warum erzähle ich das? Zum einen ist der/die/das Essay recht lesenswert, zum anderen meldete die Netzeitung heute:

Deutsche Medienmanager zweifeln an Web 2.0

Das passt schön zu Knüwers Beobachtungen:

Und Gründer erhalten nur Geld, wenn sie ein Geschäftsmodell aus den USA kopieren. Originäre Ideen werden von Kapitalgebern abgelehnt mit ebendieser Begründung: es gebe kein US-Vorbild.

Im Netzeitungs-Artikel steht aber auch der Absatz:

In einem Punkt waren sich indes deutsche und ausländische Manager in der Befragung einig: Blogs und nutzergenerierte Inhalte werden etablierte und hochwertige Portale und Nachrichten im Internet nicht verdrängen.

Ich glaube auch nicht, dass Blogs “Portale und Nachrichten im Internet” (was immer das genau sein soll) verdrängen werden – wenn, dann machen die das schon selbst, z.B. durch fortschreitende Boulevardisierung und nachlassende Qualität.

Trotzdem würde ich so einen Satz nie sagen. Meine Angst wäre viel zu groß, eines Tages im “Lexikon der größten Fehleinschätzungen” oder wie sowas heißen mag, abgedruckt zu werden. Gleich hinter den totzitierten Worten von Wilhelm II.:

Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.

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