Sven

Von Lukas Heinser, 28. Juni 2016 11:05

Sven war, wie die meisten anderen in meiner Klasse, ein Jahr älter als ich und das, was man als Außenseiter bezeichnen würde: schulisch im unteren Mittelfeld, nicht unbedingt das sozial aktivste Kind. Seine Eltern waren sehr alt, das Haus in dem sie lebten (und in dem ich nur ein einziges Mal war), sehr klein und dunkel und weil die Eltern viel rauchten, roch auch Svens Kleidung immer nach Zigarettenqualm. Er hatte einen ohnehin schon zu Wortspielen einladenden Nachnamen, den wir im Bezug auf seinen Geruch noch weiter abwandelten.

Obwohl wir mindestens vier Jahre in der gleichen Klasse waren, hatte ich nie so richtig viel mit ihm zu tun — aber doch mehr als mit manch anderen Kindern. Wir waren beide in der Unterstufen-Theater-AG und es ist im Nachhinein verlockend zu sagen, dass Sven dort aufblühte, dass er aus sich hinausging und dort den Eindruck erweckte, sich endlich mal wohl zu fühlen. Da wird womöglich was dran sein, es kann aber auch totale Überinterpretation in der Rückschau sein.

Sein anderes Hobby war Eishockey und einmal zeigte er mir einen Zeitungsausschnitt von einem Spiel seiner Mannschaft. Seine natürliche Rolle wäre die des Klassenclowns gewesen, aber das ging immer schief, weil seine Witze nicht verfingen. Einmal hatte er meinen besten Freund und mich zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen, aber wir dachten uns beide irgendwelche Gründe aus, warum wir leider nicht kommen konnten.

Später hatten es zwei Mitschüler richtig auf Sven abgesehen. Ich kann mich nicht mehr an die Details erinnern, aber es gab eine Klassenkonferenz und heute würde die Schule da vermutlich ein viel größeres Fass aufmachen wegen Mobbing und so. Hoffentlich. Die beiden Mobber durften in der Klasse bleiben, mussten irgendwie den Schulhof sauber machen und einer der beiden wurde später Kreisvorsitzender der NPD. Sven blieb am Ende des Schuljahres sitzen.

Am ersten Samstag der Sommerferien 1999 rief bei uns zuhause eine Freundin meiner Eltern an. Ob ich schon gehört hätte, dass der Sven gestorben sei. Nein. Dann wüsste ich es jetzt. (So fand der Dialog wirklich statt!) Sven war bei ihrem Sohn in der Klasse gewesen, am Ende des Schuljahres wieder sitzen geblieben und dann am Tag zuvor in der Nachbarstadt auf dem Fahrrad von einem Bus erwischt worden und in den Morgenstunden gestorben. Ich glaube, er war auf dem Weg zum oder vom Eishockey-Training.

Ich rief meine Freunde an, um ihnen die Nachricht zu überbringen und ich weiß noch, dass ich mir dabei sehr wichtig und erwachsen vorkam. Die meisten hatten mit Sven noch weniger zu tun gehabt als ich und fanden ihn doof und ich sagte feierlich, so etwas dürften wir jetzt nicht mehr sagen. Einer hatte früher mit Sven Eishockey gespielt und war wirklich betroffen.

Ein paar Tage später saßen wir zusammen in der Kirche beim Trauergottesdienst, es war mein erster. Der Pfarrer erklärte, die Eltern hätten Sven damals „bei sich aufgenommen“, was irgendwie die Sache mit dem Alter erklärte. Anschließend saßen wir auf der Mauer an der Kirche in der Sonne und unterhielten uns über den gerade aufkommenden Trend von LAN-Parties und noch am gleichen Tag fuhr ich los, um mir eine Netzwerkkarte zu holen.

Svens Eltern leben nicht mehr in dem kleinen, dunklen Haus. Ich glaube, sie leben gar nicht mehr. Ich habe immer mal wieder an Sven gedacht, meistens, wenn ich in der Nachbarstadt an der Kreuzung vorbeikam, an der er verunglückt sein muss. Über ihn gesprochen haben wir glaube ich gar nicht mehr. In unserer Abizeitung ist er in der Liste der Abgänge mit Geburts- und Todesdatum markiert. Ich glaube, wir hatten beide Daten falsch.

Sven ist jetzt länger tot als er je gelebt hat, was bei jedem Menschen zwangsläufig irgendwann passiert. Aber es ist trotzdem ein verstörender Gedanke.

2 Kommentare

  1. strawberry
    29. Juni 2016, 20:44

    Klingt wie der Entwurf für eine Erzählung, bei dem der Stoff durchgesehen und dann doch für zu wenig befunden wurde.

    Außenseiter sind ein dankbares Thema. Wenn man nicht selbst betroffen war kann man sich garantiert an diejenigen aus der eigenen Schulzeit erinnern, und in die Erinnerung mischt sich wahrscheinlich Bedauern darüber, wie kalt und verständnislos man als Kind solchen Mitschülern gegenüberstand und wie wenig ihnen geholfen wurde.

    Ich empfehle hier mal einen Comic, der das Thema ins Extrem führt: In „Mein Freund Dahmer“ beschreibt Derf Backderf seine gemeinsame Jugend mit Jeff Dahmer, der schon bald danach ein berüchtigter Serienmörder werden sollte. Der Comic endet aber vor dem ersten Mord, es geht nicht um reißerische brutale Szenen und auch nicht um eine fragwürdige „Erklärung“, warum er zum Mörder wurde. Es ist eher eine Art Beichte, denn Backderf fragt sich schuldbewußt, ob man etwas hätte ändern können. Er findet rückblickend unzählige Warnsignale, dass etwas gewaltig schief lief mit Dahmer. Aber niemand griff ein, stattdessen wurde Dahmers groteske Ausenseiterrolle von Backderf&Friends abgefeiert, man gründete einen „Dahmer-Fanclub“ und stachelte ihn weiter an. Am Ende kann Backderf nur verzweifelt sagen, wie leid es ihm tut. „Aber wir waren doch nur Kinder, wo waren die Erwachsenen?“ ist seine einzige Entschuldigung.

  2. Lukas Heinser
    30. Juni 2016, 23:14

    Das klingt sehr interessant, das hab ich mir notiert!