Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Somebody Told Me'

… und nächste Woche verklage ich jemanden!

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 28. November 2008 18:53

So langsam dürfte der Kleinkrieg, den sich die Post- und Paketzusteller mit mir liefern, als das durchgehen, was in manchen Kreisen gerne “Kult” genannt wird.

Ist entsetzt: Postkunde Lukas H.

Ist entsetzt: Postkunde Lukas H.

Schon wieder hat ihm der Postbote eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten geworfen!

Schon wieder hat ihm der Postbote eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten geworfen!

Andererseits bin ich auch nur noch 42 Jahre vom derzeitigen Renteneintrittsalter entfernt und habe “Nationalität: deutsch” in meinem Ausweis stehen, von daher denke ich, es ist der richtige Zeitpunkt für mein erstes handgeschriebenes Schild im Treppenhaus:

Lieber Postbote, wenn Sie mir noch einmal eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten werden, ohne vorher auch nur bei mir geklingelt zu haben, werde ich mich bei Ihren Vorgesetzten beschweren! Mit freundlichen Grüßen,

Nachtrag, 29. November: Irgendjemand hat den Zettel heute abgerissen und in den Papierkorb geworfen.

Nachtrag, 1. Dezember: Erste Erfolge werden sichtbar: Mein Mitbewohner hatte heute eine Benachrichtigungskarte mit dem Vermerk “12:00 Uhr geklingelt!” im Briefkasten. Ich nehme mal an, er hat zu der Zeit noch geschlafen. Ich war jedenfalls nicht da.

Unter Grünen: Im Wandel der Zeit

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 16. November 2008 10:32

Zwischen diesen beiden Bildern liegen 25 Jahre:

Lukas Beckmann, Lukas Heinser, Mama und Papa Heinser (v.l.n.r.)

Lukas Heinser und Lukas Beckmann (v.l.n.r.)

Sie sehen den lange Zeit beliebtesten Jungenvornamen Deutschlands in Form von Lukas Beckmann (Fraktionsgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, oberes Foto: links, unteres Foto: rechts) und Lukas Heinser (Blogger, oberes Foto: Mitte, unteres Foto: links).

Beachten Sie für alle Parteitags-Beiträge bitte die Vorbemerkungen.

Packende Geschichte

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 10. November 2008 14:42

Ich muss irgendwann einmal versehentlich den Erzengel Gabriel verärgert haben, denn anders lässt sich die Art und Weise, in der Post- und Paketzusteller mich behandeln, kaum noch erklären. Oder, um es freundlicher auszudrücken: Es ist in der Menschheitsgeschichte schon aus nichtigeren Gründen als der Nicht-Zustellung dringend erwarteter Pakete zu langjährigen kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen.

Weil mich der DHL-Zusteller ja grundsätzlich nicht zuhause antrifft (auch oder gerade wenn ich den ganzen Tag in meiner Wohnung hocke), habe ich mir den Ratschlag meiner Beraterkommission zu Herzen genommen und mich für eine sogenannte Packstation angemeldet. Packstationen sind im Grunde die völlige Negation des Postwesens, weil man sich plötzlich selbst darum kümmern muss, wie man das Paket in sein Haus bekommt. Dafür haben sie rund um die Uhr geöffnet und befinden sich nicht wie die Postagenturen, aus denen man seine Sendungen wochentags zwischen Zwölf und Mittag abholen kann, am Arsch der Heide. Und wenn man tagsüber nicht zuhause ist (oder man den selben Zusteller hat wie ich), sind sie die einzige Möglichkeit, Pakete zu empfangen.

Ich meldete mich also im Internet für die Packstation an und bekam kurz darauf ein Anschreiben mit einer goldenen Kundenkarte. Die kriegt (anders als bei Kredit- oder Bonusmeilenkarten) jeder Kunde, damit er denkt, es sei etwas ganz besonderes, den Job des Postboten selbst übernehmen zu dürfen. In dem Anschreiben stand, meine “PostPin”, mit der ich die Packstation dann auch öffnen kann, werde mir “in wenigen Tagen” per Einschreiben zugehen.

Die Tage kamen und gingen und überschritten meine persönliche Definition von “wenige” erheblich. Ich nutzte also wider besseres Wissen das Kontaktformular auf der Internetseite von DHL, um mich nach dem Verbleib meiner “PostPin” zu erkundigen. Es war die Mühe ausformulierter Sätze nicht wert, denn das Kontaktformular von DHL ist ein toter Briefkasten. Selbst die Zeit, die man bräuchte, knackige Beleidigungen in die Tastatur zu hacken, wäre verschenkt: ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass die Kontaktversuche nicht nur nicht gelesen werden — sie werden vermutlich nicht einmal verschickt. Jedes Stoßgebet wirkt besser als eine E-Mail an DHL.

Ein paar Tage später rief ich bei der kostenpflichtigen Packstations-Hotline an und trug mein Anliegen vor. Nachdem sie sich meine Geschichte bis zum Schluss angehört hatte, erklärte mir die Callcenter-Agentin mit angsterfüllter Stimme, die Server seien leider alle ausgefallen und sie könne meine Daten jetzt nicht nachgucken. Ich möge es doch bitte später noch einmal versuchen.

Ich ließ DHL also eine Woche Zeit, die Server zu reparieren, und beschloss dann, erneut Geld an der Hotline zu verballern. Diesmal klappten die Server, aber der freundliche Mann am anderen Ende konnte sich trotzdem nicht erklären, wo mein Einschreiben abgeblieben sein könnte. Er versprach, sich darum zu kümmern. Und in der Tat bekam ich zwei Tage später Post von DHL: ein Anschreiben mit einer goldenen Kundenkarte. In dem Anschreiben stand, meine “PostPin” werde mir “in wenigen Tagen” per Einschreiben zugehen.

Weitere zwei Tage später schaute ich abends, als ich mich nach einem Tag in der Wohnung ins Bochumer Nachtleben stürzen wollte, in meinen Briefkasten und fand dort – ich weiß, es ist weder überraschend noch witzig – eine Benachrichtigungskarte der Deutschen Post. Ein Einschreiben für mich habe nicht zugestellt werden können, erklärte mir da mein Briefträger, den ich erst vor wenigen Wochen auf der Straße abgefangen und leider nicht zur Sau gemacht hatte, nachdem er mir eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten geworfen hatte, während ich zuhause hockte. Meine Theorie, dass er die Sendungen einfach direkt auf der Post liegen ließe und nur bereits ausgefüllte Benachrichtigungskarten austrüge, hatte sich da im Übrigen nicht bestätigt: er hatte das Päckchen in seinem Schiebewägelchen und händigte es mir auch sofort aus.

Gerade war ich bei der Post (zum Glück im Hauptpostamt am Hauptbahnhof und nicht am Arsch der Heide) und habe das Einschreiben abgeholt. Als ich kurz erzählte, dass ich trotz Anwesenheit eine Benachrichtigungskarte bekommen habe, und die Frage des fast besorgniserregend freundlichen Schalterbeamten, ob ich weit oben wohnen würde, mit “Ja” beantwortet hatte, meinte dieser zu mir, ich hätte offensichtlich einen “faulen Briefträger”, dem ich mal “in den Hintern treten” solle. Ich werde mich bei Gelegenheit gerne auf ihn berufen.

Ansonsten bin ich natürlich gespannt, was die Deutsche Post und DHL als nächstes unternehmen wollen, um mich zu ärgern. Falls Sie irgendwann in der Zeitung von einer Packstation lesen sollten, die von Globalisierungsgegnern/Psychopathen/Außerirdischen in die Luft gesprengt wurde: das war dann sicher meine.

CSI Bochum

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 16. Oktober 2008 0:40

Ich kam um Mitternacht in unsere Wohnung und fand, dass es irgendwie seltsam verbrannt roch.

In der Küche waren alle Fenster und Türen sperrangelweit offen und der Herd war mit geheimnisvollen schwarzen Rückständen übersät. Beim Blick auf den vier Monate alten Rauchmelder im Wohnungsflur stellte ich fest, dass dieser offenbar abmontiert worden war: die Batterie war herausgenommen, wie um den nervenzerfetzenden Signalton abzustellen.

Auf dem Balkon stieß ich schließlich auf einen völlig verrußten Topf, dessen Deckel komplett mit einer schwarzen Masse überzogen war — einer schwarzen Masse, die jetzt offensichtlich die Wände unserer Küche zieren würde, hätte es den Deckel nicht gegeben. In dem Topf befand sich etwas, was man als Rückstände von Hühnereierschalen identifizieren könnte.

Nur einer meiner Mitbewohner war zum Tatzeitpunkt zuhause.

Mag jemand lösen?

Ein Abend mit der Kernzielgruppe

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 10. Oktober 2008 16:15

Ich war gestern in Köln. (Kunstpause. Mitleidige Laute aus dem Publikum.)

Ich war gestern in Köln, weil Stefan Niggemeier da für die Sendung “Funkhausgespräche” von WDR5 auf dem Podium saß. Die Diskussion selbst war nicht sonderlich spannend, denn dafür wäre es förderlich, dass die Diskutanten unterschiedlicher Meinung sind, was Stefan, Jörg Schieb und Schiwa Schlei nicht waren. Der Moderator war offenbar ein Absolvent der Volker-Panzer-Journalisten-Schule und saß entsprechend schlecht vorbereitet, verwirrt und voreingenommen in der Debatte. Das alles können Sie hier nachhören, wenn Sie es nach dieser Beschreibung ernsthaft noch wollen.

Weitaus interessanter war das Publikum, das sich im Kleinen Sendesaal des Funkhauses am Wallraffplatz versammelt hatte (der Eintritt war kostenlos): Es handelte sich um eine wilde Melange aus Menschen, deren Durschnittsalter Dank tatkräftiger Hilfe von einem jungen Pärchen und mir noch knapp unter die sechzig Jahre gedrückt wurde.

Ich saß noch keine halbe Minute in den gemütlichen Ledersesseln in der Lobby, da wusste ich auch schon, dass die Dame hinter mir vierundachtzigeinhalb Jahre alt war und wegen ihrer schlechten Knochen einen Bodybuilder hatte. Ein geselliger Herr fragte sie, ob sie auch Doping mache, was sie mit dem Hinweis konterte, sie lebe seit 26 Jahren vegan. Im Übrigen trage er eine “Tierleichenjacke”. Das Mitleid, das ich in diesem Moment mit dem Lederjackenträger hatte, ließ sehr schnell nach, nachdem er seinem Begleiter die Lebensgeschichte seines Sohnes erzählt und postuliert hatte, dass es am Computer keine Trennung von Arbeit uns Spiel mehr gebe. Stefans Kolumne in der Sonntagszeitung liest er aber gerne.

Während ich verzweifelt versuchte, nirgendwo hinzublicken, wo ein Gespräch auf mich lauern könnte, hörte ich einem gutgelaunter Rheinländer zu, der seinen Kumpel zu überreden versuchte, an einer Singlebörse im “Juutzie-Kino” teilzunehmen. Er bekräftigte seinen Appell, indem er einige hundert Male “Mach das!” sagte. Eine ältere Dame scheiterte an den Radios, die es einem in der Funkhauslobby erlauben, die WDR-Sender live zu hören. Allerdings über Kopfhörer und nicht über die dort ebenfalls herumstehenden Telefone. Ihre Freundin studierte währenddessen aufmerksam das Programm und stellte dann fest: “Nächstes Mal ist gut!”

Die Situation wurde nicht angenehmer, als wir im Kleinen Sendesaal Platz nehmen durften, der auf sympathische 18 Grad heruntergekühlt worden war. Dort saß ich nun, sah einen alten Mann mit Brasilien-Fan-Schal um die Schultern hereinkommen, und hörte mit der Kernzielgruppe von WDR5 die Kindersendung “Bärenbude” über die Saallautsprecher. Es war, als hätten die Coen-Brüder einen Loriot-Sketch neuverfilmt.

Nach der Livesendung wurde Stefan von einem Mann abgefangen, der seinen mehrminütigen Monolog mit den Worten “Ich habe eben aufmerksam zugehört” begann, um dann unter Beweis zu stellen, dass er genau das offensichtlich nicht getan hatte. Ich wurde währenddessen von einem Security-Mann (In einem Radiosendesaal, der von Greisen besetzt worden war!) in die Lobby geschoben, wo ich alsbald erkannte, warum zumindest ein Teil des Publikums seine Abende im Funkhaus verbrachte: Es gab Freibier — oder das, was man in Köln dafür hält.

Nachdem Stefan irgendwann doch noch freigelassen worden war, standen wir etwa eine Minute in der Lobby, ehe seinem neuen Fan doch noch was eingefallen war: Die Leute würden im Internet ja meistens nur noch eine Seite besuchen und gar kein vergleichendes Lesen mehr betreiben. Als ich fragte, wie viele Leute denn mehrere verschiedene Tageszeitungen läsen, war er für einen winzigen Augenblick indigniert. Stefan, der alte Profi, nutzte diesen Moment, um sich unter Vorspielung von Freundlichkeit zur Theke zu schleichen. Er drückte mir eine weitere Stange Kölsch in die Hand und stand plötzlich ganz woanders. So entging ihm, wie der Mann, der das Internet sortieren wollte (in “Gut”, “Nicht ganz so gut” und “Richtig schlimmen Mist”), auf magische Weise innerhalb weniger Sätze von “Spiegel Online” über seinen Schwiegersohn zur Bankenkrise kam. Die Zeit auf den überall gut sichtbaren Atomzeituhren verstrich.

Ich schaffte es schließlich, mich zu den Diskutanten zu retten, die inzwischen inhaltlich ein bisschen weiter waren: Jörg Schieb und Stefan battelten sich gerade, wer die älteren und obskureren Heimcomputer gehabt hätte. Das war zwar genauso “Opa erzählt vom Krieg” wie der Rest der Versammlung, aber wenigstens sind die Beiden noch keine Opas, was die Sache irgendwie netter machte.

Angriff der Irgendwas-Tomaten

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 28. September 2008 23:28

Kürzlich verspeist:

"Herrlich süße Mini Eiertomaten, Schmackhaft und gesund!" Dattelkirsch tomaten, 250g

Von Kirsch- oder Cherrytomaten habe ich ja durchaus schon mal gehört. Was “Dattelkirsch tomaten” sind, ist mir nicht ganz so klar.

Und warum eine “Dattelkirsch tomate” Flügel hat (okay, die Marke heißt “Red Star Cupido”) und “Herrlich süße Mini Eiertomaten, Schmackhaft und gesund!” brüllt, ist mir offen gesagt völlig schleierhaft.

Und jetzt sagen Sie bloß nicht, ich solle stattdessen besser mal ein gutes Buch lesen!

Train In Vain

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 25. September 2008 12:25

Seit 15 Jahren verkehrt zwischen den Hauptbahnhöfen von Bochum und Gelsenkirchen die Nokia-Bahn, deren wichtigste Haltestelle der Bahnhof Bochum-Nokia am Nokia-Werk in Bochum-Riemke ist.

Allein: Das Nokia-Werk gibt es nicht mehr, seit sich der finnische Handyhersteller spontan und unter Zahlung von Abfindungen aus der Stadt verabschiedet hat. Die Haltestelle und die Bahn-Linie der privaten Firma Abellio brauchen also einen neuen Namen, weswegen der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) einen Wettbewerb ins Leben gerufen hat, bei dem man seine Vorschläge einreichen kann.

Na, dann wollen wir doch mal anfangen:

  • BO-GE-n-Bahn (fährt ja zwischen Bochum und Gelsenkirchen und in einem schönen Bogen über das Bochumer Bermuda3eck)
  • Bermuda-Express (weil wegen Bermuda3eck; aus den Kommentaren bei den Ruhrbaronen)
  • Rimmelbahn (benannt nach RIM, der neuen Firma in den alten Nokia-Gebäuden; erfunden von Jens)
  • Blau-Weiß-Express (passt zwar schön zu den Erstligavereinen der beiden Städte, ist aber insofern albern, als die jeweiligen Stadien nur von Straßenbahnen angesteuert werden)
  • Urbahn (braucht ein bisschen länger, bis er zündet, wird sich aber bei Leuten, die in Restaurants namens “Ess-Bar” gehen, großer Beliebtheit erfreuen)
  • Truppenab-Zug (der heimliche Favorit der Partei “Die Linke”)
  • Western And Occidental Express (immerhin hält er in Bochum-West und die Zeit des Understatements muss im Pott endlich mal vorbei sein)
  • City Express (als Hommage an diese unfassbar schlechte ARD-Serie, die ich immer mit großer Begeisterung geschaut habe)
  • Starlight Express

Sehr cool wäre ja ein Coffee-And-TV-Express, aber ich fürchte, selbst wenn wir alle zusammenschmeißen, reicht das nicht aus.

Was meinen Sie?

[via Ruhrbarone]

Gebt den Kindern das Kommando

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 23. September 2008 11:12

Man kennt das aus vielen, vielen Hollywood-Komödien: es klingelt an der Tür und – Zack! – hat ein Mann ein Kind am Hacken, von dessen Existenz er nichts geahnt hat und mit dem er sich erst gar nicht und dann super gut versteht. Mir ist gestern auch ein Kind zugelaufen — allerdings konnte ich sicher sein, dass es nicht mein eigenes war.

Ich ging gerade auf die Rolltreppen in Bochums größtem Elektronikkaufhaus zu, als ich ein kleines Mädchen erblickte, das einsam zwischen Dampfbügeleisen und diesen komischen aufblasbaren Hemdenglattmachern stand, von denen niemand weiß, wie sie funktionieren und wer sie kauft.

“Ich muss da rauf”, sagte das Mädchen mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ. “Meine Mama ist da oben und muss noch was bezahlen!”
“Und dann bist Du alleine hier unten?”, fragte ich ungläubig.
“Ja, aber ich muss da wieder rauf!”
“Und Deine Mama ist oben?”
“Ja”, wiederholte die Kleine und nagte nervös am Ohr ihrer Stoffente herum.
“Willst Du mit mir hochfahren?”, fragte ich und – Zack! – hatte ich ein Kind am Hacken.

Erstaunlich selbständig fuhr das Mädchen mit mir die Rolltreppen hinauf in den zweiten Stock. Blitzschnell verschwand sie1 laut “Mama! Mama, bist Du hier?” rufend zwischen den Reihen von CD-Regalen. Ich wollte mich gerade den aktuellen Angeboten zuwenden, als ihr Gesicht wieder auf Höhe meiner Knie auftauchte und mich verwirrt anschaute. Mir fiel auf, dass die Stoffente nur noch ein Ohr hatte.

“Nicht da?”, fragte ich das Offensichtliche.
“Die muss hier sein, aber ich finde sie nicht”, entgegnete das Kind, nur minimal beunruhigt. Es ist das Privileg von Kindern und Paranoiden, sich die eigene Theorie nicht durch Fakten zerstören zu lassen.

Weil ich als Kind mal bei einem Stadtfest meine Eltern verloren hatte2 und mit dem Gedanken, für den Rest meines Lebens unter der Rotbachbrücke an der katholischen Kirche schlafen zu müssen, durch die Gegend getaumelt war, dachte ich, dass es in dieser Situation doch sinnvoller wäre, aktiv zu werden.
“Sollen wir mal Deine Mama ausrufen lassen?”, fragte ich das Kind und mich einen Augenblick später, ob “ausrufen lassen” nicht vielleicht doch eine etwas zu komplexe Formulierung war. Überhaupt “ausrufen”, was soll denn das Wort heißen?

Die erste Information war geschlossen, an der zweiten mussten wir einige Zeit warten3, ehe wir die Aufmerksamkeit der Bediensteten erregen konnten.
“Sie sucht ihre Mama”, erklärte ich und unterstrich das eben Gesagte mit einem Blick, von dem ich hoffte, er würde “Seid so freundlich und tut um Himmels Willen irgendwas!” ausdrücken.
Mit jeder Minute, die verstrich, wurden nämlich die Bilder eines Mobs von “Bild”-Lesern, die mit Mistforken und Fackeln diesen wahnsinnigen Studenten von der Entführung des unschuldigen Kindes abhalten wollten, vor meinem geistigen Auge schärfer. Ich überlegte, ob ich die Nummer meines Anwalts im Handy eingespeichert hatte, und war ausgesprochen froh, nicht auch noch irgendwie südländisch auszuschauen. Sie hätten mich sonst sofort erschossen.

“Äh”, sagte der Verkäufer, was jetzt nicht ganz meinen in ihn gesetzten Hoffnungen entsprach. “Am Besten geht Ihr ins Erdgeschoss. An der Information können die auch ausrufen!”
“Ah, okay. Vielen Dank”, sagte ich und freute mich auf eine weiter Tour durchs halbe Kaufhaus.

Ich wandte mich wieder der Kleinen zu: “Wir müssen wieder runter. Da können die dann Deiner Mama über Lautsprecher Bescheid sagen.”
Das Kind nickte begeistert und wirkte immer noch nicht sonderlich beunruhigt. Gemeinsam gingen wir wieder durch die komplette CD-Abteilung, wo sie noch einmal in jeden Gang guckte, ob sich ihre Mutter dort auch nicht versteckt hätte.

“Wollen wir Fahrstuhl fahren?”, fragte ich, weil mir das irgendwie ungefährlicher erschien als noch mal die Rolltreppe zu nehmen. Das Mädchen nickte und langsam machte ich mir Sorgen um das zweite Ohr der Ente.

Im Aufzug nach unten fragte ich sie, wie alt sie eigentlich sei.
“Ich bin vier!”, verkündete sie stolz und bejahte auch meine anschließende Frage, ob sie denn mit vier auch schon alleine durchs Kaufhaus ziehen dürfe.

Die gläserne Kabine schwebte ins Erdgeschoss ein und ich wappnete mich gerade für die Begegnung mit dem Lynchmob, als das Kind erfreut “Ich kann meine Mama sehen!” ausrief.
Die Türen öffneten sich und die Kleine stürmte mit gutgelauntem “Mama, Mama!”-Gebrüll einer Frau in die Arme, die offensichtlich bis zu diesem Augenblick in großer Sorge gewesen war.

Nun passierten mehrere Dinge gleichzeitig: Die Mutter schloss ihr Kind in ihre Arme, begann zu weinen, fragte “Wo warst Du denn?” und sagte “Mach das nie wieder!”
Ich stand unschlüssig daneben und kam mir so fehl am Platze vor, wie es Redakteure von Reality-Formaten tun sollten, wenn sie ein bisschen Anstand und Schamgefühl hätten. Einfach gehen hätte ich aber auch doof gefunden, also sagte ich “Sie hat Sie gesucht, wir wollten Sie gerade ausrufen lassen!” in den offenen Raum hinein, womit es mir immerhin gelang, die Aufmerksamkeit der Mutter zu erregen, die sich mit feuchten Augen bedankte.

“Okay, alles geklärt”, dachte ich und verließ auf dem schnellsten Wege den Laden. “Wäre ich Pfadfinder gewesen, hätte ich heute einen besonders großen Haken in meinen Kalender machen können.”

Von dem kleinen Mädchen hatte ich mich gar nicht mehr verabschiedet. Von der Stoffente auch nicht.

  1. Ich schreibe immer “das Mädchen” und “sie” — biologisches Geschlecht geht mir vor grammatikalischem. []
  2. Also, keine Angst: Die Beiden leben noch und erfreuen sich bester Gesundheit, sie waren mir damals nur abhanden gekommen. []
  3. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass es taktisch unklug war, das Kind direkt vor einer ein Meter hohen Theke und damit außerhalb der Sichtweite der Verkäufer abzustellen. []

The World Was A Mess But His Hair Was Perfect

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 19. September 2008 19:31

Die Kommentare zu meiner Frisur unter dem Kai-Diekmann-Eintrag haben mich schwer verletzt.

Nee, Quark. Anders: Meine wichtigste Beraterin, sonst für IT-Fragen und Nahrungsaufnahme zuständig, riet mir, mich frisurtechnisch ein wenig zu veränden.

Nee, auch doof. Ich hatte ein Problem: Ich konnte nicht mehr Kaffee trinken, ohne dass ich meine eigenen Haare in der Tasse, im Mund oder irgendwo dazwischen hatte. Es gab also zwei Möglichkeiten: jeden Tag zu Starbucks und coffee to go mit praktischem Trinkstutzen ordern oder zum Friseur gehen. Friseur entspricht drei kleinen Cappuccini.

Es gibt da allerdings noch ein Problem: Friseure und ich sprechen oft nicht dieselbe Sprache, egal woher sie kommen. Vor drei Jahren war ich mal bei einem Fachmann in Bochum, den ich nach dem Befehl “Nachschneiden!” mit einem gewagten Kurzhaarschnitt verließ, und auch der hippe Mitte-Schnippler, den ich während der re:publica in Berlin aufsuchte, machte irgendwas, nur nicht das, was ich mir so grob vorgestellt hatte. Von Frauen lasse ich mich sowieso äußerst ungern frisieren — woher sollen die denn wissen, wie ein Herrenhaarschnitt zu sitzen hat?

Für alle diese (zugegebenermaßen marginalen) Probleme gibt es eine Lösung: “Salon König” in Dinslaken. Diese Institution der Haupthaarkorrektur ist das exakte Gegenteil dieser hippen Läden mit lauter Musik, Latte Macchiato und Kopfhautmassage: es ist ein Friseursalon.

Der Laden sieht schon seit Jahrzehnten gleich aus, sogar die Poster mit den aktuellen Modeschnitten hingen schon an der Wand des Herrensalons, als ich dort vor sechzehn, siebzehn Jahren zum ersten Mal zu Gast war. Vor sieben Jahren habe ich Herrn König mal gefragt, wie lange er den Salon schon betreibt und die Antwort war irgendwas um die vierzig Jahre herum. Laut meinem Vater sieht Herr König auch schon so lange so aus: er hat eine angenehme Nicht-Frisur, die einem versichert, beim kompetentesten Friseur der Stadt gelandet zu sein.

Ich nutzte also den Besuch bei meinen Eltern, um auch Herrn König einen solchen abzustatten. Zur Sicherheit hatte ich ein Foto mitgebracht, das mich in einem der raren Momente ansehnlicher Frisierung zeigt. Er guckte kurz drauf und wusste dann genau, was zu tun war. Er fuhr mir einige Male mit einem Kamm durch die Haare, es machte in einer besorgniserregenden Frequenz “Schnippschnippschnipp” und schon waren weite Teile des Island-Pony verschwunden. Szenefriseure brauchen drei Mal so lange, um quasi nichts zu schneiden.

Der Spruch, wonach man etwas seinem Friseur erzählen solle, zieht bei Herrn König nicht: Smalltalk kann, muss aber nicht. Es ist meistens das Unterhaltsamste, dem zu lauschen, was da so an Gesprächen aus dem Damensalon herüberweht. Dafür ermöglicht es Herrn König seine jahrzehntelange Erfahrung, die Frage, ob man mit der Frisur zufrieden sei, so zu stellen, dass man sich auch mal traut, sie wahrheitsgemäß mit “noch nicht so richtig” zu beantworten. Er schneidet dann klaglos weiter, bis man wirklich ganz ehrlich zufrieden ist — oder eine Glatze hat.

Ich war aber irgendwann zufrieden. Sehr zufrieden. Es sah wieder (und damit erstmalig seit zwei Jahren) wie eine Frisur aus. Allerdings sah es auch irgendwie nach Liam Gallagher aus, was sich allerdings mit einer anschließenden Dusche und ein bisschen Fingerspitzengefühl lösen ließ.

Und jetzt denken Sie vermutlich: “Boah, Kerle, laber nich! Wie sieht Dein Haarschnitt, über dessen Entstehung Du uns hier einen vom Pferd erzählst, denn jetzt aus?”

Na, so (rechts):

Haarschnitt: Vorher Haarschnitt: Nachher

Neuer iPod schon lange bekannt

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 10. September 2008 11:12

Das hier ist seit Monaten auf Plakaten der Bogestra zu sehen:

Der neue iPod "Verryloud" Hier nicht! Essen, Trinken und lautes Musikhören verboten!

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