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Ritter aus Leidenschaft

Von Daniel Gerhardt, 31. August 2008 11:34

Batman ist ganz schön genervt. Sein Tagsüber-Leben als Multimilliardär Bruce Wayne, das eigentlich die Schokoladenseite seiner Existenz sein sollte, ödet ihn zwischen bedeutungslosen Business-Meetings und flüchtigen Silikonbekanntschaften an. Bei seinen nächtlichen Samariter-Einsätzen macht ihm nicht nur der Gotham-City-Mob, sondern immer häufiger auch eine Armada aus Nachahmern das Leben schwer, die den Unterschied zwischen gut gemacht und gut gemeint nicht auf die Reihe kriegen. Ja, und die Polizei hat es sowieso längst auf ihn abgesehen. Batmans Vorgehen ist eben nicht gerade zimperlich – bei seinen Rettungsversuchen und Aufräumarbeiten bricht er regelmäßig Gesetze, die selbst von den meisten Kleinganoven respektiert werden, mit denen sich der mürrische Superheld herumplagen und langweilen muss. Wäre Batmans Mutter noch am Leben, sie würde ihm raten, sich ein neues Hobby zu suchen.

Der Joker hat derweil die beste Zeit seines Lebens. Unter Kriegsbemalung und ausgeprägtem Dachschaden steckt hier im Prinzip ein guter, alter Terrorist; ein Irrer ohne Vergangenheit, der ständig widersprüchliche Geschichten über die Narben in seinem Gesicht erzählt. Mal ist der trinkende Vater Schuld, mal die herzlose Ex-Frau, und dementsprechend ist auch egal, wer bei seinen Payback-Touren durch Gothams High Society auf der Strecke bleibt. Die Küchenpsychologie aus verkorkster Kindheit und ungeliebtem Außenseiterdaseins, die hinter viel zu vielen Superheld-Gegnern steht, greift hier also nicht: Beim Joker haben Mord, Totschlag und sonstige Gewalt keinen Ursprung. Sie sind halt einfach da, und sie machen Spaß.

Es ist vielleicht der beste Kniff des ohnehin hervorragenden „The Dark Knight“, dass der Film an diesem Umstand erst gar keine Zweifel aufkommen lässt. Praktisch in jeder Szene, in der Heath Ledgers Joker als watschelnder, schmatzender, hysterisch lachender, durch und durch bösartiger Abschaum der Menschheit, der sich ständig über die aufgeplatzten Lippen leckt und durch die öligen Haare fährt, die Kinoleinwand aufsaugt, bekommt man es unter die Nase gerieben: Der Joker feiert die Party, und Batman gibt die Putzkolonne. Ein Umstand, der sich sogar in der Arbeit der Schauspieler widerspiegelt: Während Ledger in einer glühend-intensiven Vorstellung alle denkbaren Register ziehen kann, bleibt Christian Bale hinter seinem leidlich coolen Batman-Kostüm gar nichts anderes übrig, als den distanziert-unterkühlten Gegenpart zu machen.

Die Sache wird durch den ebenso überragenden wie perversen Sinn für Humor des Jokers nicht einfacher, und es bedarf einiger Storyline-Brechstangen und besonders gemeiner Gemeinheiten, bis die Rollen in „The Dark Knight“ klar verteilt sind. Der Film hat glücklicherweise Zeit für diesen Luxus: Regisseur Christopher Nolan und sein Bruder Jonathan haben eine durchaus komplexe, herausfordernd lange Geschichte geschrieben, die nur wenige Verschnaufpausen erlaubt, und besonders dann glänzt, wenn sie ihre häufig eigenständigen Einzelepisoden in rasanter Gleichzeitigkeit auflöst. Batman erbeutet Diebesgut in Hong Kong, der Joker jagt ein Krankenhaus hoch, Gotham Citys Polizeichef Gordon (Gary Oldman) verzweifelt an seinen korrupten Handlangern, und Harvey Dent (Aaron Eckhart) macht als Staatsanwalt mit Starpotential Batmans Jugendliebe Rachel Dawes (Maggie Gyllenhaal) klar. Meistens weiß man vorher schon, wie die Sache ausgeht, und dennoch ist es jedes Mal erstaunlich, mit welcher Ernsthaftigkeit „The Dark Knight“ selbst seine Nebenschauplätze behandeltet und niemals zu billigen Auflösungen führt. Realismus hat hier nichts mit der Zahl der Einschusslöcher zu tun, die ein Mensch verkraften kann. Er zeigt sich an Charakteren, die noch in der ärgsten Extremsituation glaubhaft und nachvollziehbar handeln. Außer einem natürlich.

Man tut sich trotzdem einen Gefallen, wenn man „The Dark Knight“ in erster Linie als Duell der beiden Hauptdarsteller begreift, die wie alle guten Pärchen der Filmgeschichte noch schlechter ohne einander als miteinander können. Fragen über moralisch adäquate Terrorbekämpfung, schützenswerte Persönlichkeitsrechte, die Notwendigkeit von Helden und Feindbildern und den Menschen, der hinter jeder Gewalttat steht, schwingen hier eher gekonnt mit, als dass sie tatsächlich verhandelt würden. Sicher ist sich „The Dark Knight“ nur dahingehend, dass die gute Sache selten die Spaßige ist, aber doch von irgendjemandem erledigt werden muss. Auf Batman kann man sich da verlassen – das ist zwar keine neue Erkenntnis, unterhält allerdings zweieinhalb Stunden lang besser als nahezu jeder andere Film, der in den letzten Jahren gedreht wurde.

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Einmal mit allem, bitte

Von Daniel Gerhardt, 5. Juli 2008 16:34

Man sollte sich da nichts vormachen: In der Popmusik ist es immer auch darum gegangen, den Leuten etwas vorzumachen. Authentizität ist unwichtig, gute Absichten sind zweitrangig, fake ist real, irgendwie. Man kann viel Geld mit dieser Erkenntnis machen – oder das, was sich der 26-jährige Musiker Gregg Gillis aus Pittsburgh, Pennsylvania ausgedacht hat. Unter seinem Künstlernamen Girl Talk hat er vor einigen Tagen sein viertes Album „Feed The Animals“ ins Internet gestellt und damit nicht weniger als eines der konsequentesten und aufschlussreichsten Pop-Denkmäler aller Zeiten geschaffen.

„Feed The Animals“ ist eine Platte, die deshalb funktioniert, weil sie das eigentlich ausgelutschte Prinzip des Bastard-Pops mit derartiger Dreistigkeit auf die Spitze treibt, dass die Rechtsabteilungen der verbliebenen Major-Plattenfirmen um Verstärkung durch die amerikanische Nationalgarde bitten mussten.1 Gillis sampelt alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist2 – gleichzeitig und ohne allzu wählerisch zu sein. Eine unvollständige Auflistung bei Wikipedia zählt mehr als 200 Pop-, Rock-, HipHop-, R’n’B- und Metal-Songs, die auf „Feed The Animals“ übereinander gelegt, umeinander gewickelt und miteinander verzahnt werden.

Das Ergebnis davon ist die Geschichte der Popmusik in 54 Minuten und 14 Tracks mit fließenden Übergängen – ein Album, das wegen Gillis‘ musikalischer Sozialisation vor allem mit den letzten beiden Jahrzehnten beschäftigt ist, aber auch die Beach Boys, David Bowie, Prince oder Genesis noch an irgendeiner Stelle verwurstet bekommt. Man kann dann feiern mit „Feed The Animals“, sehr gut sogar. Man kann sich fast noch besser davon entnerven lassen, mit ihm in Erinnerungen schwelgen, an der grandiosen Hohlheit des Ganzen verzweifeln und musikwissenschaftliche Ambitionen als Sample-Jäger mit Lupe und Textmarker ausleben. Am wichtigsten ist aber: „Feed The Animals“ reißt einem die Genre-Grenzen des eigenen Musikverständnisses praktisch von selbst ein; man weiß am Ende: Pop ist alles. Und nichts. Immer gleichzeitig.

Mit anderen Worten: Alles was Popmusik jemals konnte und wollte, steckt in dieser Platte – und Gillis verschenkt sie derzeit über die Homepage seines Labels Illegal Art. Halbgute Menschen zahlen trotzdem fünf Dollar und erhalten die Platte in CD-Qualität und als praktischen Ein-Datei-Endlosstream. Richtig gute Menschen legen noch mal fünf Dollar drauf und bekommen das Album im September zusätzlich als CD zugeschickt.

  1. Das ist – natürlich – gelogen. In einem Interview mit Pitchforkmedia hat Gillis aber zumindest Erstaunen darüber ausgedrückt, dass die bisher einzige Rückmeldung von Business-Seite eine E-Mail des Managers von Sophie B. Hawkins war. Sie würde gerne mit ihm zusammenarbeiten. []
  2. Eine Methode, nach der auch Gillis‘ erste drei Alben funktioniert haben. Keines davon hat das Konzept allerdings so ambitioniert und popfokussiert ausgereizt wie „Feed the Animals“. []

Der Menschenfresser

Von Daniel Gerhardt, 17. Februar 2008 17:28

Filme verstören heute nicht mehr. Sie haben entweder keine Zeit dafür, keine Lust dazu oder ohnehin nicht die Mittel – und sie haben den schwerwiegenden Nachteil, dass jeder halbwegs interessierte Zuschauer schon Wochen vor Kinostart zahllose Kritiken und Interviews mit den Beteiligten lesen kann, durch mehrere Trailer auf die Geschichte vorbereitet wird und nicht zuletzt wegen IMDb-Durchschnittsbewertungen, Golden-Globe-Ergebnissen und Oscarnominierungen zu wissen glaubt, was ihn erwartet. Ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, wie es vor knapp dreißig Jahren für die Leute gewesen sein muss, die ohne Vorwissen oder –warnung Stanley Kubricks „The Shining“ gesehen haben. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich als nicht eben wählerischer Teenager ins Kino gegangen bin und halt mal geguckt habe, was so passiert. Heute sehe ich mir „Der Krieg des Charlie Wilson“ an und weiß schon vorher, dass mich amüsante, leichte Unterhaltung erwartet. Ich sehe „Control“ und weiß, dass der Film eine trostlose, beklemmende Charakterstudie wird. Oder ich sehe „There Will Be Blood“ und weiß, dass ein strenges, präzises Meisterwerk auf mich zukommt.

Der Punkt ist natürlich: Eigentlich weiß ich überhaupt nichts. Ich glaube höchstens, ein paar Dinge zu wissen, fühle mich als regelmäßiger Filmkritikenleser und Trailerseher gut eingestellt und möchte in meiner vorgefertigten Meinung lieber bestätigt als widerlegt werden. Das ist sehr doof, und ich kann mich an keinen Film erinnern, der mir das jemals gnadenloser unter die Nase gerieben hat als Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“. Es ist sein fünfter Spielfilm, und es war schwierig, im Voraus eine Rezension darüber zu lesen, die nicht mindestens tiefen Respekt für die schauspielerische und handwerkliche Brillanz des Films zollte. Meistens ging das Lob aber noch viel weiter; die 160-minütige Geschichte um den kalifornischen Ölbaron Daniel Plainview wurde als Wiederauferstehung des Westerngenres bezeichnet, ohne selbst ein klassischer Western zu sein. Sie wurde für acht Oscars nominiert und steht derzeit auf Platz 18 in der IMDb-Liste mit den 250 besten Filmen aller Zeiten. Dass „There Will Be Blood“ aber ein ernsthaft und nachhaltig verstörender Film ist – darauf hat mich niemand vorbereitet.

Liegt wahrscheinlich daran: Man muss ihn sehen, um es zu glauben. Man muss die nahezu wortlose 15-Minuten-Sequenz am Anfang sehen, die in ihrer Selbstsicherheit schon an Großkotzigkeit grenzt. Man muss sehen, wie der Film in einem vollkommen ratlos machenden, desillusionierenden Finale gipfelt, das kaum vorauszuahnen ist, aber doch unvermeidbar scheint. Man muss sehen, wie der todsichere Oscar-Gewinner Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle des hasserfüllten Menschenfressers Plainview die Kinoleinwand aufsaugt. Man muss sehen, wie deshalb nur noch Platz bleibt für den hysterischen Prediger Eli Sunday (Paul Dano), der sich als einzige Nebenfigur entfalten kann, aber auch mit seinem kirchlichen Hintergrund nicht zum moralischen Gewissen des Films taugt. Und man muss die musikalische Leistungsschau hören, die Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood dazu als bedrohlich dröhnenden, permanent stichelnden und nachtretenden Soundtrack komponiert hat. „Ich bin fertig“, sagt Plainview am Ende des Films, und wenn er es nicht getan hätte, dann ich.

Sieht man es als oberste Pflicht eines Films an, seine Zuschauer zu unterhalten, ist „There Will Be Blood“ ein bodenloses Fiasko. Es gibt nichts an diesem Film zu Mögen oder gar zu Lieben, keine leichten Momente, Erlösungen oder Identifikationsfiguren. Stattdessen gibt es den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren, das pure Böse am Beispiel einer einzigen Person zu erleben und die Frage obendrauf, wo so viel Hass auf alles und jeden bloß herkommen kann. Sie bleibt seltsam unbefriedigend beantwortet im Raum stehen, so als hätte der Film selbst keine Ahnung. Man könnte sagen, dass er dadurch ruiniert wird, aber ich glaube eher, gerade das ist der Clou. Es ist jetzt 18 Stunden her, dass ich „There Will Be Blood“ gesehen habe, und ich habe seitdem an nichts anderes mehr gedacht, das irgendwie von Bedeutung wäre.

„Hoffentlich sieht das keiner!“ [Teil 2]

Von Daniel Gerhardt, 16. Juni 2007 16:25

Wo wir schon gerade dabei sind, über die Programmplanung des ZDFs zu motzen: Ein Schicksal, das dem von Charlotte Roche und Gert Scobel nicht unähnlich ist, widerfährt der ausgezeichneten Fernsehserie „Veronica Mars“ im Zweiten nun schon seit über einem Jahr. Ursprünglich am Samstag Nachmittag um 14 Uhr gestartet, werden die Geschichten der Highschool-Schülerin und Hilfsdetektivin mittlerweile in der Nacht von Freitag auf Samstag versendet – dann also, wenn das Zielpublikum bestimmt keine Zeit für öffentlich-rechtliches Fernsehen hat, weil es den Wochenendporno auf Kabel 1 gucken muss.

Warum es schade ist um „Veronica Mars“? Weil die Serie – man kann sie wahlweise als „O.C. California Deluxe“ oder „Twin Peaks Light“ verfolgen – neben einer großartig konstruierten Haupthandlung, in der Veronica versucht, den Mord an ihrer besten Freundin aufzuklären und nach ihrer verschwundenen Mutter sucht (ist viel spannender, als es klingt), immer wieder mit kleinen Nebenschauplätzen verblüfft, die ebenso komplex und clever aufgebaut werden wie die eigentliche Geschichte. Weil die aufwendig entworfenen und durchgängig hervorragend besetzten Charaktere über die häufig üblichen drei Eigenschaften pro Person hinausgehen, sehr realistisch gezeichnet werden und ein glaubhaftes Bild von amerikanischen (Nobel-)Highschools vermitteln. Weil gerade der spielerische Umgang zwischen Veronica (Kristen Bell) und ihrem Vater Keith (Enrico Colantoni) durch trockenen, schlagfertigen Humor besticht. Und weil die Serie nicht zuletzt in ihren Film-Noir-informierten Rückblenden immer wieder mit visueller Brillanz überrascht.

Im ZDF steckt die Serie derzeit in der Mitte der zweiten Staffel, was Quereinsteigern den Zugang zusätzlich erschweren dürfte. Eigentlich ist „Veronica Mars“ aber ohnehin eine klassische DVD-Serie, weshalb eher dazu geraten sei, die zwei bisher (nur als Region-1-DVDs) erschienen Staffeln über amazon.co.uk zu importieren. Das dann aber dringend.

[Zur Verteidigung des ZDFs sei fairerweise gesagt, dass die Serie auch in den USA trotz sehr guter Kritiken (bei Popmatters wurde sie bspw. zur TV-Show des Jahres 2006 gewähtl) nur wenig Anklang fand und vor wenigen Wochen nach drei Staffeln beendet wurde. „Veronica Mars“-Erfinder Rob Thomas denkt nun darüber nach, die Geschichte als Kinofilm und/oder Comic weiter zu erzählen.]

Mensch braucht HipHop

Von Daniel Gerhardt, 3. März 2007 14:41

Sah ja fast schon so aus, als fehlte dem HipHop nur noch eine (weitere) Kugel im Brustkorb zum endgültigen Tod. Der Mainstream ist mittlerweile derart zugeschissen worden mit aufgepumpten Holadris (und ihren jeweiligen Posses), die gar nichts und noch weniger zu sagen haben, dass man schon froh ist, wenn irgendjemand mal ein Video ohne Frauenfeindlichkeiten zu Ende bringt. Die „Avantgarde“ bei den Vorzeigelabels von Def Jux und Stones Throw scheint mir gleichzeitig ein bisschen selbstgefällig geworden zu sein, kaum mehr auszubrechen aus den selbst gesteckten, mühsam erarbeiteten Themenbereichen und Soundwelten. Und Dangermouse? Hatte schon bei Gnarls Barkley und den Gorillaz nur noch am Rande mit HipHop zu tun, bevor er zuletzt Platten von The Rapture und The Good, The Bad & The Queen betreute. Das jüngste Rapalbum deshalb, das mich völlig aufgefressen hat: Commons „Be“ aus 2005, klug betextet, kein Bullshit drumherum und glänzend produziert von Kanye West, der damals noch Dinge zu beweisen hatte.

Das Gute nun an so einer Ausgangssituation: Im Prinzip konnte es für HipHop-07 nur aufwärts gehen, wenigstens an den Rändern des Genres, wo es nie viel zu verlieren, aber umso mehr zu holen gab. Wie schnell und steil das gerade passiert, finde ich trotzdem mindestens genauso überraschend wie erfreulich. Der März fängt gerade erst an, und es gibt trotzdem schon Einiges herzuzeigen:

Clipse – Hell Hath No Fury
Wirkt am Anfang etwas trocken und spröde, lebt im Endeffekt aber vor allem von diesen Eigenschaften. Unglaubliche Produktion von den Neptunes, sehr reduziert und trotzdem offen für Akkordeons und solchen Quatsch. Die Texte der beiden MCs dazu sind sehr böse und düster, fast schon verbohrt in ihre Hauptthemen (ca. Koks und Nutten), aber letztlich atemberaubend gut und konzentriert. Perfektes Pokerface, auch.

Dälek – Abandonded Language
Sind weggekommen vom Dröhnen und Ächzen der letzten Platte, jetzt ein bisschen zugänglicher und einfacher anzuhören. Der überwältigenden Tiefe ihrer Tracks hat das erstaunlicherweise nicht geschadet, es gibt immer noch ausreichend zu bemerken und verarbeiten, immer noch genug Rätselaufgaben von Dälek, dem kleinen, dicken MC mit der Donnerstimme. My Bloody Valentine in HipHop.

Talib Kweli & Madlib – Liberation
Konnte man sich Anfang des Jahres kostenlos auf der Stones-Throw-Homepage runterladen und war eigentlich nur als Warm-Up für Kwelis neue Platte gedacht, die irgendwann später in 07 kommen soll. Gerade diese zwanglose Herangehensweise hat der Sache sehr gut getan, die Old-School-Bläser-Samples knacksen und schleifen ganz herrlich, die Raps sind prima vertändelt. Wird nun doch noch „richtig“ herausgebracht, vermutlich weil es zum Verschenken einfach zu gut war.

Busdriver – Roadkill Overcoat
Der Abenteuerspielplatz des HipHop. In der zweiten Hälfte verrennt es sich leider ein bisschen, davor brennt hier aber der Busch wie lange nirgendwo sonst mehr. „Less Yes’s, More No’s“ muss bitte jeder gehört haben, viel präziser kann man einen solch sturen Schlagzeugbeat gar nicht mehr mit wunderbaren Kinderreien über den Bauch pinseln.

K-Os – Atlantis: Hymns for Disco
In dieser Liste wohl der Streber. Vielseitigkeits-HipHop, der sich bis zu Marvin Gaye rüberneigt, aber irgendwie immer noch die Kurve kriegt, bevor es zu viel werden könnte. Wyclef Jean würde so klingen, wenn er, na ja, wenn er gut wäre, vielleicht.

Ships ahoy

Von Daniel Gerhardt, 28. Februar 2007 20:06

Zu schön, um’s zu verpassen: Das Video zur ersten Single „Dashboard“ aus dem neuen Modest-Mouse-Album „We Were Dead Before The Ship Even Sank“. Wir sehen darin Sänger Isaac Brock als ergrauten Seemann mit Mikrofonhakenhand (hinreissend gespielt!), atemberaubende Spezialeffekte, riesige Seeungeheuer und gegen Ende auch Johnny Marr als so eine Art Gitarre spielenden Fischmenschen. Hat der gewusst, worauf er sich bei Modest Mouse einlässt? Ist gar nicht so wichtig, das Album ist super geworden, „Dashboard“ sowieso und sonst ist auch alles gut.

Fernsehbeweis #1 (12.02. – 18.02.)

Von Daniel Gerhardt, 11. Februar 2007 14:19

Ein echter Meilenstein für die C&TV-Mission, aber wirklich auch noch den letzten Scheiß mit irgendeiner irreführenden, nichts sagenden Popkultur-Referenz zu benennen: Der Fernsehbeweis, ein hiermit gestarteter, vermutlich niemals fortgeführter Wegweiser durch die brennenden Überreste, die noch da sind vom deutschen TV-Programm. Als ob dein Leben nicht so schon langweilig genug wäre, richtig.

Montag: Lost (Pro 7, 22.15 – 23.15 Uhr)
Erste Folge des zweiteiligen Season-Finales. Letztes Jahr hätte man sich bei Pro 7 vielleicht noch die Mühe gemacht, beide Folgen am Stück zu zeigen, aber jetzt läuft ja vorher der „Gameshow Marathon“ mit den beiden Olli P.s und Sonja Krauss als Gast. Ist das nicht eigentlich witzig, dass Olli Pocher so herunter gekommen ist, dass er eine Show zusammen mit Oliver Petszokat machen muss, dem gleichen Typ, dem er früher regelmäßig mental in die Eier getreten hat? Ist das jetzt Gerechtigkeit? Wie ist da die Stimmung Backstage? Nun ja, „Lost“ jedenfalls, da geht es diesmal hoch her, man darf ja nichts Genaueres sagen, weil jeder Zuschauer auf seinem eigenen Stand ist mit den ganzen DVDs und Interneträubern, die es da gibt. Der Cliffhänger wird mörderisch, so viel sei verraten.

Dienstag: Lichter (3sat, 22.45 – 00.25 Uhr)
So eine Art Episodenfilm über deutsch-polnische Grenzschicksale, ganz ohne blöde Polenwitze, aber dafür mit Matratzenverkäufern, Zigarettenschmugglern und ukrainischen Flüchtlingen. Kann man auch mit geschlossenen Augen gucken, so schön ist der Soundtrack von The Notwist.

Mittwoch: Die Truman Show (Pro 7, 20.15 – 22.10 Uhr)
Erster Teil des großen Jim-Carrey-Ernsthaftigkeitfindungs-Marathons. Ace Venturra spielt hier einen tapsigen Jedermann, der ein bisschen ungehalten wird, als ihm dämmert, dass sein Leben eine Fernsehsendung ist. Die Moral: Unser aller Leben ist eine Fernsehsendung. Wer danach noch Lust hat, mag vielleicht David Lynchs „Blue Velvet“ auf Arte gucken.

Donnerstag
Heute bleibt das Fernsehen geschlossen, Betriebsausflug.

Freitag: Der Mondmann (3sat, 22.45 – 00.40 Uhr)
Zweiter Teil des großen Jim-Carrey-Ernsthaftigkeitfindungs-Marathons. Bruce Almighty spielt hier den Komiker Andy Kaufman, dessen Leben zwar immerhin keine Fernsehsendung, aber doch auch ziemlich straff durchinszeniert ist. Unglaublicher Film, wir sind hier ja nicht zur Neutralität verpflichtet.

Samstag: In der Hitze der Nacht (ARD, 22.55 – 00.40 Uhr)
Wir widerstehen der Versuchung, mit „Batman Forever“ auf den dritten Jim-Carrey-Film der Woche hinzuweisen und empfehlen lieber diesen 40 Jahre alten Krimi, der sich an der Aufklärung eines Mordes in einer Kleinstadt in Mississippi, die noch auf die Erfindung der Rassengleichheit wartet, abarbeitet. Das Erste zeigt ihn wegen des 80. Geburtstags von Sidney Poitier am 20.2., wozu wir natürlich noch nicht gratulieren, weil das doch Unglück bringt und wir nicht schuld sein wollen, falls irgendwas mit Sidney Poitier passiert.

Sonntag: Scary Movie 3 (Pro 7, 20.15 – 20.25 Uhr) und Muxmäuschenstill (ARD, 23.30 – 01.00 Uhr)
Die ersten zehn Minuten des dritten „Scary Movie“ sollte man mitnehmen, danach vielleicht noch schnell in die Badewanne und dann aber rüber ins Öffentlich-Rechtliche, wo diese Pseudo-Dokumentation um einen fanatischen Selbstjustizler gezeigt wird, der arglosen Mitbürgern auflauert und sie für ihre kleinen Sünden bestraft. War 2004 für den deutschen Filmpreis nominiert, falls das jemandem weiterhilft.