Wie ich einmal Filmgeschichte schrieb

Von Lukas Heinser, 23. August 2007 19:48

Immer wieder werde ich von Menschen (manchmal wildfremden) gefragt: „Sag mal Lukas, wieso hast Du eigentlich einen Eintrag in der Internet Movie Database?“

Okay, das ist gelogen. Genaugenommen bin ich noch nie gefragt worden, warum ich eigentlich einen Eintrag in der IMDb habe. Aber ich erzähl die Geschichte einfach trotzdem mal:

Die Vorgeschichte
Im Frühsommer 1999 sollten wir im Deutschunterricht der damals zehnten Klasse „etwas kreatives“ machen. Und da einige Freunde und ich im Frühjahr für unsere sehr moderne Verfilmung (manche würden sie „avantgardistisch“ nennen – oder „krank“) von E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“ eine Eins bekommen hatten, dachten wir uns: „Klar, wir drehen wieder einen Film!“

Im Zuge des damals vorherrschenden Millennium-Hypes (und weil der Deutschlandstart von „Matrix“ kurz bevor stand) entwickelten wir eine Geschichte, in der der Teufel auf die Erde kommt, um die Apokalypse einzuleiten. Mit meinem besten Freund schrieb ich das Drehbuch zu „Doomsday 99“ und als wir alle aus dem Sommerurlaub zurück waren, stürzten wir uns in die Dreharbeiten, die alles in allem etwa sechs Wochen verschlangen.

Mit dem harten Kern von acht Leuten drehten wir in so ziemlich allen Wohnhäusern, derer wir habhaft wurden, in verlassenen Industrieruinen (wofür wir über Zäune klettern und unter halbverschlossenen Toren drunterherrollen mussten) und in Autos, hinter deren Fenstern grüne Tischdecken gespannt waren (keiner von uns hatte damals einen Führerschein und bei „Cityexpress“ fuhr der Zug schließlich auch nicht wirklich).

Ich fungierte als Regisseur, Kameramann, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion, was hauptsächlich bedeutete, dass ich meine Freunde und jüngeren Geschwister herumkommandierte, anschrie und manchmal mit Sachen bewarf. Anschließend schnitt ich den Film auf dem Videoschnittgerät meines Großvaters, dem heute weitgehend unbekannten „Casablanca“, wo ich auch das grüne Tischtuch durch Landschaftsaufnahmen ersetzte, die ich aus dem fahrenden Auto meines Vaters heraus getätigt hatte.

Die überaus spektakulären Ergebnisse (wie wir fanden) sahen in etwa so aus:

Green Screen beim Dreh von “Doomsday” (vorher/nachher)

Im September – wir gingen längst in die elfte Klasse – zeigten wir den fertigen Film endlich im Deutschunterricht. Und obwohl er blutrünstig, gewalttätig und zu einem nicht geringen Maße Frauenverachtend war (keine weibliche Person blieb länger als fünf Minuten am Leben – allerdings auch kaum eine männliche), bekamen wir dafür eine Eins bei „Sonstige Mitarbeit“ aufgeschrieben. Der Film wurde im kleinen Soziotop eines Dinslakener Gymnasiums das, was man wohl als „Kult“ bezeichnet. Oder als „Trash“. Oder als „so schlecht, dass es schon fast wieder gut ist“.

Der Eintrag
Weil wir so ungeheuer stolz auf unseren Film waren, wollten wir natürlich auch, dass er angemessen gewürdigt wird. Ein Eintrag in der IMDb erschien uns also das Mindeste.

Ich machte mich schlau und stellte fest, dass man die Datenbank mit einem einfachen Datenstring füttern konnte. Also schrieb ich die Mitwirkenden unserer letzten drei Filme („Jesus – Back for God“ von den Tagen religiöser Orientierung im Januar, „E.T.A. Hoffmann’s Das Fräulein von Scuderi“ aus dem Frühjahr und „Doomsday 99“ eben) in eine E-Mail und schickte das Ganze ab.

Nach einigen Wochen erhielt ich die Antwort, dass unsere Filme abgelehnt worden seien. In der amerikanischen Entsprechung von „da könnte ja jeder kommen“ hieß es, die Filme müssten mindestens auf einem anerkannten Filmfestival gelaufen sein.

Ein paar Wochen später stellte ich fest, dass mein bester Freund Benjamin, der bei unserem „Jesus“-Film Regie geführt hatte, plötzlich als Regisseur des TV-Zweiteilers „Jesus“ geführt wurde. Dieser Eintrag war nach wenigen Tagen wieder verschwunden.

Wieder ein paar Wochen später stellte ich fest, dass der Datensatz der „Doomsday“-Produzenten1 offenbar als einziger durchgekommen war und überlebt hatte – in den Credits des mir bis heute völlig unbekannten B-Movies „Doomsday Man“.

Die Folgen
Wir waren gleichermaßen enttäuscht wie erheitert über das, was die IMDb da so geboten hatte. Aber wir vergaßen das alles, als im Dezember 1999 ein Film anlief, der Handlung, Szenen und sogar einzelne Einstellungen aus „Doomsday“ geklaut zu haben schien: „End Of Days“ mit Arnold Schwarzenegger. Dann sahen wir ein, dass die Dreharbeiten dazu schon vor längerer Zeit stattgefunden haben mussten, und beide Filme jetzt nicht sooooo originell waren. Da war uns auch „End Of Days“ egal – wie der Film übrigens jedem egal sein sollte.

Mit den Jahren stellten wir fest, dass offenbar ziemlich viele Filmdatenbanken ihre Datensätze mit denen der IMDb … nun ja: abgleichen – und so stehen wir heute nicht nur dort, sondern auch hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.

Und weil Sie diese kleine, feine, aber doch irgendwie unspektakuläre Geschichte bis zum Schluss durchgelesen haben, sollen Sie dafür mit einem kleinen Schmankerl belohnt werden. Es sind – natürlich – die besten Szenen aus „Doomsday“:

1 Wir hatten in der Zwischenzeit erkannt, dass „Doomsday 99“ doch ein zeitlich zu begrenzt verwertbarer Titel sein würde.

Regenzeit

Von Lukas Heinser, 22. August 2007 18:37

Nach nunmehr 48 Stunden Dauerregen („gefühltem Dauerregen“, zumindest) dachte ich mir, es sei mal an der Zeit für ein bisschen Eskapismus und Fernweh.

Deswegen jetzt und hier: Eine Minute San Francisco, CA – im Regen. Aufgenommen im vergangenen November.

So lange wie ich zum Umcodieren und Hochladen meines ersten YouTube-Clips ever gebraucht habe, hat es natürlich aufgehört zu regnen.

Schöner löschen

Von Lukas Heinser, 22. August 2007 12:52

Deutsche Bank in New York, NY

Von der deutschen Presse weitgehend unbeachtet sind am Samstag bei einem Brand im früheren „Deutsche Bank Tower“ am New Yorker „Ground Zero“ zwei Feuerwehrleute ums Leben gekommen. Das Gebäude war beim Einsturz des World Trade Centers am 11. September 2001 so schwer beschädigt worden, dass es jetzt, nach langen Planungen, Stück für Stück abgerissen wird.

Schon wieder zwei tote Feuerwehrleute, quasi genau an dem Ort, wo vor knapp sechs Jahren schon 343 Kollegen ihr Leben ließen. Klar, dass sowas alte Wunden aufreißt. Verständlich, wenn man da von einem „House of Horrors“ spricht.

Wie hilfreich mag es da noch sein, dass die Unternehmensberatung McKinsey den Feuerwehrleuten jetzt erklären will, wie deren Jobs zu machen seien?

After the Sept. 11 attack at the World Trade Center, an independent consultant studied the Fire Department’s performance and identified a number of lapses amid all the undeniable valor of that day. It said that too many men rushed into the buildings before anyone realized the danger they were in, contributing to the staggering death toll.

The consultant, McKinsey & Company, said the Fire Department needed to use more caution and preparation when it approached such a major, complicated fire, and not send too many men in before it knew what it was dealing with.

Die „New York Times“ liegt sicherlich nicht falsch, wenn sie feststellt:

In a way, it is a debate that goes to the heart of Fire Department culture — rushing into burning buildings, after all, is what firefighters do.

Nun handelte es sich bei der Ruine der Deutschen Bank um ein leerstehendes Gebäde, dessen Infrastruktur schon so weit in Mitleidenschaft gezogen war, dass die Steigleitungen nicht mehr richtig funktionierten und die Feuerwehrleute dem Großbrand deshalb mit trockenen Schläuchen gegenüberstanden, bis ihnen die Luft ausging. Man hätte also in aller Ruhe erst mal gucken können, was da denn so los ist, und dann irgendwann mal das Feuer löschen können, denkt da der Außenstehende, für den der tägliche Berufsverkehr das Höchstmaß an Gefahr darstellt.

Trotzdem erscheint es mir (selbst für eine berufsbedingt zynische Unternehmensberatung) eine Spur zu zynisch, Feuerwehrleuten, die ihr eigenes Leben riskieren, um das anderer Menschen zu retten, erklären zu wollen, wie man ihren Beruf besser und effektiver ausüben könnte. Die werden ja wohl kaum in selbstmörderischer Absicht in brennende Gebäude rennen.

Kilians-Content KW 34

Von Lukas Heinser, 21. August 2007 15:11

Es hat sich mal wieder viel getan bei der erklärten Coffee-And-TV-Lieblingsband:

  • Die Single „Enforce Yourself“ läuft bei einigen Radiostationen rauf und runter. Auf der MySpace-Seite der Band kann man sich den Song anhören, bei YouTube gibt’s das Video dazu und auf der frisch gerelaunchten offiziellen Bandseite auch noch ein Making Of.
  • Das Album „Kill The Kilians“ erscheint am 7. September und kann bei Amazon bereits vorbestellt werden.
  • „VISIONS.de“ verlost fünf mal zwei Gästelistenplätze für das exklusive Radiokonzert, das die Kilians am 5. September in Bochum für die Campusradios NRW spielen werden. Nähere Infos dazu findet man leider weder bei den Campusradios NRW, noch beim örtlichen Campusradio.
  • Dafür kann man auf campuscharts.de „Enforce Yourself“ in die Campuscharts wählen – also dahin, wo die Karriere der Senkrechtstarter vor gut anderthalb Jahren ihren Anfang fand. Bei „MTV TRL“ und „MTV TRL Rock“ kann man auch für den Song voten.

Biegen und Brechen

Von Lukas Heinser, 20. August 2007 14:39

NRW wird seit zwei Jahren von einer schwarz-gelben Landesregierung regiert, die es binnen kürzester Zeit geschafft hat, dass sich die Bevölkerung die zuletzt verhasste rot-grüne Vorgängerregierung zurückwünscht. Wer nach dem Machtwechsel geglaubt hatte, es könne ja eigentlich nur noch besser werden, wurde negativ überrascht. Redet man mit Menschen, die ein bisschen Einblick in das Innere dieser Landesregierung haben, möchte man das Land danach so schnell als möglich verlassen: Vom Ministerialrat bis zum Minister scheinen alle mindestens unfähig (aber wie und wo sollten die in 100 Jahren SPD-Regierung auch Erfahrung sammeln?) und von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers heißt es, er sei selbst zum Vorlesen vorgeschriebener Reden nicht zu gebrauchen.

Aber was ist schon eine desaströse Bildungs- oder Baupolitik gegen äußerst fragwürdige (und unterirdisch schlecht verschleierte) Taktierereien?

Die „WAZ“ meldet heute, die Landesregierung wolle die Kommunalwahl 2009, die für den selben Tag wie die Bundestagswahl vorgesehen war, verschieben:

Nach Informationen der WAZ haben die Generalsekretäre von CDU und FDP den Verantwortlichen im NRW-Innenministerium aber bereits diktiert, dass „aus politischen Erwägungen“ eine Kopplung von Kommunal- und Bundestagswahl unerwünscht sei.

Meinungsforscher rechnen bei einer Doppelwahl mit einer deutlich höheren Wahlbeteiligung, weil sie vor allem viele der wahlmüde gewordenen SPD-Anhänger zurück an die Urnen holt. Das gute Abschneiden von CDU und FDP bei der Kommunalwahl 2004 wurde auch mit der im Vergleich zur Bundestagswahl 2005 dramatisch niedrigeren Beteiligung (54,4% Komm./ 81,3% Bund) erklärt.

Nochmal: Die Generalsekretäre von CDU und FDP wollen keine gemeinsame Kommunal- und Bundestagswahl, weil dann mehr SPD-Anhänger zur Bundestagswahl gehen könnten und gleichzeitig ihrer Partei auch bei der Kommunalwahl ihre Stimme geben könnten. Und das soll das Innenministerium jetzt regeln.

Es geht aber nicht nur um dieses leicht fragwürdige politische Taktieren, es geht auch knallhart um etwa 42 Millionen Euro, die zwei entkoppelte Wahlen mehr kosten würden. Von dem zusätzlichen Aufwand für Wahlhelfer und Wahlkämpfer mal ganz zu schweigen.

[via Pottblog]

Nachtrag 21. August: Auch heute berichtet die „WAZ“ wieder über das Thema und lässt u.a. Oppositionspolitiker zu Wort kommen, die die Idee naturgemäß nicht so doll finden. Auch der WDR hat unter Berufung auf die „WAZ“ groß darüber berichtet, ein bisschen kleiner die „Ruhr Nachrichten“, der „Kölner Stadt-Anzeiger“, die „Westdeutsche Zeitung“, die „Kölnische Rundschau“ und das „Westfalen-Blatt“.

Noch irgendwelche größeren NRW-Medien ohne Fahrschein? Ja: „Express“, „Bild“ und die „Rheinische Post“.

Fundversuch

Von Oliver Ding, 18. August 2007 0:01

Ich will gar nicht groß darüber schreiben, um welche Band es geht. Nachher würde man Coffee And TV wegen eher gelegentlicher Erwähnung noch einen Hype nachsagen. Es ist aber auch nur Zufall, daß es ausgerechnet um besagte Jungspunde ging. Halt also endlich das Maul, Ding, und komm zur Sache!

Mir wurde jedenfalls Anfang der Woche von einer netten Medienpartnerin ein heißerwartetes (nicht heiß erwartet, ich erwarte Tonträger eher in Raumtemperatur) Album angekündigt. Ich durfte also am nächsten Tag voller Erwartung in die Leere meines Briefkastens greifen. Und dieses freudige Erlebnis am Tag drauf noch einmal wiederholt, weil’s ja so schön war. Tag drei brachte dann gleich zwei Erkenntnisse: a) das erwartete Album, über welches von noch berufenerem Mund hier demnächst zu lesen sein wird, und b) eine Ahnung, warum ich gleich zwei Mal ins Leere greifen durfte.

Auf dem von der Medienpartnerin handschriftlich festgehaltenen Adresse auf dem Umschlag klebte so ein lustiger Computerausdruck. „Adressangabe unvollständig oder unzutreffend“, stand da und „Ermittelte Anschrift“. Die Post hatte dabei durchaus profund recherchiert und meine Adresse herausgefunden. Daumen hoch, dafür. Mein vorlauter Investigationstrieb sorgte dann recht schnell dafür, daß der hübsche Adressaufkleber entfernt war. Und überraschenderweise stand dort, wo eben noch der Aufkleber prangte, in hübsch lesbarer Damenhandschrift – na, was wohl? – meine Adresse.

Spontan verwarf ich die beiden Optionen „unvollständig“ und „unzutreffend“ und dachte lieber an ein Erlebnis aus derart grauer Vorzeit, daß es in einem ganz anderem Medium dokumentiert wurde. Ja, ja, die Post – wie wäre es damit, passenderweise einfach mal z.B. aus Obst hergestellte Getränke zu verticken statt überteuerter Transportdienstleistungen?

Been there, done that

Von Lukas Heinser, 16. August 2007 23:37

Fünf Arten, wie man nicht zum Termin bei seinem Anwalt erscheinen sollte:

  • Verspätet (Deutsche Bahn)
  • Klamm („Leichte Schauer“)
  • Außer Atem (Spontane Mittelstreckenläufe)
  • Verschwitzt (Spontane Mittelstreckenläufe)
  • Unfrisiert (All of the above)

Wenigstens hatte ich unterwegs noch Gelegenheit, vom Zug aus die heute bekannteste Pizzeria Deutschlands zu sehen.

Die Beatles? Wer sind die Beatles?

Von Oliver Ding, 16. August 2007 22:07

Obige Frage ist natürlich an dem Tag, an dem alle in Gedanken gen Graceland reisen, eher abwegig. Aber da ich eh in einem Beatles-Haushalt aufgewachsen bin (mein erstes popkulturell vertretbares Großkonzert war dann eben auch auf der ’89er-Tour von Paul McCartney), sei dies verziehen. Viel wichtiger ist eh das Hörerlebnis von eben, kurz nach neun: Ein hübsch ruppiger Gitarrenstakkato-Beat, wie ihn Tomte, Tocotronic oder Blumfeld (RIP) so drauf haben, legt los. Ein Typ mit dezent alpinem Genuschel sprechsingt dazu irgendwas, und schnell denkt man: „Das ist also die neue von den Sportfreunden? Das könnte man ja glatt gutfinden.“ Und dann sagt Einslive-Wuschel Ingo Schmoll etwas von Jonas Goldbaum und – und hier kommt der an herrlich langen Haaren herbeigezogene Bezug zum Aufhänger – „Yeah, yeah, yeah“. Plötzlich hat ausgerechnet Österreich eine tolle Band.

Ach ja: Jonas Goldbaum sind beim Kölner Clubgig der vielleicht immer noch guten Jimmy Eat World Support (21.8., also kommenden Dienstag) und veröffentlichen ihr Debüt Ende Oktober bei den Sensibelchen von Roadrunner.

Leichen pflastern seinen Weg

Von Lukas Heinser, 15. August 2007 18:47

Nach den ganzen unerfreulichen Themen des Tages jetzt mal zu etwas Unterhaltsamem: dem Tod.

HAT MICH JEMAND GERUFEN?

Nun gut, der Tod ist natürlich für sich genommen nicht unterhaltsam. Auch Beerdigungen sind es nicht per se (auch wenn wir von kettcar gelernt haben, dass es auf jedem Begräbnis einen guten Lacher gibt, und „Six Feet Under“ ebenfalls das Gegenteil nahelegt). Das Bestatterweblog von Tom ist es aber.

Das liegt daran, dass Tom über seinen Berufsalltag als Bestatter informativ, würdevoll, aber vor allem auch unterhaltsam berichtet. Er erklärt, wie das so abläuft, wenn jemand gestorben ist, was mit dem Verstorbenen vor und nach der Bestattung geschieht und wie man selber für den eigenen Todesfall planen kann. Er beantwortet Leserfragen ausführlich, angemessen und häufig mit einem Augenzwinkern. Und er berichtet über kuriose Szenen, die er in seinem Beruf erlebt hat, wie zum Beispiel diese hier, von deren Lektüre ich in Gegenwart anderer Personen allerdings abraten würde, weil das sicherlich einsetzende Gelächter doch auf Dauer etwas irritierend sein könnte.

Es ist ein rundherum empfehlenswertes Blog, das für viele den Umgang mit dem Thema Tod, das – um mal eine Phrase zu vermeiden – für viele Menschen in unserem Kulturkreis immer noch ein Tabuthema ist, erleichtern könnte.

Warnhinweis für Abergläubische: Ich habe mich Montagabend im Bestatterweblog festgelesen. Dienstagmittag erfuhr ich, dass ich am Freitag auf eine Beerdigung muss.

Auf nach Nordkorea!

Von Lukas Heinser, 15. August 2007 17:39

Kennen Sie die Firma Callactive? Callactive ist eine Endemol-Tochter, die Anrufspielshows produziert, die nachts im Fernsehen laufen.

Ich hätte (wie viele andere vermutlich auch) nie im Leben von Callactive gehört bzw. mir diesen Firmennamen nie gemerkt, wenn Callactive nicht den Betreiber des kritischen Webforums call-in-tv.de vor Gericht zitiert und es damit auch in ein Mainstream-Medium wie „Spiegel Online“ geschafft hätte. Oder wenn Callactive nicht Stefan Niggemeier, einen der meistgelesenen deutschen Blogger, abgemahnt hätte (für Kommentare, die Leser abgegeben hatten), was dann sogar dem österreichischen „Standard“ eine kurze Meldung wert war.

Als ahnungsloser, naiver Zuschauer (des Geschehens, nicht der Sendungen) sitze ich vor solchen Meldungen und frage mich, ob man es im Umfeld von Callactive wirklich für klüger hält, im Kontext der Prozesse von renommierten Medien als „der umstrittene Gewinnspieleveranstalter Callactive“ bezeichnet zu werden, als die Kritik der Webkommentatoren (auch wenn diese mitunter etwas überspitzt formuliert sein mag) einfach zu ignorieren. Immerhin dürften call-in-tv.de und das Blog von Stefan Niggemeier (durchschnittlich 5.000 Besucher täglich) deutlich weniger Leser haben als die Anrufsendungen Zuschauer und die Schnittmenge beider Zielgruppen dürfte verschwindend gering sein.

Jedenfalls: Callactive hat Stefan Niggemeier ein weiteres Mal abgemahnt – wieder geht es um einen Leserkommentar:

Es geht um einen Kommentar, den ein Nutzer am vergangenen Sonntag um 3.37 Uhr früh unter diesem Eintrag abgegeben hat. Ich habe diesen Kommentar unmittelbar, nachdem ich ihn gesehen habe, gelöscht: Das war am Sonntag um 11.06 Uhr.

Zunächst einmal fällt auf, dass man Stefans Blog bei Callactive offenbar mit Argusaugen beobachtet – wem sonst wäre ein mitten in der Nacht geschriebener und am Sonntagvormittag gelöschter Kommentar zu einem Blogeintrag, der zuvor während Stefans Urlaub und meines Blogsittings zehn Tage lang für Kommentare gesperrt gewesen war, aufgefallen?

Dann fällt auf, dass da offenbar endlich Klarheit geschaffen werden soll auf dem Gebiet der immer noch recht schwammigen Forenhaftung. Eine Klarheit, die Stefan so sieht:

Hätte Callactive mit diesem Vorgehen Erfolg, wäre das meiner Meinung nach das Ende der offenen Diskussion in Foren und Blogs, in den Leserkommentaren von Online-Medien und im Internet überhaupt. Selbst Beiträge, die unmittelbar nach ihrem Erscheinen vom Seitenbetreiber gelöscht werden, könnten dann kostenpflichtige Abmahnungen nach sich ziehen; sämtliche Kommentare müssten vor ihrer Veröffentlichung überprüft werden.

Man möchte hinzufügen: Und selbst, wenn der Betreiber eines Forums oder Blogs alle Kommentare vor der Veröffentlichung überprüfen und nur die ihm unbedenklich erscheinenden freischalten würde, könnte er hinterher immer noch belangt werden, falls sich irgendeine abwegige Interpretation des Geschriebenen finden und vor Gericht durchdrücken ließe.

Mit dieser Angst müssten aber nicht nur Blogger leben, auch die Kommentar- und Diskussionsfunktionen namhafter Online-Medien wie „Spiegel Online“, „sueddeutsche.de“ oder „FAZ.net“ könnten allenfalls noch mit einem enormen Personalaufwand aufrechterhalten werden. Bewertungsportale wie Ciao, Qype, ja: selbst Amazon müssten ständig in Sorge sein über das, was ihre User und Kunden da an (gewünscht subjektiven) Einträgen verfassen.

Mit anderen Worten: Es ginge schnell nicht mehr „nur“ um Meinungs- oder Pressefreiheit, es ginge auch ganz knallhart um wirtschaftliche Aspekte, denn kein Unternehmen begibt sich bereitwillig auf juristische Minenfelder. Es geht, liebe Politiker, auf lange Sicht um Steuergelder, das Bruttoinlandsprodukt und – *tataaaa* – Arbeitsplätze. Deutschland könnte irgendwann wie Nordkorea sein, nur ohne Kim Yong-Il. Das will sicher niemand, auch nicht die Politiker, die jeden Tag aufs Neue zu beweisen versuchen, dass sie von den sog. neuen Medien nicht den Hauch einer Ahnung haben.

Um vom Abstrakten wieder zum Konkreten zu kommen: Callactive dürfte es mit der jüngsten Aktion gelungen sein, das Blogosphären-Thema dieser Tage zu werden: Bei Spreeblick, einem der anderen vielgelesenen Blogs in Deutschland, ist man Thema, aber auch hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die „klassischen“ Medien das Thema für sich entdecken.

In einigen Blogs sind inzwischen sogar Kommentatoren aufgetaucht, die sich „Callactive“ nennen und den angeblichen Satz, um den sich diesmal alles dreht, zitieren (er wurde inzwischen von den Blog-Betreibern unkenntlich gemacht). Sollte dieser Kommentar echt sein (was Callactive gegenüber dem Blogger Valentin Tomaschek zu bestätigt haben scheint), wäre das höchst interessant: Erstens wäre es recht offensichtlich, dass Callactive das Internet sehr genau auf mögliche Erwähnungen des Firmennamens überwacht (was natürlich ihr gutes Recht ist), und zweitens hätte Callactive den Satz, den zuvor niemand kannte und dessen weitere Verbreitung man mit der Abmahnung an Stefan verhindern wollte, damit lautstark in die Welt getragen. Außerdem verweist der Kommentar auf den einzigen halbwegs Niggemeier-kritischen Blogeintrag zum Thema bei F!XMBR, was wiederum Chris von F!XMBR dazu brachte, sich von der lobenden Erwähnung seines Blogs in den vermeintlichen Callactive-Kommentaren zu distanzieren.

Es könnte interessant sein, sich heute Abend doch mal Callactive-Sendungen (auf Viva, Nick und Comedy Central) anzusehen …

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