And here’s to you, Mrs. Robinson …

Von Lukas Heinser, 9. August 2007 15:50

Heute Nacht lief in der ARD „Die Reifeprüfung“ (oder wie wir Cineastensäue sagen: „The Graduate“). Alle Vorsätze, mal früher ins Bett zu gehen, waren vergessen, und ich musste den Film vom Flugzeug bis zum Bus sehen. Ich habe sowieso eine Schwäche für ältere Filme, aber dieser gefällt mir bei jedem Wiedersehen besser.

An „Die Reifeprüfung“ stimmt einfach alles: Diese Bilder und Schnitte; diese Dialoge, die heute so wunderbar angestaubt wirken und vor vierzig Jahren vermutlich eine Riesenprovokation waren; natürlich diese großartige Musik von Simon & Garfunkel und die Schauspieler.

Anlass für die gestrige Ausstrahlung war der 70. Geburtstag von Dustin Hoffman und natürlich ist er es, der den Film als Benjamin Braddock trägt. Die Szene, in der er auf einer Luftmatratze im Swimming Pool treibt, ist eine vielzitierte Ikone der Popkultur der späten 1960er Jahre. Hoffman spielt in diesem Film die einzige mir bekannte Vorwurfsvoll-die-Socken-anzieh-Szene der Filmgeschichte und schlägt so liebenswürdig mit dem Kopf gegen die Wand wie niemand vor und nach ihm. Auch hat nie jemand uncooler eine Sonnenbrille getragen als er in der Nachtclub-Sequenz.

Es ist verblüffend, wie viele junge Schauspieler von heute genauso wirken wie Hoffman in diesem Film. So dürfte er seinen Doppelgänger schließlich in Jake Gyllenhaal gefunden haben, mit dem er 35 Jahre später gemeinsam in „Moonlight Mile“ brillierte.

Bei aller Begeisterung für Hoffman darf (und kann) man aber natürlich auch Anne „Mrs. Robinson“ Bancroft nicht vergessen. Man kann sich nur vorstellen, wie sehr ein Film über Ehebruch mit einem viel jüngeren Mann 1967 provoziert haben muss. Dabei ist diese Ehebrecherin mit ihrem vermeintlichen Ausbruch aus der bürgerlichen Spießigkeit fast noch heuchlerischer als alle anderen Figuren. Der Generationenkonflikt zwischen den arbeitssamen Erwachsenen ohne Vornamen und den orientierungslosen Jugendlichen wirkt heute vielleicht etwas holzschnittartig, aber man muss sich mal vor Augen halten, zu welcher Zeit der Film anlief: Das Monterey Pop Festival und der „Summer of Love“ waren gerade vorbei, an den Unis in Paris, Berkeley und Berlin rumorte es heftig und in Deutschland regierte die große Koalition. Im Gegensatz zu (viel späterem) Hippie-Schmonz wie „Hair“ war „Die Reifeprüfung“ also ein durchaus angemessenes Dokument des Zeitgeschehens und in seiner Zeichnung geradezu subtil.

Als Film ist das Werk von Mike Nichols sowieso eine Klasse für sich. Man merkt seinen Einfluss auf andere Filme, vor allem in den letzten Jahrzehnten: „Say Anything“, „Pulp Fiction“, „Der Eissturm“, „American Pie“, „American Beauty“, „The Virgin Suicides“ und vor allem „Garden State“ von und mit Zach Braff zitieren einzelne Szenen bis ganze Stimmungen des Films.

Würde eine mittelalte Dame heutzutage allerdings ungefragt im Zimmer eines jungen Mannes zu Rauchen anfangen, würde sie ihn damit in den allermeisten Fällen nicht mehr verführen können, sondern beachtlich verärgern.

„Spiegel Online“ ist seiner Zeit voraus

Von Lukas Heinser, 8. August 2007 14:16

Was ist diesmal merkwürdig?

Letzter Beitrag: in sieben Stunden

Ein Blick in den Thread zeigt allerdings, dass die Beiträge von gestern stammen und das Problem wohl eher im Script liegen dürfte als im Raum-Zeit-Kontinuum.

Pete, der Pate

Von Lukas Heinser, 8. August 2007 1:23

Für einen Moment war ich schon verwirrt, als ich meinen aktuellen Google-Alert auf Pete Doherty bekam:

Mächtigster Drogenboss Kolumbiens in Brasilien gefasst

Beim Klick auf den Link stellte ich dann aber fest: Alles ganz langweilig, zwei ganz verschiedene Geschichten. Na ja, vielleicht nicht ganz

Listenpanik (5): I Killed The Zeitgeist

Von Lukas Heinser, 7. August 2007 15:28

Wenn ich mir die bisherigen Monatsbestenlisten so anschaue, fällt mir auf, wie viele Sachen ich gerne noch ergänzen würde. Auch wenn die logische Reaktion darauf wäre, die Aktion einfach abzublasen, stürze ich mich trotzdem mit Elan in die Veröffentlichungen des Monats Juli. Wie immer streng subjektiv und ohne den Hauch eines Anspruchs auf Vollständigkeit:

Alben (inkl. Amazon.de-Links)
1. Justice – †
Es müsste schon mit dem Teufel (oder Gevatter Tod) zugehen, wenn es dieses Jahr noch einen heißeren Act als Justice gäbe, the French electronic duo who does what French electronic duos should do. Natürlich kommt man um die Vergleiche zu Daft Punk und Air kaum herum, aber das sind ja beides Acts aus dem letzten Jahrtausend. Zugegeben: „†“ hätte auch schon vor zehn Jahren erscheinen können. Ist es aber nicht und genau deshalb sticht dieses House-Album trotz Rave-Revival im Sommer 2007 so aus der Masse heraus. Vielleicht wird uns das alles in einem Jahr schon wieder egal sein, aber im Moment heißt’s erst mal: „Do the D.A.N.C.E. / 1, 2, 3, 4, fight“.

2. Tocotronic – Kapitulation
Wer dachte, dass Tocotronic gar nicht mehr besser werden könnten, als auf „Pure Vernunft darf niemals siegen“, muss zugeben, sich geirrt zu haben. Wenn jede Band nach 14 Jahren Bandgeschichte auf dem achten Album so klänge, wüsste man ja kaum noch, wohin mit all den guten Alben. Dirk von Lowtzow hat mit ungefähr jedem Medium der Republik sprechen müssen, hat dabei unzählige Male die Schönheit des Wortes „Kapitulation“ erklärt, aber sobald die ersten Takte von „Mein Ruin“ erklingen, ist das alles egal. Wie schon vor zwei Jahren mit „Aber hier leben, nein danke“ sind die Tocos auch in diesem Jahr mit ihrem Aufruf zur „Kapitulation“ völlig gegen den Strich und genau das macht diese Band so wertvoll.

3. Smashing Pumpkins – Zeitgeist
Jetzt sind sie also wieder da, die Smashing Pumpkins. Oder besser: Billy Corgan und Jimmy Chamberlin. Nach Corgans desaströsem Soloalbum und ohne die Hälfte der eigentlichen Band konnte man ja fast nur noch mit dem schlimmsten rechnen, weswegen schon ein knapp überdurchschnittliches Album eine Sensation gewesen wäre. „Zeitgeist“ ist aber noch besser: Es ist nach „Siamese Dream“ und „Adore“ mal wieder ein problemlos durchhörbares Pumpkins-Album und es ist die große „Look who’s back“-Geste. Klanglich könnte auf einigen Songs auch Zwan draufstehen und natürlich sind die meisten Nummern weit von „Today“, „Tonight, Tonight“ und „1979“ entfernt, aber es dürfte kaum jemand erwartet haben, dass Corgan noch einmal zu solchen Großtaten in der Lage ist. Aber „Zeitgeist“ hat „Doomsday Clock“, „Bleeding The Orchid“, „Starz“ und „United States“ auf der Habenseite, über alles andere diskutieren wir nach der Veröffentlichung von „Chinese Democracy“.

4. The Electric Soft Parade – No Need To Be Downhearted
Die Gebrüder White aus Brighton haben sich mal wieder in ihrem ehemaligen Kinderzimmer eingeschlossen und definieren, wie Indiepop im Sommer 2007 klingt: locker-flockig, mit gelegentlichen Ausflügen ins Verschrobene und Ausufernde. Ein Ritt durch die letzten vierzig Jahre Musikgeschichte und doch eindeutig The Electric Soft Parade.

5. Spoon – Ga Ga Ga Ga Ga
Musikjournalismus für Anfänger: „Wer sein Album so nennt, muss ja schon ziemlich gaga sein.“
Musik für Fortgeschrittene: Auf ihrem sechsten Album spielen Spoon aus Austin, Texas ihren dezent verschrobenen Indierock genau auf den Punkt. Zehn Songs in 36 Minuten, das ist fast wie Weezer, nur nicht ganz so eingängig: Bis Melodien hängen bleiben, muss man „Ga Ga Ga Ga Ga“ schon einige Male gehört haben, in Verzückung versetzt einen die Musik aber von Anfang an. Wer sehnsüchtigst aufs neue Eels-Album wartet, kann Spoon so lange als Ersatz hören – alle anderen natürlich auch.

Singles (inkl. iTunes-Links)
1. Smashing Pumpkins – Doomsday Clock
Billy Corgan allein wird wissen, ob das jetzt eine (Download-)Single ist oder nicht, aber es ist auch egal: „Doomsday Clock“ ist genau der Opener, auf den man sieben Jahre gewartet hat. Jimmy Chamberlin haut ein bisschen auf den Fellen rum, dann legen die Gitarren los und Billy Corgan singt die Nummer nach hause: „Please don’t stop / It’s lonely at the top“. Der Mann weiß wovon er singt, er war schon mal ganz oben. Aber alleine war er eigentlich überall.

2. Black Rebel Motorcycle Club – Berlin
Album übersehen, dann wenigstens die Single würdigen: BRMC haben den Blues-Anteil nach „Howl“ wieder zurückgefahren, aber „Berlin“ klingt immer noch ausreichend nach Amerika, Wüstensand und Bärten. Wie das zum Titel passen soll, ist wohl eine berechtigte Frage, die ich aber einfach im Raum stehen lassen möchte, weil sie mir dort ideal Schatten spendet.

3. Herbert Grönemeyer – Kopf hoch, tanzen
Dass „Zwölf“ ein irgendwie tolles Album ist, hatte ich ja schon mal versucht auszudrücken. Damals vergaß ich aber irgendwie, diesen Song hervorzuheben. Das Sensationelle daran: 2007 klingt Grönemeyer für einen Song mehr nach den Achtzigern, als er es in den meisten seiner Achtziger-Jahre-Songs je getan hat. Dazu ein Text, der wieder alles und nichts bedeuten kann, und ein wunderbares Video.

4. The Electric Soft Parade – Misunderstanding
Die Sechziger Jahre waren lange vorbei, als Alex und Tom White geboren wurden. Trotzdem klingt „Misunderstanding“ nach Beach Boys und Kinks – oder genauer: so, wie diese Bands heute klingen würden. Twang, twang, schunkel, schunkel!

5. Feist – 1234
Musik im Sommer 2007 sollte sowohl bei strahlendem Sonnenschein, als auch bei tagelangem Regen funktionieren. Voilà: „1234“ von Feist eignet sich da bestens zu. Indiefolk mit dezenten Country-Einflüssen oder irgendwie sowas, dazu diese Stimme. Das dazugehörige Album hatte ich übrigens im April übersehen.

Außer Konkurrenz: The Rolling Stones – Paint It, Black
Nach „Should I Stay Or Should I Go“ (Jeans) und „Paranoid“ (Tankstelle) jetzt der nächste Rock-Klassiker, dem das Werbefernsehen (Telefongedöns) zu einem Comeback verhilft. Und nach dem Neptunes-Remix von „Sympathy For The Devil“ schon der zweite Kontakt der Nuller Jugend mit der Band, die ihre Großväter sein könnten. Aber der Song ist nun mal auch nach 41 Jahren noch der blanke Wahnsinn.

Don’t Let The Sun Go Down On Me

Von Lukas Heinser, 6. August 2007 20:03

Das Geständnis vorweg: Ich mag Elton John. Es muss am Klavier liegen, diesem Instrument, das mich sogar kurzzeitig glauben lässt, Songs von Orange Blue gut zu finden. Elton John hat aber auch einige großartige Songs geschrieben und spätestens seit „Almost Famous“ (oder allerspätestens seit Ben Folds‘ Interpretation) wissen wir, dass „Tiny Dancer“ ein ganz, ganz großer Song ist.

Elton John hat auch einige schlimme Dinge getan: Drogen genommen, die erfolgreichste Single aller Zeiten veröffentlicht und Zeichentrick-Filme besungen. Letzteres ist aber (s. Phil Collins) verzeihlich, ersteres unter Umständen auch.

Jetzt hat Elton John dem britischen Boulevardblatt „Sun“ einen kleinen Gesinnungsaufsatz in die letzte Mittwochsausgabe diktiert, in dem er fordert, das Internet zu schließen.

We’re talking about things that are going to change the world and change the way people listen to music and that’s not going to happen with people blogging on the internet.

Dieser seltsam konservative Satz dürfte in diesem Moment widerlegt sein, denn Ihre Art, Elton Johns Musik zu hören, hat sich doch sicher mit der Lektüre seines kleinen Textes geändert, oder etwa nicht?

I do think it would be an incredible experiment to shut down the whole internet for five years and see what sort of art is produced over that span.

Ob Mr John weiß, wie viele Bands mittlerweile ihre Songs und Arrangements via E-Mail erarbeiten, weil ihre Mitglieder beispielsweise ein paar Tausend Kilometer entfernt leben wie bei Maritime?

Dieser kleine Text ist aber auch geeignet, eine Frage auf den Tisch zu bringen, die ich mir am Samstag im Vorfeld des dann geknickten Jan-Delay-Auftritts gestellt habe: Welche Auswirkung hat eigentlich das, was man als Persönlichkeit eines Musikers wahrnimmt, auf die Rezeption der Musik?

Nun: Idealerweise gar keine. Hip-Hop-Künstler wirken fast durch die Bank irre, und auch mit Liam Gallagher oder Billy Corgan würde ich eher ungern zu Abend essen. Trotzdem gibt es nichts Idiotischeres, als seine private Plattensammlung zu dezimieren, wenn ein Künstler mal wieder irgendwie negativ aufgefallen ist. Das Geld ist eh schon futsch, da kann man die Platte auch ruhig im Regal lassen und wieder reinhören, wenn man nicht mehr weiß, warum man den Musiker zwischendurch mal so doof fand.

Sie werden deshalb auch nie erraten, wessen Musik ich gerade lausche …

[via Popkulturjunkie]

Haldern-Liveblog (Samstag)

Von Lukas Heinser, 4. August 2007 15:03

15:06 Uhr: Was bisher geschah: Drecksverdammtes Mistwetter! Diese Hitze! Im Zelt fühle ich mich wie Colonel Kurtz in der grünen Hölle, außerhalb wie Erwin Rommel in Nordafrika. Wie, mir kann man’s auch nicht recht machen? 22°C, bewölkt – sollte doch kein Problem sein.

Auf dem Weg zum Festivalgelände noch lauwarmes Bier vernichtet, aber was tut man nicht alles für authentisches Festival-Feeling? Das ist nämlich jetzt schon wieder vorbei, weil ich Prollo-Pressemensch im schattigen Pressezelt sitzen darf, während die unbarmherzige niederrheinische Sonne auf den ehemals matschigen Alten Reitplatz niederbrennt. Navel und Sereena Maneesh hab ich deshalb schon verpasst, aber das Haldern-Blog schafft Abhilfe.

Gerade stehen Friska Viljor auf der Bühne und von dem, was hier hinten noch ankommt, würde ich auf Indie-Rock tippen. Das sollte mal genauer untersucht werden.

15:35 Uhr: Denken Sie bei einem bärtigen, langhaarigen Mann mit Hut und Mandoline nicht auch automatisch an Hans Süper? Sie könnten auch an Friska Viljor denken. Die klangen ein bisschen wie eine Mischung aus Arcade Fire, Kaizers Orchestra, The Smith und einer durchgeknallten Countryband und waren (natürlich deshalb, nicht trotzdem) außergewöhnlich unterhaltsam. Wenn es auf dem Niveau weitergeht, wird das ein sehr feiner, aber ultra-anstrengender Tag.

16:30 Uhr: Na gut: Sooooo doll ging’s dann doch nicht weiter. Voxtrot haben zwar ein Klavier dabei und klingen ein bisschen wie dir frühen R.E.M., aber so ganz können mich die Texaner nicht überzeugen.

Dafür hat der WDR wieder seine Kameras eingeschaltet und in den Weg gestellt, was mich aus obskuren Gründen an den schönsten Festival-TV-Moment ever erinnert …

17:19 Uhr: Auch wenn sie mal ausnahmsweise nicht auftreten, sind The Divine Comedy auf dem Haldern Pop omnispärsent – und wenn es nur als Umbaumusik und T-Shirt-Beschriftung ist.

Gerade spielen Johnossi, die „schwedischen White Stripes“. Es sei sehr heiß auf der Bühne sagt Sänger John und ein „Ach was“ geht durch die Menge. Aber man habe auch gehört, es sei das erste trockene Haldern-Festival seit dem 18. Jahrhundert. Das Publikum hockt zur Zeit vermutlich lieber im Badesee neben dem Festivalgelände und hört von dort aus zu. Alle anderen haben schon braungebrannte Haut oder pfeifen auf Sonnenbrände. Wenn es nicht so unerträglich heiß wäre, würden die Leute vielleicht nicht nur beim größten Hit der Band tanzen. Aber der heißt ja immerhin „Man Must Dance“.

18:17 Uhr: Ein Teil des gerade antrocknenden Festivalgeländes stand zwischenzeitlich wieder unter Wasser – dort war eine provisorische Festival-Dusche zur Abkühlung aufgebaut worden. Auch wenn es schon früher Abend ist, sind die Temperaturen nach wie vor hoch.

Die Zuschauer, die sich gerade Malajube geben, lassen sich davon aber nicht aufhalten. Und auch wenn die Kanadier sonst „Montréal -40°C“ besingen, kommt ihr französischsprachiger Indierock gut an. Ich vermute unter den lauten Gitarren und Krachwänden kleine Pop-Perlen, aber die sollen offenbar nicht zu auffällig sein.

19:38 Uhr: Gerade gab es die obligatorische Pressekonferenz. Veranstalter Stefan Reichmann ist zufrieden mit dem Wetter und den Besucherzahlen (5.500 bis 6.000). Er erzählt, dass Indie in vielen Bereichen jetzt Mainstream sei, und man in Haldern nicht bereit sei, den „Headliner-Terror“, der letztendlich nur die Kosten der Eintrittskarten in die Höhe treibe, weiter mitzumachen. Und auch ohne die ganz großen „Indie“-Headliner sind Besucherzahlen und Stimmung ja bestens.

Zur Zeit stehen Architecture In Helsinki auf der Bühne, was Raum für etwa ein Halbdutzend mieser Wortspiele ließe. Lassen wir das lieber bleiben und freuen uns an dem dezent verspulten Indiepop, der gerade von der Bühne donnert.

Ab 20 Uhr soll Eins Live, die sog. Jugendwelle des omnipräsenten WDR, übrigens das Festival für vier Stunden live übertragen. Ich bin ja mal gespannt, ob man dort seinem Publikum wirklich ein Konzert von Loney, Dear „zumutet“ und dann nach zehn Minuten Jan Delay aussteigt, wie es der Zeitplan vorsieht.

20:28 Uhr: Es gibt Geschichten, da habe ich das Gefühl, dass mir ein Puzzleteil fehle. Bei Architecture In Helsinki bin ich mir dessen sogar sicher: Alle erzählen einem, wie toll die doch seien, doch weder auf Platte noch live kann mich die Band irgendwie packen. Letztendlich klingt ihre Musik in meinen Ohren wie der Migräneanfall einer Waldorf-Kindergärtnerin.

Gossip am Rande: Hier im VIP-Zelt läuft auch Dennis von Muff Potter rum, den ich gerade auf vermutlich recht peinliche Weise angequatscht habe. Ich sollte mir dieses unprofessionelle Fandom im Dienst mal abgewöhnen. Andererseits: Sollte man Leuten, die großartige Musik machen, nicht auch in ihrer Freizeit sagen dürfen, dass sie das tun? Vielleicht grübel ich gleich bei Loney, Dear mal darüber nach.

21:00 Uhr: Während die tiefstehende Sonne den niederrheinischen Himmel in ein holländisches Orange taucht, geht die Swedish Invasion auf der Bühne in die nächste Runde: Loney, Dear alias Emil Svanängen und seine Begleitband zaubern melancholischen Indiepop zwischen Bright Eyes und The Postal Service. Die mitunter überraschend textarmen Songs („Nananananana“, „Dadadadada“, „Lalalalala“, …) klingen live nicht so elektrisch wie auf Platte, weswegen sich der Postal-Service-Vergleich nicht mehr ganz so aufdrängt. Irgendwie aber eben doch, weswegen ich die Band ebenso als Referenz nennen möchte wie Electric President. Solche Musik würde auch schön in die Nacht passen.

Apropos Nacht: Nach den Erfahrungen von gestern Abend grübel ich noch, ob ich es überhaupt versuchen soll, mir Ghosts und Duke Special im Spiegelzelt anzusehen. Zwar muss man der Fairness halber erwähnen, dass das Geschehen aus dem Zelt auch nach draußen übertragen wird (inkl. Großbildleinwand) – aber ob das so viel bringt, wenn auf der Hauptbühne gerade Jan Delay und seine Band spielen?

Nachträge Sonntag: Pünktlich zu den Shout Out Louds wurde es voll auf dem Platz. So viel zum Thema „Mäh, gibt ja keinen Headliner“. Es war von vorne bis hinten ein großartiger Auftritt und als nach fünfzig Minuten „Tonight I Have To Leave It“ kam (als letzter regulärer Song vor dem dreiteiligen Zugabenblock), brannte wie erwartet die Luft. Man kommt um diese ständigen The-Cure-Vergleiche wirklich kaum umhin, weil Adam Olenius wirklich wie Robert Smith klingt. Ganz klar ein würdiger Abschluss des Festivals.

Aber das Festival war ja noch nicht vorbei: Während immer mehr Menschen zu Jan Delay auf den Platz strömten, wetzte ich hinaus ins Spiegelzelt, wo gerade The Drones am … haha: dröhnen waren. Ich war mir auch am Ende des Auftritts nicht sicher, was ich von ihrem Noise-Blues-Rock mit Post-Grunge-Einflüssen halten sollte, aber interessant war es allemal.

So langsam füllte sich das Spiegelzelt mit Leuten, die den Platz teils fluchtartig verlassen haben mussten. Ihre Ausführungen über das, was Jan Delay da so gebracht habe, sollen vor einer möglicherweise minderjährigen Leserschaft geheimgehalten werden, deswegen nur so viel: Ich war froh, dass ich mich fürs Zelt entschieden hatte.

Gegen halb eins legten dort Ghosts aus London mit ihrem charmanten Indiepop los, der live nicht mehr ganz so zuckersüß-lieblich klingt wie auf Platte. Die Band war (wie eigentlich alle anderen auch) völlig begeistert vom Publikum und das Publikum auch von ihnen. Mitten im Set gab es ein neues Kapitel der Serie „Britpop-Bands covern gänzlich unwahrscheinliche Songs“, als Sänger Simon Pettigrew „Don’t Cha“ von den Pussycat Dolls anstimmte, was wir natürlich alle erst im Refrain bemerkten.

Während die Kräfte der Zuschauer schwanden und manche schon im Stehen einschliefen, wurde ein halbes Instrumentenmuseum auf die Bühne des Spiegelzelts geschleppt. Duke Special, sonst eigentlich nur Sänger/Pianist Peter Wilson, spielten in vierköpfiger Besetzung, bei der unter anderem auch Küchenquirl und Käsereibe zum Einsatz kamen. Wilson stand hinter seinem Klavier wie sonst nur Ben Folds, und wer so schöne Circus-Cabaret-Indie-Folk-Orchester-Pop-Musik macht, dem sieht man auch mal nach, dass er Wursthaare auf dem Kopf trägt.

Danach war Schluss. Zwar stand mit The Earlies noch eine letzte Band auf dem Programm, aber Rücken, Füße, Lunge und Augen schrien „Bett!“ bzw. wenigstens „Schlafsack“. Und so endete das regenfreie Haldern-Pop-Festival 2007 in dieser seligen Haldern-Stimmung, die einen irgendwie jedes Jahr befällt. Auf dem Zeltplatz gab es noch Johnny Hills „Ruf Teddybär Eins-Vier“ und Howard Carpendales „Ti Amo“ und ich wusste: „Irgendwie ist es auch gut, dass es jetzt erst mal wieder vorbei ist.“

Haldern-Liveblog (Freitag)

Von Lukas Heinser, 3. August 2007 17:00

17:00 Uhr: Was bisher geschah: Ich wurde heute Morgen wach und – die Sonne schien. Aus Dankbarkeit opferten wir Petrus eine Packung „Saure Apfelringe“ (Haldern-Tradition #2) und frühstückten ausgiebigst in der Sonne. Ich weiß, ich werde einen Sonnenbrand bekommen.

Die erste Band, die ich mir im angeguckt habe, waren die Brakes („like on your bike“) im Spiegelzelt. Die Band sieht anders aus als ich sie mir vom Klang ihrer Musik her vorgestellt hätte, und hat Ananässe auf ihren Verstärkern stehen, die sie während des Konzerts ins Publikum schmeißt. Musik machen sie auch: schrömmeliger Indierock trifft auf Country-Anleihen, die im Coversong „Jackson“ (den kennen Sie aus dem Johnny-Cash-Film) kulminieren.

Dann geht’s aufs Festival-Gelände, das allein schon dadurch besticht, dass die Bühne anders steht als sonst. Sie steht … nun ja: leicht schräg. Wer schon mal auf dem Haldern war und sich das Festival-Gelände als Uhr vorstellen kann, imaginiere sich jetzt bitte, die Bühne sei von zwölf auf ein Uhr vorgerückt, wobei sie immer noch auf den Mittelpunkt des Uhrwerks ausgerichtet ist. Alle anderen stellen sich bitte vor, dass da eine große Bühne auf einem Reitplatz steht, das reicht.

Der sympathisch-verplante Holländer, der seit (I assume) 1984 das Programm ansagt, betritt die Bühne und kündigt in gewohntem Überschwang Ripchord an. Die Band erinnert aus der Ferne (schließlich will das Pressezelt inspiziert werden) ein bisschen an Mando Diao und die Libertines. Und das ist ja wohl mal eine präzise Ansage, denn welche Band klingt heutzutage schon so? Na gut …

Gerade stehen/steht Gabriel Rios auf der Bühne und alles, was hier ankommt, sind ein Bass und eine Bassdrum. Deswegen werde ich nun hinaus in den Matsch eilen und ein Ohr auf das Geschehen werfen, damit ich hinterher schreiben kann, wie es wirklich klang.

Vorher muss ich noch die ersten Verletzungen im Team vermelden: Katti hat sich den Nagel ihres dicken Zehs eingerissen (hier zuckten grad 85% der Leser zusammen und schworen sich, so ein Ekelblog nie wieder zu besuchen) und ich habe mir (weit weniger schlimm) die Sonnenbrille, die ich extrem lässig ins Haar gesteckt hatte, aufs Nasenbein gedonnert. Und jetzt muss ich wirklich los, denn Björn vom Haldern-Blog ist gerade hinter mir aufgetaucht und jetzt wollen wir ein wenig plaudern und Bruderschaft trinken. Oder irgendwie sowas.

18:05 Uhr: Bis ich auf dem Platz war, war/waren Gabriel Rios schon vorbei. So bleiben mir nur die Ricky-Martin-mäßigen Eindrücke, die im Pressezelt ankamen.

Vielleicht hätte man eine Band wie Polarkreis 18, die mit geschätzten zweiundvierzig Instrumenten agiert, nicht unbedingt mitten in den Nachmittag legen sollen. Jetzt hinkt der Zeitplan. Dafür gibt es gerade die „deutschen Radiohead“, was dann zutreffend wäre, wenn Radiohead bedeutend mehr tanzbare Tracks wie „Idioteque“ veröffentlicht hätten. Man möchte fast ein Krautrock-Revival ausrufen, aber Dresden ist eine so Krautrock-untypische Stadt (sie liegt, zuallererst, nicht am Rhein).

Der WDR fährt mit seinen Rockpalast-Kameras die ganze Zeit vor der Bühne herum und versperrt dem Publikum und den Fotografen die freie Sicht auf die Bühne. Das könnte richtig ärgerlich sein, aber das Publikum sieht nicht so aus, als ob es das mit den Rundfunkgebühren sonderlich genau nähme. Und Leute, die man nicht bezahlt, kann man ja kaum anschreien, sie mögen einem bitte aus dem Sichtfeld treten.

Was man auf keinen Fall unerwähnt lassen sollte: Sonne! Sonne!! Soooooonneeeeeee!!!!1

19:15 Uhr: Von Paul Steel und Band habe ich nicht viel mitbekommen, weil ich zeitgleich The Electric Soft Parade interviewt habe. Ich glaube, ich hätte die Musik „nett“ gefunden. Nett waren aber auch die Gebrüder White, weswegen sich das schon gelohnt hat, so wie’s war. Die Tatsache, dass ich den alten Kinderkassettenrecorder meines Bruders als Aufnahmegerät mitgebracht habe, war jedenfalls ein Super-Eisbrecher, denn wie finden junge Männer, die verspielte Popmusik machen, so ein Teil? „Cool, old school!“

19:58 Uhr: Wer hat dem Pudel die Gitarre um den Hals gebunden? Ach nee, das ist nur Kyle Falconer, der lockichte Sänger von The View, der seine Gitarre noch ein bisschen höher trägt als Johnny Cash. Zu beeinträchtigen scheint es ihn nicht, denn er und seine Band pflügen gerade durch ein Set voller schwungvoller Indierock-Kracher, die immer mal wieder rhythmisch an der Tür klopfen, auf der „Polka“ steht. Die Indiepedia sagt, der Schlagzeuger sei mal mit Pete Doherty verhaftet worden. Reife Leistung. Und ungefähr so schwierig wie Angeln in einem Fass voller Fische.

20:57 Uhr: Ein junger Mann, der aussieht wie Gary Oldman in Sid And Nancy, kommt auf die Bühne, rotzt zweimal auf selbige und legt mit seiner Band los. Klingen tut’s aber eher wie The Clash, wenigstens so ungefähr. Live klingt Jamie T bedeutend weniger nach Hip-Hop, als auf Platte, ich meine trotzdem, einen süßlichen Geruch in der Luft zu vernehmen.

21:40 Uhr: Gerade war ich am Zelt, meinen Pulli holen. Dabei konnte ich eine Haldern-typische Szene beobachten: Ein älteres Ehepaar aus der Nachbarschaft ging in ordentlicher Kleidung am Zeltplatz vorbei – offenbar um „mal zu gucken, was die jungen Leute so machen“. Sie gesellten sich zu einer Gruppe am Bierstand und plauderten los.

Folgende Musik habe ich auf dem Zeltplatz hören können (unvollständig): Max Mutzke, Red Hot Chili Peppers, The Fratellis, Bap, Led Zeppelin, The Sounds, Kaiser Chiefs. Unangefochtener Festival-Hit dürfte aber „Tonight I Have To Leave It“ von den Shout Out Louds werden. Zu recht.

22:15 Uhr: Noch mehr idiotische Optik-Vergleiche: The Magic Numbers sehen ein bisschen aus wie die Kelly Family. Sie machen durchaus nette Popmusik, die das inzwischen nächtliche Festivalgelände durchweht. Es könnte auch Rockpalast 1978 auf der Loreley sein.

Man sollte auch mal anmerken, dass das Publikum zwar in Indie-Uniformen erschienen ist (If I had one Dollar for every polka dot …), aber in der Gesamtheit recht gut aussehend ist (nur knapp hinter den immer besonders hübschen Publika von Travis und Slut). Ich glaube schon, dass manch einer hier den Partner fürs Leben finden könnte.

Samstag, 00:31 Uhr: Auf der Bühne sitzt grad Jason Pierce und buchstabiert Gänsehaut. Mit seinem Keyboarder, einem Streichquartett und einem (dreiköpfigen) Gospelchor sind das die „Acoustic Mainlines“ seiner sonstigen Band Spiritualized. Es mag sein, dass das Feenstaub ist, der da durch die Nacht fliegt – vielleicht sind es auch nur die Überreste der Motten, die den Scheinwerfern zu nahe gekommen sind. Die Leute, die bei dieser Musik noch quatschen, möchte man am liebsten schütteln und anschreien: „Ruhe, da vorne stirbt jemand!“ Nun ja, sterben wird Jason Pierce heute Nacht nicht, aber so oft wie er „Lord“ und „Jesus“ singt, fühlt man sich ein wenig, als höre man jemandem verbotenerweise beim Beten zu. Einfach schön.

Nachtrag Samstag, 14:58 Uhr: Eigentlich wollte ich mir gestern Nacht noch The Electric Soft Parade angucken. Ich hatte es den Gebrüdern White sogar im Interview versprochen. Aber als ich vom Platz kam, war die Schlange vor dem viel zu kleinen Spiegelzelt schon so lang, dass absehbar war, dass die Person, die in der Schlange vor mir gestanden hätte, als letzte reingekommen wäre. Ich finde das nach wie vor unglücklich mit diesem Zelt, zumal wenn auch noch zeitgleich auf der Hauptbühne Programm ist. Entscheiden-müssen oder Nicht-reinkommen ist Rock am Ring, aber nicht Haldern.

So gab’s dann wenigstens im (eigenen) Zelt noch The Waterboys aus weiter Ferne. Aus so weiter Ferne, dass nur noch eine Ahnung von Songs ankam. Die war aber durchaus nett.

Haldern-Beinahe-Liveblog (Donnerstag)

Von Lukas Heinser, 3. August 2007 16:43

Von Bochum über Dinslaken nach Haldern und auf der Autobahn: Nieselregen. Ich will schon umdrehen, aber meine Beifahrerinnen sagen mir, dass darf man nicht auf der Autobahn. War auch besser so, denn danach blieb es *aufHolzklopf* trocken.

Zelt aufgebaut, Kartoffelsalat mit Frikadellen gegessen, Cidre getrunken (Haldern-Tradition #1). Danach Kilians geguckt, die auf dem Dach ihres vierzig Jahre alten, von einem Energy-Drink-Hersteller umgebauten, Tourbusses spielen. Das Konzert war solide Hochleistungsware, die Stimmung im Publikum bestens.

Leider war die Müdigkeit danach so hoch, dass ich mich nicht mehr zum offiziellen Festival-Teil ins Spiegelzelt schleppen konnte und – Asche auf mein Haupt! – Naked Lunch deswegen verpasst habe. Als Rache dafür habe ich schlecht geschlafen, weil wir unser Zelt direkt neben einem Bierstand aufgestellt haben, der erst irgendwann mitten in der Nacht schließt …

Wer bei Regen Sonnenmilch kauft, weiß, dass der Stuhl zuerst ein Baum ist

Von Lukas Heinser, 2. August 2007 12:44

Es ist Haldern und die Sonne scheint … nicht. Nein, es pisst.

Wenn das, was da gerade runterkommt, zu den für heute angekündigten „Schauern“ zählt, kann ich wirklich nur hoffen, dass es nicht auch noch zu „Wolkenbrüchen“ kommt. Oder dass sich das ganze Wasser jetzt abregnet und es ab heute Abend zum Zeltaufbau trocken bleibt. Oder dass es nur im Ruhrgebiet regnet, nicht aber am Niederrhein.

Okay, das letzte war jetzt wirklich eine absurde Idee. Schließlich bin ich am Niederrhein aufgewachsen und in meiner Erinnerung regnete es quasi immer. Das erklärt natürlich auch die saftigen Wiesen und die lieblichen Auen, die beinahe als Touristenmagnet herhalten könnten, wenn das Wetter (s.o.) nicht immer so schlecht wäre. Vermutlich stand am Niederrhein mal die höchste Gebirgskette der Welt (inkl. eines Neuntausenders dort, wo heute Dingden liegt, und eines Achttausenders bei Friedrichsfeld), aber der Regen hat das ganze Gestein weggewaschen, so dass das Land dort nun flach ist wie … Holland.

Heute Abend wird es wohl noch kein Livegeblogge geben, weil ich auf dem Zeltplatz erst recht kein Internet haben werde (und mein Siemens ME45 nicht wirklich für solche Vorhaben zu gebrauchen ist). Aber ab morgen werde ich dann versuchen, immer was aktuelles zu schreiben.

Bis dahin verweise ich noch mal auf mein letztes FestivalimRegenBlog und den Umstand, dass sich noch eine Band für heute Abend angekündigt hat, die, wenn ich noch einmal ihren Namen nennen würde, ihre gefühlte zwölfunddreißigste Erwähnung in diesem Blog gefunden hätte. Und das muss ja nicht heute sein.

Stopf den Tisch oder ich butter dir die Bremen

Von Lukas Heinser, 2. August 2007 2:31

Auch wenn uns politisch wenig bis gar nichts verband, war Helmut Kohl immer „mein“ Kanzler. Er war schon Kanzler, als ich auf die Welt kam, und als er es plötzlich (nach 16 Jahren!) nicht mehr war, war ich verwirrt. Sagte der Nachrichtensprecher „Bundeskanzler“, vervollständigte ich im Geiste „Helmut Kohl“. In meiner Erinnerung wird Kohl immer zu gleichen Teilen die „Hurra Deutschland“-Gummipuppe und der Fels in der Brandung sein. Er war der große „Aussitzer“, die sprichwörtliche deutsche Eiche, die es nicht im mindesten interessierte, welche Sau sich gerade wieder an ihr rieb. Kohl hat sie alle überstanden: Schmidt, Strauß, Möllemann. Es gab Bücher voller Kohl-Witze und ich würde ihm zutrauen, dass er, wenn ihm mal jemand ein solches Buch geschenkt hätte, dieses demonstrativ auf dem Fensterbrett der Gästetoilette seines Oggersheimer Bungalows platziert hätte, um zu zeigen, wie wenig ihn das alles anfocht. Wenn er doch mal die Contenance verlor, wie als er sich in Halle auf einen Mann stürzte, der ihn mit Eiern beworfen hatte, dann zeigte er in einer solchen Szene Menschlichkeit, physische Präsenz und den Willen, sich notfalls selbst zu verteidigen. Die Hallenser Eierwurf-Geschichte ist eine Episode in der an Episoden nicht armen Außenwirkung Kohls. Seine innere Ruhe geht so weit, dass ihn auch die Bonner Staatsanwaltschaft nicht davon überzeugen kann, sein Ehrenwort zu brechen.

Kohls Nachfolger als Bundeskanzler war Gerhard Schröder, der unter anderem dadurch in die Geschichte und das kollektive Gedächtnis einging, dass er gerichtlich gegen die Behauptung vorging, sein gleichmäßig dunkles Haupthaar sei gefärbt. Etwa fünf Jahre später setzte Schröders Gattin gerichtlich durch, dass der „Stern“ nicht behaupten darf, sie habe die Idee gehabt, eine Neuwahl des Bundestags mittels Vertrauensfrage zu erwirken. Helmut Kohl wurde zu dieser Zeit, allen Ehrenworten zum Trotz, als Kandidat für den Friedensnobelpreis gehandelt.

Ebenfalls einen Prozess gewann im Jahr 2005 Schröders damaliger Verkehrsminister Manfred Stolpe. Er darf seitdem nicht mehr als „ehemaliger Stasi-Mitarbeiter“ oder „IM“ bezeichnet werden, auch wenn Stolpe selbst sagt, er habe als Sekretärs des Bundes der Evangelischen Kirche der DDR „zu vielen staatlichen Stellen Kontakt gehalten, darunter auch zur Staatssicherheit“, und der Birthler-Behörde Akten vorliegen, die den Verdacht erhärten, Stolpe sei als Informeller Mitarbeiter „geworben“ worden. Die sogenannte „Stolpe-Entscheidung“ des Bundesverfassungsgerichts besagt im Kern, dass es bei einer mehrdeutigen Äußerung ausreiche, wenn nur eine mögliche Interpretation dieser Äußerung die Persönlichkeitsrechte des Klägers verletze.

Natürlich möchte niemand Unwahrheiten oder Beleidigungen über sich selbst lesen und selbstverständlich gibt es einen Unterschied zwischen der Aussage „Lukas hatte Kontakte zu Apfeldieben (weil er in der Grundschule neben einem saß)“ (Saß ich nicht, bzw. ich wüsste nichts davon. Es ist ein Beispiel, liebe früheren Mitschüler!) und „Lukas war/ist ein Apfeldieb“. Nur haben die Verfassungsrichter mit diesem Grundsatzurteil die Büchse der Pandora geöffnet, denn mehrdeutig und interpretierbar ist eine ganze Menge: Eine verulkende Berufsbezeichnung für Fernsehansagerinnen, die auch als abwertende Bezeichnung für das weibliche Geschlecht verstanden werden könnte? Die „Stolpe-Entscheidung“ ist mit Euch (und sorgt dafür, dass sowohl die verulkende Berufsbezeichnung, als auch die Fernsehansagerin erstmals einem größeren Publikum bekannt werden). Eine Beschreibung für Menschen, die im Fernsehen anrufen, dann aber nichts oder völlig unpassendes Zeug sagen, die auch als Unterstellung den Angerufenen gegenüber verstanden werden könnte? Die „Stolpe-Entscheidung“ hilft.

Ich bin kein Jurist und juristisch mögen diese Urteile auch völlig logisch begründbar sein. Linguistisch sind sie es nicht. Wer sagt, dass eine Wortneuschöpfung irgendetwas bedeuten könnte, und ein Wort synonym für ein anderes stehen könnte (das aber wohl in kaum einem Fall sinnvoll), stellt die Grundkonvention in Frage, auf der jede Sprache aufbaut. Es besteht zum Beispiel die Konvention, dass das Ding mit der Platte aus Holz und den vier Beinen untendrunter „Tisch“ genannt wird. Nur so weiß der kleine Peter, was die Lehrerin meint, wenn sie sagt „Peter, klebe doch bitte Dein Kaugummi nicht unter Deinen Tisch“. Und das gilt – Sie haben es bereits erraten – nicht nur für das Wort bzw. das Konzept „Tisch“, sondern für jedes Wort des Satzes und der gesamten Sprache. Für die Wissenschaft, die sich mit der Bedeutung von Worten befasst, gibt es, welch Ironie, zwei verschiedene Begriffe: Wort- oder lexikalische Semantik. Wer tiefer in diese Materie einsteigen will, kommt beispielsweise um Ferdinand de Saussure kaum herum.

Die Annahme, ein Wort könne auch für etwas völlig anderes stehen (und wir reden hier natürlich nicht über Homonyme, sog. „Teekesselchen“ wie „Ball“ [rundes Sportobjekt/Tanzveranstaltung] oder „Bank“ [Geldinstitut/Sitzmöbel]), hat etwas poststrukturalistisches. Denkt man den Gedanken zu Ende, könnte alles buchstäblich alles bedeuten. Nicht wenige Leute, die regelmäßig Briefe schreiben oder erhalten (z.B. Leserbriefschreiber), wissen, dass die Grußformel „Hochachtungsvoll“ auch etwas ganz anderes bedeuten kann. Etwas, bei dessen öffentlicher Aussprache man immer betonen muss, Goethes „Götz von Berlichingen“ zu zitieren. Kann ich also jedes alte Ömmacken, das noch gelernt hat, was sich gehört und wie man Briefe schreibt, verklagen, weil sie mich mit ihrem „Hochachtungsvoll“ beleidigt haben könnte?

Ja, wieso denn eigentlich nicht? Ich kann doch auch sagen, das Ding mit der Platte aus Holz und den vier Beinen drunter nenne ich jetzt „Brot“, und das Zeugs aus Körnern, wo man sich morgen seine Nussnougatcreme draufstreicht, nenne ich „Waldemar“. Wenn ich das konsequent durchziehe, versteht mich bald niemand mehr, aber ich habe eine neue interessante Freizeitbeschäftigung, nämlich Worte durch andere zu ersetzen. Und da einige Personen die interessante Freizeitbeschäftigung, andere Leute juristisch zu belangen, aus den USA importiert haben, ist nicht ausgeschlossen, dass es in Zeitungsartikeln, Blogeinträgen und auch in der Alltagssprache bald von „Du weißt schon wer“s und „He who must not be named“s wimmeln könnte. („Wobei das natürlich gar nichts brächte, weil man ja annehmen könnte, wer mit diesen Chiffren gemeint sein sollte„, sagte das Universum und löste sich in einem Logikwölkchen auf.)

Sprache ist etwas, mit dem jeder jeden Tag zu tun hat. Wirklich jeder und überall (die Ausnahmen müssten so konstruiert sein, dass man ihnen schon wieder Boshaftigkeit unterstellen könnte), deswegen denkt offenbar auch jeder, er kenne sich damit aus. Nur von Fußball haben noch mehr Deutsche Ahnung (nämlich alle außer dem jeweils aktuellen Bundestrainer) als von Sprache. Werden Linguisten um Gutachten gebeten, werden diese meist schlicht ignoriert. Man stelle sich nur mal vor, ein Richter sage dem Dekra-Sachverständigen, der gerade erklärt hat, ein Auto könne nicht innerhalb von 1,8 Sekunden von 250 km/h zum Stillstand gebracht werden (und das in einem Verkehrsberuhigten Bereich), es sei ja ganz schön, was er da gerade von seiner putzigen Wissenschaft aus seinem schmucken Elfenbeinturm berichtet habe, aber er fahre ja selber Auto und könne daher durchaus befinden, dass das sehr wohl gehe. Mit Geisteswissenschaftlern, diesem Pack, das nur Bücher liest und keine neuen Automotoren oder Atombomben entwickelt, und auch keine Konzepte zur Einsparung von 30.000 Arbeitskräften bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität erarbeiten kann, mit denen kann man offenbar alles machen.

Was? Ich schweife ab, ich ertrinke in Weltenschmerz und werde über Gebühr sarkastisch? Nein, das müssen Sie irgendwie falsch interpretiert haben.

Seite: << 1 2 3 ... 143 144 145 ... 165 >>