Wir raven (All night long)

Von Lukas Heinser, 13. August 2007 12:46

Neon Rave Kids: Am 17. August 2007 in DinslakenIch hatte hier bereits des Öfteren erklärt, dass es in Dinslaken eine überraschend hohe Dichte an Musikern verschiedenster Ausprägungen gibt. So oft, dass es bald langweilig werden könnte, und vermutlich öfter als sämtliche Lokalzeitungen zusammen.

Nur mit dem Nachtleben, da hapert es in Dinslaken noch etwas. Zwar gibt es die eine oder andere „Szenekneipe“ (Szene?! Welche Szene?), aber dort muss man als Heranwachsender immer mit der Angst leben, dass gleich die eigenen Eltern oder wenigstens deren Freunde hereinkommen, und das ist ja nun wirklich etwas, was „mal“ gar nicht „geht“. Ü25-Parties gibt es auch – ich habe gehört, der Einlass werde mitunter recht rigide geregelt und selbst 24Jährige hätten dort keine Chance -, aber mal ehrlich: Was will man da?

Insofern kann man eigentlich gar nicht genug würdigen, was da seit Juni einmal im Monat stattfindet: Neon Rave Kids, eine Partyreihe mit New Rave und Indietronics.

Richtig, lieber Großstadtpartygänger: Die Musik ist eigentlich schon uralt und fast schon wieder total out, aber wir reden hier von Dinslaken. Zur genaueren Einordnung der Sachlage: Die Parties finden im „Jägerhof“ statt und als ich vor vielen Jahren das letzte Mal auf einer regulären Party dort war, lief gerade „Summer Of ’69“, als ich ging. (Das ist kausal so nicht richtig: Ich ging, als „Summer Of ’69“ lief.) Wir reden hier also wirklich über zwei verschiedene Welten.

Jedenfalls: Die örtliche Jugend nimmt Neon Rave Kids ganz gut an, es weht ein Hauch von Großstadt durch den Laden (nur das Gelangweilt-in-der-Ecke-Rumstehen müssen die Dinslakener noch üben) und wir raven all night long zu Songs von Justice, Deichkind, CSS, Digitalism, The Sounds und Konsorten. Am kommenden Freitag ist es wieder so weit, diesmal gibt’s mit Freakatronic sogar Livemusik und anschließend dann halt Party.

Coffee And TV verlost verloste einmal zwei Gästelistenplätze für Konzert und Party. Der Gewinner wurde inzwischen benachrichtigt. Better luck next time!

Neon Rave Kids
Live: Freakatronic
am Freitag, 17. August 2007
ab 23:00 Uhr
im Jägerhof in Dinslaken
Eintritt: 5 Euro

Reife Panne

Von Lukas Heinser, 12. August 2007 16:27

Die ARD und der Radsport, das ist wie dieses eine Paar, das jeder in seinem Freundeskreis hat: Ständig streiten sie sich, ziehen alle Bekannten in ihre Beziehungskrisen mit hinein, nur um kurz vor der endgültigen Trennung zu erkennen, dass man ohne einander nicht leben kann und von Heirat zu faseln, wobei man sich über die Planung derselbigen wohl wieder tierisch in die Haare kriegen wird …

Als während der Tour de France herauskam, dass der T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz vor der Tour positiv auf Doping getestet worden war, sprangen ARD und ZDF entsetzt auf, schrien laut „Iiih ba!“ und stiegen aus der Berichterstattung aus. Sat.1 kaufte die die Rechte, blamierte sich bis auf die Knochen und keine Woche später wollte man in der ARD doch wieder über die Tour berichten, aber nicht live.

Jetzt ist Deutschland-Tour und die ARD überträgt an neun Tagen live (wenn auch unter der Woche nur je eine Stunde am Tag). Und im direkten Vergleich zu den Bildern des französischen Fernsehens, an die wir uns im letzten Monat gewöhnt hatten, fällt auf:

Schaltet man ein, hat man keine Ahnung, wo die Fahrer sind und wie weit sie noch fahren müssen. Statt einer permanenten Einblendung, wie es sie bei jedem Fußballspiel gibt (und die man, gerade wenn die ARD bzw. die Bundesliga beteiligt sind, nicht lesen kann), wird alle paar Minuten mal eingeblendet, wie viele Kilometer noch zu fahren sind. Immerhin.

Die Landschaftsaufnahmen sind sehr schön (ich denke bereits über einen Schwarzwald-Urlaub nach), aber von den Fahrern werden abwechselnd Live-Bilder und Nicht-ganz-so-Live-Bilder in Zeitlupe gezeigt, ohne dass der Zuschauer erführe, was jetzt gerade passiert und was vorhin passiert ist.

Kommentator Florian Naß vorzuwerfen, dass er ganze Sätze ausformulieren und vor allem beenden kann, wäre vielleicht eine Spur zu bösartig, aber er ist halt ganz alleine und bei einer Radsportübertragung gehört dieses Geschwafel ja irgendwie einfach dazu.

Alternative Karriereplanung

Von Lukas Heinser, 11. August 2007 12:14

Wenn das mit dem Alpha-Blogger nix wird, kann ich immer noch als Prophet anfangen:

5. Mai: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

11. August: Stoiber als Staatsoberhaupt?

Vor-„Bild“

Von Lukas Heinser, 10. August 2007 12:39

Vor zwei Monaten hatte ich mal in einem Nebensatz fallen lassen, dass sich „Bild“ und „Rheinische Post“ nicht mehr groß inhaltlich unterscheiden, seit die „RP“ einen Chefredakteur (Sven Gösmann) und einen Online-Chef (Oliver Eckert) hat, die beide zuvor bei „Bild“ aktiv waren. Ich hatte mich längst damit abgefunden, dass die „RP“ die etwas kleinformatigere, dickere (und teurere) Rheinland-Ausgabe von „Bild“ ist. Jetzt musste ich aber feststellen: Vergiss die „Rheinische Post“, sie sind überall!

Heute steht in „Bild“ und bei „Bild.de“:

Brötchen-Millionär Heiner Kamps spricht in BILD: Darum ging ich nicht zu Gülcans Hochzeit

Der Artikel ist übrigens einigermaßen amüsant. Welcher Sohn möchte von seinem Vater drei Tage nach der (ersten) Hochzeit nicht einen Satz wie diesen hören lesen?

„Aber ich denke, dass Sebastian durch diese Erfahrungen schlauer geworden ist. Das wird er bestimmt nicht wieder machen.“

Darum soll es aber gar nicht gehen. Auch nicht um den grundsätzlichen Nachrichtenwert dieser Meldung (Stichwort „Sommerloch“). Aber vielleicht darum:

Gülcan-Hochzeit: Jetzt spricht Heiner Kamps

Der Artikel bei „RP Online“ ist eigentlich nur eine leicht gekürzte Version des „Bild“-Artikels mit ein bisschen mehr indirekter Rede. Damit ist man aber nicht alleine: Die Zitate von Heiner Kamps gingen über die Agenturen und tauchten anschließend bei „die-news.de“, „Focus Online“, „europolitan.de“ und (natürlich) „Spiegel Online“ auf. Und auch die nächste „Bild“-Meldung tickert gerade munter durchs Land:

Ex-Terroristin Mohnhaupt will Namen ändern

Es ist ja schon mal eine Weiterentwicklung, dass „Bild“ inzwischen „Ex-Terroristin“ schreibt. Die Meldung dazu ist übrigens denkbar unspektakulär und geht so (ungekürzt):

Karlsruhe – Die im März nach 24 Jahren Haft auf Bewährung entlassene Ex-RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt (58, Foto) will eine neue Identität:

Nach BILD-Informationen aus Justizkreisen hat sie eine Namensänderung beantragt.

Mohnhaupt, die von der Bewährungshilfeorganisation „Neustart“ betreut wird, lebt im Süden Deutschlands.

Und soll dort eine Anstellung in einer Autoteilefabrik erhalten haben. (koc)

Und was macht „RP Online“?

Nach Entlassung aus der Haft: Neue Identität für Ex-Terroristin Mohnhaupt?

Immerhin: Hier wird das vermeintliche „Bild“-Fakt in der Überschrift hinterfragt. Was sagt der Text?

Hamburg (RPO). Im März wurde die ehemalige RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt nach 24 Jahren aus der Haft entlassen. Einem Medienbericht zufolge hat sie nun eine Namensänderung beantragt, um ein neues Leben beginnen zu können.

Mohnhaupt, die von der Bewährungshilfeorganisation „Neustart“ betreut werde, lebe im süddeutschen Raum und habe dort eine Anstellung in einer Autoteilefabrik erhalten, berichtet die „Bild“-Zeitung.

„Schreibe wörtliche in indirekte Rede um“, hieß die Aufgabenstellung in Deutsch-Klassenarbeiten der achten Klasse. Heute nennt man das wohl „Qualitätsjournalismus“

And here’s to you, Mrs. Robinson …

Von Lukas Heinser, 9. August 2007 15:50

Heute Nacht lief in der ARD „Die Reifeprüfung“ (oder wie wir Cineastensäue sagen: „The Graduate“). Alle Vorsätze, mal früher ins Bett zu gehen, waren vergessen, und ich musste den Film vom Flugzeug bis zum Bus sehen. Ich habe sowieso eine Schwäche für ältere Filme, aber dieser gefällt mir bei jedem Wiedersehen besser.

An „Die Reifeprüfung“ stimmt einfach alles: Diese Bilder und Schnitte; diese Dialoge, die heute so wunderbar angestaubt wirken und vor vierzig Jahren vermutlich eine Riesenprovokation waren; natürlich diese großartige Musik von Simon & Garfunkel und die Schauspieler.

Anlass für die gestrige Ausstrahlung war der 70. Geburtstag von Dustin Hoffman und natürlich ist er es, der den Film als Benjamin Braddock trägt. Die Szene, in der er auf einer Luftmatratze im Swimming Pool treibt, ist eine vielzitierte Ikone der Popkultur der späten 1960er Jahre. Hoffman spielt in diesem Film die einzige mir bekannte Vorwurfsvoll-die-Socken-anzieh-Szene der Filmgeschichte und schlägt so liebenswürdig mit dem Kopf gegen die Wand wie niemand vor und nach ihm. Auch hat nie jemand uncooler eine Sonnenbrille getragen als er in der Nachtclub-Sequenz.

Es ist verblüffend, wie viele junge Schauspieler von heute genauso wirken wie Hoffman in diesem Film. So dürfte er seinen Doppelgänger schließlich in Jake Gyllenhaal gefunden haben, mit dem er 35 Jahre später gemeinsam in „Moonlight Mile“ brillierte.

Bei aller Begeisterung für Hoffman darf (und kann) man aber natürlich auch Anne „Mrs. Robinson“ Bancroft nicht vergessen. Man kann sich nur vorstellen, wie sehr ein Film über Ehebruch mit einem viel jüngeren Mann 1967 provoziert haben muss. Dabei ist diese Ehebrecherin mit ihrem vermeintlichen Ausbruch aus der bürgerlichen Spießigkeit fast noch heuchlerischer als alle anderen Figuren. Der Generationenkonflikt zwischen den arbeitssamen Erwachsenen ohne Vornamen und den orientierungslosen Jugendlichen wirkt heute vielleicht etwas holzschnittartig, aber man muss sich mal vor Augen halten, zu welcher Zeit der Film anlief: Das Monterey Pop Festival und der „Summer of Love“ waren gerade vorbei, an den Unis in Paris, Berkeley und Berlin rumorte es heftig und in Deutschland regierte die große Koalition. Im Gegensatz zu (viel späterem) Hippie-Schmonz wie „Hair“ war „Die Reifeprüfung“ also ein durchaus angemessenes Dokument des Zeitgeschehens und in seiner Zeichnung geradezu subtil.

Als Film ist das Werk von Mike Nichols sowieso eine Klasse für sich. Man merkt seinen Einfluss auf andere Filme, vor allem in den letzten Jahrzehnten: „Say Anything“, „Pulp Fiction“, „Der Eissturm“, „American Pie“, „American Beauty“, „The Virgin Suicides“ und vor allem „Garden State“ von und mit Zach Braff zitieren einzelne Szenen bis ganze Stimmungen des Films.

Würde eine mittelalte Dame heutzutage allerdings ungefragt im Zimmer eines jungen Mannes zu Rauchen anfangen, würde sie ihn damit in den allermeisten Fällen nicht mehr verführen können, sondern beachtlich verärgern.

„Spiegel Online“ ist seiner Zeit voraus

Von Lukas Heinser, 8. August 2007 14:16

Was ist diesmal merkwürdig?

Letzter Beitrag: in sieben Stunden

Ein Blick in den Thread zeigt allerdings, dass die Beiträge von gestern stammen und das Problem wohl eher im Script liegen dürfte als im Raum-Zeit-Kontinuum.

Pete, der Pate

Von Lukas Heinser, 8. August 2007 1:23

Für einen Moment war ich schon verwirrt, als ich meinen aktuellen Google-Alert auf Pete Doherty bekam:

Mächtigster Drogenboss Kolumbiens in Brasilien gefasst

Beim Klick auf den Link stellte ich dann aber fest: Alles ganz langweilig, zwei ganz verschiedene Geschichten. Na ja, vielleicht nicht ganz

Listenpanik (5): I Killed The Zeitgeist

Von Lukas Heinser, 7. August 2007 15:28

Wenn ich mir die bisherigen Monatsbestenlisten so anschaue, fällt mir auf, wie viele Sachen ich gerne noch ergänzen würde. Auch wenn die logische Reaktion darauf wäre, die Aktion einfach abzublasen, stürze ich mich trotzdem mit Elan in die Veröffentlichungen des Monats Juli. Wie immer streng subjektiv und ohne den Hauch eines Anspruchs auf Vollständigkeit:

Alben (inkl. Amazon.de-Links)
1. Justice – †
Es müsste schon mit dem Teufel (oder Gevatter Tod) zugehen, wenn es dieses Jahr noch einen heißeren Act als Justice gäbe, the French electronic duo who does what French electronic duos should do. Natürlich kommt man um die Vergleiche zu Daft Punk und Air kaum herum, aber das sind ja beides Acts aus dem letzten Jahrtausend. Zugegeben: „†“ hätte auch schon vor zehn Jahren erscheinen können. Ist es aber nicht und genau deshalb sticht dieses House-Album trotz Rave-Revival im Sommer 2007 so aus der Masse heraus. Vielleicht wird uns das alles in einem Jahr schon wieder egal sein, aber im Moment heißt’s erst mal: „Do the D.A.N.C.E. / 1, 2, 3, 4, fight“.

2. Tocotronic – Kapitulation
Wer dachte, dass Tocotronic gar nicht mehr besser werden könnten, als auf „Pure Vernunft darf niemals siegen“, muss zugeben, sich geirrt zu haben. Wenn jede Band nach 14 Jahren Bandgeschichte auf dem achten Album so klänge, wüsste man ja kaum noch, wohin mit all den guten Alben. Dirk von Lowtzow hat mit ungefähr jedem Medium der Republik sprechen müssen, hat dabei unzählige Male die Schönheit des Wortes „Kapitulation“ erklärt, aber sobald die ersten Takte von „Mein Ruin“ erklingen, ist das alles egal. Wie schon vor zwei Jahren mit „Aber hier leben, nein danke“ sind die Tocos auch in diesem Jahr mit ihrem Aufruf zur „Kapitulation“ völlig gegen den Strich und genau das macht diese Band so wertvoll.

3. Smashing Pumpkins – Zeitgeist
Jetzt sind sie also wieder da, die Smashing Pumpkins. Oder besser: Billy Corgan und Jimmy Chamberlin. Nach Corgans desaströsem Soloalbum und ohne die Hälfte der eigentlichen Band konnte man ja fast nur noch mit dem schlimmsten rechnen, weswegen schon ein knapp überdurchschnittliches Album eine Sensation gewesen wäre. „Zeitgeist“ ist aber noch besser: Es ist nach „Siamese Dream“ und „Adore“ mal wieder ein problemlos durchhörbares Pumpkins-Album und es ist die große „Look who’s back“-Geste. Klanglich könnte auf einigen Songs auch Zwan draufstehen und natürlich sind die meisten Nummern weit von „Today“, „Tonight, Tonight“ und „1979“ entfernt, aber es dürfte kaum jemand erwartet haben, dass Corgan noch einmal zu solchen Großtaten in der Lage ist. Aber „Zeitgeist“ hat „Doomsday Clock“, „Bleeding The Orchid“, „Starz“ und „United States“ auf der Habenseite, über alles andere diskutieren wir nach der Veröffentlichung von „Chinese Democracy“.

4. The Electric Soft Parade – No Need To Be Downhearted
Die Gebrüder White aus Brighton haben sich mal wieder in ihrem ehemaligen Kinderzimmer eingeschlossen und definieren, wie Indiepop im Sommer 2007 klingt: locker-flockig, mit gelegentlichen Ausflügen ins Verschrobene und Ausufernde. Ein Ritt durch die letzten vierzig Jahre Musikgeschichte und doch eindeutig The Electric Soft Parade.

5. Spoon – Ga Ga Ga Ga Ga
Musikjournalismus für Anfänger: „Wer sein Album so nennt, muss ja schon ziemlich gaga sein.“
Musik für Fortgeschrittene: Auf ihrem sechsten Album spielen Spoon aus Austin, Texas ihren dezent verschrobenen Indierock genau auf den Punkt. Zehn Songs in 36 Minuten, das ist fast wie Weezer, nur nicht ganz so eingängig: Bis Melodien hängen bleiben, muss man „Ga Ga Ga Ga Ga“ schon einige Male gehört haben, in Verzückung versetzt einen die Musik aber von Anfang an. Wer sehnsüchtigst aufs neue Eels-Album wartet, kann Spoon so lange als Ersatz hören – alle anderen natürlich auch.

Singles (inkl. iTunes-Links)
1. Smashing Pumpkins – Doomsday Clock
Billy Corgan allein wird wissen, ob das jetzt eine (Download-)Single ist oder nicht, aber es ist auch egal: „Doomsday Clock“ ist genau der Opener, auf den man sieben Jahre gewartet hat. Jimmy Chamberlin haut ein bisschen auf den Fellen rum, dann legen die Gitarren los und Billy Corgan singt die Nummer nach hause: „Please don’t stop / It’s lonely at the top“. Der Mann weiß wovon er singt, er war schon mal ganz oben. Aber alleine war er eigentlich überall.

2. Black Rebel Motorcycle Club – Berlin
Album übersehen, dann wenigstens die Single würdigen: BRMC haben den Blues-Anteil nach „Howl“ wieder zurückgefahren, aber „Berlin“ klingt immer noch ausreichend nach Amerika, Wüstensand und Bärten. Wie das zum Titel passen soll, ist wohl eine berechtigte Frage, die ich aber einfach im Raum stehen lassen möchte, weil sie mir dort ideal Schatten spendet.

3. Herbert Grönemeyer – Kopf hoch, tanzen
Dass „Zwölf“ ein irgendwie tolles Album ist, hatte ich ja schon mal versucht auszudrücken. Damals vergaß ich aber irgendwie, diesen Song hervorzuheben. Das Sensationelle daran: 2007 klingt Grönemeyer für einen Song mehr nach den Achtzigern, als er es in den meisten seiner Achtziger-Jahre-Songs je getan hat. Dazu ein Text, der wieder alles und nichts bedeuten kann, und ein wunderbares Video.

4. The Electric Soft Parade – Misunderstanding
Die Sechziger Jahre waren lange vorbei, als Alex und Tom White geboren wurden. Trotzdem klingt „Misunderstanding“ nach Beach Boys und Kinks – oder genauer: so, wie diese Bands heute klingen würden. Twang, twang, schunkel, schunkel!

5. Feist – 1234
Musik im Sommer 2007 sollte sowohl bei strahlendem Sonnenschein, als auch bei tagelangem Regen funktionieren. Voilà: „1234“ von Feist eignet sich da bestens zu. Indiefolk mit dezenten Country-Einflüssen oder irgendwie sowas, dazu diese Stimme. Das dazugehörige Album hatte ich übrigens im April übersehen.

Außer Konkurrenz: The Rolling Stones – Paint It, Black
Nach „Should I Stay Or Should I Go“ (Jeans) und „Paranoid“ (Tankstelle) jetzt der nächste Rock-Klassiker, dem das Werbefernsehen (Telefongedöns) zu einem Comeback verhilft. Und nach dem Neptunes-Remix von „Sympathy For The Devil“ schon der zweite Kontakt der Nuller Jugend mit der Band, die ihre Großväter sein könnten. Aber der Song ist nun mal auch nach 41 Jahren noch der blanke Wahnsinn.

Don’t Let The Sun Go Down On Me

Von Lukas Heinser, 6. August 2007 20:03

Das Geständnis vorweg: Ich mag Elton John. Es muss am Klavier liegen, diesem Instrument, das mich sogar kurzzeitig glauben lässt, Songs von Orange Blue gut zu finden. Elton John hat aber auch einige großartige Songs geschrieben und spätestens seit „Almost Famous“ (oder allerspätestens seit Ben Folds‘ Interpretation) wissen wir, dass „Tiny Dancer“ ein ganz, ganz großer Song ist.

Elton John hat auch einige schlimme Dinge getan: Drogen genommen, die erfolgreichste Single aller Zeiten veröffentlicht und Zeichentrick-Filme besungen. Letzteres ist aber (s. Phil Collins) verzeihlich, ersteres unter Umständen auch.

Jetzt hat Elton John dem britischen Boulevardblatt „Sun“ einen kleinen Gesinnungsaufsatz in die letzte Mittwochsausgabe diktiert, in dem er fordert, das Internet zu schließen.

We’re talking about things that are going to change the world and change the way people listen to music and that’s not going to happen with people blogging on the internet.

Dieser seltsam konservative Satz dürfte in diesem Moment widerlegt sein, denn Ihre Art, Elton Johns Musik zu hören, hat sich doch sicher mit der Lektüre seines kleinen Textes geändert, oder etwa nicht?

I do think it would be an incredible experiment to shut down the whole internet for five years and see what sort of art is produced over that span.

Ob Mr John weiß, wie viele Bands mittlerweile ihre Songs und Arrangements via E-Mail erarbeiten, weil ihre Mitglieder beispielsweise ein paar Tausend Kilometer entfernt leben wie bei Maritime?

Dieser kleine Text ist aber auch geeignet, eine Frage auf den Tisch zu bringen, die ich mir am Samstag im Vorfeld des dann geknickten Jan-Delay-Auftritts gestellt habe: Welche Auswirkung hat eigentlich das, was man als Persönlichkeit eines Musikers wahrnimmt, auf die Rezeption der Musik?

Nun: Idealerweise gar keine. Hip-Hop-Künstler wirken fast durch die Bank irre, und auch mit Liam Gallagher oder Billy Corgan würde ich eher ungern zu Abend essen. Trotzdem gibt es nichts Idiotischeres, als seine private Plattensammlung zu dezimieren, wenn ein Künstler mal wieder irgendwie negativ aufgefallen ist. Das Geld ist eh schon futsch, da kann man die Platte auch ruhig im Regal lassen und wieder reinhören, wenn man nicht mehr weiß, warum man den Musiker zwischendurch mal so doof fand.

Sie werden deshalb auch nie erraten, wessen Musik ich gerade lausche …

[via Popkulturjunkie]

Haldern-Liveblog (Samstag)

Von Lukas Heinser, 4. August 2007 15:03

15:06 Uhr: Was bisher geschah: Drecksverdammtes Mistwetter! Diese Hitze! Im Zelt fühle ich mich wie Colonel Kurtz in der grünen Hölle, außerhalb wie Erwin Rommel in Nordafrika. Wie, mir kann man’s auch nicht recht machen? 22°C, bewölkt – sollte doch kein Problem sein.

Auf dem Weg zum Festivalgelände noch lauwarmes Bier vernichtet, aber was tut man nicht alles für authentisches Festival-Feeling? Das ist nämlich jetzt schon wieder vorbei, weil ich Prollo-Pressemensch im schattigen Pressezelt sitzen darf, während die unbarmherzige niederrheinische Sonne auf den ehemals matschigen Alten Reitplatz niederbrennt. Navel und Sereena Maneesh hab ich deshalb schon verpasst, aber das Haldern-Blog schafft Abhilfe.

Gerade stehen Friska Viljor auf der Bühne und von dem, was hier hinten noch ankommt, würde ich auf Indie-Rock tippen. Das sollte mal genauer untersucht werden.

15:35 Uhr: Denken Sie bei einem bärtigen, langhaarigen Mann mit Hut und Mandoline nicht auch automatisch an Hans Süper? Sie könnten auch an Friska Viljor denken. Die klangen ein bisschen wie eine Mischung aus Arcade Fire, Kaizers Orchestra, The Smith und einer durchgeknallten Countryband und waren (natürlich deshalb, nicht trotzdem) außergewöhnlich unterhaltsam. Wenn es auf dem Niveau weitergeht, wird das ein sehr feiner, aber ultra-anstrengender Tag.

16:30 Uhr: Na gut: Sooooo doll ging’s dann doch nicht weiter. Voxtrot haben zwar ein Klavier dabei und klingen ein bisschen wie dir frühen R.E.M., aber so ganz können mich die Texaner nicht überzeugen.

Dafür hat der WDR wieder seine Kameras eingeschaltet und in den Weg gestellt, was mich aus obskuren Gründen an den schönsten Festival-TV-Moment ever erinnert …

17:19 Uhr: Auch wenn sie mal ausnahmsweise nicht auftreten, sind The Divine Comedy auf dem Haldern Pop omnispärsent – und wenn es nur als Umbaumusik und T-Shirt-Beschriftung ist.

Gerade spielen Johnossi, die „schwedischen White Stripes“. Es sei sehr heiß auf der Bühne sagt Sänger John und ein „Ach was“ geht durch die Menge. Aber man habe auch gehört, es sei das erste trockene Haldern-Festival seit dem 18. Jahrhundert. Das Publikum hockt zur Zeit vermutlich lieber im Badesee neben dem Festivalgelände und hört von dort aus zu. Alle anderen haben schon braungebrannte Haut oder pfeifen auf Sonnenbrände. Wenn es nicht so unerträglich heiß wäre, würden die Leute vielleicht nicht nur beim größten Hit der Band tanzen. Aber der heißt ja immerhin „Man Must Dance“.

18:17 Uhr: Ein Teil des gerade antrocknenden Festivalgeländes stand zwischenzeitlich wieder unter Wasser – dort war eine provisorische Festival-Dusche zur Abkühlung aufgebaut worden. Auch wenn es schon früher Abend ist, sind die Temperaturen nach wie vor hoch.

Die Zuschauer, die sich gerade Malajube geben, lassen sich davon aber nicht aufhalten. Und auch wenn die Kanadier sonst „Montréal -40°C“ besingen, kommt ihr französischsprachiger Indierock gut an. Ich vermute unter den lauten Gitarren und Krachwänden kleine Pop-Perlen, aber die sollen offenbar nicht zu auffällig sein.

19:38 Uhr: Gerade gab es die obligatorische Pressekonferenz. Veranstalter Stefan Reichmann ist zufrieden mit dem Wetter und den Besucherzahlen (5.500 bis 6.000). Er erzählt, dass Indie in vielen Bereichen jetzt Mainstream sei, und man in Haldern nicht bereit sei, den „Headliner-Terror“, der letztendlich nur die Kosten der Eintrittskarten in die Höhe treibe, weiter mitzumachen. Und auch ohne die ganz großen „Indie“-Headliner sind Besucherzahlen und Stimmung ja bestens.

Zur Zeit stehen Architecture In Helsinki auf der Bühne, was Raum für etwa ein Halbdutzend mieser Wortspiele ließe. Lassen wir das lieber bleiben und freuen uns an dem dezent verspulten Indiepop, der gerade von der Bühne donnert.

Ab 20 Uhr soll Eins Live, die sog. Jugendwelle des omnipräsenten WDR, übrigens das Festival für vier Stunden live übertragen. Ich bin ja mal gespannt, ob man dort seinem Publikum wirklich ein Konzert von Loney, Dear „zumutet“ und dann nach zehn Minuten Jan Delay aussteigt, wie es der Zeitplan vorsieht.

20:28 Uhr: Es gibt Geschichten, da habe ich das Gefühl, dass mir ein Puzzleteil fehle. Bei Architecture In Helsinki bin ich mir dessen sogar sicher: Alle erzählen einem, wie toll die doch seien, doch weder auf Platte noch live kann mich die Band irgendwie packen. Letztendlich klingt ihre Musik in meinen Ohren wie der Migräneanfall einer Waldorf-Kindergärtnerin.

Gossip am Rande: Hier im VIP-Zelt läuft auch Dennis von Muff Potter rum, den ich gerade auf vermutlich recht peinliche Weise angequatscht habe. Ich sollte mir dieses unprofessionelle Fandom im Dienst mal abgewöhnen. Andererseits: Sollte man Leuten, die großartige Musik machen, nicht auch in ihrer Freizeit sagen dürfen, dass sie das tun? Vielleicht grübel ich gleich bei Loney, Dear mal darüber nach.

21:00 Uhr: Während die tiefstehende Sonne den niederrheinischen Himmel in ein holländisches Orange taucht, geht die Swedish Invasion auf der Bühne in die nächste Runde: Loney, Dear alias Emil Svanängen und seine Begleitband zaubern melancholischen Indiepop zwischen Bright Eyes und The Postal Service. Die mitunter überraschend textarmen Songs („Nananananana“, „Dadadadada“, „Lalalalala“, …) klingen live nicht so elektrisch wie auf Platte, weswegen sich der Postal-Service-Vergleich nicht mehr ganz so aufdrängt. Irgendwie aber eben doch, weswegen ich die Band ebenso als Referenz nennen möchte wie Electric President. Solche Musik würde auch schön in die Nacht passen.

Apropos Nacht: Nach den Erfahrungen von gestern Abend grübel ich noch, ob ich es überhaupt versuchen soll, mir Ghosts und Duke Special im Spiegelzelt anzusehen. Zwar muss man der Fairness halber erwähnen, dass das Geschehen aus dem Zelt auch nach draußen übertragen wird (inkl. Großbildleinwand) – aber ob das so viel bringt, wenn auf der Hauptbühne gerade Jan Delay und seine Band spielen?

Nachträge Sonntag: Pünktlich zu den Shout Out Louds wurde es voll auf dem Platz. So viel zum Thema „Mäh, gibt ja keinen Headliner“. Es war von vorne bis hinten ein großartiger Auftritt und als nach fünfzig Minuten „Tonight I Have To Leave It“ kam (als letzter regulärer Song vor dem dreiteiligen Zugabenblock), brannte wie erwartet die Luft. Man kommt um diese ständigen The-Cure-Vergleiche wirklich kaum umhin, weil Adam Olenius wirklich wie Robert Smith klingt. Ganz klar ein würdiger Abschluss des Festivals.

Aber das Festival war ja noch nicht vorbei: Während immer mehr Menschen zu Jan Delay auf den Platz strömten, wetzte ich hinaus ins Spiegelzelt, wo gerade The Drones am … haha: dröhnen waren. Ich war mir auch am Ende des Auftritts nicht sicher, was ich von ihrem Noise-Blues-Rock mit Post-Grunge-Einflüssen halten sollte, aber interessant war es allemal.

So langsam füllte sich das Spiegelzelt mit Leuten, die den Platz teils fluchtartig verlassen haben mussten. Ihre Ausführungen über das, was Jan Delay da so gebracht habe, sollen vor einer möglicherweise minderjährigen Leserschaft geheimgehalten werden, deswegen nur so viel: Ich war froh, dass ich mich fürs Zelt entschieden hatte.

Gegen halb eins legten dort Ghosts aus London mit ihrem charmanten Indiepop los, der live nicht mehr ganz so zuckersüß-lieblich klingt wie auf Platte. Die Band war (wie eigentlich alle anderen auch) völlig begeistert vom Publikum und das Publikum auch von ihnen. Mitten im Set gab es ein neues Kapitel der Serie „Britpop-Bands covern gänzlich unwahrscheinliche Songs“, als Sänger Simon Pettigrew „Don’t Cha“ von den Pussycat Dolls anstimmte, was wir natürlich alle erst im Refrain bemerkten.

Während die Kräfte der Zuschauer schwanden und manche schon im Stehen einschliefen, wurde ein halbes Instrumentenmuseum auf die Bühne des Spiegelzelts geschleppt. Duke Special, sonst eigentlich nur Sänger/Pianist Peter Wilson, spielten in vierköpfiger Besetzung, bei der unter anderem auch Küchenquirl und Käsereibe zum Einsatz kamen. Wilson stand hinter seinem Klavier wie sonst nur Ben Folds, und wer so schöne Circus-Cabaret-Indie-Folk-Orchester-Pop-Musik macht, dem sieht man auch mal nach, dass er Wursthaare auf dem Kopf trägt.

Danach war Schluss. Zwar stand mit The Earlies noch eine letzte Band auf dem Programm, aber Rücken, Füße, Lunge und Augen schrien „Bett!“ bzw. wenigstens „Schlafsack“. Und so endete das regenfreie Haldern-Pop-Festival 2007 in dieser seligen Haldern-Stimmung, die einen irgendwie jedes Jahr befällt. Auf dem Zeltplatz gab es noch Johnny Hills „Ruf Teddybär Eins-Vier“ und Howard Carpendales „Ti Amo“ und ich wusste: „Irgendwie ist es auch gut, dass es jetzt erst mal wieder vorbei ist.“

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