Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Rock'n'Roll High School'

Gesammelte Platten Januar 2010

Von Coffee And TV am Sonntag, 21. Februar 2010 18:00

Dieser Eintrag ist Teil 1 von bisher 1 in der Serie Gesammelte Platten

Nach gut drei Jahren Coffee And TV dachten wir, es sei mal an der Zeit, irgendwas anders zu machen. Nachdem die Kategorie “Listenpanik” (deren Titel sich übrigens exakt niemand mehr erklären kann) im vergangenen Jahr von ihrer Ranglistenhaftigkeit befreit worden war, haben wir sie jetzt endgültig in die Tonne getreten. Und durch etwas – wie wir finden – viel Besseres ersetzt:

Ab jetzt wird nicht mehr Herr Heinser alleine erzählen, welche neuen Platten seinen “schon arg mainstreamigen Geschmack” (O-Ton gute Freundin) getroffen haben — Nein: Das ganze Team darf ran.

Es wird weiterhin grob nach Veröffentlichungsterminen gestaffelt (weswegen wir überraschenderweise mit den empfehlenswerten Veröffentlichungen des Monats Januar beginnen) und dann einfach alphabetisch sortiert.

Beach House – Teen Dream
Beach House sind angeblich Dream Pop, was auch immer das sein mag. Ihre letzte Platte “Devotion” kannte ich nur, weil ich mich nach ihrem Erscheinen ein paarmal dazu gezwungen hatte, sie nebenher laufen zu lassen, wenn ich gerade den Abwasch machte oder staubsaugte. Irgendwann muss sie dann aber doch hängengeblieben sein, denn als ich davon hörte, dass es einen Nachfolger geben würde, stiegen ungekannte Affektationen für diese Band in mir herauf, und seither freue ich mich über diese Platte wie ein kleines Kind, das sich wahrscheinlich über etwas anderes freut als eine Platte. Verträumt ist sie ja nun auch schon, aber das als konstituierendes Merkmal zu bezeichnen, würde ich vielleicht unterlassen angesichts der durchaus auch tonal innovativen Songs, die sich nur auf den ersten Blick wie Schablonenpop zeigen. (MS)

Eels – End Times
Das letzte Eels-Album “Hombre Lobo” ist gerade ein halbes Jahr alt, da kommt auch schon der Nachfolger. Die richtig rumpelnden Songs sind diesmal nicht dabei, E hat mindestens einen Gang zurückgeschaltet, so ungefähr “Daisies Of The Galaxy” mit weniger Zuckerguss. “End Times” erinnert mal wieder an eine Therapiesitzung, Dramatik und Humor prügeln sich um die Vorherrschaft und am Ende sagt die erste Strophe von “A Line In The Dirt” wahrscheinlich alles: “She locked herself in the bathroom again / So I am pissing in the yard / I have to laugh when I think how far it’s gone / But things aren’t funny any more”. Man möchte Mark Oliver Everett am liebsten in den Arm nehmen — um ihn zu trösten und sich zu bedanken. (LH)

Tommy Finke – Poet der Affen/Poet Of The Apes
Natürlich kann man es etwas überambitioniert finden, ein Doppelalbum zu veröffentlichen, bei dem jeder Song einmal auf Deutsch und einmal auf Englisch enthalten sind. Und tatsächlich wäre “Poet der Affen” ohne englische Zugabe schon eine runde Sache gewesen — aber man muss ja nicht beide Seiten hören. Aber zwei CDs zum Preis von einer sind erstens was nettes (Nicht wahr, Axl Rose und Connor Oberst?) und zweitens entwickeln Songs wie das famose “Borderline Betty”, die wunderbare Single “Halt’ alle Uhren an” (die irritierenderweise jetzt in beiden Versionen “Stop The Clocks” heißt) oder das schwer traurige “Die Tiere suchen Futter” noch einmal eine ganz andere Bedeutung, wenn man auch ihre englischsprachigen Geschwister hinzuzieht. “Poet der Affen” hat das an Gefühl, was dem letzten kettcar-Album fehlte. (LH, Rezensionsexemplar)

First Aid Kit – The Big Black And The Blue
Es war mit Sicherheit eines der außergewöhnlichsten Konzerte des Jahres, als diese zwei jungen schwedischen Schwestern da letztes Jahr am hellichten Tag in einem Zelt auf einem zentralen Osloer Platz spielten und die Kiefer der Zuschauer reihenweise runterklappten: First Aid Kit hatten das by:larm im Sturm erobert. Jetzt ist ihr Debütalbum erschienen, das ohne Fleet-Foxes-Coverversionen auskommen muss, aber trotzdem wundervoll geworden ist. Klara und Johanna Söderberg singen immer noch über Themen, von denen sie altersbedingt eigentlich gar keine Ahnung haben dürften, und sie tun das nach wie vor gerne zweistimmig und Gänsehaut verursachend. Den sparsamen Folk-Arrangements amerikanischer Prägung merkt man nicht an, dass sie in Europas Pop-Nation Nummer 2 entstanden sind — das klingt schon sehr nach weiter Prärie und schneebedeckten Bergen. Aber letztere hat man ja im Moment sowieso überall. (LH)

Owen Pallett – Heartland
Warum Owen Pallett nun auch offiziell Owen Pallett heißt und nicht mehr Final Fantasy, könnte vielerlei Gründe haben. Gehen wir davon aus, dass man als erwachsener Mann nicht mit einer eher mittelmäßigen Videospielreihe verwechselt werden will, darauf immerhin können wir uns sicher einigen, alles andere wäre auch Spekulation und außerdem der klaren Sicht auf das Hörergebnis völlig im Weg. Das ist nämlich ziemlich schön, meines Erachtens im Gegensatz zu älteren Final-Fantasy-Produkten, bei denen ich mich meistens nach der Hälfte nur noch beim unwillkürlichen Durchskippen erwischte. Hier allerdings wurde gut gespielt, gut arrangiert und mit Spannung gearbeitet. Das Durchhören eines Albums, ohne wegschalten zu müssen, ist zwar im Normalfall kein hochgradig qualitatives Merkmal, aber weil mir das bei dem jungen Mann hier zum ersten Mal passiert, lassen Sie mir doch bitte die Freude das abzufeiern und Herrn Pallett schulterklopfend gratulieren zu wollen. (MS)

Surfer Blood – Astro Coast
Hervorragendes Album, dem man es (natürlich auf Autosuggestion begründet) durchaus anhören kann, dass es nicht in einem Studio, sondern komplett in einem Stockbettschlafzimmer aufgenommen worden ist. Dass verstärkte Gitarren und ein echtes Schlagzeug involviert waren, mindert den meterhohen Stoß Ruhestörungsbeschwerden der Nachbarn an den zuständigen Universitätsdekan sicherlich nicht. Verhaltenheit und schlechtes Gewissen hört man hier aber trotzdem äußerst selten. (MS)

Tocotronic – Schall & Wahn
Um Tocotronic zu verstehen sind mutmaßlich bedeutend mehr Semester Germanistik vonnöten, als ich jemals ausgehalten hätte. So kann ich sie also nur hören, was aber auch wie üblich ein Erlebnis ist: So laut und gitarrenbetont klang schon lange kein Tocotronic-Album mehr. So düster allerdings auch nicht — bei den ersten vier Songs deuten schon die Titel an, wohin die Reise geht: “Eure Liebe tötet mich”, “Ein leiser Hauch von Terror”, “Die Folter endet nie”, “Das Blut an meinen Händen”. Aber spätestens wenn Graf Macbeth zur Halbzeit mit “Bitte oszillieren Sie” den größten Toco-Unterhaltungsschlager seit ungefähr “Die Welt kann mich nicht mehr verstehen” anstimmt und Journalisten den Text im Interview sehr ernsthaft zu entschlüsseln versuchen, klopft die Frage an, wie viel die Band eigentlich noch ernst meint und wie viel Spaß am Vorführen von Feuilletonisten dabei ist. Die Antwort könnte allerdings auch total egal sein, denn man kann Tocotronic ja auch ganz wunderbar hören ohne sie verstehen zu wollen. (LH)

Mitarbeit an dieser Ausgabe:
LH: Lukas Heinser
MS: Markus Steidl

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Creative, common

Von Lukas am Mittwoch, 17. Februar 2010 14:45

Aus Gründen, die heute vermutlich niemand mehr kennt, sehen die Veranstalter der Echo-Verleihung ihren Preis noch immer in einer Reihe mit Grammy und Brit Award stehen. (Fairerweise muss man bemerken, dass “in einer Reihe” nicht “in einer Liga” bedeutet.)

Am 4. März wird der Echo mal wieder verliehen und Prof. Dieter Gorny, Insolvenzverwalter der deutschen Tonträgerindustrie, lässt sich anlässlich der Auszeichnung der kommerziell erfolgreichsten Musiker mit den Worten zitieren:

"Hier geht es um Kreativität, um Kultur und um Kunst", Prof. Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Musikindustrie e.V.

“Vorhersehbarkeit, Verkaufszahlen und Verzweiflung” wären als Beschreibung des zu erwartenden Abends zwar passender, aber natürlich längst nicht so … kreativ.

Alles, was es sonst noch zu sagen gäbe, hat Tim Renner schon gesagt.

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Songs For The Dumped

Von Lukas am Sonntag, 14. Februar 2010 2:42

Aus Anlass des heutigen Valentinstags haben sich die Macher der besten Musikshow der Welt, “All Songs Considered”, mal was besonderes einfallen lassen: Nachdem es im letzten Jahre ein paar weniger bekannte Liebeslieder gab, geht es diesmal um breakup songs, also Lieder rund um Beziehungsenden.

Sympathischerweise ist es wieder einmal eine Show in großer Runde, das heißt neben Standard-Moderator Bob Boilen sind auch Produzent Robin Hilton, sowie die Redaktionskollegen Stephen Thompson und Carrie Brownstein mit dabei. Wie immer, wenn die Vier gemeinsam eine Sendung schmeißen, sind die Dialoge und die zwischenmenschlichen Neckereien fast genauso schön wie die Musik.

Die Songauswahl schwankt zwischen naheliegend und abwegig. Die ganzen wütenden Abrechnungen (s. Überschrift) wurden weggelassen, dafür gibt es viel Herzschmerz — und eine musikalische Bandbreite, die von den Ramones zu Justin Timberlake, von Stars zu Vic Chesnutt reicht. Dazwischen: Beck und The Replacements.

Ein bisschen positiver geht es dagegen beim Valentins-Geschenk von Enno Bunger weiter: Deren schmucke Single “Herzschlag” kann man heute (ganz ohne Anmeldung) kostenlos herunterladen.

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“Das ist keine Reisegruppe”
Ein Interview mit Sven Regener

Von Lukas am Freitag, 5. Februar 2010 0:20

Musikjournalisten erzählen häufiger, dass sie relativ wenig Ambitionen hätten, ihre persönlichen Helden zu treffen. Zu groß ist die Angst, dass sich der über lange Jahre Bewunderte als langweilig oder – schlimmer noch – unsympathisch herausstellt, dass einem keine guten Fragen einfallen oder man versehentlich die eigenen Freunde mit reinzieht.

Vor Sven Regener habe ich einen Heidenrespekt: Die Musik seiner Band Element Of Crime begleitet mich schon länger, die letzten beiden Alben habe ich rauf und runter gehört und seine Romantrilogie über Frank Lehmann habe ich mit großem Gewinn gelesen. Außerdem muss ich immer an jenes legendäre Interview mit der (inzwischen fast schon wieder völlig vergessenen) “Netzeitung” denken.

Es hätte also gute Gründe gegeben, sich nicht um ein Interview mit dem Mann zu bemühen, obwohl er mit Element Of Crime in Bochum war. Aber ein kurze Begegnung beim letztjährigen Fest van Cleef hatte mich so weit beruhigt, dass ich gewillt war, mich auf das Experiment einzulassen.

Element Of Crime (Archivfoto vom Fest van Cleef 2009)

Kurz bevor es losging sagte er: “So, wir duzen uns. Ich bin Sven.” Gut, dass das vorab geklärt ist, Respektspersonen würde man ja sonst auch siezen.

Wie das Gespräch dann lief, können Sie jetzt selber hören und beurteilen. Zu den Themen zählen Sven Regeners Tourblog, kleinere Städte, “Romeo und Julia”, Coverversionen und Vorbands.

 

Interview mit Sven Regener
(Zum Herunterladen rechts klicken und “Ziel speichern unter …” wählen.)

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Winning In The Name Of

Von Lukas am Mittwoch, 13. Januar 2010 13:51

Es ging im Dezember durch alle Medien: Rage Against The Machine waren “Christmas No. 1″ in den britischen Charts. Die wichtigste Chartplatzierung des Jahres war in den letzten Jahren sonst geradezu traditionell an die Gewinner der Castingshow “X Factor” gegangen, aber 2009 war es die 17 Jahre alte Schmuseballade “Killing In The Name Of” der Alternative-Politrocker aus L.A. — einer “Guerilla-Aktion” bei Facebook sei Dank.

Letztlich machte es aber keinen Unterschied, ob Castingstar Joe McElderly oder RATM auf Platz 1 gingen: Beide Künstler stehen bei Sony unter Vertrag. Im Gegenteil dürfte der heraufbeschworene Kulturkampf der Major-Plattenfirma überdurchschnittlich hohe Verkaufszahlen beschert haben, weil Unterstützer beider Seiten intensiv gekauft bzw. heruntergeladen haben, um ihren Favoriten vorne zu sehen.

Das Online-Musikmagazin Crud hat bereits im Dezember aufgeschrieben, dass es ein paar auffällige Verbindungen zwischen Jon Morter, dem Gründer der Facebook-Gruppe “RAGE AGAINST THE MACHINE FOR CHRISTMAS NO.1″, und Sony zu geben scheint — und erinnerte gleichzeitig daran, dass es auch im Weihnachtsgeschäft 2008 eine “Graswurzelbewegung” um die Weihnachts-Nummer-1 gab: Damals gab es den Versuch (ebenfalls u.a. mit Hilfe einer Facebook-Gruppe), Jeff Buckleys Version von Leonard Cohens “Hallelujah” auf Platz 1 zu kaufen, damit nicht die Interpretation des selben Songs von “X Factor”-Siegerin Alexandra Burke gewinnt. 2008 ging das noch schief, Burke stand mit ihrem Song an Weihnachten ganz oben, der 1997 verstorbene Buckley nur auf Platz 2. Beide Songs erschienen auf Labels (Buckley: Columbia, Burke: Epic), die letztlich zu Sony gehören — und wenn Leonard Cohen selbst Nr. 1 geworden wäre, hätte es wiederum Columbia getroffen.

Im Zuge der Regierungskrise in Nordirland, wo Iris Robinson, die Frau des Regierungschefs, eine Affäre mit einem deutlich jüngeren Mann hatte und auch Geldzahlungen eine Rolle spielen, hatten die Medien schnell die passende musikalische Untermalung gefunden: “Mrs. Robinson” von Simon & Garfunkel, der Titelsong zum Film “The Graduate”, in dem eine ältere Mrs. Robinson eine Affäre mit einem deutlich jüngeren Mann hat. Prompt soll auch der Song mal wieder auf Platz 1 gekauft werden. Der Soundtrack war 1968 bei Columbia erschienen, das seit 1988 zu Sony gehört.

Nun sollte man diese Indizien nicht überbewerten: Ein Riesenkonzern wie Sony hat immer viele Eisen im Feuer — und wenn ich Ihnen hier rate, Kilians- oder Tocotronic-CDs zu kaufen, landet Ihr Geld letztlich beim selben Major (Universal), wie wenn Sie – was Gott verhüten möge – CDs von Aura Dione oder Brunner & Brunner erwürben. RATM-Gitarrist Tom Morello, ein Mann mit einigermaßen gesunden Grundsätzen gegen Globalisierung und Kapitalismus, hat dann auch alle Verschwörungstheorien brüsk zurückgewiesen und vermutlich ließe sich für jeden anderen Major eine ähnliche Sammlung Liste anlegen.

Man sollte sich nur im Klaren darüber sein, dass dieses ganze Web-2.0-ige “Guerilla”-Ding dann letzten Endes doch wieder Geld in die Kassen der nicht mehr ganz so großen big player spült. Die berichterstattenden Medien scheinen das ein bisschen zu übersehen.

Mit Dank auch an Martin L.

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Von der Muse geleckt

Von Lukas am Dienstag, 12. Januar 2010 16:55

In den Abendstunden des 27. September 2009 zweifelte ich am Konzept der Demokratie. Ich fuhr mit dem Zug durch die Landschaft, aber weder der wunderschöne Sonnenuntergang noch die weiten Wiesen und Felder konnten darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland von einem Moment auf den anderen hässlich geworden war. Das Volk hatte eine schwarz-gelbe Koalition gewählt — bzw. wie Dieter Nuhr sagte: “Die CDU hat nicht gewonnen, sie ist nur übrig geblieben!”

Als ich heute die Auswertung unserer Leserwahl aufrief, fühlte ich mich ähnlich.

Ich meine: Muse?! Wirklich?! Muse?!

Warum nicht gleich Nickelback oder Revolverheld? Das wäre wenigstens aufrichtig schlecht gewesen.

Aber nun gut: Über Geschmack soll man nicht streiten, da hat halt ein Teil der Leserschaft einfach keinen. Egal.

Mit dem Rest kann ich im Großen und Ganzen ganz gut leben, also dürfen Sie die Listen jetzt auch sehen.

Und zwar hier.

Die Gewinner unserer Verlosungen wurden schon benachrichtigt.

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A Decade Under The Influence: 2009

Von Lukas am Montag, 28. Dezember 2009 10:09

Dieser Eintrag ist Teil 10 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Das Jahr begann mit Schnee, viel Schnee. Als ich am ersten Montag des Jahres morgens zu meiner Vorlesung aufbrechen wollte, hörte ich in den Nachrichten auf WDR 5, dass der Straßenbahnverkehr in Bochum “so gut wie eingestellt” sei. Da die Straßenbahnen auf dem Weg zur Uni schon an normalen Tagen ein verkehrstechnisches Desaster darstellen,1 entschied ich mich gegen die Bildung und für die Naturgewalt.

Ich hüpfte über den zugeschneiten2 Parkplatz vor dem Wohnheim und ging durch die benachbarten Waldgebiete. Alle Erwachsenen, auf die ich traf, hatten ein ähnlich entrückt-begeistertes Grinsen im Gesicht, wie auch ich es gehabt haben muss. Mir begegneten ganze Kindergartengruppen und jede Menge anderer Kinder mit Schlitten. Fast hätte ich gefragt, ob sie mir ihr Gerät für zwei, drei Abfahrten vermieten, aber ich hatte zu viel Angst.3

Dass ich seit Weihnachten einen iPod touch mein Eigen nannte, hatte meine Hörgewohnheiten noch einmal verändert: Musikdownloads waren plötzlich viel attraktiver als früher, weil ich sie ganz einfach auf meinen MP3-Player übertragen konnte. Entsprechend oft kaufte ich dieses Jahr Musik direkt am Computer, Vorzugsweise abends oder nachts.

Musikalisch los ging es erst mal mit den bisher übersehen Höhepunkten des Vorjahres: “The ‘59 Sound” von The Gaslight Anthem und “For Emma, Forever Ago” von Bon Iver. Während mir ersteres “nur” sehr gut gefiel, war letzteres eine Art Offenbarung. Seit langer Zeit hatte mich Musik nicht mehr so berührt, hatte ich ein Album nicht so oft hintereinander gehört. Die Akustikgitarren, der Falsett-Gesang von Justin Vernon, die Geräusche und Atmer im Hintergrund — näher an der Musik selbst kann man als Hörer einer Aufnahme kaum sein. Auch nach fast einem Jahr des intensiven Hörens sorgt das Album bei mir immer noch regelmäßig für Gänsehaut.

Neue Musik gab es in Form von ungemasterten neuen Kilians-Songs, die ich unter massiven Sicherheitsvorkehrungen überbracht bekam, um auf ihrer Grundlage die Presseinfo zum zweiten Album zu schreiben. Zwei Songs sprangen mich sofort mit der Wucht eines übermütigen jungen Hundes an: “Hometown”, aus naheliegenden Gründen,4 und “Used To Pretend”, einer der klügsten Songs, der in diesem Jahrzehnt über eine nicht funktionierende Beziehung geschrieben wurde.5

In Washington D.C. wurde Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Ich saß vor meinem kleinen Fernseher und filmte die Live-Übertragung mit meiner Digitalkamera mit — ganz so wie mein Großvater 1963 beim Deutschlandbesuch John F. Kennedys die TV-Bilder mit seiner Super-8-Kamera abgefilmt hatte. Große Geschichte als kleiner, privater Besitz. Die medialen Anspielungen auf Obama und seine Wahlkampagnen nahmen derart Überhand, dass ich ein eigenes Blog für das Thema aufmachte.

Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen führte ein lokales Veranstaltungstipp-Blättchen ein Interview mit mir. Das veröffentlichte Ergebnis sorgte dafür, dass ich eine Sekretärin einstellen wollte, deren einzige Aufgabe es sein sollte, sporadisch eintreffende Interview-Anfragen abschlägig zu beantworten. Da seitdem nie mehr Interviewanfragen kamen, bin ich froh, auf die sicherlich teure und arbeitsrechtlich schwer wieder loszuwerdende Bürokraft verzichtet zu haben. Als sogenannter Netzwerker arbeitete ich stattdessen einige Monate für den neuen Internet-Auftritt der Wochenzeitung “Der Freitag” und merkte dabei schnell wieder, dass Politik und die daraus erwachsenen Diskussionen kein Betätigungsfeld darstellten, in dem ich mich länger aufhalten wollte.

Mando Diao hauten mit “Dance With Somebody” einen derart gelungenen Indierockschlager raus, dass es eigentlich auch nicht weiter verwunderlich war, dass der Band nach Jahren – und der Abschreibung durch ihre alte Plattenfirma – dann doch noch der richtig große Mainstream-Durchbruch gelang. Den hatten die Kings Of Leon ja auch irgendwie geschafft, obwohl man sie nicht mehr auf dem Zettel hatte. Franz Ferdinand dagegen … Na ja: Die brachten auch ein neues Album raus, das ich allerdings zu selten gehört habe, um es begründet als doof bezeichnen zu können.

Zum ersten Mal sah ich mir eine komplette Fernsehserie auf DVD an:6 Die erste Folge von “Skins” hatte mich so begeistert, dass ich mir direkt die ersten beiden Staffeln bestellte. Das typische Serienjunkie-Gefühl, das ich bisher nur aus Schilderungen anderer kannte, hatte auch mich ergriffen und so lag ich nachts um drei mit meinem MacBook im Bett und sagte mir: “Ach, komm: Nur eine Folge noch für heute …”

Ende Februar flog ich auf Einladung des norwegischen Staates7 zum by:Larm nach Oslo. Drei Tage Konferenz zum Thema Musik und jeden Abend hunderte Konzerte in allen Clubs der Stadt. Oslo war großartig, die Mitreisenden waren sehr nett und es gab ein paar tolle Konzerte: The Alexandria Quartet, deren Debütalbum für mich in die Top 20 des Jahres gehört, die charmant wahnsinnigen I Was A Teenage Satan Worshipper, die wahnsinnig charmante Annie, der orchestrale Ólafur Arnalds, die klaren Headliner The Whitest Boy Alive8 und die schwedische Nachwuchssensation First Aid Kit. Außerdem hörte ich einen Vortrag des Grafikdesigners Stefan Sagmeister, auf den das oft überstrapazierte Adjektiv “inspirierend” zutraf. Eine Reise, die sich definitiv gelohnt hat.

Beim Rock im Saal in Haldern spielten die Kilians mit Enno Bunger und Gisbert zu Knyphausen, die alle auch sehr gut waren. Die Stimmung bei der anschließenden Party war hehr, obwohl Simon den Hartog und ich beide nüchtern bleiben und fahren mussten.9 Saturn haute im Internet MP3-Alben für 4,99 Euro raus und ich kaufte wie ein Wahnsinniger ein — überwiegend Elektronik: Empire Of The Sun, Röyksopp und Pet Shop Boys. Letzteren war mit “Yes” ein phänomenales Pop-Album gelungen, auf dem kein schlechter Song war, aber ein besonders guter: “Pandemonium”. Da ich für einige Artikel für einen Hamburger Großverlag viel unterwegs war, hatte ich auch viel Zeit, neue Musik zu hören. Einige Wochen lang war ich überzeugt davon, dass “Wake Up To America” von Ben Lee der beste Song des Jahres sein würde.

In Essen besuchte ich mein zweites Barcamp, das die Eindrücke vom Vorjahr festigte: Nette Leute, aber doch sehr speziell. Ich hatte begriffen, dass mir Rockkonzerte mehr geben, und war insofern ganz froh, mich gegen die re:publica und für das Konzert der Kilians auf dem Dinslakener Hans-Böckler-Platz entschieden zu haben.

Jener denkwürdige 3. April begann für mich allerdings an meiner alten Schule: Mein Bruder …

Moment, bevor ich weiter schreibe: Ich habe nicht nur einen Bruder, sondern auch eine Schwester, die in dieser Serie bisher sträflich vernachlässigt wurde. Es gibt dafür keinen speziellen Grund, ich sehe meinen Bruder nur ein bisschen öfter und mache dann mit ihm Blödsinn der Sorte, die Brüder halt so machen. Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich nicht nur einen tollen Bruder, sondern auch eine tolle Schwester habe.

Mein Bruder jedenfalls hatte seinen letzten Schultag und da ich eh in Dinslaken war, dachte ich mir: “Wann, wenn nicht heute, sollte ich noch mal auf mein Gymnasium gehen?” Mein Vater setzte mich um zwanzig vor Acht an der Schule ab, ich traf mich mit meinem Bruder und seinen Mitschülern auf dem nahe gelegenen Spielplatz und zog in einem Pulk von sechs bis acht Jahre jüngeren Menschen in die Schulaula ein. Keinem meiner früheren Lehrer fiel auf, dass ich gar nicht hierhin gehörte.10 Da ich vermutlich als einziger Mensch unter 50 nüchtern in der Aula saß, war ich vermutlich auch der einzige, der die ausführlichen Ausführungen des Schulleiters zu den Zulassungsmodalitäten und der Prüfungsordnung aufmerksam verfolgte. Anschließend ging es in den Stadtpark, um die Zulassung dort zu begießen. Als ich im nahegelegenen Supermarkt einen Kasten Bier erwerben wollte, um ihn den angehenden Abiturienten zu stiften, musste ich meinen Personalausweis vorzeigen. “Geil”, dachte ich, “auf zehn Jahre jünger geschätzt zu werden, grenzt in dem Alter ja schon an eine Ehre.”

Am Abend rockten die Kilians im Sonnenuntergang Dinslakens größten Platz und spielten dabei vor dem größten Konzertpublikum, das die Stadt außerhalb von Stadtfesten je gesehen hatte.11 Auf die Aftershowparty musste ich leider verzichten, weil meine knapp 27-jährige Begleitung ohne ihren Personalausweis nicht in die Dorfdisco kam.12 Die Geschichten, die ich hinterher über jene Party hörte, könnten mehrere Bücher füllen, die ich allerdings nicht schreiben werde.

Über Ostern guckte ich die dritte Staffel “Skins”, die gerade erschienen war, und fing an, Quasi-Vollzeit fürs BILDblog zu arbeiten, das seit 1. April ein Watchblog für alle deutschsprachigen Medien war. Aus diesem Grund war ich auch zu einem Interview in “Eins Live Plan B” zugeschaltet — mein erstes Interview, bei dem ich das Gefühl hatte, dass der Moderator wusste, was er tat. Vielen Dank, Ingo Schmoll!13

In jugendlichem Übermut kaufte ich mir für acht Euro alle Beethoven-Symphonien als MP3 und verbrachte mehrere Tage damit, Klassik zu hören. Das klang schon sehr beeindruckend, aber langfristig brauchte ich dann doch Texte. Gisbert zu Knyphausen oder Tommy Finke hatten welche, weswegen ich ihnen gerne zuhörte.

Anfang Mai war ich in Münster, um beim “Symposium Oeconomicum” zu sprechen.14 Zwar hatte ich um Wirtschaftswissenschaftler seit jeher einen großen Bogen gemacht, aber das war eine Veranstaltung, die mir Spaß machte und von der ich noch heute zehre.15

Obwohl ich mich bis heute als unpolitischen Menschen sehe, hatte es die Bundesregierung geschafft, dass ich mich annähernd politisch engagierte: Nachdem Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen die Unterzeichner einer Petition gegen Internetsperren, zu denen ich gehörte, in die Nähe von Kinderschändern gerückt hatte, war ich bereit, mit Forken und Fackeln gen Berlin zu marschieren und auf den Treppen des Reichstags zu sterben. Letztlich schickte ich dann doch nur eine E-Mail an alle meine Bekannten, in der ich sie aufrief, die Petition ebenfalls zu unterzeichnen und der Politik mal so richtig den Marsch zu blasen. Die Manic Street Preachers lieferten mit “Journal For Plague Lovers” den Soundtrack zu dieser Mini-Revolution und nur sieben Monate später sieht es so aus, als sei das ganze Vorhaben “Internetsperren” ähnlich erfolgreich verlaufen wie alle anderen Vorhaben der damaligen, jetzigen und aller kommenden Bundesregierungen: Geendet im totalen Desaster.

Im Düsseldorfer Zakk sah ich Bon Iver live, eines der beeindruckendsten Konzerte meines Lebens. Teilweise war die Musik so ruhig, dass man das Klicken der Fotoapparate hören (und leise zischelnd verurteilen) konnte. Fast noch beeindruckender war allerdings die Vorband The Acorn aus Kanada. Es passiert nicht oft, dass ich mir bei einem Konzert sofort die CD der Vorgruppe kaufen muss, aber in diesem Fall war es mir ein Bedürfnis. Es hat sich gelohnt.

Ich fuhr mal wieder nach Berlin und erlebte einige wunderbare Tage mit wundervollen Menschen. Irgendwann taumelte ich im Sonnenaufgang zu meiner Unterkunft und musste an “Schwarz zu blau” von Peter Fox denken. Berlin als Wohnort war für mich aber weiterhin undenkbar.

Weil ich immer schon mal wissen wollte, warum ich eigentlich heiße, wie ich heiße, kaufte ich mir “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” von Michael Ende und war begeistert, was für ein spannendes, kluges Buch das eigentlich war. In den USA lief die letzte16 Folge “Scrubs”, die mit einem großartigen Song zu Ende ging: “The Book Of Love” in der Version von Peter Gabriel. Ich brauchte 36 Stunden, bis es die meist gehörte Nummer in meinem iTunes und last.fm war. Meine beste Freundin empfahl mir The Pains Of Being Pure At Heart, die zwar auch sehr gut waren, es aber nicht ansatzweise auf so viele Plays eines einzelnen Titels schafften.

Thees Uhlmann und Simon den Hartog spielten ein gemeinsames Akustik-Konzert in Essen, bei dem sie unter anderem Travis, Glasvegas und The Killers coverten und auf offener Bühne Witze über mich rissen. Die anschließende Party entwickelte sich rasch zu einer der besten Nächte des Jahres.

Um eine alte Familientradition wiederzubeleben, fuhren unsere Eltern mit uns drei Kindern nach Domburg an die Nordsee. Meine Geschwister hatten vorab genaue Pläne aufgestellt, was wir alles tun müssten — statt zwei Wochen wie früher hatten wir diesmal nämlich nur drei Tage Zeit. Und wir haben alles geschafft: Krabbenbrötchen esse, im Meer schwimmen gehen, Radtour, Fritten essen, Kaffee trinken im Strandcafé, Ausflüge nach Middelburg, Vlissingen und Veere, chic Essen gehen, Minigolf spielen … Eigentlich hätte man nach diesem Urlaub erstmal Urlaub gebraucht, aber es war einfach nur wundervoll. Ich stand sogar am Strand und hörte die gleichen Songs, die ich dort vor acht, neun Jahren gehört hatte. Ich war der glücklichste Mensch der Welt.

Vor meinem Kurzurlaub hatte ich meinen Twitter-Account abgeschaltet und ich verspürte nicht das geringste Bedürfnis, ihn wieder einzuschalten. Er fraß zu viel Zeit und ich wollte gar nicht wissen, was irgendein Hinterbänkler in Berlin wieder für einen Unsinn in ein Mikrofon gesagt hatte. Sein Gerede würde keine anderen Folgen haben, außer dass ich mich darüber aufregte. In Holland hatte ich nicht einmal meine E-Mails abgerufen. “Vielleicht”, dachte ich völlig unaufklärerisch, “ist ignorance doch bliss.”

In Köln sah ich die Pet Shop Boys live: Ein unglaubliches Pop-Spektakel, für das sich die 50 Euro Eintritt durchaus gelohnt haben. Als ich zwei Tage später abends noch am Computer saß, kam per ICQ die Nachricht, dass Michael Jackson gestorben sei. Nach einigem Hin und Her auf Nachrichtenwebsites und amerikanischen Fernsehsendern bestätigte sich die Meldung. Ich schaltete das Radio ein, aber auf WDR 2 lief die ARD-Popnacht durch, als sei sie schon vor Monaten aufgezeichnet worden. Bei Eins Live moderierte gerade Jan Delay seine Hip-Hop-Show, die er sichtlich bewegt abbrach, um nur noch Michael-Jackson-Songs zu spielen. Die weltweite Anteilnahme war erstaunlich. Beim Abiball meines Bruders zwei Tage später füllte sich die Tanzfläche sofort, als die ersten zwei Takte von “Beat It” erklangen — nur eine Woche zuvor wäre der Song allenfalls von Hardcore-Jackson-Fans gefeiert worden, jetzt war er eine einzige Gedenk-Demonstration. Ich kaufte mir sogar endlich mal “Thriller” auf CD, hörte in diesen Tagen dann aber doch hauptsächlich “Far” von Regina Spektor.

In Essen fand das Fest van Cleef statt, es spielten Gisbert zu Knyphausen, Muff Potter, Kilians, die fantastischen WHY?, Tomte und Element Of Crime. Nachdem ich mir genug Mut angetrunken hatte, traute ich mich am Ende des Abends endlich, Sven Regener anzusprechen. Nachdem ich einige Interviews mit ihm gelesen hatte, hatte ich einen Heidenrespekt und etwas Angst vor dem Mann, aber er stellte sich als sehr sympathisch und unkompliziert heraus.

Die neue Single der Eels, “That Look You Give That Guy”, kam für mich einigermaßen zur Unzeit, war aber dennoch so gut, dass ich mir zum ersten Mal ein Eels-Album kaufte. Nach vielen Jahren nahm ich mir auch endlich mal meine Ausgabe von Jack Kerouacs “On The Road” vor und war schwer angetan von der Romantik des Unterwegsseins. Weil mein Leben aber kein Roman ist, fing ich doch mal an, nach Wohnungen zu suchen. Ich fand meine absolute Traumwohnung (Altbau, Holzielen, kleiner Erker, …), die natürlich sofort weg war. Aber gut: Wer würde schon in Bochum-Hamme wohnen wollen?

Zum ersten Mal in meinem Leben fuhr ich alleine zum Haldern Pop, wo ich neben dem Auftritt von Bon Iver in der Nachmittagssonne den meisten Spaß bei Fettes Brot und Colin Munroe hatte. In Köln fand mal wieder ein Umsonst-und-Draußen-Festivals statt: Aus Anlass der Computerspielemesse GamesCom spielten Bands wie Rival Schools und Tomte auf dem Kölner Rudolfplatz. Der Soundtrack zu meinem Sommer, ach: meinem Jahr, kam allerdings von The Hold Steady, von denen ich mir inzwischen alle Alben gekauft hatte, und Jack’s Mannequin, deren neues Album „The Glass Passenger“ zu einem treuen Begleiter wurde. Ich hatte neue Leute kennengelernt, neue Freunde ge- und alte wiedergefunden und war jetzt regelmäßig unterwegs. Egal ob mitten in der Nacht oder am nächsten Morgen in irgendwelchen Nahverkehrzügen: Diese beiden Bands waren immer dabei. Selten zuvor hatten Texte – allen voran die von “Boys And Girls In America” von The Hold Steady – besser auf mein Leben gepasst.17

Ich war bei einer Fernsehaufzeichnung zugegen, bei der ich dem SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier die Frage stellte, ob er manchmal noch von Murat Kurnaz träumte. Obwohl es eine quälend langweilige Sendung war, haben das offensichtlich einige Menschen gesehen und erst kürzlich gab mir noch mal jemand die Schuld am späteren Wahlsieg von CDU/CSU und FDP. Noel Gallagher stieg bei Oasis aus und es war mir im Grunde genommen egal.18

Die letzten Sommerwochenenden wurden gebührend gefeiert, zwischen Köln, Dinslaken, Hamburg und Duisburg. Alles war schön und nichts tat weh. In Hamburg interviewte ich James Walsh von Starsailor, der sehr nett, aber auch sehr müde wirkte. Als Vorband beim anschließenden Konzert spielten Oh, Napoleon, deren Debüt-EP mich ein paar Monate später hellauf begeisterte. Eine Woche später sah ich Starsailor in Köln erneut live und feierte anschließend mit einer Handvoll lieber Menschen in meinen Geburtstag hinein. Ich stellte fest: Wenn die Leute stimmen – und man sich in Ehrenfeld bewegt – ist auch Köln gar nicht schlimm. Und Mika fasste das alles wunderbar in einer Aussage zusammen: “We Are Golden”.

Im jugendlichen Überschwang bestellte ich mir das Boxset mit den remasterten Alben von The Beatles und verbrachte einige Tage damit, das Gesamtwerk der mutmaßlich besten Band aller Zeiten durchzuhören. Das kollidierte etwas mit “Immer da wo Du bist bin ich nie”, dem phantastischen neuen Album von Element Of Crime, das auch gebührend gewürdigt werden wollte, und den wunderschönen Folk-Alben von The Low Anthem und Kings Of Convenience.

Nachdem ich lange mit mir gerungen hatte, ob ich in Bochum bleiben oder eine neue Stadt aufsuchen sollte, entschied ich mich – mehr oder weniger aus Faulheit – für Bochum. Ich hatte eine recht okay aussehende Wohnung in einer der urbansten Gegenden der Stadt gefunden. “Forget And Not Slow Down” von Relient K sorgte bei mir mal wieder dafür, dass ich ein Album immer und immer wieder hören musste — und es dann nach zwei Wochen kaum noch auflegte.

In Dinslaken besuchte ich das Konzert von Jacqui Naylor, in Düsseldorf das von John K. Samson. Im Kino liefen die zwei sehr charmanten Liebeskomödien19 “Away We Go” und “(500) Days Of Summer”. Annie und Robbie Williams veröffentlichten ihre neuen Alben am selben Tag und sorgten für eine leicht Pop-Überdosis.20 Jay Farrar & Ben Gibbard hatten “Big Sur” von Jack Kerouac vertont und damit ein wundervolles Album voller Fern- und Heimweh geschaffen.

Stefan Niggemeier bekam in Stuttgart den Hans Bausch Mediapreis verliehen, was mit der ersten okayen Preisverleihung einherging, der ich jemals beigewohnt hatte, und anschließend noch zu einem richtig netten Abend wurde. Auf dem Rückweg nach Bochum verabschiedete sich mein iPod, der schon längst nicht mehr derselbe war, den ich letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hatte, in die ewigen Jagdgründe. Seitdem liegt er bei Apple und ich warte darauf, dass ich vielleicht doch noch irgendwann einen neuen bekomme.

Nachdem mich mein kleiner Bruder sachte in das Gebiet des Hip-Hop eingeführt hatte, hörte ich Jay-Z, k-os und – vor allem – Kid Cudi rauf und runter. Während mich die Rockmusik im Jahr 2009 überwiegend kalt gelassen hatte, entdeckte ich bei Hip-Hop, Folk und Elektropop immer wieder etwas Neues, Spannendes.

Die Kilians bekamen mal wieder nicht die “Eins Live Krone”, aber dass sie eine sensationelle Liveband sind, weiß man auch ohne Auszeichnung. Muff Potter, deren neuestes Album mich nicht sonderlich berührt hatte, gingen auf große Abschiedstour und ihr Konzert in Düsseldorf war eine Wucht. Im Gegensatz zu ihrem müden Auftritt beim Fest van Cleef gaben die vier Münsteraner noch einmal richtig Gas und verschafften sich so einen mehr als würdigen Abgang. In Dortmund sah ich Virginia Jetzt! live und obwohl ich eigentlich nur wegen der Vorband Oh, Napoleon gekommen war, war ich auch von der Hauptband schwer angetan. Leider kam die Spielfreude, die die Band live verbreitete, auf ihrem neuen Album kaum rüber. Auf dem Rückweg von Dortmund nach Bochum musste ich am Samstagabend um kurz vor Mitternacht 50 Minuten auf den Zug warten — plötzlich war ich mir sicher, dass das Ruhrgebiet der falsche Ort zum Leben war.

Mitte Dezember war ich noch einmal in Berlin und der Schnee, der überall lag, und eine Häufung von Zufällen sorgten dafür, dass ich innerhalb von 24 Stunden von “ich würde niemals nach Berlin ziehen” auf “ich könnte mir sehr gut vorstellen, in den nächsten Jahren nach Berlin zu ziehen” umschwenkte. Ich beschloss, keine Stadt mehr kategorisch auszuschließen21 und meine neue Wohnung eher als Zwischenlösung denn als Altersruhesitz zu betrachten. Gemütlich werden soll sie natürlich trotzdem.

Kurz vor Weihnachten sah ich im Kino den tollsten Film, den ich je gesehen habe: “Wo die wilden Kerle wohnen”. Die Weihnachtstage mit diversen Familienfeiern verliefen wunderbar ruhig und überraschend friedlich und jetzt – Achtung: Perspektivwechsel! – sitze ich hier und tippe die letzten Zeilen über ein Jahr, das noch gar nicht ganz zu Ende ist, aber das definitiv zu den Besten meines Lebens gehört. Ich habe viel Zeit mit großartigen Menschen verbracht, mit neuen und alten Freunden.

Es hat großen Spaß gemacht, auf die letzten zehn Jahre zurückzublicken, und wenn ich ein bisschen nach vorne schaue, bin ich mir sicher, dass es spannend und ereignisreich weitergehen wird. So eine Renovierung und ein Umzug wollen ja auch erst mal gemeistert werden und überhaupt gilt, was Dirk von Lowtzow auf dem Soundtrack zu “Absolute Giganten” sang:22 “Man muss immer weiter durchbrechen”.

Fehlt noch was? Ach ja: Der Song des Jahres 2009. Weil es so ein sensationell guter Popsong ist, weil mich Album und Band durch das ganze Jahr begleitet haben, und weil die Zeile “There’s chaos everytime we meet” auch noch eine wunderbare persönliche Bedeutung hat: Pet Shop Boys – Pandemonium

  1. Wer auf coffeeandtv.de alle 42 Stellen findet, an denen die Unfähigkeit Bochumer Studenten zum U-Bahn-Fahren thematisiert wird, der darf sich aufmerksam nennen. []
  2. 17 Centimeter Schneehöhe! Hunde, die bis zur Schnauze in der weißen Pracht versanken! []
  3. Davor, dass die Kinder mich zusammenschlagen. Man hört ja immer wieder … []
  4. An dieser Stelle sei allerdings noch einmal erwähnt, dass der Song nicht explizit von Dinslaken handelt – sonst würden ja auch die Grabenkämpfe zwischen Eppinghoven und Hiesfeld thematisiert -, sondern vom Gefühl einer Heimat an sich. []
  5. Für Komplettisten: Die anderen sind “Will The Violins Be Playing?” von Last Days Of April, “Du erkennst mich nicht wieder” von Wir Sind Helden und “The Ice Is Getting Thinner” von Death Cab For Cutie. Der klügste ever ist übrigens “Smoke” von Ben Folds Five. []
  6. Meine Box mit der ersten Staffel “Dawson’s Creek” war nach zwei Folgen irgendwo im Regal gelandet. []
  7. Oder irgendwie so. []
  8. Die kurz darauf auch ein Spitzenalbum veröffentlichten. []
  9. Intime Szenekenner streichen sich diesen Tag rot im Kalender an. []
  10. Eine sehr interessante Erfahrung für das eigene Ego, wenn man jahrelang dachte, bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, und sich das dann als Irrtum herausstellt. []
  11. Schätzung von mir. Wird aber ehrfahrungsgemäß wahr, wenn man es oft genug wiederholt. []
  12. Wenn die Menschheit also eines aus diesem Tag lernen kann, dann, dass Dinslakener unendlich schlecht im Datieren von Menschen sind. Was wiederum einiges über das Aussehen der anderen Dinslakener aussagen muss. []
  13. Das nächste Radiointerview mit MDR Sputnik über mein Obama-Blog war dann allerdings wieder ein Desaster. []
  14. Gott allein weiß, was mich dafür qualifizieren sollte. []
  15. Aus der Reihe: “Formulierungen, die exakt nichts aussagen und die man trotzdem immer schon mal verwenden wollte”. []
  16. Also: Nicht die letzte, sondern die “letzte”, wie man rückblickend sagen muss. []
  17. Bevor jemand die Texte zu aufmerksam nachliest: Pillen habe ich keine geschmissen. []
  18. Ich war nur froh, dass ich nicht zu Rock am See gefahren war, wo die Band dann kurzfristig durch Deep Purple ersetzt wurde. []
  19. Im weiteren Sinne. []
  20. Wobei ich immer noch rätsel, welches 80er-Jahre-Elektropop-Album besser ist: Das von Annie oder das von La Roux. []
  21. Ausnahmen: Koblenz, Dinslaken, Leverkusen und das gesamte Ruhrgebiet. []
  22. Dieser Soundtrack war – und wenn das keine phantastische Klammer ist, dann weiß ich‘s auch nicht – die erste CD, die ich mir im Januar 2000 gekauft habe. []

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A Decade Under The Influence: 2008

Von Lukas am Montag, 21. Dezember 2009 10:08

Dieser Eintrag ist Teil 9 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Ich begann das Jahr mit der Auswertung der Leserwahl unseres Blogs und war froh, dass mich mein früherer Mathelehrer bei dieser Arbeit nicht beobachten konnte. Weil Roland Koch das Thema Jugendgewalt zum Wahlkampfthema erkoren hatte, überschlugen sich die Medien in ihrer Berichterstattung. Für BILDblog interviewte ich deshalb den Kriminologen Christian Pfeiffer und war damit vermutlich der letzte Medienvertreter, mit dem er in diesen Tagen noch nicht gesprochen hatte..

Bei ProSieben ging Stefan Raabs Castingshow mit dem unmerkbaren Namen zu Ende: Zweiter wurde Gregor Meyle, Siegerin Stefanie Heinzmann, die zwar sympathisch war und eine tolle Stimmt hatte, deren Songs aber leider im Wesentlichen egal waren. Slut veröffentlichten mit “StillNo1″ ein Album, das es in Sachen Komplexität mit “Lookbook” aufnehmen konnte, Nada Surf machten mit “Lucky” da weiter, wo sie auf “The Weight Is A Gift” aufgehört hatten. Ich hörte allerdings hauptsächlich zwei Folk-Alben aus den Vorjahren, die ich gerade für mich entdeckt hatte: “Funnel Cloud” von Hem und “Ongiara” von den Great Lake Swimmers. Auf letztere war ich über “All Songs Considered” gestoßen, den Musik-Podcast von NPR, den ich jetzt jede Woche hörte.

Goldfrapp hatten ein neues Album veröffentlicht, das mich völlig in seinen Bann zog. Immer und immer wieder hörte ich mir “A&E” an, die hypnotische Single über Überdosierung berauschender Substanzen. Das neue Album von Danko Jones, das ich gleichzeitig erstanden hatte, konnte mich dagegen nicht so richtig kicken.

Bei einem Konzert in Oberhausen spielten die Kilians neue Songs, die damals noch Arbeitstitel wie “Ficken”, “Bumsen” und “Tackern” hatten.1 Ein paar Wochen später wurde ich als “Überraschungsgast” in ein Radiointerview mit den Jungs auf YouFM geschaltet. Die Nummer war ein Desaster auf ganzer Linie2 und ich nehme stark an, dass die Aufzeichnung nie gesendet wurde. Zumindest hätte ich so etwas zu Campusradio-Zeiten nie on air gelassen. Zum ersten Mal nach mehr als sechs Jahren sah ich die Stereophonics live und war hin und her gerissen: Irgendwie war es schön, die alten Hits noch einmal im Konzert zu erleben, andererseits zerfielen die Songs der Band teilweise unter den Händen. Die Nummern, die rockten, rockten dafür auf den Punkt.

In Essen fand ein BarCamp statt, ein Treffen für Leute, die was mit dem Internet zu tun haben. Es waren einige sehr nette Leute (und einige sehr seltsame), aber insgesamt kam ich mit dem offenen Konzept und dem betont lockeren Umgang nicht zurecht. Ähnlich ging es mir ein paar Wochen später bei der re:publica in Berlin: Einige sehr nette Momente, aber insgesamt zu viel Tamtam und zu viele Wichtigtuer. Trotzdem dachte ich eine zeitlang, ich müsste diesen Mediencircus mitmachen und bei solchen Veranstaltungen dabei sein. Aus Berlin nahm ich dann aber vor allem eine CD mit, die ich mir dort gekauft hatte: “Falling Off The Lavender Bridge” von Lightspeed Champion.

Fettes Brot brachten “Strom und Drang” raus, dessen Opener “Lieber Verbrennen als Erfrieren” bei mir aus dem Stand heraus zu einem der Songs des Jahres wurde. R.E.M. schalteten mal wieder ein paar Gänge hoch und klangen auf “Accelerate” so jung und schwungvoll wie lange nicht mehr. Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich ganz alleine in einer Kinovorstellung. “Juno” war eindeutig der Film des Jahres3 und ich wollte Ellen Page sofort heiraten. Bis wir uns irgendwann mal treffen, hörte ich als Ersatz erst mal den Soundtrack rauf und runter, der sich mit einem der übersehensten Alben des Jahres abwechselte: “Battle” von Sir Simon Battle.

In Köln besuchte ich ein Medienjournalismus-Seminar des Adolf-Grimme-Instituts. Vor einer kleinen Gruppe Seminarteilnehmer berichteten Medienprofis von ihrer Arbeit, was mal hochinteressant, mal deprimierend langweilig klang. Die Abende verbrachten wir gesellig in den örtlichen Kneipen und taten uns an dem gütlich, was man in Köln anstelle von Bier ausschenkt. Bemerkenswert war auch die schon an Unterwürfigkeit grenzende Verehrung, mit der hochrangige Mitarbeiter des Deutschlandfunks, in dessen Räumlichkeiten das Seminar stattfand, dem Enthüllungsjournalisten Hans Leyendecker begegneten. “Aha”, dachte ich, “Fandom gibt es also nicht nur in der Popkultur und im Fußball …”

Sonst passierte in meinem Leben nicht viel: Ich schrieb die verschiedenen Blogs voll, ging hin und wieder noch zur Uni, um Veranstaltungen zu besuchen, die mich interessierten, und kaufte wie ein Wahnsinniger CDs. Zum Beispiel “Sylt”, das dritte Album von kettcar, bei dem ich mir bis heute nicht ganz sicher bin, was ich davon halten soll. Musikalisch sicher sehr gut, aber textlich ließ mich vieles kalt — wenn es mich allerdings packte, so wie bei “Würde”, dann richtig.

Ich kaufte mir eine Strandmatte, mit der ich mich auf die Wiese neben dem Wohnheim zu legen gedachte. Ich verbrachte ja viel zu viel Zeit in meinem Zimmer und vor dem Computer, da musste ich dringend mal raus. 2008 habe ich diese Strandmatte genau einmal ausgerollt, 2009 immerhin zwei Mal. Hätte ich mehr Zeit in der Sonne verbracht, hätte ich wahrscheinlich noch mehr Jason Mraz gehört, denn dessen neues Album klang so wunderschön entspannt wie vier Wochen Sommerferien.

Mit Stefan Niggemeier machte ich mich wieder an die Besprechung sämtlicher Grand-Prix-Beiträge, die wieder zum größten Teil nicht sehr gut waren.4 Innerhalb weniger Wochen produzierte ich einige Videos für Youtube, darunter ein Interview mit dem schon erwähnten Gregor Meyle, dessen Debütalbum ganz erstaunlich geworden war, eine Norbert-Körzdörfer-Parodie fürs BILDblog und einen Film über Biber.

Borussia Mönchengladbach war der ungefährdete und sofortige Wiederaufstieg in die erste Liga gelungen, und weil der MSV Duisburg ebenso konsequent in die zweite Liga zurückkehrte, war am Niederrhein (und vor allem für mich) die Ordnung wiederhergestellt. Aus einer Mischung aus persönlichem Interesse, journalistischem Eifer und wissenschaftlichem Tatendrang begann ich in der Uni-Bibliothek mit Recherchen zu einem Projekt, dessen Notizen seitdem unberührt unter meinem Schreibtisch verstauben.5 In unserer WG wurde mal wieder ein Zimmer frei und ich begann mit meinem verbliebenen Mitbewohner ein munteres Casting. Der Bewerber, für den wir uns recht schnell entschieden hatten, meldete sich daraufhin nicht mehr und auch sonst blieben die Interessenten mitten im Semester aus.

Death Cab For Cutie klangen auf „Narrow Stairs“ ein ganzes Stück komplexer als drei Jahre zuvor auf “Plans”. Als ich zum ersten Mal “The Ice Is Getting Thinner” hörte, bekam ich eine Gänsehaut: So nah an meinem Leben war seit längerem kein Song mehr gewesen. Auch Coldplay hatten ein Album aufgenommen, das eigentlich viel zu komplex klang, um ein kommerzieller Großerfolg zu werden. Aber “Viva La Vida” wurde für die Band ein Triumphzug sonder gleichen und auch mir gefiel zum ersten Mal seit dem Debüt ein Coldplay-Album rundherum. Und dass der Titelsong zum Größten gehört, was in dieser Dekade so an Pop erschienen ist, daran kann es keinen Zweifel geben.

In Österreich und der Schweiz begann die Fußball-EM, für die ich mir sogar eine Schweden-Fahne gekauft hatte, die von meinem Balkon herunterwehte. Ich konnte sie nach drei Spielen wieder einpacken. In Köln wurde der Grimme Online Award verliehen, was sich als nette, aber spannungsarme Veranstaltung herausstellte.6 Dafür kam ich in den Genuss, von dem Comedian Hennes Bender nach hause gefahren zu werden, was eine sehr sympathische und unterhaltsame Erfahrung war.

Ein Mal noch schrieb ich einen Bewerbungstext für eine Journalistenschule, war dabei aber nicht sehr engagiert bei der Sache — ich hatte in den letzten Monaten einfach zu viele Journalisten live erlebt, als dass ich selber gerne noch einer geworden wäre. Dabei hatte ich mir gerade so einen stylischen Laptop bestellt, mit dem ich in den Szenecafés dieser Welt hätte sitzen können, wenn ich denn gewollt hätte. Nach drei Tagen des Wartens auf den Paketdienst kam dieser Computer sogar irgendwann an und begeisterte mich – das muss ich schon zugeben – auf Anhieb. Deutschland verlor das EM-Finale gegen Spanien.

Ben Folds war mal wieder in Deutschland — und er spielte nicht irgendwo, sondern in Bochum. Nachdem SonyBMG in München das angefragte Interview abgesagt und SonyBMG in New York es wieder zugesagt hatte, 7 traf ich Folds in der Lobby des Hotels am Ruhrstadion. Zwar hatte meine Verehrung für den Mann und seine Musik in den letzten Jahren ein wenig nachgelassen, aber er war natürlich immer noch ein Held meiner Adoleszenz. Entsprechend war ich zum ersten Mal seit ganz langer Zeit vor einem Interview aufgeregt. Nachher war ich eher enttäuscht von meinen Fragen, die mir in dem Moment, da ich sie ausgesprochen hatte, allesamt doof erschienen. Das Konzert war dennoch wieder ein Fest.

The Ting Tings und MGMT liefen sicher in jeder Indiedisco rauf und runter, aber ich ging nie in eine. Die Musik gefiel mir auch zuhause. Dort konnte ich auch ganz entspannt She & Him und die neue Platte von Sigur Rós hören — die erste der Band, die ich nicht nur theoretisch gut fand, sondern auch ganz praktisch immer wieder hörte. Ich entdeckte – besser spät als nie – The Hold Steady, deren “Stay Positive” mir sehr, sehr gut gefiel, mich aber persönlich noch nicht so ganz packen konnte. Das würde noch einige Monate dauern.

Weil meine Geschwister keine Lust gehabt hatten, nahmen meine Eltern mich auf einen dreitägigen Amsterdam-Besuch mit. Ich konnte mich die ganze Zeit nicht entscheiden, ob ich die Stadt großartig oder schrecklich finden sollte — die Grachten waren toll, keine Frage, aber die vielen Fahrradfahrer machten mir Angst. Außerdem hinterließ es mich ziemlich unbefriedigt, dass ich riesige, tolle Plattenläden durchstöbert und eine einzige CD8 gekauft hatte.

Das Haldern Pop begann für mich mit einer Band, deren sensationelles Debütalbum gerade erschienen war: Fleet Foxes spielten im Spiegelzelt und obwohl sie hinterher auf anderen Festivals berichteten, wie schrecklich ihr Auftritt dort gewesen war, war ich schwer beeindruckt. Passend zum 25. Geburtstag des Festivals begingen die Flaming Lips einen Kindergeburtstag, wie ich ihn noch nie bei einem Konzert erlebt hatte. Im Zelt spielten Fettes Brot einen Überraschungsgig, den ich nur von Draußen verfolgen konnte. Am Samstag spielten die Kilians als erste Band auf dem Platz (der laut Veranstalter noch nie so früh so voll gewesen war) und hatten dabei wieder einmal das Wetter auf ihrer Seite: Vorher Regen, hinterher Regen, währenddessen strahlender Sonnenschein. Es haben bestimmt noch andere gute Bands gespielt, in Erinnerung blieb mir dann aber nur noch der würdige Abschluss mit Maxïmo Park.

In Peking fanden die Olympischen Sommerspiele statt, von denen ich als fanatischer TV-Sport-Junkie natürlich so wenig wie möglich verpassen durfte. Moralische Bedenken sind mir in diesem Fall leider fremd, ich hatte ja auch schon die gesamte Tour de France geguckt, immer in dem Wissen, dass ich dort die ganze Zeit verarscht werden könnte.

Darren Jessee war so freundlich, mir das neue Album von Hotel Lights zu schicken. Darauf enthalten war auch endlich der Song, den ich liebte, seit ich ihn acht Jahre zuvor – damals noch in der Live-Version von Ben Folds Five – gehört hatte: “Amelia Bright”. Ben Folds Five wiederum kündigten eine einmalige Reunion-Show in ihrer Heimatstadt Chapel Hill an: Für MySpace würden sie “The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner” von vorne bis hinten durchspielen. Meine Lieblingsband. Mein Lieblingsalbum. In den USA. Mehrere Tage überlegte ich ernsthaft, wie ich das alles organisieren und vor allem finanzieren sollte. Dann gab ich auf.

Stattdessen fuhr ich nach Berlin, um mal eine Woche Alltagsluft im BILDblog-Büro zu schnuppern. Es tat gut, nicht den ganzen Tag alleine am Schreibtisch zu hocken, sondern beim Arbeiten mal wieder Menschen um sich herum zu haben, mit denen man zum Beispiel einen Wettbewerb starten kann, wenn bei YouTube den schlimmeren Ohrwurmgaranten findet.9 Es war eine schöne Woche und ich war im weiteren Verlauf des Jahres noch einige weitere Male in Berlin, aber ich war mir auch schnell sicher, dass Berlin niemals mein Wohnort werden würde.

In Düsseldorf besuchte ich eine Messe namens OMD.10 Nachdem ich Kai Diekmann begegnet war, sah ich mich noch ein wenig auf der Messe um und merkte dort schnell, dass ich mit körperlichen Abwehrreaktionen auf die ganzen Werber, Berater und PR-Torten reagierte.11 Ich verschwand lieber, bevor ich noch auf den Fußboden kotzen konnte. Als ich wieder zuhause war, lag da das neue Ben-Folds-Album. Leider war es auch nicht so richtig toll.

Zeitgleich mit Folds erschien auch “Ode To J. Smith” von Travis. Die klangen plötzlich wieder so ruppig wie ganz zu Beginn ihrer Karriere, verzauberten mich aber am stärksten mit dem eher ruhigen “Before You Were Young”. Ich feierte meinen Geburtstag in Bochum und hatte mich erstmals ganz alleine um die Zubereitung der Speisen gekümmert. Trotzdem haben alle Gäste überlebt. Am nächsten Tag kam meine ganze Familie12 und es war auf eine sehr entrückte Art sehr festlich, all diese Menschen in meinem kleinen Studentenzimmer um mich zu haben.

Zu Beginn des Wintersemesters war das leerstehende WG-Zimmer endlich wieder besetzt. Ich ging zur Uni, um dort ein dreiteiliges Porträt über meine Uni zu drehen. Nach fünf Jahren in Bochum erkannte ich auch endlich, dass es hier eine lokale Kulturszene gab, und sah mir Konzerte von Tommy Finke und die Scudetto-Abende von Ben Redelings an. Ich ging sogar zum ersten Mal ins Ruhrstadtion — natürlich in die Gästekurve beim Auswärtsspiel der Gladbacher. Als meine Fohlen, die sich nur Tage zuvor mal wieder von einem Trainer getrennt hatten,13 mit 1:0 in Führung gingen, schrie ich mir die Kehle blutig. Das Spiel endete 2:2, nachdem Gladbach längere Zeit 1:2 hinten gelegen hatte. Ich merkte mal wieder: Stadion ist super, aber schlecht für die eigene Gesundheit.

Das neue Album von Tomte hörte ich zum ersten Mal, als ich in Dinslaken war und schlecht gelaunt durch die Landschaft stapfte. Das mit der schlechten Laune hielt sich allerdings nicht sehr lange. Da eh klar war, dass nie wieder ein Album für mich so eine große persönliche Bedeutung haben würde wie “Buchstaben über der Stadt”, ging ich ganz entspannt an “Heureka” heran. Und natürlich waren wieder jede Menge großartige Songs enthalten, fein säuberlich gruppiert um die zentrale Textstelle “Du nennst es Pathos, ich nenn’ es Leben”. Kurz darauf hörte ich erstmals die neue Single von The Killers und dachte erst: “Na, wenn sie da mal nicht vom Wendler verklagt werden …” und dann: “Geil”. Anhand von “Human” testete ich, wie oft mein Gehirn den gleichen Song hintereinander erträgt. Sehr oft.

Oasis hatten übrigens auch ein neues Album veröffentlicht. Es war nicht einmal schlecht, nur halt leider auch irgendwie überflüssig, wie fast alles, was die Band nach 1996 veröffentlicht hatte.

In den USA fand eine Präsidentschaftswahl statt. Nachdem ich mir schon für die Vorwahlen halbe Nächte um die Ohren geschlagen hatte, musste ich die Nacht der Nächte natürlich durchmachen. Barack Obama wurde zum Präsidenten gewählt und ich hatte das unbeschreibliche Gefühl, Geschichte beim Stattfinden zusehen zu können.14 Auf Einladung der Grünen fuhr ich zum Bundesparteitag der Partei in Erfurt, was auch eine Erfahrung für die Box mit der Aufschrift “Erfahrungen” war. Politik und ich, das dämmerte mir schnell, das würde nie etwas geben — schon gar nicht in Form von Basisdemokratie und Diskussionen. In solchen Momenten bekomme ich immer ein schlechtes Gewissen, weil die Weltverbesserung ohne mich stattfinden muss, aber für mich waren ja schon die Diskussionen in den Bands und Redaktionen, in denen ich tätig war, oft eine Herausforderung. Mehr ginge wirklich nicht.

Nachdem ich “The Ice Is Getting Thinner” oft genug gehört hatte,15 fragte ich meine Freundin irgendwann abends beim gemeinsamen Kochen, ob wir eigentlich noch zusammen wären. So richtig nicht, stellten wir fest und beschlossen, dass es vielleicht das Beste wäre, uns einfach als “getrennt” anzusehen. Dann aßen wir das Essen, das wir vorher in den Ofen geschoben hatten. Im Radio sang Kate Nash “My finger tips are holding onto the cracks in our foundation” und ich dachte für einen winzigen Moment, dass es doch eigentlich auch mal ganz nett wäre, wenn mein Leben nicht permanent popkulturell kommentiert würde.

In der Essener Grugahalle, die ich spontan zum schlimmsten Ort ernannt hatte, an dem man Rockkonzerte ausrichten konnte — Beatles hin oder her, fand die Rocknacht des WDR-”Rockpalast” statt, die Jahre zuvor als “Osterrocknacht” irgendwann eingeschlafen war. Neben den Fleet Foxes waren es vor allem zwei Acts, die ich seit neun Jahren immer mal gemeinsam an einem Abend hatte sehen wollen: Ben Folds und Travis. Beide sah ich an jenem Abend zum fünften Mal live, aber Travis gefielen mir sehr viel besser. Nach den Konzerten hatte ich sogar endlich mal wieder einen “Almost Famous”-mäßigen Fan-Moment, als ich Travis am Bandbus abfangen und um Autogramme bitten konnte.

Das beeindruckendste Konzert des Jahres (und auch ansonsten: seit langem) erlebte ich Anfang Dezember in Köln, als ich das britische Duo Nizlopi live sah. Was diese beiden Männer da mit Akustikgitarre, Kontrabass, Human Beatbox und Stimmen auf die Bühne brachten, hatte ich in dieser Form noch nie erlebt. Bei so viel Begeisterung konnte ich sogar darüber hinwegsehen, dass die Kernzielgruppe der Band offenbar Menschen mit Wursthaaren waren.16

Im Radio hörte ich “Old White Lincoln” von The Gaslight Anthem und musste es sofort danach bei iTunes kaufen. Den “Human”-Rekord des meist gehörten Songs des Jahres konnte ich drei Wochen vor Jahresende nicht mehr aufholen und auch das Album habe ich mir leider erst im Januar 2009 gekauft (und erst noch ein bisschen später wirklich zu lieben gelernt), aber das war schon ein Riesen-Song.

Weil wir seit April nicht geprobt hatten, wurde der traditionelle Occident-Auftritt beim School’s Out in Dinslaken zum Solo-Auftritt umgewidmet, erst den letzten Song spielten wir mit der ganzen Band (und mal wieder einem Leih-Gitarristen). Zwar war es längst nicht so voll wie in den Vorjahren,17 aber uns war egal, ob da dreißig Leute standen oder dreihundert. In den einen Song legten wir alle unsere Energie und Leidenschaft und für dreieinhalb Minuten fühlte es sich an wie auf der Bühne des Wembley-Stadions.18 Dass ich hinterher meinte, dieser eine Song sei das Highlight des Jahres gewesen, spricht entweder für meine Band oder gegen das Jahr.

Mit meiner Ex-Freundin verstand ich mich nach wie vor gut. Zu Weihnachten nahm ich ihr ein Mixtape mit den wichtigsten Songs der gemeinsamen fünf Jahre auf — von “Hurricane” über “Half Light” bis zu “Foundations”. Den Abschluss bildeten Muff Potter, die auf „Die Guten“ alles gesagt hatten, was es zu sagen gab: “Es hat mit uns nicht funktioniert / Wir haben es akzeptiert und abgegeben.” Und natürlich: “Und weil ich mich nur selten irr mit Menschen, Mädchen sag ich dir: Wir beide sind die Guten.”

Vor dieser Erkenntnis hatte ein anderes Lied gestanden und es ist deshalb Song des Jahres: Death Cab For Cutie – The Ice Is Getting Thinner

  1. Aufmerksame Beobachter wissen: Einer dieser Songs sollte auch später auf dem Album noch so heißen. []
  2. Das lag allerdings nur zu 15% an uns und zu 85% am Moderator. []
  3. Ja, trotz “The Dark Knight”! []
  4. Den Schweizer Song habe ich mir allerdings anschließend als Download gekauft — er schied natürlich bereits im Halbfinale aus. []
  5. Unter Schreibtischen gelagerte Notizen tragen erfahrungsgemäß wenig zur Verbesserung von Einkommenssituation und Chancen auf den Pulitzer-Preis bei. []
  6. Ich habe einige Preisverleihungen in echt und im Fernsehen verfolgt und bin zu dem Schluss gekommen, dass es außerhalb der Oscar-Verleihung keinen Grund gibt, Preise bei wie auch immer gearteten Zeremonien wegzugeben. Selbst bei den Oscars gibt es oft genug keinen Grund dafür. []
  7. Ich telefoniere ja öfter mit den USA, aber gerade irgendwo unterwegs zu sein und dann auf dem Handy aus New York angerufen zu werden, das hat schon eine gewisse Lässigkeit. []
  8. Mylo – Destroy Rock‘n‘Roll, gebraucht für 5 Euro. []
  9. Es führt eigentlich kein Weg an “We Built This City” von Starship vorbei. []
  10. “Enola Gay” ist übrigens auch ein verdammter Ohrwurm-Garant, wenn man es sich recht überlegt. []
  11. Sind bestimmt privat alles total dufte Menschen, dürfen mich im Gegenzug gerne auch doof finden, aber: Nee. []
  12. Also: Nicht meine ganze Familie, dafür hätte ich in die Jahrhunderthalle laden müssen. Geschwister, Eltern und Großeltern halt. []
  13. Den Namen jetzt nachzuschlagen wäre bei dem Verein wirklich zu viel verlangt. []
  14. Ein Jahr später hat sich die Obama-Begeisterung in der ganzen Welt ja schon wieder weitgehend relativiert — mit Ausnahme des Friedensnobelkomitees, aber das sind alte Männer, die manchmal etwas länger brauchen. []
  15. “Then it saddens me to say / What we both knew was true / That the ice was getting thinner / Under me and you”. []
  16. Zugegeben: So ein bisschen nach Kiffermusik klingen Nizlopi auch. Egal. []
  17. Gleichzeitig stattfindende Weihnachtskonzerte einer bekannten Dinslakener Indie-Band in Köln mögen da einen gewissen Einfluss gehabt haben. []
  18. Ein Vergleich, der zum großen Teil auf Mutmaßungen basiert und nur wenig auf eigenen Erfahrungen. []

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Lokalrunde

Von Lukas am Freitag, 18. Dezember 2009 21:00

Kilians, live in Aktion

War Dinslaken vor den Kilians nur ein Fleck auf der Landkarte, haben die fünf Jungs aus der niederrheinischen Provinz das Städtchen für viele Fans zur deutschen Indie-Hauptstadt gemacht.

So etwas denke ich mir natürlich nicht aus, so etwas zitiere ich.

Oder anders formuliert, für unsere Leser über 50 70:

Heimspiel: Die Musikfachpresse, bundesweit erscheinende Tages- und Wochenzeitungen sowie die Hörer junger Radiowellen sind aus dem Häuschen. Grund sind die Kilians, derzeit Dinslakens populärste Band. Die Jungs haben beim Auftakt zu Kultur 2010 im Januar ein Heimspiel. Die jugendlichen Fans bekommen mehr Show für weniger Geld.

Aber ich fang’ mal besser von vorne an: Im nächsten Jahr, welches in weniger als zwei Wochen beginnt, wird das Ruhrgebiet ja Schauplatz des – so optimistische Schätzungen – größten kulturpolitischen Desasters seit dem Untergang des weströmischen Reichs — Wir sind “Kulturhauptstadt”!

Dass die Verkehrsinfrastruktur ein absolutes Desaster ist und die Verantwortlichen (u.a. Oliver Scheytt, Fritz Pleitgen und Dieter Gorny) schon seit Jahren den Eindruck vermitteln, als seien sie nicht nur Willens, sondern auch in der Lage, das ganze Großprojekt mit Pauken, Trompeten, wehenden Fahnen und Vollgas vor die Wand zu fahren, soll niemanden weiter stören. Im Ruhrgebiet sind wir es gewohnt, aus allem das Beste zu machen. Und wer den Niedergang der Montanindustrie überlebt, wird auch mit Dieter Gorny fertig.

Obwohl Essen es noch nicht ganz verstanden hat, ist übrigens das ganze Ruhrgebiet “Kulturhauptstadt”. In den 52 Wochen des Jahres sind 52 Städte sogenannter “Local Hero” — und mit welcher Stadt es losgeht, das erraten Sie nie!

Richtig.

Eine Woche lang gibt es Kulturevents am laufenden Band. Höhepunkt für Rockmusikinteressierte dürfte ohne Zweifel das Konzert am Freitag, 15. Januar sein:

In der Kathrin-Türks-Halle (in Dinslaken nur als “Stadthalle” bekannt) werden die Kilians, Dinslakens erfolgreichster Exportschlager außerhalb der Schlager-Branche, eines ihrer wenigen Konzerte des Jahres 2010 spielen. Als Vorbands spielen zwei weitere Bands, die gerade dabei sind, den Ruf Dinslakens als deutsches Omaha bzw. Borlänge in die Welt zu tragen: The Rumours und Cama Maya.

Hold your breath:

Entgegen der Ankündigung im Vorfeld sind Korrekturen an der Planung vorgenommen worden, die jugendliche Musikfreunde zufrieden quittieren dürften.

Und während Sie sich noch fragen, ob das Gekreische bei Konzerten dann als “Quittungston” durchgeht, bin ich schon bei den key facts:

Kilians, The Rumours & Cama Maya
15. Januar 2010, 19:30 Uhr
Stadthalle Dinslaken
Eintritt: 15 Euro
All Ages

Um das alles noch ein bisschen schöner zu machen, verlost Coffee And TV mit freundlicher Unterstützung von Liftboy 2×2 Gästelistenplätze für das Konzert.

Beantworten Sie einfach die Quizfrage:
Wie heißt der aktuelle Bürgermeister von Dinslaken?

Die Gewinner werden unter all denen gezogen, die die richtige Antwort bis zum 10. Januar 2010, 23:59:59, an gewinnegewinnegewinne@coffeeandtv.de schicken.

Die Gewinner werden am 11. Januar benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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Listenpanik: Reste 2009

Von Lukas am Dienstag, 15. Dezember 2009 21:10

Das Jahr ist bald zu Ende, Markus hat seine Bestenliste schon rausgehauen, aber ich muss ja für nächste Woche erst mal das Jahr 2008 abfrühstücken, ehe ich mich doppelt und dreifach dem Rückblick auf das aktuelle Jahr widmen kann.

Vorher sollen aber schon die Alben und Songs genannt werden, die dieses Jahr für mich mitbestimmt haben, aber bisher auf keiner Listenpanik-Liste genannt sind. Dass ich immer noch jede Menge übersehen habe, dürfte klar sein. Aber wenigstens das hier ist schon mal nicht vergessen:

Alben
Kid Cudi – Man On The Moon — The End Of Day
Wie gesagt: Ich höre mich gerade erst ein in dieses Genre, das sie Hip-Hop oder Rap nennen. Ich bin also noch nicht sehr gut im Zuordnen (worauf die Zeile “I got ninety-nine problems and they all bitches” anspielt, ist mir trotzdem aufgefallen), aber wer dieses Album hört, muss sofort erkennen, dass da jemand kluges Musik macht. Beats, Samples und Instrumente werden da zu anspruchsvollen Playbacks aufgetürmt, über die der 25-jährige Scott Ramon Seguro Mescudi dann rappt wie ein Mann, der schon alles gesehen hat. Die meisten Songs sind eher laid back und düster und insgesamt ist das Album, an dem auch Bands wie MGMT und Ratatat mitgewirkt haben, weit entfernt vom Arsch-und-Titten-Hip-Hop, den man sonst im Musikfernsehen sieht, falls gerade mal Videos laufen. Ach ja: Lady Gaga wird auch noch gesampelt.

Jay-Z – The Blueprint 3
Noch mal Hip-Hop, noch mal klug und anspruchsvoll. Genauer kann ich das gar nicht beschreiben, aber es fühlt sich gut an, dieses Album zu hören. Und wer sich “Forever Young” von Alphaville vornimmt, hat bei mir quasi immer gewonnen (vgl. Die Goldenen Zitronen, Youth Group, Bushido feat. Karel Gott).

White Lies – To Lose My Life
Irgendwann bin ich nicht mehr mitgekommen mit diesen Joy-Division-Bands. Sind White Lies überhaupt eine? Jedenfalls kombinieren sie treibende Rhythmen, Gitarrengeschrammel, Keyboardflächen und leidenschaftlichen Gesang. Und obwohl mir das in vier von fünf Fällen unglaublich auf die Ketten geht, gefällt es mir hier.

Tom Liwa – Eine Liebe ausschließlich
Nach Esoterik-Projekten und einer Flowerpornoes-Reunion hat Tom Liwa mal wieder ein richtiges Soloalbum aufgenommen: nur er und eine Gitarre. Eröffnet wird “Eine Liebe ausschließlich” von einer Gänsehaut-Version von “Chasing Cars” (ja, das von Snow Patrol), hinterher gibt’s auch noch mal Dylan (“Idiot Wind”), dazwischen ganz viel Liwa. Man kann nur ahnen, was für Dramen sich abgespielt haben müssen, sollten die Texte allesamt autobiographisch sein. Es ist Liwas beste Platte seit “St. Amour” vor neun Jahren und erinnert in ihrer Reduktion und Direktheit mitunter sogar an die “American Recordings” von Johnny Cash — die mitunter gewagten Übersteuerungen inklusive.

Songs
Kid Cudi – Up Up & Away
Da lobe ich ein Hip-Hop-Album und hebe dann den einen Song hervor, in dem vor allem Gitarren zu hören sind. Aber, Entschuldigung, “Up Up & Away” ist einfach ein Hammer von einem Song. Textlich eine wunderbare Unabhängigkeitserklärung, musikalisch eine der euphoriesteigerndsten Nummern des Jahres. Und dann dieser Slogan für T-Shirts und Unterarm-Tätowierungen: “They go judge me anyway, so: whatever?”

Glasvegas – Geraldine
Glasvegas live zu sehen war eine schlechte Idee für den ersten Eindruck, denn ihr Auftritt hat mir die Band schon arg verleidet. So bedurfte es ausgerechnet einer Lagerfeuerversion von Thees Uhlmann und Simon den Hartog, damit ich erkannte, was für ein toller Song “Geraldine” ist. So ungefähr der einzige richtig tolle auf dem selbstbetitelten Debüt-Album der Schotten, aber dafür eben ein wirklich richtig toller. Als Linguist ist man erstaunt, wie viele Vokale in Zeilen wie “My name is Geraldine, I’m your social worker” offensichtlich überflüssig sind und ganz einfach weggelassen werden können.

Jay-Z – Empire State Of Mind
Er sei der neue Sinatra, rappt Jay-Z in seinem “New York”-Pendant. Und wahrscheinlich hat er damit nicht mal unrecht. Dazu Streicher, Klavier, Chöre und Alicia Keys. Einen Song dieser Größe hat die Stadt verdient (“und umgekehrt”, falls das Sinn ergibt), so wie Berlin “Schwarz zu Blau” von Peter Fox.

Tommy Finke – Halt’ alle Uhren an
Tommy Finke hat mir jetzt schon mehrfach zu erklären versucht, was das für ein Sound ist, der da das Riff spielt. Inzwischen habe ich die Hoffnung aufgegeben, es zu verstehen, aber es ist auch egal. Ein schöner Sound, ein eingängiges Riff und ein wunderbarer Song. Das Album kommt im Januar 2010, die Single ist jetzt schon draußen und weil ich gemeinsam mit den Jungs von Get Addicted mit dem Künstler eine Wette über Chartplatzierungen laufen habe, täten Sie uns allen einen Gefallen (sich selbst natürlich sowieso), wenn Sie das Lied käuflich erwürben.

Virginia Jetzt! – Dieses Ende wird ein Anfang sein
Virginia Jetzt! hatte ich irgendwann nach dem zweiten Album aus den Augen verloren. Kürzlich war ich bei einem ihrer Konzerte (eigentlich nur, um mir Oh, Napoleon im Vorprogramm anzusehen) und ich war wirklich schwer begeistert. So sehr, dass ich mir ihr aktuelles Album gekauft habe. Was live super funktionierte, ist auf Platte mitunter arg hart an der Grenze (wobei die Idee, Stefan Zauner von der Münchener Freiheit Background-Chöre singen zu lassen, natürlich schon gigantisch ist), aber “Dieses Ende wird ein Anfang sein”, diese charmante Up-Tempo-Nummer mit Bläsern, die ist schon sehr gut geworden.

White Lies – To Lose My Life
“Let’s grow old together and die at the same time” ist eigentlich auch nichts groß anderes als das, was John Lennon 1980 in “Grow Old With Me” ausdrücken wollte — und trotzdem natürlich irre romantisch. Dazu ein treibender Refrain mit einem Keyboard, das so sensationell nervig rein dröhnt, dass man sich die Ohren zuhalten müsste — wenn das beim Tanzen nicht total beknackt aussähe. Ein schöner Song.

Lady Gaga – Paparazzi
“Ernsthaft?” Ernsthaft! Was für coole Sounds, was für ein gelungener Refrain! Außerdem dachte ich am Anfang, als ich nur die Strophe gehört habe, das sei eine neuer Song von The Knife.

[Listenpanik, die Serie]

Kategorie: Rock'n'Roll High School | Kommentare (6)

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