Little Brother Is Watching You

Von Lukas Heinser, 24. November 2016 14:36

Ich sitze gerade im Café, um zu arbeiten. (Dafür trinke ich meinen Kaffee dann in meinem Arbeitszimmer.) Ich habe also meinen Laptop aufgeklappt und lese gerade diesen „Süddeutsche“-Artikel über Sahra Wagenknechts Rede in der gestrigen Generaldebatte des Bundestags.

Und jetzt steht Wagenknecht im Hohen Haus und sagt an die Bundesregierung gerichtet: „Offenbar hat ja selbst noch ein Donald Trump wirtschaftspolitisch mehr drauf als Sie.“

Alles klar, denke ich, und teile den Artikel mit dem Satz „Eine von Angela Merkels wichtigsten Wahlkämpferinnen heißt Sahra Wagenknecht“ bei Facebook.

Minuten später geht ein junger Mann auf dem Weg zum Ausgang an mir vorbei und sagt: „Gute Rede!“
„Hmmmm“, frage ich, weil ich mich – ganz egozentrischer Medienfuzzi – gar nicht erinnern kann, in letzter Zeit irgendwelche Reden gehalten oder geschrieben zu haben.
„Die Rede von Sahra Wagenknecht gestern. Die hast Du doch gerade geliked, oder?“
Ich erkläre, dass ich die Rede eher kritisiert hätte, und Politiker, die Donald Trump lobten, jetzt eher nicht so ernst nehmen könne.
„Sie hat ja nur gesagt, dass er eine bessere Wirtschaftspolitik hat, und das stimmt, finde ich!“, sagt der junge Mann und ich merke, dass seine Begleiterin ihn schon sanft Richtung Tür schiebt.
„Nee“, entgegne ich und denke, dass ich bei Online-Diskussionen echt schlagfertiger bin als im real life.
„Find ich schon“, sagt er und schiebt nach: „Und ich bin ein Linker!“

In diesem Moment fällt mir ein, dass gerade jemand in meinem Rücken Martin Schulz als „Verbrecher“ und „Wichser“ bezeichnet hatte, und jetzt weiß ich auch, wer das war.
Die Begleiterin schafft es, den Mann durch die Tür zu bugsieren, wir tauschen noch hastig freundliche Verabschiedungsworte aus, dann sehe ich, wie sie ihn mit dieser Mischung aus Zuneigung, Erfahrung und Resignation, wie sie nur in sehr langjährigen Beziehungen vorkommt, an die Hand nimmt.

„Komisch“, denke ich und widme mich vorsichtig wieder meinem Laptop. „Früher waren die Linken doch gegen Überwachung!“

9 Kommentare

  1. Non Kon
    25. November 2016, 12:02

    Früher waren Linke auch noch solidarisch und nicht wie Du „ein Teil des Problems“.

  2. Marco
    27. November 2016, 12:55

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=35969

    Ich würde mir wünschen, dass du die Rede in voller Länge siehst und hörst und nicht verzerrt durch die zumindest mal merkwürdige Berichterstattung hierüber wahrnimmst.

  3. Alejandro
    27. November 2016, 23:15

    Erstens bin ich sehr überrascht, dass jemand wie Du, der im Umgang mit Medien doch nun wirklich erfahren sein müsste, sich tatsächlich dazu hinreißen lässt, auf der Grundlage eines sueddeutsche.de – Artikels ein Urteil über eine Rede im Deutschen Bundestag, ja über eine ganze Person zu fällen.

    Zweitens bin ich aber auch überrascht, dass die Dümmlichkeit und Voreingenommenheit des Artikels (Zitat: Genau wie Trump, der die USA in düstersten Farben geschildert hat, kann Wagenknecht nichts, aber auch gar nichts Positives an Deutschland entdecken: sozialer Notstand, Altersarmut, Dauerarbeitslose….Und so weiter und so fort.)dich nicht stutzig gemacht und an der Seriosität des Geschriebenen hat zweifeln lassen.

    Drittens hat Sahra Wagenknecht nicht „Trump gelobt“, sondern wenn überhaupt einen Aspekt seiner angedachten Wirtschaftspolitik als richtig bezeichnet. Warum Du die ganze Politikerin Wagenknecht deshalb „eher nicht so ernst nehmen kannst“ erschließt sich mir nicht. Finde das im Gegenteil eher unpolitisch/kindisch zu behaupten, eine seit zig Jahren aktive Politikerin sei wegen einer einzigen positiv gefärbten Aussage zu Trump nicht ernstzunehmen.

  4. Alejandro
    27. November 2016, 23:17

    Das „und so weiter und so fort.“ ist übrigens tatsächlich ein Zitat aus dem sueddeutsche-Artikel und nicht von mir.

  5. Marco
    30. November 2016, 17:13

    Ich bin es noch mal. Ich fand das von Alejandro sehr treffend formuliert und hätte mir gewünscht, dass du dazu Stellung nimmst. Bist ansonsten doch auch durchaus an Diskussionen interessiert, hast du zuletzt mehr als einmal bei Facebook und auch hier betont.

    Dein Text hat mich überrascht und auch enttäuscht, ich kann mir da noch immer keinen Reim drauf machen.

    Fände es schön, wenn du antworten würdest.

  6. Lukas Heinser
    30. November 2016, 23:49

    Ach, Leute. Es geht doch hier überhaupt nicht um Sahra Wagenknecht. Als ob die auch noch Trump loben müsste oder schlechte Presse bräuchte, damit ich sie nicht ernst nehmen kann.

  7. Alejandro
    2. Dezember 2016, 9:59

    Okay, jetzt weiß ich, warum Du Sahra Wagenknecht blöd findest: Weil sie blöd ist.

  8. Marco
    3. Dezember 2016, 9:54

    Was für eine dünne und armselige Antwort. Worum ging es denn dann, um nicht vorhandene Lesekompetenz deinerseits, dass du auf einen derart manipulativen Text reinfällst? Darum, dass du keine linkere Wirtschaftspolitik wünscht für dieses Land? Lieber die „schwarze Null“ beibehalten, weil sich ein ausgeglichener Haushalt so gut anfühlt?
    Vielleicht ging es ja auch eher generell um den rauheren Ton, der hierzulande herrscht, on- wie offline. Und dass Linke tatsächlich gerne in dieses Dogmatische fallen und Toleranz dann doch vermissen lassen. Da bin ich ja beide Male bei dir.
    Die Sache mit dem Wagenknechtzitat fand ich aber richtig daneben.

    Und trotzdem! Habt alle ein schönes Wochenende. :-)

  9. Lukas Heinser
    3. Dezember 2016, 12:59

    Es ging darum, dass ich in einem Café saß und arbeitete und mich dann von einem Typen, der offensichtlich kein Problem damit hatte, zuzugeben, dass er den Inhalt meines Computermonitors halbwegs genau studiert hatte, dumm anquatschen lassen musste.

    (Herrje!)

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