Die Umwelt retten mit Ole von Beust und welt.de

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. Juli 2007 0:22

Heute findet, wie Sie vielleicht mitbekommen haben, Rund um die Welt “Live Earth” statt. (Wenn Sie es nicht mitbekommen haben, sind sie entweder nicht sonderlich lebendig oder gerade nicht auf der Erde.)

welt.de betreibt dazu eine Art Liveblog irgendwas aktuelles mit Schrift. Und inmitten dieses Textes findet sich mal eben die Lösung, wie man dieses ganze CO2, das ja bekanntlich in großen Mengen für den Treibhauseffekt mitverantwortlich ist, schnell und praktisch loswird:

Hamburger Kraftwerk verbraucht CO2
(Screenshot: welt.de, Hervorhebung: Coffee & TV)

Also müssten wir nur genug von diesen Kraftwerken bauen und schon hätten keine CO2-Sorgen mehr wären wir alle tot.

Listenpanik (4): Knietief im Pop

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. Juli 2007 14:23

Dank der zu Anfang etwas kruden Abrechnungszeiträume war Teil 3 unserer Serie für den Mai gedacht, dieser (vierte) befasst sich also mit den Alben und Singles des Monats Juni. Wie immer streng subjektiv und ohne den Hauch eines Anspruchs auf Vollständigkeit – und diesmal besonders poppig:

Alben (inkl. Amazon.de-Links)
1. Crowded House – Time On Earth
Crowded House war trotz der großen Hits (“Weather With You”, “Don’t Dream It’s Over”, “Four Seasons In One Day”, …) die Band, die kaum jemand kannte. Das änderte sich auch nicht groß, als sich die Band 1996 auflöste und ihr Kopf Neil Finn alleine und mit seinem Bruder Tim schöne bis großartige Pop-Alben veröffentlichte. Jetzt hat sich die Band in Beinahe-Originalbesetzung (Schlagzeuger Paul Hester beging 2005 Selbstmord) wieder zusammengetan und ihr fünftes reguläres Album veröffentlicht. Und man muss sagen: Wenn es je eine Band verdient hat, das musikalische Erbe der Beatles anzutreten, dann Crowded House. Die wunderschönen, oft melancholischen Melodien purzeln nur so aus den Boxen und Songs wie die Single “Don’t Stop Now” hätten es verdient, mindestens so berühmt zu werden wie “Weather With You”.

2. Jupiter Jones – Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich
Zweieinhalb Jahre nach ihrem Debüt sind Jupiter Jones zurück und machen beinahe da weiter, wo sie aufgehört haben. Zu den grandiosen Texten über Liebe und Einsamkeit, Aufbruch und Aufgeben hat sich die Band musikalisch weiterentwickelt und beeindruckt jetzt mit Bläsern, Streichern und natürlich auch weiterhin mit jede Menge Feuer unterm Arsch. Nenn’ es Punkrock, nenn’ es Deutschrock oder Emo – das ist eigentlich egal, denn es ist und bleibt gut: Musik mit kathartischer Wirkung.

3. Mark Ronson – Version
Mark Ronson ist DJ und Produzent (Lily Allen, Robbie Williams, …) und das, was er auf seinem zweiten Soloalbum betreibt, ist das, was ein DJ und Produzent eben so macht: Songs ineinander übergehen lassen und überraschende Klänge hervorzaubern. Neun Coverversionen gibt es, zwei Remixe und drei Instrumentaltracks und die Gaststars geben sich die Klinke in die Hand: Die charmante Lily Allen gewinnt “Oh My God” von den Kaiser Chiefs ein weibliche Londoner Komponente ab, Daniel Merriweather schmachtet sich durch “Stop Me” von The Smiths, Phantom-Planet-Sänger Alex Greenwald bezwingt (wie schon auf diesem Tribute-Sampler) Radioheads “Just” und Robbie Williams darf bei “The Only One I Know” von den Charlatans zeigen, dass er immer noch singen kann. Dazu gibt’s fette Beats und satte Bläser und schon hat man etwas ganz seltenes: ein Album, dass man auf einer Party durchlaufen lassen kann.

4. Ryan Adams – Easy Tiger
Fast anderthalb Jahre lagen zwischen der Veröffentlichung von “29″ und “Easy Tiger” – Ryan Adams hatte doch nicht etwa eine Schreibblockade? Iwo: Der leicht verpeilte Alt.-Country-Rocker hat nur Anlauf genommen und will dieses Jahr noch ein Boxset mit Outtakes und Raritäten veröffentlichen. Vorher gibt es aber “Easy Tiger”, das so ziemlich alle Qualitäten des früheren Whiskeytown-Sängers vereint: Rock’n’Roll-, Folk-, Country- und Popsongs stehen nebeneinander wie Geschwister, die sich nicht so hundertprozentig ähnlich sehen, aber doch den gleichen Papa haben. Es ist Adams’ abwechslungsreichstes Album seit dem phantastischen “Gold” und vielleicht auch sein bestes seitdem. Das merkt man u.a. daran, dass bei “Two” noch nicht mal Sheryl Crow stört.

5. Ghosts – The World Is Outside
Jedes Jahr kommen junge britische Bands zu uns, die die Nachfolge von a-ha oder wenigstens der New Radicals antreten wollen. Bei manchen (Keane) klappt das, andere laufen zwar im Radio, schaffen den Durchbruch dann aber doch nicht (Orson, The Feeling, Thirteen Senses. …). Wozu Ghosts gehören werden, ist noch nicht abzusehen. Man kann aber schon sagen, dass sie schicke Popmusik machen, die uns durch den Sommer begleiten soll – egal, wie das Wetter noch wird. Das klappt vielleicht nich über die volle Albumdistanz und ist auch alles andere als neu, aber eben doch sehr nett gemacht. Wer jetzt sagt: “Na, das ist aber kein besonders überzeugendes Plädoyer”, dem sage ich: “Kann schon sein. Aber hören Sie sich das einfach mal an, es könnte Ihnen gefallen.”

Singles (inkl. iTunes-Links)
1. Beatsteaks – Cut Off The Top
Das dazugehörige Album hatte ich hier schon sträflich vernachlässigt, die Single muss aber rein. Die Beatsteaks machen mal wieder alles richtig und hauen einen schwer zu kategorisierenden Song (und ein tolles Video) raus. “Damage! Damage!”

2. Smashing Pumpkins – Tarantula
Dafür bringt man als 16-Jähriger all sein Taschengeld zum Tickethändler und geht auf ein Konzert der “Abschiedstournee”, damit sich die Band sieben Jahre später reformiert. Oder: Damit sich Billy Corgan ein paar neue Banddarsteller auf die Bühne stellt und Paris Hilton aufs Single-Cover klatscht. Der Song ist aber schon recht beachtlich, der einzige andere Ur-Pumpkin Jimmy Chamberlin knüppelt sich durch mindestens vier verschiedene Rhythmen und ich muss gleich dringend los und mir das Album kaufen. Bleibt nur die Frage: Was ist mit dem “The” im Bandnamen passiert?

3. Mika – Relax (Take It Easy)
Mika habe ich ja schon einige Male gefeiert (z.B. hier sein Album), “Relax” kann man ruhig aber noch mal extra erwähnen. Für alle, die keine Cutting-Crew-Samples und keine Kopfstimmen mögen, ist der Song natürlich eine Zumutung, für mich eine charmant durchgeknallte Disco-Nummer, die auch durch die Verwendung im Werbefernsehen keinen großen Schaden nimmt.

4. Ghosts – Stay The Night
Schon wieder Ghosts. Ja, das ist halt eingängiger Radiopop und “Stay The Night” das, was man wohl als “Gute-Laune-Musik” bezeichnen würde, wenn das nicht ein absolut widerlicher, bescheuerter Begriff wäre. Mal darüber nachgedacht, dass diese Singles-Liste immer so poplastig sein könnte, weil so wenig Mathcore- oder Experimental-Bands Singles veröffentlichen? Ist mir auch gerade erst aufgefallen.

5. Take That – Reach Out
Jawoll, ich bin endgültig wahnsinnig geworden und packe Take That auf meine Liste. Aber wieso eigentlich wahnsinnig? Das ist doch wohl einfach ein schöner Popsong, sauber geschrieben und gut gesungen. Und um mich gleich richtig lächerlich zu machen: Bin ich der einzige, den die Strophen an “Die Tiere sind unruhig” von Kante erinnern?

Die Ohnmacht der Möglichkeiten

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. Juli 2007 12:31

Beim Blick auf meinen Kalender habe ich gerade festgestellt, dass in vier Wochen ja schon wieder Haldern Pop ist. Seit sieben Jahren fahre ich nun auf dieses sympathische Festival am schönen Niederrhein und es hat sich bisher immer gelohnt. Ich hoffe nur inständig, dass sich das Wetter bis zum 2. August noch bessert, denn ein drittes Jahr mit Platzregen und Schlammschlacht in Folge würde mir so langsam dann doch mal auf die Ketten gehen.

Das Line-Up ist dieses Jahr ein bisschen … äh: ungewöhnlich, spielen mit Jan Delay und Jamie T doch zwei Künstler, die auf den ersten Blick nicht soooo viel mit Indie zu tun haben. Auf den zweiten natürlich schon und überhaupt: Schubladendenken ist den Haldern-Machern von Raum3 völlig fremd, deswegen gibt es jedes Jahr eine außergewöhnliche Mischung aus Szenegrößen, gerade durchbrechenden Acts und vorher noch völlig unbekannten Künstlern. Geradezu bezeichnend ist die Tatsache, dass die schwächsten Auftritte der letzten Jahre ausgerechnet die der Superstars Franz Ferdinand und Mando Diao waren – die sorgten aber immerhin für eine Indiemädchenquote, über die sich so manche “Ladies Night” freuen würde.

Für dieses Jahr sind unter anderem angekündigt: Two Gallants, Naked Lunch, The Electric Soft Parade, Polarkreis 18, The View, Jamie T, The Magic Numbers, Sebastien Tellier, Johnossi, Architecture In Helsinki, Shout Out Louds, Jan Delay & Disko No. 1, Ghosts, Duke Special, The Earlies, …

Je länger man sich das Line-Up anguckt, desto besser wird es eigentlich. Zugegeben: Im letzten Jahr hatte ich mit Element Of Crime, The Divine Comedy und James Dean Bradfield gleich drei persönliche Helden, auf die ich mich freuen konnte. Aber ich nehme an, ich werde auch dieses Jahr wieder begeistert zurückkommen. Wenn das Wetter stimmt …

Haldern Pop Festival
vom 2. bis 4. August in Rees-Haldern (Ndrh.)
Tickets gibt’s offenbar noch hier

Like a robot from 1964

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Juli 2007 19:27

Tom Jones ist eine coole Sau, daran sollte es keinen Zweifel geben. Zwar oszilliert der Mann immer zwischen hochnotpeinlich und richtig cool, aber allein sein Auftritt in “Mars Attacks!” und sein großartiges “Reload”-Album sollten ausreichen, um den Mann zu feiern.

Am vergangenen Sonntag stand er beim Gedenkkonzert für Prinzessin Diana auf der Bühne des Londoner Wembley Stadiums und sang …

“I Bet You Look Good On The Dancefloor” von den Arctic Monkeys. Nicht so cool wie das Original und nicht so charmant wie die Sugababes, aber schon irgendwie ganz spaßig für einen 67-Jährigen. Wenn man nur nicht das Gefühl hätte, die Band würde eigentlich “Venus” spielen …

Die Trennung von Staat und Irrsinn

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Juli 2007 16:11

Es gibt Situationen, in denen gibt es kein “richtig” und kein “falsch”. Man steht als Unbeteiligter davor, guckt sie sich an und ist froh, dass man nicht gezwungen ist, eine Position einzunehmen. Aber man kann sich so seine Gedanken machen.

Hier ist so ein Situation: Tom Cruise will/soll/wird in “Valkyrie”, dem neuen Film von Bryan Singer, Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielen, einen der Drahtzieher des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Cruise ist aber Mitglied bei Scientology und deshalb sind verschiedenste Personen dagegen, dass Cruise an Originalschauplätzen drehen darf bzw. Stauffenberg überhaupt spielen soll.

Uff! Da muss man sich schon eine ganze Menge Gedanken machen, um diese Situation einigermaßen zu entwirren. Gehen wir also der Reihe nach vor:

Scientology ist eine höchst umstrittene Organisation, die je nach Sichtweise als “Kirche”, “Sekte” oder “Wirtschaftsunternehmen” bezeichnet wird. Als Einführung in die Lehren von L. Ron Hubbard sei jedem dieser erhellende Ausschnitt aus der “South Park”-Folge “Trapped In The Closet” empfohlen (“This is what Scientologists actually believe”) – wobei Religionskritiker sicherlich sagen würden, die dort vorgestellte Geschichte sei auch nicht bedeutend alberner als die Erschaffung der Welt in sechs Tagen und die Entstehung der Frau aus einer Rippe des Mannes. Scientologys Methoden sind sicherlich höchst beunruhigend und eigentlich kann man die Institution nur als Gehirnwäscheverein bezeichnen. Andererseits ist nach Artikel 4 des Grundgesetzes die “ungestörte Religionsausübung” gewährleistet – und wie sollte bei einer Trennung von Staat und Kirche der Staat bestimmen können, was eine “echte” Religion ist und was nicht?

Das führt unweigerlich auch zu der Frage, ob es eine Trennung zwischen dem Schauspieler und Produzenten Tom Cruise und dem Scientologen Tom Cruise gibt. Schon 1996 rief die Junge Union zu einem Boykott von “Mission: Impossible” auf, was insofern schon eine gelungene Aktion war, als dadurch erstmalig die Methoden und Lehren von Scientology in den Focus einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland gelangten. Allein: “Mission: Impossible” hatte natürlich außer seinem Hauptdarsteller und Produzenten nicht viel mit Scientology zu tun – im Gegensatz zu “Battlefield Earth”, das auf einem Roman von L. Ron Hubbard basierte, den ebenfalls berühmten Scientologen John Travolta in der Hauptrolle hatte und als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten gilt. Für “Valkyrie” steht unter Regisseur Bryan Singer (“X-Men”, “Die üblichen Verdächtigen”, …) indes wenig bis gar keine Verzerrung des Stoffs zu befürchten (und mal ehrlich: Wie sollte man Hubbards Science-Fiction-Welten in eine Deutschland-Anno-’44-Geschichte packen?).

Die Sektenexpertin der CDU/CSU-Fraktion, Antje Blumenthal, teilte mit, dass das Bundesverteidgungsministerium, das heute im Berliner Bendlerblock residiert, in dem Stauffenberg sein Attentat plante und wo er auch hingerichtet wurde, einen Dreh am Originalschauplatz mit der Begründung ablehne, eine Drehgenehmigung für “einen ranghohen Scientologen in einem Bundesgebäude” käme einer bundespolitischen Anerkennung gleich – und das, bevor auch nur der Antrag auf eine Drehgenehmigung vorlag. Allein dieser “Dienstweg” sollte mindestens für skeptische Blicke und Stirnrunzeln sorgen.

In der “Süddeutschen Zeitung” gab es gestern einen sehr interessanten Kommentar von Andrian Kreye und die “FAZ” druckte einen länglichen Text des deutschen Oscar-Preisträgers Florian Henckel von Donnersmarck, in dem dieser über Stauffenberg, Cruise und die “deutsche Verbotsgeilheit” philosophiert. Mitunter schießt er dabei ein wenig übers Ziel hinaus, beweist damit aber auch, dass er mit seinem Pathos und Liberalismus (sowie natürlich mit seinem beachtlichen Ehrgeiz) in den USA wirklich besser aufgehoben zu sein scheint als in Deutschland. Donnersmarck argumentiert, dass man die größten und wichtigsten Geschichten nur dann einem großen Publikum erzählen könne (und wer sollte etwas dagegen haben, Stauffenbergs Geschichte in die Welt zu tragen?), wenn man sie mit großen Stars verfilme – ein Standpunkt, für den er postwendend von Peter Steinbach, dem Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, eine drübergebraten bekam.

Im Kern hat der streitbare Donnersmarck aber sicher nicht unrecht: Mit dem ihr eigenen Fingerspitzengefühl hat es die deutsche Politik geschafft, das Thema Widerstand an den Rand zu drängen und durch das Thema Scientology zu ersetzen. Es sind sicher beides wichtige Themen, aber die Wichtigtuer aller Parteien hätten sich kaum einen ungeeigneteren Hintergrund aussuchen können, um das staatliche Verhältnis zu Religion und Kunst zu diskutieren.

Auch ich halte Scientology für gefährlich und wünsche mir (gerade angesichts der aktuellen Deutschland-Offensive) Aufklärung über deren Machenschaften und meinetwegen auch Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Ich sehe mir aber trotzdem Filme an, in denen Tom Cruise mitspielt (es gibt da ja hin und wieder auch mal gute mit ihm) – wohlwissend, dass ein Teil des Geldes, das er als Produzent damit verdient, an Scientology gehen wird. Ich kann Cruise als Person (spätestens seit seinem Auftritt bei Oprah Winfrey) kein bisschen ernst nehmen, ich halte ihn aber für einen ziemlich guten Schauspieler und er ist zweifellos einer der größten Stars unserer Zeit. Pete Doherty ist ja auch nur die Parodie eines Rock’n’Rollers und trotzdem ein guter Musiker.

Was können wir also aus der ganzen Chose lernen? Deutschen Politikern ist es egal, vor welchem Hintergrund sie sich profilieren können, solange sie dadurch in die Presse kommen. Auch die größten Filmstars der Welt können sich nicht darauf verlassen, überall reinzukommen. Schauspieler können noch so gut spielen, sie bleiben auch immer sie selbst. Florian Henckel von Donnersmarck wollte sich als Zehnjähriger im Garten von Marion Yorcks Dahlemer Villa das Hemd ausziehen. Und: Es gibt Situationen, in denen es weder “richtig” noch “falsch” gibt, und bei denen man froh sein kann, dass man nicht gezwungen ist, eine klare Position einzunehmen.

Warum Wolfgang Schäuble nie “Krieg und Frieden” geschrieben hätte

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Juli 2007 0:52

Wenn kleine Kinder wirres Zeug reden, nennt man sie krank und steckt sie ins Bett. Wenn erwachsene Männer wirres Zeug reden, nennt man sie Politiker und steckt sie ins Kabinett.

Wolfgang Schäuble hat sich also mal wieder der Presse gestellt und dabei verräterisches bemerkenswertes gesagt:

Die Unterscheidung zwischen Völkerrecht im Frieden und Völkerrecht im Krieg passt nicht mehr auf die neuen Bedrohungen.

Könnte in etwa heißen: Guantanamo wäre auch auf Helgoland möglich – aber Folter schließt Schäuble ja eh seit längerem nicht mehr aus. Und selbstverständlich will er auch weiterhin die Bundeswehr im Inneren einsetzen.

Auslöser der neuerlichen Diskussion sind natürlich die vereitelten Anschläge in Großbritannien vom vergangenen Wochenende. Aber nur noch mal zur Erinnerung: Nicht Onlinedurchsuchungen von Festplatten, Vorratsdatenspeicherung oder Folter haben schlimmeres verhindert, sondern der Geruch von ausströmendem Gas und ein Poller.

P.S.: Wer Wolfgang Schäuble bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus behilflich sein will, kann unter informiert-wolfgang.de verschiedenste Formulare herunterladen, mit denen man für sich und sein direktes Umfeld Entwarnung geben kann. Dann muss Schäuble nicht alles observieren lassen.

Ich und McClane

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 3. Juli 2007 19:39

Stirb langsam 4.0 (Plakat)Es gibt ja Filme, die hat man gefühlte Tausendmal gesehen. Bei mir ist “Stirb langsam – Jetzt erst recht” (Nr. 3 der Serie) so ein Fall (das letzte Mal im letzten November an Bord eines Flugzeugs von New York nach Oakland). Teil 1 habe ich bestimmt auch schon ein Halbdutzend Mal gesehen – nur Teil 2 fehlt mir bis heute. Jedes Mal, wenn er im Fernsehen läuft, ist irgendwas: Geburtstagsfeier, Bochum Total oder der Papst stirbt.*

Deshalb fehlt mir natürlich ein gewisser Teil des Ganzen, aber ich glaube, man kann “Stirb langsam 4.0″ (erst dachte ich ja: “Doofer Titel”, aber er passt ganz gut zur Thematik) auch ganz ohne Vorkenntnisse der Serie schauen – nur die Running Gags und Querverweise bekommt man dann nicht immer mit. Es gibt in diesem Sommer aber sicher ganz andere Fortsetzungen, die auf eine fortlaufende Handlung setzen.

Bruce Willis ist zum vierten Mal John McClane, der New Yorker Polizist, der schon so ziemlich alles durchgemacht hat. Diesmal soll er eigentlich nur einen jungen Hacker (Justin Long) ans FBI überführen, aber natürlich kommt alles ganz anders, als Cyberterroristen die komplette Infrastruktur der USA in ihre Gewalt bringen wollen.

Diesmal ist es also kein Einer-gegen-Alle-Kampf im Hochhaus wie in Teil 1 (obwohl es gegen Ende des Films noch ein paar schöne Verweise in die Richtung gibt) und keine Schnitzeljagd wie in Teil 3 (auch wenn McClane wieder einen ungeliebten Begleiter hat und auch diesmal die meiste Zeit über nur in fernmündlichem Kontakt zum Oberschurken steht). “Stirb langsam 4.0″ ist also irgendwie ein Destillat der bisherigen Teile und hat trotz seines recht schlicht anmutenden Plots einen gut konstruierten Ablauf.

Bruce Willis ist natürlich wieder genau die coole Sau, für die man ihn so liebt, und die Action vor allem eins: laut, hell, brutal. McClane steht in der heutigen Welt der Hacker und Mobiltelefone für die alte, rohe Handarbeit und Willis steht eigentlich für eine ganz andere Generation von Actionfilmen: Denn natürlich kommt auch “Stirb langsam 4.0″ wie beinahe jeder Actionfilm diesseits von 1999 nicht ohne Computerbildschirme, Kung-Fu-Elemente und prügelnde Frauen (nix gegen Maggie Q …) aus – es wäre also dringend an der Zeit, dass mal irgendjemand einen Film dreht, der “Matrix” als Genreprägendes Werk ablösen kann.

Außer dieser Ranschmeiße an die Jugend (“Ihr wart ja noch nicht mal geplant, als der erste Teil im Kino lief!”) kann man dem Film und seinem Regisseur Len Wiseman (“Underworld”, “Underworld: Evolution”) aber nichts vorwerfen. Die wenigsten Logik- und Schnittfehler fallen einem während des Films auf und hinterher hat man viel zu viel Adrenalin in der Blutbahn, um über solche Lappalien reflektieren zu können.

Das Thema Cyberterrorismus ist gar nicht mal so abwegig und man ist fast versucht, von “erschreckend realistischen Szenarien” zu faseln. Um keine Vorurteile zu schüren oder von der Realität überholt zu werden, reden die Bösen aber abwechselnd französisch, italienisch und englisch (hierzulande natürlich deutsch) und sehen auch kein bisschen arabisch aus. Und der Oberbösewicht (Timothy Olyphant) ist noch nicht mal in der Originalfassung Deutscher …

Auch wenn außer John McClane (und um den geht’s ja schließlich) nur wenige verbindende Elemente, die über das Selbstzitat hinausgehen, existieren: “Stirb langsam 4.0″ ist ein würdiger Nachfolger (und möglicher Schlusspunkt) der Serie. Es ist einer dieser rar gewordenen Actionfilme, die noch richtig Wumms haben anstelle von computeranimierten Kamerafahrten. Man könnte auch in die Kiste mit der Aufschrift “elendige Klischeesätze” greifen und sagen bzw. schreiben: eine 130minütige Achterbahnfahrt, perfektes Popcorn- bzw. Sommerkino. Würde auch stimmen.

Offizielle Website zum Film
Offizielle deutsche Website zum Film

* Es gehört zu den besonderen Details dieser Welt, dass einer der wenigen deutschen Fernsehsender, der sein Programm beim Tod Johannes Paul II. munter fortsetzte, Pro Sieben war – mit besagtem “Stirb langsam 2″.

Muse auf dem Straßenstrich

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. Juli 2007 19:45

Heute waren also die Gutachter der Eliteunibeschaukommission an unserer … äh: schönen Ruhr-Uni unterwegs. Das erklärt so einiges:

  • Seit Wochen werden Betondecken und -wände neu gestrichen. Das Wegweisersystem ist auf den neuesten Stand gebracht und das Pflaster gereinigt worden. Sogar die Waschbetonplatten auf dem Campus wurden angehoben und neu verlegt, wodurch sie ihr charakteristisches Klappern verloren haben. Und wenn irgendwelche krass coolen Styler die frisch gestrichenen Flächen mit Eddings getaggt haben, wurden die eben noch mal gestrichen.
  • Die sog. Studentenvertreter, denen ich seit jeher skeptisch gegenüberstehe und von denen ich mich fast genauso schlecht vertreten fühle wie von unseren Politikern, verteilen Flyer, plakatieren auf den frisch gereinigten Flächen und laufen mit Transparenten umher, die sinngemäß aussagen: “Eliten sind doof”.
  • Heute stand die Polizei (nicht Toto & Harry, das muss man in Bochum ja immer dazusagen) auf dem Campus und las “Bild”-Zeitung.

Mir fehlt das Hintergrundwissen zum Thema “Vor- und Nachteile einer Eliteuniversität” (und weder meine Studentenvertreter noch meine Univerwaltung waren in der Lage, mir diese darzulegen) und ich finde es natürlich auch lustig, wenn die mitunter reichlich heruntergekommene Ruhr-Uni plötzlich so rausgeputzt wird.

Ich finde es aber auch schön, dass sie so rausgeputzt wird, denn ich gehe lieber über einen rausgeputzten, als über einen verwahrlosten Campus. Deshalb finde ich es auch nicht schön der Uni, den Studenten und den Handwerkern gegenüber, wenn frisch rausgeputzte Flächen wieder mit irgendwelchen aussagelosen Schmierereien bekrakelt werden. Auch aussagevolle Schmierereien sollten aus Gründen der Ästhetik und der Höflichkeit woanders untergebracht werden.

Ich kann zum Thema Uni aber noch hinzufügen, dass es in der “Süddeutschen Zeitung” [via Der Morgen] und in der “Netzeitung” zwei recht aufschlussreiche Artikel über die Folgen der Bachelor-/Masterstudiengänge für das Bildungswesen und die Gesundheit der Studenten zu lesen gibt. Und vermutlich sollte mir das auch etwas zum Thema “Vor- und Nachteile von Eliteuniversitäten” verraten …

Spiegel Online macht die Nacht zum Tag

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 30. Juni 2007 14:57

Zugegeben: Es ist etwas ungewöhnlich, wie in manchen Ländern die Uhrzeiten aufgeschrieben werden. Und das amerikanische “a.m.” (ante meridiem – vor dem Mittag) und “p.m.” (post meridiem – nach dem Mittag) kann man schnell mal durcheinanderbringen, besonders bei Zeiten um zwölf Uhr rum. Aber darum geht es gar nicht.

Zu den vereitelten Bombenanschlägen in London schreibt die BBC:
01:25 Uhr nachts bei der BBC
(Screenshot: bbc.co.uk, Hervorhebung: Coffee & TV)

So ziemlich alle anderen Quellen greifen diese Zahl auf und rechnen sie vielleicht auch noch in die deutsche Ortszeit um.

Nur bei Spiegel Online geht man (mal wieder) eigene Wege:
Nachmittag bei SpOn
(Screenshot: spiegel.de, Hervorhebung: Coffee & TV)

Dabei hätte doch irgendwem auffallen können, dass Nachtclubs, die im Text sechs Mal erwähnt werden, Nachmittags eher selten geöffnet sind …

Nachtrag 1. Juli, 18:10 Uhr: In der (kaum reißerisch betitelten) Chronologie “Drei Tage Angst: Alarm in Großbritannien” ist nun korrekt von “01.00 Uhr (Ortszeit)” die Rede – im Ursprungsartikel ist aber immer noch “Nachmittag”.

Nicht immer gut

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 29. Juni 2007 20:07

Wer guckt sich eigentlich diese albernen Bildergalerien auf den Startseiten diverser Webmail-Dienste an? Ich, zum Beispiel, wenn ich mich gerade mal wieder verklickt habe.

Und so stieß ich bei gmx.de auf eine Galerie, die wie folgt vorgestellt wurde:

GMX glaubt, dass manche Prominentenoutings der Karriere geschadet haben.
(Screenshot: gmx.de)

Mal davon ab, dass auch hier mal wieder munter die Begriffe “Outing” und “Coming-Out” durcheinander geworfen werden, ist die Liste der Prominenten (Hape Kerkeling, Elton John, Pink, Peter Plate, Michael Stipe, George Michael, Lilo Wanders, Thomas Hermanns, Klaus Wowereit, Melissa Etheridge, Hella von Sinnen, Jürgen Domian, Dirk Bach, Vera Int-Veen und Ellen de Generes) ungefähr so spannend wie eine Flasche Prosecco, die seit dem letztjährigen Christopher Street Day offen rumsteht – man fragt sich eigentlich nur, wer Georg Uecker und Maren Kroymann vergessen hat.

Natürlich könnte man sich jetzt fragen, bei welcher der genannten Personen sich das Coming-Out/Outing denn als “nicht gut” für die Karriere erwiesen habe. “Na, für Ellen de Generes zum Beispiel”, ruft da gmx.de:

Als sie sich in einer Episode als lebisch outet, wird der Sender von Geldgebern unter Druck gesetzt und setzt die Sendung ab.

Nein, ich weiß auch nicht, was “lebisch” ist und ob sowas die Karriere zerstören kann. Aber wenn wir der Wikipedia trauen können, schob man es bei ABC wohl auch eher auf die schwächelnden Quoten und den Druck religiöser Organisationen nach de Generes’ Coming-Out, als man “Ellen” 1998 auslaufen ließ.

Apropos Wikipedia: die scheint bei der Recherche für den Artikel die Bildbegleittexte eine wichtige Rolle gespielt zu haben. So heißt es bei Ernie Reinhardt (Lilo Wanders):

… im Zweifelsfall war’s die Wikipedia
(Screenshot: gmx.de, Hervorherbung: Coffee & TV)

Viel Arbeit war also offenbar nicht vonnöten, um die Liste zu erstellen und ein paar Fakten zusammenzutragen. Und trotzdem kann man auch an so einer Aufgabe noch scheitern:

Die meisten Menschen verbinden Elton John nur mit jener schwer verdaulichen Ballade “Candle in the wind”, die 1997 zu Ehren der verstorbenen Lady Di in jedem Radio-Sender der Welt runtergeleiert wurde. Trotz des Prädikats “meistverkaufte Single aller Zeiten” muss sich der mittlerweile geadelte Sir Elton John für diesen Schmachtfetzen auch heute noch Kritik gefallen lassen.

wird dem Leben ‘n’ Werk von Elton John jetzt vielleicht nicht so ganz gerecht, ist aber harmlos verglichen mit dem, was bei Hape Kerkeling steht:

Der 1964 geborene Comedy-Star outete sich Anfang der 90er-Jahre als homosexuell

Ist das jetzt nur unglücklich formuliert oder bewusstes Verschleiern der Tatsache, dass Kerkeling (wie auch Alfred Biolek) 1991 von Regisseur Rosa von Praunheim in der RTL-Sendung “Explosiv – Der heiße Stuhl” geoutet wurde? Eine Praxis, die unter anderem der Bund lesbischer und schwuler JournalistInnen verurteilt.

Aber was soll so ein Paradiesvogel-Sammelalbum unter dem Titel “Prominente auf dem CSD? Diese Stars könnten Sie dort treffen” überhaupt? Und wer guckt sich diese albernen Bildergalerien auf den Startseiten diverser Webmail-Dienste eigentlich an?

Gerüchten zufolge “könnte” man auf “dem CSD” (gemeint ist vermutlich der Christopher Street Day in Berlin am vergangenen Wochenende, Köln kommt aber z.B. auch noch) auch heterosexuelle Prominente treffen. Und homo- oder bisexuelle Nicht-Prominente. Und heterosexuelle Nicht-Prominente. Und und und …

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