Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Living In A Magazine'

Franz Josef Wagner schaut in den Abgrund

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. Juni 2007 17:34

Franz Josef Wagner ist ja dafür bekannt, dass er mitunter recht interessante Gedankengänge hat und sich nicht scheut, diese den Millionen Lesern der “Bild”-Zeitung auch mitzuteilen. Man kann ihn wegen seiner Briefe für völlig durchgeknallt halten oder für brillant. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was ich von ihm halten soll und lese seine Kolumnen auch zu selten, um mir ein finales Urteil zu erlauben. Deswegen habe ich auch erst gerade via Spiegelfechter mitbekommen, was Wagner gestern für einen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben hat, der in den folgenden Sätzen … äh: gipfelt.

Liebe Angela Merkel, schreibt die Weltpresse Sie so hoch oder sind Sie wirklich so hoch auf dem Gipfel Ihres Lebens?

Mir würde schwindelig werden auf diesem Gipfel. Wenn ich in den Abgrund schaue.

Die ganze Prosa in 116 Wörtern gibt’s hier – und nächstes Jahr vermutlich im Deutsch-Zentralabitur.

Walfangverbot

Von Oliver Ding
Veröffentlicht: 1. Juni 2007 21:33

Irgendjemand ließ heute unvorsichtigerweise mal wieder einen durchaus vertrauten URL fallen. Auf http://www.nme.com/magazine schaut man als musikinteressierter Mensch ja gerne mal nach, wenn man sich über die aktuellen Hypes informieren will. Und was blinkt einem da entgegen? Beth Ditto, Sängerin von The Gossip, in voller Größe und mit relativ wenig Textil. Beth Ditto auf dem NME-Cover Mancher wird dem Magazin unterstellen, dieses Covermotiv sei mutig. Mancher wird sich verschämt abwenden. Und mancher auch einfach nur reflexartig in seine Hose greifen. Sei’s drum – wichtiger als die persönliche Einstellung gegenüber Adipositas ist ohnehin die Musik. Die von The Gossip kann einiges, was man nicht nur daran ablesen kann, dass bei den geschätzen Kollegen von tonspion.de “Standing in the way of control” 2006 zum MP3 des Jahres gewählt wurde.

Dass aber das mit dem Coverfoto ausgerechnet am Tag passiert, an dem die internationale Walfangkommission verkündet, dass das Walfangmoratorium fortgesetzt wird, ist sicherlich nur Zufall. Oder? Zum Glück kennen die beim NME Jacky D nicht.

Der doppelte Pfarrer

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 30. Mai 2007 3:13

Eigentlich wollte ich nicht mehr so viel über Dinslaken bloggen, aber die Themen liegen da im Moment echt auf der Straße

Am Sonntag wurde der Pfarrer, bei dem ich meinen Zivildienst abgeleistet habe, in den Ruhestand verabschiedet. Ein wichtiges Ereignis für seine Gemeinde, ja: für die ganze Stadt. Die Bürgermeisterin sprach ein Grußwort, ebenso die Vertreter anderer Kirchengemeinden und diverser Vereine. Ich war auch da und natürlich durfte auch die Lokalpresse nicht fehlen. Heute konnte ich dann im Internet nachlesen (die Print-Versionen liegen mir noch nicht vor), was ich erlebt hatte.

Im Online-Angebot der NRZ stand:

Der Betsaal Bruch platzte am Pfingstsonntag aus allen Nähten. So viele kamen, um ihren Pfarrer Karl-Heinz Tackenberg nach fast 25 Jahren in den Ruhestand zu verabschieden. Gottesdienst und Abschiedsfeier gerieten zu einem tagesfüllenden Programm. Jugendleiterin und Mitarbeiterpresbyterin Sabine Fischer-Borgardts, die mit Presbyter Dieter Tepel durchs Programm führte, brachte es auf den Punkt. “Das Programm dauert solange, weil wir uns nicht trennen können.”

Auch die direkte Konkurrenz, die Rheinische Post, nähert sich dem Ereignis atmosphärisch:

Der Betsaal Bruch platzte am Pfingstsonntag aus allen Nähten. So viele kamen, um ihren Pfarrer Karl-Heinz Tackenberg nach fast 25 Jahren in den Ruhestand zu verabschieden. Gottesdienst und Abschiedsfeier gerieten zu einem tagesfüllenden Programm. Jugendleiterin und Mitarbeiterpresbyterin Sabine Fischer-Borgardts, die mit Presbyter Dieter Tepel durchs Programm führte, brachte es auf den Punkt. „Das Programm dauert solange, weil wir uns nicht trennen können.“

Erst dachte ich, ich wäre möglicherweise mit meinen zahlreichen Firefox-Tabs durcheinander gekommen. Dann dachte ich, ich sei gestern einfach zu spät ins Bett gegangen. Schließlich erkannte ich die unterschiedlichen Anführungszeichen und las weiter:

NRZ RP
Superintendent Martin Duscha würdigte den vielfältigen Dienst und wies in seiner offiziellen Entpflichtung vom Dienst in der Pfarrstelle darauf hin, dass nicht alles aus dem Dienst eines Pfarrers vor Augen liegt, sondern vielmehr vieles im Verborgenen liege. Superintendent Martin Duscha würdigte den vielfältigen Dienst und wies in der offiziellen Entpflichtung Tackenbergs vom Dienst in der Pfarrstelle darauf hin, dass nicht alles aus dem Dienst eines Pfarrers vor Augen, sondern vieles im Verborgenen liege.
   
Bürgermeisterin Sabine Weiss dankte Karl-Heinz Tackenberg für sein Engagement im kommunalen Bereich, besonders in der Agendaarbeit. Der katholische Pastor von St. Jakobus, Gregor Wolters, sprach Segenswünsche aus. Auch die Vertreter der Vereine in der Feldmark dankten für gute Zusammenarbeit. Bürgermeisterin Sabine Weiss dankte Karl-Heinz Tackenberg für sein Engagement im kommunalen Bereich, besonders in der Agendaarbeit. Der katholische Pastor von Sankt Jakobus, Gregor Wolters, sprach Segenswünsche aus. Auch die Vertreter der Vereine in der Feldmark dankten für die gute Zusammenarbeit.
   

Natürlich fielen auch mir die Unterschiede gleich ins Auge: Im NRZ-Text könnte auch der Superintendent entpflichtet worden sein, in der RP ist es eindeutig der Pfarrer. Außerdem ist “Sankt” besser zu lesen als “St.” und in der RP steht ein “die” mehr. Im buchstäblich letzten Satz wartet die RP dann sogar noch mit einer, äh: Überraschung auf:

Als er, begleitet von Tochter Bettina, in einem Abschiedslied zurück und nach vorne blickte, konnte mancher der Besucher eine wehmütige Träne nicht verbergen. Als er dann zur Überraschung aller, begleitet von Tochter Bettina, in einem Abschiedslied zurück und nach vorne blickte, konnte mancher der zahlreichen Besucher eine wehmütige Träne nicht verbergen.
   

Ich weiß nicht, wie viele Dinslakener beide Lokalzeitungen (die zumindest früher auch mal die unterschiedlichen politischen Lager repräsentierten) lesen – und wie viele von denen diese etwas merkwürdig anmutende Doppelung bemerkt haben werden. Wie viele dann noch Lust darauf hatten, einen polternden Leserbrief (natürlich zweimal den gleichen!) an die Lokalredaktionen zu schicken, kann ich im Moment nur raten. Seltsam finden kann ich es aber jetzt schon.

Der Autor des Textes der Texte ist übrigens selbst Dinslakener Pfarrer und hätte deshalb durchaus einen guten Grund, seinem langjährigen Kollegen und Weggefährten gleich zweimal öffentlich Tribut zu zollen. Diese Tatsache kann man in der NRZ, für die er des öfteren schreibt, aber allenfalls aus dem Autorenkürzel, in der Rheinischen Post (zumindest in der Onlineausgabe) gar nicht entnehmen. Außerdem muss man sich in der Lokalredaktion der Rheinischen Post jetzt natürlich die Frage gefallen lassen, ob man keinen eigenen Autor hatte, der ähnlich kompetent, aber vielleicht aus einem anderen Blickwinkel, über die Verabschiedung hätte berichten können.

Ich bin es inzwischen gewohnt, dass reine Nachrichten in den allermeisten Tageszeitungen und auf Internetseiten direkt aus Agenturmeldungen übernommen werden. Ich bin gewohnt, dass Veranstaltungsankündigungen in Lokalzeitungen oft genug identisch sind – identisch auch mit den Pressemitteilungen der Veranstalter. Dass aber die Nachberichterstattung, also die Beschreibung eines Ereignisses, bei dem der Leser entweder dabei war oder von dem er wissen will, wie es war; dass also diese Nachberichterstattung auch nahezu identisch ist, sehe ich mit sehr unguten Gefühlen. Denn gerade im lokalen Bereich haben die Bürger/Leser nicht viele Quellen, um sich über Ereignisse zu informieren. Wenn in beiden Zeitungen (fast) das Gleiche steht, verlieren diese ihre Unterscheidungsmerkmale und über kurz oder lang droht mindestens eine von ihnen überflüssig zu werden.

Nun ist ein doppelter Artikel über die Verabschiedung eines Pfarrers natürlich noch nicht gleich der Untergang einer pluralistischen Presse. Jeder Journalist, der darüber hätte berichten sollen, hätte über die verschiedenen Programmpunkte geschrieben und die Verdienste des Neu-Pensionärs gewürdigt. Ich bin aber gerade deshalb der Meinung, dass man zwei unterschiedliche Texte darüber hätte schreiben sollen: Wie sieht das denn aus, wenn man mit einer Art Serienbrief in den Ruhestand verabschiedet wird?

Die dazugehörigen Fotos sind – das sei nicht unerwähnt gelassen – von zwei verschiedenen Fotografen zu zwei verschiedenen Zeitpunkten geschossen worden. Dass die RP-Bildunterschrift nicht so direkt mit dem Motiv übereinstimmt, ist jetzt auch egal.

Seifenoper

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 23. Mai 2007 13:41

Seit Khaled al-Masri in der vergangenen Woche einen Brand in einem Großmarkt legte, berichtet die Bild-”Zeitung” in beunruhigender und hetzerischer Art und Weise über ihn (s.a. BILDblog).

Der neueste “Bild”-Artikel zum Thema ruft mal wieder nach einer ganzen Menge negativ behafteter Adjektive und der Frage, warum man diesmal eine Kampagne gegen einen wehrlosen Mann fährt, der schon lange am Boden liegt – und nicht, wie sonst üblich, gegen Schauspielerinnen, Politiker und Fußballtrainer. (Nicht, dass das besser wäre, aber Demontage macht doch eigentlich nur “Spaß”, wenn das Opfer über eine gewisse Fallhöhe verfügt, oder?)

Eines aber kann man “Bild” nicht vorwerfen: dass sie ihre Artikel nicht bis ins kleinste Detail recherchiert hätten.

Er kauft drei blaue Kanister für je 5,69 Euro, betankt sie, bezahlt und rauscht um 3.58 Uhr davon.

Der Rest des Artikels legt zwar den Verdacht nahe, dass ausschließlich kleinste Details recherchiert und andere Sachen ein wenig außer Acht gelassen wurden, dieser Satz aber qualifiziert die zuständigen Autoren für das Goldene Seifenstück.

Das “Goldene Seifenstück” leitet seinen Namen aus einem “Spiegel”-Artikel über den 11. September 2001 ab, in dem ausgeführt wurde, dass sich Mohammed Atta vielleicht mit einem 28,3 Gramm schweren Stück Seife gewaschen habe, bevor er zum Flughafen fuhr, um ein Flugzeug zu entführen und ins World Trade Center zu steuern (nachzulesen auch in diesem Buch). Es wird seitdem in unregelmäßigen Abständen für besonders detaillierte, aber völlig sinnlose Recherchetätigkeiten von Journalisten verliehen. Von mir.

“You can say ‘you’ to me!”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 20. Mai 2007 22:21

Die Anrede im Englischen öffnet Missverständnissen Tür und Tor. Da ist zum einen die Sache mit den Vornamen, die kürzlich in meinem neuen Lieblings-Blog USA Erklärt sehr anschaulich beschrieben wurde (nun ja, ‘anschaulich’ ist das falsche Wort für einen Sachverhalt, der in seiner Komplexität der Kernspaltung in nichts nachsteht – dann eben ‘gut beschrieben’). Zum anderen ist da die Sache mit dem Personalpronomen “you”, das Deutsche schon mal als “Du” verstehen, und sich deshalb freuen oder wundern, dass sich die Native Speaker des Englischen alle duzen. Die Wahrheit ist ungleich komplexer. Ganz knapp: Der englischen Sprache ist das “Du” (“thou”/”thy”) im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen und existiert heute nur noch in Shakespear’schen Dramen, der Bibel und ähnlichen Texten früherer Tage.

Warum diese längliche Einleitung aus dem Bereich der Sprachwissenschaften? Zum einen habe ich vor wenigen Tagen einen Studienabschluss in Anglistik erlangt, zum zweiten muss man sich diese Situation vor Augen führen, wenn es um die schwierige Arbeit der Interview-Übersetzung in deutschsprachigen Redaktionen geht.

Dirk Peitz hat für jetzt.de ein Interview mit Fran Healy und Dougie Payne von Travis geführt. Die Musiker werden sich mit “Hi, I’m Fran” bzw. “Hello, I’m Dougie” vorgestellt haben (obwohl sie davon ausgehen können, dass ein Interviewer wenigstens die Namen seiner Gesprächspartner kennt – sie sind eben gut erzogen) und im Gespräch wird man sich, wie allgemein üblich, mit “you” angesprochen haben. Da Interviews grundsätzlich in übersetzter Form gedruckt werden, musste nun das englische Gespräch in einen deutschsprachigen Text umgewandelt werden, und irgendjemand kam bei der früheren Jugendbeilage der SZ auf die Idee, man könne doch die Musiker in der Übersetzung einfach mal siezen.

Das kann man machen, um sich so von vorneherein vom Vorwurf der Anbiederung freizumachen. Man kann es auch machen, um seinen Gesprächspartnern den nötigen Respekt zu erweisen (schon Max Goldt hat sich in seinem Text “Was man nicht sagt” dafür ausgesprochen, Musiker nicht als “Jungs” und “Mädels” zu bezeichnen – sie zu siezen wäre also auch nur konsequent). Man kann es sogar machen, um zu beweisen, dass man das mit dem “Du” und “Sie” im Englischen sehr, sehr gut verstanden hat. Aber egal, wie die Gründe gelautet haben mögen, sie werden bei den (zumeist jugendlichen) Lesern Verwirrung auslösen:

SZ: Sie haben sich fast vier Jahre Zeit gelassen, um Ihr neues Album aufzunehmen. Was haben Sie so lange getrieben?

Fran Healy: Es gibt dieses Sprichwort im Musikgeschäft: Für dein erstes Album brauchst du 23 Jahre, doch für jedes weitere geben dir die Plattenfirmen nur noch sechs Monate.

“Mutti, warum siezt der Journalist diesen verehrenswerten Musiker und dieser Rockstar-Stoffel duzt dann einfach zurück?”, werden natürlich die wenigsten Zahnspangenträgerinnen morgen am Frühstückstisch ihre Studienrätin-Mutter fragen. Täten sie es nur! Die Mutti würde erst den ganzen Sermon, den ich oben schon geschrieben habe, wiederholen, und dann erklären, dass “you” ja auch für “man” stehen kann und das Sprichwort von wirklich umsichtigen Redakteuren deshalb mit “Für sein erstes Album braucht man 23 Jahre, doch für jedes weitere geben einem die Plattenfirmen nur noch sechs Monate”, übersetzt worden wäre. Vielleicht würde sie aber auch nur sagen: “Gabriele, iss Deine Cerealien und frag das Deinen Englischlehrer, den faulen Sack!”

Absurder als das aufgeführte Beispiel ist übrigens die Angewohnheit der Redaktion des sehr guten Interviewmagazins Galore, jede aufkommende Anrede in ein “Sie” umzuwandeln. Diese automatisierte Angleichung flog spätestens auf, als Campino, der ja nun wirklich jeden duzt, den Interviewer plötzlich mit “Sie” ansprach.
Noch absurder war der Auftritt von Jan Ullrich bei Reinhold Beckmann. Aber das lag nicht nur an der Schieflage in den Anreden.

Perpetuum Mobile

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 20. Mai 2007 15:25

Letzte Woche befasste sich Stefan Niggemeier in seiner FAS-Kolumne “Teletext” mit Max Schradin, einem lauten und nur bedingt sympathischen Endzwanziger, der beim umstrittenen Anrufsender 9live dafür zuständig ist, auf halbherzig bekritzelte Flipcharts zu zeigen und in nicht näher nachvollziehbaren Intervallen sehr laut von Zehn bis Null zu zählen.

Schradin reagierte darauf mit dem überraschenden Vorhaben, diesen Text über sich live im Fernsehen zu deklamieren und mit eigenen Anmerkungen zu versehen. Dass er dabei einige besonders kritische Textstellen überging, war sicher der Aufregung geschuldet, zum ersten Mal bei 9live einen Text vortragen zu müssen, in dem Subjekt, Prädikat und Objekt, sowie einige Nebensätze zweiter Ordnung vorkamen. Dieser, in jeder Hinsicht bemerkenswerte, Vortrag ist bei sevenload zu sehen und wurde selbstverständlich auch in Stefans Blog hinreichend gewürdigt.

Ich konnte natürlich mal wieder meine Klappe nicht halten und schrieb in den Kommentaren:

Zur Steigerung der medialen Rekursion würde sich das Ganze aber auch als Teledialog in der FAS ganz gut machen.

Und obwohl ich meinen Einfluss auf die Inhalte einer der wichtigsten und besten Sonntagszeitungen des Landes bis heute Morgen als sehr gering eingeschätzt hätte (und dies auch nach wie vor tue), verspürte ich doch ein leichtes Stechen im Hirn, als ich die heutige Ausgabe der FAS aufschlug und den aktuellen “Teledialog”, der in Ermangelung eines Gesprächspartners ausnahmsweise “Telemonolog” heißt, sah. Denn (natürlich) haben die kundigen Medienredakteure der FAS dort einen Teil dessen abgedruckt, was Max Schradin so von sich gab, während er aus der FAS vorlas – inklusive der Zitate aus der FAS-Kolumne der letzten Woche.

Nun hoffe ich einfach mal, dass Schradins Hang zur Postmoderne ähnlich groß ist wie die Gewinnchancen eines 9live-Anrufers, denn die Vorstellung, dass in der nächsten Woche in der FAS ein Text auftaucht, der widerspiegelt wie Max Schradin aus einem FAS-Text vorliest, der eine Mitschrift seiner Vorlesung aus einem FAS-Text ist (in dem Schradin bereits originär zitiert wurde), macht mich ganz schwindelig.

Und da sage noch einer, die Blogosphäre sei rekursiv …

“Es gibt doch nichts Schlimmeres als nervende B-Promis.”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 19. Mai 2007 12:51

Wie jeder Fußball- und Nicht-Bayern-Fan, so habe natürlich auch ich eine ordentliche Abneigung gegen den FC Bayern München. Wie viele andere Nicht-Bayern-Fans hege aber auch ich große Sympathien für Mehmet Scholl. Der Mittelfeldspieler, der sich auch als Sampler-Kompilierer einen Namen gemacht hat, beendet heute seine Karriere als Profifußballer.

Grund genug für die Süddeutsche Zeitung, noch einmal ein ausführliches Interview mit ihm zu führen – auch wenn er sonst ungern Interviews gibt:

Ich wollte mich eben nur dann äußern, wenn ich auch etwas zu sagen habe. Ich wollte das Gefühl haben, dass mir jemand zuhört. Viele Leute geben Interviews nicht, weil sie was zu sagen haben, sondern weil sie wo erscheinen möchten. Sie beziehen ihren Marktwert daher und werden mit Werbeverträgen belohnt. Das ist in Ordnung. Aber nichts für mich.

Es ist ein Anekdotenreiches, selbstkritisches und versöhnliches Interview, das einmal mehr das Bild bestätigt, das man von Mehmet Scholl allgemein so hat: Ein Typ, den man in einer Kneipe erst auf den zweiten Blick entdeckt, dem man ein Bier ausgeben und sich nett mit ihm unterhalten würde.

Mir ging es um den Erhalt einer gewissen Lebensqualität – und zudem darum, den Leuten nicht auf die Nerven zu gehen. Es gibt doch nichts Schlimmeres als nervende B-Promis.

Es ist aber auch nicht zuletzt deshalb ein tolles Interview, weil man sich die Szenerie (zweieinhalb Stunden im Restaurant, am Nebentisch sitzt Stefan Effenberg nebst Gattin) so lebhaft vorstellen kann – inklusiver der ungläubigen Blicke der SZ-Redakteure bei dieser Szene:

Mehmet Scholl: Stellt’ euch mal vor, ich täusch’ an und laufe auf Uli Hoeneß auf. Dann sinke ich wie die Titanic!

SZ: Das will ja keiner. Wo werden Sie dann künftig Ihren Spieltrieb ausleben?

Mehmet Scholl: Kegeln werde ich.

SZ: KEGELN?

Ich wünsche Mehmet Scholl, dass er heute noch mal ein Tor schießt (es wäre sein erstes in dieser Saison) – und nur seinetwegen dürfen die Bayern heute ausnahmsweise mal gewinnen.

“Die wichtigen medienethischen Grundsätze”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 3. Mai 2007 17:31

Die Karriere des Bodo Hombach ist geprägt von merkwürdigen Zufällen. So war er z.B. neun Monate Kanzleramtsminister unter Gerhard Schröder, ehe er u.a. wegen Vorwürfen, der Energiekonzern VEBA habe den Bau seines Privathauses in Mülheim a.d. Ruhr mit einer sechsstelligen Summe unterstützt, zurücktrat. Daraufhin wurde er Special Coordinator of the Stability Pact for South-East Europe bei der EU und sollte u.a. dabei helfen, die Korruption in Südosteuropa zu bekämpfen.
Seit 2002 ist Hombach Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, die daraufhin eine monopolähnliche Stellung auf dem Medienmarkt Südosteuropas aufbaute.

Das alles soll uns aber gar nicht interessieren, denn dieser Bodo Hombach von dieser WAZ-Mediengruppe hat nun einen Verhaltenskodex vorgestellt, der u.a. eine klare Trennung von redaktionellen Inhalten und Werbung vorsieht:

Werbebotschaften dürfen nicht in einer Aufmachung (Schriftart und Typographie) präsentiert werden, die für redaktionelle Beiträge üblich ist.

Die Idee ist natürlich weder neu noch blöd, genau genommen findet man sie auch unter Ziffer 7 im Pressekodex, an den sich alle Journalisten halten sollten – die Ergebnisse sind bekannt.

Spannender ist schon, was der Kodex zur immer wieder kritisierten Praxis bei Reisereportagen (das Reiseunternehmen zahlt, der Artikel fällt entsprechend wohlwollend aus) zu sagen hat:

Für Pressereisen, bei denen der Veranstalter alle Kosten übernehmen will, ist vor einer Zusage der journalistische Wert kritisch zu prüfen. Anzustreben ist die Herausrechnung eines WAZ-Kostenanteils, den der Verlag bezahlt. Von der Grundregel der Kostenübernahme kann abgewichen werden, wenn die Herausrechnung eines Eigenanteils nicht praktikabel ist oder bei den Einladern des Anlasses auf Befremden stoßen würde – zum Beispiel bei Eröffnungsflügen.
Reine „Lustreisen“ müssen abgelehnt werden.

Auch die Vorteile der sog. Journalistenrabatte sollen eingeschränkt werden:

Die Inanspruchnahme von Presserabatten ist dem Chefredakteur / der Chefredakteurin anzuzeigen, wenn die Vorteilsgewährung deutlich über den Rahmen handelsüblicher Rabatte hinausgeht. Diese Regelung dient der Vermeidung von Interessenkollisionen.

Und auch ein paar eh gesetzlich geregelte Sachen werden noch mal klargestellt:

Auf nicht-öffentlichen Vorausinformationen beruhende Insider-Geschäfte mit Wertpapieren sind verboten. Eine Vorab-Unterrichtung darf nur für die journalistische Veröffentlichung, nicht aber geschäftlich und zur persönlichen Vorteilsgewinnung genutzt werden.

Leider findet sich im WAZ-Kodex kein Wort zum Thema Ideendiebstahl und Quellenangaben. Vielleicht geht man davon aus, dass niemand bei der WAZ je auch nur auf die Idee käme, irgendwas irgendwo abzuschreiben und vertraut auf die Aufrichtigkeit seiner Autoren. Wo man doch jetzt das Qualitätssiegel des Deutschen Journalistenverbands hat.

Falls ich in Ungnade bei Wolfgang fallen sollte

Von Oliver Ding
Veröffentlicht: 20. April 2007 18:27

Zeichen und Wunder und so. Da lese ich unbedarft im deutschen Rolling Stone, und plötzlich entdecke ich eine Aussage des notorischen Dylan- und Stones-Apologeten Wolfgang Doebeling, der sich gefälligst ein jeder vollinhaltlich anzuschließen hat. Gab’s das schon mal? Vermutlich: nicht.

Aber worum ging es eigentlich? Das anbetungswürdige “Fairytale of New York” von The Pogues mit der viel zu früh verstorbenen Kirsty MacColl, wird da auf Seite 113 der April-Ausgabe im “Vinyl”-Kasten behauptet, sei der “großartigste aller Xmas-Tracks”. Nicht nur in Zeiten, in denen die Temperaturen in Deutschland zu Ostern so sind wie sonst auf Malle in der Hochsaison, ist das mal die definitive Wahrheit. Und nicht mal die grundgute Coverversion der grundguten Stars, die man als B-Seite von “Your ex-lover is dead” im City-Slang-Store käuflich erwerben kann, wird daran etwas ändern. Und Doebelings Fauxpas, der Song hieße “Fairytale in New York”, schon mal gar nicht. Das alles muß etwas zu bedeuten haben. Vermutlich: nichts.

“Fairytale of New York” – Video bei Youtube
Herrlich derangierte Livefassung vom St. Patrick’s Day 1988, ebenfalls bei YouTube

“Viel schlimmer ist doch, dass mittlerweile jede Putzfrauenstelle übers Fernsehen gecastet wird.”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 19. April 2007 18:31

Wer sich für großartige Sätze von großartigen Musikern begeistern kann, dem sei der aktuelle Musikexpress (Mai 2007) wärmstens ans Herz gelegt. Auf leider nur einer Seite befragt Jan Wigger Peter Hein von den Fehlfarben – und der sagt so viele tolle Sachen, dass man gar nicht mehr weiß, welchen Spruch man sich demnächst auf ein T-Shirt (wohl vorsichtshalber in XXXXXL) drucken lassen soll.

Zum Thema Fußball-WM und dem sog. “positiven Patriotismus” (Fahnenschwenken):

Ich habe natürlich gegen die deutsche Mannschaft gehalten, das mache ich immer. Zum Fahnenschwenken: Natürlich geht das. Die Hälfte der Leute mit den Fahnen konnte ja kaum Deutsch, die leben halt hier und konnten ihrem von zu Hause gewohnten Fahnenschwenken mal freien Lauf lassen. Ich fand es auch in Ordnung, wie man sich mit diesen Winkelementen an den Autos lächerlich gemacht hat.

Über Franz Josef Wagners Kolumne in der “Bild”-Zeitung:

“Post von Wagner” fand ich früher nur blöd. Aber seitdem mir mal jemand plausibel gemacht hat, dass der wirklich “amtlich durchgeknallt” ist, bleibe ich daran hängen. [...] Also ab und zu schreibt der auch was Wahres, und ich lese das mit Belustigung.”

Auf die Frage, ob Pete Doherty Punk sei:

Also Pete Doherty ganz bestimmt nicht, der ist eher Sid Vicious. Und das ist nicht Punk, sondern (überlegt) … Depp.

Als ihm der Promoter eine Brötchentüte reicht:

Mensch, da ist ja gar nichts von dem drin, was ich bestellt habe. Kein Ei, kein Sandwich, nur so’n Körner-Kack. Wenigstens ist das Tier tot, was auf dem Brötchen ist.

Über MP3s:

Das ist im Prinzip nur Scheiße, da gehst du einmal mit nem Magnet vorbei, und dann haben sie ihre Musik mal gehabt. Ich stelle mir immer vor, wie die jetzt 30-Jährigen in zwanzig Jahren auf dem Flohmarkt stehen und da ihre Chips verhökern (verstellt die Stimme): “Ey, hallo, 30 Gigabyte, ey voll krass, mussu hören!”

Der Rest des Heftes ist auch zu empfehlen, die neue Fehlfarben-Platte offenbar auch.

Seite: << 1 2 3 ...14 15 16 17 18 >>