Liebling, ich bin gegen Deutschland

Von Lukas Heinser, 23. Juni 2018 11:55

Es ist inzwischen ein paar Jahre her, dass die Münsteraner Band muff potter. einen Song veröffentlichte, in dem sie – vorsichtig ausgedrückt – Kritik übte an einem merkwürdigen neuen deutschen Nationalstolz:

Neue Stimmen und neue Lieder
verkünden: Wir sind wieder wer!
Und wer sind eigentlich wir?
Und ich frag mich: Was zum Teufel wollt eigentlich Ihr?

Der Song heißt „Punkt 9“,1 klingt „als ob Refused ABBA covern“2 und das bemerkenswerteste daran ist: er erschien schon im Herbst 2005, also fast ein Jahr, bevor „die Welt zu Gast bei Freunden“ war und sich Deutschland im „Sommermärchen“ „schwarz-rot-geil“3 fand.

Deutsche Flagge

Ich erinnere mich noch gut, wie ich am Mittag des 9. Juni 2006 mit der Bahn von Bochum nach Dinslaken fuhr und in Duisburg an einer Häuserfront vorbeikam, die voller deutscher Flaggen hing, und dachte: „Holla! Goebbels wäre stolz!“4 Rund fünf Stunden später saß ich bei Schulfreunden im elterlichen Wohnzimmer, Philipp Lahm schoss das 1:0 gegen Costa Rica und für vier Wochen war ich bereit, dem Narrativ eines neuen, „positiven“ oder „unverkrampften“ Patriotismus zu glauben.

muff potter. bezogen sich damals aber nicht (nur) auf Fußballfans, sondern z.B. auf die Medienkampagne „Du bist Deutschland“, an die sich heute außer ein paar Agenturnasen vermutlich niemand mehr erinnert und die eine „Initialzündung einer Bewegung für mehr Zuversicht und Eigeninitiative in Deutschland“ sein sollte — also ein Remix von Roman Herzogs „Ruck“-Rede vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der Agenda 2010.

Den Startpunkt für diese „neue deutsche Zeitrechnung“ verorteten Sänger/Gitarrist Nagel und Schlagzeuger Brami in ihrem Text „Neunzehnvierundfünzig in Bern“ und tatsächlich war „Das Wunder von Bern“ 2003 in einem erfolgreichen Kinofilm von Sönke Wortmann noch einmal für die nachfolgenden Generationen aufbereitet worden.

Wenn man „Punkt 9“ heute hört, hat man ein bisschen das Gefühl, dass das Lied seiner Zeit nicht nur im Bezug auf den „Party-Patriotismus“ voraus war, sondern auch, was Politik angeht:

Mit warmen Visionen von Identität
und der Reflexion auf Nulldiät
wird Geschichte vertauscht, verdreht und umgekehrt
Hysterisch, wer sich da beschwert

„Ja, gab’s denn damals schon die AfD?“, möchte man fragen — und übersieht dabei, dass ein Alexander Gauland damals schon seit über 30 Jahren in der CDU war und in der Union auch Leute wie Peter Gauweiler, Roland Koch, Horst Seehofer, Friedrich Merz und Erika Steinbach zu Verhaltensauffälligkeiten neigten. Merz zum Beispiel hatte im Jahr 2000 mit dem Begriff der „deutschen Leitkultur“ für ein großes Hallo in der damals noch jungen Berliner Republik gesorgt. Und der Schriftsteller Martin Walser hatte 1998 in seiner Paulskirchenrede eine „Instrumentalisierung unserer Schande“ beklagt und diese als „Moralkeule“ bezeichnet und somit eine Blaupause geschaffen für alle noch zu haltenden Reden von Björn Höcke und Alexander Gauland.

Das alles war, nach der Einschränkung des Asylrechts und zahlreichen, mitunter tödlichen Brandanschlägen auf Asylbewerber*innen und Migrant*innen Anfang der 1990er Jahre,5 also das Klima, in dem „Punkt 9“ entstand.6

Und es war auch nicht der erste Song zum Thema.

Schon im Oktober 1990 – und damit gerade mal drei Monate nach dem deutschen Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft und drei Wochen nach der formellen Wiedervereinigung – erschien das Album „X für ’e U“ („Ein X für ein U“) der Kölner Band BAP, dessen Opener „Denn mer sinn widder wer“ („Denn wir sind wieder wer“) in hochdeutscher Übersetzung so beginnt:

Wo man hinschaut, nur noch Deutschland,
So penetrant, wie ich es noch nicht kannte,
Als gäbe es sonst nichts mehr, als gäbe es sonst nichts mehr.

Der Song entwickelte zusätzliche und besondere Bedeutung beim Konzert auf dem Kölner Chlodwigplatz, auf dem am 9. November 1992 100.000 Menschen unter dem Motto „Arsch huh, Zäng ussenander“ („Arsch hoch, Zähne auseinander“) gegen Rassismus und Neonazis demonstrierten.7 BAP-Sänger Wolfgang Niedecken beschreibt bei diesem Auftritt die Entstehungsgeschichte des Songs, als nach dem deutschen WM-Sieg „die ersten Hirnis mit der Reichskriegsflagge rumfuhren und meinten, sie könnten ihr Süppchen mitkochen“. Diese Formulierung ist – vielleicht ganz bewusst, vielleicht eher aus Versehen – ziemlich gut, weil sie zunächst einmal zwischen Fußball-Anhängern und Neonazis unterscheidet und dann aber doch einen, wenn auch eher parasitären, Zusammenhang zwischen beidem herstellt.

Ich hatte „Denn mer sinn widder wer“ wieder im Kopf, als wir nach dem Endspiel der WM 2002, bei dem Deutschland gegen Brasilien verloren hatte, mit unseren Fahrrädern nach Hause fuhren und in der Innenstadt von Dinslaken Menschen mit Deutschlandfahnen rumliefen, von denen einige tatsächlich riefen: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ Es fühlte sich nach Jahren einer gefühlten Entspannung der Lage an wie ein Schlag in die Magengrube — und war im Nachhinein ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.

Während der WM 2010 stand im Bochumer Bermudadreieck ein fast schon Karikaturenhafter Mann mit einer schwarz-weiß-roten Flagge, als wäre es das Normalste der Welt. Die von uns informierte Polizei konnte nichts machen: Die Flagge des Kaiserreiches ist nicht verboten.

Tatsächlich sehen nicht wenige Experten einen mehr oder weniger großen Zusammenhang zwischen dem seit 12 Jahren regelmäßig ausbrechenden „Party-Patriotismus“ und dem Aufkommen neuer nationalistischer Strömungen wie der AfD.

Wenn also die Weltmeistertitel von 1954 und 1990 wahlweise Ausgangspunkte oder zumindest Marker eines veränderten deutschen Selbstverständnisses waren: Baby, what did you expect, 2014?8 Drei Monate später „spazierte“ die Pegida-Bewegung zum ersten Mal durch Dresden.9

Den Übergang von vermeintlich harmloser Fußballbegeisterung hin zu Permanenznationalismus kann man in einem kleinen Sticker sehen: 2006, als das „Sommermärchen“ langsam zu Ende ging, brachte „Bild“ einen Aufkleber in Umlauf, der verkündete: „Schwarz rot geil — Wir machen weiter!“. Im Blatt schrieb die Redaktion dazu: „Lassen Sie sich die gute Stimmung nicht verderben, zeigen Sie weiter Flagge!“

Mal davon ab, dass die Deutschland-Besoffenheit von „Bild“ schon während der WM alles andere als entspannt und unverkrampft gewesen war (BILDblog berichtete mehrfach), konnte ab hier keiner mehr behaupten, dass es „nur“ um Fußball und die Farben einer Mannschaft ging.

Das passende Lied zur aktuellen Lage kommt von kettcar und heißt „Mannschaftsaufstellung“:

Wir bilden eine Mauer, machen alle Räume dicht
Mit einem Populisten, der durch die Abwehr bricht
Ein Stammtischphilosoph am rechten Außenfeld
Die Doppelsechs, die alles Fremde ins Abseits stellt

kettcar-Sänger Marcus Wiebusch hatte Fußball bei seiner früheren Band …But Alive schon öfter als Bildspender benutzt — allerdings im Bezug auf gescheiterte Beziehungen („Entlassen (Vor der Winterpause)“) und Freundschaften („Erinnert sich jemand an Kalle ‚del Haye?“). Der Text zu „Mannschaftsaufstellung“ stammt vom Bassisten Reimer Bustorff.

Der Refrain kommt dann auf den Punkt:

Und als wir gemeinsam vor dem Radio saßen
Die Aufstellung hörten, unser Abendbrot aßen
Nahmst du meine Hand und sagtest:
„Liebling, ich bin gegen Deutschland“

Der Irrsinn ist nur inzwischen so weit fortgeschritten, dass es angesichts der „Bild“-Kampagne gegen Mesut Özil und der „Ankündigung“ der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel, die deutsche Mannschaft nicht unterstützen zu wollen, inzwischen beinahe eine linke, subversive Position ist, für das deutsche Team zu sein — so wie man angesichts der „Merkel muss weg!“-Rufe aus der ganz rechten Ecke bei der letzten Bundestagswahl ja trotz aller Kritik irgendwie für Angela Merkel sein musste.

Die Musik zum Turnier ist natürlich wieder die übliche Erbauungslyrik mit „Viva La Vida“-Chören, die man leider kaum besser zusammenfassen kann als mit „Menschen Leben Tanzen Welt“. 2018 heißt der Max Giesiniger unter den Andreas Bouranis dieser Welt Adel Tawil und singt in „Flutlicht“:

Im Wind wehen unsere Fahnen, über ein Meer aus unsern Farben
Auf diesen Moment warten wir schon so lang
Wir singen eure Namen, uns’re Lieder soll’n euch tragen
Wir stehen hinter euch wie ein zwölfter Mann

(„Fahnen“ waren bei muff potter. und BAP noch Symbole des Bösen, hier sind sie ganz banal Fahnen. Immerhin sind sie nicht hoch.)

Lieder, die mal irgendwie Stellung beziehen, darf man von den aktuellen Popbarden nicht erwarten, da muss man ja schon froh sein, wenn sich mal jemand dergestalt äußert, dass er keine AfD-Anhänger unter seinen Fans haben will. Aber gut: Was will man von Leuten erwarten, die ein Lied singen über den anstrengenden Alltag einer alleinerziehenden Mutter, das dann in der Sentenz „Wenn sie tanzt ist sie woanders“ gipfelt? Tanz den Hartz!

Das war Anfang der 1990er Jahre noch anders. Die Prinzen, damals eine der erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt, sangen 1992 in ihrem Lied „Bombe“:

Schmierst Du an die Wand eine hohle
Naziparole,
Dann möchte ich …
Wenn Du einen „Kanacke“ nennst,
Weil Du seine Sprache nicht kennst,
Dann möchte ich …
Willst Du allen in die Fresse hau’n
Und bist im Kopf schon ganz braun,
Dann möchte ich …
Wenn Du Dir den Schädel rasierst
Und im Gleichschritt marschierst,
Dann möchte ich …

Dieses „Möchten“ wird im Refrain so aufgelöst:

Dann möchte ich ’ne Bombe sein
Und einfach explodieren,
Wenn alle Leute „Hilfe schreien,
Dann würde was passieren.
Manchmal möchte ich zerplatzen und laut knallen
Und alles, was nicht stimmt, würde auseinander fallen.

Im Song gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Dinge, wegen derer das Lyrische Ich gerne „explodieren“ würde („Wenn manche Eltern sich trauen, ihre Kinder zu hauen“, „Wenn Jan das Essen nicht schmeckt und er schmeißt es weg“), die manchmal fast rührend naiv erscheinen.10 Jede Menge Minimalpositionen, mit denen man heute als „mutig“ oder „kontrovers“ gelten würde. Und wenn jemand angeben würde, einen Liedtext gut zu finden, in dem explodiert wird und alles auseinander fällt, müsste er/sie damit rechnen, von Julian Reichelt öffentlich angegriffen zu werden.

Ein weiteres Beispiel für Mainstream-Antifaschismus: Udo Lindenberg mit seinem Song „Panik Panther“, ebenfalls von 1992.

Die Zeiten werden härter,
wir können keinem trauen.
Erst gestern haben so Zombies
schon wieder brutal draufgehauen.
Total blind im Rassenwahn,
zünden sie nachts Häuser an.
Aber wir klären hier in unserer Stadt,
dass kein Skin was zu sagen hat.

Das Lied zählt jetzt weder musikalisch noch textlich zu Lindenbergs bedeutendsten Werken, war aber damals Single und Titeltrack des Albums.

In meiner Kindheit war es gesellschaftlicher Konsens, gegen „rechts“ zu sein. Die Nazis waren klarer zu erkennen, zu beschreiben und zu karikieren11 und die Gefahr war vielleicht greifbarer, weil noch groß in den Medien berichtet wurde, wenn mal wieder Häuser brannten. Ich erinnere mich noch gut an diese Nachrichten, die man als Kind natürlich überhaupt nicht einordnen kann,12 und an die Ängste, die ich damals hatte. Der „rationale“ Beruhigungsversuch „Bei uns im Haus wohnen keine Ausländer“ ist ja nicht wirklich ein Trost, sondern im Rückblick schlichtweg Zynismus.

Heute sitzen Politiker*innen, die sich nicht scheuen, bewusst auf NaziVokabular zurückzugreifen, nicht nur in vielen Parlamenten, sondern sogar in vielen Regierungen. Die diesjährige Fußball-WM, die wegen ihres Austragungsortes schon politisch genug wäre, ist für die Medien nicht mehr nur Eskapismus, Bild- und Identifikationsspender, sondern sie wird direkt mit der von der CSU ausgelösten und am Kochen gehaltenen Regierungskrise verknüpft: „Bild“ montiert im Rahmen der inoffiziellen Kampagne „Schade: Immer noch kein Bürgerkrieg“ die Maximal-Kritik an Mesut Özil neben die Trump’schen Lügen einer gestiegenen Kriminalitätsrate in Deutschland und suggeriert damit, Nationalelf und Politik seien das gleiche. Wenn Deutschland in der Vorrunde ausscheidet, ist auch die Kanzlerschaft Angela Merkels vorbei.

Das alles macht keinen Spaß mehr. Nicht an Fußball, schon gar nicht an Politik. Aber wenn’s mal so richtig scheiße ist, ist wenigstens noch die Musik da.

  1. Benannt nach Punkt 9 auf der Liste der Tourbusregeln der Band: „Klappe halten!“ []
  2. Schlagzeuger Brami, der Mann hat Recht! []
  3. „Bild“, natürlich. []
  4. Ja, mir war auch damals schon klar, dass Joseph Goebbels über schwarz-rot-goldene Beflaggung vermutlich eher erbost gewesen wäre, aber die kleine Transferleistung können wir schon gemeinsam erbringen, ne? []
  5. Übrigens auch in Hünxe und damit ganz in meiner Nähe. []
  6. Darüber hinaus hatten die Mitglieder des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ bis zur Veröffentlichung des Songs schon sieben Morde begangen, die aber erst sechs Jahre später als rechtsextrem motiviert eingestuft werden sollten. []
  7. Die man damals übrigens noch gut erkennen konnte: „Mit deutscher Reichsfahne und mit Bomberjacke“. []
  8. Bonusfrage: Wie fucking gut muss es Deutschland 1974 trotz vorheriger Ölkrise gegangen sein, dass der WM-Sieg vergleichsweise folgenlos blieb? []
  9. Andererseits gibt es diese nationalistischen Tendenzen aktuell fast überall in Europa. Italien, Ungarn und Österreich sind bei der WM gar nicht dabei, Polen und Deutschland haben ihre Auftaktspiele verloren. []
  10. Im Fall von „Ruf ich nachts bei Dir an und Du gehst nicht ran“ müsste man heute auch mindestens eine #MeToo-Augenbraue heben. []
  11. „Glatzen“ bei Lindenberg, „Bomberjacke“ bei BAP. []
  12. Okay: Wie soll man das als Erwachsener? []


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