Wo die Weser einen großen Bogen macht

Von Kathrin Grannemann, 2. September 2007 23:29

Der WDR präsentiert dem geneigten Zuschauer in seiner Sendung „Wunderschönes NRW“ in regelmäßigen Abständen sehenswertes des Landes. Zu diesem Zwecke fährt Moderator Bernd Müller mit einem Oldtimer gerne mal durch die Weltgeschichte und besucht Land, Leute und sonstiges.

Am heutigen Abend durfte ich einer Darstellung meiner Heimat beiwohnen, denn der gute Mann tuckerte ins sogenannte „Wesertal“. Gezeigt wurden wirklich bemerkenswerte Dinge: Eine Ölmühle in Bevern (das liegt am Solling), diverse Heilbäder (Oeynhausen, Driburg, Lippspringe…), eine Porzellanmanufaktur in Fürstenberg und ein Besuch im wunderschönen Minden (letzteren Kommentar darf man gerne darauf zurückführen, dass ich in Minden weite Teile meines Lebens verbracht habe, bzw. in der Nähe der Stadt).

In eben jener Stadt traf sich Müller mit Peter Hahne an der sogenannten Schiffmühle, redete mit ihm über seine Kindheit in der Weserstadt und Hahnes erste Freundin Doris. Außerdem kam die Tatsache zu Tage, dass einer seiner Lehrer ihn dazu gebracht hat, sich für Theologie und Journalismus zu interessieren. Geboren und aufgewachsen in Minden hat der bekannte Fernsehpfarrer nach wie vor eine besondere Beziehung zu seiner Heimat. Hahne hält nach wie vor am ersten Weihnachtstag einen Gottesdienst in Minden-Leteln. „Nah am Menschen“, wie er es selber nennt. Kann ich nicht beurteilen, war nie da.

Besser beurteilen kann ich da schon eher das Maß an Nähe, was die aktuell unglaublich erfolgreiche Band Marquess zumindest zu mir hat. Die Heimatstadt ihres Sängers Sascha Pierro ist nämlich auch Minden, er besuchte sogar die selbe Schule wie ich, allerdings einige Jahre vor mir. Und lebte die ersten Jahre seines Lebens ebenfalls in Hille, wie in der lokalen Presse sehr ausufernd zu lesen ist.

Freiheit, draußen toben, die Natur genießen, das war schon immer Saschas Welt. Zwänge dagegen engen ihn ein, ersticken seine Neugier und Kreativität. „Zum Glück habe ich coole Eltern, die mich herausfinden ließen, was mir lag“, sagt der gut aussehende Sänger. „Meine Devise lautet: einfach machen, nicht groß rumquatschen.“ Mit diesem Lebensmotto macht auch die Tochter des Hiller Dorfpastors eine überraschende Erfahrung. „Ich küsste sie mit sechs Jahren auf der Schultreppe“, erinnert sich der Popstar, der bis zum siebten Lebensjahr in Hille aufwuchs, lachend.

Insgesamt 14 Jahre hat der gute Sascha mit der Top-40-Coverband Steam verbracht, die auf ungefähr jeder Hochzeit, diversen Abibällen (unter anderem dem meiner Schwester) und Sportfesten auf der Bühne stand. Kaum eine größere Feier, auf der man nicht auf die Band gestoßen ist.
Umso kurioser, dass er nun mit seiner neuen Band Marquess mit „Vayamos Companeros“ einen der Sommerhits des Jahres geliefert hat. Und dann noch in Betracht zieht, dass Sascha mit einem spanischsprachigen Song Erfolg hat, wo er doch Halbitalieniener ist…

Auf jeden Fall: Da sag nochmal einer, aus der Provinz kommt nichts erfolgreiches. Ob man das dann auch noch gut finden muss, muss ja jeder selbst wissen.

Hilfe! (Ambulant oder stationär)

Von Lukas Heinser, 1. September 2007 14:20

Es ist beunruhigend, ja geradezu skandalös, was da seit gestern durch die deutsche Medienlandschaft geistert: Der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) veröffentlichte gestern seinen Prüfbericht zur Qualität in der ambulanten und stationären Pflege. Noch bevor das Papier offiziell vorgestellt wurde, hatte die „Bild“-Zeitung eine große Titelgeschichte zu dem Thema gebracht, die jetzt nicht so hunderprozentig exakt war, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Was folgte, zeigte mal wieder, dass Journalisten einer dpa-getickerten „Bild“-Schlagzeile mehr vertrauen als ihrer eigenen Lesekompetenz, denn statt auch nur mal nachzugucken, ob die Behauptungen von „Bild“ richtig sind, schrieben sie diese munter ab.

Oft kreisen die Berichte um die Behauptung von „Bild“, jeder dritte Patient bekomme nicht genug zu essen oder zu trinken.

„Spiegel Online“ schreibt ab:

Der aktuelle Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) offenbart einem Bericht der „Bild“-Zeitung zufolge skandalöse Zustände bei ambulanten Pflegediensten und in deutschen Pflegeheimen. Demnach bekommt nach diesem Bericht jeder dritte Pflegefall (Heime: 34,4 Prozent; ambulante Pflege: 29,6 Prozent) nicht genug zu essen und zu trinken.

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ beruft sich lieber auf „Bild“ statt auf den Bericht selbst:

Jeder dritte Pflegefall bekomme nicht genug zu Essen und zu Trinken, schreibt die Bild-Zeitung unter Berufung auf den Bericht. In Heimen seien es 34,4 Prozent der Fälle, bei der ambulanten Pflege 29,6 Prozent.

Dieses Spiel über Bande ist immerhin ein bisschen weniger irreführend als das, was tagesschau.de behauptet:

Demnach bekommt offenbar jede dritte zu pflegende Person nicht genug Essen und Trinken.

Und der Vollständigkeit halber auch noch n-tv.de:

Etwa jeder dritte Pflegebedürftige bekomme nicht genug zu essen und zu trinken.

Nun mag es einigermaßen verständlich erscheinen, dass kein Journalist mal eben 212 Seiten voll Daten und Fakten durcharbeiten will. Muss er aber gar nicht, denn eine schlichte Suche nach dem Wort „Ernährung“ im PDF-Dokument hätte zum Beispiel auf Seite 48 verwiesen, wo es heißt:

Die festgestellten Mängeln bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung sind nicht unbedingt gleichbedeutend mit einer bereits eingetretenen Unterernährung oder einer Dehydratation.

Auf Seite 66 steht:

Bei 65,6 % der im 1. HJ 2006 in die Prüfung eingezogenen Bewohner lagen bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung keine Qualitätsprobleme vor. Bei 34,4 % der Personen wurden Mängel festgestellt. Auch hier sind diese Mängel nicht unbedingt gleichbedeutend mit einer eingetretenen Unterernährung oder einer Dehydratation.

Immerhin heute.de hat es irgendwie geschafft, die Tatsachen richtig aus dem Bericht abzupinnen:

Der Bericht weist nach wie vor Mängel bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung der Pflegebedürftigen aus. Bei etwa jedem dritten Fall (Heime: 34,4 Prozent; ambulante Pflege: 29,6 Prozent) stellten die Prüfer Defizite fest. Sie kritisierten etwa unzureichende Gewichtskontrollen oder eine fehlende Ermittlung des Energiebedarfs der Bewohner. Dies bedeute aber nicht unbedingt, dass die Betroffenen jeweils unterversorgt oder mangelhaft ernährt seien, hieß es.

Im Vergleich zum letzten Bericht, der das 2. Halbjahr 2003 erfasste, hat sich die Qualität der Pflege auf beinahe jedem Gebiet verbessert, wenn auch mitunter nur ganz leicht.
„Bild“ würdigte diesen Sachverhalt mit vier Worten:

Geändert hat sich wenig.

Das mag bei einer entsprechenden Auslegung des Wortes „wenig“ ja sogar noch richtig sein, bei Heribert Prantls Kommentar in der heutigen „Süddeutschen Zeitung“ wurde daraus aber schon ein:

Seit Jahren hat sich nichts verbessert – doch niemand reagiert.

(Dass Prantl 34,4 bzw. 29,6 % für „Fast die Hälfte der Menschen in den untersuchten Pflegeheimen“ hält, die auch noch „Hunger und Durst“ „leidet“, schlägt dann dem Fass die Krone ins Gesicht.)

Dabei hätte man nur das Vorwort lesen müssen, um von der Verbesserung der Situation zu erfahren:

Die Pflegeeinrichtungen haben in den zurückliegenden drei Jahren erkennbare Anstrengungen unternommen, um die Pflegequalität in den Pflegeeinrichtungen weiterzuentwickeln. Bei vielen Qualitätskriterien lassen sich Verbesserungen nachweisen. Ein Teil dieser Entwicklungen ist auch auf die Wirkung der Arbeit des MDK zurückzuführen. Der Bericht zeigt aber auch, dass die Pflege nach wie vor ein Qualitätsproblem hat, aus dem sich ein erheblicher Optimierungsbedarf in den ambulanten Pflegediensten und stationären Pflegeeinrichtungen ergibt.

„Spiegel Online“ schaffte es immerhin, einen zweiten Artikel hinterherzuschieben, wo man unter der Überschrift „Pflege verbessert – Probleme bleiben“ folgendes lesen kann:

„Die Pflege-Schande“, titelt die „Bild“-Zeitung heute und prangert die skandalösen Missstände in deutschen Altenheimen an. Die Prüfer der Krankenkassen sind überrascht: Denn seit ihrem letzten Bericht hat sich die Lage fast überall verbessert – auch wenn die Probleme bleiben.

Leider ist diese partielle Richtigstellung im ersten Artikel, wo „Spiegel Online“ noch munter den „Bild“-Blödsinn zitiert, nicht verlinkt.

Regelrecht reflektiert wirkt da schon der Artikel bei „RP Online“:

Der jüngste Prüfbericht des Medizinischen Dienstes zeige, dass es in den vergangenen Jahren bei allen wichtigen Versorgungskriterien Verbesserungen gegeben habe, wenn auch auf niedrigem Niveau. „Die Pflege hat nach wie vor ein Qualitätsproblem“, räumte Gerdelmann ein. […] Dies bedeute aber nicht, dass es einen „Pflegeskandal“ gebe.

Und so haben wir seit gestern zwei Skandale in Deutschland: Die von der „Bild“-Zeitung ausgerufene „Pflegeschande“, bei der genau genommen natürlich jeder Fall von unzureichender Behandlung schrecklich und skandalös ist, und die kaum wahrgenommene, leider auch kaum noch überraschende Tatsache, dass die Verfechter des Qualitätsjournalismus lieber schnell irgendwas weiterplappern, als nur mal für zehn Minuten selbst zu recherchieren.

Wiedersehen tut weh

Von Lukas Heinser, 31. August 2007 18:21

Vor fast acht Jahren sah ich im Kino den Film „Absolute Giganten“, der mir unglaublich gut gefiel. Bis heute ist die melancholische Geschichte von drei Freunden, die eine letzte gemeinsame Nacht durchmachen, bevor einer von ihnen das Land verlässt, einer meiner absoluten Lieblingsfilme.

In diesem Film erblickte ich auch zum ersten Mal Julia Hummer und verliebte mich ein wenig in sie. Die Szenen, in denen sie mit einem Cowboyhut auf dem Kopf tanzt und die Kamera sie umkreist, zählen nach wie vor zum Tollsten, was ich je gesehen habe, und auch ihre irgendwie merkwürdige, leicht lispelnde, aber doch sehr niedliche Stimme fand ich damals irgendwie süß.

Später zeigte sie unter anderem noch in „Crazy“, „Die innere Sicherheit“ und „Gespenster“ ihr schauspielerisches Können und veröffentlichte 2005 mit ihrer Band Too Many Boys eine CD, von der ich nicht mehr als dreißig Sekunden hören konnte, weil es körperlich einfach nicht ging. Dann war sie weg.

Gestern habe ich Julia Hummer wiedergesehen. In einem Werbespot für die GEZ. „Hat die das jetzt nötig?“, fragte ich mich, aber ich war mir nicht ganz sicher, ob „die“ jetzt Julia Hummer oder doch die GEZ war.

Wir nennen es Arbeitsplatz

Von Lukas Heinser, 31. August 2007 17:35

Nachdem mein Computer vorgestern kaputt gegangen ist, sitze ich nun schon den zweiten Tag in Folge in der Uni-Bibliothek. Es ist wieder der gleiche PC wie gestern (nur die Jalousien sind heute wegen erheblicher Bewölkung und Regens die ganze Zeit über oben) und ich fühle mich schon fast ein bisschen, als sei das hier mein Arbeitsplatz. Neben mir arbeiten andere junge Menschen an ihren Seminararbeiten, ab und an fliegt eine Taube gegen die Fensterfront und gleich werde ich mal sehen, was die Kaffeebar im Erdgeschoss so zu bieten hat.

Kurzum: Smells like Großraumbüro und geregelten Arbeitszeiten. Und soll ich Euch was sagen, Ihr digitalen Bohémians? Ich finde das super!

Endlich gehe ich Abends wieder ins Bett, wenn ich müde bin, und nicht erst, wenn Feedreader und ICQ wirklich absolut gar nichts mehr hergeben. Ich trinke meinen Kaffee am Frühstückstisch (wo einer meiner Mitbewohner heute freundlicherweise sogar eine Zeitung, na gut: die „Welt kompakt“ hinterlegt hatte) und nicht vor dem Monitor, in gefährlicher Schlabbernähe zur Tastatur. Ich werde heute Abend nach Hause gehen und mich mit den Worten „Schatz, ich bin wieder da-ha!“ meinem Fernseher widmen. Oder etwas in der Art.

Ich überlege in Zukunft, wenn mein Computer wieder läuft, eine kleine Besenkammer anzumieten, wo ich ihn reinstellen kann. So muss ich zwischendurch an die frische Luft und mein Zimmer ist nicht mehr ein Büro mit Bett, sondern ein Wohnzimmer. Vielleicht reicht es aber auch, wenn ich mich einfach dazu zwinge, das doofe Ding, das so unglaublich praktisch ist, einfach mal auszuschalten oder auszulassen.

Nach dem Ende des Tunnels

Von Lukas Heinser, 31. August 2007 9:54

Jetzt isse also auch schon zehn Jahre tot, die Prinzessin. Noch immer wollen viele Leserinnen von Wartezimmerauslegeware nicht glauben, dass das glamouröse Leben von „et Daiänna“ endete, weil ihr betrunkener Fahrer einen Mercedes mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Betonpfeiler jagte.

Wie später bei den Anschlägen des 11. September oder vorher bei der Ermordung John F. Kennedys (die deutlich Älteren werden sich erinnern …) weiß heut noch jeder, wo er an diesem schönen Sonntagmorgen war, als er „davon“ erfuhr. Alternativ hat sich das Unterbewusstsein aus der Wirklichkeit und den Milliarden Berichten, die man seitdem über diese Ereignisse gesehen hat, eine eigene, vielleicht spannendere Version dieses Moments zurechtgebogen.

Ich taperte an diesem 31. August 1997 – von einer ein paar Tage zurückliegenden Operation noch leicht gehbehindert – durch die elterliche Wohnung und vernahm auf WDR2 (es ist immer WDR2, wenn irgendwas schlimmes passiert) einen Nachrichtensprecher, der folgenden Satz vorlas: „Bundespräsident Herzog hat in einem Telegramm den Prinzen William und Harry sein Mitgefühl ausgedrückt.“

„Was ist da los?“, dachte ich, fragte ich und bekam ich berichtet. Und obwohl mir Prinzessin Diana bis zu diesme Moment nun wirklich sowas von egal gewesen war, war ich doch … Nein, nicht geschockt oder berührt oder so: verwirrt. Ich nahm die Nachricht zur Kenntnis und widmete mich dem, was ich schon seit Ewigkeiten mache, wenn irgendetwas schlimmes passiert ist: Ich versuchte, alle Informationen über das Ereignis aufzusaugen.

Ich erinnere mich daran, dass ich es irgenwie unpassend fand, dass WDR2 „Mmmm, Mmmm, Mmmm, Mmmm“ von den Crash Test Dummies spielte („Once there was this kid who got into an accident and couldn’t come to school“), dass wir am Nachmittag in „Mr. Bean – Der Film“ waren, und dass am Abend nichts anderes im Fernsehen kam als die tote Prinzessin. Alle Menschen sprachen nur noch davon, Milliarden sahen die Beerdigung im Fernsehen und ich schnitt mir den neuen Text von Elton Johns „Candle In The Wind“ aus der Zeitung aus und versuchte, das Lied auf dem Klavier nachzuspielen. Nach anderthalb Wochen war mir das englische Königshaus wieder völlig egal.

Und wenn dieser Tage wieder überall über die Prinzessin berichtet wird und der Satz „Sie wird nie vergessen werden“ fällt, dann ist das eine self-fulfilling prophecy.

„Grüß dich ins Knie!“

Von Lukas Heinser, 30. August 2007 18:56

Thomas Knüwer schrieb heute Morgen über Starbucks, die Hassliebe jedes aufrechten Koffein-Junkies, und den dortigen Service. Es dauerte exakt vier Kommentare, bis sich die Erste über „diese dröhnende Supi-ich-hab-dich-lieb-Kunde-Fröhlichkeit“ beklagte, und obwohl ich nach wie vor nicht viel von Bezeichnungen wie „typisch deutsch“ halte, wusste ich augenblicklich, dass ich mal wieder auf ein klassisch deutsches Dilemma gestoßen war: Freundlichkeit macht den Deutschen misstrauisch. Eduard Zimmermann und Alice Schwarzer haben ihre jeweiligen Lebenswerke darauf verwendet, dass man in Deutschland immer damit rechnet, gleich überfallen oder vergewaltigt zu werden, sobald mal jemand freundlich zu einem ist.

Spricht man mit Menschen über die Dienstleistungsmentalität in Deutschland (führt also eine eher hypothetische Diskussion), wird man häufig von der „aufgesetzten Freundlichkeit der Amerikaner“ hören. Wie so oft bei antiamerikanischen Vorurteilen verstehen die Kritiker amerikanischen Umgangsformen nicht und/oder waren selbst noch nie in den USA. Und, zugegeben: Als ich im letzten Jahr drei Monate in San Francisco lebte, war ich anfangs auch genervt von „Hi, how are you?“ und „Have a nice day“, bis mir dämmerte, dass diese Freundlichkeiten tatsächlich meiner Laune zuträglich waren. Der Vorwurf „Das interessiert doch keinen, wie es einem geht“, mag ja stimmen, nur interessiert das in Deutschland auch niemanden. Auch auf die Gefahr hin, Sie schwer zu enttäuschen: Solange es sich nicht um Ihre besten Freunde, ausgewählte Familienmitglieder oder Ihren Therapeuthen handelt, interessiert es keine Sau, wie es Ihnen geht. Also machen Sie sich nicht die Mühe, an Ihr aktuelles Befinden zu denken, an das ganze Elend, das sie gerade durchmachen – verdrängen Sie’s und sagen Sie „Bestens, Danke! Und selbst?“

„Wer die Musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird“, lautet ein Sprichwort und angedenk dessen, was man sich in manchen Supermärkten, Bekleidungsfachgeschäften und Elektromärkten als zahlender Kunde bieten lassen muss, könnte man fast annehmen, die Läden seien in Wahrheit gutgetarnte Light-Varianten eines Domina-Studios. „Wer ficken will, muss freundlich sein“, lautet ein anderes Sprichwort und der aufmerksame Beobachter wird feststellen, dass an mögliche Bettpartner somit deutlich höhere Anforderungen gestellt werden als an Verkäuferinnen. Trotzdem haben mehr Leute Sex als einen Arbeitsplatz im Dienstleistungssektor.1

Besonders konservative Zeitgenossen werden – „Freundlichkeit hin oder her!“ – auch die Meinung vertreten, diese „Bodenständigkeit“ liege nun mal im Wesen des Deutschen, lächeln hingegen nicht. Nun weiß ich nicht, wie viel Prozent des Fremdenverkehrs in Deutschland auf Leute entfallen, die extra hierher kommen, um einen brummeligen Berliner Taxifahrer oder einen pampigen Köbes in einem Kölner Brauhaus zu begucken. Aber würde man solche Leute überhaupt kennenlernen wollen?

Haben Sie noch einen schönen Tag!

1 Inwieweit der innere Zwang einiger Deutscher, immer und überall rauchen zu wollen, damit zusammenhängt, möge ein jeder bitte selbst ergründen.

Ständiges Auf und Ab

Von Lukas Heinser, 30. August 2007 13:14

Ich habe meinen defekten Rechner heute Mittag zu Fuß zur U-Bahn und von dort aus zum nächstgelegenen PC-Händler geschleppt. Am Montag werde man sich das Teil mal ansehen und mich dann anrufen, erklärte mir der freundliche Herr hinter der Theke. Ich bin gespannt.

Und jetzt sitze ich hier in der Uni-Bibliothek an beinahe brandneuen Computern, die über jede nur vorstellbare Software verfügen, und sichte die digitale Welt. Aus dem Fenster, vor dem „mein“ Computer steht, hat man einen wunderbaren Ausblick über den Campus und ins Lottental1, dahin wo das Ruhrgebiet ins Bergische Land (I suppose) übergeht. Um mich herum lesen angehende Juristen angeregt ihre anderthalbtausen Seiten dicken Fachbücher, es ist – bis auf das hirnerweichende Rauschen der Leuchtstoffröhren – still und beinahe denke ich nicht mehr an meinen Computerärger.

Aber leider sitzen vor diesem Fenster automatische Jalousien, die hochfahren, wenn es sich bewölkt, und herunter, wenn die Sonne rauskommt. Und bei dem Wetter, was hier im Moment vorherrscht, tun sie das alle verdammten fünf Minuten!

1 Ja, das musste ich bei Google Maps nachgucken.

Motherf*****board

Von Lukas Heinser, 29. August 2007 19:39

Heute Nachmittag ging mein PC plötzlich aus. Und obwohl ich so ziemlich alles versucht habe, kam er nicht mehr richtig zu Bewusstsein. Jetzt muss ich ihn morgen zur Reparatur bringen, auf dass man ihn hoffentlich retten kann.

Erwarten Sie also in den nächsten Tagen nicht allzu viel von mir hier.

Panik ohne Listen

Von Lukas Heinser, 28. August 2007 16:05

Popkulturliebhaber neigen mitunter dazu, alles in Listen zu organisieren. Das wissen wir spätestens seit Nick Hornbys „High Fidelity“ (Platz 2 meiner Lieblingsbücher, Platz 4 meiner Lieblingsfilme).

Ich habe schon mein Leben lang Spaß an Listen und Statistiken. Den Grand Prix Eurovision de la Chanson habe ich hauptsächlich wegen der ellenlangen, wahnsinnig ermüdenden Punktevergabe am Schluss geschaut. Ich habe sogar mit Playmobil-Figuren eigene Grand Prixes ausgetragen, wobei auch dort die Vergabe und Berechnung der Jurystimmen der für mich unterhaltsamste Teil waren. Ich habe vor Fußballweltmeisterschaften deren Ausgang berechnet (Weltmeister 1994 wurde Deutschland mit einem 2:1 gegen Argentinien) und eigene Sportligen gegründet und durchgerechnet – alles noch mit Papier und Kugelschreiber.

Als ich anfing, Kassettenmädchenkassetten aufzunehmen, habe ich die genauen Playlists in den Computer eingetragen. So wusste ich hinterher, welche Songs das entsprechende love interest bereits von mir erhalten hatte, kann aber heute auch relativ schnell überprüfen, was die essentiellen Hits auf bisher über 65 Mixtapes und -CDs waren: „Try, Try, Try“ von den Smashing Pumpkins, „Just Looking“ von den Stereophonics und „Charm Attack“ von Leona Naess kommen auf jeweils fünf Einsätze (bei den Bands liegen Travis mit 56 Songs vor den Stereophonics und Ben Folds Five mit jeweils 46).

Seit vielen Jahren führe ich Excel-Tabellen, in denen ich vermerke, welche CDs ich wann und wo für welchen Preis gekauft habe (im vergangenen Jahr 63 Alben und Singles für durchschnittlich 7,77 Euro) oder wann ich wo mit wem im Kino war und welchen Film wir dort gesehen haben (früher sogar noch mit einer Bewertung für jeden Film versehen).

Hätten wir uns im Mathematik-Grundkurs noch mit Statistik beschäftigt, wäre mein Abiturschnitt (den ich überraschenderweise nicht vorab berechnet hatte) bestimmt besser ausgefallen.

Ich bin also das, was man einen „Statistikfreak“ nennen könnte, und würde nicht groß widersprechen, wenn mir jemand einen milden Autismus auf dem Gebiet unterstellte.

Deshalb bin ich auch ziemlich traurig, dass Blogscout dicht gemacht hat. So long and thanks for all the numbers.

Have A Nice Day

Von Lukas Heinser, 28. August 2007 1:01

In England und Wales ist soeben der Summer Bank Holiday zu Ende gegangen. Das nutze ich als scham- und sinnlosen Aufhänger, um darauf hinzuweisen, dass man auf der Seite von V2 Records den neuen Stereophonics-Song „Bank Holiday Monday“ kostenlos herunterladen kann. Und zwar genau hier.

Die Stereophonics haben ja schon musikalische Höhen wie Tiefen erlebt, aber irgendwie bin ich dieser Band immer treu geblieben und hatte irgendwann auch den größten Schmu liebgewonnen. Deswegen bin ich auch gespannt, wie das neue Album „Pull The Pin“, das in Deutschland – *tadaa!* – an meinem Geburtstag erscheinen soll, wohl so klingt. Das recht oldschoolig rockende „Bank Holiday Monday“ wird mit drauf sein, die Vorab-Single „It Means Nothing“, die ein bisschen langweiliger hypnotischer geraten ist, kann man jetzt schon bei MySpace hören.

Seite: << 1 2 3 ... 138 139 140 ... 163 >>