Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Social Distortion'

Ein Esszimmertisch aus ganz besonderem Holz

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 21. August 2009 13:42

Möglicherweise haben Sie das Video schon gesehen, in dem der demokratische Abgeordnete Barney Frank bei einem Town Committee meeting in Dartmouth, Massachusetts eine junge Fragestellerin rhetorisch vollendet abbügelt, die ihm und Barack Obama Nazi-Politik vorwirft.

Alternativ hätte die “Daily Show” hier für Sie auch noch mal die schönsten Stellen:

The Daily Show With Jon Stewart Mon – Thurs 11p / 10c
Barney Frank’s Town Hall Snaps
www.thedailyshow.com
Daily Show
Full Episodes
Political Humor Healthcare Protests

Was Sie vielleicht nicht mitbekommen haben: Die Fragestellerin berief sich auf Lyndon LaRouche und hatte dieses sympathische Poster dabei, das man sich auf der Website des “Political Action Committee” des LaRouche-Clans herunterladen kann:

I've changed - Barack Obama mit Hitler-Bärtchen

Sie erinnern sich: Die merkwürdigen Vereinigungen rund um Lyndon LaRouche und seine Frau Helga Zepp-LaRouche waren hier im Blog ja schon mehrfach Thema.

Während der deutsche Ableger “Bürgerrechtsbewegung Solidarität” (BüSo) vor allem durch unfreiwillige Komik und mysteriöse Todesfälle auffällt, tritt die Politsekte in den USA weit weniger subtil auf.

[via The Washington Independent]

Wohlfaile Empörung

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 20. August 2009 20:27

Ich hab mir heute nach fast sechs Jahren in Bochum zum ersten Mal eine “WAZ” gekauft — für einen Artikel im BILDblog über das Koma-Saufen, zu dem die Junge Union hier in der Stadt angeblich einlädt.

Ich weiß nicht, was ich von einer Party halten soll, bei der man für 10 Euro Eintritt 25 Euro vertrinken kann, so dass die rot-grünen Shots, die “weg müssen”, im Endeffekt weniger als einen Euro kosten. Aber ich würde auch noch viel weniger ins Playa gehen, als ich CDU wählen würde.

Was ich weiß, ist, dass die ganze Aufregung um diese Party irgendwie typisch war: Beim “Westen” steht, die Gutscheine müssten in anderthalb Stunden vertrunken werden, und kurz darauf steht es so in vielen Blogs und mehr als 300 Leute twitterten, dass die Junge Union …

Auch ich hatte den Link zum “Westen” für eine Minute in meinen delicious-Links, ehe mir bei den dortigen Trackbacks der Link zu Waynes Blog auffiel, in dem dieser der “WAZ” schlechten Journalismus vorwarf.

Ob die Junge Union möglicherweise erst nach Erscheinen des Artikels beim “Westen” auf ihrer Website klargestellt hat, “dass der Gutschein zwar bis 23:30 an der Kasse erworben werden muss aber die ganze Nacht genutzt werden darf”, ist eigentlich unerheblich — die Blogger, die sich auf die Story stürzten, hätten wenigstens den Versuch unternehmen müssen, bei der Jungen Union nach Informationen zu suchen. (Ich natürlich auch, bevor ich den Link gespeichert habe. Ganz besonders, wenn die Quelle “WAZ Bochum” heißt.)

Es kann doch nicht sein, dass wir immer wieder die Informationen loben, die im Internet für jeden überall und frei verfügbar sind, und dann nicht mal drei Minuten darauf verwenden, bei einer solchen Geschichte auch die Gegenseite abzuchecken. Stattdessen wird der Link blindlings bei Twitter weiterverbreitet — natürlich nicht, ohne ihn vorher nicht noch mit “#fail”, “#cdu-” und “#piraten+” (aus Prinzip!) versehen zu haben.

Natürlich traue auch ich den Parteien (und zwar allen) im Wahlkampf so ziemlich alles zu. Aber es spricht trotzdem nicht für die Medienkompetenz von Internet-Powerusern, wenn sie blind auf eine Geschichte anspringen, die ihnen zufälligerweise ins Weltbild passt. Im Gegenteil: In solchen Momenten sind wir keinen Deut aufgeklärter als der alte Mann, der seit 60 Jahren immer die gleiche Partei wählt.

Nachtrag, 22:50 Uhr: Wie hatte ich nur “BO-Alternativ”, das lokale “Indymedia”-Pendant vergessen können? Dort sorgte die Junge Union schon gestern Nachmittag “mal wieder für einen Skandal”.

Andererseits hatte man sich dort die Mühe gemacht, bei der CDU-Jugendorganisation selbst nachzufragen:

Der Pressesprecher der JU Torsten Bade hält das alles für ein Missverständnis: Die Gäste könnten länger trinken und für jugendliche Disko-BesucherInnen sei das ein ganz normales Angebot. Er räumte aber auch ein, dass es schon mehrere Anrufe wegen der Geschichte gegeben habe und einige Plakate auch wieder abgehängt worden seien.

Schreipflicht

Von Markus Steidl
Veröffentlicht: 28. Juli 2009 12:35

Kennen Sie das? Man fährt gemütlich in seinem Dienstwagen an der Spree entlang, hört ein bisschen Radio, und ab und an kriegt man die Scheiben an den Ampeln geputzt. Manchmal sagt man “Nein”, dann machen die Damen und Herren das trotzdem, man gibt fünfzig Cent, kein Problem, schließlich ist man ja Gesundheitsministerin, und schwupps hat man die Zeit vergessen und sitzt irgendwo in Spanien und das Auto ist einem unter dem Allerwertesten weg geklaut worden. So schnell kann’s gehen. Erstmal zum zweiten Thema:

Dienstwagen im Sommerloch – das ist ganz und gar brandgefährlich. Die Gedankenverbindung von “Dienstwagen” zu “Affäre” ist eine der kürzesten überhaupt.

Das steht heute auf Zeit Online und auch im Online-Angebot des “Tagesspiegel”. Man kann jetzt versuchen, sich zu erinnern, wann man das letzte Mal diese kürzeste aller Gedankenbrücken schlagen musste. Und wenn das überraschenderweise noch nie der Fall gewesen sein sollte, setzt man alles daran, die Assoziationskette genuin und neu nachzuverfolgen, aber wenn ich das tue, komme ich von “Dienstwagen” immer nur bei “Benzin” vorbei zu “Tankstelle” und dann vielleicht noch zu “Scheiße, EC-Karte nicht dabei”, aber das ist ja schon eine relativ lange Verbindung. Und wie man von “Scheiße, EC-Karte nicht dabei” so flugs zu “Affäre” kommt, ist mir in dem Zusammenhang eher schleierhaft. Vermutlich ist es eher so, dass da einmal wieder jemand dachte, dass man durch möglichst uneigentlichen Schreibstil besonders leicht zu knüppelharten Aphorismen kommt. Das sei so sicher wie die Rente.

Persönlich, und das muss natürlich nichts heißen, bin ich der Meinung, dass es nicht unbedingt nötig war, so eine Panzerlimousine mit in den Urlaub zu nehmen, aber die paar Tausend Euro hätte man auch ohne Dienstwagen gut anderweitig loswerden können. Muss man sich also nicht drüber aufregen. Aber: Wer bin ich schon, um so eine Behauptung aufzustellen?

Aufregen kann man sich nämlich auch über weit geringere Dinge, womit wir beim eigentlich ersten Thema angelangt wären. Die “Süddeutsche Zeitung” druckt heute (wie an jedem Tag seit 1946) auf ihrer Titelseite die Glosse mit dem Namen “Streiflicht”. Die ist manchmal ziemlich witzig, oft ziemlich bemüht, witzig zu sein und in den gottlob seltensten Fällen irgendwie ein Griff ins Klo. Heute geht es um besagte Fensterputzer an Berliner Ampelkreuzungen:

Bis vor kurzem handelte es sich bei diesen Serviceleuten um Punks. Sie waren sehr freundlich, denn an jeder Kreuzung des Lebens, an der es links zur Anarchie geht und rechts zur Schrankwand aus Eiche, waren sie einfach geadeaus weitergetrottet [...]. Lehnte also der gemeine Berliner ihre Offerte ab, etwa mit den Worten “Solange ick dir hierdurch erkennen kann, lässte deine Finger von”, trollten sich die artigen Punks. Was ihre dem Aussehen und Vernehmen nach aus Südosteuropa kommenden Nachfolger nicht tun. Sie wischen trotzdem. Dann halten sie die nasse Hand auf.

Dann wird sich da noch ein bisschen über ein paar Aufkleber ausgelassen und geendet wird mit der unspezifischen Aussage, dass nicht jeder gleich ein Schwein sei, der an der Ampel nein sagt. Zunächst war ich mir nicht so ganz sicher, was ich davon zu halten hatte. Ich kenne leider niemanden persönlich, der sich durch seine finanziellen Umstände irgendwie dazu gezwungen sieht, den halben Tag mit Schwimmfingern auf der Friedrichstraße herumzustehen, aber ich kann mir vorstellen, dass dieser jemand, läse er diese Kolumne, sich ein bisschen fühlen würde wie der, über den man in der achten Klasse gelästert hat, ohne zu bemerken, dass er hinter einem stand. Auf der Titelseite ist das Ding jedenfalls irgendwie frech, auf der Meinungsseite wäre es aufgrund der fehlenden Relevanz sowieso nicht aufgetaucht, und wenn man es in die Panorama-Ecke stellt, wüsste der Leser ja sowieso gleich, was Phase ist. Hätte man man besser abgebügelt.

Dennoch gibt es heute auch eine frohe Botschaft: Die “taz” hat begriffen, dass die Wahrheit manchmal einfach schöner und leichter verdaulich ist als die Wahrheit.

I love you, you pay my rant

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. Juli 2009 16:18

Liebe PR-Futzis,

wir müssen reden. Habt Ihr eigentlich ‘nen Knall? Seit einigen Monaten erreichen mich Pakete, auf denen kein Absender steht1 und in denen sich irgendwelcher Prött befindet. Eure Erwartung ist offenbar, dass ich darüber schreibe, was für einen crazy-verrückten Kram ich da ins Haus bekommen habe, und dass ich dann irgendwann nach Eurer Auflösung auch noch nachtrage, von welcher Firma der Mist kam. Sowas nennt man dann wohl “virales Marketing”, obwohl ich eigentlich immer dachte, Virals seien nicht planbar.

Es ist ja jedem Blogger2 selbst überlassen, ob er über sowas schreiben will. Eine kurze Beschäftigung mit diesem Blog dürfte aber zeigen, dass wir hier eher nicht so auf PR stehen. Einzige Ausnahme: Ihr seid die Kilians — aber das wüsste ich.

Natürlich muss man als Blog-Betreiber damit rechnen, unverlangt E-Mails zu bekommen und in Newsletter eingetragen zu werden. Das ist auch nicht richtig höflich, aber okay, wenn es thematisch passt.3 In jedem Fall sind Spam-Mails bedeutend leichter zu entsorgen als Pakete, die wie ein “So trenne ich meinen Müll richtig”-Lernspiel für Grundschüler anmuten.

Im Moment kann ich mich übrigens nicht mal richtig über echte Geschenke von lieben Menschen freuen, da mein 20-m2-Zimmer schon bis zum Rand mit Kram gefüllt ist und mir beim Gedanken an den irgendwann dann doch mal anstehenden Umzug schon regelmäßig der Schweiß ausbricht. “Verbrauchswaren” braucht Ihr mir aber auch nicht zu schicken, denn wer will schon anonym versandte Lebensmittel?

Noch ein bisschen blöder wird so eine Aktion, wenn das Paket ausgerechnet am Samstagmorgen um Zehn nach Neun (lies: Mitten in der Nacht) zugestellt wird. Aber das wäre natürlich noch steigerbar: Wenn ich mit dem Bus nach Altenbochum fahren müsste, um in der Postagentur festzustellen, dass mir jemand ein Päckchen Sondermüll zugeschickt hat, würde ich vermutlich schlichtweg grün anlaufen und erst mal ein paar Autos durch die Gegend werfen.

Nehmt Euch ein Beispiel an den Musik-Promotern, Plattenfirmen und Nachwuchsbands dieses Landes, die in der Regel immer nett nachfragen, bevor sie einem was ins Haus schicken. Das ist schon aus ökonomischem Selbstschutz die tausendmal brillantere Idee und häufig ergeben sich daraus auch nette Kontakte. Als ich vor ein paar Monaten unaufgefordert ein Paket von einem namhaften deutschen Verlag bekam, mit dessen Presseabteilung ich zuvor schon mal zu tun gehabt hatte, war ich erst verwirrt. Aber die Auswahl der Bücher legte nahe, dass sich da jemand sehr genau mit diesem Blog beschäftigt haben muss, und ich war nicht mehr verwirrt, sondern gerührt. Entsprechend schlecht ist mein Gewissen, dass die Bücher noch immer ungelesen sind.

Jede Website bemüht sich heutzutage um personalisierte Werbung, die möglichst präzise auf die Interessen des einzelnen Besuchers zugeschnitten ist, aber Ihr ballert mit Schrotflinten auf Pfennigstücke. Genauso gut könnten Eure Kunden Geldscheine in die Luft werfen und was oben bleibt, ist gut investiert.

Überhaupt, liebe Firmen: Findet Ihr das eigentlich gut, diese Belästigung im Namen des Marketings? Einfach Leute anzurufen ist verboten, aber ihnen Krempel ins Haus zu schicken ist okay? Wisst Ihr, was Eure vermutlich überbezahlten PR-Strategen da machen? Habt Ihr das so in Auftrag gegeben? Und wenn Ihr diesen Text hier in Eurer Pressemappe findet (weil any PR ja bekanntlich good PR ist), habt Ihr dann nicht das Gefühl, dass da irgendwas irgendwo gewaltig schief gelaufen sein könnte?

Es ist das derbste PR-Klischee, aber solche Aktionen fallen einem doch nicht im nüchternen Zustand ein, oder? Die Krise ist erst eine, wenn sie auch bei den Hamburger und Düsseldorfer Koksdealern angekommen ist. Und mal ehrlich: Wer auf die Idee kommt, in einem Werbespot ausgerechnet den Titelsong von “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” zur Vermittlung eines positiven Lebensgefühls einzusetzen (wie gestern gesehen), der muss sich doch wohl ein eher legeres Verhältnis zu Betäubungsmitteln nachsagen lassen.

Genug der kalten Wut. Ich denke, es ist deutlich geworden, dass ich von weiteren Care-Paketen aus der Werbehölle verschont werden möchte. Ich wäre glücklich, wenn Ihr Euch daran hieltet.

Mit freundlichen Grüßen und Dank im Voraus,

Lukas Heinser

  1. Der Satz “Hoffentlich ist keine Bombe drin” von meinem Paketboten ist nur mittelwitzig. []
  2. Ich nehme an, Ihr schreibt einfach immer die ersten hundert Blogger an, die Ihr finden könnt. []
  3. Die Typen, die neulich einen Linktausch zum Thema “Kaffee” anleiern wollten, haben sich dieses Blog sicherlich die vollen anderthalb Sekunden angesehen, die man braucht, um das Impressum zu finden. []

Dialektik der Nicht-Aufklärung

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 3. Juli 2009 15:50

Waschen Sie sich den rechten Arm, pieksen Sie kleine Reichskriegsfähnchen in den Käse und hängen Sie die Hakenkreuzgirlande auf: Wir haben einen neuen Nazi-Vergleich!

Die katholischen Traditionalisten der Priesterbruderschaft St. Pius X. hat sich im Vorfeld des Stuttgarter Christopher Street Days zu einer bemerkenswerten Aussage hinreißen lassen, wie “Spiegel Online” berichtet:

“Wie stolz sind wir, wenn wir in einem Geschichtsbuch lesen, dass es im Dritten Reich mutige Katholiken gab, die sagten: ‘Wir machen diesen Wahnsinn nicht mit!’. Ebenso muss es heute wieder mutige Katholiken geben!” heißt es in dem Text. Die Bruderschaft stellt den CSD als “eine Menge von sich wild und obszön gebärdenden Menschen” dar, die durch die Straßen Stuttgarts ziehen und suggerieren wollten, “Homosexualität ist das Normalste der Welt”.

Dieser Vergleich ist in zweierlei Hinsicht beeindruckend: Erstens war der Widerstand der Katholiken im Dritten Reich, vorsichtig gesagt, nicht sonderlich erfolgreich. Es dürfte also feststehen, dass nur noch eine Allianz aus den USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion Deutschland von der Homosexualität befreien könnte. Und zweitens war der Nationalsozialismus laut Piusbruderschaft ja gar nicht so schlimm.

Hier berufen sich also Leute stolz auf den erfolglosen Widerstand gegen ein – ihrer Meinung nach – nur mittelmäßiges Verbrechen. Normale menschliche Gehirne wären wegen Überhitzung längst auf Not-Aus gegangen.

Auch “Bild” berichtet über die “Kampfansage” der Piusbrüder — natürlich nicht, ohne vorher noch ein bisschen Papst-Klitterung zu betreiben:

Nachdem Anfang des Jahres Pius-Bischof Williamsons den Holocaust leugnete und daraus ein Streit zwischen Pius-Bruderschaft und Vatikan entbrannte, folgt nun der nächste Hammer.

(Für die Jüngeren: Führende Piusbrüder hatten den Holocaust schon öfter geleugnet. Die öffentliche Diskussion entzündete sich daran, dass Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation von vier Bischöfen der Bruderschaft aufgehoben hatte.)

Jetzt schießt kreuz.net, das inoffizielle Zentralorgan der Piusbruderschaft, zurück und beginnt seine Hasstirade völlig unverblümt:

Spätestens jetzt wird die Einrichtung von Gaskammern unvermeidlich – dieses Mal nicht für die von den Deutschen getöteten religiösen Juden, welche die Homo-Perversion genauso verabscheuten wie es heute die Altgläubigen tun.

Immer wieder überraschend, wie viele Haken so ein Kreuz schlagen kann.

Sort Of Revolution

Von Annika Krüger
Veröffentlicht: 18. Juni 2009 12:14

Bildungsstreik in Weingarten

Erwartet haben die Veranstalter an meiner Uni nicht viel, zu gering war die Resonanz der Studenten an den Aktionstagen. Zu gering das Engagement, mit den immergleichen Aussagen wird man als naiver Tölpel abgestempelt. Man sei ein Träumer oder zu links, die Forderungen zu groß und überzogen. Die Skeptiker haben an jeder Ecke gelauert. “Wenn wir 200 Leute bekommen, haben wir schon viel erreicht”, so eine Organisatorin.

Ich weiß nicht wie es Skeptikern ging, aber als ich gestern an meiner Uni stand und als anstatt der erwarteten 200 sich ganz plötzlich unerwartete 1.300 Menschen auftauchten, konnte man die Anspannung in den Gesichtern weichen sehen. Das mag jetzt pathetisch klingen, aber man hatte wirklich das Gefühl, dass man heute ein Zeichen setzt.

Auch Deutschlandweit wurde die Zahl der tatsächlich Mitwirkenden unterschätzt, über 240.000 StudentInnen, SchülerInnen waren auf der Straße in mehr als 80 Großstädten. Die Bilanz kann sich sehen lassen.

Vom Campus aus zogen alle Demonstranten durch die Weingärtner Innenstadt zum Löwenplatz, dem hiesigen Marktplatz. Dort wurden die Zwischenkundgebungen abgehalten, nicht nur die AstA und UstA hielten Ansprachen, sondern auch einer der Hochschulprofessoren der PH hielt eine sehr eindringliche Rede, in der er den Demonstranten die Sicht der Professoren schilderte, dass es auch für die Hochschule nicht einfach ist mit den Beschlüssen der Politik und dem Bologna Prozess auszukommen, als letztes sprach auch eine Kandidatin der Grünen.

Es war eine sehr friedliche und dennoch eindringliche Stimmung. Nach den Zwischenkundgebungen lief die Demonstration weiter, auf der Hauptstraße entlang zurück zum Unigelände. Dort hielten der Schülersprecher der zwölften Klasse sowie ein Abgeordneter der SPD die beiden letzten Ansprachen des Tages.

Nach den Kundgebungen spielten die unieigenen Bands für die Demonstranten. Bis in den frühen Abend wurden nicht nur gefeiert, sondern auch diskutiert. Ausschreitungen oder Krawalle gab es keine. Von Seiten der Polizei und Hochschule gab es großes Lob, die Demonstration in Weingarten war ein Erfolg, vor allem auch die Besonnenheit der Demonstranten wurde gelobt.

Bildungsstreik in Weingarten

Hier noch einige Stimmen:

“Ich hätte nie im Leben damit gerechnet, dass 20 Menschen über 1.000 andere motivieren können!”, Steffen H.

“Die Art und Weise der Demonstration hat hoffentlich allen Skeptikern gezeigt, dass man doch noch etwas Bewegen kann. Man muss jetzt nur am Ball bleiben!”, Lena E.

“Ich glaube wirklich, das es ein Zeichen gesetzt hat, zumindest weiß die Hochschule sowie die Politik jetzt, dass wir uns nicht alles gefallen lassen. Und wird in Zukunft bei ihren Beschlüssen anders entscheiden”, Julia A.

“Ich bin total stolz auf alle, die mitgelaufen sind. Ich hätte damit nie gerechnet. Meine ganzen Zweifel sind ein Stückchen geschrumpft. Ich hoffe das es so weiter geht und die Politik sowie die Hochschule sich bewusst wird, welche Verantwortung sie haben”, Sandra P.

Mein anderes Protest-Problem

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 17. Juni 2009 0:07

Ich habe kurz überlegt, ob ich all das, was ich gestern zum Thema Bildungsstreik, Demonstrationen und Besetzungsaktionen aufgeschrieben habe, heute noch mal zu den Programmpunkten “Zensursula”, “Unwählbarkeit” und “Mit Euch reden wir jetzt gar nicht mehr” aufschreiben soll.

Aber erstens finde ich langsam auch, dass ich mich ständig selbst wiederhole, und zweitens sagt ein Bild Screenshot ja immer noch mehr als tausend Worte:

Zensiert zurück! Das WordPress-Plugin, um Parteien und Fraktionen auszusperren.

Die Logik dahinter ist beeindruckend: “Ihr habt unsere Argumente nicht hören wollen, weswegen wir sie jetzt vor Euch verstecken — gut, wir können nicht überprüfen, ob das überhaupt klappt, aber wenigstens haben wir Euch noch eine pubertäre Trotzreaktion mit auf den Weg gegeben.”

Und bevor das jetzt wieder allgemein dieser “Internet-Community” in die Schuhe geschoben wird: Ich fühle mich von solchen Aktionen ziemlich exakt so gut repräsentiert wie von einem durchschnittlichen Abgeordneten von CDU/CSU und SPD. Nämlich gar nicht.

Mein Protest-Problem

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 16. Juni 2009 1:04

Um das Verhältnis der Ruhr-Uni Bochum zu Studentenprotesten zu verstehen, muss man wissen, dass es in Bochum eher die Ausnahme ist, wenn gerade mal nicht irgendwo wofür oder wogegen demonstriert wird. Als vor drei Jahren das damals leerstehende Querforum West (erst Übergangsmensa für die Zeit des Mensaumbaus, heute Tutorienzentrum und für diese Funktion denkbar ungeeignet) besetzt wurde, belauerten sich Uni-Verwaltung und Besetzer etwa acht Monate lang, bis das Gebäude dann doch von der Polizei geräumt wurde.

Studentenvertretung und Protestkomitee – ein Wort, bei dem ich im Geiste immer “Kölner Karneval” ergänzen will – schaffen es grundsätzlich nicht, der riesigen Mehrheit der Studentenschaft ihre Anliegen zu erklären. Auf den spärlich besuchten Vollversammlungen springen die Redner oft binnen weniger Sätze von der Kritik am Bildungssystem zur Abschaffung des Kapitalismus und dem Krieg in Afghanistan. Während an anderen Unis die Professoren und Dozenten ihre Studenten zur Teilnahme am Bildungsstreik ermutigen, haben in Bochum selbst die engagiertesten Professoren keine Lust mehr, sich mit Protesten auseinanderzusetzen, und fragen, ob es nicht geeignetere Methoden gäbe, die durchaus berechtigte Kritik an der desaströsen Bildungspolitik der schwarz-gelben Landesregierung zu artikulieren.

Heute Morgen dann wurde die Uni-Brücke belagert. Die Protestler flehten die heranströmenden Studenten fast schon an, sich doch ihre Argumente und Ziele anzuhören. Aber irgendwie war die Idee, die Leute über und unter Absperrungen klettern zu lassen, nicht geeignet, die gewünscht Botschaft zu vermitteln. Die Studenten waren genervt und machten Witze. Vor dem Zelt des Proteskomitees saßen Menschen, für deren Besetzung als Studentenvertreter in einem Fernsehfilm man den zuständigen Castingdirektor wegen Klischeelastigkeit entlassen hätte. Und als schließlich etwa achtzig Protestler die Hörsäle stürmten und “Solidarisieren, Mitmarschieren!” skandierten, wusste ich plötzlich wieder ganz genau, warum mir das alles nicht gefällt: Ich mag einfach kein Gebrüll und kein Marschieren.

Vor drei Jahren war ich für CT das radio bei einer Demonstration gegen Studiengebühren in Düsseldorf und dieser Tag hat mein Verhältnis zu Protestaktionen nachhaltig gestört: Während am Straßenrand Passanten standen und sich angesichts der doch recht allgemein gehaltenen Transparente und Sprechchöre fragten, worum es eigentlich ginge, kam ein Teil der Menge auf die Idee, zur Melodie von “Einer geht noch, einer geht noch rein” immer wieder “Ohne Bildung wer’n wir Polizist” zu grölen, was ich auch rückblickend noch als empörenswerten Ausbruch von Arroganz und Menschenverachtung empfinde.

Kaum waren die Absperrungen entlang der Bannmeile um den Landtag erreicht, hielt es ein Teil der Demonstranten offenbar für geboten, diese als erstes zu Überspringen, was die Polizei zum Heranstürmen veranlasste. Ich floh derweil mit einem Redaktionsnachweis in der einen und meinem Jugendpresseausweis in der anderen Hand hinter die Polizeilinien und telefonierte aufgeregt in die Livesendung, während ein paar Meter weiter Chinaböller in Richtung von Kindern und alten Frauen flogen, die sich bizarrerweise im Park um den Landtag aufhielten.

Demonstranten schrien andere Demonstranten an, sie sollten doch mit dem Scheiß aufhören. Polizisten bellten in ihre Funkgeräte, was für Idioten denn wohl veranlasst hätten, die Menge auch noch mit Videokameras zu filmen — auf solche Provokationen könne man ja wohl verzichten. Eine andere Hundertschaft machte gerade Mittagspause in der Sonne. Ich dachte – und denke es gerade angesichts der Meldungen aus Teheran wieder -, dass es vielleicht im Großen und Ganzen doch nicht so übel ist, in Deutschland zu leben.

Wenn heutige Studenten jetzt von ’68 träumen, legen sie damit immerhin die für erfolgreiche Revolutionen benötigte Weltfremde an den Tag. Zwar neigt Geschichte dazu, in Abständen von etwa vierzig Jahren vergleichbare gesellschaftliche Spannungen zu durchlaufen, aber die Welt ist 2009 doch in fast jeder Hinsicht eine andere als 1968. Oder: Zumindest Deutschland ist ein anderes.

Auch wenn ich persönlich mit meinem Studium ziemlich zufrieden bin, weiß ich von genug Leuten, bei denen die Bachelor/Master-Studiengänge zu Desastern geführt haben. Ich glaube in der Tat, dass bildungspolitisch einiges, wenn nicht alles, im Argen liegt. Aber mich überzeugen diese Formen des Protests (zumindest die, dich ich bisher mitbekommen habe) nicht — ich halte sie viel eher für kontraproduktiv. Dass Demonstrationszüge ohne den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung allenfalls Mitleid erzeugen, kann man jeden Montagabend in der Bochumer Innenstadt besichtigen.

Fragen Sie mich nicht, wie ich das machen würde. Ich leiste mir nach wie vor die Naivität, an die Macht des Dialogs zu glauben und an den Sieg der Vernunft. Auch hunderte Landes- und Bundesregierungen werden mich nicht davon abbringen können — und mit dieser Weltfremde bin ich doch irgendwie wieder ganz bei den Protestlern.

Musik!

Wo bitte geht’s zur Bildung?

Von Annika Krüger
Veröffentlicht: 12. Juni 2009 19:30

Es werden momentan wichtige Weichen gestellt. Nicht nur in der Weltwirtschaft, sondern auch in der Bildung. Denn nicht nur in Deutschland muss Bildung ironischer Weise zugunsten der Wirtschaft zurückstecken, europaweit leiden Universitäten an den Beschlüssen der Politik zugunsten der Wirtschaftskrise.

Es werden Banken unterstützt, Milliardenbeträge für Automobilkonzerne aufgebracht und auf der anderen Seite werden sozialen Einrichtungen, Schulen, Kindergärten und Universitäten Zuschüsse gekürzt oder fallen ganz weg.

Wie soll jedoch die Gesellschaft von morgen optimal auf all die Probleme der Zukunft vorbereitet werden, wenn Schulen geschlossen werden? Wenn kein Geld in Bildung investiert wird? Wenn die Qualität der Lehre nicht verbessert, sondern gar nicht erst ernst genommen wird?

Wer wird ein Konto bei einer Bank eröffnen, ein Auto oder im Kaufhaus etwas kaufen können, wenn er kein eigenes Geld verdienen kann, weil er keine Ausbildung anfangen kann? Wenn für das Studium und die Ausbildung zu einem Beruf immer weniger Zeit bleibt?

Wie sollen Schüler und Studenten ausprobieren und ihre Nische finden, ihr Wissen festigen und sich in ihrem Beruf sicher fühlen, wenn sie in 6 Semestern durch die Uni katapultiert werden? Was, wenn sie ihr Studium wegen fehlender finanzielle Unterstützung erst gar nicht anfangen können?

Es sind Fragen, die vielmehr auch darauf aufmerksam machen, wie die Studenten bis jetzt mit ihrer Situation umgegangen sind: Der Großteil der Studenten nahm brav hin und zahlte die Studiengebühren, nahm einen Kredit auf oder brach das Studium ab.

Es tat sich nicht viel. Der große Ruck ging nicht durchs Land. Ein paar Proteste in den größeren Uni-Städten, vereinzelte Aktionen gegen Studiengebühren, aber die große Masse an Studenten konnte bisher nicht mobilisiert werden, alle Mühen der Demonstrationen blieben vergebens.

Jedoch gab es auch die Gründung verschiedener Organisationen, die sich für eine bessere Bildungslobby einsetzen wollten und dies auch taten!

Und es scheint, dass die Initiative – Bildungsstreik 09 – in diesen Tagen die Früchte ihrer Arbeit ernten kann. In bis zu 80 großen und kleinen Städten in Deutschland wird ab nächster Woche in Schulen und Universitäten gestreikt. Ab dem 15. Juni sind verschiedene Aktionen geplant die ein Zeichen setzen sollen – von Plakataktionen bis zu Debatten.

Chancengleichheit in der Bildung, selbstbestimmtes Lernen und die Verantwortung des Landes gegenüber der Schulen und Universitäten sind nur ein Teil der Forderungen.

An der Demonstration am 17. Juni werden rund 100.000 SchülerInnen und StudentInnen erwartet. Auch Attac und die Bildungsgewerkschaft GEW gab ihre Unterstützung bekannt.

Natürlich ist auch ein Hauch von Skepsis angebracht, ob die Demonstrationen ihre Wirkung nicht verfehlen? Ob viele wenige etwas ausrichten können?

Ich sage, ja! Es ist an der Zeit und angebracht, sich verantwortungsvoll zu engagieren. Denn es muss ein Stein ins Rollen gebracht werden. Nur dann nimmt die Öffentlichkeit davon auch Notiz.

Man konnte es in meiner Uni, der Pädagogischen Hochschule Weingarten ganz deutlich fühlen, dass die Zeit reif ist, sich für seine Ideale und seine Zukunft einzusetzen. In der Vollversammlung letzte Woche fanden knapp 300 Studenten zusammen. Das sind immerhin 10% der immatrikulierten Studentenschaft. Mit großem Interesse hörte man den Initiatoren des Bildungsstreiks 09 zu, die uns darüber informierten, wie der Stand der Dinge ist und was zu erwarten ist, wenn die Situation so bleibt wie sie ist. Sogar Professoren waren von der Stimmung während der Kundgebung begeistert und gaben durch die Blume ihre Unterstüzung bekannt.

Rückendeckung gibt es nicht nur von Seiten der Gewerkschaften, auch die Universitäten und Schulen haben für den Bildungsstreik die Regeln gelockert, aber auch klare Verhaltensregeln festgelegt! Nur mit Rückendeckung kann der Bildungsstreik ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Was sich im Bildungsstreik 09 alles live tun wird, kann man ab nächster Woche nicht nur hier nachlesen!

Wer sich informieren möchte was in seiner Stadt geplant ist: bs.risiko09.de

Ein offener Brief an Jack White

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. Juni 2009 1:15

Ein Jahr ist die Fußballeuropameisterschaft fast schon wieder her, aber mein Blog-Eintrag “Wie ich lernte, ‘Seven Nation Army’ zu hassen” ist noch immer ungeschrieben.

Er wird es auch bleiben, denn ich habe einen anderen Weg gefunden, mich mit der Nummer-Eins-Hymne alkoholisierter Menschen in Deutschland auseinanderzusetzen:

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