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	<title>Coffee And TV &#187; Living In A Magazine</title>
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	<description>Popkultur - Allein das Wort schon!</description>
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		<title>Jeden Tag ein bisschen besser</title>
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		<pubDate>Wed, 18 Jan 2012 15:11:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Heinser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im vergangenen Jahr habe ich für BILDblog über Monate die Nennung des Produktnamens Aperol in deutschsprachigen Medien dokumentiert. Ungefähr ab September wurde ich nachts wach, weil ich dachte, jemand hätte &#8220;Aperol&#8221; gesagt. Die Antworten der Kollegen auf meine Bitte, sie mögen mir doch sagen, wenn sie das Gefühl hätten, ich würde mich da in etwas [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im vergangenen Jahr habe ich für BILDblog über Monate die Nennung des Produktnamens Aperol in deutschsprachigen Medien dokumentiert. Ungefähr ab September wurde ich nachts wach, weil ich dachte, jemand hätte &#8220;Aperol&#8221; gesagt. Die Antworten der Kollegen auf meine Bitte, sie mögen mir doch sagen, wenn sie das Gefühl hätten, ich würde mich da in etwas verrennen, wurden immer ausweichender. Am 24. Dezember erschien dann endlich der <a href="http://www.bildblog.de/irgendwas-mit-aperol/">Artikel</a> und ich konnte den Google Alert auf &#8220;Aperol&#8221; endlich abstellen.</p>
<p>Doch das vielleicht bizarrste Product Placement der Journalismusgeschichte habe ich erst jetzt entdeckt. Der Frankfurter &#8220;Bild&#8221;-Gerichtsreporter Kolja Gärtner hat es im vergangenen Oktober in seinem Artikel &#8220;150-Kilo-Metzger-Sohn erstickt Nachbarn&#8221; untergebracht:</p>
<blockquote><p>Verteidigerin Daniela Palmer: &#8220;Der Getötete stand vor meinem Mandanten, schrie und fuchtelte mit den Armen. Mein Mandant verpasste ihm einen Faustschlag, zog ihm eine Rewe-Plastiktüte über den Kopf. Er wollte ihn nicht töten, sondern ihm eine Lektion erteilen. (&#8230;)&#8221;</p></blockquote>
 <p><a href="http://www.coffeeandtv.de/?flattrss_redirect&amp;id=6535&amp;md5=53fef391df5cdac7fb287023f8b5803f" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Der größte Fehler des Christian Wulff</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Jan 2012 16:00:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Heinser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich habe ein bisschen Angst, einen Blogeintrag über Christian Wulff anzufangen, weil es bei der aktuellen Gemengelage denkbar ist, dass der Mann schon nicht mehr Bundespräsident ist, bevor ich den Text das erste Mal Korrektur lesen kann. Natürlich kann Wulff seinen Versuch fortsetzen, gegen die gesamte deutsche Presse, aber mit dem deutschen Volk im Amt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich habe ein bisschen Angst, einen Blogeintrag über Christian Wulff anzufangen, weil es bei der aktuellen Gemengelage denkbar ist, dass der Mann schon nicht mehr Bundespräsident ist, bevor ich den Text das erste Mal Korrektur lesen kann.</p>
<p>Natürlich kann Wulff seinen Versuch fortsetzen, gegen die gesamte deutsche Presse, aber mit dem deutschen Volk im Amt zu bleiben. Das hat zwar schon bei Karl-Theodor zu Guttenberg nicht funktioniert (und der hatte immerhin bis zum Schluss die &#8220;Bild&#8221; auf seiner Seite), aber Wunder gibt es immer wieder.</p>
<p>Zwar war Wulffs Rückhalt in der Bevölkerung vor dem gestrigen TV-Interview schon merklich gesunken (am Mittwoch waren nur noch 47 Prozent dafür, dass Wulff im Amt bleiben sollte, am Montag waren es noch 63 Prozent), aber vielleicht hat Wulff das sogenannte einfache Volk mit seinem merkwürdigen Auftritt bei ARD und ZDF besser überzeugen können als die Journalisten. Wahrscheinlich ist dies allerdings auch <a href="http://www.rp-online.de/politik/deutschland/bundespraesident/das-soll-unser-aller-praesident-sein-1.2662364">nicht</a>.</p>
<p>Wie dem auch sei: So lange die Affäre Wulff die Titelseiten füllt und weite Teile der Nachrichtensendungen ausfüllt, so lange geht natürlich unter, dass sich Europa immer noch in einer großen Krise befindet, dass sich die Stimmung zwischen dem Iran und dem Rest der Welt täglich verschlechtert. Und ich meine das nicht in dem Sinn, mit dem Online-Kommentatoren &#8220;Habt Ihr denn sonst keine Sorgen?&#8221; fragen.</p>
<p>Als Richard Nixon im Zuge der Watergate-Affäre seinen Rücktritt als US-Präsident erklärte, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=lzXL7C0JQDM">tat</a> er dies mit den unsterblichen Worten:</p>
<blockquote><p>I have never been a quitter.</p>
<p>To leave office before my term is completed is abhorrent to every instinct in my body. But as President, I must put the interests of America first.</p>
<p>America needs a full-time President and a full-time Congress, particularly at this time with problems we face at home and abroad.</p></blockquote>
<p>Nun unterscheiden sich die Befugnisse von US- und Bundespräsident fundamental: Vermutlich würde es niemandem auffallen, wenn Christian Wulff die letzten dreieinhalb Jahre seiner Amtszeit tatsächlich ausschließlich mit der Beantwortung der vielen, vielen Journalistenanfragen verbrächte. Einen Vollzeitpräsidenten hatte und brauchte Deutschland nie &#8212; weswegen ich übrigens den <a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1643569/">Vorschlag</a> von Friedrich Küppersbusch aufs Heftigste begrüße, das Amt des hauptberuflichen Grüßaugusts abzuschaffen und den Bundestagspräsidenten zum Staatsoberhaupt zu machen.</p>
<p>Wulff lähmt vielleicht noch nicht einmal die Politik &#8212; Politiker von Koalition und Opposition, die sich wortgewaltig vor TV-Kameras um das Ansehen des höchsten Amts im Staate sorgen, können in dieser Zeit keinen anderen Schaden anrichten. Aber Wulff lähmt das öffentliche Leben in Deutschland: Die Medien beschäftigen sich seit Tagen mit kaum etwas anderem und wissen vermutlich längst, was sie als nächstes noch alles aufdecken werden &#8212; als Fortsetzungsroman verkauft sich jeder Skandal besser denn als abgeschlossene Erzählung und wer hat denn gesagt, dass Salamitaktiken nur etwas für Politiker sind? Der volkswirtschaftliche Schaden, der seit Tagen durch die vielen Wulff-Witze (seit gestern auch noch: Schausten-Witze) auf Facebook und Twitter entsteht, die alle während der Arbeitszeit gelesen und geteilt werden müssen, ist sicher auch nicht zu verachten.</p>
<p>Christian Wulff hat in dem gestrigen <a href="http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-01/wulff-interview-wortlaut/komplettansicht">Interview</a> viel davon gesprochen, dass er Freunde und Familie habe schützen wollen und sich deshalb mit Informationen zurückgehalten habe. Es steht außer Frage, dass die Redaktionen noch genug Munition haben, um den waidwunden Präsidenten abzuschießen (um mal eine martialische Phrase zu vermeiden). Die Chancen stehen gut, dass es dabei um weitere Details aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis geht. Auch wenn ich nicht glaube, dass die in den vergangenen Tagen mehr oder weniger offen kolportierten Gerüchte zutreffen, so wäre Christian Wulff doch gut beraten, sein Umfeld aus der Schusslinie zu bringen.</p>
<p>Andererseits könnte es sein, dass das nun auch nichts mehr bringt: Wulff hat gestern im Fernsehen erzählt, er habe &#8220;Bild&#8221;-Chefredakteur Kai Diekmann auf dessen Mailbox gebeten, &#8220;um einen Tag die Veröffentlichung zu verschieben, damit man darüber reden kann, damit sie sachgemäß ausfallen kann&#8221;. Diekmann hielt heute dagegen und bat Wulff öffentlich um die Genehmigung, den Wortlaut des Anrufs veröffentlichen zu dürfen. Allein für diese Gelegenheit, dass sich Kai Diekmann als moralische Instanz und flauschiges Unschuldslamm präsentieren kann, muss man Wulff verachten. Jetzt hat Wulff <a href="http://www.bild.de/politik/inland/wulff-kredit-affaere/bild-bittet-wulff-um-transparenz-21916856.bild.html">abgelehnt</a> und damit mutmaßlich die Pforten zur Hölle aufgestoßen.</p>
<p>Der präsidiale Ausraster auf seiner Mailbox dürfte kaum Diekmanns letzter Trumpf gewesen sein. Wahrscheinlich ging er fest davon aus, dass Wulff seine Bitte zur Veröffentlichung negativ bescheiden würde, und hat die Anfrage deshalb gleich öffentlich gemacht. Diekmann konnte zwei Mal &#8220;im Sinne der von Ihnen angesprochenen Transparenz&#8221; argumentieren und hat den Präsidenten damit faktisch schachmatt gesetzt: Setzt man voraus, dass Diekmanns Version der Geschichte stimmt, wäre Wulff der Lüge überführt gewesen und damit endgültig untragbar. Setzt man voraus, dass Wulffs Version stimmt, hat er jetzt immer noch das Problem, nicht &#8220;im Sinne der Transparenz&#8221; gehandelt zu haben. Er konnte nur noch verlieren.</p>
<p>Es ist leicht, auf einen Abzockvollprofi wie Kai Diekmann reinzufallen, aber einem Spitzenpolitiker (auch wenn er &#8220;ohne Karenzzeit, ohne Vorbereitungszeit&#8221; in sein aktuelles Amt gekommen ist) sollte das nicht passieren. Ich fände es deprimierend, sagen zu müssen, dass man sich mit &#8220;Bild&#8221; nicht anlegen sollte, und glaube das auch nicht. Aber man muss schon wissen, <i>wie</i> man es macht &#8212; und dabei in einer etwas glücklicheren Ausgangsposition sein, als Wulff es <a href="http://www.bildblog.de/35960/gewitter-im-aufzug-bei-christian-wulff/">war</a>.</p>
<p>Kaum jemand stolpert, privat oder beruflich, über einen einzelnen großen Fehler. Meist ist es eine unglückselige Verkettung vieler kleiner und mittlerer Fehler. Egal, was jetzt noch rauskommt: Der größte Fehler, den Christian Wulff in meinen Augen gemacht hat, war der, &#8220;Bild&#8221; und Kai Diekmann die Gelegenheit zu geben, sich als seriöse, moralische Journalisten inszenieren zu können, was ihnen die Menschen vielleicht mehr abkaufen als Wulff seine Rolle als reuiger Sünder. Wulff hat &#8220;Bild&#8221; die Macht zurückgegeben, die die Zeitung <a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/03/04/der-olprinz/">eigentlich</a> nicht mehr hatte.<img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/3d8d0213dcf3406888e4862f30dd4650" width="1" height="1" alt=""></p>
 <p><a href="http://www.coffeeandtv.de/?flattrss_redirect&amp;id=6486&amp;md5=e50b1791b1f0b7ab1df7e1485e99a3e4" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>So viel Hitler war selten</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Dec 2011 11:59:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Heinser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Sensationsmeldung des Jahres entnehmen wir heute &#8220;RP Online&#8221;: Dagegen verblasst selbst diese Schlagzeile auf der Titelseite der heutigen &#8220;Bild&#8221;: Tatsächlich verhält es sich dann aber doch ein bisschen anders: Der Rabenfels bei Rennertshofen birgt seit rund 80 Jahren ein Geheimnis, das nur wenigen bekannt war. Wenn man weiß, dass der Berg einst den Zweitnamen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Sensationsmeldung des Jahres entnehmen wir heute <a href="http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/hitler-in-bayerischer-hoehle-entdeckt-1.2623511">&#8220;RP Online&#8221;</a>:</p>
<p><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/uploads/2011/12/rpo_hitler.gif" title='Screenshot: rp-online.de' alt='Hitler in bayerischer Höhle entdeckt'></p>
<p>Dagegen verblasst selbst diese Schlagzeile auf der Titelseite der heutigen <a href="http://www.bild.de/unterhaltung/kino/matthias-schweighoefer/stellte-film-rubbeldiekatz-vor-21312212.bild.html">&#8220;Bild&#8221;</a>:</p>
<p><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/uploads/2011/12/bild_hitler.jpg" title='Ausriss: "Bild"' alt='Schweighöfer küsst Hitler'></p>
<p>Tatsächlich verhält es sich dann aber doch ein bisschen anders:</p>
<blockquote><p>Der Rabenfels bei Rennertshofen birgt seit rund 80 Jahren ein Geheimnis, das nur wenigen bekannt war. Wenn man weiß, dass der Berg einst den Zweitnamen &#8220;Hitlerfelsen&#8221; hatte, kann man erahnen, worum es geht. 1933 meißelte ein Anhänger Hitlers ein Porträt des Führers in den Stein &#8211; und das ist bis heute erhalten.</p></blockquote>
<p>Fern jeder Selbsterkenntnis berichtet &#8220;RP Online&#8221;:</p>
<blockquote><p>Anwohner fürchten jetzt, der Fels könne zu einer Wallfahrtsstätte der rechten Szene werden.</p></blockquote>
<p>Und Matthias Schweighöfer? Der verkleidet sich in seinem neuen Film als Frau und hat dann eine Szene, in der er einen Schauspieler küsst, der Adolf Hitler darstellt.</p>
<p><small>Die Überschrift hab ich mir vom Kollegen und <a href="http://blogs.taz.de/hitlerblog/">Hitler-Blogger</a> Daniel Erk geborgt, dessen neues Buch <a href="https://www.facebook.com/sovieladolfwarselten">&#8220;So viel Hitler war selten&#8221;</a> heißt.</small></p>
 <p><a href="http://www.coffeeandtv.de/?flattrss_redirect&amp;id=6455&amp;md5=0900ab0fef96575ac1b7434be7b778b7" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Man hat sich entschuldigt</title>
		<link>http://www.coffeeandtv.de/2011/11/25/man-hat-sich-entschuldigt/</link>
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		<pubDate>Fri, 25 Nov 2011 12:10:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Heinser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In unserer beliebten Reihe &#8220;Öfter mal &#8216;man&#8217; sagen&#8221; heute zu Gast: Karl-Theodor zu Guttenberg, Ex-Verteidigungsminister und Ex-Doktor. In dem ohnehin hochgradig verstörenden Gespräch, das &#8220;Zeit&#8221;-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit Guttenberg geführt hat, ereignet sich unter anderem folgender Dialog: ZEIT: Welche Fragen sind es denn, die Ihnen die Wohlmeinenden stellen? Guttenberg: Es ist vor allem die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In unserer beliebten <a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/07/13/man-wird-sprachlos/">Reihe</a> &#8220;Öfter mal &#8216;man&#8217; sagen&#8221; heute zu Gast: Karl-Theodor zu Guttenberg, Ex-Verteidigungsminister und Ex-Doktor.</p>
<p>In dem ohnehin hochgradig <a href="http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,799706,00.html">verstörenden</a> Gespräch, das &#8220;Zeit&#8221;-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit Guttenberg geführt hat, ereignet sich unter anderem folgender Dialog:</p>
<blockquote><p><strong>ZEIT:</strong> Welche Fragen sind es denn, die Ihnen die Wohlmeinenden stellen?</p>
<p><strong>Guttenberg:</strong> Es ist vor allem die Frage, wie es bei jemandem, dessen politische Arbeit man sehr geschätzt hat, zu einer so unglaublichen Dummheit wie dieser Doktorarbeit kommen konnte. Und ich hatte noch nicht die Möglichkeit, diese Fragen in aller Offenheit zu beantworten.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Was können Sie denn jetzt in aller Offenheit sagen?</p>
<p><strong>Guttenberg:</strong> Es steht völlig außer Frage, dass ich einen auch für mich selbst ungeheuerlichen Fehler begangen habe, den ich auch von Herzen bedauere. Das ist in dieser sehr hektischen Zeit damals auch ein Stück weit untergegangen. Ebenso, wie man sich damals bereits entschuldigt hat.</p></blockquote>
 <p><a href="http://www.coffeeandtv.de/?flattrss_redirect&amp;id=6445&amp;md5=5ac3c6847c45a35cb58d864def168423" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Warum &#8220;Bild&#8221; wohl über Herzog herzog?</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Nov 2011 16:09:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Heinser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Irgendwann wird &#8220;Bild&#8221; in der Rubrik &#8220;Verlierer des Tages&#8221; mal über irgendeine Person schreiben: &#8220;XXX wurde in einer großen deutschen Boulevardzeitung zum Verlierer des Tages erklärt. BILD meint: Zu Recht&#8221; Bis es soweit ist, begnügt sich die Zeitung mit solchen Varianten: Das ergibt ungefähr gar keinen Sinn. Nach der gleichen Logik könnte &#8220;Bild&#8221; einem Kriegsheimkehrer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Irgendwann wird &#8220;Bild&#8221; in der Rubrik &#8220;Verlierer des Tages&#8221; mal über irgendeine Person schreiben: &#8220;XXX wurde in einer großen deutschen Boulevardzeitung zum Verlierer des Tages erklärt. BILD meint: Zu Recht&#8221;</p>
<p>Bis es soweit ist, begnügt sich die Zeitung mit solchen Varianten:</p>
<p><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/uploads/2011/11/bild_herzog.jpg" title='Ausriss: "Bild"' alt='Verlierer: Kult-Regisseur Werner Herzog (69, "Fitzcarraldo") wurde in der Schule die Liebe zur Musik (vorerst) ausgetrieben. Fast eine Stunde habe der Lehrer ihn vor der Klasse stehen lassen, um ihn zum Singen zu zwingen. "Ich sang und schwor mir, nie wieder zu singen", verriet Herzog der "Zeit". BILD meint: Has(s)t du Töne?!'></p>
<p>Das ergibt ungefähr gar keinen Sinn. Nach der gleichen Logik könnte &#8220;Bild&#8221; einem Kriegsheimkehrer sein Kriegstrauma vorwerfen oder einem Fernsehmoderator, dessen vermeintliches Privatleben in der Boulevardpresse ausgebreitet wurde, dessen Abneigung gegenüber der selbigen.</p>
<p>Es gibt auch keinen Anhaltspunkt, warum &#8220;Bild&#8221; Herzog heute einen auswischen können wollte: Im (hochgradig verstörenden) <a href="http://www.zeit.de/2011/48/Traum-Werner-Herzog">&#8220;Zeit&#8221;-Artikel</a> äußert sich der Regisseur nicht über die Zeitung oder Friede Springer, ja gerade gestern war bei Bild.de anlässlich des 20. Todestages von Klaus Kinski noch ein <a href="http://www.bild.de/unterhaltung/kino/klaus-kinski/werner-herzog-erinnert-an-klaus-kinski-21162836.bild.html">Interview</a> mit Herzog erschienen.</p>
<p>Auch ein Blick ins &#8220;Bild&#8221;-Archiv macht nicht schlauer, förderte aber eine schöne Bildunterschrift vom 23. April 2010 zutage:</p>
<blockquote><p>Alt-Bundespräsident Werner Herzog mit seiner Frau Alexandra Freifrau von Berlichingen</p></blockquote>
 <p><a href="http://www.coffeeandtv.de/?flattrss_redirect&amp;id=6438&amp;md5=b7b6a115e560d6f42cfbf8965e53095a" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Auf der Straße zur Ironie-Hölle</title>
		<link>http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/</link>
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		<pubDate>Wed, 26 Oct 2011 22:03:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Heinser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Irony is over. Bye bye.&#8221; (Pulp &#8211; The Day After The Revolution) In der &#8220;Zeit&#8221; von letzter Woche beschreibt Nina Pauer zwei postmoderne Phänomene: das der Fremdscham und der Ironie. Anhand von Casting- und Kuppelshows, von &#8220;Bad Taste&#8221;-Partys und &#8220;Bravo Hits&#8221; verhandelt sie das Zelebrieren von Dingen, die man eigentlich verabscheut. Die Überschrift &#8220;Wenn Ironie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>&#8220;Irony is over. Bye bye.&#8221;<br />
(Pulp &#8211; The Day After The Revolution)</small></p>
<p>In der <a href="http://www.zeit.de/2011/43/Peinlichkeit-Ironie/komplettansicht">&#8220;Zeit&#8221;</a> von letzter Woche beschreibt Nina Pauer zwei postmoderne Phänomene: das der Fremdscham und der Ironie. Anhand von Casting- und Kuppelshows, von &#8220;Bad Taste&#8221;-Partys und &#8220;Bravo Hits&#8221; verhandelt sie das Zelebrieren von Dingen, die man eigentlich verabscheut. Die Überschrift &#8220;Wenn Ironie zum Zwang wird&#8221; verknappt den sehr lesenswerten Artikel leider etwas, denn tatsächlich geht es hier um zwei Phänomene mit ähnlichen Symptomen und einer gewissen Schnittmenge.</p>
<p>Da sind zum einen die Fernsehshows, die ähnlich funktionieren wie der sprichwörtliche Autounfall: Sie ziehen ihre Faszination aus dem &#8220;Grauen&#8221;, dessen sich der Zuschauer nicht erwehren kann. Castingshows möchte ich mal ausklammern, die sehe ich nicht (mehr). Viele werden offenbar von zutiefst verbitterten Zynikern verantwortet, die im Leben nicht die Eier hätten, sich vor drei Leute (geschweige denn eine Fernsehkamera) zu stellen, um ein Lied zu singen. Ihnen sollen die Fußnägel einwachsen und die Haare ausfallen.<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_0_6378" id="identifier_0_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Au&szlig;er in den Ohren und den Nasenl&ouml;chern, da soll es wuchern wie im Amazonasgebiet.">1</a></sup> Die Partnersuchen bei &#8220;Bauer sucht Frau&#8221; oder &#8220;Schwiegertochter gesucht&#8221; mögen ähnlich zynisch produziert sein, lassen meines Erachtens aber auch Raum für mehr.</p>
<p>Wenn sich heute Menschen auf der Couch oder im Internet versammeln, um gemeinsam &#8220;Bauer sucht Frau&#8221; zu schauen (und vor allem zu besprechen), dann machen sie dabei Dinge, die Menschen seit Jahrtausenden tun: So hoffen sie auf den kathartischen Effekt von &#8220;Jammer und Schauder&#8221;, den schon Aristoteles in seiner &#8220;Poetik&#8221; beschrieben hat &#8212; nur, dass sich Aristoteles unter &#8220;Jammer und Schauder&#8221; etwas anderes vorgestellt hat als gelbe Pullover und Zungenwurstbrote. Auch war es in früheren Jahrhunderten ein beliebter Zeitvertreib der Oberschicht, sich die Leute, die in einem damals so genannten &#8220;Irrenhaus&#8221; einsaßen, anzusehen wie Tiere im Zoo.</p>
<p>Heute sind die Opfer dieser Besichtigungen nicht mehr &#8220;irre&#8221;, sondern &#8220;peinlich&#8221;, was ein noch subjektiveres Urteil ist. Niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde auf die Idee kommen, aufs Land zu fahren um Bauern beim Brautwerben zuzusehen, aber wenn RTL das schon mal gemacht hat, kann man sich das ja mal ansehen. Das Prinzip gleicht dem des &#8220;delightful horror&#8221;, der sich einstellt, wenn man aus dem Lehnstuhl heraus die Schilderungen von unerklärlichen Phänomenen oder brutalen Verbrechen in den Büchern der Schauerromantik liest &#8212; nur, dass wir heute selbst festlegen, wovor es uns schaudert.</p>
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<p>Nina Pauer schreibt:</p>
<blockquote><p>Pünktlich um 20.15 Uhr formieren sich die Abiturienten, Studenten, Doktoranden oder vielversprechenden Berufseinsteiger zu einem vergnügten Publikum, das bei Chips und Süßigkeiten nichts anderes tut, als sich der lustvollen Konträrfaszination des Schlimmen hinzugeben. &#8220;Wie peinlich ist das denn?!&#8221;, kreischt der Chor, den Zeigefinger kollektiv auf den Fernseher gerichtet.</p></blockquote>
<p>Ich bin auch öfters Teil solcher Runden, wenn RTL (wie aktuell) wieder einmal Schwiegertöchter und Bauernfrauen sucht. Alle Teilnehmer würde ich als durchaus aufgeklärte Menschen mit einem reinen Herzen bezeichnen, Zyniker sind keine dabei. Gerade deshalb habe ich mich schon öfter gefragt, ob es moralisch eigentlich verantwortbar ist, diese Sendungen zu gucken und zu kommentieren.</p>
<p>Grundsätzlich könnte man erst einmal sagen, dass es kein Opfer im klassischen Sinne gibt &#8212; die Kandidaten kriegen mögliche böse Kommentare ja gar nicht mit.<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_1_6378" id="identifier_1_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ich glaube auch, dass das, was man zu meiner Schulzeit &amp;#8220;L&auml;stern&amp;#8221; nannte, nicht grunds&auml;tzlich verwerflich ist, solange etwa die Person, &uuml;ber die gel&auml;stert wird, davon nichts mitbekommt, und solange man nicht vornerum nett zu jemandem ist, &uuml;ber den man dann hintenrum l&auml;stert. Au&szlig;erdem k&ouml;nnen andere ja auch &uuml;ber mich l&auml;stern, wenn sie wollen. Diese Position hat schon zu langen, unergiebigen Diskussionen gef&uuml;hrt.">2</a></sup> Auch das Begucken dieser Menschen erfolgt ja nur aus zweiter Hand &#8212; das Kind ist schon in den Brunnen gefallen, also kann man es sich auch ansehen. Letzteres ist natürlich Quatsch: Wenn niemand mehr hinsehen würde, wie RTL Kinder in den Brunnen schmeißt, würde der Sender sicher damit aufhören. Und man muss sich ja auch keine tödlichen Unfälle im Rennsport ansehen, nur weil sie auf Video gebannt sind.</p>
<p>Ich glaube nicht, dass die Geringschätzung anderer die Hauptmotivation ist, solche Sendungen zu sehen &#8212; der Reiz entsteht aus dem Gemeinschaftsgefühl heraus, was man als billiges Mittel zur Fraternisierung abtun, aber auch neutral oder positiv werten kann. Kaum jemand möchte oder kann so eine Sendung alleine sehen. Darüber hinaus ist es ja auch so, dass das Stirnrunzeln über Fliesentische, Tiefkühlpizzen und Kosenamen nicht allzu lang eine befriedigende Freizeitbeschäftigung abgibt. Wenn ich eine Sendung <i>nur</i> schlimm fände, würde ich sie nicht gucken.<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_2_6378" id="identifier_2_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Tats&auml;chlich bin ich bei der aktuellen Staffel &amp;#8220;Schwiegertochter gesucht&amp;#8221; sehr schnell wieder ausgestiegen, weil es au&szlig;er ausgewalzten Merkw&uuml;rdigkeiten nicht viel zu sehen gab.">3</a></sup> Bei &#8220;Bauer sucht Frau&#8221; gibt es aber immer wieder rührende Elemente, in denen das besserwisserische Lachen echtem Mitgefühl weicht.<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_3_6378" id="identifier_3_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ob die portr&auml;tierten Bauern darauf gewartet haben, ist nat&uuml;rlich wieder fraglich.">4</a></sup></p>
<p>Als Vera Int-Veen <a href="http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,747835,00.html">im Februar</a> den &#8220;Regalauffüller&#8221; Stefan an die Frau zu bringen versuchte, war das nicht mehr im Mindesten witzig: Der Mann hatte so offensichtliche Probleme, sich zu artikulieren und mit den Situationen zurecht zu kommen, in denen ihn das Produktionsteam platziert hatte, dass die Arschlochhaftigkeit der Macher alles andere überstrahlte. In der aktuellen Staffel von &#8220;Bauer sucht Frau&#8221; geht der bisher größte Fremdschammoment auf das Konto von Moderatorin Inka Bause: Zum ersten Mal sucht ein homosexueller Bauer einen, ja: Mann und Bause war von der Situation so offensichtlich überfordert, dass sie ihn mit den Worten ansprach: &#8220;Du bist ja hier der erste Bauer <i>Deiner Art</i>.&#8221; Als der &#8220;pfleißige Pferdewirt&#8221; ganz locker &#8220;Der erste schwule Bauer, ja&#8221;, antwortete, fragte Bause noch einmal nach, ob sie &#8220;das so sagen&#8221; dürfe. So schlimm können zehntausend Zungenküsse bei offenem Mund nicht sein.</p>
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<p>Ich glaube übrigens, dass diese Kuppelshows auch mit Kandidaten funktionieren würden, die den Zuschauern deutlich ähnlicher sind:<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_4_6378" id="identifier_4_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Wobei das eigentlich jetzt schon gelten muss: Es kann ja hierzulande keine acht Millionen Elitisten geben, die es sich auf ihrem hohen Ross bequem gemacht haben, also m&uuml;ssen auch zahlreiche Zuschauer mit Fliesentischen, Tiefk&uuml;hlpizzen und Kosenamen darunter sein.">5</a></sup> Liebe und vor allem ihre Anbahnung ist nie clever.<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_5_6378" id="identifier_5_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="So wie Sex nie &auml;sthetisch ist.">6</a></sup> Im Leben geht es fast nie zu wie bei &#8220;Ally McBeal&#8221; oder bei &#8220;Bridget Jones&#8221;, wo sich gutaussehende Menschen im leichten Schneefall auf offener Straße küssen, nachdem sie eine geistreiche Bemerkung gemacht haben. </p>
<p>Vor vielen Jahren, in der Daily Soap &#8220;Unter uns&#8221;, schrieb die Person der Ute, die damals frisch in die Schillerallee zurückgekehrt war, einen Brief an ihren späteren Ehemann Till, in dem sie erklärte, sie sei derart verliebt, dass sie bei jedem Liebeslied im Radio mitsingen müsse, auch bei den Schlagern, die sie früher immer peinlich und doof gefunden habe.<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_6_6378" id="identifier_6_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Der Brief geriet &uuml;brigens in die H&auml;nde der Sandra, dargestellt von Dorkas Kiefer, die ihn laut vorlas und sich &uuml;ber Ute lustig machte. Welche Aktion ist peinlicher? Discuss!">7</a></sup> <i>Das</i>, meine Damen und Herren, ist Liebe! Sie ist peinlich, aber ohne wären wir nicht hier.</p>
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<p>Doch zurück zur &#8220;Fremdscham&#8221; und zum &#8220;Peinlichen&#8221;, das Nina Pauer beschreibt: Andere Leute peinlich finden ist eine Emotion, die meist in der Pubertät erstmalig auftaucht und dann vor allem gegen die eigenen Eltern gerichtet ist. Das ist von der Natur so gewollt: Das Leben beschert einem so ein paar Jahre unbeschwerter Freiheit und sinnloser Freiheitskämpfe, ehe die Erkenntnis einkehrt, dass biologische Veranlagung und Erziehung mächtiger sind als jedes Schamgefühl und man natürlich wie die eigenen Eltern geworden ist. Als ausgleichende Gerechtigkeit finden einen dann zwanzig Jahre später die eigenen Kinder peinlich.</p>
<p>Sich für eine andere Person zu schämen, ist aber auch eine weitgehend irrationale Reaktion, zumal, wenn man in keinerlei persönlicher Verbindung zu dieser Person steht. Die wissenschaftliche Erforschung dieses Phänomens steht allerdings noch ziemlich <a href="http://www.n-tv.de/wissen/Fremdschaemen-kann-wehtun-article3098111.html">am Anfang</a>.</p>
<p>Nina Pauer führt aus:</p>
<blockquote><p>Als gemeinsames Ritual wirkt die Fremdscham wie eine Kompensation der individuellen Angst, die ansonsten überall lauert. Denn wie schwer ist es, diesem allgegenwärtigen Adjektiv &#8220;peinlich&#8221;, das unsere Zeit bestimmt, zu entrinnen! Nahezu unmöglich und vor allem furchtbar anstrengend ist es geworden, im weit und subtil verästelten analog-virtuellen Netzwerk stets die Balance aus lässigem Understatement, hübscher Ironie und gleichzeitiger Selbstvermarktung zu pflegen. Die Codes sind unendlich: Mit dem neuesten Smartphone prahlen? Peinlich! Immer noch keines haben? Peinlich! Zuckersüße Pärchenfotos auf Facebook veröffentlichen? Peinlich! Das eigene Mittagessen abfotografieren, den Stolz über den neuen Job allzu offensichtlich zeigen? Zu viele Freunde haben? Zu wenige? Peinlich, peinlich! Musik hochladen, die alle schon kennen? Musik hochladen, die nie irgendwer kennt? PEINLICH!</p></blockquote>
<p>Wenn tatsächlich <i>alles</i> peinlich ist, man also in jeder Situation nur verlieren kann, ist ja alles wieder völlig nivelliert und man kann nur gewinnen.</p>
<p>Frau Pauer nutzt diese Passage aber, um von der Fremdscham zur &#8220;inszenierten Fremdscham&#8221; und damit zur Ironie zu kommen. Ironie, das lernt man irgendwann als Kind, ist das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint &#8212; also eigentlich das, was man vorher als &#8220;Lügen&#8221; kennengelernt hat und was man nicht tun sollte. Das trifft den Sachverhalt zwar nur zum Teil, ist aber das, was sich die allermeisten Menschen unter &#8220;Ironie&#8221; vorstellen und es entsprechend praktizieren. Das ist natürlich sterbenslangweilig.</p>
<p>Als Travis im Jahr 2000 anfingen, &#8220;Baby One More Time&#8221; von Britney Spears auf ihren Konzerten zu <a href="http://www.youtube.com/watch?v=-NwqN-xj9Xs">covern</a>, gingen viele erst einmal von Ironie aus. Aber Fran Healy, der das Lied mit viel Inbrunst vortrug, sagte, sie hätten den Song einfach nachgespielt, weil sie ihn so schön fanden. Und tatsächlich wäre es auch dann noch ein schönes Lied, wenn Komponist und Texter Max Martin sich beim Schreiben über die Naivität und Dummheit seines Lyrischen Ichs kaputt gelacht hätte.</p>
<p>&#8220;Irony is certainly not something I want to be accused of&#8221;, hat Craig Finn, der Sänger meiner Lieblingsband The Hold Steady, mal <a href="http://www.reax3.dreamhosters.com/articles/view/the_hold_steady_interview_with_craig_finn-447">gesagt</a> und ich finde auch, dass Liedtexte möglichst aufrichtig sein sollten.<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_7_6378" id="identifier_7_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ironie sollte h&ouml;chstens von Briten als Stilmittel in Songs eingesetzt werden. Die verstehen darunter etwas anderes als &amp;#8220;das Gegenteil von dem sagen, was man meint.">8</a></sup> Dann besteht zwar schnell wieder die Gefahr der Fremdscham, aber damit muss man klar kommen. Man kann das Werk <a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/03/ihr-wollt-ein-liebeslied-ihr-kriegt-ein-liebes-lied/">verurteilen</a>, sollte dem Künstler aber Respekt zollen.</p>
<p>Die Zeit der ironisch gemeinten Beiträge beim Eurovision Song Contest, die notwendig war, um das schnarchige Schlagerevent der 1990er Jahre zu entstauben, ist ja inzwischen zum Glück auch wieder vorbei. Als ich im Mai von jetzt.de zum Duslog <a href="http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/524592">interviewt wurde</a>, war der Reporter sehr versessen darauf, uns eine ironische Haltung zum Grand Prix zu unterstellen. Natürlich kann man die musikalischen Beiträge nicht alle ernst nehmen,<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_8_6378" id="identifier_8_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Gerade nicht &amp;#8220;I Love Belarus&amp;#8221;, den man aus politischen Gr&uuml;nden als einzigen ernst h&auml;tte nehmen m&uuml;ssen.">9</a></sup> aber wenn ich die Veranstaltung in Oslo scheiße gefunden hätte, wäre ich sicher kein zweites Mal hingefahren. </p>
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<p>Natürlich sollte man sich selbst und die Welt nicht zu ernst nehmen, aber man sollte auch nicht bis zur Selbstverleugnung mit den Augen zwinkern. Ich könnte schlicht keine Musik hören, die ich nicht mag, keine Klamotten (oder gar Frisuren oder Gesichtsbehaarungen) tragen und auch nichts in meine Wohnung stellen oder hängen, was ich nicht irgendwie gut finde. <a href="http://www.youtube.com/watch?v=hegEA6fY3LM">&#8220;We Built This City&#8221;</a> von Starship ist einer der kanonisch schrecklichsten Songs der Musikgeschichte, aber irgendetwas spricht das Lied in mir an &#8212; und das meine ich nicht auf die &#8220;So schlecht, dass es schon wieder gut ist&#8221;-Art. Andererseits würde ich nie in Skinny Jeans rumlaufen, weil ich die einfach mordsunbequem finde.</p>
<p>Benjamin von Stuckrad-Barre hat schon 1999 einen Text über Ironie verfasst,<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_9_6378" id="identifier_9_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Nachzulesen in &amp;#8220;Remix&amp;#8221;.">10</a></sup> in dem er von der &#8220;Drüberlustigmachmühle&#8221; schreibt und dann eine Frage aufwirft, die er sich sogleich selbst beantwortet:</p>
<blockquote><p>Tennissocken sind fürchterlich, keine Frage, aber ist nicht das zwangsverordnete Drüberlachen noch schlimmer? Und dann tragen also Leute wieder Tennissocken, aus Protest, und das ist vielleicht zu verstehen, aber ja auch so krank, weil sie damit also, nur der Abgrenzung wegen, schlimme Socken tragen. Und dann nicht einfach still diese Socken dünnlaufen, sondern tatsächlich ERKLÄREN, warum sie die tragen, um sich zumindest, oh ja, INHALTLICH zu unterscheiden von jenen, die diese Socken nicht schon wieder, sondern immer noch tragen. Irgendwie muß man die Neuzeit ja rumkriegen.</p></blockquote>
<p>Im &#8220;Zeit&#8221;-Artikel steht dieses aktuelle Beispiel:</p>
<blockquote><p>In engen braunen Männerslips über rosa Trainingsanzügen aus Ballonseide trifft man sich, am besten mit einem allein zum Zweck der Party gewachsenen fiesen Schnauzer im Gesicht, zum Dosenstechen in der Küche.</p></blockquote>
<p>Noch bevor die Hipster so genannt wurden, gab es den &#8220;Irony-Schnäuz&#8221;. Irgendwann gab es dann die ironisch gebrochenen Hipster, die echte Hipster eigentlich scheiße fanden, aber genauso rumliefen. Der Schnauzbart war zu diesem Zeitpunkt schon mindestens zwei Mal umgedeutet worden, aber da geht sicher noch mehr. Nur: Warum?</p>
<p>In einem Text aus dem Juli 1999<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_10_6378" id="identifier_10_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="&amp;#8220;Ein Ort der Eitelkeit&amp;#8221; in &amp;#8220;Der Krapfen auf dem Sims&amp;#8221;.">11</a></sup> beklagt sich Max Goldt über Menschen, die eine goldene Schallplatte oder eine Urkunde auf der Gästetoilette platzieren:</p>
<blockquote><p>So wird die Toilette zum Ort der Inszenierung von Selbstironie, einer Eigenschaft, die in der westlichen Zivilisation hoch im Kurs steht. Deshalb ist es erheblich eitler, seine Zertifikate in Bad oder WC unterzubringen, als sie naiv und arglos im Wohnzimmer zur Schau zu stellen.</p></blockquote>
<p>Goldt erklärt auch<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_11_6378" id="identifier_11_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="&amp;#8220;Mein Nachbar und der Zynismus&amp;#8221;, ebd.">12</a></sup> den Unterschied zwischen Zynismus und Sarkasmus:</p>
<blockquote><p>Zynismus ist eine destruktive Lebensauffassung, während Sarkasmus das Resultat von trotziger Formulierungskunst ist, die über einen spontanen Zorn auf ein Meinungseinerlei hinweghilft. Zynismus ist ein Resultat von Enttäuschung und innerer Vereinsamung. Er besteht im Negieren aller Werte und Ideale, im Verhöhnen der Hoffnung, im Haß auf jedes Streben nach Besserung.</p></blockquote>
<p>Sind dann die beschriebenen &#8220;Bad Taste&#8221;-Partys nicht eher zynisch als ironisch?</p>
<p>Ich verstehe den Reiz nicht, der darin liegen sollte, sich so zu kleiden, wie man nie aussehen wollte, und Musik zu hören, die man nie hören wollte. Erstens grenzt das doch an Schizophrenie und zweitens finde ich das unfair gegenüber den Leuten, denen diese Musik etwas bedeutet. Denn auch wenn ich Schlager oder Volksmusik kitschig und doof finden sollte, so gibt es doch Leute, denen diese Musik etwas bedeutet.<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_12_6378" id="identifier_12_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Dass die Texte dieser Lieder mitunter von Leuten geschrieben werden, denen die Inhalte und H&ouml;rer ziemlich egal sind, ist eine Meta-Ebene, die ich hier nicht auch noch bespielen m&ouml;chte.">13</a></sup> Ich finde es auch langweilig, ein Album nur des Verrisses wegen zu verreißen.</p>
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<p>Auch Chuck Klosterman hat sich dem Thema Ironie gewidmet.<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_13_6378" id="identifier_13_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Im Essay &amp;#8220;T Is For True&amp;#8221; in &amp;#8220;Eating The Dinosaur&amp;#8221;.">14</a></sup> Er schreibt:</p>
<blockquote><p>An ironist is someone who says something untrue with unclear sincerity; the degree to which that statement is funny is based on how many people realize it&#8217;s false. If everybody knows the person is lying, nobody cares. If nobody knows the person is lying, the speaker is a lunatic. The ideal ratio is 65-35: If a slight majority of the audience cannot tell that the intention is comedic, the substantial minority who do understand will feel better about themselves. It&#8217;s an exclusionary kind of humor.</p></blockquote>
<p>Wenn jeder Depp alles nur noch &#8220;ironisch&#8221; meint, ist es kein Witz mehr, dann ist es nicht mal mehr Komödie, sondern Tragödie.</p>
<p>Nina Pauer schreibt dazu in der &#8220;Zeit&#8221;:</p>
<blockquote><p>Wo potenziell alles peinlich ist, bleibt nichts als der ewige ironische Reflex. Die Ironie wird zum Standard und die Distanz zum Zwang. Dann regieren die Zwinkersmileys, die alles Gesagte, Geschriebene, Getane sofort relativieren, um bloß immer &#8220;safe&#8221; zu sein. Von der Freude an der Peinlichkeit ist dann nicht mehr viel übrig. Die Lust wird zu ihrem Gegenteil, zur Langeweile.</p></blockquote>
<p>Es ist nicht nur langweilig, es ist auch wahnsinnig anstrengend.</p>
<p>Klosterman stellt in seinem Essay den Weezer-Sänger Rivers Cuomo, den Regisseur Werner Herzog und den amerikanischen Politiker Ralph Nader nebeneinander, denen er allesamt nachweist bzw. unterstellt, völlig ironiefrei zu sein. Herzog etwa sagt, er habe einen &#8220;Defekt&#8221;, der ihn daran hindere, Ironie zu verstehen, und Klosterman fügt an, die meisten von uns hätten das gegenteilige Problem: Wir würden auch dort Ironie verstehen, wo gar keine vorhanden ist.</p>
<p>Rivers Cuomo trug das, was man heute &#8220;Nerdbrille&#8221; nennt, immerhin schon in den frühen Neunzigern, als es grad nicht cool oder lustig war.<sup><a href="http://www.coffeeandtv.de/2011/10/27/auf-der-strase-zur-ironie-holle/#footnote_14_6378" id="identifier_14_6378" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Diese Brille ist tats&auml;chlich ein Problem. Als ich letztes Jahr auf der Suche nach einer neuen war, wollte ich &amp;#8211; pubert&auml;re Abgrenzung &amp;#8211; um jeden Fall zu vermeiden, auch so eine zu kaufen. Das Problem: Mir stand wirklich nichts anderes. Also dachte ich: &amp;#8220;Was soll&amp;#8217;s? Ray-Ban gibt&amp;#8217;s seit mehr als 50 Jahren und ich wei&szlig; ja, wie&amp;#8217;s gemeint ist.&amp;#8221; (N&auml;mlich gar nicht.) So wie man sich Musik nicht von ihren H&ouml;rern kaputt machen lassen darf, sollte man sich auch Mode-Utensilien nicht von ihren Tr&auml;gern zerst&ouml;ren lassen. Ich w&uuml;rde auch gerne Hemden von Fred Perry tragen, wenn die nicht so unfassbar teuer w&auml;ren.">15</a></sup> Heute schreibt er <a href="http://www.tape.tv/musikvideos/Weezer/Beverly-Hills">Lieder</a> darüber, dass er in Beverly Hills wohnen wolle, und Klosterman ist sich sicher, dass Cuomo das genau so meint. Die Fans wären allerdings enttäuscht, weil sie es für Ironie hielten und sich verarscht fühlten &#8212; und das ist dann natürlich auch schon wieder Ironie, und zwar die des Schicksals.</p>
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<p>Die Postmoderne hat, neben Fremdscham und Über-Ironisierung, noch ein weiteres Phänomen hervorgebracht: Ständig hinterfragt man jetzt alles, vor allem aber sich selbst. Wer sich fragt, ob er irgendetwas gut finden <i>dürfe</i>, hat noch nichts verstanden. Er hat die Freiheit (fast) alles gut zu finden, was er gut finden mag. Allenfalls die Auswahl potentiell gut findbarer Dinge und Personen kann einen etwas überfordern.</p>
<p>Das bedeutet natürlich letztlich auch: Man kann auch &#8220;Bauer sucht Frau&#8221; gucken, ohne sich dafür zu schämen.<img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/11615d221fb84ca8b9d8a2c8aff947ed" width="1" height="1" alt=""></p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_6378" class="footnote">Außer in den Ohren und den Nasenlöchern, da soll es wuchern wie im Amazonasgebiet.</li><li id="footnote_1_6378" class="footnote">Ich glaube auch, dass das, was man zu meiner Schulzeit &#8220;Lästern&#8221; nannte, nicht grundsätzlich verwerflich ist, solange etwa die Person, über die gelästert wird, davon nichts mitbekommt, und solange man nicht vornerum nett zu jemandem ist, über den man dann hintenrum lästert. Außerdem können andere ja auch über mich lästern, wenn sie wollen. Diese Position hat schon zu langen, unergiebigen Diskussionen geführt.</li><li id="footnote_2_6378" class="footnote">Tatsächlich bin ich bei der aktuellen Staffel &#8220;Schwiegertochter gesucht&#8221; sehr schnell wieder ausgestiegen, weil es außer ausgewalzten Merkwürdigkeiten nicht viel zu sehen gab.</li><li id="footnote_3_6378" class="footnote">Ob die porträtierten Bauern darauf gewartet haben, ist natürlich wieder fraglich.</li><li id="footnote_4_6378" class="footnote">Wobei das eigentlich jetzt schon gelten muss: Es kann ja hierzulande keine acht Millionen Elitisten geben, die es sich auf ihrem hohen Ross bequem gemacht haben, also müssen auch zahlreiche Zuschauer mit Fliesentischen, Tiefkühlpizzen und Kosenamen darunter sein.</li><li id="footnote_5_6378" class="footnote">So wie Sex nie ästhetisch ist.</li><li id="footnote_6_6378" class="footnote">Der Brief geriet übrigens in die Hände der Sandra, dargestellt von Dorkas Kiefer, die ihn laut vorlas und sich über Ute lustig machte. Welche Aktion ist peinlicher? <i>Discuss!</i></li><li id="footnote_7_6378" class="footnote">Ironie sollte höchstens von Briten als Stilmittel in Songs eingesetzt werden. Die verstehen darunter etwas anderes als &#8220;das Gegenteil von dem sagen, was man meint.</li><li id="footnote_8_6378" class="footnote">Gerade nicht &#8220;I Love Belarus&#8221;, den man aus politischen Gründen als einzigen ernst hätte nehmen müssen.</li><li id="footnote_9_6378" class="footnote">Nachzulesen in &#8220;Remix&#8221;.</li><li id="footnote_10_6378" class="footnote">&#8220;Ein Ort der Eitelkeit&#8221; in &#8220;Der Krapfen auf dem Sims&#8221;.</li><li id="footnote_11_6378" class="footnote">&#8220;Mein Nachbar und der Zynismus&#8221;, ebd.</li><li id="footnote_12_6378" class="footnote">Dass die Texte dieser Lieder mitunter von <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/bernd-meinunger/">Leuten</a> geschrieben werden, denen die Inhalte und Hörer ziemlich egal sind, ist eine Meta-Ebene, die ich hier nicht auch noch bespielen möchte.</li><li id="footnote_13_6378" class="footnote">Im Essay &#8220;T Is For True&#8221; in &#8220;Eating The Dinosaur&#8221;.</li><li id="footnote_14_6378" class="footnote">Diese Brille ist tatsächlich ein Problem. Als ich letztes Jahr auf der Suche nach einer neuen war, wollte ich &#8211; pubertäre Abgrenzung &#8211; um jeden Fall zu vermeiden, auch so eine zu kaufen. Das Problem: Mir stand wirklich nichts anderes. Also dachte ich: &#8220;Was soll&#8217;s? Ray-Ban gibt&#8217;s seit mehr als 50 Jahren und ich weiß ja, wie&#8217;s gemeint ist.&#8221; (Nämlich gar nicht.) So wie man sich Musik nicht von ihren Hörern kaputt machen lassen darf, sollte man sich auch Mode-Utensilien nicht von ihren Trägern zerstören lassen. Ich würde auch gerne Hemden von Fred Perry tragen, wenn die nicht so unfassbar teuer wären.</li></ol> <p><a href="http://www.coffeeandtv.de/?flattrss_redirect&amp;id=6378&amp;md5=e4ffcedbfb26a667e2615eaebf0974cd" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Opossum-Possen</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Sep 2011 15:36:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Heinser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich gehe zu Gunsten der &#8220;Mitteldeutschen Zeitung&#8221; mal davon aus, dass es sich um eine Nachricht extra für Kinder handelt, die da eher versehentlich im regulären Online-Auftritt gelandet ist: Es gibt traurige Nachrichten aus dem Leipziger Zoo: Heidi lebt nicht mehr! Das Opossum ist am Mittwoch gestorben. Heidi war wegen ihrer Augen in Deutschland und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich gehe zu Gunsten der &#8220;Mitteldeutschen Zeitung&#8221; mal davon aus, dass es sich um eine Nachricht extra für Kinder handelt, die da eher versehentlich im regulären <a href="http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&#038;atype=ksArtikel&#038;aid=1315819402253">Online-Auftritt</a> gelandet ist:</p>
<blockquote><p>Es gibt traurige Nachrichten aus dem Leipziger Zoo: Heidi lebt nicht mehr! Das Opossum ist am Mittwoch gestorben. Heidi war wegen ihrer Augen in Deutschland und anderen Ländern sehr bekannt geworden: Ihre Augen standen nicht ganz gerade. Sie schielte. Das fanden die Menschen putzig.</p></blockquote>
<p>Aber Kinder hin oder her &#8212; es ist schon bemerkenswert, wie friedlich diese zwei Sätze da einfach nebeneinander stehen:</p>
<blockquote><p>Am Mittwoch ist Heidi an Altersschwäche gestorben. Ein Tierarzt hat sie eingeschläfert.</p></blockquote>
 <p><a href="http://www.coffeeandtv.de/?flattrss_redirect&amp;id=6334&amp;md5=fba06d27c4625bf7edc7cdc905ad7835" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Verampersandet</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Sep 2011 10:11:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Heinser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Lange war es still gewesen um Fritzchen Müller. Der inzwischen elfjährige Hobbygrafiker (MS Paint), der viele Jahre für den Branchendienst &#8220;turi2&#8243; Gesichter durchgestrichen hatte und dann kurz bei &#8220;RP Online&#8221; und Bild.de beschäftigt war, hat jetzt bei &#8220;Bild&#8221; angeheuert:]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Lange war es still gewesen um Fritzchen Müller. Der inzwischen elfjährige Hobbygrafiker (MS Paint), der viele Jahre für den Branchendienst &#8220;turi2&#8243; Gesichter durchgestrichen <a href="http://www.coffeeandtv.de/2008/10/16/spas-mit-ms-paint/">hatte</a> und dann kurz bei &#8220;RP Online&#8221; und <a href="http://www.coffeeandtv.de/2010/02/04/im-just-a-crosshair-not/">Bild.de</a> beschäftigt war, hat jetzt bei &#8220;Bild&#8221; angeheuert:</p>
<p><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/uploads/2011/09/bild_mross.jpg" title='Ausriss: "Bild"' alt='Stefan Mross &#038; Stefanie Hertel: Anwalt bestätigt Ehe-Aus!'></p>
 <p><a href="http://www.coffeeandtv.de/?flattrss_redirect&amp;id=6324&amp;md5=8287a6325fa6c2335e577167ada68143" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Kostenfreiheit: 17,98 Euro</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Aug 2011 13:41:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Heinser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich halte offene Briefe für weitgehend albern. Aber mein Blutdruck war zu hoch, um die E-Mail-Adresse von Christian Nienhaus zu erraten. Dann eben so: Sehr geehrter Herr Nienhaus, ich hätte gern das Interview gelesen, dass Sie der &#8220;Frankfurter Allgemeinen Zeitung&#8221; in Ihrer Eigenschaft als Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe (&#8220;Harz Kurier&#8221;, &#8220;Die Aktuelle&#8221;, &#8220;Echo der Frau&#8221;, &#8220;Der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><small>Ich halte offene Briefe für weitgehend albern. Aber mein Blutdruck war zu hoch, um die E-Mail-Adresse von <a href="http://waz-mediengruppe.de/Christian_Nienhaus.442.0.html">Christian Nienhaus</a> zu erraten. Dann eben so:</small></p>
<p>Sehr geehrter Herr Nienhaus,</p>
<p>ich hätte gern das Interview gelesen, dass Sie der <a href="http://www.faz.net/artikel/C30770/waz-geschaeftsfuehrer-christian-nienhaus-eine-grosse-ignoranz-und-auch-angst-der-politik-30491804.html">&#8220;Frankfurter Allgemeinen Zeitung&#8221;</a> in Ihrer Eigenschaft als Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe (&#8220;Harz Kurier&#8221;, &#8220;Die Aktuelle&#8221;, &#8220;Echo der Frau&#8221;, &#8220;Der Westen&#8221;) gegeben haben. Gerne hätte ich mich weiter über die dünne Argumentationskette der Verleger informiert, die gegen die sogenannte iPhone-App der &#8220;Tagesschau&#8221; (ein Programm, das die Inhalte von tagesschau.de für moderne Mobiltelefone aufbereitet) klagen. Doch es ging nicht.</p>
<p>Hängen geblieben (bzw. in die Luft gegangen) bin ich schon bei Ihrer ersten Antwort, genauer bei einem kurzen Satz:</p>
<blockquote><p>Wir halten zudem die Kostenfreiheit der Apps für nicht korrekt.</p></blockquote>
<p>Herr Nienhaus, ich weiß nicht, wie das bei Ihnen zuhause aussieht, aber ich habe für die Inhalte der &#8220;Tagesschau&#8221;, ja: für alle Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, bereits bezahlt. 17,98 Euro jeden Monat, das ist mehr, als ich in meinem Leben für die langweiligen Lokalzeitungen Ihres Verlags ausgegeben habe. Deswegen finde ich es auch unerträglich, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten die Inhalte, die ich (mit-)bezahlt habe, wieder aus dem Internet entfernen müssen, weil die Zeitungsverleger und Privatsender (was teilweise aufs Selbe rauskommt) das so wollten.</p>
<p>Ich hätte gerne die Empörung in Ihrer Reihen gesehen, wenn die &#8220;Tagesschau&#8221;-App Geld kosten würde. Dann, da bin ich mir sicher, würden Sie sich nämlich meiner Argumentation anschließen, dass die Inhalte von den Zuschauern bereits bezahlt worden sind.</p>
<p>Ihr Interessenverband eiert seit Jahren ziellos umher und beleidigt jeden denkenden Menschen mit seinem unerträglichen Gejammer. Sie haben den Wandel vom Print- zum Internetzeitalter verpennt, jetzt sind Sie dabei, den Wandel zum App-Zeitalter ebenfalls zu verpennen. Das allein ist tragisch genug. Tun Sie sich einen Gefallen und erwägen Sie weniger durchsichtige Argumente!</p>
<p>Mit freundlichen Grüßen,<br />
Lukas Heinser</p>
<p><i>Stefan Niggemeier hat seinen Blutdruck schneller unter Kontrolle gekriegt und zerlegt Nienhaus&#8217; weitere &#8220;Argumente&#8221; bei sich im <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/christian-nienhaus-und-die-grose-ignoranz/">Blog</a>.</i></p>
 <p><a href="http://www.coffeeandtv.de/?flattrss_redirect&amp;id=6282&amp;md5=2b94637a43114f2f0f57050481d5c172" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Der blonde Teufel von Seite 1</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jul 2011 13:43:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Heinser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Fußballweltverband FIFA steht nicht gerade in dem Verdacht, ein Ort zu sein, an dem logische und rationale Entscheidungen gefällt werden. Doch die FIFA hat ihren eigenen Fernsehleuten, die etwa die Liveübertragungen von Fußballweltmeisterschaften durchführen, die Anweisung gegeben, mögliche Störer im Stadion nicht im Bild zu zeigen. Was auf den ersten Blick nur wie die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Fußballweltverband FIFA steht nicht gerade in dem Verdacht, ein Ort zu sein, an dem logische und rationale Entscheidungen gefällt werden. Doch die FIFA hat ihren eigenen Fernsehleuten, die etwa die Liveübertragungen von Fußballweltmeisterschaften durchführen, die Anweisung gegeben, mögliche Störer im Stadion nicht im Bild zu zeigen. Was auf den ersten Blick nur wie die Wahrung einer Heile-Welt-Fassade aussieht, ist in Wahrheit viel logischer begründet: Störer wollen Öffentlichkeit, also gilt es, diese Öffentlichkeit zu vermeiden. Von dem (komplett bekleideten) &#8220;Flitzer&#8221; beim letztjährigen WM-Finale war also in der offiziellen FIFA-Übertragung fast nichts zu sehen &#8212; erst die Medien berichteten hinterher, dass es sich um jenen Spanier handelte, der schon beim Eurovision Song Contest in Oslo die Bühne gestürmt hatte, und boten dem Mann damit die Bühne, die er mit seinen Aktionen sucht.</p>
<p>Jedes Mal, wenn irgendwo in der Welt ein Schüler Amok läuft, überbieten sich die Medien darin, dem feigen, armseligen Täter das <a href="http://www.freitag.de/community/blogs/lukasheinser/der-blutige-weg-in-die-unsterblichkeit">Denkmal</a> zu errichten, das er mit seiner Tat errichten wollte. Wenn es Fotos gibt, die den späteren Täter mit Trenchcoat, Sonnenbrille und Pistole zeigen, dann kommt das auf die Titelseiten der Zeitungen. Und mithilfe möglicher Profilseiten in sozialen Netzwerken wird eine Exegese betrieben, die jeweils nur einen Schluss zulässt: Man hätte es kommen sehen müssen.</p>
<p>Jetzt also dieser Mann, der in Oslo eine Bombe gezündet und auf Ut&oslash;ya ein Blutbad angerichtet hat. Er hat &#8211; anders als die allermeisten Amokläufer &#8211; nach seiner Tat keinen Selbstmord begangen, sondern sich festnehmen lassen. Seine Verhaftung solle den Beginn einer &#8220;Propagandaphase&#8221; markieren, hat er geschrieben. Er hat nicht nur Videobotschaften oder wirre Artikel vorbereitet, er ist auch noch selbst da, um zu sprechen &#8212; und er will sprechen, das ist klar. Damit erinnert er ein wenig an John Wilkes Booth, der auf die Bühne sprang, nachdem er Abraham Lincoln in einem Theater <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Lincoln_assassination">erschossen</a> hatte. Der Täter aus Norwegen sucht eine Bühne und die Medien stellen sie ihm zur Verfügung.</p>
<p>Keine deutsche Boulevardzeitung kam am Montag ohne ein Foto des Mannes aus, den sie wahlweise als &#8220;Mord-Maschine&#8221; (&#8220;Berliner Kurier&#8221;), &#8220;Bestie&#8221; (&#8220;Express&#8221;) oder &#8220;Teufel&#8221; (&#8220;tz&#8221;, &#8220;Bild&#8221;) bezeichneten. Blätter wie die &#8220;Hamburger Morgenpost&#8221; oder die &#8220;Abendzeitung&#8221; taten ihm den Gefallen und zeigten ihn in Kampfmontur, mit Waffe im Anschlag. Ein Bild wie aus einer Werbeanzeige für jene Computerspiele, die von den gleichen Medien dann gerne &#8220;Killerspiele&#8221; genannt werden.</p>
<p>Medien wie &#8220;Spiegel Online&#8221; griffen dankbar die Brocken auf, die ihnen der Täter bei Facebook, YouTube und in irgendwelchen zwielichtigen Webforen hingeworfen hatte, und bastelten sich aus diesen Informationen halbgare Psychogramme. Nicht einmal Lady Gaga schafft es, dass die Medien exakt so über sie berichten, wie sie sich das wünscht, doch dem Täter vom Freitag ist genau das gelungen. So wie Detective David Mills in &#8220;Sieben&#8221; am Ende den perfiden Plan des Killers vollendet, erweisen sich die Journalisten jetzt als willfährige Erfüllungsgehilfen einer Propaganda, die sie selbst als geisteskrank brandmarken.</p>
<p>Es muss schon einiges falsch gelaufen sein, wenn die Stimme der Vernunft ausgerechnet aus dem Körper von <a href="http://www.bild.de/news/standards/franz-josef-wagner/liebe-norweger-19052518.bild.html">Franz Josef Wagner</a> spricht:</p>
<blockquote><p>Ich glaube, die höchste Strafe für den Attentäter wäre die Bedeutungslosigkeit. Nicht mehr über ihn zu berichten, seine Fotos nicht mehr zu zeigen, seine wirren Ideen nicht mehr im Internet zu lesen.</p>
<p>Dieser Typ will ja, dass alle Welt über seine Morde berichtet. Die Höchststrafe für diesen Psycho ist, dass er ein kleines Arschloch ist.</p></blockquote>
<p>(Wagners Worte erschienen natürlich in einer Zeitung, die dieses &#8220;kleine Arschloch&#8221; heute vier Mal zeigt, davon einmal groß auf der Titelseite. Und einen Tag, nachdem Wagner seine &#8220;Post&#8221; an den Täter adressiert hatte.)</p>
<p>Der Täter hat darüber hinaus ein &#8220;Manifest&#8221; von 1.516 Seiten verfasst. Es dürfte (wie die meisten &#8220;Manifeste&#8221; dieser Art) eine eher freudlose Lektüre abgeben. Und es stellt die potentiellen Leser (also mutmaßlich vor allem Journalisten) vor die Frage, wie sie mit der Ideologie des Täters umgehen sollen.</p>
<p>Möglichkeit Eins ist der Klassiker, der bereits in vollem Gange ist: Die Dämonisierung. Menschen, die Jugendliche in einem Ferienlager erschießen, kleine Kinder missbrauchen oder die Eroberung Europas und die Auslöschung aller Juden planen, sind eine enorme Herausforderung für das menschliche Gehirn. Einfacher wird es, wenn die Tat von einer &#8220;Bestie&#8221; oder einer &#8220;Mord-Maschine&#8221; verübt wird &#8212; dann kann man sich im Lehnstuhl zurück lehnen und das Grauen beobachten wie eine Naturkatastrophe. Solange wir die Deutungshoheit darüber haben, wer Mensch ist und wer nicht, haben wir zumindest ein minimales Restgefühl von Kontrolle. Deswegen ist es so verlockend, Täter in außermenschliche Kategorien einzusortieren.</p>
<p>Möglichkeit Zwei wäre die inhaltliche Auseinandersetzung. Sie ist technisch (im Sinne von &#8220;in den meisten menschlichen Gehirnen&#8221;) unmöglich, weil sie von einer eingebauten Moralsperre blockiert wird. Das theoretische Gerede vom &#8220;Kulturmarxismus&#8221; (aktuell) oder der &#8220;Judenrasse&#8221; (historisch) taugt nicht mal als Arbeitshypothese, die man argumentativ widerlegen könnte, weil es praktisch zur Legitimation von Taten herangezogen wurde, die jeder Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, verurteilen muss.</p>
<p>Muss man das &#8220;Manifest&#8221; also lesen und besprechen? Dafür spräche, dass der Täter darin recht weit verbreitete Ängste aufgreift, etwa vor einer &#8220;Überfremdung&#8221; und einem &#8220;Identitätsverlust&#8221;. Es sind die gleichen Ängste, die auch von islamophoben Hassblogs bedient werden, die mit Stimmungen und falschen Fakten hantieren, oder von Politikern verschiedener Parteien. Deswegen werden jetzt Logikketten geknüpft, die Thilo Sarrazin, Henryk M. Broder und andere Lautsprecher in einen direkten oder indirekten Zusammenhang mit dem norwegischen Massenmörder setzen. Das ist ungefähr so billig wie die Argumentationsweise der Gegenseite, die eine direkte Linie vom Koran zum islamistischen Terror ziehen will. Dabei ist Broder nur ein <a href="http://www.coffeeandtv.de/2010/09/19/broder-und-ich/">Borderline-Komiker</a>, der sich auch die rechte Hand abhacken würde für eine billige Pointe, ein bisschen Applaus und viel Aufruhr.</p>
<p>Gegen die ausführliche Exegese des Manifests spricht, dass es nie jemand gelesen hätte, wenn sein Autor nicht durch ein die Vorstellungskraft herausforderndes Verbrechen darauf aufmerksam gemacht hätte. Es ist ein perverser PR-Plan eines offensichtlich kranken Mannes und die Medien tun alles, um diesen Plan aufgehen zu lassen.</p>
<p>Die Medienberichterstattung, die sich nach Verbrechen so häufig auf die Täter konzentriert, mag eine kathartische Wirkung haben. Wir fühlen uns besser, wenn wir den immer freundlichen Nachbarn und Sachbearbeiter, der einen kleinen Jungen missbraucht und getötet hat, anschließend als &#8220;Schwein&#8221; bezeichnen, und vielleicht glauben Journalisten tatsächlich, dass es irgendetwas ändern oder irgendwie helfen kann, ihn in einem unscharfen Foto für jeden erkennbar auf der Titelseite zu zeigen. Doch es ist vor allem ein Ausdruck von Hilflosigkeit (die völlig okay ist, sich nur vielleicht nicht unbedingt in Zeitungstitelseiten niederschlagen sollte) &#8212; und im Fall von wahnhaften Massenmördern ist es sogar eine Form von Mittäterschaft.</p>
<p>Ich glaube, heute muss ich Franz Josef Wagner einfach mal vollumfänglich zustimmen.<br />
<img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/44da0d2bde004458bccbc5dcc6049ab3" width="1" height="1" alt=""></p>
 <p><a href="http://www.coffeeandtv.de/?flattrss_redirect&amp;id=6180&amp;md5=ce2dd65fced5be9c1314bc526357ce79" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.coffeeandtv.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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