Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Social Distortion'

Die Hitze dauert an

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. Juli 2007 21:53

Ich bin niemand, der sich sommerliche Temperaturen wünscht und dann meckert, sobald die Sonne mal drei Tage am Stück scheint. Wenn es nach mir ginge, müsste das Thermometer nie über 18, naja: 23°C klettern. Zwar bin ich durchaus besser gelaunt, wenn es draußen mal nicht regnet, aber diese gute Laune verfliegt nach drei Minuten, denn intensiver Sonnenschein macht mich wahnsinnig: Man kann noch schlechter vor die Tür gehen als bei Regen, weil einen nichts wirkungsvoll vor den hohen Temperaturen und der Sonneneinstrahlung schützt. Man kann nachts nicht richtig schlafen, weil die ganze Wohnung aufgeheizt ist. Man ist überall mit Mückenstichen übersät, weil die kleinen Blutsauger ins Zimmer fliegen, sobald man nur kurz das Licht einschaltet, um heilen Fußes von der Zimmertür zum eigenen Bett zu kommen.

Ohne Sommer gäbe es keine “Sommerinterviews” im Fernsehen, bei denen die Politiker ankündigen, welchen Irrsinn sie in den nächsten Monaten in Gesetzestexte gießen wollen. Es gäbe keine 14. Wiederholung irgendwelcher uralter Filme (lief die “Zurück in die Zukunft”-Trilogie eigentlich schon?) und keine Sommerpause in der Fußballbundesliga zweiten Liga. Es gäbe keinen Ferienverkehr und somit keine “Superstaus” und Benzinpreiserhöhungen.

Mich würde mal interessieren (und ich bin sicher, irgendeine Unternehmensberatung hat das längst ausgerechnet), wie groß der volkswirtschaftliche Schaden ist, der jedes Jahr durch mindestens zwei Monate Hitze und Unterbesetzung entsteht. Allein ich kann mich ja kaum darauf konzentrieren, einen neuen Blog-Eintrag zu schreiben …

Muse auf dem Straßenstrich

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. Juli 2007 19:45

Heute waren also die Gutachter der Eliteunibeschaukommission an unserer … äh: schönen Ruhr-Uni unterwegs. Das erklärt so einiges:

  • Seit Wochen werden Betondecken und -wände neu gestrichen. Das Wegweisersystem ist auf den neuesten Stand gebracht und das Pflaster gereinigt worden. Sogar die Waschbetonplatten auf dem Campus wurden angehoben und neu verlegt, wodurch sie ihr charakteristisches Klappern verloren haben. Und wenn irgendwelche krass coolen Styler die frisch gestrichenen Flächen mit Eddings getaggt haben, wurden die eben noch mal gestrichen.
  • Die sog. Studentenvertreter, denen ich seit jeher skeptisch gegenüberstehe und von denen ich mich fast genauso schlecht vertreten fühle wie von unseren Politikern, verteilen Flyer, plakatieren auf den frisch gereinigten Flächen und laufen mit Transparenten umher, die sinngemäß aussagen: “Eliten sind doof”.
  • Heute stand die Polizei (nicht Toto & Harry, das muss man in Bochum ja immer dazusagen) auf dem Campus und las “Bild”-Zeitung.

Mir fehlt das Hintergrundwissen zum Thema “Vor- und Nachteile einer Eliteuniversität” (und weder meine Studentenvertreter noch meine Univerwaltung waren in der Lage, mir diese darzulegen) und ich finde es natürlich auch lustig, wenn die mitunter reichlich heruntergekommene Ruhr-Uni plötzlich so rausgeputzt wird.

Ich finde es aber auch schön, dass sie so rausgeputzt wird, denn ich gehe lieber über einen rausgeputzten, als über einen verwahrlosten Campus. Deshalb finde ich es auch nicht schön der Uni, den Studenten und den Handwerkern gegenüber, wenn frisch rausgeputzte Flächen wieder mit irgendwelchen aussagelosen Schmierereien bekrakelt werden. Auch aussagevolle Schmierereien sollten aus Gründen der Ästhetik und der Höflichkeit woanders untergebracht werden.

Ich kann zum Thema Uni aber noch hinzufügen, dass es in der “Süddeutschen Zeitung” [via Der Morgen] und in der “Netzeitung” zwei recht aufschlussreiche Artikel über die Folgen der Bachelor-/Masterstudiengänge für das Bildungswesen und die Gesundheit der Studenten zu lesen gibt. Und vermutlich sollte mir das auch etwas zum Thema “Vor- und Nachteile von Eliteuniversitäten” verraten …

Nicht immer gut

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 29. Juni 2007 20:07

Wer guckt sich eigentlich diese albernen Bildergalerien auf den Startseiten diverser Webmail-Dienste an? Ich, zum Beispiel, wenn ich mich gerade mal wieder verklickt habe.

Und so stieß ich bei gmx.de auf eine Galerie, die wie folgt vorgestellt wurde:

GMX glaubt, dass manche Prominentenoutings der Karriere geschadet haben.
(Screenshot: gmx.de)

Mal davon ab, dass auch hier mal wieder munter die Begriffe “Outing” und “Coming-Out” durcheinander geworfen werden, ist die Liste der Prominenten (Hape Kerkeling, Elton John, Pink, Peter Plate, Michael Stipe, George Michael, Lilo Wanders, Thomas Hermanns, Klaus Wowereit, Melissa Etheridge, Hella von Sinnen, Jürgen Domian, Dirk Bach, Vera Int-Veen und Ellen de Generes) ungefähr so spannend wie eine Flasche Prosecco, die seit dem letztjährigen Christopher Street Day offen rumsteht – man fragt sich eigentlich nur, wer Georg Uecker und Maren Kroymann vergessen hat.

Natürlich könnte man sich jetzt fragen, bei welcher der genannten Personen sich das Coming-Out/Outing denn als “nicht gut” für die Karriere erwiesen habe. “Na, für Ellen de Generes zum Beispiel”, ruft da gmx.de:

Als sie sich in einer Episode als lebisch outet, wird der Sender von Geldgebern unter Druck gesetzt und setzt die Sendung ab.

Nein, ich weiß auch nicht, was “lebisch” ist und ob sowas die Karriere zerstören kann. Aber wenn wir der Wikipedia trauen können, schob man es bei ABC wohl auch eher auf die schwächelnden Quoten und den Druck religiöser Organisationen nach de Generes’ Coming-Out, als man “Ellen” 1998 auslaufen ließ.

Apropos Wikipedia: die scheint bei der Recherche für den Artikel die Bildbegleittexte eine wichtige Rolle gespielt zu haben. So heißt es bei Ernie Reinhardt (Lilo Wanders):

… im Zweifelsfall war’s die Wikipedia
(Screenshot: gmx.de, Hervorherbung: Coffee & TV)

Viel Arbeit war also offenbar nicht vonnöten, um die Liste zu erstellen und ein paar Fakten zusammenzutragen. Und trotzdem kann man auch an so einer Aufgabe noch scheitern:

Die meisten Menschen verbinden Elton John nur mit jener schwer verdaulichen Ballade “Candle in the wind”, die 1997 zu Ehren der verstorbenen Lady Di in jedem Radio-Sender der Welt runtergeleiert wurde. Trotz des Prädikats “meistverkaufte Single aller Zeiten” muss sich der mittlerweile geadelte Sir Elton John für diesen Schmachtfetzen auch heute noch Kritik gefallen lassen.

wird dem Leben ‘n’ Werk von Elton John jetzt vielleicht nicht so ganz gerecht, ist aber harmlos verglichen mit dem, was bei Hape Kerkeling steht:

Der 1964 geborene Comedy-Star outete sich Anfang der 90er-Jahre als homosexuell

Ist das jetzt nur unglücklich formuliert oder bewusstes Verschleiern der Tatsache, dass Kerkeling (wie auch Alfred Biolek) 1991 von Regisseur Rosa von Praunheim in der RTL-Sendung “Explosiv – Der heiße Stuhl” geoutet wurde? Eine Praxis, die unter anderem der Bund lesbischer und schwuler JournalistInnen verurteilt.

Aber was soll so ein Paradiesvogel-Sammelalbum unter dem Titel “Prominente auf dem CSD? Diese Stars könnten Sie dort treffen” überhaupt? Und wer guckt sich diese albernen Bildergalerien auf den Startseiten diverser Webmail-Dienste eigentlich an?

Gerüchten zufolge “könnte” man auf “dem CSD” (gemeint ist vermutlich der Christopher Street Day in Berlin am vergangenen Wochenende, Köln kommt aber z.B. auch noch) auch heterosexuelle Prominente treffen. Und homo- oder bisexuelle Nicht-Prominente. Und heterosexuelle Nicht-Prominente. Und und und …

Hot Turkey

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 27. Juni 2007 19:38

An mehrere meiner zahlreichen E-Mail-Adressen ging im Laufe des Tages eine E-Mail mit dem Betreff “AN ALLE TUERKEN: Lasst den Jungen (Marco) frei. Euer Tourstik-Aufschwung ist in Gefahr. DIE EU-MITGLIEDSCHAFT AUCH”. Die E-Mail ist von sieben, mir unbekannten Personen unterschrieben, und ich soll sie an “alle TUERKEN”, die ich kenne, “oder Leute, die aus diesem Land kommen oder dort Urlaub machen wollen” weiterleiten. Es geht (natürlich) um den in der Türkei inhaftierten deutschen Schüler Marco W., dem vorgeworfen wird, eine 13jährige Britin missbraucht zu haben, und darin steht unter anderem folgendes:

Seid Ihr noch ganz normal, einen 17 Jahre alten Jungen einzusperren, nur
weil er eine junge Frau kennengelernt hat?
Das Gesetz ist doch nur geschaffen worden, damit es zu keinen Zwangsehen
kommt. Aber deshalb muss man doch
keinen 17 Jahre alten Jungen, der in Eurem Land Urlaub macht, monatelang
einsperren. Und das noch bei Euren
miserablen Haftbedingungen? DAS IST UNMENSCHLICH! SCHLUSS DAMIT. SOFORT!

Ein Unding in einer zivilisierten Welt, die Euch noch leid tun wird, wenn
nicht bald Schluss damit ist!

(Katastrophale Zeilenumbrüche übernommen)

Hui, da weiß man ja gar nicht, wo man anfangen soll!

Versuchen wir es mal so: Nachdem anfangs von einem “Urlaubsflirt”, dann von einer “Knutscherei” die Rede war, hat inzwischen offenbar auch Marco W. “sexuelle Kontakte” eingeräumt. Damit hätte sich Marco W., wie im Lawblog ausgeführt wird, auch in Deutschland strafbar gemacht – auch wenn das Bundesjustizministerium offenbar Gegenteiliges verlautbaren lässt.
Dafür, dass “das Gesetz” nur geschaffen wurde, “damit es zu keinen Zwangsehen kommt”, findet sich in der gesamten Berichterstattung zu der Geschichte kein einziger Anhaltspunkt. Ich bin kein Experte für türkische Gesetze, möchte aber annehmen, dass sich ein solches Detail wenigstens in einem Teil der Artikel wiedergefunden hätte.
Auch will mir der Hinweis “der in Eurem Land Urlaub macht” nicht so ganz einleuchten: Soll die türkische Polizei etwa davon absehen, Touristen zu inhaftieren, weil die ja so nett sind, das Geld ins Land zu bringen, oder was?
Kommen wir zu den Haftbedingungen: Die sind, nach allem (nun ja: fast allem), was man liest, in der Tat “miserabel” – aber wohl für alle Gefangenen. Wenn die (sicherlich berechtigte) Aufregung darüber dazu führen würde, dass sich jetzt ein paar Hundert Leute bei Amnesty International engagieren, wäre das ein positives Signal, das man dem ganzen Fall abgewinnen könnte – ich glaube aber leider nicht daran.

Natürlich darf man Mitleid mit einem 17jährigen haben, der in einem fremden Land ins Gefängnis gesteckt worden ist. Ich will auch nicht über Schuld, Unschuld, moralische Vorstellungen oder gar den vermeintlichen Tathergang diskutieren.
Aber an diesem Fall wundert mich doch so einiges:

  • Warum dauerte es nach der Festnahme des Jungen am 11. April über zwei Monate, bis der Fall letzte Woche in der deutschen Presse ankam?
  • Wie würde die deutsche Bevölkerung, die deutsche Presse reagieren, wenn sich der türkische Außenminister Abdullah Gül lautstark für die Freilassung eines türkischen Staatsbürgers in Deutschland, dem ähnliches vorgeworfen wird, aussprechen würde?
  • Wo war Frank-Walter Steinmeier, als das letzte Mal ein deutscher Staatsbürger unter extremen Bedingungen im Ausland inhaftiert war? Oh, Moment, das wissen wir ja …
  • Welchen Zweck sollen solche E-Mails erzielen?

Womöglich stehen die Absender dieser beginnenden Kettenmail Marco W. nahe. Sie haben natürlich das Recht, besorgt und verzweifelt zu sein. Sie haben aber kein Recht, Halb- und Unwahrheiten zu verbreiten, und diffuse Drohungen (“die Euch noch leid tun wird”) auszustoßen.

Und wie immer, wenn Menschen mit Internetanschluss besorgt sind und irgendwas tun wollen, wird es auch diesmal nur eine Frage der Zeit bleiben, bis es dazu eine StudiVZ-Gruppe geben wird …

Nachtrag 28. Juni, 00:58 Uhr: Carsten Heidböhmer ruft in seinem Kommentar bei stern.de zu weniger Hysterie in Sachen Türkei (und Polen) auf. Sollte man gelesen haben.

Nachtrag 29. Juni, 18:35 Uhr: Bei mein Ding ist man weniger optimistisch/naiv als ich:

Das kommt mir vor wie ein Ablenkungsmanöver, um den Anschein zu erwecken, es sei ein Appell von Freunden des Inhaftierten.

Lektionen in Unmut

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 17. Juni 2007 20:35

Wenn man sich selber zwei Mitbewohner aussuchen darf, deren einzige Voraussetzung man mit “Nichtraucher” festlegt, sollte man sich nicht wundern, wenn man nach wenigen Wochen feststellt, dass man vor lauter Fokussierung auf das Nichtrauchen so Ausschlusskriterien wie “Einzelkinder” (“räumen nie auf und können nicht putzen”) übersehen hatte.

Wenn diese Mitbewohner aber zwei Jahre später ständig rauchend auf dem Balkon vor dem eigenen Zimmer stehen und einen so auch bei sommerlichem Wetter zum Geschlossenhalten der Fenster zwingen, dann hat entweder die Zigarettenindustrie erhebliche Erfolge bei der Akquirierung neuer Kundenschichten erzielt (“Was für eine brillante Idee: unsere neue Zielgruppe sind die Nichtraucher!”) oder man muss sich vorwerfen lassen, in Sachen Menschenkenntnis irgendwie noch Nachholbedarf zu haben …

The Geek (Must Be Destroyed)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. Juni 2007 1:41

Uni-Seminare über Massenkultur haben den Vorteil, dass man sich “im Auftrag der Wissenschaft” Fernsehserien anschauen kann, deren Kenntnis man ansonsten vehement abstreiten würde. Ich habe also die erste Folge von “Das Model und der Freak” gesehen und geriet darüber in eine schwere Grübelei.

Das Konzept der Serie lautet: Zwei mir völlig unbekannte Models (Gottseidank, es ist ProSieben, da können es keine “Topmodels” sein, denn das sind die Sieger von Heidi Klums Casting Show) sollen zwei “Freaks” in “Topmänner” verwandeln. “Freaks”, das sind in der Welt von ProSieben Leute, die Tennissocken, alte Sweatshirts und unmodische Frisuren tragen, an Computern herumschrauben und vielleicht auch noch bei ihrer Mutti wohnen. Vor wenigen Jahren, vor dem Siegeszug der Metrosexualität, hätte man sie schlicht “Männer” genannt.

Diese Männer, die der Off-Sprecher mit ekelerregender Penetranz als “Freaks” bezeichnet, werden zunächst ein bisschen öffentlich vorgeführt, dann machen die Models mit ihnen ein “Selbstbewusstseinstraining”, das jeder Heizungsmonteur glaubwürdiger hinbekommen hätte, und schließlich werden sie “umgestylt”.

Zugegeben: Nach ihren Friseurbesuchen sahen die beiden Kandidaten wirklich deutlich ansprechender aus und wirkten auch gleich ganz anders – eine Szene, die mich doch darüber nachdenken ließ, mein Gestrubbel auch mal wieder von denen richten zu lassen, die das können, was nur Friseure können. Möglicherweise war das, was man bei Tobias (21) und Thomas (27) sah, sogar echte Selbstsicherheit, die da plötzlich aufkeimte. Ich würde es ihnen wünschen, denn die beiden wirkten sehr sympathisch (und auch am Ende noch recht natürlich).

Zuvor hatten die beiden aber mehrfach meinen Beschützerinstinkt geweckt und in mir das Bedürfnis aufkommen lassen, den Zynismus dieser bunten Fernsehwelt zu geißeln. Was für eine “Moral” soll das denn bitteschön sein, wenn junge Fernsehzuschauer, die gesellschaftlich aus was für Gründen auch immer außen stehen und die wir “Nerds”, “Geeks” oder “Informatiker” nennen wollen (ProSieben nennt sie bekanntlich “Freaks”), vermittelt bekommen, man müsse sich nur auf Kosten eines Fernsehsenders ein bisschen herausputzen lassen und schon lernt man die Frau fürs Leben kennen oder kann endlich von Mutti wegziehen?

Da mache ich gerne mal einen auf Evangelische Landeskirche, oder wie hauptberufliche Bedenkenträger sonst heißen, und stelle ein paar Vokabeln zur Selbstmontage einer lautstarken Empörung zur Verfügung: “zynisch”, “menschenverachtend”, “oberflächlich”, “innere Werte”, “materialistische Gesellschaft”, “geschmacklos”, “Gleichschaltung”, “öffentliche Zurschaustellung”, …

Im Ernst: Ich weiß nicht, was ich von dieser Sendung halten soll. Wenn sich die Kandidaten am Ende wirklich wohl in ihrer Haut und den fremden Klamotten fühlen, war es für sie vielleicht ein Erfolg. Andererseits besteht die Gefahr, dass man auch auf die optisch gerelaunchten Männer zeigen wird, wenn man sie in der Stadt erblickt, und sagen wird: “Mutti, sieh mal: Da ist der Freak aus dem Fernsehen!” Die Aufmachung der Sendung ist mit “grenzwertig” ganz gut charakterisiert und das (nicht mal neue) Konzept dahinter viel zu schwarz/weiß.

Ich bin jetzt Wir-Sind-Helden-Hören: “The geek shall inherit the earth”.

Nicht mehr jung und noch nicht alt

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 14. Juni 2007 19:40

Das Misstrauen, das ich gegen jegliche Form von Generationenbezeichnung hege, wird nur noch von dem Misstrauen überboten, das ich Leuten entgegenbringe, die von der “Jugend von heute” reden. Personen, die mir launig erzählen wollen, alle Menschen meiner Altersstufe seien beispielsweise gemeinschaftlich unhöflich, kann man natürlich nur schwer mit Argumenten kommen. Man kann aber (trotz heftigen Widerwillens) freundlich zu ihnen sein, was sie im Idealfall ihren verallgemeinernden Kulturpessimismus überdenken lässt.

Ich neige dazu, nicht anwesende Kinder und Jugendliche gegenüber älteren Menschen zu verteidigen – weil sie es gerade selbst nicht können und weil ich Jugendlichen durchaus noch eine gewisse Unreife zugestehe, die sich in unser beider Interesse am Tage ihres achtzehnten Geburtstags in Wohlgefallen auflösen möge. Und auch wenn ich es natürlich in keiner Weise gutheißen möchte, dass sich Minderjährige in der Öffentlichkeit bis zur Bewusstlosigkeit betrinken und die Flaschen, aus denen sie ihren billigen Rausch gesogen haben, danach auf Radwegen und Wiesen zertrümmern, bin ich doch zumindest milde überrascht über Kommunen, die Pressemeldungen wie diese veröffentlichen:

Radfahren ja, Alkohol nein

Nicht nur, dass das Wort “Alkohohl” so ziemlich zum peinlichsten gehören dürfte, was einer Pressestelle passieren kann: Der ganze Beschluss wird natürlich auch nur dafür sorgen, dass die Jugendlichen ihrem Hobby nun nicht mehr im Stadtpark, sondern an anderen Orten frönen. Und im angetrunkenen Zustand von der Innenstadt-Kneipe nach hause zu kommen, ohne die zentrale Parkanlage zu betreten, dürfte viele auch vor logistische Schwierigkeiten stellen. Ich möchte darüberhinaus zu einem Ideenwettbewerb “Die schönsten Unarten, die Rücksicht auf Mitbürger vermissen lassen” aufrufen.

Aber bei allem (möglicherweise reichlich naivem) Vertrauen in die Jugend und bei aller Ablehnung gegenüber den apokalyptischen Phantasien von Menschen, die Jugendkultur nur vom Wegdrücken im Fernsehen kennen: Die letzten Tage haben mich nachdenklich zurückgelassen.

  • Am Freitag fuhr ich in einem Regionalexpress, in dem auch zwei junge Damen von vielleicht fünfzehn Lenzen abwechselnd gemeinsam für MySpace-Profilfotos posierten – der einen fiel zwischendurch ihre (bekleidete) Oberweite aus dem Hemd – und billigen Toffee-Likör und Schnäpse in sich hineinschütteten. Kurz vor dem Duisburger Hauptbahnhof war das eine Gör nach eigenen Angaben so weit, dass sie “gleich kotzen” müsse und ich war froh, als die beiden ausstiegen.
  • Heute saß ich in der Bochumer U-Bahn und in der Sitzgruppe neben mir saß ein Mädchen, das gerade mit einem Feuerzeug dabei war, die Innenverkleidung des Zugs abzuflämmen. Ich glotzte, sah mich hilfesuchend nach Erwachsenen um und begriff dann, dass ich endlich alt genug war, die Rolle des sonderlichen alten Mannes zu einzunehmen: “Was soll das werden, wenn’s fertig ist?”, fragte ich denkbar unautoritär. Das Kind setzte kurz ab und schmorte dann weiter munter vor sich hin. “Kannst Du das bitte lassen?”, setzte ich nach und guckte unsicher, ob die Leute schon über mich tuschelten. “Mit wem reden Sie?”, murmelte das verzogene Blag, ohne mich auch nur anzusehen. “Mit Dir”, blaffte ich zurück, ehe wir beide ausstiegen. Immerhin: Genug Autorität für ein “Sie” gestand mir der Satansbraten zu.
  • Als ich dann von der Uni nach Hause ging, standen an den Müllcontainern des Nachbarhauses zwei etwa zwölfjährige Jungen und ein bedeutend jüngerer. Die älteren hielten Zigaretten in ihren Händen und pafften diese so denkbar uncool, wie es nur Schüler können, die endlich mal was verbotenes ausprobieren wollen. Ich guckte kurz, ob sie dem kleinen Jungen (“Ja, Kevin, Du darfst raus, aber nimm bitte den Patrick mit!”) auch eine Zigarette gegeben hatten. Sie hatten nicht und ich schritt fort.

Und jetzt fragt der aufmerksame Leser: “Wieso haben Sie denn das unschuldige Mädchen, das nur eine Verschönerung der hässlichen U-Bahn vornehmen wollte, so denkbar schroff behandelt, nicht aber die beiden Gruppen zukünftiger Rauschgiftabhängiger?”

“Tja”, werde ich antworten, “Sachbeschädigung gehört für mich nicht zu den Dingen, die man als Jugendlicher mal ausprobiert haben sollte, um seinen Körper besser kennen zu lernen. Und was mit den Lebern und Lungen der anderen ist, kann uns in dem Moment doch reichlich egal sein.”

“Na, das ist aber eine ziemlich egoistische Einstellung.”

Stimmt.

“Ich habe gelacht, als meine Regierung verspottet wurde”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 10. Juni 2007 1:58

Es gibt sicher viele Gründe, politisches Kabarett doof zu finden (und weil man bei solchen Sätzen wenigstens einen Grund nennen sollte, sag ich mal: “Scheibenwischer”). Es gibt aber auch politisches Kabarett, dem ich mich freiwillig aussetze. Heute Abend habe ich mir z.B. zum vierten Mal Volker Pispers angesehen – zum dritten Mal mit seinem Best-Of-Programm “Bis neulich”, mit dem er seit fünf Jahren tourt. Und obwohl ich knapp die Hälfte des Programms hätte mitsprechen können, habe ich mich herrlich amüsiert. Das verzweifelte Mitschreiben und Rezitieren der bösesten Sprüche und besten Pointen überlasse ich ebenso den Reportern der Lokalzeitungen wie die Formulierungen “bitterböse”, “schwarzer Humor” und “Lachen im Halse steckenbleiben”.

Direkt zu Beginn des Abends, der inklusive einer halbstündigen Pause übrigens fast vier Stunden dauerte, bezeichnete Pispers das Kabarett als modernen Ablasshandel, der es den Zuschauer ermögliche, bequem gegen das System zu sein, in dem er lebt. Und so durfte das überraschend heterogene Publikum (ich möchte trotzdem wetten: 25% Lehrer) über Angela Merkel, George W. Bush, Wolfgang Schäuble, Franz Müntefering und wiesiealleheißen lachen, obwohl das, was diese Politiker so anrichten, selten zum Lachen ist. Entsprechend hoch war der Anteil der “Hohoho”s, also der Lacher, die man sich als politisch korrekter Mensch ja eigentlich gar nicht erlauben dürfte.

An Volker Pispers gefällt mir besonders gut, dass er sich nicht mit kindischen Parodien, Kostümierungen oder Aufführungen aufhält (s. “Scheibenwischer”), sondern den Zuschauern hauptsächlich Fakten um die Ohren haut. Natürlich sorgt er dafür, dass dabei Pointen entstehen, aber das, was er da auf der Bühne erzählt, lässt sich auch in den seriösesten Zeitungen nachlesen – nach Pispers Aussagen seine einzigen Quellen. Wie er Aufklärung und Unterhaltung gleichzeitig liefert, das ist fast schon ein bisschen mit der “Daily Show” vergleichbar.

Die Idee, dass Kabarett die Welt verändern könnte, wäre gänzlich absurd. Das Publikum hat gutes Geld bezahlt, sich köstlich unterhalten gefühlt, mal lauthals über die eigene und andererleuts Regierung gelacht und sich am Ende vielleicht sogar ein paar Fakten und Formulierungen gemerkt. Aber wird man Nachbarn, Freunde oder die obligatorischen Stammtischbrüder zurechtweisen, wenn diese die Politik eines Wolfgang Schäuble (ach, ein Zitat muss ich jetzt doch mal bringen: “Attentatsopfer und Rollstuhltäter”) gutheißen? Wird auch nur einer, nachdem er sich einen Abend lang über Politiker schlappgelacht hat, selbst in die Politik gehen und etwas ändern wollen?

Aber darum geht es ja gar nicht: Missionierung ist sicher nicht Ziel des Kabaretts, denn die, die hingehen, wissen ja eh zumeist, wie der Hase läuft, und die, die man wachrütteln müsste, die interessiert das alles kein bisschen. Trotzdem reden die Lehrer hinterher bei einem Glas Rotwein (und: ja, ich wünschte, das wäre einfach nur so ein haltloses Klischee, aber es ist natürlich schmerzhaft wahr) über das, was sie da gehört haben. Sie sind für einen Abend mal passiv engagiert gewesen und erzählen sich selbst noch einmal, dass beispielsweise die Chance, in Deutschland an Ärztepfusch zu sterben, unendlich höher ist als die, hier Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Das ist doch schon mal ein Anfang.

Und wo ich gerade dabei bin: Das Fantastival, in dessen Rahmen ich diesen Kabarettabend besuchen durfte, läuft noch zwei Wochen in Dinslaken. Karten für das Konzert der Kilians kann man noch bis Mittwoch bei uns gewinnen.

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