Beitrags-Archiv für die Kategorie 'TV On The Radio'

In Assoziationsketten gelegt

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 4. August 2010 15:01

Die ZDF-Pressestelle verkündet soeben folgende Nachricht:

Claus Theo Gärtner alias Detektiv Josef Matula hat Grund zum Feiern: Wenn am heutigen Mittwoch, 4. August 2010, die erste Klappe zur neuen Folge der ZDF-Krimiserie “Ein Fall für zwei” fällt, hat er den Krimiklassiker “Derrick” überrundet. Mit 282 Folgen in der Rolle des Privatdetektivs bricht Gärtner den Rekord von Horst Tappert, der insgesamt 281 Mal in der Rolle des Oberinspektors “Derrick” die Zuschauer begeisterte.

Ich nehme das als Vorwand, Ihnen die folgenden Videos zu zeigen:

Und wenn Sie jetzt sagen: “Das ist doch alles alt!”, dann sage ich: “Stimmt! Allen voran Claus Theo Gärtner.”

Die Pottheads vom WDR

Von Lukas Heinser am Dienstag, 13. Juli 2010 13:00

Am Sonntag ist es endlich soweit: Die A 40 wird zwischen Duisburg und Dortmund gesperrt, um darauf einen riesigen Tisch zu errichten und ein Volksfest zu feiern. Die Idee kann man charmant finden oder bekloppt, aber es wird hoffentlich tolle Bilder geben, die mithelfen, das Image des Ruhrgebiets zu verbessern.

Der Westdeutsche Rundfunk bringt deshalb mehrere Sondersendungen, die er in mehreren Pressemitteilungen vollmundig ankündigt:

Kein Stau, kein Stress, keine Autos – am 18. Juli geht auf der Autobahn A40 alles. Die RUHR 2010 sperrt den so genannten Pott-Highway.

Den was?!

den so genannten Pott-Highway.

Ach was. Und wer nennt den so?

Der Westdeutsche Rundfunk — und zwar offensichtlich nur der Westdeutsche Rundfunk.

Aua.

Die Definition von Pop

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 1. Juli 2010 18:11

Erinnern Sie sich noch an den schrecklichen dänischen Beitrag beim Eurovision Song Contest in Oslo?

Herr Niggemeier und ich haben – während wir versuchten, uns diesen Ohrwurm gegenseitig aus dem Kopf zu prügeln – lange darüber nachgedacht, woran uns dieser Song alles erinnert. “Every Breath You Take” (oder, für die Jüngeren: “I’ll Be Missing You”) war natürlich dabei, mit ein bisschen fremder Hilfe kamen wir auch auf “The Best” von Tina Turner und einen Hauch von “Dancing Queen” kann man im Refrain auch erkennen.

Das alles ist aber harmlos gegen Lady Gaga, die das Prinzip Pop ausfüllt wie niemand sonst dieser Tage. Ihre aktuelle Single “Alejandro” verfügt nicht nur über ein beeindruckend irres Video, sie klingt auch wie hundert bereits bekannte Songs gleichzeitig:


Lady Gaga — Alejandro – MyVideo

Maura Johnston und Jay Smooth haben sich bei NPR ausgiebig Gedanken darüber gemacht und erklären in dreieinhalb Minuten mal eben, wie Popmusik funktioniert.

Lady Gaga Vs. Ace Of Base bei npr.org

Redaktionsräume gesucht

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 26. Mai 2010 13:24

Ruhr-Uni Bochum

An der Ruhr-Uni Bochum wird so langsam aber sicher die dringend notwendige Sanierung in Angriff genommen. Das ist gut, hat aber einen kleinen bis mittelgroßen Nachteil: Mein früherer Heimatsender CT das radio wird dadurch … äh: obdachlos.

Jetzt ist die derzeitige Mannschaft des Campusradios auf der Suche nach einer neuen Bleibe, die – so nehme ich an – in Uninähe liegen und wenig bis nichts kosten sollte. Und da dachte ich, vielleicht haben Sie ja eine Idee.

Das ambitionierte Immobiliengroßprojekt in Innenstadtnähe ist ja noch lange nicht fertig.

Für Vorschläge sind die Kollegen dankbar und es gibt sogar etwas zu gewinnen.

Putting Dinslaken on the map (once more)

Von Lukas Heinser am Samstag, 15. Mai 2010 20:17

Stop the press!

Obwohl das Thema “Wetter” im Moment nicht gerade zu den erfreulichsten zählt, gibt es sensationelle Nachrichten von der Waterkant Wetterkarte:

Niemandsland verschwunden

Dinslaken. Viele größere Städte, schimpften Bürger in Zuschriften an die Stadt, seien auf der Wetterkarte des WDR in der “Lokalzeit Duisburg” abgebildet, nur Dinslaken nicht. Ein kritischer Bewohner erklärte, ein Kontakt in dieser Sache mit dem WDR sei erfolglos geblieben. Das ließ die städtische Pressestelle nicht ruhen. Eine Mail und ein Telefongespräch, vielleicht auch die kollegialen Kontakte zu Studioleiter Klaus Beck, führten zum Ziel. Auf der regionalen Wetterkarte des Lokalzeit ist Dinslaken jetzt gut leserlich vertreten.

Soweit die Pressestelle der Stadt.

Wetterkarte der Lokalzeit "Duisburg"

Die Pressestelle des Westdeutschen Rundfunks wollte dieses Großereignis indes nicht mit einer eigenen Verlautbarung würdigen.

Lucki de Funès

Von Lukas Heinser am Sonntag, 18. April 2010 14:05

“Hallo, Westdeutscher Rundfunk? Ja, Heinser hier. Könnte ich mal bitte Ihren Chef-Beleuchter sprechen?”

(Bei Nichtverstehen der Überschrift bitte hier entlang.)

Im Fernsehen

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 15. April 2010 18:35

Das sind mehr Ränder als Augen, die ich da sehe. Es sind meine Ränder, da im Spiegel, was mir an jedem anderen Tag reichlich egal wäre, heute aber nicht. Heute bin ich in einer Fernsehsendung zu Gast und wollte dabei ungern aussehen wie Vatter Hein persönlich.

Seit ich im Januar “Chef” vom BILDblog geworden bin, kamen immer wieder Interview-Anfragen von verschiedensten Medien und wenn man solche Aufmerksamkeit nicht gewohnt ist, keine Sekretärin hat, aber gut erzogen ist, sagt man erst jedem Anrufer zu und anschließend immer wieder das Gleiche. Am Sympathischsten waren meist die Gespräche mit den Campusradios, aber ab dem fünften Interview wusste ich, dass ich nie einen Hollywood-Film drehen würde — bei den internationalen Interview-Marathonen würde ich mich irgendwann selbst verletzen, weil ich mich selbst viel zu oft dasselbe sagen gehört hätte.

Aber Fernsehen, das wollte ich dann doch mal mitmachen. Zumal die Anfrage von einem dieser ARD-Digitalsender kam, die auch nicht viel mehr Zuschauer haben als Dinslaken Einwohner. “Da kann man ja erst mal üben, bevor man irgendwann unvorbereitet bei Gottschalk auf der Couch sitzt”, dachte ich und fuhr nach Köln.

Das heißt: Bis ich nach Köln fahren durfte, musste ich erst mal einen Fragebogen mit sensationell unbeantwortbaren Fragen (“Haben Sie ein Lieblingsbuch?”, “Wie würden Sie sich beschreiben?”) beantworten, auf dessen Grundlage dann eine Redakteurin ein einstündiges telefonisches Vorgespräch mit mir führte, aus dem dann die Fragen für das eigentliche Interview kondensiert wurden.

Man macht sich als Zuschauer ja keine Gedanken, wie viel Aufwand dahinter steckt, ein paar redende Köpfe auf die heimische Mattscheibe zu projizieren. Also von dem ganzen technischen Kram inklusive Erfindung der Braun’schen Röhre und den Rundfunkwellen mal ab.

Stilleben in einer WDR-Garderobe.

Und jetzt sitze ich hier in der Garderobe im (geschätzt) vierten Untergeschoss des Filmhauses des Westdeutschen Rundfunks in Köln, sehe aus wie Manny Calavera und werde von einer Garderobiere gefragt, ob ich “das” (meinen roten Kapuzen-Sweater) anlassen wolle.

“Ich hätte auch noch ein Hemd”, fange ich vorsichtig an, “aber ich weiß nicht, ob das nicht zu kleingemustert ist.”

Das hatte man mir nämlich gesagt, mehrfach: Kein Grün, kein Gelb, nicht zu viel Weiß und um Himmels Willen bitte nicht kleingemustert. Die nette Garderobiere (nett sind sie überhaupt alle hier unten, obwohl sie hier ohne Tageslicht und frische Luft arbeiten müssen und man es durchaus verstünde, wenn sie sich deshalb von Blut ernährten) geht mal fragen und weil mein Hemd nicht zu kleinkariert ist, geht sie es gleich auch noch aufbügeln. Das letzte Mal, als irgendeines meiner Hemden aufgebügelt wurde, lebte ich noch bei meinen Eltern.

Dann darf ich in die Maske und die ist natürlich bitter nötig: “Es tut mir sehr leid, aber meine Augenringe sind heute noch tiefer als sonst”, beginne ich entschuldigend, “dabei war ich gestern extra früh im Bett.”
“Kriegen wir hin”, sagt die nette Maskenbildnerin und beginnt mit umfangreicheren Stuckationsarbeiten, wie man sie von der Deckensanierung Berliner Altbauten aus der Gründerzeit kennt.

Neben mir sitzt Anja Backhaus, die Moderatorin der Sendung, die mit ihrer Maske schon durch ist, und betreibt Small Talk. Wir sprechen über den öffentlichen Personennahverkehr, Wuppertal und den drohenden Abriss des Kölner Schauspielhauses. Bloß nichts aus dem Interview vorwegnehmen, damit der Talkgast später nicht gleich im ersten Satz irgendwas mit “wie gesagt” antwortet.

Nach ein paar Minuten guckt mich ein frischer junger Mann aus dem Spiegel an und ich überlege kurz, wie lange ich wohl üben müsste, bis ich es selber hinkriegte, mich so zu schminken. So für jeden Tag. Meine Haare darf ich, wie jeden Tag, selbst verstrubbeln, was ich sehr gewissenhaft und lange tue, bis es so aussieht, als hätte ich exakt nichts daran getan. “Eitelkeit ist eine der sieben Todsünden”, höre ich meine katholische Großmutter sagen, drehe mich um, sehe aber niemanden.

Dann geht es ins Studio, wo Anja und ich in stylischen Lounge-Sesseln Platz nehmen, in denen man ganz phantastisch liegen kann. Nur aufrecht sitzen geht schlecht, wäre aber im Idealfall wichtig. Wir haben viel Zeit, um die Positionierung unserer Beine auszutesten, denn zunächst einmal müssen wir richtig eingeleuchtet werden. Während wir unsere Beine mal links, mal rechts aneinander vorbeischieben und dabei versuchen, weder verkrampft zu wirken noch uns die Hüften auszukugeln, werden über unseren Köpfen viele Scheinwerfer eingeschaltet, von denen jeder einzelne ausreicht, um eine Tiefkühlpizza aufzubacken. Ich versuche, nicht nach oben zu starren, aber sonst sind da nur eine riesige grüne Wand und drei Kameras, in die ich auch nicht gucken sollte. Wenigstens kann man seine Hände bequem so auf den Sesseln platzieren, dass ich nicht Gefahr laufe, die ganze Zeit über wüst zu gestikulieren, wie ich das sonst tue, wenn ich rede.

Anja redet hin und wieder mit dem Regisseur, den ich aber nicht hören kann, weil er sich in einem Knopf in Anjas Ohr versteckt hat. Als er über die Studio-Lautsprecher spricht, sagt er “Vorwarnung fürs Studio” und das klingt ein bisschen nach Raketenstart.

Beim ersten Versuch stimmt etwas mit Anjas Anmoderation nicht, beim zweiten läuft irgendwas anderes schief, aber da habe ich die erste Frage schon beantwortet. Jetzt also noch mal, wobei ich so tun muss, als würde ich die Frage zum ersten Mal hören und beantworten. Aber wozu war ich in der Unterstufen-Theater-AG meines Gymnasiums?

Diesmal klappt alles und wir befinden uns plötzlich mitten in einem Gespräch. Ich gucke Anja konzentriert an (was für sie ziemlich sicher beunruhigend wirken muss), während ich die Fragen beantworte, die stellenweise echtes Nachdenken erfordern. Da zeigt sich dann auch der Sinn und Nutzen des Vorgesprächs: Manche Fragen spielen gezielt auf eine Antwort an, die ich der Redakteurin vor drei Tagen am Telefon gegeben habe und jetzt idealerweise wiederholen sollte, wenn ich mich noch an sie erinnern würde.

Dass das hier eine Aufzeichnung sein würde ist klar, aber wir produzieren vor für in drei Wochen. Bezugnahmen zum Zeitgeschehen gilt es also eher zu vermeiden — ein bisschen schwierig, wenn man über Medien sprechen soll. Die Frage “Was war in den letzten Wochen besonders krass in den Medien?”, beantworte ich elegant mit einem Verweis auf einen BILDblog-Eintrag von gestern. Also: “vor ein paar Wochen”. Hollywood, ich komme!

Der Talk ist schnell vorbei, aber zwölfeinhalb Minuten sind mehr, als einem als einzelner Gast in der “NDR Talkshow” zustehen. Ich bin also ganz zufrieden mit dem, was wir alles abgehandelt haben. Es wird noch ein Extra-Clip fürs Internet gedreht, den wir vier Mal wiederholen, weil immer irgendwas schief läuft. Dann darf ich gehen.

In der (Nein: meiner) Garderobe packe ich hastig zusammen und vergesse dabei prompt die unangebrochene Packung Kekse, die dort für mich bereitstand. Dabei hat man doch so selten Gelegenheit, sich seine Rundfunkgebühren derart direkt zurückzuholen.

Als ich in den Kölner Nieselregen trete, bin ich noch geschminkt, aber wieder alleine. Niemand um mich, der fragt, ob ich zufrieden bin, ob ich irgendwas brauche, ob alles in Ordnung ist. Niemand, der mir freundlich zunickt. Die ersten Minuten ist das – nach gerade mal zweieinhalb Stunden im Fernsehstudio – ziemlich irritierend. “Hollywood- oder Rockstars würden jetzt Drogen nehmen”, denke ich und gehe stattdessen Freunde besuchen.

EINSWEITERgefragt
Freitag, 16. April 2010
Um 20.01 Uhr auf Eins Festival

Pop revisited

Von Coffee And TV am Sonntag, 4. April 2010 0:03

von Katharina Schliebs und Lukas Heinser

Einslive jedenfalls, die “Jugendwelle” des Westdeutschen Rundfunks, feierte am Freitag ihren 15. Geburtstag.

Wir verbrachten den ganzen Nachmittag in einer Köln-Ehrenfelder Wohnung, ließen uns bekochen und hörten dabei Einslive. Zumindest letzteres gehört zu den Dingen, die Menschen in unserem Alter sonst eher vermeiden. Doch diesmal war es etwas anderes: Wir hörten regelrecht gebannt zu und veranstalteten ein privates Popquiz, denn gefeiert wurde mit einem eigentlich nur brillant zu nennenden Sende-Marathon, in dem zwischen 6 und 21 Uhr jede Stunde einem anderen Jahr gewidmet war. Los ging es mit dem Jahr 2009 und dann immer weiter vorwärts in die Vergangenheit.

So saßen wir zu dritt vor dem Radio und hörten die Jahre 1998, 1997, 1996, 1995 und wurden dabei immer alberner und übertrafen und gegenseitig mit Nerdwissen aus 100 Jahren Popmusik. Dabei sind persönliche Musikhör-Biografien natürlich irgendwann stark abweichend zu dem, was im Radio an Musik läuft. Dennoch darf man nicht unterschätzen, wie viel Radio man dann aber doch gehört hat und wie viele Lieder man kennt, auch wenn man sie eigentlich schlimm oder belanglos findet (Wer um alles in der Welt kann ernsthaft auf die Idee kommen, ein so völlig egales Lied wie “Got ‘Til It’s Gone” von Janet Jackson irgendwie gut zu finden oder sogar die Single zu kaufen? Ein Riesenhit dennoch!), und wie viele Erinnerungen verbunden sind mit diesen Radiopopsongs und den Radiocomedys. Und sogar mit den Betten, Drops und Jingles! Niemals hätte man “Einslive macht hörig” rausschmeißen dürfen.

Exkurs “Nerdwissen über Einslive”: Früher kam direkt nach den Nachrichten eine Begrüßung. Mit dem Relaunch 2007 lief nach den Nachrichten erst ein Lied und dann sagte der Moderator Hallo. Sogar diesen Relaunch hat Einslive für einige Stunden zurückgenommen und die Moderatoren haben wieder direkt nach den Nachrichten eine Begrüßung gesprochen! Mit dem Original-Bett von früher! Und wenn das niemandem sonst auf der ganzen Welt aufgefallen sein sollte: In der Ehrenfelder Küche wurde es bemerkt. Und bejubelt. Exkurs Ende.

Je näher der Rückblick dem Gründungsjahr 1995 kam, desto deutlicher wurde die Rolle, die Eins Live bei der eigenen Adoleszenz gespielt hatte: Nahezu jeden Song konnten wir noch mitsingen — nicht bei jedem kannte man Titel und Interpret, aber wir hatten alles unzählige Male gehört. Damals tatsächlich noch ausschließlich über Radio, denn wir hatten ja nichts. Die Zielgruppe, die jetzt zuhause vor dem Webstream saß und damals noch gar nicht geboren war, wird in 15 Jahren kaum so viele gemeinsame Erinnerungen an ein Medium ihrer Jugend haben.

Wir fühlten uns natürlich alt und sprachen darüber, dass das Konservative manchmal auch seine guten Seiten habe, der Gastgeber brachte Bier — und das war der Moment, in dem wir entdeckten, dass die “Beck’s”-Flaschen neue Etiketten haben. Unsere Reaktion darauf darf man ruhig hysterisch nennen.

Was ja auch nur in einer Medienmetropole wie Köln geht: Den Beginn einer landesweit ausgestrahlten Sendung am heimischen Radio verfolgen und eine Stunde später selbst in der Sendung sitzen und applaudieren. Benjamin von Stuckrad-Barre war zu Gast in der Sendung “Klubbing” und das passte irgendwie ganz wunderbar zur Popkultur-Nostalgie an diesem Karfreitag: Stuckrad-Barre verkörpert die späten 1990er Jahre fast noch besser als Eins Live. Aber während der Sender mit seinem immer profilärmeren Programm gerade die größte Hörerschaft seiner Geschichte feiert, hat es der Literat mit seinem durchaus famosen neuen Buch “Auch Deutsche unter den Opfern” nicht mehr auf die sichtbaren Plätze irgendwelcher Bestselller-Charts geschafft. In großen Buchhandlungen liegen zwar genug Exemplare von “Axolotl Roadkill” aus, um damit die ganze Oberstufe eines Gymnasiums zu versorgen, aber den neuen Stuckrad-Barre müsste man bestellen. Wenn einem das jemand vor zehn Jahren erzählt hätte, als man am Tag der Veröffentlichung von “Blackbox” kleine Buchläden in Dinslaken und Göttingen gestürmt hat …

Wenigstens seine Lesungen (zuletzt gerne mit Christian Ulmen) sind immer noch ausverkauft. Und auch hier im dritten Stock über dem nächtlichen Mediapark ist der Einslive Salon gut besucht. Außen an der Tür hängt immer noch ein Schild, das den Raum als “Kultkomplexcafé” bezeichnet, dieser seltsam absurde Name, der in seiner Eigenartigkeit unbedingt erhaltenswert gewesen wäre, denn “Salon” ist ja nun doch, mit Verlaub, immer noch das, wo man zum Haareschneiden hingeht.

Das erste Gespräch, das Sabine Heinrich mit Stuckrad-Barre noch ohne Publikum im Studio führte, ließ zwar nicht das Schlimmste, aber doch Ungutes befürchten: Nach einem etwas umständlichen “Sie oder Du”-Einstieg waren die beiden ungefähr eine Minute beim sehr unergiebigen Thema “Ostermärsche” hängen geblieben, wobei Stuckrads Antworten zusehends knapper und genervter klangen.

Doch dann steht sie vor einem und man ist sofort verzaubert: Sabine Heinrich hört sich besser an und sieht besser aus als im Fernsehen, wie sie da auf der Bühne des Einslive Salons steht und dem Publikum erklärt, dass es die Handys nach der Lesung gerne wieder anstellen darf. Eins ihrer Hosenbeine ist aus den Stiefeln gerutscht und hängt jetzt über dem Schuh, sie trägt ein weißes T-Shirt und einen Pferdeschwanz, und wenn sie so die Echo-Verleihung moderiert hätte, dann wäre das mit Robbie Williams vielleicht was geworden.

Jetzt aber betritt erst mal Benjamin von Stuckrad-Barre die Bühne. Er sitzt nicht einfach schon da rum wie viele andere Autoren vor ihm, er braucht den Auftritt — und wenn es nur einer durch eine ganz normale Zimmertür ist. Hat er nicht früher seine Lesungen auch mit “Let Me Entertain You” eröffnet?

Benjamin von Stuckrad-Barre

DJ Larse legt irgendwelche Elektro-Musik auf, dann wird abwechselnd gelesen und getalkt, wobei sich zwei Dinge abzeichnen: Stuckrad-Barre ist ein sehr guter Autor, aber ein noch besserer Performer, und Sabine Heinrich ist zwar eine wahnsinnig charmante Moderatorin, aber eben auch eine eher nur mittelgute Interviewerin.

Es ist ein denkbar ungünstige Konstellation: Eine aufgeregte Fragestellerin trifft auf einen Talkgast, der keinerlei Bereitschaft zeigt, die etwas unglücklich formulierten Fragen wohlwollend aufzunehmen. “Was ist denn ein Sittengemälde?” – “Naja ich mein das ist ein ganz schönes deutsches Kompositum. Sitten-Gemälde. Das ist ja … Heiz-Körper. Was ist ein Heizkörper?” – “Ich hab noch nie so ein Wort benutzt! Sittengemälde!” – “Du bist zuviel mit Matthias Opdenhövel zusammen.”

Es läuft nicht. Im Salon ist es heiß, stickig, und sehr, sehr voll. Man könnte jetzt die eigene Hand abnagen (oder die des Sitznachbarn). Mag gar nicht aufhören, den Dialog zwischen Sabine Heinrich und BvSB wiederzugeben, man kann einfach nicht weghören.

Sabine Heinrich sagt: “Hör mal, in deinem Buch war mal die Rede von Müsli mit Brombeeren.”
BvSB: “Ja, das ist saisonabhängig. Nä?”
Heinrich: “Pflückst du die selber in deinem eigenen Garten?”
BvSB: “Im Supermarkt.”
Heinrich: “Eigener Biogarten.”
BvSB: “GARTEN?!? Nein, nein. Gärten gilt es wirklich zu vermeiden. Das ist ja der Anfang vom Ende.”
Heinrich: “Du hast ja auch keine Küche, hast du gesagt.”
BvSB: “Aber das mit dem Garten stimmt! Ja, nee, nein. Gärten.”

Es geht so weiter. Frau Heinrich fragte, wie Herr von Stuckrad-Barre lebt, wie er wohnt, was er von Möbeln hält, ob er denn selber kocht (Antwort: “Nein!”). Er kann sich offensichtlich nicht entscheiden, ob er Frau Heinrich jetzt wirklich permanent auflaufen lassen soll oder nicht und schwankt dann zwischen absoluter Sabotage des Gesprächs und mitleidigem Nachgeben.

Und man will ja Sabine Heinrich nett finden! Und ein bisschen Mitleid mit ihr haben, weil Benjamin von Stuckrad-Barre sich so bockig zeigt! Aber dann sagt sie Sachen, da ist man froh, dass ihr Gesprächspartner entsprechend reagiert:

“Ich hab dich bei Jörg Thadeusz in der Sendung gehört, als Podcast, liebe Grüße an den Jörg, und der hat dich gefragt, -”
“Jetzt wird’s aber ein bisschen privat, oder?“, unterbricht Stuckrad-Barre erneut, zurecht, leicht amüsiert.
“Es kann ja sein, dass Jörg diese Sendung beim Laufen hört”, gibt Frau Heinrich tapfer zu bedenken.
“Na dann aber auch schöne Grüße. Lieber Jörg, es war schön mit dir in Leipzig.“ Zu Frau Heinrich, verschwörerischer Unterton: “Meinze der hört das?” – “Bestimmt!” – “Jörg? Sollen wir in Bochum zusammen lesen oder in Dortmund?”

Und jetzt raten Sie, wer im Publikum an dieser Stelle nicht an sich halten kann und laut “Bochum!” ruft. Stuckrad-Barre wendet sich daraufhin dem Publikum zu und will das ausdiskutieren, aber da wirft sich Frau Heinrich dazwischen: “Darf ich jetzt bitte mal meine Frage durchbringen?!” Sie darf. Aber sie hätte es auch lassen können.

Irgendwann liest Stuckrad-Barre Ausschnitte aus dem längsten Text des Buches, in dem er von der Entstehung der letzten Udo-Lindenberg-Platte berichtet. Was bei der Lesung nur am Rande anklingt: Es ist einer der persönlichsten und intensivsten Texte, den der Autor je veröffentlicht hat. Kommt Lindenberg zu Wort, parodiert Stuckrad den typischen Tonfall des Musikers, was sehr, sehr peinlich wirken könnte (steht nicht irgendwo im Frühwerk des Popliteraten, dass Lindenberg an Parodisten-Schulen in der ersten Stunde auf dem Lehrplan stünde?), hier aber magischerweise funktioniert. Als Sabine Heinrich im inzwischen legendären Angela-Merkel-Interview die Rolle der Kanzlerin liest, ist sie allerdings ihrerseits so klug, auf jedweden Parodie-Versuch zu verzichten.

Um Mitternacht ist die Sendung vorbei, Karfreitag und das Tanzverbot. Es ist wieder 2010 und Einslive klingt auch wieder so. Alle sind wieder so alt, wie sie sich fühlen, und Benjamin von Stuckrad-Barre signiert Bücher.

Podcast der Sendung herunterladen

Ich, WDR 2

Von Lukas Heinser am Sonntag, 10. Januar 2010 23:06

Radio-Symbolbild

Ich renoviere ja zur Zeit eine ehemals milde sanierungsbedürftige Zwei-Zimmer-Wohnung in der Nähe der Bochumer Innenstadt, weswegen ich auch so selten dazu komme, irgendwelche Texte zu schreiben. Weil die Geräusche, die so eine Renovierung macht, extrem langweilig sind (und ich mich immer noch jedes Mal erschrecke, wenn meine Gas-Therme anspringt), habe ich mir ein Radio in die Wohnung gestellt. Es soll mich mit aktuellen Nachrichten und gefälliger Musik versorgen, soll unterhalten, aber nicht anstrengen — kurzum: Es soll das tun, wozu ein Nebenbeimedium wie das Radio heutzutage da ist.

Ich habe mich notgedrungen für WDR 2 entschieden. Bei meinen Eltern ist WDR 2 seit Jahrzehnten in den Radios in Küche, Wohnzimmer und Auto eingestellt, und ich selbst höre den Sender seit einiger Zeit beim Frühstück, noch dazu jeden Samstagnachmittag, wenn Fußball ist. Es ist der Sender, mit dem ich aufgewachsen bin, und noch heute erinnern mich Namen wie Horst Kläuser, Michael Brocker oder Gisela Steinhauer an die Nachmittage meiner Kindheit, an denen wir zum Einkaufen fuhren oder zu Freunden gebracht wurden und im Autoradio das “Mittagsmagazin” laufen hatten.

Ich höre WDR 2 nicht, weil der Sender so gut wäre, sondern weil er alternativlos ist: Eins Live ist für mich inzwischen unerträglich geworden, WDR5 hat einen viel zu hohen Wortanteil und zu lange Beiträge, wegen derer man dann zwanzig Minuten lang den Staubsauger nicht einschalten darf, und Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur kann ich auch noch hören, wenn ich ebenso tot bin wie die Macher. CT das radio wäre naheliegend, habe ich kürzlich auch probiert, aber da fehlten mir dann tagsüber wieder die Inhalte. Es bleibt also wirklich nur WDR 2, wo die meisten Moderatoren ganz sympathisch sind, die meisten Beiträge vorhersehbar bieder und man insgesamt weiß, was man hat — so wie in einer langjährigen Ehe halt.

Das Problem ist: Der durchschnittliche Hörer hört einen Sender am Tag etwa 30 Minuten beim Frühstück, Autofahrer evtl. ein bisschen mehr. Das Programm ist nicht darauf ausgelegt, den ganzen Tag über zu laufen. Wer es trotzdem eingeschaltet lässt, bekommt die Quittung: Die ständige Wiederholung.

Ein Beitrag, der in der “Westzeit” lief, kann bequem noch mal bei “Zwischen Rhein und Weser” recycelt werden. Was im “Mittagsmagazin” vorkam, kann bei “Der Tag” vier Stunden später noch einmal laufen. Die Kurzform bekommt man in der Zeit dazwischen alle zwei Stunden in den Nachrichten eingespielt. Der “Stichtag” wird eh zwei Mal am Tag ausgestrahlt (9.40 Uhr und 17.40 Uhr) — beide Male mit der wortgleichen An- und Abmoderation.

Besonders schlimm war es rund um den Jahreswechsel: Viele Redakteure hatten Urlaub und Rückblicke und Vorschauen auf kulturelle oder sportliche Großereignisse konnten beliebig oft gesendet werden. Zeitlose Beiträge wie der über die kalten Füße (“Warum hat man sie, was kann man dagegen tun?”) oder den Kauf des richtigen Ski-Helms wurden vermutlich im Oktober produziert und laufen bis März alle anderthalb Wochen, dann werden sie eingemottet und erst im Folgewinter wieder hervorgeholt.

Zwischendurch läuft viel Musik, aber nur wenig unterschiedliche. Nach ein paar Tagen weiß ich, welche Songs auf welchen Rotationsstufen laufen. Auf der höchsten beispielsweise “Aeroplane” von Reamonn, “Wheels” von den Foo Fighters, “Fireflies” von Owl City und elendigerweise auch “If Today Was Your Last Day” von Nickelback. “I Will Love You Monday (365)” von Aura Dione ist ganz offensichtlich der grauenerregendste Song des Jahres 2009 (vielleicht auch der schlechteste Song, der jemals aufgenommen wurde), aber das muss ja nicht alle 14 Stunden aufs Neue bewiesen werden. Stanfour kommen von der Insel Föhr, was jedes verdammte Mal in der Abmoderation erwähnt werden muss — dass Föhr die zweitgrößte deutsche Nordseeinsel ist, erfährt man nur alle drei bis vier Einsätze.

Ungefähr die Hälfte aller WDR2-Songs klingt so ähnlich, dass man sich beim Zählen ständig vertut: Eine junge Frau singt ein bisschen soulig über einen Typen, der sie schlecht behandelt, den sie aber trotzdem liebt. Sie bleibt eine tapfere, eigenständige Frau, während im Hintergrund das von den 1960er-Jahren inspirierte Arrangement mit Bläsern und Chören schunkelt. Mark Ronson hat das Tor zur Hölle aufgestoßen, als er Amy Winehouse und Lily Allen produzierte.

Eine Zeit lang denke ich, dass es an der eigenen Radioerfahrung liegt, dass mir das alles auffällt. Dann kommen meine Geschwister zum Anstreichen und verkünden, welcher Song in welcher Stunde laufen wird (bei Eins Live kann man es auf die Minute genau vorhersagen). Nach vier Tagen kenne ich die Schichtpläne der Nachrichtensprecher und die Sendeuhr, nach acht Tagen bin ich die Sendeuhr.

Noch öfter als Beiträge und Musikstücke wiederholt sich die Werbung — jede halbe Stunde. Ex-Deutschlandfunk-Chef Ernst Elitz hatte völlig Recht, als er einmal sinngemäß sagte, Radiowerbung habe – im Gegensatz zu Kino- oder Fernsehwerbung – nie neue Ästhetiken erschaffen und neue Trends gesetzt, sondern sei immer nur nervtötend gewesen.

Ich weiß jetzt, dass es bei Praktiker bis zum Wochenende 20% auf alles (“außer Tiernahrung”) gab, was ich allerdings schon vorher wusste, weil man beim Renovieren auffallend oft Baumärkte ansteuert. Manfred “Bruce Willis” Lehmann wirbt außerdem noch für einen Küchenmarkt, was marketingtechnisch sicher suboptimal ist, weil jetzt ständig die Leute bei Praktiker nach den Küchen-Rabatt-Aktionen fragen. Guildo Horn wirbt für die Küchen in einem Einrichtungsmarkt, Werner Hansch für einen anderen und Ludger Stratmann ebenfalls für einen. Es gibt Rabattaktionen in der Galeria Kaufhof und Null-Prozent-Finanzierung bei Opel und Peugeot. Und Seitenbacher-Müsli ist gut für die Verdauung.

Die dreckigsten Arbeiten sind abgeschlossen, mein gutes altes Telefunken-Radio hat viel Staub, aber nur sehr wenige Farbspritzer abbekommen. So langsam könnte ich meinen einen iPod mitbringen und an die alten Aktivboxen anschließen. Aber ich würde auch etwas vermissen: Die ständig ins Programm eingestreuten Evergreens von den Lightning Seeds und The Beautiful South, die vorgelesenen Hörer-E-Mails und die immer neuen Versuche, Verkehrsmeldungen mit humoristischen Einlagen zu verbinden.

Das Frequenzwahl-Rädchen meines Telefunken wird auch nach dem Umzug unberührt bleiben.

TV-Tipp: Der Wendler-Clan

Von Lukas Heinser am Sonntag, 3. Januar 2010 13:15

Was fällt Ihnen alles zum Thema “Dinslaken” ein? Dalli dalli!

Michael “Der” Wendler, selbsternannter König des Popschlagers und Botschafter der Stadt Dinslaken in der Welt des Glitzers und Glamours, hat jetzt endlich seine eigene TV-Serie über sich und seine Familie. Ich erwarte eine Mischung aus “This Is Spinal Tap” und “Die Fussbroichs” und freue mich, dass meine Hometown gefühlte 100 Jahre nach “Nase vorn” mal wieder einen regelmäßigen Sendeplatz im deutschen Fernsehen bekommt.

Stefan Niggemeier hat die erste Folge von “Der Wendler-Clan” schon gesehen und bremst ein wenig meine Euphorie. Allerdings kommt er ja auch nur aus Osnabrück …

Der Wendler-Clan
ab Sonntag, 3. Januar 2010
jeden Sonntag um 19 Uhr auf Sat.1

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