SpOn findet “funzen” nicht k3w1

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 28. Juni 2007 18:09

Wenn der “Spiegel” übers Internet schreibt, ist das meist ähnlich desaströs, wie wenn der “Spiegel” über Sprache schreibt. Wie erreicht man also maximales Desaster mit minimalem Aufwand? Richtig: Indem man jemanden über Internetsprache schreiben lässt.

Die eigenwillige Sprachgestaltung hat Tradition im Netz. Da schreiben Menschen schon mal Sätze wie “Das Hijacking-Problem könnte man mit dem header-redirect 301 leicht vermeiden.” Diese Sprache nervt Web-Nutzer.

Ja ja, diese ganzen verrückten Betrüger, Kriminellen und Kinderschänder im sogenannten “Internet”, ganz komische Leute.

Warum liest man eigentlich nie sowas:

Die eigenwillige Sprachgestaltung hat Tradition im Journalismus. Da schreiben Menschen schon mal Sätze wie “Das Musikmagazin ‘Rolling Stone’ zählte Spector noch 2004 zu den ’100 großartigsten Künstlern aller Zeiten’.” Diese Sprache nervt Leser.

Spiegel Online ließ seine Leser über die “grässlichsten Web-Wörter” abstimmen. Mit erwartbaren Ergebnissen:

Blogosphäre. Übersetzung von Blogosphere. Meint die Gesamtheit aller Weblogs.

Leider erfahren wir nicht, was jetzt so “grässlich” an dem Wort ist. Ist es die Eindeutschung des englischen Begriffs, der englische Begriff selbst oder die Tatsache, dass man doch auch bequem “die Gesamtheit aller Weblogs” sagen könnte. Was wir aber sicher wissen: Autor Konrad Lischka hätte sein “meint” von seinem notorischen Kollegen Bastian Sick um die Ohren gehauen bekommen.

Netiquette. Benimmregeln für den Umgang miteinander im Netz. Es gibt keine einheitliche Liste, sondern viele, zum Teil schriftliche Vorschläge – und den gesunden Menschenverstand.

So what? Wir reden auch vom “Gesetz”, obwohl es sich dabei auch um “keine einheitliche Liste, sondern viele, zum Teil schriftliche” Texte handelt. Verstöße dagegen werden übrigens – im Gegensatz zu Netiquette-Verstößen – trotz gesunden Menschenverstands auch noch geahndet.

Zu den “von den SPIEGEL-ONLINE-Lesern meistgenannten Stör-Wörtern aus dem Internet”, die aber etwas anderes sind als die “grässlichsten Web-Wörter”, zählt unter anderem:

Googeln: “Mit Google im Internet suchen”, definiert der Duden, in dem dieser Ausdruck für das Recherchieren im Web inzwischen auch zu finden ist. “Google Earthen” kann man beim Googlen schon 384 Mal finden!

Schrecklich! Worte, die im Duden stehen! So tu doch jemand etwas!

Zu den “gedankenlosen Verniedlichungen, die man am liebsten nie mehr lesen oder hören will” zählt Spiegel Online dann das Wort “funzen”, womit endgültig klar sein dürfte, dass Texte zu Sprachthemen dort grundsätzlich nur von Nicht-Linguisten geschrieben und gegengelesen werden – sonst wäre sicher jemandem aufgefallen, dass “funzen” bekanntlich zu den Vokabeln der Ruhrgebietssprache zählt und eben kein Computer-Neologismus ist. Und eine “Verniedlichung” schon dreimal nicht.

Ich will das ganze Elend (“Jeder anständige Web-2.0-Dienst hat nicht nur einen vokalarmen Namen, sondern auch ein entsprechendes Verb.”) gar nicht weiter ausbreiten. Dass “Spiegel” und Spiegel Online” dumpfen Sprachprotektionismus betreiben wollen und sich noch nicht einmal von Linguistik-Professoren beeindrucken lassen, ist spätestens seit Mathias Schreibers großer Titelgeschichte (ist die 50 Cent nicht wert) offensichtlich. Das könnte einem ja egal sein, wenn derartige Geschichten nicht aufgegriffen und von selbsternannten “Sprachschützern” nachgeplappert würden.

Sprache lebt und verändert sich. Gerade Beispiele wie die auch verteufelten Verben “qypen”, “posten” oder “voipen” zeigen, wie kreativ man mit Sprache umgehen kann, und wie schnell Sprache auf technische Veränderungen reagiert (viel schneller als weite Teile der Gesellschaft oder gar der sog. Qualitätsjournalismus). Diese Veränderungen zu verurteilen, ist ungefähr so sinnvoll, wie die Evolution zu verurteilen.

Und wer schon über Internetsprache schreibt, sollte (wir wissen: “Qualitätsjournalismus”) wenigstens auch mal den einen oder anderen Fachmann zu Wort kommen lassen.

Kaufen Sie sich deshalb unbedingt das “Spiegel”-Sonderheft “Leben 2.0 – Wir sind das Netz”, wenn auch Sie an niedrigem Blutdruck leiden oder gerne Leserbriefe schreiben!

Sachen gibt’s …

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 28. Juni 2007 11:46

Google Alerts sind was tolles: Man gibt einmal einen Suchbegriff ein und bekommt dann jedes Mal, wenn der Begriff im Netz auftaucht, eine E-Mail. So habe ich Dank meines Google Alerts auf Billy Wilder heute das hier erfahren:

Über Billy Wilder spricht Hansjörg Just in der Reihe “Krankheit und Tod berühmter Persönlichkeiten” am Montag, 2. Juli, 17.15 Uhr, im Hörsaal der Inneren Medizin, Bau 205 an der Klinik.

Klingt sogar spannend.

What a difference a day makes

Von Oliver Ding
Veröffentlicht: 27. Juni 2007 22:33

Man hatte es kaum vermeiden können, mitzubekommen, dass Tony Blair die Schlüssel zu 10, Downing Street heute hergeben würde. Auch der Name des Nachfolgers war schon länger absehbar – zumal sich Blair und Gordon Brown angeblich schon vor dreizehn Jahren darauf geeinigt hatten.

Das grinsende Segelohr bekam vor seinem Auszug aus der bekanntesten Wohnadresse Europas als möglicherweise erster PM überhaupt stehende Ovationen zum Abschied. Viel aufmerksamkeitswürdiger wirkte jedoch zunächst das, was heute-Moderatorin Petra Gerster in den 19-Uhr-Nachrichten fallen ließ:

Der neue britische Premierminister heißt seit heute Gordon Brown.

Eine spontane Recherche konnte eine solche Namensänderung jedoch nicht verifizieren. Der Kerl hieß schon immer so. Es muss also wieder alles auf den unsauberen Umgang mit der deutschen Sprache geschoben werden. Wie langweilig.

Hot Turkey

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 27. Juni 2007 19:38

An mehrere meiner zahlreichen E-Mail-Adressen ging im Laufe des Tages eine E-Mail mit dem Betreff “AN ALLE TUERKEN: Lasst den Jungen (Marco) frei. Euer Tourstik-Aufschwung ist in Gefahr. DIE EU-MITGLIEDSCHAFT AUCH”. Die E-Mail ist von sieben, mir unbekannten Personen unterschrieben, und ich soll sie an “alle TUERKEN”, die ich kenne, “oder Leute, die aus diesem Land kommen oder dort Urlaub machen wollen” weiterleiten. Es geht (natürlich) um den in der Türkei inhaftierten deutschen Schüler Marco W., dem vorgeworfen wird, eine 13jährige Britin missbraucht zu haben, und darin steht unter anderem folgendes:

Seid Ihr noch ganz normal, einen 17 Jahre alten Jungen einzusperren, nur
weil er eine junge Frau kennengelernt hat?
Das Gesetz ist doch nur geschaffen worden, damit es zu keinen Zwangsehen
kommt. Aber deshalb muss man doch
keinen 17 Jahre alten Jungen, der in Eurem Land Urlaub macht, monatelang
einsperren. Und das noch bei Euren
miserablen Haftbedingungen? DAS IST UNMENSCHLICH! SCHLUSS DAMIT. SOFORT!

Ein Unding in einer zivilisierten Welt, die Euch noch leid tun wird, wenn
nicht bald Schluss damit ist!

(Katastrophale Zeilenumbrüche übernommen)

Hui, da weiß man ja gar nicht, wo man anfangen soll!

Versuchen wir es mal so: Nachdem anfangs von einem “Urlaubsflirt”, dann von einer “Knutscherei” die Rede war, hat inzwischen offenbar auch Marco W. “sexuelle Kontakte” eingeräumt. Damit hätte sich Marco W., wie im Lawblog ausgeführt wird, auch in Deutschland strafbar gemacht – auch wenn das Bundesjustizministerium offenbar Gegenteiliges verlautbaren lässt.
Dafür, dass “das Gesetz” nur geschaffen wurde, “damit es zu keinen Zwangsehen kommt”, findet sich in der gesamten Berichterstattung zu der Geschichte kein einziger Anhaltspunkt. Ich bin kein Experte für türkische Gesetze, möchte aber annehmen, dass sich ein solches Detail wenigstens in einem Teil der Artikel wiedergefunden hätte.
Auch will mir der Hinweis “der in Eurem Land Urlaub macht” nicht so ganz einleuchten: Soll die türkische Polizei etwa davon absehen, Touristen zu inhaftieren, weil die ja so nett sind, das Geld ins Land zu bringen, oder was?
Kommen wir zu den Haftbedingungen: Die sind, nach allem (nun ja: fast allem), was man liest, in der Tat “miserabel” – aber wohl für alle Gefangenen. Wenn die (sicherlich berechtigte) Aufregung darüber dazu führen würde, dass sich jetzt ein paar Hundert Leute bei Amnesty International engagieren, wäre das ein positives Signal, das man dem ganzen Fall abgewinnen könnte – ich glaube aber leider nicht daran.

Natürlich darf man Mitleid mit einem 17jährigen haben, der in einem fremden Land ins Gefängnis gesteckt worden ist. Ich will auch nicht über Schuld, Unschuld, moralische Vorstellungen oder gar den vermeintlichen Tathergang diskutieren.
Aber an diesem Fall wundert mich doch so einiges:

  • Warum dauerte es nach der Festnahme des Jungen am 11. April über zwei Monate, bis der Fall letzte Woche in der deutschen Presse ankam?
  • Wie würde die deutsche Bevölkerung, die deutsche Presse reagieren, wenn sich der türkische Außenminister Abdullah Gül lautstark für die Freilassung eines türkischen Staatsbürgers in Deutschland, dem ähnliches vorgeworfen wird, aussprechen würde?
  • Wo war Frank-Walter Steinmeier, als das letzte Mal ein deutscher Staatsbürger unter extremen Bedingungen im Ausland inhaftiert war? Oh, Moment, das wissen wir ja …
  • Welchen Zweck sollen solche E-Mails erzielen?

Womöglich stehen die Absender dieser beginnenden Kettenmail Marco W. nahe. Sie haben natürlich das Recht, besorgt und verzweifelt zu sein. Sie haben aber kein Recht, Halb- und Unwahrheiten zu verbreiten, und diffuse Drohungen (“die Euch noch leid tun wird”) auszustoßen.

Und wie immer, wenn Menschen mit Internetanschluss besorgt sind und irgendwas tun wollen, wird es auch diesmal nur eine Frage der Zeit bleiben, bis es dazu eine StudiVZ-Gruppe geben wird …

Nachtrag 28. Juni, 00:58 Uhr: Carsten Heidböhmer ruft in seinem Kommentar bei stern.de zu weniger Hysterie in Sachen Türkei (und Polen) auf. Sollte man gelesen haben.

Nachtrag 29. Juni, 18:35 Uhr: Bei mein Ding ist man weniger optimistisch/naiv als ich:

Das kommt mir vor wie ein Ablenkungsmanöver, um den Anschein zu erwecken, es sei ein Appell von Freunden des Inhaftierten.

So I start a revolution from my bed

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 27. Juni 2007 15:07

Gallagher Lane in San Francisco, CA

Zur Stunde ist ja bekanntlich Machtwechsel in Großbritannien. Das ist an sich schon ganz großes Kino, gewinnt aber noch mehr Qualität durch die (natürlich hervorragende) news coverage von BBC World:

Ein Beitrag, in dem ein Intimus über den designierten Premierminister Gordon Brown spricht, wurde mit dem Intro von “Wonderwall” unterlegt, und zum Abschluss gab es dann noch mal die schönsten Bilder aus Tony Blairs zehnjähriger Amtszeit, unterlegt mit? Na klar: “Don’t Look Back In Anger”.

Und jetzt stellen wir uns mal vor, ARD und ZDF unterlegten den nächsten Regierungswechsel in Deutschland mit … äh … mit … Ach verdammt, der Vergleich hinkt doppelt …

Totgeglaubte leben länger

Von Kathrin Grannemann
Veröffentlicht: 25. Juni 2007 19:21

Erinnert sich eigentlich noch einer an My Vitriol? Mit “Always: Your Way” hatten sie 2001 einen der Hits in der Indieszene, es folgte ein etwas weniger erfolgreiches “Grounded” und das war es dann irgendwie. Verschwunden, einfach so. Als einzige Erinnerung das Album “Finelines”, das öfter mal wieder auf dem Regal gezogen und gehört wurde. Schöne, zeitlose Gitarrenmusik, die sich auch heute noch hören lassen kann.

Damals habe ich mich immer fleißig in Bandnewsletter eingetragen, und endlich hat es sich doch mal ausgezahlt, dass ich das so gewissenhaft betrieben habe. Denn genau wie Vega4 vor einigen Monaten melden sich My Vitriol nun zurück. Mit einer neuen EP kurz vor der Veröffentlichung. Heute dann der Startschuss:

The strictly limited edition EP ‘A Pyrrhic Victory’ is out NOW via Xtra Mile Recordings. Only 1500 CDs will be available, so be quick!

Was mir bei iTunes entgegenschallt, ist gar nicht mal übel. Mein Gefühl sagt mir, sie sind etwas opulenter geworden. Vertrackter. Ausgefeilter. Was mir irgendwie etwas fehlt, ist die Melodiösität, die ich an “Finelines” so liebe. Aber vielleicht braucht wahre Liebe manchmal ein wenig Zeit. Ich werde berichten.

Brüh im Lichte dieses Glückes

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 25. Juni 2007 15:58

Folgende G-8-Staaten haben ihre Nationalhymne in ihrer Verfassung festgelegt:

Und folgende nicht:

  • Deutschland (1952 in einem Briefwechsel zwischen Kanzler Adenauer und Bundespräsident Heuss festgelegt)
  • Großbritannien (hat nicht mal eine Verfassung)
  • Italien (seit 1946 “vorläufige Nationalhymne”, 2005 per Dekret des Staatspräsidenten offiziell eingeführt)
  • Japan (seit dem 12. Jahrhundert, nach dem zweiten Weltkrieg erst 1999 wieder gesetzlich festgelegt)
  • Kanada (1980 gesetzlich festgelegt)
  • USA (1931 gesetzlich festgelegt)
  • Russland (2001 von Präsident Putin festgelegt)

Warum ich das schreibe? Ich habe bei der letzten Bochumer pl0gbar mit Jens gewettet. Vielmehr: Ich habe ihm nicht glauben wollen, dass “höchstens die Hälfte der G-8-Staaten” ihre Hymne in ihren jeweiligen Verfassungen festgelegt haben. Wir sehen: Es ist genau ein Achtel (und auch noch genau das Frankreich, das Jens vorhergesagt hatte). Gut, dass wir nur ums Recht gewettet haben …

Warum ich das jetzt alles schreibe? Nun ja: Morgen isses wieder soweit.

Just The Faces Change

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 25. Juni 2007 0:42

Gerade rief meine Mutter an, um mir mitzuteilen, dass der WDR-Rockpalast das Konzert von Travis bei Rock am Ring zeige. Soviel zur Frage, wo Musikjournalisten ihre Informationen herhaben.

Jetzt guck ich mir das an, erfreue mich an der herrlichen Musik, frage mich, wann die wohl auf Tour kommen, und stelle fest: Fran Healy sieht inzwischen ein bisschen aus wie der uneheliche Sohn von Oliver Welke und Phil Collins!

Bochum-Total-Tagebuch (Tag 4)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 24. Juni 2007 23:26

Heute war das Wetter gar nicht mal so schlecht. Dafür das Programm

Also bleibt nur noch das Fazit für 2007: Voll wie üblich, aber ein sehr schönes, vielseitiges Line-Up. Nur halt Pech mit dem Wetter.

Und warum sämtliche Supermärkte in der Innenstadt, die sonst am Total-Wochenende den besten Umsatz des Jahres (im Segment “alkoholische Getränke”) machen, dieses Jahr alle Schlag 17 Uhr (Konzertbeginn) geschlossen haben, kriege ich auch noch raus …

Bochum-Total-Tagebuch (Tag 3)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 24. Juni 2007 14:33

Das Ruhrgebiet im Allgemeinen und Bochum im Speziellen ist ein Ort, an dem sich Menschen, die von unseren Eltern in den Achtzigern “Grufties” genannt wurden, gerne treffen und gemeinsam Musik hören, die von sehr teuren Synthesizern erzeugt wird, und zu der Männer (tief) und Frauen (hoch) Texte singen, die im Allgemeinen von Schmerz, Tod und Nacht handeln. Die einzige Musikrichtung, die mich noch weniger interessiert als Gothic/EBM ist Reggae, aber wer wäre ich, das Line-Up des Bochum Total zu kritisieren, zumal nach diesem Auftakt? Es ist halt wirklich für jeden Geschmack etwas dabei und so kam ich am gestrigen Samstag wieder zweimal auf meine Kosten:

Sugarplum Fairy (Eins-Live-Bühne)
Victor und Carl Norén, die beiden Sänger von Sugarplum Fairy sind die kleinen Brüder von Gustaf Norén von Mando Diao. Als letztere vor zwei Jahren auf dem Haldern Pop spielten, regnete es in Strömen, ich saß im Pressezelt und langweilte mich, denn die Band war live mindestens so schwach wie Franz Ferdinand am Abend zuvor.

Gestern war also Bochum Total, es regnete immer mal wieder, ich stand vor der Bühne und war hellauf begeistert. Die kleinen schwedischen Rotzlöffel (hab grad extra nachgeguckt: wenigstens der Schlagzeuger ist älter als ich, wenn auch nur eine Woche) haben sich natürlich viel bei der Schwesterband und vor allem bei Oasis abgeguckt, aber bei allem Gepose war noch der Spaß dahinter zu erkennen und es klang einfach gut. Sie spielten viele Songs vom aktuellen Album “First Round First Minute”, wobei sich Carl, Victor und David Hebert ständig an Bass, Gitarre, Orgel und Gesang abwechselten, was ich immer besonders schön finde. Die meiste Stimmung kam aber bei den Hits des Debütalbums auf: bei “Morning Miss Lisa”, “Sail Beyond Doubt”, “(And Please) Stay Young” und dem überragenden “Sweet Jackie”, das Noel Gallagher sicher gerne geschrieben hätte, wenn die Noréns es nicht aus seinen größten Hits zusammengepuzzelt hätten.

Es wäre also ein rundherum gelungenes Rock’n’Roll-Konzert gewesen, hätte Carl Norén nicht plötzlich die vierte Wand eingerissen und das Oasis’sche “Wonderwall” angestimmt. Da zeigte sich nämlich für einen Moment, dass Sugarplum Fairy letztendlich doch noch nur Ersatzbefriedigung für das lauthals mitgrölende Publikum waren. Andererseits haben Oasis ja auch oft genug die Beatles gecovert …

Tocotronic (Eins-Live-Bühne)
Tocotronic beim Bochum Total 2007Beim bereits oben erwähnten Haldern 2005 kam mir Musikexpress-Redakteur Josef Winkler im Pressezelt entgegengerauscht, flötete “Tocotrooooonic!” und entschwand Richtung Bühne (in meiner Erinnerung trug er ein Feengewand und Bänder im Haar, aber ich mag mich da durchaus irren). Der Auftritt damals war schlichtweg fantastisch und das große Finale mit “Neues vom Trickser” endete in dem Unwetter, was den Mando-Diao-Auftritt begleiten sollte.

Diesmal nieselte es nur leicht, was in Sachen Spezialeffekte ja beinahe langweilig ist. Trotzdem waren Dirk “der Graf” von Lowtzow und die Seinen wie allgemein üblich sehr, sehr gut. Es gab einiges an neuem Liedwerk vom noch unveröffentlichten Album “Kapitulation” zu hören (das wieder sehr gut wird) und eine Art Greatest-Hits-Revue, die sich den Mainstream-Hits “This Boy Is Tocotronic” und “Let There Be Rock” konsequent verweigerte. Dafür gab es beispielsweise bei “Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen” und dem finalen “Freiburg” die wohl größten Studentenchöre der Welt zu hören (Trainingsjacken inklusive) und bei “Aber hier leben, nein danke” flog kein einziger Becher auf die Bühne.

Detail am Rande: Ein etwa sechs- bis achtjähriges Mädchen im Tocotronic-Bandshirt auf den Schultern seines Vaters, das den Refrain der aktuellen Single “Kapitulation” begeistert und aus einem Schneidezahnlosen Mund mitsang.

Das verwendete Foto stammt von Kathrin. Hier hat sie noch mehr vom Bochum Total.

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