Wüster Service Deutschland

Von Lukas Heinser, 5. September 2007 12:50

Gestern hab ich mal wieder eindrucksvoll festgestellt, wie in deutschen Supermärkten Service buchstabiert wird.

Supermarkt 1
Im Angebotsprospekt war eine Webcam für 14,99 Euro angezeigt, ich brauchte noch Brot und Aufschnitt, also ging ich in den nahegelegenen Supermarkt, suchte mir Webcam, Brot, zwei Tafeln Schokolade (zu 39 Cent im Angebot) und eine Packung Salami zusammen und ging zur Kasse. Nachdem die Kassiererin die Waren gescannt hatte, nannte sie mir die Endsumme und ich reichte ihr meine EC-Karte. Sowas mache ich im Supermarkt nicht gerne, aber ich hatte nicht mehr genug Bargeld und 17 Euro erschienen mir ein angemessener Betrag für Kartenzahlung.

Die Dame steckte die Karte ins Kartenlesegerät und erhielt eine Fehlermeldung.
„Das ist schon den ganzen Tag“, erklärte sie mir und rief nach einer Kollegin.
Nachdem die Kassiererinnen auch zu zweit zu keinem Ergebnis kamen und ich die Frage, ob ich nicht bar zahlen könne, entgeistert verneinte (Wenn ich das in bar hätte, hätte ich ja wohl kaum mit Karte zahlen wollen, nech?), fragte man mich, ob ich nicht „eben zur Bank gehen“ und Bargeld abholen könne.

Da die Volksbank so fern nicht lag, willigte ich ein, packte die bereits in meiner Tasche verstauten Waren wieder aus, und verabschiedete mich „bis gleich“. Keine fünf Minuten später stand ich wieder im Laden, das Bargeld in den Händen. Die Kasse war geschlossen, die Kassiererinnen und meine unbezahlten Waren waren nirgends zu sehen. So drehte ich auf dem Absatz um und verschwand höchst verärgert.

Supermarkt 2 (Discounter)
Schon durchs Fenster konnte ich sehen, dass nur eine Kasse geöffnet war und sich die Kunden mit gefüllten Einkaufswagen durch den ganzen Laden stauten.

Meine Zeit und meine geistige Gesundheit sind mir zu schade, um sie für ein paar Cent Ersparnis zu verplempern.

Supermarkt 3
Ein Laden blieb mir noch auf dem Heimweg. Ich ging hinein, stand etwa drei Minuten vor dem Regal mit abgepacktem Brot, bis ich ein passendes, länger haltbares fand, schnappte mir eine Packung Salami und ging zur Kasse. Diese war erfreulich leer, nicht mal eine Kassiererin war zu sehen.

Im Geiste zählte ich von zwölf herunter. Bei „Null“ wollte ich gehen, aber ich hatte Hunger und brauchte dieses verdammte Brot. Schließlich tauchte doch noch eine Kassiererin auf (sie hatte gerade Regale umgeräumt) und nur eine halbe Stunde nach dem ersten Versuch hatte ich endlich zwei Euro an den Mann gebracht.

Die Webcam brauche ich nicht wirklich, glaube ich.

Die schönsten Fotostrecken Deutschlands (1)

Von Kathrin Grannemann, 4. September 2007 15:40

Der Stern ist mittlerweile fast schon berühmt-berüchtigt für seine Fotostrecken. In diesem Fall ist es eine Fotostrecke, offensichtlich mit einem wunderbaren Produkt der Firma Puma.

Fotostrecke

Da kriegt Puma möglicherweise die Kurve, der Stern aber definitiv nicht. Und stellt ganz cool Blindtext, ganz ohne Foto, auf die Seite. Und verschicken und bookmarken kann man dieses Kleinod auch noch! Ein Traum.

Bartschattenboxen

Von Lukas Heinser, 3. September 2007 17:58

Im ZDF-Nachtstudio ging es gestern ums Thema „Die Macht dahinter – Wer bestimmt die Medien?“ und man mag es symptomatisch finden oder nicht, aber die klügsten Sachen sagten Prof. Miriam Meckel, die einzige Frau in der Runde, und der achtzigjährige Klaus Harpprecht. Auch Kluges sagte Lutz Hachmeister, der unter anderem bemängelte, dass der Journalismus in Deutschland immer weniger von großen Journalisten mit klaren Standpunkten geprägt wurde.

Für die unklugen Sachen brauchte man nur einen Gast, aber der redete auch ungefähr so viel wie die drei anderen zusammen: Matthias Matussek, Kulturchef des „Spiegel“.

Matussek hat neokonservative Bücher geschrieben, die „Die vaterlose Gesellschaft – Eine Polemik gegen die Abschaffung der Familie“ heißen oder „Wir Deutschen – Warum die anderen uns gern haben können“, er verbreitet seine sehr persönliche, mitunter auch sehr eigenwillige Weltsicht via „Spiegel“ und per Video-Blog auf „Spiegel Online“. Und wem Matussek wegen seiner Inhalte noch nicht unsympathisch war, dem wurde er es bestimmt gestern Abend im ZDF.

Matussek nuschelt ausdruckslos vor sich hin, spricht über Anwesende in der dritten Person und guckt dann auch noch grundsätzlich an ihnen vorbei auf den Boden. Egal, worüber grad diskutiert wird: Matussek schafft es stets, auf seine bisherigen Einsatzorte, seine Titelgeschichten, im Wesentlichen: sich zu sprechen zu kommen. Eines seiner Bücher wurde mit Heine verglichen, aber damit wolle er sich nicht schmücken; als er über seine Zeit in London spricht (natürlich, ohne dass es dafür einen Anknüpfungspunkt gegeben hätte), droppt er mal eben so viele Namen, dass kaum jemand überprüfen kann, ob es sich dabei wirklich um angesehene Journalisten oder Charaktere aus „Harry Potter“ handelt, und seine Romantik-Geschichte im aktuellen „Spiegel“ erwähnt er gleich ein Halbdutzend Mal.

Egal was die Gesprächspartner sagen: Matussek fällt ihnen ins Wort oder tut ihre Ausführungen als Blödsinn ab, meistens macht er einfach beides. Selbst wenn er nickt, wirkt das wie ein weiterer Posten aus seinem Katalog der herablassenden Mienen und Gesten. Für seinen Bartschatten, der ihn immer ein bisschen ungepflegt erscheinen lässt, kann er vielleicht nichts, für seinen Hemdkragen, den er trägt wie andere Leute eine offene Hose, aber sehr wohl. Über sein Video-Blog „Matusseks Kulturtipp“ sagt er, dort könne er „Freestyle“ machen. Kurzum: Er benimmt sich, wie sich ein 53jähriger Mann auf keinen Fall benehmen sollte, wenn er nicht als total anbiedernd und betont lässig gelten will.

Dabei bringt diese Ranschmeiße an eine vermeintliche Jugendsprache sowieso nichts, denn schon im nächsten Atemzug verteidigt Matussek die geplanten Onlinedurchsuchungen und den Papst und dessen Islam-Kritik. Kurz darauf versagen seine Medikamente und Matussek nennt das, was der „Spiegel“ da allwöchentlich noch unters Volk haut, „Weltklassejournalismus“, der den Engländern und Amerikanern mindestens ebenbürtig sei. Die Behauptung, in seinem Hause werde „gründlich“ recherchiert, lässt sich freilich nicht sofort widerlegen, die fertigen Artikel legen aber den Schluss nahe, dass von dieser gründlichen Recherche dann zumindest nicht viel im Heft landet.

In dieser Situation verkündet Herr Harpprecht, Matussek zähle zu den besten Schreibern Deutschlands und Stefan Aust sei ein kluger Mann. Ich rechne es diesem alten Mann hoch an, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, ob das jetzt sein Ernst oder ganz weise Ironie war.

Wer gerne unsympathischen „Spiegel“-Redakteuren zuhört, kann sich heute Abend ab 19 Uhr den Podcast von Bastian Sick im WDR2-„Montalk“ geben. Das komplette Video des gestrigen „Nachtstudios“ kann man sich hier anschauen.

Late Night Shopping Revisited

Von Lukas Heinser, 3. September 2007 11:25

Wenn es irgendwo auf der Welt eine Teststrecke für Stadtmarketingmaßnahmen geben sollte, so liegt sie mit Sicherheit im Ruhrgebiet. Fast jedes Wochenende, so scheint es, wird eine neue Sau durch die Region getrieben, und das Ruhrgebiet dürfte mittlerweile mehr Events als Einwohner haben.

Bochums neueste Errungenschaft ist der „Bochumer Musiksommer“, der am vergangenen Wochenende zum ersten Mal stattfand. Auf zahlreichen Bühnen in der Innenstadt gab es kostenlose Musik vom Polizeichor bis zu Heinz-Rudolf Kunze, von der Elektrolounge an der U-Bahn-Station bis zum Kinderliedersingen. Am Donnerstag spielten Tele ein anderthalbstündiges Gratiskonzert und anders als beim Bochum Total hatte man das Gefühl, dass das Publikum nüchtern und wegen der Band da war. Es ging exakt eine Bierflasche zu Bruch.

Samstag Abend war dann „Moonlight Shopping“, was im Wesentlichen bedeutet, dass sich Gewerkschafter darüber beschwert haben dürften, dass die Geschäfte einmal bis 23 Uhr geöffnet waren. Natürlich auch längst nicht alle Geschäfte – überraschenderweise waren unter denen, die nicht mitmachten, aber viele große Ketten.

Halb zehn Abends ist normalerweise nicht die Zeit, zu der man zum Einkaufen in die Stadt fährt, aber vorgestern war es dann endlich mal so weit. Wir stiegen am Hauptbahnhof aus der U-Bahn und fanden unsere Idee, eine solche Veranstaltung zu besuchen, wunderbar ironisch. Dann stießen wir auf einen Strom von Menschen, die tatsächlich ihren Einkaufsbummel auf den späten Samstagabend verlegt hatten, und ich beschloss, mir den Schriftzug „Irony Is Over“ an einem prominenten Platz über meinen Schreibtisch zu hängen.

Aus der Ferne hörte man Underworlds „Born Slippy“, das bald darauf in eine Technoversion des einzigen mir bekannten Liedes mündete, das in Pizzerien, Aussegnungshallen und Boxkampfarenen zum Einsatz kam: „Time To Say Goodbye“. Es dauerte einige Minuten, bis das Lied sein ungewohntes Four-To-The-Floor-Gewand verlassen und sich im Instrument eines einsamen Geigers wieder gesammelt hatte.

Wir gingen weiter in Richtung der Technobeats und – Holla! – die wichtigste Kreuzung der Fußgängerzone war voll mit Menschen, die den Klängen eines DJs lauschten. Nur eine Woche, nachdem die Love Parade im Ruhrgebiet aufgeschlagen war, standen hier junge Menschen, ältere Menschen, Teenager und Anzugträger zwischen Würstchenstand und Bierwagen und es war ganz egal, dass sich einige von ihnen gerade zum ersten Mal in ihrem Leben zu elektronischer Musik bewegten.

Wir gingen in den City Point, die Bochumer Inkarnation jener Einkaufszentren, unter deren Glas-und-Stahl-Dächern die wichtigsten Bekleidungsfachgeschäfte für die jüngere Zielgruppe untergebracht sind. Beim Betreten überlagerten sich kurz der Techno von draußen und „Life Is Life“ aus dem zweiten Stock. Jedes Mal, wenn wir ein Geschäft verließen und das nächste betraten, hörten wir kurz die Partymusik von oben, die sich sehr schnell zu „YMCA“ steigerte und irgendwann „Movie Star“ erreichte. Wir guckten eine Menge Klamotten, ich stellte zu meinem Entsetzen fest, dass die Trends der Saison offenbar V-Ausschnitt und Testbildfarbene T-Shirts heißen und dass es in ganz Bochum, vermutlich gar auf der ganzen Welt, kein mir passendes schwarzes Cordsakko gibt. Ich würde also einen Schneider aufsuchen müssen, um endlich zufrieden zu sein.

Unser Bummel endete, auch um das Gefühl von Großstadt und Event noch ein wenig auszukosten, natürlich bei Starbucks, wobei ich sagen muss, dass eine Hot Chocolate um elf Uhr abends nicht so superfluffig im Magen liegt. Oder ich Getränke zum Gehen einfach nicht vertrage.

An der U-Bahn-Haltestelle rauchten drei dicke Mädchen Zigaretten. Ich wollte sie nicht fragem, ob sie das denn überhaupt noch dürfen.

„Late Night Shopping Revisited“ ist die Fortsetzung von „Late Night Shopping“ mit anderen Mitteln.

Wo die Weser einen großen Bogen macht

Von Kathrin Grannemann, 2. September 2007 23:29

Der WDR präsentiert dem geneigten Zuschauer in seiner Sendung „Wunderschönes NRW“ in regelmäßigen Abständen sehenswertes des Landes. Zu diesem Zwecke fährt Moderator Bernd Müller mit einem Oldtimer gerne mal durch die Weltgeschichte und besucht Land, Leute und sonstiges.

Am heutigen Abend durfte ich einer Darstellung meiner Heimat beiwohnen, denn der gute Mann tuckerte ins sogenannte „Wesertal“. Gezeigt wurden wirklich bemerkenswerte Dinge: Eine Ölmühle in Bevern (das liegt am Solling), diverse Heilbäder (Oeynhausen, Driburg, Lippspringe…), eine Porzellanmanufaktur in Fürstenberg und ein Besuch im wunderschönen Minden (letzteren Kommentar darf man gerne darauf zurückführen, dass ich in Minden weite Teile meines Lebens verbracht habe, bzw. in der Nähe der Stadt).

In eben jener Stadt traf sich Müller mit Peter Hahne an der sogenannten Schiffmühle, redete mit ihm über seine Kindheit in der Weserstadt und Hahnes erste Freundin Doris. Außerdem kam die Tatsache zu Tage, dass einer seiner Lehrer ihn dazu gebracht hat, sich für Theologie und Journalismus zu interessieren. Geboren und aufgewachsen in Minden hat der bekannte Fernsehpfarrer nach wie vor eine besondere Beziehung zu seiner Heimat. Hahne hält nach wie vor am ersten Weihnachtstag einen Gottesdienst in Minden-Leteln. „Nah am Menschen“, wie er es selber nennt. Kann ich nicht beurteilen, war nie da.

Besser beurteilen kann ich da schon eher das Maß an Nähe, was die aktuell unglaublich erfolgreiche Band Marquess zumindest zu mir hat. Die Heimatstadt ihres Sängers Sascha Pierro ist nämlich auch Minden, er besuchte sogar die selbe Schule wie ich, allerdings einige Jahre vor mir. Und lebte die ersten Jahre seines Lebens ebenfalls in Hille, wie in der lokalen Presse sehr ausufernd zu lesen ist.

Freiheit, draußen toben, die Natur genießen, das war schon immer Saschas Welt. Zwänge dagegen engen ihn ein, ersticken seine Neugier und Kreativität. „Zum Glück habe ich coole Eltern, die mich herausfinden ließen, was mir lag“, sagt der gut aussehende Sänger. „Meine Devise lautet: einfach machen, nicht groß rumquatschen.“ Mit diesem Lebensmotto macht auch die Tochter des Hiller Dorfpastors eine überraschende Erfahrung. „Ich küsste sie mit sechs Jahren auf der Schultreppe“, erinnert sich der Popstar, der bis zum siebten Lebensjahr in Hille aufwuchs, lachend.

Insgesamt 14 Jahre hat der gute Sascha mit der Top-40-Coverband Steam verbracht, die auf ungefähr jeder Hochzeit, diversen Abibällen (unter anderem dem meiner Schwester) und Sportfesten auf der Bühne stand. Kaum eine größere Feier, auf der man nicht auf die Band gestoßen ist.
Umso kurioser, dass er nun mit seiner neuen Band Marquess mit „Vayamos Companeros“ einen der Sommerhits des Jahres geliefert hat. Und dann noch in Betracht zieht, dass Sascha mit einem spanischsprachigen Song Erfolg hat, wo er doch Halbitalieniener ist…

Auf jeden Fall: Da sag nochmal einer, aus der Provinz kommt nichts erfolgreiches. Ob man das dann auch noch gut finden muss, muss ja jeder selbst wissen.

Hilfe! (Ambulant oder stationär)

Von Lukas Heinser, 1. September 2007 14:20

Es ist beunruhigend, ja geradezu skandalös, was da seit gestern durch die deutsche Medienlandschaft geistert: Der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) veröffentlichte gestern seinen Prüfbericht zur Qualität in der ambulanten und stationären Pflege. Noch bevor das Papier offiziell vorgestellt wurde, hatte die „Bild“-Zeitung eine große Titelgeschichte zu dem Thema gebracht, die jetzt nicht so hunderprozentig exakt war, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Was folgte, zeigte mal wieder, dass Journalisten einer dpa-getickerten „Bild“-Schlagzeile mehr vertrauen als ihrer eigenen Lesekompetenz, denn statt auch nur mal nachzugucken, ob die Behauptungen von „Bild“ richtig sind, schrieben sie diese munter ab.

Oft kreisen die Berichte um die Behauptung von „Bild“, jeder dritte Patient bekomme nicht genug zu essen oder zu trinken.

„Spiegel Online“ schreibt ab:

Der aktuelle Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) offenbart einem Bericht der „Bild“-Zeitung zufolge skandalöse Zustände bei ambulanten Pflegediensten und in deutschen Pflegeheimen. Demnach bekommt nach diesem Bericht jeder dritte Pflegefall (Heime: 34,4 Prozent; ambulante Pflege: 29,6 Prozent) nicht genug zu essen und zu trinken.

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ beruft sich lieber auf „Bild“ statt auf den Bericht selbst:

Jeder dritte Pflegefall bekomme nicht genug zu Essen und zu Trinken, schreibt die Bild-Zeitung unter Berufung auf den Bericht. In Heimen seien es 34,4 Prozent der Fälle, bei der ambulanten Pflege 29,6 Prozent.

Dieses Spiel über Bande ist immerhin ein bisschen weniger irreführend als das, was tagesschau.de behauptet:

Demnach bekommt offenbar jede dritte zu pflegende Person nicht genug Essen und Trinken.

Und der Vollständigkeit halber auch noch n-tv.de:

Etwa jeder dritte Pflegebedürftige bekomme nicht genug zu essen und zu trinken.

Nun mag es einigermaßen verständlich erscheinen, dass kein Journalist mal eben 212 Seiten voll Daten und Fakten durcharbeiten will. Muss er aber gar nicht, denn eine schlichte Suche nach dem Wort „Ernährung“ im PDF-Dokument hätte zum Beispiel auf Seite 48 verwiesen, wo es heißt:

Die festgestellten Mängeln bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung sind nicht unbedingt gleichbedeutend mit einer bereits eingetretenen Unterernährung oder einer Dehydratation.

Auf Seite 66 steht:

Bei 65,6 % der im 1. HJ 2006 in die Prüfung eingezogenen Bewohner lagen bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung keine Qualitätsprobleme vor. Bei 34,4 % der Personen wurden Mängel festgestellt. Auch hier sind diese Mängel nicht unbedingt gleichbedeutend mit einer eingetretenen Unterernährung oder einer Dehydratation.

Immerhin heute.de hat es irgendwie geschafft, die Tatsachen richtig aus dem Bericht abzupinnen:

Der Bericht weist nach wie vor Mängel bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung der Pflegebedürftigen aus. Bei etwa jedem dritten Fall (Heime: 34,4 Prozent; ambulante Pflege: 29,6 Prozent) stellten die Prüfer Defizite fest. Sie kritisierten etwa unzureichende Gewichtskontrollen oder eine fehlende Ermittlung des Energiebedarfs der Bewohner. Dies bedeute aber nicht unbedingt, dass die Betroffenen jeweils unterversorgt oder mangelhaft ernährt seien, hieß es.

Im Vergleich zum letzten Bericht, der das 2. Halbjahr 2003 erfasste, hat sich die Qualität der Pflege auf beinahe jedem Gebiet verbessert, wenn auch mitunter nur ganz leicht.
„Bild“ würdigte diesen Sachverhalt mit vier Worten:

Geändert hat sich wenig.

Das mag bei einer entsprechenden Auslegung des Wortes „wenig“ ja sogar noch richtig sein, bei Heribert Prantls Kommentar in der heutigen „Süddeutschen Zeitung“ wurde daraus aber schon ein:

Seit Jahren hat sich nichts verbessert – doch niemand reagiert.

(Dass Prantl 34,4 bzw. 29,6 % für „Fast die Hälfte der Menschen in den untersuchten Pflegeheimen“ hält, die auch noch „Hunger und Durst“ „leidet“, schlägt dann dem Fass die Krone ins Gesicht.)

Dabei hätte man nur das Vorwort lesen müssen, um von der Verbesserung der Situation zu erfahren:

Die Pflegeeinrichtungen haben in den zurückliegenden drei Jahren erkennbare Anstrengungen unternommen, um die Pflegequalität in den Pflegeeinrichtungen weiterzuentwickeln. Bei vielen Qualitätskriterien lassen sich Verbesserungen nachweisen. Ein Teil dieser Entwicklungen ist auch auf die Wirkung der Arbeit des MDK zurückzuführen. Der Bericht zeigt aber auch, dass die Pflege nach wie vor ein Qualitätsproblem hat, aus dem sich ein erheblicher Optimierungsbedarf in den ambulanten Pflegediensten und stationären Pflegeeinrichtungen ergibt.

„Spiegel Online“ schaffte es immerhin, einen zweiten Artikel hinterherzuschieben, wo man unter der Überschrift „Pflege verbessert – Probleme bleiben“ folgendes lesen kann:

„Die Pflege-Schande“, titelt die „Bild“-Zeitung heute und prangert die skandalösen Missstände in deutschen Altenheimen an. Die Prüfer der Krankenkassen sind überrascht: Denn seit ihrem letzten Bericht hat sich die Lage fast überall verbessert – auch wenn die Probleme bleiben.

Leider ist diese partielle Richtigstellung im ersten Artikel, wo „Spiegel Online“ noch munter den „Bild“-Blödsinn zitiert, nicht verlinkt.

Regelrecht reflektiert wirkt da schon der Artikel bei „RP Online“:

Der jüngste Prüfbericht des Medizinischen Dienstes zeige, dass es in den vergangenen Jahren bei allen wichtigen Versorgungskriterien Verbesserungen gegeben habe, wenn auch auf niedrigem Niveau. „Die Pflege hat nach wie vor ein Qualitätsproblem“, räumte Gerdelmann ein. […] Dies bedeute aber nicht, dass es einen „Pflegeskandal“ gebe.

Und so haben wir seit gestern zwei Skandale in Deutschland: Die von der „Bild“-Zeitung ausgerufene „Pflegeschande“, bei der genau genommen natürlich jeder Fall von unzureichender Behandlung schrecklich und skandalös ist, und die kaum wahrgenommene, leider auch kaum noch überraschende Tatsache, dass die Verfechter des Qualitätsjournalismus lieber schnell irgendwas weiterplappern, als nur mal für zehn Minuten selbst zu recherchieren.

Wiedersehen tut weh

Von Lukas Heinser, 31. August 2007 18:21

Vor fast acht Jahren sah ich im Kino den Film „Absolute Giganten“, der mir unglaublich gut gefiel. Bis heute ist die melancholische Geschichte von drei Freunden, die eine letzte gemeinsame Nacht durchmachen, bevor einer von ihnen das Land verlässt, einer meiner absoluten Lieblingsfilme.

In diesem Film erblickte ich auch zum ersten Mal Julia Hummer und verliebte mich ein wenig in sie. Die Szenen, in denen sie mit einem Cowboyhut auf dem Kopf tanzt und die Kamera sie umkreist, zählen nach wie vor zum Tollsten, was ich je gesehen habe, und auch ihre irgendwie merkwürdige, leicht lispelnde, aber doch sehr niedliche Stimme fand ich damals irgendwie süß.

Später zeigte sie unter anderem noch in „Crazy“, „Die innere Sicherheit“ und „Gespenster“ ihr schauspielerisches Können und veröffentlichte 2005 mit ihrer Band Too Many Boys eine CD, von der ich nicht mehr als dreißig Sekunden hören konnte, weil es körperlich einfach nicht ging. Dann war sie weg.

Gestern habe ich Julia Hummer wiedergesehen. In einem Werbespot für die GEZ. „Hat die das jetzt nötig?“, fragte ich mich, aber ich war mir nicht ganz sicher, ob „die“ jetzt Julia Hummer oder doch die GEZ war.

Wir nennen es Arbeitsplatz

Von Lukas Heinser, 31. August 2007 17:35

Nachdem mein Computer vorgestern kaputt gegangen ist, sitze ich nun schon den zweiten Tag in Folge in der Uni-Bibliothek. Es ist wieder der gleiche PC wie gestern (nur die Jalousien sind heute wegen erheblicher Bewölkung und Regens die ganze Zeit über oben) und ich fühle mich schon fast ein bisschen, als sei das hier mein Arbeitsplatz. Neben mir arbeiten andere junge Menschen an ihren Seminararbeiten, ab und an fliegt eine Taube gegen die Fensterfront und gleich werde ich mal sehen, was die Kaffeebar im Erdgeschoss so zu bieten hat.

Kurzum: Smells like Großraumbüro und geregelten Arbeitszeiten. Und soll ich Euch was sagen, Ihr digitalen Bohémians? Ich finde das super!

Endlich gehe ich Abends wieder ins Bett, wenn ich müde bin, und nicht erst, wenn Feedreader und ICQ wirklich absolut gar nichts mehr hergeben. Ich trinke meinen Kaffee am Frühstückstisch (wo einer meiner Mitbewohner heute freundlicherweise sogar eine Zeitung, na gut: die „Welt kompakt“ hinterlegt hatte) und nicht vor dem Monitor, in gefährlicher Schlabbernähe zur Tastatur. Ich werde heute Abend nach Hause gehen und mich mit den Worten „Schatz, ich bin wieder da-ha!“ meinem Fernseher widmen. Oder etwas in der Art.

Ich überlege in Zukunft, wenn mein Computer wieder läuft, eine kleine Besenkammer anzumieten, wo ich ihn reinstellen kann. So muss ich zwischendurch an die frische Luft und mein Zimmer ist nicht mehr ein Büro mit Bett, sondern ein Wohnzimmer. Vielleicht reicht es aber auch, wenn ich mich einfach dazu zwinge, das doofe Ding, das so unglaublich praktisch ist, einfach mal auszuschalten oder auszulassen.

Nach dem Ende des Tunnels

Von Lukas Heinser, 31. August 2007 9:54

Jetzt isse also auch schon zehn Jahre tot, die Prinzessin. Noch immer wollen viele Leserinnen von Wartezimmerauslegeware nicht glauben, dass das glamouröse Leben von „et Daiänna“ endete, weil ihr betrunkener Fahrer einen Mercedes mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Betonpfeiler jagte.

Wie später bei den Anschlägen des 11. September oder vorher bei der Ermordung John F. Kennedys (die deutlich Älteren werden sich erinnern …) weiß heut noch jeder, wo er an diesem schönen Sonntagmorgen war, als er „davon“ erfuhr. Alternativ hat sich das Unterbewusstsein aus der Wirklichkeit und den Milliarden Berichten, die man seitdem über diese Ereignisse gesehen hat, eine eigene, vielleicht spannendere Version dieses Moments zurechtgebogen.

Ich taperte an diesem 31. August 1997 – von einer ein paar Tage zurückliegenden Operation noch leicht gehbehindert – durch die elterliche Wohnung und vernahm auf WDR2 (es ist immer WDR2, wenn irgendwas schlimmes passiert) einen Nachrichtensprecher, der folgenden Satz vorlas: „Bundespräsident Herzog hat in einem Telegramm den Prinzen William und Harry sein Mitgefühl ausgedrückt.“

„Was ist da los?“, dachte ich, fragte ich und bekam ich berichtet. Und obwohl mir Prinzessin Diana bis zu diesme Moment nun wirklich sowas von egal gewesen war, war ich doch … Nein, nicht geschockt oder berührt oder so: verwirrt. Ich nahm die Nachricht zur Kenntnis und widmete mich dem, was ich schon seit Ewigkeiten mache, wenn irgendetwas schlimmes passiert ist: Ich versuchte, alle Informationen über das Ereignis aufzusaugen.

Ich erinnere mich daran, dass ich es irgenwie unpassend fand, dass WDR2 „Mmmm, Mmmm, Mmmm, Mmmm“ von den Crash Test Dummies spielte („Once there was this kid who got into an accident and couldn’t come to school“), dass wir am Nachmittag in „Mr. Bean – Der Film“ waren, und dass am Abend nichts anderes im Fernsehen kam als die tote Prinzessin. Alle Menschen sprachen nur noch davon, Milliarden sahen die Beerdigung im Fernsehen und ich schnitt mir den neuen Text von Elton Johns „Candle In The Wind“ aus der Zeitung aus und versuchte, das Lied auf dem Klavier nachzuspielen. Nach anderthalb Wochen war mir das englische Königshaus wieder völlig egal.

Und wenn dieser Tage wieder überall über die Prinzessin berichtet wird und der Satz „Sie wird nie vergessen werden“ fällt, dann ist das eine self-fulfilling prophecy.

„Grüß dich ins Knie!“

Von Lukas Heinser, 30. August 2007 18:56

Thomas Knüwer schrieb heute Morgen über Starbucks, die Hassliebe jedes aufrechten Koffein-Junkies, und den dortigen Service. Es dauerte exakt vier Kommentare, bis sich die Erste über „diese dröhnende Supi-ich-hab-dich-lieb-Kunde-Fröhlichkeit“ beklagte, und obwohl ich nach wie vor nicht viel von Bezeichnungen wie „typisch deutsch“ halte, wusste ich augenblicklich, dass ich mal wieder auf ein klassisch deutsches Dilemma gestoßen war: Freundlichkeit macht den Deutschen misstrauisch. Eduard Zimmermann und Alice Schwarzer haben ihre jeweiligen Lebenswerke darauf verwendet, dass man in Deutschland immer damit rechnet, gleich überfallen oder vergewaltigt zu werden, sobald mal jemand freundlich zu einem ist.

Spricht man mit Menschen über die Dienstleistungsmentalität in Deutschland (führt also eine eher hypothetische Diskussion), wird man häufig von der „aufgesetzten Freundlichkeit der Amerikaner“ hören. Wie so oft bei antiamerikanischen Vorurteilen verstehen die Kritiker amerikanischen Umgangsformen nicht und/oder waren selbst noch nie in den USA. Und, zugegeben: Als ich im letzten Jahr drei Monate in San Francisco lebte, war ich anfangs auch genervt von „Hi, how are you?“ und „Have a nice day“, bis mir dämmerte, dass diese Freundlichkeiten tatsächlich meiner Laune zuträglich waren. Der Vorwurf „Das interessiert doch keinen, wie es einem geht“, mag ja stimmen, nur interessiert das in Deutschland auch niemanden. Auch auf die Gefahr hin, Sie schwer zu enttäuschen: Solange es sich nicht um Ihre besten Freunde, ausgewählte Familienmitglieder oder Ihren Therapeuthen handelt, interessiert es keine Sau, wie es Ihnen geht. Also machen Sie sich nicht die Mühe, an Ihr aktuelles Befinden zu denken, an das ganze Elend, das sie gerade durchmachen – verdrängen Sie’s und sagen Sie „Bestens, Danke! Und selbst?“

„Wer die Musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird“, lautet ein Sprichwort und angedenk dessen, was man sich in manchen Supermärkten, Bekleidungsfachgeschäften und Elektromärkten als zahlender Kunde bieten lassen muss, könnte man fast annehmen, die Läden seien in Wahrheit gutgetarnte Light-Varianten eines Domina-Studios. „Wer ficken will, muss freundlich sein“, lautet ein anderes Sprichwort und der aufmerksame Beobachter wird feststellen, dass an mögliche Bettpartner somit deutlich höhere Anforderungen gestellt werden als an Verkäuferinnen. Trotzdem haben mehr Leute Sex als einen Arbeitsplatz im Dienstleistungssektor.1

Besonders konservative Zeitgenossen werden – „Freundlichkeit hin oder her!“ – auch die Meinung vertreten, diese „Bodenständigkeit“ liege nun mal im Wesen des Deutschen, lächeln hingegen nicht. Nun weiß ich nicht, wie viel Prozent des Fremdenverkehrs in Deutschland auf Leute entfallen, die extra hierher kommen, um einen brummeligen Berliner Taxifahrer oder einen pampigen Köbes in einem Kölner Brauhaus zu begucken. Aber würde man solche Leute überhaupt kennenlernen wollen?

Haben Sie noch einen schönen Tag!

1 Inwieweit der innere Zwang einiger Deutscher, immer und überall rauchen zu wollen, damit zusammenhängt, möge ein jeder bitte selbst ergründen.

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