Beitrags-Archiv für die Kategorie 'My Culture'

Es gilt das erbrochene Wort

Von Lukas Heinser am Samstag, 21. August 2010 13:08

Ich verehre Jochen Malmsheimer seit mehr als einer Dekade. Ich schriebe nicht, wenn er und sein damaliger Tresenlesen-Kollege Frank Goosen mir nicht gezeigt hätten, was man alles Schönes mit der deutschen Sprache anfangen kann (der Rest meines Schreibens stützt sich auf die Gesamtwerke von Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht und natürlich Max Goldt). Deshalb freut es mich besonders, dass Herrn Malmsheimer das gelungen ist, was in unserer beider Heimatstadt Bochum maximal alle zwei Wochen passiert: Er hat einen “Eklat” ausgelöst.

Ort und Grund war die Eröffnung des Zeltfestivals Ruhr, das auch in diesem Jahr wieder hochkarätige Künstler, aber auch Acts wie Ich + Ich, die Simple Minds oder die H-BlockX an den Gestaden des malerischen Kemnader Sees versammelt. Malmsheimer war geladen, ein Grußwort zu sprechen, und er nutzte die Gelegenheit, dass die gesamte Stadtspitze wehrlos vor ihm saß, zu einer “Suada” (“Westdeutsche Allgemeine Zeitung”), um “vom Leder zu ziehen” (ebd.), zu einer “Litanei” (“Ruhr Nachrichten”) und um zu “schocken” (ebd.).

Da ich nicht zu den rund 500 geladenen Würdenträgern aus Politik, Wirtschaft und Kultur gehörte (it’s a long way to the top, even in Bochum), muss ich mich auf die Auszüge aus der elfseitigen Rede verlassen, die die “Ruhr Nachrichten” ins Internet gestellt haben. Diese gefallen mir jedoch außerordentlich.

Zum Beispiel das, was Malmsheimer über das geplante, jedoch nicht vor der Wiederkehr Christi fertiggestellte Bochumer Konzerthaus zu sagen hat:

…dies ist die Stadt, die vollmundig, um nicht zu sagen: großmäulig, die Notwendigkeit zur Installation eines vollkommen unnützen Konzerthauses verkündet, ohne einen Bedarf dafür zu haben und die Kosten des laufenden Betriebes decken zu können, und das alles in einem Kulturraum, der inzwischen über mehr nicht ausgelastete Konzerthäuser verfügt, als er Orchester unterhält, und die das alles dann doch nicht hinkriegt, weil der Regierungspräsident zum Glück solchen und ähnlichen Unfug einer Gemeinde untersagt hat, die ihre Rechnungen in einer Größenordnung im Keller verschlampt, die unsereinen für Jahre in den Knast brächte und die finanziell noch nicht mal in der Lage ist, die Frostschäden des letzten Winters im Straßennetz zu beseitigen…

Den gekürzten Rest gibt’s auf ruhrnachrichten.de.

Malmsheimers Worte jedenfalls verfehlten nicht ihr Ziel. Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz ließ eine erneute Einladung, sich zu blamieren, nicht ungenutzt verfallen, wie die “WAZ” berichtet:

Die Oberbürgermeisterin beschwerte sich bei den Veranstaltern, diese distanzierten sich sogleich von ihrem Gast; in seinem “polarisierenden Vortrag” habe Malmsheimer “für sich selbst gesprochen”.

Das hatte Malmsheimer selbst freilich direkt klargestellt — aber dafür hätte man ihm natürlich zuhören müssen:

Dabei möchte ich gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass ich, anders als jene, die vor mir adressierten, ausschließlich für mich selber spreche, eine Fähigkeit, die ich mir unter Mühen antrainierte und die mich eigentlich seitdem hinreichend ausfüllt.

[via Jens]

No Use For A Frame

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 5. August 2010 14:56

So glamourös, wie man es sich vielleicht vorstellt, ist es es gar nicht, als Fotograf bei Rockkonzerten zu arbeiten: Gewiss, man kommt kostenlos rein, aber man muss auch Bands fotografieren, die man selbst unerträglich findet, und die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich zusehends. Wenn’s besonders schlimm läuft, kommt beides zusammen.

Wir wollen sie also lobpreisen, die Männer und Frauen, die sich mit teurem Equipment in die schmalen Gräben vor der Bühne drängeln, nur durch hüfthohe Gitter getrennt von hysterischen Konzertgängern in den ersten Reihen und jederzeit in Wurfweite exzentrischer Musiker. Ihnen verdanken wir 500-teilige Klickstrecken “So war das bei Prince in der Waldbühne” und manchmal schaffen sie Bilder, die die rohe Energie eines Gigs einfangen und somit selbst zu Klassikern werden.

Rahmenlos 360° (Plakat)Drei dieser Menschen haben jetzt genug Material zusammengetragen, um daraus eine Ausstellung zusammenzustellen: Die “Musikfotografen” Michael Kellenbenz, Juliane Duda und meine gute Freundin Martina Drignat, stellen ab morgen im Hamburger Knust aus.

Der Titel der Ausstellung lautet “Rahmenlos 360°” und ist damit – um mal eine Phrase zu vermeiden – Programm: Statt in Rahmen werden die Bilder nämlich in teils aufwendigen Installationen präsentiert.

Die Ausstellung läuft bis zum 1. November, morgen um 18 Uhr ist feierliche Eröffnung mit Livemusik.

Rahmenlos 360°
im Knust, Hamburg
6. August – 1. November 2010

Die Pottheads vom WDR

Von Lukas Heinser am Dienstag, 13. Juli 2010 13:00

Am Sonntag ist es endlich soweit: Die A 40 wird zwischen Duisburg und Dortmund gesperrt, um darauf einen riesigen Tisch zu errichten und ein Volksfest zu feiern. Die Idee kann man charmant finden oder bekloppt, aber es wird hoffentlich tolle Bilder geben, die mithelfen, das Image des Ruhrgebiets zu verbessern.

Der Westdeutsche Rundfunk bringt deshalb mehrere Sondersendungen, die er in mehreren Pressemitteilungen vollmundig ankündigt:

Kein Stau, kein Stress, keine Autos – am 18. Juli geht auf der Autobahn A40 alles. Die RUHR 2010 sperrt den so genannten Pott-Highway.

Den was?!

den so genannten Pott-Highway.

Ach was. Und wer nennt den so?

Der Westdeutsche Rundfunk — und zwar offensichtlich nur der Westdeutsche Rundfunk.

Aua.

Schwanzvergleich des Tages

Von Kathrin Grannemann am Sonntag, 14. Februar 2010 13:46

Abends an der Theke. Als Rückgeld für das bezahlte Bier gab es unter anderem ein uns völlig unbekanntes 2-Euro-Stück. Wir scherzen. “Haha, das Bild auf der Rückseite sieht ja aus wie ein… Penis.” Großes Gelächter, wir einigen uns darauf, dass dem so sei.

2-Euro-Münze mit Motiv "Idol von Pornos"

Einen Tag später. Aus reiner Neugierde, woher die Münze stammt, einfach mal die allwissende Internetsuchmaschine angeworfen und bei Wikipedia gelandet. Und mit großen Augen und heruntergeklappter Kinnlade auf die Beschreibung starrend. Wie beunruhigend gut diese auf unsere Scherze passte: Die (übrigens zypriotische) Euro-Münze zeigt das sogenannte “Idol von Pornos“…

oder auch nicht. Es ist aber auch hundsgemein, dass die Buchstabenkombination “rn” dem “m” so ähnlich ist…

Lokalrunde

Von Lukas Heinser am Freitag, 18. Dezember 2009 21:00

Kilians, live in Aktion

War Dinslaken vor den Kilians nur ein Fleck auf der Landkarte, haben die fünf Jungs aus der niederrheinischen Provinz das Städtchen für viele Fans zur deutschen Indie-Hauptstadt gemacht.

So etwas denke ich mir natürlich nicht aus, so etwas zitiere ich.

Oder anders formuliert, für unsere Leser über 50 70:

Heimspiel: Die Musikfachpresse, bundesweit erscheinende Tages- und Wochenzeitungen sowie die Hörer junger Radiowellen sind aus dem Häuschen. Grund sind die Kilians, derzeit Dinslakens populärste Band. Die Jungs haben beim Auftakt zu Kultur 2010 im Januar ein Heimspiel. Die jugendlichen Fans bekommen mehr Show für weniger Geld.

Aber ich fang’ mal besser von vorne an: Im nächsten Jahr, welches in weniger als zwei Wochen beginnt, wird das Ruhrgebiet ja Schauplatz des – so optimistische Schätzungen – größten kulturpolitischen Desasters seit dem Untergang des weströmischen Reichs — Wir sind “Kulturhauptstadt”!

Dass die Verkehrsinfrastruktur ein absolutes Desaster ist und die Verantwortlichen (u.a. Oliver Scheytt, Fritz Pleitgen und Dieter Gorny) schon seit Jahren den Eindruck vermitteln, als seien sie nicht nur Willens, sondern auch in der Lage, das ganze Großprojekt mit Pauken, Trompeten, wehenden Fahnen und Vollgas vor die Wand zu fahren, soll niemanden weiter stören. Im Ruhrgebiet sind wir es gewohnt, aus allem das Beste zu machen. Und wer den Niedergang der Montanindustrie überlebt, wird auch mit Dieter Gorny fertig.

Obwohl Essen es noch nicht ganz verstanden hat, ist übrigens das ganze Ruhrgebiet “Kulturhauptstadt”. In den 52 Wochen des Jahres sind 52 Städte sogenannter “Local Hero” — und mit welcher Stadt es losgeht, das erraten Sie nie!

Richtig.

Eine Woche lang gibt es Kulturevents am laufenden Band. Höhepunkt für Rockmusikinteressierte dürfte ohne Zweifel das Konzert am Freitag, 15. Januar sein:

In der Kathrin-Türks-Halle (in Dinslaken nur als “Stadthalle” bekannt) werden die Kilians, Dinslakens erfolgreichster Exportschlager außerhalb der Schlager-Branche, eines ihrer wenigen Konzerte des Jahres 2010 spielen. Als Vorbands spielen zwei weitere Bands, die gerade dabei sind, den Ruf Dinslakens als deutsches Omaha bzw. Borlänge in die Welt zu tragen: The Rumours und Cama Maya.

Hold your breath:

Entgegen der Ankündigung im Vorfeld sind Korrekturen an der Planung vorgenommen worden, die jugendliche Musikfreunde zufrieden quittieren dürften.

Und während Sie sich noch fragen, ob das Gekreische bei Konzerten dann als “Quittungston” durchgeht, bin ich schon bei den key facts:

Kilians, The Rumours & Cama Maya
15. Januar 2010, 19:30 Uhr
Stadthalle Dinslaken
Eintritt: 15 Euro
All Ages

Um das alles noch ein bisschen schöner zu machen, verlost Coffee And TV mit freundlicher Unterstützung von Liftboy 2×2 Gästelistenplätze für das Konzert.

Beantworten Sie einfach die Quizfrage:
Wie heißt der aktuelle Bürgermeister von Dinslaken?

Die Gewinner werden unter all denen gezogen, die die richtige Antwort bis zum 10. Januar 2010, 23:59:59, an gewinnegewinnegewinne@coffeeandtv.de schicken.

Die Gewinner werden am 11. Januar benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Alles ist Material

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 10. Dezember 2009 22:20

Der Künstler Nasan Tur hat eines der außergewöhnlichsten Bücher erstellt, das ich über Street Art im weitesten Sinne kenne: Für “Stuttgart says…” hat er Graffiti nicht abfotografiert, sondern abgeschrieben. Der Medienwechsel wirkt Wunder und verleiht den mutmaßlich eher hässlichen Sprayereien plötzlich den Anschein von absoluter Poesie.

Hier einige Beispiele:

Dein ICH muss deinem Selbst weichen,
Christus ist immer noch im werden!

Geistkrank

I LIKE!

liebe RAF,
ihr habt euch viele neue Freunde gemacht!

Mama ficker

Lan was geht?

Erstaunlich, wie bedeutungsschwer solche Zitate wirken, wenn man sie völlig aus ihrem Kontext herauslöst.

An Turs Buch musste ich denken, als ich heute an einem Haus in meiner Noch-Nachbarschaft vorbeikam. Schon vor Jahren hatte dort jemand, der mutmaßlich noch relativ jung und sehr ungeübt im Umgang mit Spraydosen war, einen … nun ja: Satz an die Wand gesprayt, dem der Linguist in mir stets mit großer Begeisterung begegnet war:

ANNA IST HURE

Dieses Zitat wirft die berechtigte Frage auf, warum wir uns in der deutschen Sprache überhaupt mit Artikeln aufhalten, die schon viele Muttersprachler vor Herausforderungen stellen und das Erlernen des Deutschen für Ausländer unnötig erschweren. Man könnte doch einigermaßen gut auf den Gebrauch von Artikeln verzichten, so wie sich junge Menschen schon seit längerem Präpositionen sparen — auch bei “Bin Engelbertbrunnen” oder “Gehst Du Uni-Center?” weiß jeder, was gemeint ist.

Seit einigen Wochen jedenfalls ist das Haus, an dem der oben genannte Spruch steht, um einige schlechte Graffiti reicher. Darunter eines, das die Geschwindigkeit des Sprachwandels und den Fortschritt der Gleichberechtigung gleichermaßen dokumentiert:

PAUL IS HURE

Und jetzt sagen Sie bitte nicht: “So ein Quatsch — Paul is dead, wenn überhaupt!”

The Post-It-Service

Von Kathrin Grannemann am Donnerstag, 18. Juni 2009 0:58

Echte Puristen notieren sich auf Post-Its wichtige Dinge, andere wiederum machen daraus etwas Künstlerisches. So auch Bang-yao Liu. Und ich kann die werte Leserschaft beruhigen: Der Mann im Video hat keine wichtige Prüfung vor sich hergeschoben.

Und wer sehen will, wie viel Arbeit in dem Clip steckt, der sollte sich das Making Of zu Gemüte führen.

Kunst im Alltag: Tastaturreinigung

Von Lukas Heinser am Dienstag, 9. Juni 2009 12:55

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Turm und Jungfrau sind aus dem Spiel

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 19. März 2009 19:18

Ein iPod und eine CD-Sammlung (Ausschnitt).

Der Virgin Megastore in San Francisco (Ecke Market und Stockton Street) macht dicht. Die Menschen werden ihre Kiss-Hemden, AC/DC-Unterhosen und Jonas-Brothers-Regenschirme in Zukunft woanders angucken (denn wer kauft sowas schon?) müssen.

cnet.com illustriert diesen Vorgang mit einem Foto, dem man hohe Symbolkraft unterstellen könnte: Genau gegenüber vom Virgin Megastore verkauft der Apple Store seine iPods — und Downloads machen inzwischen ein Drittel der verkauften Musik in den USA aus.

Ich will das alles nicht kleinreden. Seit ich meinen iPod habe, habe ich auch mehr aktuelle Alben in Form von Downloads gekauft als auf CD. Nur Musik von Künstlern, deren Gesamtwerk ich im Regal stehen habe, muss weiterhin auch physisch erworben werden — was bei Starsailor z.B. hieß, dass ich für die Hülle und das Booklet acht Euro Aufpreis gezahlt habe, was selbst unter Fan-Aspekten einigermaßen bescheuert ist.

Was ich aber am Beispiel San Francisco besonders faszinierend finde: Zweieinhalb Jahre, nachdem Tower Records pleite ging und sein Filialen an der Ecke Columbus/Bay Street schließen musste, zieht sich die zweite große Entertainment-Kette zurück. Es bleiben Best Buy (eine Art amerikanischer Media Markt außerhalb der Innenstädte) und die “alternativen” Klein-Ketten wie Rasputin und Amoeba (s.a. Reisetipps für San Francisco: Geschäfte). Die sind natürlich viel zu groß und dann doch zu gut organisiert, um noch als “David” durchzugehen (andererseits: verglichen mit Virgin …), aber doch scheinen sie gewonnen zu haben.

Die Frage bleibt, wie lange es überhaupt noch Plattenläden geben wird.

Not looking for a new England

Von Lukas Heinser am Sonntag, 8. Februar 2009 18:45

“Also, Shakespeare hatte auf alle Fälle ‘n paar krasse Probleme. Der war bestimmt schwul!”, diagnostizierte ein pickliger 16-Jähriger, der mit seiner ganzen Klasse zum Theaterbesuch genötigt worden war, beim Herausgehen. Was war geschehen?

Als Lehrer – gerade als einer, der sich für seine Schüler interessiert – ist es nicht die schlechteste Idee, mit ihnen eine Inszenierung von David Bösch zu besuchen. Der gerade 30-jährige Regisseur, dessen “Romeo und Julia” am Bochumer Schauspielhaus mir vor vier Jahren sehr gefallen hat, hat die Popkultur mit so großen Löffeln gefressen, dass auch die angestaubtesten Klassiker bei ihm zu einem bunten, lauten Reigen werden, der gerade die jüngeren Besucher anspricht.

Die allerdings werden bei seinem “Was Ihr wollt” auch nicht mehr so ganz mitgekommen sein, denn heutige Schüler erkennen weder ein Roy-Black-Medley noch die größten Hits des Jahres 1993, wenn sie ihnen vorgesungen werden. Für sie ist die Jugend ihrer älteren Geschwister (wenn überhaupt) ungefähr so weit weg wie Shakespeares Zeit selbst. Und somit stehen sie doch wieder weitgehend ungebrochen vor dem Werk des Schwans von Avon.

Und damit vor Viola und ihrem Zwillingsbruder Sebastian, die bei einem Schiffbruch getrennt werden. Viola wird in Illyrien angespült, wo der Herzog Orsino seit Jahren der Gräfin Olivia den Hof macht, die wiederum von ihrem Onkel Sir Toby mit dessen Saufkumpan Andrew verkuppelt werden soll und darüber hinaus von ihrem Haushofmeister Malvolio begehrt wird. Viola verkleidet sich mit Hilfe eines Narren als Mann und wird als Cesario Diener bei Orsino, woraufhin sich Olivia in Cesario (also Viola) verliebt.

Wenn man es so aufschreibt, klingt die Geschichte deutlich mehr nach einer Vorabendserie im deutschen Fernsehen als nach Shakespeare, und in der Tat wirkt es auf der Bühne des Essener Grillo-Theaters auch so. Es ist ein unübersichtliches Wirrwarr, bei dem die einzelnen Charaktere am allerwenigsten wissen, was um sie herum passiert. Ob sie deshalb gleich wie Sir Toby und Andrew, die direkt der White-Trash-Hölle eines Hooliganblocks zu entstammen scheinen, betrunken herumkaspern müssen, ist eine gute Frage. Aber Konflikte scheinen im modernen Theater eh daraus zu bestehen, dass Menschen auf einer riesigen Bühne aneinander vorbeirennen.

David Bösch hat viele Details in seine Inszenierung eingebaut. Manche wirken durchdacht, andere nur aufgepfropft. Warum zum Beispiel singt das Dienstmädchen Maria an einer zentralen Stelle ausgerechnet “New England” (in dem es ja eben nicht um eine gesellschaftliche Utopie wie Illyrien, sondern “just” um das Finden einer neuen Liebe geht)? Wirklich nur, weil Karsten Riedel, seit längerem Böschs treuer Musikant am Bühnenrand, so ein großer Billy-Bragg-Fan ist? Auch der Umstand, dass Nicola Mastroberardino als Sir Andrew eins zu eins aussieht wie Matt Dillon in Cameron Crowes Kultkomödie “Singles”, kann eine Bedeutung haben. Aber welche?

“Was Ihr wollt” wirkt wie eine lose Ansammlung von Zitaten, bei der sich der Regisseur nicht so recht entscheiden konnte, was er damit eigentlich bezwecken wollte. Malvolio (Roland Riebeling) ist die groteske Karikatur einer tragischen Figur, die irgendwann nur noch nervt. Inmitten dieser ganzen Überzeichnungen sticht ausgerechnet die Hauptfigur Viola mit einer Unauffälligkeit hervor, die man Sarah Viktoria Frick angesichts der Über-Performance ihrer Kollegen hoch anrechnen muss.

Und so schlingert die Inszenierung an der Zielgruppe vorbei. Dass die Schüler den Kuss zweier Männer mit lautem Ekel kommentieren, während kurz zuvor der Kuss zweier Frauen geräuschlos über die Bühne ging, sagt vielleicht etwas über die jugendlichen Zuschauer aus, aber nichts über das Stück. Aus dem Kreise der Schüler kam dann auch das Todesurteil, dem man sich freilich nicht vollumfänglich anschließen muss: “Ich find das nicht komisch, da guck ich mir lieber Mario Barth an!”

“Was Ihr wollt” im Schauspiel Essen
Nächste Termine: 13. Februar, 21. März, 4. April

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