Welcome To The Nepp Parade

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 10. Juli 2007 13:10

Hier die irreführendsten Überschriften der letzten 24 Stunden bei “Spiegel Online”:

Nicole Richie: Schwanger - doch Vater Lionel weiß von nichts

Nun wissen natürlich die meisten, dass Lionel Richie der (Adoptiv-)Vater von Nicole Richie ist und nicht der des zu erwartenden Babys. Aber unglücklich formuliert ist es schon.
USA: Welker Rasen bringt Rentnerin in den Knast

Knast bezeichnet umgangssprachlich: ein Gefängnis [...]“, weiß Wikipedia. Für “Spiegel Online” bezeichnet es offenbar auch Arrestzellen auf Polizeiwachen. Und dass “in den Knast bringen” allgemein als “zu einer Gefängnisstrafe verurteilen” aufgefasst wird (und nicht als “where she sat for more than 30 minutes”), soll uns beinahe egal sein: Man ist ja schon froh, dass die Überschrift nicht “Trockenes Gras bringt Rentnerin in den Knast” lautet.

Harry Potter: Rowling schürt Hoffnung auf achten Band

Wer eine Fortsetzung selbst als “unwahrscheinlich” bezeichnet, kann natürlich trotzdem in seiner Überschrift von geschürten Hoffnungen sprechen – es wirkt nur etwas wirr. Aber was bei der Meldung so alles falsch gelaufen ist, liest man am besten bei “Indiskretion Ehrensache” und Stefan Niggemeier nach.

Schlagerzeilen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 9. Juli 2007 19:54

So, jetzt hab ich mir doch mal (zum ersten Mal seit der Entdeckung Amerikas, vermutlich) den “Spiegel” gekauft. Noch nicht mal primär, weil da das sagenumwobene Schäuble-Interview drin ist, sondern wegen … Michael Wendler!

Den hatten wir hier schon mal kennengelernt, als ich Dinslaken zur zukünftigen Musikhauptstadt Deutschlands erklärte. Ganz so weit ist man beim “Spiegel” noch nicht, aber der Artikel von Thomas Schulz zählt zum Unterhaltsamsten, was ich in den letzten Monaten gelesen habe (und man sollte es beim “Spiegel” kaum für möglich halten: das scheint sogar beabsichtigt gewesen zu sein).

“Der Wendler wird eine Hysterie auslösen.” Sagt der Wendler. “Der Wendler ist einfach geil.” Sagt der Wendler. “Wenn ich nicht selbst der Wendler wäre, ich würd’ mir die ganze Zeit zu meinen Konzerten hinterherfahren.”
Der Wendler, das ist Michael Wendler, 35, gelernter Speditionskaufmann aus Dinslaken, Beruf: Schlagerstar. Obwohl der Wendler das so nie sagen würde, genau wie er nie “der Michael” sagt und selten “ich”, sondern immer nur “der Wendler”. Er würde sagen: König des Pop-Schlagers. So steht es auf seinen Plakaten, seinem Fan-Magazin, seinen Platten. Er hat sich den Begriff markenrechtlich schützen lassen.

Ich gebe zu, ich hätte den Artikel nicht an der U-Bahn-Station lesen sollen, man wird ja doch immer schief angeguckt, wenn man sich in der Öffentlichkeit kaputtlacht. Schon in der Einleitung steht “Ein Besuch in einer Parallelwelt”, und genau das ist es: Schulz macht sich nicht über sein Thema lustig, er beschreibt es nur mit dem dezent ungläubigen Blick, den man wohl draufhaben sollte, wenn man im Auftrag eines Hamburger Nachrichtenmagazins Festzelte, Dorfdiscos und den “Ballermann” auf Mallorca aufsuchen muss:

Es dauert nicht lange, dann schlappt ein Mann heran in knallroten Lederhosen und abgeschnittener Jeansjacke, er setzt sich an den Tisch, einfach so, und stellt sich vor: “Gestatten: Drews, Schlagerstar, alternd”.

Die Schlagerbranche, so der Tenor der Reportage, erlebt gerade mal wieder ein Revival – aber diesmal ohne die Helden von vorgestern und abseits der Öffentlichkeit:

Deswegen ist Andrea Berg wohl auch der unbekannteste Star im Land. Ihr “Best of”-Album hielt sich 290 Wochen in den Charts. Ihr aktuelles Album war die meistverkaufte Platte des Musikriesen Sony BMG in Deutschland im vergangenen Jahr. Sie kann inzwischen bis zu 30 000 Euro pro Auftritt nehmen. Aber das hat RTL nicht davon abgehalten, ihren Auftritt bei der Verleihung des Deutschen Musikpreises Echo fast komplett herauszuschneiden.

Es lohnt sich, den Artikel zu lesen, und es lohnt sich anscheinend auch, sich mal so ein Michael-Wendler-Konzert aus der Nähe anzuschauen:

“Bei meinen Auftritten sind die Leute so rallig, die knallen sich auf den Toiletten.”

Nachtrag 20:25 Uhr: Wie mir meine Mutter soeben per E-Mail mitteilt, ist der Artikel auch online verfügbar. Das war er heute Nachmittag, als ich zum Kiosk ging, noch nicht …

Nachtrag, 20. Juli: Jetzt ist der Artikel natürlich wieder offline bzw. kostenpflichtig. Können die sich mal entscheiden?

Sicherheits(ge)denken

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 9. Juli 2007 13:31

Es ist Sommerloch und was macht man da? Die Bundesregierung hat sich offenbar dazu entschieden, den überaus umtriebigen Wolfgang Schäuble durchs Dorf zu treiben. Glaubt man manchen Reaktionen, so hat der Bundesinnenminister in einem “Spiegel”-Interview offenbar die Zerschlagung des Rechtsstaats und die Einsetzung einer Militärjunta unter seiner Führung gefordert – nichts genaues weiß man jedoch nicht, denn die Meinungen überschlagen sich und beim “Spiegel” ist man (noch) nicht bereit, das Interview einzeln (oder gar kostenlos) online zu stellen, damit sich jeder ein eigenes Bild machen kann (was auch onlinejournalismus.de bemängelt).

Wolfgang Schäuble auf der Titelseite der “taz” (9. Juli 2007)Die beste Titelseite zum Thema liefert (wenig überraschend) die “taz”, der bisher beste Kommentar stammt von Heribert Prantl in der “Süddeutschen Zeitung”. Und während die Karikaturisten überlegen, wie sie Schäuble noch als völlig durchgeknallten Bluträcher darstellen könnten, liefern sich die Politiker aller Parteien einen munteren Schlagabtausch. Die CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch, Günther Oettinger und Peter Müller, die nie fern sind, wenn Bedenkliches öffentlich ausgesprochen wird, stehen schon … äh: Gewehr bei Fuß und sagen so kluge Sachen wie “Sicherheit zuerst”. (Inwieweit sich das mit der anderen Grundsatzparole “Vorfahrt für Arbeit” vereinen lässt, ist wohl noch nicht ganz raus.) Oettinger schreibt vermutlich schon an einer Rede, in der er Schäuble als “obersten Verfassungs- und Datenschützer” bezeichnen wird, und wartet nur noch auf eine unpassende Gelegenheit, diese auch halten zu dürfen.

Nachtrag 20:07 Uhr: Gerade entdeckt: “Wer fordert mehr?”, ein Quiz vom “Zünder”, der Jugendseite der “Zeit”. Dort muss man verschiedene verheerende Zitate dem richtigen Urheber (Schäuble, Bush, Putin, …) zuordnen. Wer ist alles besser als 4/9?

Swimming Pool und Peitsche

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. Juli 2007 18:58

Heute begann die Tour de France offiziell (wen interessiert dieser Prolog?) und obwohl diverse Dopinggeständnisse der letzten Monaten und das Karriereende von Herbert Watterott eigentlich Gründe wären, den Radsportklassiker dieses Jahr zu ignorieren, komme ich doch nicht von der eigentümlichen Faszination dieses Ereignisses los: Da fahren Männer im Schweiße ihres Angesichts stundenlang durch schöne Landschaften und weil das zwar beachtlich, aber eben auf Dauer auch nicht soooo spannend ist, reden die Kommentatoren über Schlösser, Kirchen, Brücken und kulinarische Spezialitäten, ehe sie sich in der letzten halben Minute förmlich beim Sprechen überschlagen.

Bevor das ZDF am späten Nachmittag in die erste Etappe von London nach Canterbury (ja, das ist England, nicht Frankreich) einstieg, liefen schon mehrere Stunden bei Eurosport. Leider war es mir aufgrund der völlig zerschossenen Eurosport-Website nicht sofort möglich, die Namen der zwei, manchmal drei Kommentatoren herauszufinden, aber diesen Quellen zufolge will ich sie Karsten Migels, Ulli Jansch und Andreas Schulz nennen. Wichtiger ist aber eh, was sie zu sagen hatten:

Migels: So, Ulli, unsere Stammzuschauer wissen, Du bist Russlandexperte: Minsk …
Jansch: Aber ich bin nicht Weißrusslandexperte …
Migels: Ach so (lacht). Aber da warst Du doch bestimmt auch schon mal, oder?
Jansch: (lacht) Der Zufall will es so, dass ich schon mal dort war …
Migels: (lacht) Das hab ich mir doch gedacht, komm …
Jansch: Vielleicht nicht die hübscheste Stadt, die ich in Russland oder Weissrussland schon gesehen hab oder in der Ukraine – Kiew, zum Beispiel, ist ja eine sehr schöne Stadt – aber eine sehr sportinteressierte Stadt: Den Biathlon-Fans wird – aus der Vergangenheit zumindest noch – Raubichi vor den Toren von Minsk im Gespräch sein und vor allem die Schwimmer und Wasserspringer aus Weißrussland waren seinerzeit in den Mannschaften der UdSSR sehr, sehr stark – ich kann mich an Alenik erinnern, Europameister und Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften, und ich hatte ‘n schönes Erlebnis: Die hatten dort unterirdisch Höhlen ausgebaut zu einem Zentrum, was man heute – das ist schon zwanzig Jahre her – als ein Wellness-Zentrum bezeichnen würde. Ganz toll gemacht und … äh … war ‘n sehr, sehr angenehmer und interessanter Besuch und gut getan hat’s auch.
(Pause)
Migels: Dort hast Du dich damals schon gepflegt …
Jansch: Mmmmh!
(Pause)
Migels: Daher dieses jugendliche Aussehen.
Jansch: “Aus dem Osten kommt das Licht” – vielleicht auch die Wellness.
Migels: Bist zwar schon 49, siehst aber aus wie … 43.
(Pause)
Jansch: Du bist aber geizig!
Migels: (lacht) Extra ‘n bisschen hochgestapelt …

Mehr davon? Aber gewiss:
Hier geht es weiter.

Die Umwelt retten mit Ole von Beust und welt.de

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. Juli 2007 0:22

Heute findet, wie Sie vielleicht mitbekommen haben, Rund um die Welt “Live Earth” statt. (Wenn Sie es nicht mitbekommen haben, sind sie entweder nicht sonderlich lebendig oder gerade nicht auf der Erde.)

welt.de betreibt dazu eine Art Liveblog irgendwas aktuelles mit Schrift. Und inmitten dieses Textes findet sich mal eben die Lösung, wie man dieses ganze CO2, das ja bekanntlich in großen Mengen für den Treibhauseffekt mitverantwortlich ist, schnell und praktisch loswird:

Hamburger Kraftwerk verbraucht CO2
(Screenshot: welt.de, Hervorhebung: Coffee & TV)

Also müssten wir nur genug von diesen Kraftwerken bauen und schon hätten keine CO2-Sorgen mehr wären wir alle tot.

Listenpanik (4): Knietief im Pop

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. Juli 2007 14:23

Dank der zu Anfang etwas kruden Abrechnungszeiträume war Teil 3 unserer Serie für den Mai gedacht, dieser (vierte) befasst sich also mit den Alben und Singles des Monats Juni. Wie immer streng subjektiv und ohne den Hauch eines Anspruchs auf Vollständigkeit – und diesmal besonders poppig:

Alben (inkl. Amazon.de-Links)
1. Crowded House – Time On Earth
Crowded House war trotz der großen Hits (“Weather With You”, “Don’t Dream It’s Over”, “Four Seasons In One Day”, …) die Band, die kaum jemand kannte. Das änderte sich auch nicht groß, als sich die Band 1996 auflöste und ihr Kopf Neil Finn alleine und mit seinem Bruder Tim schöne bis großartige Pop-Alben veröffentlichte. Jetzt hat sich die Band in Beinahe-Originalbesetzung (Schlagzeuger Paul Hester beging 2005 Selbstmord) wieder zusammengetan und ihr fünftes reguläres Album veröffentlicht. Und man muss sagen: Wenn es je eine Band verdient hat, das musikalische Erbe der Beatles anzutreten, dann Crowded House. Die wunderschönen, oft melancholischen Melodien purzeln nur so aus den Boxen und Songs wie die Single “Don’t Stop Now” hätten es verdient, mindestens so berühmt zu werden wie “Weather With You”.

2. Jupiter Jones – Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich
Zweieinhalb Jahre nach ihrem Debüt sind Jupiter Jones zurück und machen beinahe da weiter, wo sie aufgehört haben. Zu den grandiosen Texten über Liebe und Einsamkeit, Aufbruch und Aufgeben hat sich die Band musikalisch weiterentwickelt und beeindruckt jetzt mit Bläsern, Streichern und natürlich auch weiterhin mit jede Menge Feuer unterm Arsch. Nenn’ es Punkrock, nenn’ es Deutschrock oder Emo – das ist eigentlich egal, denn es ist und bleibt gut: Musik mit kathartischer Wirkung.

3. Mark Ronson – Version
Mark Ronson ist DJ und Produzent (Lily Allen, Robbie Williams, …) und das, was er auf seinem zweiten Soloalbum betreibt, ist das, was ein DJ und Produzent eben so macht: Songs ineinander übergehen lassen und überraschende Klänge hervorzaubern. Neun Coverversionen gibt es, zwei Remixe und drei Instrumentaltracks und die Gaststars geben sich die Klinke in die Hand: Die charmante Lily Allen gewinnt “Oh My God” von den Kaiser Chiefs ein weibliche Londoner Komponente ab, Daniel Merriweather schmachtet sich durch “Stop Me” von The Smiths, Phantom-Planet-Sänger Alex Greenwald bezwingt (wie schon auf diesem Tribute-Sampler) Radioheads “Just” und Robbie Williams darf bei “The Only One I Know” von den Charlatans zeigen, dass er immer noch singen kann. Dazu gibt’s fette Beats und satte Bläser und schon hat man etwas ganz seltenes: ein Album, dass man auf einer Party durchlaufen lassen kann.

4. Ryan Adams – Easy Tiger
Fast anderthalb Jahre lagen zwischen der Veröffentlichung von “29″ und “Easy Tiger” – Ryan Adams hatte doch nicht etwa eine Schreibblockade? Iwo: Der leicht verpeilte Alt.-Country-Rocker hat nur Anlauf genommen und will dieses Jahr noch ein Boxset mit Outtakes und Raritäten veröffentlichen. Vorher gibt es aber “Easy Tiger”, das so ziemlich alle Qualitäten des früheren Whiskeytown-Sängers vereint: Rock’n’Roll-, Folk-, Country- und Popsongs stehen nebeneinander wie Geschwister, die sich nicht so hundertprozentig ähnlich sehen, aber doch den gleichen Papa haben. Es ist Adams’ abwechslungsreichstes Album seit dem phantastischen “Gold” und vielleicht auch sein bestes seitdem. Das merkt man u.a. daran, dass bei “Two” noch nicht mal Sheryl Crow stört.

5. Ghosts – The World Is Outside
Jedes Jahr kommen junge britische Bands zu uns, die die Nachfolge von a-ha oder wenigstens der New Radicals antreten wollen. Bei manchen (Keane) klappt das, andere laufen zwar im Radio, schaffen den Durchbruch dann aber doch nicht (Orson, The Feeling, Thirteen Senses. …). Wozu Ghosts gehören werden, ist noch nicht abzusehen. Man kann aber schon sagen, dass sie schicke Popmusik machen, die uns durch den Sommer begleiten soll – egal, wie das Wetter noch wird. Das klappt vielleicht nich über die volle Albumdistanz und ist auch alles andere als neu, aber eben doch sehr nett gemacht. Wer jetzt sagt: “Na, das ist aber kein besonders überzeugendes Plädoyer”, dem sage ich: “Kann schon sein. Aber hören Sie sich das einfach mal an, es könnte Ihnen gefallen.”

Singles (inkl. iTunes-Links)
1. Beatsteaks – Cut Off The Top
Das dazugehörige Album hatte ich hier schon sträflich vernachlässigt, die Single muss aber rein. Die Beatsteaks machen mal wieder alles richtig und hauen einen schwer zu kategorisierenden Song (und ein tolles Video) raus. “Damage! Damage!”

2. Smashing Pumpkins – Tarantula
Dafür bringt man als 16-Jähriger all sein Taschengeld zum Tickethändler und geht auf ein Konzert der “Abschiedstournee”, damit sich die Band sieben Jahre später reformiert. Oder: Damit sich Billy Corgan ein paar neue Banddarsteller auf die Bühne stellt und Paris Hilton aufs Single-Cover klatscht. Der Song ist aber schon recht beachtlich, der einzige andere Ur-Pumpkin Jimmy Chamberlin knüppelt sich durch mindestens vier verschiedene Rhythmen und ich muss gleich dringend los und mir das Album kaufen. Bleibt nur die Frage: Was ist mit dem “The” im Bandnamen passiert?

3. Mika – Relax (Take It Easy)
Mika habe ich ja schon einige Male gefeiert (z.B. hier sein Album), “Relax” kann man ruhig aber noch mal extra erwähnen. Für alle, die keine Cutting-Crew-Samples und keine Kopfstimmen mögen, ist der Song natürlich eine Zumutung, für mich eine charmant durchgeknallte Disco-Nummer, die auch durch die Verwendung im Werbefernsehen keinen großen Schaden nimmt.

4. Ghosts – Stay The Night
Schon wieder Ghosts. Ja, das ist halt eingängiger Radiopop und “Stay The Night” das, was man wohl als “Gute-Laune-Musik” bezeichnen würde, wenn das nicht ein absolut widerlicher, bescheuerter Begriff wäre. Mal darüber nachgedacht, dass diese Singles-Liste immer so poplastig sein könnte, weil so wenig Mathcore- oder Experimental-Bands Singles veröffentlichen? Ist mir auch gerade erst aufgefallen.

5. Take That – Reach Out
Jawoll, ich bin endgültig wahnsinnig geworden und packe Take That auf meine Liste. Aber wieso eigentlich wahnsinnig? Das ist doch wohl einfach ein schöner Popsong, sauber geschrieben und gut gesungen. Und um mich gleich richtig lächerlich zu machen: Bin ich der einzige, den die Strophen an “Die Tiere sind unruhig” von Kante erinnern?

Die Ohnmacht der Möglichkeiten

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. Juli 2007 12:31

Beim Blick auf meinen Kalender habe ich gerade festgestellt, dass in vier Wochen ja schon wieder Haldern Pop ist. Seit sieben Jahren fahre ich nun auf dieses sympathische Festival am schönen Niederrhein und es hat sich bisher immer gelohnt. Ich hoffe nur inständig, dass sich das Wetter bis zum 2. August noch bessert, denn ein drittes Jahr mit Platzregen und Schlammschlacht in Folge würde mir so langsam dann doch mal auf die Ketten gehen.

Das Line-Up ist dieses Jahr ein bisschen … äh: ungewöhnlich, spielen mit Jan Delay und Jamie T doch zwei Künstler, die auf den ersten Blick nicht soooo viel mit Indie zu tun haben. Auf den zweiten natürlich schon und überhaupt: Schubladendenken ist den Haldern-Machern von Raum3 völlig fremd, deswegen gibt es jedes Jahr eine außergewöhnliche Mischung aus Szenegrößen, gerade durchbrechenden Acts und vorher noch völlig unbekannten Künstlern. Geradezu bezeichnend ist die Tatsache, dass die schwächsten Auftritte der letzten Jahre ausgerechnet die der Superstars Franz Ferdinand und Mando Diao waren – die sorgten aber immerhin für eine Indiemädchenquote, über die sich so manche “Ladies Night” freuen würde.

Für dieses Jahr sind unter anderem angekündigt: Two Gallants, Naked Lunch, The Electric Soft Parade, Polarkreis 18, The View, Jamie T, The Magic Numbers, Sebastien Tellier, Johnossi, Architecture In Helsinki, Shout Out Louds, Jan Delay & Disko No. 1, Ghosts, Duke Special, The Earlies, …

Je länger man sich das Line-Up anguckt, desto besser wird es eigentlich. Zugegeben: Im letzten Jahr hatte ich mit Element Of Crime, The Divine Comedy und James Dean Bradfield gleich drei persönliche Helden, auf die ich mich freuen konnte. Aber ich nehme an, ich werde auch dieses Jahr wieder begeistert zurückkommen. Wenn das Wetter stimmt …

Haldern Pop Festival
vom 2. bis 4. August in Rees-Haldern (Ndrh.)
Tickets gibt’s offenbar noch hier

Like a robot from 1964

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Juli 2007 19:27

Tom Jones ist eine coole Sau, daran sollte es keinen Zweifel geben. Zwar oszilliert der Mann immer zwischen hochnotpeinlich und richtig cool, aber allein sein Auftritt in “Mars Attacks!” und sein großartiges “Reload”-Album sollten ausreichen, um den Mann zu feiern.

Am vergangenen Sonntag stand er beim Gedenkkonzert für Prinzessin Diana auf der Bühne des Londoner Wembley Stadiums und sang …

“I Bet You Look Good On The Dancefloor” von den Arctic Monkeys. Nicht so cool wie das Original und nicht so charmant wie die Sugababes, aber schon irgendwie ganz spaßig für einen 67-Jährigen. Wenn man nur nicht das Gefühl hätte, die Band würde eigentlich “Venus” spielen …

Die Trennung von Staat und Irrsinn

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Juli 2007 16:11

Es gibt Situationen, in denen gibt es kein “richtig” und kein “falsch”. Man steht als Unbeteiligter davor, guckt sie sich an und ist froh, dass man nicht gezwungen ist, eine Position einzunehmen. Aber man kann sich so seine Gedanken machen.

Hier ist so ein Situation: Tom Cruise will/soll/wird in “Valkyrie”, dem neuen Film von Bryan Singer, Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielen, einen der Drahtzieher des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Cruise ist aber Mitglied bei Scientology und deshalb sind verschiedenste Personen dagegen, dass Cruise an Originalschauplätzen drehen darf bzw. Stauffenberg überhaupt spielen soll.

Uff! Da muss man sich schon eine ganze Menge Gedanken machen, um diese Situation einigermaßen zu entwirren. Gehen wir also der Reihe nach vor:

Scientology ist eine höchst umstrittene Organisation, die je nach Sichtweise als “Kirche”, “Sekte” oder “Wirtschaftsunternehmen” bezeichnet wird. Als Einführung in die Lehren von L. Ron Hubbard sei jedem dieser erhellende Ausschnitt aus der “South Park”-Folge “Trapped In The Closet” empfohlen (“This is what Scientologists actually believe”) – wobei Religionskritiker sicherlich sagen würden, die dort vorgestellte Geschichte sei auch nicht bedeutend alberner als die Erschaffung der Welt in sechs Tagen und die Entstehung der Frau aus einer Rippe des Mannes. Scientologys Methoden sind sicherlich höchst beunruhigend und eigentlich kann man die Institution nur als Gehirnwäscheverein bezeichnen. Andererseits ist nach Artikel 4 des Grundgesetzes die “ungestörte Religionsausübung” gewährleistet – und wie sollte bei einer Trennung von Staat und Kirche der Staat bestimmen können, was eine “echte” Religion ist und was nicht?

Das führt unweigerlich auch zu der Frage, ob es eine Trennung zwischen dem Schauspieler und Produzenten Tom Cruise und dem Scientologen Tom Cruise gibt. Schon 1996 rief die Junge Union zu einem Boykott von “Mission: Impossible” auf, was insofern schon eine gelungene Aktion war, als dadurch erstmalig die Methoden und Lehren von Scientology in den Focus einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland gelangten. Allein: “Mission: Impossible” hatte natürlich außer seinem Hauptdarsteller und Produzenten nicht viel mit Scientology zu tun – im Gegensatz zu “Battlefield Earth”, das auf einem Roman von L. Ron Hubbard basierte, den ebenfalls berühmten Scientologen John Travolta in der Hauptrolle hatte und als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten gilt. Für “Valkyrie” steht unter Regisseur Bryan Singer (“X-Men”, “Die üblichen Verdächtigen”, …) indes wenig bis gar keine Verzerrung des Stoffs zu befürchten (und mal ehrlich: Wie sollte man Hubbards Science-Fiction-Welten in eine Deutschland-Anno-’44-Geschichte packen?).

Die Sektenexpertin der CDU/CSU-Fraktion, Antje Blumenthal, teilte mit, dass das Bundesverteidgungsministerium, das heute im Berliner Bendlerblock residiert, in dem Stauffenberg sein Attentat plante und wo er auch hingerichtet wurde, einen Dreh am Originalschauplatz mit der Begründung ablehne, eine Drehgenehmigung für “einen ranghohen Scientologen in einem Bundesgebäude” käme einer bundespolitischen Anerkennung gleich – und das, bevor auch nur der Antrag auf eine Drehgenehmigung vorlag. Allein dieser “Dienstweg” sollte mindestens für skeptische Blicke und Stirnrunzeln sorgen.

In der “Süddeutschen Zeitung” gab es gestern einen sehr interessanten Kommentar von Andrian Kreye und die “FAZ” druckte einen länglichen Text des deutschen Oscar-Preisträgers Florian Henckel von Donnersmarck, in dem dieser über Stauffenberg, Cruise und die “deutsche Verbotsgeilheit” philosophiert. Mitunter schießt er dabei ein wenig übers Ziel hinaus, beweist damit aber auch, dass er mit seinem Pathos und Liberalismus (sowie natürlich mit seinem beachtlichen Ehrgeiz) in den USA wirklich besser aufgehoben zu sein scheint als in Deutschland. Donnersmarck argumentiert, dass man die größten und wichtigsten Geschichten nur dann einem großen Publikum erzählen könne (und wer sollte etwas dagegen haben, Stauffenbergs Geschichte in die Welt zu tragen?), wenn man sie mit großen Stars verfilme – ein Standpunkt, für den er postwendend von Peter Steinbach, dem Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, eine drübergebraten bekam.

Im Kern hat der streitbare Donnersmarck aber sicher nicht unrecht: Mit dem ihr eigenen Fingerspitzengefühl hat es die deutsche Politik geschafft, das Thema Widerstand an den Rand zu drängen und durch das Thema Scientology zu ersetzen. Es sind sicher beides wichtige Themen, aber die Wichtigtuer aller Parteien hätten sich kaum einen ungeeigneteren Hintergrund aussuchen können, um das staatliche Verhältnis zu Religion und Kunst zu diskutieren.

Auch ich halte Scientology für gefährlich und wünsche mir (gerade angesichts der aktuellen Deutschland-Offensive) Aufklärung über deren Machenschaften und meinetwegen auch Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Ich sehe mir aber trotzdem Filme an, in denen Tom Cruise mitspielt (es gibt da ja hin und wieder auch mal gute mit ihm) – wohlwissend, dass ein Teil des Geldes, das er als Produzent damit verdient, an Scientology gehen wird. Ich kann Cruise als Person (spätestens seit seinem Auftritt bei Oprah Winfrey) kein bisschen ernst nehmen, ich halte ihn aber für einen ziemlich guten Schauspieler und er ist zweifellos einer der größten Stars unserer Zeit. Pete Doherty ist ja auch nur die Parodie eines Rock’n’Rollers und trotzdem ein guter Musiker.

Was können wir also aus der ganzen Chose lernen? Deutschen Politikern ist es egal, vor welchem Hintergrund sie sich profilieren können, solange sie dadurch in die Presse kommen. Auch die größten Filmstars der Welt können sich nicht darauf verlassen, überall reinzukommen. Schauspieler können noch so gut spielen, sie bleiben auch immer sie selbst. Florian Henckel von Donnersmarck wollte sich als Zehnjähriger im Garten von Marion Yorcks Dahlemer Villa das Hemd ausziehen. Und: Es gibt Situationen, in denen es weder “richtig” noch “falsch” gibt, und bei denen man froh sein kann, dass man nicht gezwungen ist, eine klare Position einzunehmen.

Warum Wolfgang Schäuble nie “Krieg und Frieden” geschrieben hätte

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Juli 2007 0:52

Wenn kleine Kinder wirres Zeug reden, nennt man sie krank und steckt sie ins Bett. Wenn erwachsene Männer wirres Zeug reden, nennt man sie Politiker und steckt sie ins Kabinett.

Wolfgang Schäuble hat sich also mal wieder der Presse gestellt und dabei verräterisches bemerkenswertes gesagt:

Die Unterscheidung zwischen Völkerrecht im Frieden und Völkerrecht im Krieg passt nicht mehr auf die neuen Bedrohungen.

Könnte in etwa heißen: Guantanamo wäre auch auf Helgoland möglich – aber Folter schließt Schäuble ja eh seit längerem nicht mehr aus. Und selbstverständlich will er auch weiterhin die Bundeswehr im Inneren einsetzen.

Auslöser der neuerlichen Diskussion sind natürlich die vereitelten Anschläge in Großbritannien vom vergangenen Wochenende. Aber nur noch mal zur Erinnerung: Nicht Onlinedurchsuchungen von Festplatten, Vorratsdatenspeicherung oder Folter haben schlimmeres verhindert, sondern der Geruch von ausströmendem Gas und ein Poller.

P.S.: Wer Wolfgang Schäuble bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus behilflich sein will, kann unter informiert-wolfgang.de verschiedenste Formulare herunterladen, mit denen man für sich und sein direktes Umfeld Entwarnung geben kann. Dann muss Schäuble nicht alles observieren lassen.

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