Been there, done that

Von Lukas Heinser, 16. August 2007 23:37

Fünf Arten, wie man nicht zum Termin bei seinem Anwalt erscheinen sollte:

  • Verspätet (Deutsche Bahn)
  • Klamm („Leichte Schauer“)
  • Außer Atem (Spontane Mittelstreckenläufe)
  • Verschwitzt (Spontane Mittelstreckenläufe)
  • Unfrisiert (All of the above)

Wenigstens hatte ich unterwegs noch Gelegenheit, vom Zug aus die heute bekannteste Pizzeria Deutschlands zu sehen.

Die Beatles? Wer sind die Beatles?

Von Oliver Ding, 16. August 2007 22:07

Obige Frage ist natürlich an dem Tag, an dem alle in Gedanken gen Graceland reisen, eher abwegig. Aber da ich eh in einem Beatles-Haushalt aufgewachsen bin (mein erstes popkulturell vertretbares Großkonzert war dann eben auch auf der ’89er-Tour von Paul McCartney), sei dies verziehen. Viel wichtiger ist eh das Hörerlebnis von eben, kurz nach neun: Ein hübsch ruppiger Gitarrenstakkato-Beat, wie ihn Tomte, Tocotronic oder Blumfeld (RIP) so drauf haben, legt los. Ein Typ mit dezent alpinem Genuschel sprechsingt dazu irgendwas, und schnell denkt man: „Das ist also die neue von den Sportfreunden? Das könnte man ja glatt gutfinden.“ Und dann sagt Einslive-Wuschel Ingo Schmoll etwas von Jonas Goldbaum und – und hier kommt der an herrlich langen Haaren herbeigezogene Bezug zum Aufhänger – „Yeah, yeah, yeah“. Plötzlich hat ausgerechnet Österreich eine tolle Band.

Ach ja: Jonas Goldbaum sind beim Kölner Clubgig der vielleicht immer noch guten Jimmy Eat World Support (21.8., also kommenden Dienstag) und veröffentlichen ihr Debüt Ende Oktober bei den Sensibelchen von Roadrunner.

Leichen pflastern seinen Weg

Von Lukas Heinser, 15. August 2007 18:47

Nach den ganzen unerfreulichen Themen des Tages jetzt mal zu etwas Unterhaltsamem: dem Tod.

HAT MICH JEMAND GERUFEN?

Nun gut, der Tod ist natürlich für sich genommen nicht unterhaltsam. Auch Beerdigungen sind es nicht per se (auch wenn wir von kettcar gelernt haben, dass es auf jedem Begräbnis einen guten Lacher gibt, und „Six Feet Under“ ebenfalls das Gegenteil nahelegt). Das Bestatterweblog von Tom ist es aber.

Das liegt daran, dass Tom über seinen Berufsalltag als Bestatter informativ, würdevoll, aber vor allem auch unterhaltsam berichtet. Er erklärt, wie das so abläuft, wenn jemand gestorben ist, was mit dem Verstorbenen vor und nach der Bestattung geschieht und wie man selber für den eigenen Todesfall planen kann. Er beantwortet Leserfragen ausführlich, angemessen und häufig mit einem Augenzwinkern. Und er berichtet über kuriose Szenen, die er in seinem Beruf erlebt hat, wie zum Beispiel diese hier, von deren Lektüre ich in Gegenwart anderer Personen allerdings abraten würde, weil das sicherlich einsetzende Gelächter doch auf Dauer etwas irritierend sein könnte.

Es ist ein rundherum empfehlenswertes Blog, das für viele den Umgang mit dem Thema Tod, das – um mal eine Phrase zu vermeiden – für viele Menschen in unserem Kulturkreis immer noch ein Tabuthema ist, erleichtern könnte.

Warnhinweis für Abergläubische: Ich habe mich Montagabend im Bestatterweblog festgelesen. Dienstagmittag erfuhr ich, dass ich am Freitag auf eine Beerdigung muss.

Auf nach Nordkorea!

Von Lukas Heinser, 15. August 2007 17:39

Kennen Sie die Firma Callactive? Callactive ist eine Endemol-Tochter, die Anrufspielshows produziert, die nachts im Fernsehen laufen.

Ich hätte (wie viele andere vermutlich auch) nie im Leben von Callactive gehört bzw. mir diesen Firmennamen nie gemerkt, wenn Callactive nicht den Betreiber des kritischen Webforums call-in-tv.de vor Gericht zitiert und es damit auch in ein Mainstream-Medium wie „Spiegel Online“ geschafft hätte. Oder wenn Callactive nicht Stefan Niggemeier, einen der meistgelesenen deutschen Blogger, abgemahnt hätte (für Kommentare, die Leser abgegeben hatten), was dann sogar dem österreichischen „Standard“ eine kurze Meldung wert war.

Als ahnungsloser, naiver Zuschauer (des Geschehens, nicht der Sendungen) sitze ich vor solchen Meldungen und frage mich, ob man es im Umfeld von Callactive wirklich für klüger hält, im Kontext der Prozesse von renommierten Medien als „der umstrittene Gewinnspieleveranstalter Callactive“ bezeichnet zu werden, als die Kritik der Webkommentatoren (auch wenn diese mitunter etwas überspitzt formuliert sein mag) einfach zu ignorieren. Immerhin dürften call-in-tv.de und das Blog von Stefan Niggemeier (durchschnittlich 5.000 Besucher täglich) deutlich weniger Leser haben als die Anrufsendungen Zuschauer und die Schnittmenge beider Zielgruppen dürfte verschwindend gering sein.

Jedenfalls: Callactive hat Stefan Niggemeier ein weiteres Mal abgemahnt – wieder geht es um einen Leserkommentar:

Es geht um einen Kommentar, den ein Nutzer am vergangenen Sonntag um 3.37 Uhr früh unter diesem Eintrag abgegeben hat. Ich habe diesen Kommentar unmittelbar, nachdem ich ihn gesehen habe, gelöscht: Das war am Sonntag um 11.06 Uhr.

Zunächst einmal fällt auf, dass man Stefans Blog bei Callactive offenbar mit Argusaugen beobachtet – wem sonst wäre ein mitten in der Nacht geschriebener und am Sonntagvormittag gelöschter Kommentar zu einem Blogeintrag, der zuvor während Stefans Urlaub und meines Blogsittings zehn Tage lang für Kommentare gesperrt gewesen war, aufgefallen?

Dann fällt auf, dass da offenbar endlich Klarheit geschaffen werden soll auf dem Gebiet der immer noch recht schwammigen Forenhaftung. Eine Klarheit, die Stefan so sieht:

Hätte Callactive mit diesem Vorgehen Erfolg, wäre das meiner Meinung nach das Ende der offenen Diskussion in Foren und Blogs, in den Leserkommentaren von Online-Medien und im Internet überhaupt. Selbst Beiträge, die unmittelbar nach ihrem Erscheinen vom Seitenbetreiber gelöscht werden, könnten dann kostenpflichtige Abmahnungen nach sich ziehen; sämtliche Kommentare müssten vor ihrer Veröffentlichung überprüft werden.

Man möchte hinzufügen: Und selbst, wenn der Betreiber eines Forums oder Blogs alle Kommentare vor der Veröffentlichung überprüfen und nur die ihm unbedenklich erscheinenden freischalten würde, könnte er hinterher immer noch belangt werden, falls sich irgendeine abwegige Interpretation des Geschriebenen finden und vor Gericht durchdrücken ließe.

Mit dieser Angst müssten aber nicht nur Blogger leben, auch die Kommentar- und Diskussionsfunktionen namhafter Online-Medien wie „Spiegel Online“, „sueddeutsche.de“ oder „FAZ.net“ könnten allenfalls noch mit einem enormen Personalaufwand aufrechterhalten werden. Bewertungsportale wie Ciao, Qype, ja: selbst Amazon müssten ständig in Sorge sein über das, was ihre User und Kunden da an (gewünscht subjektiven) Einträgen verfassen.

Mit anderen Worten: Es ginge schnell nicht mehr „nur“ um Meinungs- oder Pressefreiheit, es ginge auch ganz knallhart um wirtschaftliche Aspekte, denn kein Unternehmen begibt sich bereitwillig auf juristische Minenfelder. Es geht, liebe Politiker, auf lange Sicht um Steuergelder, das Bruttoinlandsprodukt und – *tataaaa* – Arbeitsplätze. Deutschland könnte irgendwann wie Nordkorea sein, nur ohne Kim Yong-Il. Das will sicher niemand, auch nicht die Politiker, die jeden Tag aufs Neue zu beweisen versuchen, dass sie von den sog. neuen Medien nicht den Hauch einer Ahnung haben.

Um vom Abstrakten wieder zum Konkreten zu kommen: Callactive dürfte es mit der jüngsten Aktion gelungen sein, das Blogosphären-Thema dieser Tage zu werden: Bei Spreeblick, einem der anderen vielgelesenen Blogs in Deutschland, ist man Thema, aber auch hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die „klassischen“ Medien das Thema für sich entdecken.

In einigen Blogs sind inzwischen sogar Kommentatoren aufgetaucht, die sich „Callactive“ nennen und den angeblichen Satz, um den sich diesmal alles dreht, zitieren (er wurde inzwischen von den Blog-Betreibern unkenntlich gemacht). Sollte dieser Kommentar echt sein (was Callactive gegenüber dem Blogger Valentin Tomaschek zu bestätigt haben scheint), wäre das höchst interessant: Erstens wäre es recht offensichtlich, dass Callactive das Internet sehr genau auf mögliche Erwähnungen des Firmennamens überwacht (was natürlich ihr gutes Recht ist), und zweitens hätte Callactive den Satz, den zuvor niemand kannte und dessen weitere Verbreitung man mit der Abmahnung an Stefan verhindern wollte, damit lautstark in die Welt getragen. Außerdem verweist der Kommentar auf den einzigen halbwegs Niggemeier-kritischen Blogeintrag zum Thema bei F!XMBR, was wiederum Chris von F!XMBR dazu brachte, sich von der lobenden Erwähnung seines Blogs in den vermeintlichen Callactive-Kommentaren zu distanzieren.

Es könnte interessant sein, sich heute Abend doch mal Callactive-Sendungen (auf Viva, Nick und Comedy Central) anzusehen …

IV For Pop Culture

Von Lukas Heinser, 14. August 2007 17:42

Chuck Klosterman IV (Cover der gebundenen Ausgabe)Manchmal neige ich zu sehr wohlwollenden Zukunftsprognosen. An diesem Eintrag war deshalb nahezu alles falsch: Das bestellte Buch kam nicht (wie wir inzwischen wissen) am darauffolgenden Montag an, sondern konnte erst nach einer Woche aus seiner Gefangenschaft befreit werden. Auch brauchte ich für die Lektüre nicht die veranschlagte eine Woche, sondern derer drei.

Jetzt aber: „Chuck Klosterman IV: A Decade of Curious People and Dangerous Ideas“ ist (wie der Titel schon nahelegt) das vierte Buch von Chuck Klosterman. Chuck Klosterman ist ein amerikanischer Musik-, Film- und Popkulturjournalist, der lange Jahre für das „Spin Magazine“, aber auch für „Esquire“, das „New York Times Magazine“ und diverse andere Druckerzeugnisse gearbeitet hat. Ich kam mit seiner Arbeit erstmals bewusst in Kontakt, als der deutsche „Rolling Stone“ im vergangenen Jahr das Kapitel über Kurt Cobain aus dem damals frisch auf deutsch erschienenen Klosterman-Buch „Eine zu 85% wahre Geschichte abdruckte. Das Buch heißt im Original „Killing Yourself To Live“ („85% Of A True Story“ ist der Untertitel, sooo abwegig ist deutsche Variante dann doch nicht) und Klosterman reist darin durch die halben USA und klappert dabei Orte ab, an denen Rockstars zu Tode gekommen sind.

Als ich ein paar Monate später bei Borders in San Francisco stand und mich nicht entscheiden konnte, mit welchem Buch ich als nächstes meine Kreditkarte belasten sollte, fiel mir „Killing Yourself To Live“ in die Hände. Ich kaufte es, las es in einer Woche durch1 und wurde Fan. In den nächsten Wochen kaufte ich mir nacheinander „Sex, Drugs and Cocoa Puffs“, eine Artikel- und Essaysammlung über Popkultur im weiteren Sinne, und „Fargo Rock City“, ein Buch über Heavy Metal, Hardrock und Landleben, das sehr spät meine Begeisterung für die Musik von Guns N‘ Roses weckte.

„Chuck Klosterman IV“ war im letzten Herbst schon als Hardcover erschienen, aber ich wollte es zwecks besserer Optik im Bücherregal gerne ebenfalls als Taschenbuch haben.2 Dafür hab ich jetzt auch ein paar zusätzliche Essays und Fußnoten mit drin, die bei der Erstveröffentlichung teilweise noch gar nicht geschrieben waren. Essays und Fußnoten gibt es in dem Buch eine ganze Menge, denn es vereint – wie der Untertitel schon andeutet – Texte aus zehn Jahren und ist in drei Teile gegliedert: „Things that are true“, „Things that might be true“ und „Something that isn’t true at all“.

„Things that are true“ sind Porträts über Musiker wie Britney Spears, U2, Radiohead, Wilco oder Billy Joel, aber auch Reportagen über The-Smiths-Fantreffen voller Latinos, Goths in Disneyland und eine einwöchige Chicken-McNuggets-Diät (acht Jahre vor „Super Size Me“). Klosterman hat ihnen kleine Einführungen vorangestellt, die mitunter mindestens so unterhaltsam und erhellend sind wie die Artikel selbst. Er bemüht sich, seine Themen und Porträtierten ernst zu nehmen (sogar Britney Spears) und beschreibt Szenen, Gespräche und Ereignisse mit einem unglaublichen Gespür für Sprache und Komik. Dabei kommt es ihm sehr zu Gute, dass angelsächsischer Journalismus (im Gegensatz zum deutschen) dem Verfasser eine eigene Position und sogar ein Ich zugesteht. Statt umständlicher Konstruktionen kann er somit ganz persönliche Eindrücke bringen, die viel aussagekräftiger sind als es die Vortäuschung von Objektivität je wäre. Fast nie erhebt er sich über den Gegenstand, nur Europäer und Soccer sind Themen, bei denen er schnell emotional wird.

„Things that might be true“ vereint zahlreiche „Esquire“-Kolumnen zu eher abstrakten Gedanken. Er jongliert mit kulturtheoretischen, zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Themen, was ihm meistens sehr gut gelingt, worin er sich mitunter aber auch ein wenig verheddert. Diese Texte regen aber, mehr als die aus Teil Eins, zum Nachdenken an und ich bin mir sicher, dass sie an amerikanischen Unis bereits Gegenstand einiger Seminare und Hausarbeiten sind. Ihnen vorangestellt ist je eine (mitunter höchst hypothetische Frage), die den Leser schon mal an den Rand des Wahnsinns bringen kann. Beispiel gefällig?

Q: Think of someone who is your friend (do not select your best friend, but make sure the person is someone you would classify as „considerably more than an acquaintance“).
 This friend is going to be attacked by a grizzly bear.
 Now, this person will survive this bear attack; that is guaranteed. There is a 100 percent chance that your friend will live. However, the extent of his injuries is unknown; he might receive nothing but a few superficial scratches, but he also might lose a lim (or multiple limbs). He might recover completely in twenty-four hours with nothing but a great story, or he might spend the rest of his life in a wheelchair.
 Somehow, you have the ability to stop this attack from happening. You can magically save your friend from the bear. But his (or her) salvation will come at a peculiar price: if you choose to stop the bear, it will always rain. For the est of your life, wherever you go, it will be raining. Sometimes it will pour and sometimes it will drizzle – but it will never not be raining. But it won’t rain over the totality of the earth, nor will the hydrological cycle be disrupted; these storm clouds will be isolated, and they will focus entirely on your specific whereabouts. You will never see the sun again.
 Do you stop the bear and accept a lifetime of rain?

Also bitte, wie brillant ist denn sowas?

„Things that aren’t true at all“ enthält eine etwa dreißigseitige Kurzgeschichte über einen jungen Filmkritiker, dem einige ziemlich abgefahrene3 Sachen passieren. Die Geschichte ist gut geschrieben, mit der Klosterman-üblichen Liebe zu ausgefallenen Details und sie ist nur etwa dreißig Seiten lang. Viel mehr positives lässt sich darüber nicht sagen, sie ist halt „ganz nett“, aber ihr Fehlen hätte für das Buch keinen großen Makel bedeutet.

Wenn Sie sich jetzt seit ungefähr dem zweiten Absatz fragen, ob Chuck Klosterman „sowas wie der amerikanische Benjamin von Stuckrad-Barre“ sei: Schwer zu sagen. Beide beherrschen ihr Handwerk sicherlich sehr gut, aber es gibt schon deutliche Unterschiede, die ganz profan bei der Sprache anfangen (ich liebe dieses Formelhafte der englischen Sprache, ihre idiomatischen Wendungen und die zahlreichen Möglichkeiten, sich vom Beschriebenen zu distanzieren) und bei der Einstellung der Autoren gegenüber ihren Inhalten aufhören.

„Chuck Klosterman IV“ ist für alle, die sich für Popkultur im weiteren Sinne (und für amerikanische Massenkultur) interessieren, die gerne gut geschriebene Porträts und Reportagen lesen und sich für etwas abseitige Gedankengänge erwärmen können. Und für kuriose Leute.

1 Es ist bedeutend dünner als das neue Buch (257 zu 416 Seiten).
2 Ironie der Geschichte: Die Bücher stehen gar nicht bei mir im Regal. Das ist nämlich voll. Sie liegen jetzt auf einer Reihe stehender Bücher und werden noch dazu von einer Borussia-Mönchengladbach-Flagge verdeckt.
3 Demnächst an dieser Stelle: Die zehn schönsten Achtziger-Jahre-Adjektive.

Coffee On TV

Von Lukas Heinser, 14. August 2007 8:42

Eine von 171 Starbucks-Filialen in Manhattan (Times Square)

Gestern hatte ich noch über die „New-York-verdächtige“ Anzahl von Starbucks-Filialen in Bochum gescherzt (zwei Stück), inzwischen weiß ich, wie viele Starbuckses es in New York Manhattan gibt: 171.

Mark Malkoff hat sie alle besucht. An einem Tag. Er hat in jeder Filiale etwas gekauft. Und er hat einen höchst amüsanten Kurzfilm über diese Aktion gedreht. Den kann man hier anschauen.

Und wo wir gerade bei Kurzfilmen sind: Es gibt eine neue Episode von „Kloß und Spinne“. Also nicht so ganz, aber das erklärt Volker Strübing am Besten selbst.

Urlaub machen, wo andere leben

Von Lukas Heinser, 13. August 2007 17:34

Jesus auch in Bochum

Besucht man irgendwen irgendwo und drängt diese Person mit milder Gewalt dazu, am eigenen touristischen Programm mitzumachen, wird man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Ende einen Satz wie diesen hören: „Also, das fand ich jetzt wirklich interessant. Wenn man hier wohnt, guckt man sich das ja normalerweise gar nicht an.“

Mich kommt in Bochum leider niemand besuchen, weswegen Kathrin und ich uns am Wochenende einfach mal auf eigene Faust als Touristen in der eigenen Heimat versucht haben. Einen besonderen Grund dazu gab es eigentlich nicht, außer dass wir mal recht dringend Urlaub brauchten.

Gute Gründe, dass die Innenstadt voll ist, gibt es hingegen schon: Die Sonne scheint in all ihrer sommerlichen Pracht vom Himmel hinab, der VfL spielt zur Saisoneröffnung gegen Werder Bremen und auf dem Dr.-Ruer-Platz findet „Bochum kulinarisch“ statt, eine Art Weihnachtsmarkt ohne Geschenkestände und mit besserem Essen im Sommer. Es herrscht das, was in Fernsehdokumentationen mit dem Satz „Es herrscht Volksfeststimmung“ beschrieben wird, bevor dann irgendein Unglück passiert (Explosionen, einstürzende Tribünen, niedergeschlagene Volksaufstände).

Ein Unglück sollte uns am Samstag aber nicht passieren, denn Jesus liebt uns. Das behaupten zumindest die jungen Menschen, die uns hundert Meter weiter Flugblätter in die Hand drücken wollen. Wir bedanken uns für so viel Unterstützung, gehen aber lieber weiter, bevor wir noch beim großen gemeinsamen Singen mitmachen müssen. Kathrin möchte ihren Telefonanschluss kündigen, was aber im Telekom-Laden natürlich nicht geht. Deshalb gehen wir direkt weiter „Klamotten gucken“, also serious shopping betreiben. Zwanzig Minuten später habe ich bei C&A ein Paar Jeans in meiner Größe für 9 Euro erstanden (alle anderen Größen kosten 15 Euro, der Ursprungspreis ist dem Etikett leider nicht mehr zu entnehmen) und verschwand erst mal in den Tiefen einer Buchhandlung.

Um das Gefühl von Großstadt und Urlaub noch ein bisschen auszukosten, gehen wir zu Starbucks – davon hat Bochum inzwischen zwei Stück im New-York-verdächtigen Abstand von 250 Metern. Starbucks ist zwar eigentlich ein Super-Feindbild für alles und A haben mit „Don’t want your job in Starbucks“ eine wunderbar treffende Liedzeile zum Thema, aber wie sonst soll man Weltläufigkeit simulieren, wenn nicht mit einer amerikanischen Kaffeekette? Ganz unamerikanisch setzen wir uns allerdings hin1 – wenn auch draußen vor den Laden, wo wir die Menschen in der Fußgängerzone wie Quallen an uns vorbeitreiben lassen. Die Bochumer Innenstadt ist teilweise derart renoviert worden in den letzten Jahren, dass ich nur auf den Tag warte, an dem die Stadt das erste Mal in einem Fernsehfilm Berlin doubeln muss, weil sich die Kamerateams in Berlin ja sowieso immer gegenseitig auf den Füßen rumstehen.

Der shopping spree soll bei H&M weitergehen, dort haben sie schwarze Cordsackos, deren Erwerb ich seit einigen Jahren ernsthaft in Erwägung ziehe. Einmal hatte ich bereits eines gekauft, aber meine persönliche Stilberaterin, die lange als Marketing-Direktor in der New Yorker Modebranche gearbeitet hatte, schickte mich mit harrschem Ton zum Umtausch. Die Ärmel seien definitiv zu kurz, so ihr vernichtendes Urteil. Die Ärmel sind auch diesmal zu kurz, was den Verdacht nahelegt, dass meine Arme in Wahrheit zu lang sind. Dafür sind meine Beine zu kurz, was das Einstellen des Fahrersitzes im Auto immer zu einer längeren Angelegenheit werden lässt.

Nach etwa einer Stunde schwedischer Massenmode (ich hatte die ebenfalls shoppende Dame ja erwähnt) bin ich gegen Fünf langsam doch mal reif für Mittagessen. Also gehen wir zur Fischbraterei von Gülcans Schwiegervater und ich entscheide mich zwecks Urlaubsfeeling für ein Krabbenbrötchen mit Nordseekrabben. Das erinnert mich immer an die ungezählten Familienurlaube an der holländischen Nordseeküste (warum ein Brötchen mit Nordseekrabben in Bochum knapp die Hälfte von dem kostet, was man in Holland hinterm Deich bezahlt, kann mir sicher irgendein VWL-Student erklären, falls ich mal einen kennenlerne).

Für den Samstag reicht uns das, außerdem will ich ja die „Sportschau“ sehen. Hätte ich geahnt, dass in der ersten Stunde sowieso nichts interessantes läuft, hätte ich mir die Tierschützer, die in der Fußgängerzone Videos von leidendem Schlachtvieh zeigen, vielleicht noch mal genauer angeguckt.

Nach diesem großstädtischen Samstag hätten wir es am Sonntagabend gern ein paar Nummern kleiner. Das ist kein Problem, denn in fußläufiger Entfernung befindet sich das „Kirchviertel“ mit alten Bergarbeiterhäusern; diversen Bäckereien, Apotheken und Supermärkten; zwei Pizzabuden und tatsächlich einer Kirche. Uns interessiert aber besonders die Eisdiele: Die Auswahl ist noch größer als am Tag zuvor bei Starbucks und ich wünsche mir für einen Moment, irgendjemand würde einfach mal für mich entscheiden. Dann wäre ich aber vermutlich bei Banane-Mocca ausgekommen und nicht bei Ananas-Tiramisu wie jetzt. Vor uns ist ein Mann dran, der mit etwas eigentümlichen Wünschen zu überraschen weiß: Fünf Kugeln Mocca mit Sahne und zwei Kugeln Eis für den Hund (ohne Sahne).2

Eis schleckend und tropfend spazieren wir durch den Ortsteil, der so wunderbar dörflich wirkt, dass man kaum glauben kann, mitten im Ruhrgebiet zu sein. Die Bewohner des nahegelegenen Seniorenheims (das erklärt die vielen Apotheken) schlurfen durch die Straßen und meine Hände kleben von der zerlaufenen Eiscreme. Als wir wieder Richtung Universitätsstraße gehen, fragen wir uns, ob Bochum nicht vielleicht doch ein ganz guter Wohnort ist, auch längerfristig, und warum man sich sowas normalerweise nicht anguckt.

1 Folgender Dialog wurde mir mal aus einer kalifornischen High School überliefert:
Deutschlehrerin (Deutsche): „In Europe, especially in Germany, the people usually sit down in a cafe. I don’t get why Americans always have to walk around with their beverages.“
Schüler (Amerikaner): „It’s because they have jobs – which 4.5 million Germans don’t do, as I recall.“
Der Schüler wurde daraufhin des Unterrichts verwiesen.

2 Das ist allerdings nichts verglichen mit dem Mann, der in Dinslaken mal „Amarenata durchs Spaghetti-Eis-Sieb gepresst im Hörnchen“ haben wollte. Amarenata ist Eis mit ganzen Kirschen drin.

Wir raven (All night long)

Von Lukas Heinser, 13. August 2007 12:46

Neon Rave Kids: Am 17. August 2007 in DinslakenIch hatte hier bereits des Öfteren erklärt, dass es in Dinslaken eine überraschend hohe Dichte an Musikern verschiedenster Ausprägungen gibt. So oft, dass es bald langweilig werden könnte, und vermutlich öfter als sämtliche Lokalzeitungen zusammen.

Nur mit dem Nachtleben, da hapert es in Dinslaken noch etwas. Zwar gibt es die eine oder andere „Szenekneipe“ (Szene?! Welche Szene?), aber dort muss man als Heranwachsender immer mit der Angst leben, dass gleich die eigenen Eltern oder wenigstens deren Freunde hereinkommen, und das ist ja nun wirklich etwas, was „mal“ gar nicht „geht“. Ü25-Parties gibt es auch – ich habe gehört, der Einlass werde mitunter recht rigide geregelt und selbst 24Jährige hätten dort keine Chance -, aber mal ehrlich: Was will man da?

Insofern kann man eigentlich gar nicht genug würdigen, was da seit Juni einmal im Monat stattfindet: Neon Rave Kids, eine Partyreihe mit New Rave und Indietronics.

Richtig, lieber Großstadtpartygänger: Die Musik ist eigentlich schon uralt und fast schon wieder total out, aber wir reden hier von Dinslaken. Zur genaueren Einordnung der Sachlage: Die Parties finden im „Jägerhof“ statt und als ich vor vielen Jahren das letzte Mal auf einer regulären Party dort war, lief gerade „Summer Of ’69“, als ich ging. (Das ist kausal so nicht richtig: Ich ging, als „Summer Of ’69“ lief.) Wir reden hier also wirklich über zwei verschiedene Welten.

Jedenfalls: Die örtliche Jugend nimmt Neon Rave Kids ganz gut an, es weht ein Hauch von Großstadt durch den Laden (nur das Gelangweilt-in-der-Ecke-Rumstehen müssen die Dinslakener noch üben) und wir raven all night long zu Songs von Justice, Deichkind, CSS, Digitalism, The Sounds und Konsorten. Am kommenden Freitag ist es wieder so weit, diesmal gibt’s mit Freakatronic sogar Livemusik und anschließend dann halt Party.

Coffee And TV verlost verloste einmal zwei Gästelistenplätze für Konzert und Party. Der Gewinner wurde inzwischen benachrichtigt. Better luck next time!

Neon Rave Kids
Live: Freakatronic
am Freitag, 17. August 2007
ab 23:00 Uhr
im Jägerhof in Dinslaken
Eintritt: 5 Euro

Reife Panne

Von Lukas Heinser, 12. August 2007 16:27

Die ARD und der Radsport, das ist wie dieses eine Paar, das jeder in seinem Freundeskreis hat: Ständig streiten sie sich, ziehen alle Bekannten in ihre Beziehungskrisen mit hinein, nur um kurz vor der endgültigen Trennung zu erkennen, dass man ohne einander nicht leben kann und von Heirat zu faseln, wobei man sich über die Planung derselbigen wohl wieder tierisch in die Haare kriegen wird …

Als während der Tour de France herauskam, dass der T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz vor der Tour positiv auf Doping getestet worden war, sprangen ARD und ZDF entsetzt auf, schrien laut „Iiih ba!“ und stiegen aus der Berichterstattung aus. Sat.1 kaufte die die Rechte, blamierte sich bis auf die Knochen und keine Woche später wollte man in der ARD doch wieder über die Tour berichten, aber nicht live.

Jetzt ist Deutschland-Tour und die ARD überträgt an neun Tagen live (wenn auch unter der Woche nur je eine Stunde am Tag). Und im direkten Vergleich zu den Bildern des französischen Fernsehens, an die wir uns im letzten Monat gewöhnt hatten, fällt auf:

Schaltet man ein, hat man keine Ahnung, wo die Fahrer sind und wie weit sie noch fahren müssen. Statt einer permanenten Einblendung, wie es sie bei jedem Fußballspiel gibt (und die man, gerade wenn die ARD bzw. die Bundesliga beteiligt sind, nicht lesen kann), wird alle paar Minuten mal eingeblendet, wie viele Kilometer noch zu fahren sind. Immerhin.

Die Landschaftsaufnahmen sind sehr schön (ich denke bereits über einen Schwarzwald-Urlaub nach), aber von den Fahrern werden abwechselnd Live-Bilder und Nicht-ganz-so-Live-Bilder in Zeitlupe gezeigt, ohne dass der Zuschauer erführe, was jetzt gerade passiert und was vorhin passiert ist.

Kommentator Florian Naß vorzuwerfen, dass er ganze Sätze ausformulieren und vor allem beenden kann, wäre vielleicht eine Spur zu bösartig, aber er ist halt ganz alleine und bei einer Radsportübertragung gehört dieses Geschwafel ja irgendwie einfach dazu.

Alternative Karriereplanung

Von Lukas Heinser, 11. August 2007 12:14

Wenn das mit dem Alpha-Blogger nix wird, kann ich immer noch als Prophet anfangen:

5. Mai: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

11. August: Stoiber als Staatsoberhaupt?

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